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   Chapter 17 No.17

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 27090

Updated: 2017-11-30 00:04


Worin der Leser um zwei Monate rückw?rts und auch um neun Monate vorw?rtsgeführt wird.

Einige Wochen früher, am 13. Juni, d. h. am Tage nach der denkwürdigen Sitzung, w?hrend der es im Weldon-Institut zu so stürmischen Verhandlungen gekommen war, herrschte unter allen Classen der Bewohner von Philadelphia, unter den Negern wie den Wei?en, eine leichter zu constatirende, als zu beschreibende Aufregung.

Schon in den ersten Morgenstunden unterhielt man sich überall von den unerwarteten, l?rmenden Zwischenf?llen der Sitzung des letzten Abends. Ein Eindringling, der Ingenieur zu sein angab, ein Ingenieur, der den an sich unwahrscheinlichen Namen Robur - Robur der Sieger! - führen wollte, eine Pers?nlichkeit von unbekannter Herkunft und namenloser Nationalit?t hatte sich unerwartet im Sitzungssaale vorgestellt, die Ballonisten mit gr?blichen Reden beleidigt, Diejenigen, welche der Lenkbarkeit von Aerostaten huldigten, verspottet, und hatte dagegen die Vorzüge von specifisch schwereren Apparaten gepriesen, ein ver?chtliches Hohnlachen unter dem wildesten Get?se ausgeschlagen und zu Drohungen geradezu herausgefordert, um diese seinen Gegnern wieder als Antwort in's Gesicht zu schleudern. Endlich war er, nachdem er den Rednerstuhl unter dem Knattern von Revolvern ger?umt, verschwunden, und trotz aller Nachforschungen hatte man keine weiteren Spuren von ihm entdeckt.

Natürlich waren solche Vorf?lle dazu angetan, alle Zungen zu wetzen und der Phantasie ein weites Feld zu er?ffnen. Daran sollte es denn auch weder in Philadelphia, noch in den sechsunddrei?ig anderen Staaten der Union fehlen, ja eigentlich wurde sogar die Alte Welt dadurch nicht minder erregt, wie die Neue Welt.

Wie mu?te sich diese allgemeine Aufregung aber noch steigern, als es am Abend des 13. Juni stadtkundig wurde, da? weder der Vorsitzende, noch der Schriftführer des Weldon-Instituts bis dahin in ihre Wohnungen zurückgekehrt waren, und hierbei handelte es sich um zwei geachtete, gelehrte M?nner von verh?ltni?m??ig hoher Stellung. Am Vorabend noch hatten sie den Sitzungssaal verlassen als Bürger, welche ruhig nach ihrem Heim zurückzukehren denken, als Hagestolze, deren Nachhausekunft kein mürrisch gerunzeltes Gesicht verbittert h?tte. Sollten Sie vielleicht gar absichtlich verschwunden sein? Nein: mindestens hatten sie nichts ge?u?ert, was zu diesem Glauben h?tte verführen k?nnen; ja, es war sogar besprochen worden, da? sie schon am n?chsten Tage wieder nach dem Bureau des Clubs kommen und die gewohnten Pl?tze des Vorsitzenden und Schriftführers bei einer au?erordentlichen Sitzung einnehmen sollten. Welche man zur weiteren Besprechung der Vorf?lle des letzten Abends bestimmt hatte.

Doch nicht nur jene beiden weitbekannten Pers?nlichkeiten des Staates Pennsylvanien waren spurlos verschwunden, auch von dem Diener Frycollin kam keinerlei Nachricht, auch er war ebenso wenig zu finden, wie sein Herr. Wahrlich, seit Toussaint Louverture, Faustin Soulouque und Dessaline hatte noch kein Neger so viel von sich reden gemacht. Er stand im Begriff, einen hervorragenden Platz sowohl unter seinen dienenden Collegen in Philadelphia, wie unter allen jenen Originalen einzunehmen, welche irgend eine Exentricit?t in dem sch?nen Amerika schon in helleres Licht zu setzen hinreicht.

Auch am folgenden Tage nichts Neues. Weder die beiden Collegen, noch Frycollin erschienen wieder. Ernste Beunruhigung. Beginnende Aufregung. Vor den Post and Telegraph offices starke Ansammlung von Neugierigen, um etwaige Nachricht noch ganz warm zu erhalten.

Vergebliche Liebesmühe.

Und doch hatten so Viele deutlich genug gesehen, wie Beide in lebhaftem Gespr?ch aus dem Weldon-Institut weggingen, den sie erwartenden Frycollin mitnahmen und nachher die Walnut-Stra?e hinabwanderten, um sich dem Fairmont-Park zuzuwenden.

Jem Cip, der Vegetarianer, hatte dem Pr?sidenten noch die rechte Hand gedrückt und sich verabschiedet mit den Worten:

?Auf morgen also!"

Und William T. Forbes, der Fabrikant von Zucker aus Leinwand, rühmte sich eines vertraulichen Handschlags von Phil Evans, der ihm zweimal ?Auf Wiedersehen!" zugerufen hatte.

Mi? Doll und Mi? Mat Forbes, welche ein Band reinster Freundschaft an Onkel Prudent fesselte, konnten sich über sein Verschwinden gar nicht beruhigen und schwatzten, nur um von ihm immer etwas zu h?ren, eher noch mehr, als gew?hnlich.

So verstrichen drei, vier, fünf, sechs Tage, eine Woche, eine zweite Woche ... Weder irgendwer, noch irgendwas leitete auf die F?hrte der drei Verschwundenen.

Und doch hatte man die sorgsamsten Nachsuchungen im ganzen Stadtviertel vorgenommen ... vergeblich; in allen nach dem Hafen zu führenden Stra?en ... nutzlos; weiter im Park selbst, unter den Gruppen gr??erer B?ume und dichterer Gebüsche ... erfolglos! ... Ueberall nichts!

Auf der gro?en Waldbl??e erkannte man jedoch, da? da und dort das Gras ganz neuerdings niedergedrückt schien. Diese Wahrnehmung erregte ihrer Unerkl?rlichkeit wegen einigen Verdacht. Ebenso wurden am Saume des dieselbe umschlie?enden Waldes Spuren eines stattgefundenen Kampfes entdeckt. Hatte nun eine Bande von Landstreichern vielleicht die beiden Collegen zu vorgerückter Nachtzeit hier in dem menschenleeren Parke getroffen und überfallen?

Das war ja m?glich. Die Polizei nahm auch eine diesbezügliche regelrechte und mit gesetzlicher Langsamkeit betriebene Untersuchung in die Hand. Man führte Schleppnetze durch den Schuylkill hin, schl?mmte seinen Grund und befreite die Ufer von dem Gewirr angeh?uften Unkrautes. Wenn auch das vergeblich blieb, so war es doch nicht nutzlos, denn der Schuylkill bedurfte einer gründlichen S?uberung gerade recht n?thig. O, es sind praktische Leute, die Aedilen von Philadelphia!

Sp?ter wandte man sich an die verbreitetsten Zeitungen. Anzeigen, Reclamationen, wenn nicht gar Reclamen, wurden an alle demokratischen und republikanischen Bl?tter der Union - ohne Rücksicht auf deren Farbe - versendet. Der ?Daily Negro" das specielle Organ der schwarzen Rasse, brachte Frycollin's Bildni? nach dessen letzter Photographie. Man bot Belohnungen und versprach Preise Jedem, der von den drei Abwesenden Nachricht geben k?nnte, ja sogar allen Denen, die nur irgend welches Anzeichen entdeckten, das auf deren F?hrte zu leiten versprach.

?Fünftausend Dollars! Fünftausend Dollars jedem Bürger, der ..."

Vergeblich; die fünftausend Dollars verblieben in der Casse des Weldon-Instituts.

?Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden! Nicht aufzufinden!!! Onkel Prudent und Phil Evans aus Philadelphia!"

Es versteht sich von selbst, da? der Club durch dieses unerkl?rliche Verschwinden seines Vorsitzenden und seines Schriftführers in heillose Unordnung gerieth und von vornherein sah derselbe sich durch diese Nothlage zu dem Beschlusse gezwungen, die früher so eifrig betriebenen und schon ziemlich fortgeschrittenen Arbeiten betreffs Construction des Go a head auf unbestimmte Zeit einzustellen. Wie h?tten die anderen Mitglieder auch in Abwesenheit der beiden Begründer und F?rderer dieses Unternehmens, dem dieselben - an Zeit und Geld - einen Theil ihres Verm?gens geopfert hatten, sich entschlie?en k?nnen, ein Werk zu Ende zu führen, wenn Jene fehlten, um es gleichsam zu kr?nen?

Sie mu?ten sich also in Geduld fassen.

Gerade zu dieser Zeit ging auf's Neue die Rede von der wunderbaren, merkwürdigen Erscheinung, welche mehrere Wochen vorher alle Geister so lebhaft erregt hatte.

In der That war jener geheimni?volle Gegenstand wieder und wiederholt wiedergesehen worden, wie er durch die h?heren Schichten der Atmosph?re schwebte. Freilich dachte kein Mensch an einen Zusammenhang dieser auffallenden Erscheinung mit dem nicht weniger unerkl?rlichen Verschwinden der beiden Mitglieder des Weldon-Instituts. Es h?tte auch einer au?ergew?hnlichen Dosis von Einbildungskraft bedurft, diese beiden Thatsachen mit einander in Verbindung zu bringen.

Auf jeden Fall war das Asteroid, die erkaltete Feuerkugel oder das Luftungeheuer, wie man die Erscheinung nennen wollte, nun unter Bedingungen gesehen worden, welche seine Gr??e und Gestalt besser abzusch?tzen erlaubten. Zuerst in Canada über den Gebietstheilen, die sich von Ottawa bis Quebec erstrecken, und zwar schon am n?chsten Tage nach dem Verschwinden der beiden Collegen; dann sp?ter über den Ebenen des Fernen Westens, als der ?Albatros" sich an Schnelligkeit mit einem Zuge der gro?en Pacific-Bahn ma?.

Von diesem Tage ab herrschte unter der gelehrten Welt keine Ungewi?heit mehr; dieser K?rper war kein Erzeugni? der Natur, sondern ein Flieg-Apparat mit praktischer Anwendung der Theorie des ?Schwerer, als die Luft". Und wenn der Sch?pfer und Führer dieses Aeronefs auch für seine Person das bisherige Incognito noch aufrecht erhalten wollte, jedenfalls sah er davon, so weit es seine Maschine betraf, jetzt ab, weil er dieselbe so dicht über den Gebieten des Fernen Westens sehen lie?. Die von ihm gew?hlte mechanische Kraftquelle, wie die Natur der Maschinen, welche dem Apparate seine Bewegung ertheilten, blieb vorl?ufig freilich noch unbekannt. Mindestens war jedoch au?er Zweifel gestellt, da? diesem Aeronef eine ganz au?ergew?hnliche Fortbewegungsf?higkeit innewohnte, denn nur wenige Tage sp?ter meldete man schon sein Erscheinen im Himmlischen Reiche, dann aus den n?rdlichen Theilen von Hindostan und kurz darauf wieder aus den Steppen Ru?lands.

Wer mochte nun jener kühne Mechaniker sein, der über so gro?e bewegende Kr?fte gebot, für den weder L?nder, noch Meere eine Grenze hatten, der in der Erdatmosph?re wie in einem ihm allein zugeh?rigen Gebiete schaltete und waltete? Sollte man glauben, es k?nne das jener Robur sein, der dem Weldon-Institut seine Theorien so rücksichtslos in's Gesicht geschleudert hatte, als er an dem bewu?ten Abend erschien, um in die Utopien betreffs der lenkbaren Ballons eine klaffende Bresche zu legen?

Vielleicht kam einigen weiter blickenden K?pfen dieser Gedanke. Und - wunderbarer Weise - dennoch erhob sich Niemand zu der Annahme, da? besagter Robur mit dem Verschwinden des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut in irgend welchem Zusammenhange stehen k?nnte.

Das blieb also noch weiter Geheimni?, bis eine Depesche von Frankreich durch das transatlantische Kabel am 6. Juli um elf Uhr siebenundrei?ig Minuten in New-York eintraf.

Und was meldete diese Depesche? Sie übermittelte den Text jenes in Paris in einer Schnupftabaksdose gefundenen Documents - des Schriftstückes, welches endlich enthüllte, was aus den beiden M?nnern geworden war, um welche die Union eben Trauer anlegen wollte.

Der Urheber der Entführung war also doch Robur, der Ingenieur, der ausschlie?lich zu dem Zwecke nach Philadelphia kam, die Theorie der Ballonisten gleichsam im Ei zu ersticken. Er war es, der auf dem Aeronef ?Albatros" umherfuhr; er, der zur Wiedervergeltung erfahrener Unbill Onkel Prudent nebst Phil Evans und Frycollin obendrein in die Lüfte entführt hatte! Und diese Personen konnte man als für immer verloren ansehen, wenn nicht durch irgend welche Hilfsmittel eine Maschine construirt wurde, welche im Stande war, jenen m?chtigen Apparat zu bek?mpfen, und wenn die irdischen Freunde Jener ihnen damit nicht zu Hilfe kamen.

Welche Erregung! Welches Staunen! Das Pariser Telegramm war an das Bureau des Weldon-Instituts adressirt gewesen. Die Mitglieder des Clubs erhielten davon unverzüglich Kenntni?. Nach zehn Minuten hatte ganz Philadelphia durch seine Telephons die gro?e Neuigkeit erfahren, binnen einer Stunde ganz Amerika, denn sie hatte sich elektrisch auf den zahllosen Dr?hten der Neuen Welt verbreitet. Man wollte noch nicht recht daran glauben und hielt es wohl für die Mystification eines schlechten Witzbolds - sagten die Einen - für ein ?Einr?uchern" schlimmster Art - meinten die Andern. Wie w?re es m?glich gewesen, diesen Raub in Philadelphia so im Geheimen auszuführen? Wie h?tte der ?Albatros" im Fairmont-Park zur Erde hernieder gehen k?nnen, ohne am Horizont des Staates Pennsylvanien bemerkt zu werden?

Recht sch?n - so lauteten die gew?hnlichen Argumente. - Die Ungl?ubigen behielten zwar noch das Recht zu zweifeln, sollten es aber sieben Tage nach dem Eintreffen des Telegramms schon verlieren. Am 13. Juli ging das franz?sische Packetboot ?Normandie" im Hudson vor Anker und - brachte die berühmte Schnupftabaksdose mit. Die Eisenbahn bef?rderte dieselbe in gr??ter Eile von New-York nach Philadelphia.

Ja, das war sie, die Dose des Vorsitzenden vom Weldon-Institut. Jem Cip h?tte an diesem Tage gut gethan, eine etwas substantiellere Nahrung zu sich zu nehmen, denn er war, als er sie erkannte, nahe daran, ohnm?chtig umzusinken. Wie oft hatte er sich daraus ein Freundschaftsprieschen zugelangt! Mi? Doll und Mi? Mat erkannten sie ebenfalls, diese Dose, welche sie so oft mit dem heimlichen Wunsche betrachtet, eines Tages auch ihre dürren Altjungfernfinger hinein zu senken. Und da waren ihr Vater, William T. Forbes, Truk Milnor, Bat T. Fyn und viele Andere aus dem Weldon-Institut - hundertmal hatten sie dieselbe in den H?nden ihres verehrten Vorsitzenden sich ?ffnen und schlie?en sehen. Endlich hatte sie das Zeugni? aller Freunde für sich, die Onkel Prudent in der guten Stadt Philadelphia besa?, deren Name - wie man nicht oft genug wiederholen kann - darauf hinweist, da? ihre Bewohner sich wie Brüder lieben.

Jetzt war also nach dieser Seite kein Schatten eines Zweifels mehr aufrecht zu erhalten. Nicht allein die Dose des Vorsitzenden, sondern besonders auch die von

ihm herrührenden Schriftzüge des Documents erlaubten es auch den Ungl?ubigsten nicht mehr mit den Achseln zu zucken. Da begannen nun die Wehklagen und verzweifelte H?nde erhoben sich gen Himmel. Onkel Prudent und sein College in einer Flugmaschine entführt, ohne da? man ein Mittel entdecken konnte, sie zu befreien!

Die Gesellschaft der Niagara-F?lle, deren st?rkster Action?r Onkel Prudent war, h?tte beinahe ihre Gesch?fte eingestellt und die Wasserf?lle geschlossen. Die Walton Watch Company dachte schon daran, ihre Uhrenfabrik zu liquidiren, da diese ihren Director Phil Evans eingebü?t hatte.

Ja, es herrschte allgemeine Trauer, und das Wort Trauer ist hier gar nicht übertrieben, denn manche hirnverbrannte K?pfe, wie man deren auch in den Vereinigten Staaten antrifft, bildeten sich steif und fest ein, die beiden ehrenwerthen Bürger niemals wiederzusehen.

Nachdem er über Paris hingefahren war, h?rte man von dem ?Albatros" zun?chst nicht weiter reden. Einige Stunden sp?ter war er über Rom schwebend gesehen worden - das war Alles. Bei der bekannten Geschwindigkeit des Aeronefs, mit der er über Europa von Nord nach Süd und über das Mittelmeer von West nach Ost gefahren war, darf das ja nicht Wunder nehmen. Und Dank eben dieser Schnelligkeit konnte ihn auch kein Fernrohr an irgend einem Punkte seiner Fahrtlinie genauer beobachten. Und h?tten die Sternwarten ihr gesammtes Personal Tag und Nacht auf Vorposten gestellt, die Flugmaschine Robur des Siegers h?tte sich so weit und so hoch entfernt - in ?Ikarien", wie er zu sagen pflegte - da? Alle verzweifelt w?ren, deren Spur je wieder aufzufinden.

Hier sei hinzugefügt, da? wenn seine Geschwindigkeit über dem Ufer Afrikas auch vermindert wurde, sich doch, weil jenes Document noch nicht bekannt war, Niemand versah, den Aeronef in den H?hen des algerischen Himmels zu suchen. Auf jeden Fall wurde er über Timbuctu wahrgenommen; das Observatorium dieser berühmten Stadt - wenn sie überhaupt ein solches besitzt - hatte aber noch nicht Zeit gefunden, das Resultat seiner Beobachtungen nach Europa mitzutheilen. Was den K?nig von Dahomey betrifft, so h?tte dieser gewi? eher zehntausend Unterthanen, und seine Minister inbegriffen, um einen Kopf kürzer machen lassen, ehe er zugestand, im Kampfe mit einer in der Luft schwebenden Maschine unterlegen zu sein. Jeder fr?hnt eben seiner kleinen Eigenliebe.

Weiterhin steuerte der Ingenieur Robur dann über den Atlantischen Ocean, wobei er zuerst nach dem Feuerlande und dann nach dem Cap Horn kam. Ferner irrte er, etwas gegen seinen Willen, über die südlichsten Landvesten und über das ausgedehnte Polargebiet hinweg. Von diesen antarktischen Gegenden aus war natürlich keine Nachricht zu erwarten.

Der Juli verrann, und kein menschliches Auge konnte sich rühmen, den Aeronef nur flüchtig wieder erblickt zu haben.

Der August ging zu Ende, ohne da? sich an der Ungewi?heit über das Loos der beiden Gefangenen Robur's etwas ?nderte. Man fing allm?hlich an, sich zu fragen, ob der Ingenieur, nach dem Beispiele des Ikarus, dieses ?ltesten Mechanikers, dessen die Sagengeschichte erw?hnt, nicht ein Opfer seiner Kühnheit geworden sein m?ge.

Endlich vergingen auch die ersten siebenundzwanzig Tage des Septembers ohne jede Aenderung der Sachlage.

Bekanntlich gew?hnt man sich ja in der Welt an Alles. Es liegt in der menschlichen Natur, mit der Zeit den Stachel des Schmerzes weniger zu empfinden; man vergi?t, weil es nothwendig ist, einmal zu vergessen. In diesem Falle mu?te man dagegen den Bewohnern dieses Erdenthals zu ihrer Ehre nachsagen, da? sie von der allgemeinen Regel abwichen; noch immer ermattete nicht die warme Theilnahme an dem Loose zweier Wei?en und eines Schwarzen, die wie durch den Propheten Elias entführt schienen, denen aber keine Rückkehr durch die Bibel geweissagt war.

In Philadelphia trat das natürlich noch deutlicher zu Tage, als an jedem anderen Orte; hier kamen dabei ja n?here pers?nliche Beziehungen in's Spiel. Robur hatte den Onkel Prudent und Phil Evans aus Rache ihrer Heimat entfremdet, hatte, wenn auch ohne jedes Recht, eine grausame Wiedervergeltung geübt. Doch war seine Rache damit gekühlt? Würde er dieselbe nicht auch noch anderen Collegen des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut fühlen lassen? Und wer konnte sich gesichert w?hnen gegen etwaige Angriffe jenes allm?chtigen Beherrschers des Luftmeeres?

Da durchlief am 28. September eine Neuigkeit die ganze Stadt: Onkel Prudent und Phil Evans sollten danach am Nachmittage in der Privatwohnung des Vorsitzenden vom Weldon-Institut wieder aufgetaucht sein.

Das Merkwürdigste an dieser Botschaft war, da? sie sich best?tigte, obgleich die Meisten nicht daran glauben wollten.

Dennoch mu?te man sich der Thatsache fügen. Das waren die beiden Verschwundenen in Person - nicht ihre Schatten - und auch Frycollin war mit ihnen zurückgekehrt.

Die Mitglieder des Clubs, darauf deren Freunde und endlich eine ungeheure Volksmenge str?mten vor Onkel Prudent's Hause zusammen. Alle begrü?ten mit Jubelruf die beiden Collegen, welche unter Hurrahs und Hipps von Hand zu Hand getragen wurden.

Hier befand sich Jem Cip, der sein Frühstück - ger?stete Brotschnittchen mit gekochtem Lattig - verlassen hatte, und auch William T. Forbes nebst seinen beiden T?chtern Mi? Doll und Mi? Mat. W?re Onkel Prudent Mormone gewesen, heute h?tte er sie alle Beide zu Frauen bekommen; doch das war er nicht und hatte auch nicht die geringste Absicht, es je zu werden. Hier waren ferner Truk Milnor, Bat T. Fyn und endlich die übrigen Mitglieder des Clubs. Es ist noch bis heutigen Tages ein R?thsel geblieben, wie Onkel Prudent und Phil Evans hatten lebend aus den Tausenden von Armen hervorgehen k?nnen, welche sie bei ihrem ersten Gange durch die Stadt ebenso viele Male zu erdrücken drohten.

An eben jenem Abende sollte das Weldon-Institut seine gewohnte w?chentliche Sitzung abhalten. Man rechnete darauf, die beiden Collegen ihre früheren Pl?tze wieder einnehmen zu sehen. Da sie übrigens von ihren Abenteuern bisher noch nichts erz?hlt hatten - vielleicht hatte der Zudrang der Leute ihnen gar nicht die n?thige Zeit gew?hrt - so hoffte man auch, da? sie nun von den gehabten Eindrücken w?hrend jener unfreiwilligen Reise berichten würden.

In der That hatten sich Beide aus irgend welchem Grunde bisher ganz stumm verhalten, und stumm blieb auch der Diener Frycollin, den seine Stammesgenossen vor toller Erregung fast geviertheilt h?tten.

Was die beiden Collegen noch nicht gesagt und vielleicht hatten sagen wollen, war Folgendes:

Wir brauchen wohl kaum auf die dem Leser bekannten Vorg?nge in der Nacht vom 27. zum 28. Juli zurück zu kommen; auf die kühn ausgeführte Flucht des Vorsitzenden und des Schriftführers vom Weldon-Institut, auf ihre lebhafte Erregung bei Durchwanderung der felsigen Insel Chatam, den auf Phil Evans abgefeuerten Gewehrschu?, auf das durchschnittene Ankertau und den ?Albatros", der damals, seiner Triebschrauben entbehrend, durch den Südwestwind weit fortgetrieben und gleichzeitig zu gro?er H?he gewisserma?en emporgeschnellt wurde. Darauf war derselbe bald aus ihrem Gesichtskreis entschwunden.

Die Flüchtlinge hatten nun nichts mehr zu fürchten. Wie h?tte Robur nach der Insel zurückkehren k?nnen, da seine Schrauben noch drei bis vier Stunden au?er Stande waren, zu functioniren?

Nach Ablauf dieser Zeit aber mu?te der durch die Explosion zerst?rte, ?Albatros" zum elenden, auf dem Meere treibenden Wrack geworden sein, und Diejenigen, welche er trug, waren jedenfalls nur noch in Stücke gerissene Leichen, die auch der Ocean nicht wieder herausgeben konnte.

Der entsetzliche Racheact mu?te dann vollkommen gelungen sein. Da Onkel Prudent und Phil Evans sich als im Stande der Nothwehr betrachteten, litten sie wegen dieser That an keinen Gewissensbissen.

Phil Evans war durch die vom ?Albatros" aus entsendete Kugel nur leicht verletzt worden. Alle Drei wanderten also am Ufer hinauf, in der Hoffnung, Eingeborene anzutreffen.

Diese Hoffnung sollte nicht get?uscht werden. Etwa fünfzig halbwilde, vom Fischfange lebende Einwohner siedelten an der Westküste Chatams. Sie hatten den Aeronef nach der Insel herabkommen sehen und bereiteten den Flüchtlingen einen Empfang, wie sie ihn als übernatürliche Wesen verdienten. Man betete sie an, mindestens fehlte daran nicht viel, und brachte sie in der gr??ten und sch?nsten Hütte unter. Frycollin fand gewi? niemals wieder eine solche Gelegenheit, die Rolle als Gott der Schwarzen spielen zu k?nnen.

Wie sie vorausgesetzt, sahen Onkel Prudent und Phil Evans den Aeronef nicht wieder zurückkehren, und mu?ten daraus schlie?en, da? die schreckliche Katastrophe in gro?er H?he eingetreten sein werde. Nun würde Niemand wieder von dem Ingenieur Robur reden h?ren, so wenig wie von seiner wunderbaren Maschine, die seine Leute mit ihm dahingetragen hatte.

Jetzt galt es nur noch, eine Gelegenheit zur Rückkehr nach Amerika abzuwarten, denn die Insel Chatam wird von Seefahrern wenig besucht. So verstrich der ganze Monat August und die Flüchtlinge legten sich schon die Frage vor, ob sie am Ende nicht blo? ein Gef?ngni? gegen ein anderes eingetauscht h?tten, mit dem übrigens Frycollin sich weit besser, als mit dem ?Kerker in der Luft", abzufinden schien.

Endlich am 3. September erschien ein Schiff, um an der Insel Chatam Wasser einzunehmen. Der Leser hat jedenfalls nicht vergessen, da? Onkel Prudent zur Zeit der Entführung aus Philadelphia mehrere tausend Dollars Papiergeld bei sich führte, d. h. mehr als nothwendig war, um nach Amerika zurückkehren zu k?nnen. Nachdem sie ihren Verehrern, welche ihnen stets den allergr??ten Respect bewiesen hatten, herzlich gedankt, schifften sich Onkel Prudent, Phil Evans und Frycollin nach Aukland ein. Von ihren Schicksalen erz?hlten sie nichts, und nach zwei Tagen schon langten sie in der Hauptstadt Neu-Seelands an.

Hier nahm sie ein Packetboot des Stillen Oceans als Passagiere auf, und am 20. September landeten die Ueberlebenden vom ?Albatros" nach h?chst glücklicher Ueberfahrt in San Francisco. Sie hatten weder ausgesprochen, wer sie waren, noch woher sie kamen: doch da sie einen recht anst?ndigen Preis für ihre Pl?tze entrichteten, so w?re es keinem amerikanischen Capit?n jemals eingefallen, weitere Fragen an die Leute zu richten.

In San Francisco benützten Onkel Prudent, sein College und der Diener Frycollin den ersten Zug der gro?en Pacific-Bahn und trafen am 27. wohlbehalten in Philadelphia ein.

Das ist der gedr?ngte Bericht über Alles, was seit dem Entweichen der Flüchtlinge und ihrer Abfahrt von der Insel Chatam vorgefallen war; und somit konnten an jenem Abende der Vorsitzende und der Schriftführer, inmitten eines ungeheuren Zudrangs, ihre Pl?tze im Weldon-Institut wieder einnehmen.

Niemals aber hatte weder der Eine, noch der Andere eine so auffallende Ruhe zur Schau getragen. Ihr Anblick allein h?tte niemals ahnen lassen, da? seit jener denkwürdigen Sitzung vom 12. Juni irgend etwas Besonderes vorgefallen sei. Diese dreiundeinhalb Monate schienen in ihrem Leben gar nicht mit zu z?hlen.

Nach den ersten Begrü?ungssalven, welche Beide ohne das Zucken nur eines Gesichtsmuskels hinnahmen, bedeckte Onkel Prudent das Haupt und ergriff er zuerst das Wort.

?Ehrenwerthe Bürger, sagte er, die Sitzung ist er?ffnet."

Wahnsinniger und gewi? wohlberechtigter Beifall, denn wenn es auch als etwas Au?ergew?hnliches nicht gelten konnte, da? eine solche Wochenversammlung er?ffnet wurde, so erhielt der Umstand doch ein au?ergew?hnliches Gewicht, da? das durch Onkel Prudent unter Assistenz von Phil Evans geschah.

Der Vorsitzende lie? den in Zurufen und H?ndeklatschen kundgegebenen Enthusiasmus sich ruhig austoben. Dann fuhr er fort:

?In unserer letzten Sitzung, meine Herrn, kam es zu recht lebhaftem Meinungsaustausch (H?rt! H?rt!) zwischen den Vertretern der Vorder- und der Rückenschraube für unseren Ballon, den Go a head. (Zeichen von Verwunderung.) Wir haben inzwischen ein Auskunftsmittel erfunden, um die Vorder- und Hintersteuerer unter einen Hut zu bringen, und das besteht einfach darin: Wir versehen eben beide Enden des Nachens mit je einer Triebschraube." (Stillschweigen vor allgemeinem Erstaunen.)

Das war Alles!

Ja, Alles, von der Entführung des Vorsitzenden und des Schriftführers des Weldon-Instituts fiel kein Sterbensw?rtchen; kein Wort über den Ingenieur Robur und den ?Albatros"; kein Wort über die Art und Weise, wie die Gefangenen hatten entkommen k?nnen, und endlich kein Wort über das Schicksal des Aeronefs, ob er noch durch das Luftmeer schwebe und ob noch weitere Angriffe gegen Mitglieder des Clubs zu befürchten w?ren.

Gewi? fehlte es den Ballonisten nicht an Lust, Onkel Prudent und Phil Evans auszufragen; sie sahen dieselben aber so ernst, so zugekn?pft, da? es angezeigt schien, ihre Zurückhaltung zu respectiren. Wenn sie die Zeit zum Sprechen gekommen meinten, würden sie schon allein sprechen und Alle würden sich geehrt genug fühlen, ihnen zuzuh?ren.

Uebrigens konnte unter diesem Stillschweigen ja noch ein Geheimni? verborgen liegen, das heute noch nicht enthüllt werden durfte.

Da nahm Onkel Prudent unter einem, bisher bei den Sitzungen des Weldon-Instituts unerh?rten Stillschweigen wieder das Wort.

?Meine Herren, sagte er, es erübrigt uns nun blo? noch, den Aerostaten Go a head, der bestimmt ist, sich das Luftmeer zu erobern, schleunigst der Vollendung entgegen zu führen. - Die Sitzung ist geschlossen."

* * *

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