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   Chapter 16 No.16

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 14990

Updated: 2017-11-30 00:04


Welches den Leser in einer vielleicht beklagenswerthen Ungewi?heit l??t.

Es war jetzt zwanzig Minuten nach Mitternacht. Noch fünf bis sechs Flintenschüsse krachten von dem Aeronef herunter. Phil Evans unterstützend, hatten sich Onkel Prudent und Frycollin unter den Schutz der Felsen geflüchtet, ohne von einer Kugel verletzt zu werden. Für den Augenblick hatten sie nichts mehr zu fürchten.

Zun?chst wurde der ?Albatros", w?hrend er sich gleichzeitig von der Insel Chatam entfernte, zu einer H?he von neunhundert Metern emporgetrieben. Er hatte seine Aufstiegsschnelligkeit vergr??ern müssen, um nicht in's Meer zu fallen.

In dem Augenblick, als der von seiner Emballage befreite Wachtposten den ersten Ausruf ausgesto?en hatte, waren Robur und Tom Turner auf ihn zugeeilt und hatten ihn vollends von der den Kopf umschlie?enden Leinwandhülle befreit und seine Fesseln gel?st. Darauf stürzte der Obersteuermann gleich nach der Cabine des Onkel Prudent und Phil Evans, fand diese aber leer.

Fran?ois Tapage hatte inzwischen die Cabine Frycollin's durchsucht; auch in dieser war Niemand mehr.

Als Robur die Ueberzeugung gewann, da? seine Gefangenen ihm entronnen waren, ergriff ihn der heftigste Zorn. Mit dem Entweichen des Onkel Prudent und Phil Evans' war sein Geheimni? und seine Pers?nlichkeit aller Welt offenbart. Wegen jenes bei der Fahrt über Europa herabgeworfenen Schriftstückes hatte er sich deshalb weit weniger Sorge gemacht, weil er annehmen durfte, da? dasselbe beim Niederfallen überhaupt verloren gegangen sei ... Jetzt lag die Sache aber ganz anders.

Dann suchte er sich wieder zu beruhigen.

?Sie sind vorl?ufig zwar entflohen, sagte er sich; da sie von der Insel Chatam aber vor Ablauf einiger Tage nicht wegkommen k?nnen, so werde ich dahin zurückkehren. Ich werde sie suchen ... sie wieder einfangen ... und dann ..."

In der That konnten sich die drei Flüchtlinge noch keineswegs als gerettet betrachten. Erlangte der ?Albatros" erst seine Man?vrirf?higkeit wieder, so erschien er sicherlich wieder bei der Insel Chatam, von der Jene schwerlich zeitig genug zu entkommen vermochten. Schon vor Verlauf von zw?lf Stunden konnten sie ungünstigen Falles dem Ingenieur wieder in die H?nde gerathen sein.

Vor Verlauf von zw?lf Stunden? Aber binnen zwei Stunden sollte der ?Albatros" ja vernichtet sein! Glich jene Dynamitpatrone nicht einem an seiner Wand befestigten Torpedo, der das Zerst?rungswerk mitten in der Luft vollführen sollte?

Inzwischen wurde der Aeronef von der noch mehr sich versteifenden Brise weiter nach Nordost hin getrieben und mu?te mit Sonnenaufgang die Insel Chatam unbedingt aus dem Gesichte verloren haben.

Um gegen den Wind aufkommen zu k?nnen, h?tten seine Triebschrauben, mindestens die eine am Vordertheil, zu functioniren im Stande sein müssen.

?Tom, rief der Ingenieur, la?t die Signallaternen so hell als m?glich leuchten.

- Sogleich, Master Robur.

- Und dann Alle an die Arbeit!

- Alle!" wiederholte der Obersteuermann.

Jetzt konnte nicht mehr davon die Rede sein, die Vollendung der n?thigen Reparaturen bis zum anderen Morgen aufzuschieben. Auf dem ?Albatros" gab es keinen Mann, der nicht den Eifer seines Chefs getheilt, keinen einzigen, der nicht das Verlangen gehabt h?tte, die Flüchtlinge wieder zu ergreifen. Sobald die vordere Triebschraube richtig eingesetzt war, wollte man nach Chatam umkehren, sich daselbst vor Anker legen und die Spur der Entflohenen verfolgen. Erst nachher sollte die Ausbesserung der hinteren Schraube vorgenommen werden, damit der Aeronef dann mit aller Sicherheit seine Reise über den Stillen Ocean und nach der Insel X ausführen k?nne.

Jedenfalls erschien es von Bedeutung, da? der ?Albatros" nicht allzu weit nach Nordost verschlagen würde. Leider wurde der Wind aber immer st?rker und er konnte gegen denselben jetzt nicht aufkommen, ja, sich nicht einmal an ein und derselben Stelle erhalten. Seiner Triebschrauben beraubt, war er eben zum unlenkbaren Aerostaten geworden. Die noch an der Küste weilenden Flüchtlinge konnten sich noch überzeugen, da? er vollst?ndig au?er Sicht gekommen war, ehe die vorbereitete Explosion ihn in Stücke ri?.

Der jetzige Zustand der Dinge fl??te Robur doch einige Beunruhigung ein, da er nur mit ziemlich bedeutender Verz?gerung nach der Insel Chatam zurückzukehren hoffen durfte. Er entschlo? sich deshalb, w?hrend alle H?nde mit der so nothwendigen Ausbesserung besch?ftigt waren, sich tiefer niederzulassen, in der Erwartung, damit eine schw?chere Luftstr?mung anzutreffen. Vielleicht konnte sich der ?Albatros" in diesen Schichten wenigstens an der Stelle erhalten, bis er wieder eigene Kraft genug zu ?u?ern vermochte, um gegen die Brise mit Erfolg anzuk?mpfen.

Dieses Man?ver wurde auch sogleich ausgeführt. Wenn jetzt ein Schiff in der N?he gewesen w?re, wie würde dessen Mannschaft erschrocken sein beim Anblick der Evolutionen dieses gewaltigen Apparates?

Als der ?Albatros" nur noch wenige hundert Fu? über der Meeresfl?che schwebte, wurde sein Niedergang aufgehalten.

Leider mu?te sich Robur überzeugen, da? der Wind in diesen niederen Zonen nur noch heftiger wehte und der Aeronef also mit noch gr??erer Schnelligkeit dahin getrieben wurde. Er lief hiermit natürlich Gefahr, sehr weit nach Nordost verschlagen zu werden, was die Rückkehr nach der Insel Chatam noch mehr verz?gern mu?te.

Nach diesen vergeblichen Versuchen wurde daher wieder beschlossen, sich mehr in den oberen Lagen der Atmosph?re zu erhalten, wo das Luftmeer in besserem Gleichgewicht und deshalb weniger bewegt war. Der ?Albatros" stieg also wieder zu einer mittleren H?he von dreitausend Meter empor. Blieb er hier auch nicht station?r, so trieb er doch wenigstens nur langsam weiter. Der Ingenieur konnte also hoffen, da? er bei Tagesanbruch und von dieser H?he aus die Insel, deren geographische Lage er übrigens mit vollkommener Sicherheit aufgenommen hatte, noch werde sehen k?nnen.

Darum, ob die Flüchtlinge Seitens der Eingeborenen - im Fall die Insel bewohnt war - einen freundlichen Empfang gefunden hatten, oder nicht, machte Robur sich keine weitere Sorge. Ob ihnen die Inselbewohner hilfreich beistanden, war für ihn ziemlich belanglos. Durch die Angriffswaffen, über die der ?Albatros" verfügte, würden sie sicherlich erschreckt und schnell zerstreut werden. Die Wiedererlangung der Gefangenen war also eine leichte Aufgabe, und einmal ergriffen ...

?Nun, von der Insel X entflieht Niemand!" sagte Robur.

Eine Stunde nach Mitternacht war die vordere Triebschraube wieder in Stand gesetzt. Es erübrigte nun blo? noch die Montirung derselben, d. h. die geh?rige Anbringung derselben an der Welle, was eine weitere Stunde Arbeit erforderte. Nachher sollte der ?Albatros", den Bug nach Südwest gerichtet, sogleich abfahren und die Reparatur der hinteren Triebschraube in Angriff genommen werden.

Aber die Lunte, welche in der verlassenen Cabine glimmte, diese Lunte, von der schon der dritte Theil aufgezehrt war! ... Und jener Funken, der sich mehr und mehr der Dynamitpatrone n?herte! ...

W?re die Mannschaft des Aeronefs nicht gar so dringlich besch?ftigt gewesen, so h?tte doch vielleicht Einer das schwache Knistern wahrgenommen, welches jetzt dann und wann in dem Ruff entstand; vielleicht h?tte er auch den Geruch verbrannten Pulvers bemerkt. Das h?tte ihn sicherlich so beunruhigt, da? er dem Ingenieur davon Mittheilung machte. Bei genauer Nachforschung konnte dann der Kasten, in dem der exp

lodirende K?rper verborgen war, nicht unentdeckt bleiben. Es w?re also noch Zeit gewesen, den wunderbaren ?Albatros" und Alle, die er trug, zu retten.

Die Leute arbeiteten aber auf dem Vorderdeck und wenigstens zwanzig Meter entfernt von dem Ruff der Entflohenen. Noch rief sie nichts nach diesem Theile des Decks, sowie nichts sie von einer Besch?ftigung ablenken konnte, die ihre volle Aufmerksamkeit in Anspruch nahm.

Robur legte als geschickter Mechaniker pers?nlich Hand mit an. Er betrieb die Arbeit, ohne doch irgendwie zu vernachl?ssigen, da? Alles mit gr??ter Sorgfalt ausgeführt wurde, da es ihm ja darauf ankam, seines Apparates vollst?ndig Herr zu werden. Gelang es ihm nicht, die Gefangenen bald wieder in seine Gewalt zu bringen, so fanden diese voraussichtlich Gelegenheit, in ihr Vaterland zurückzukehren. Dann wurden jedenfalls Nachforschungen angestellt und die Insel X konnte dabei m?glicher Weise aufgefunden werden; damit aber w?re das Ende der Existenz gekommen, welche sich die Leute, die der ?Albatros" trug, geschaffen hatten - das Ende dieser übermenschlichen, so zu sagen hocherhabenen Lebensweise.

Eben jetzt trat Tom Turner an den Ingenieur heran. Es war ein Viertel nach ein Uhr.

?Master Robur, begann er, mir scheint, die Brise hat Neigung abzuflauen und mehr nach Westen umzuschlagen.

- Und was zeigt der Barometer? fragte Robur, nachdem er den Himmel flüchtig betrachtet.

- Er h?lt sich ziemlich genau auf demselben Punkte, antwortete der Obersteuermann. Au?erdem kommt es mir vor, als ob die Wolkenlagen unter dem ?Albatros" sich senkten.

- Ganz recht, Tom Turner, und in diesem Falle w?re es nicht unwahrscheinlich, da? über dem Meere jetzt Regen fiele. Bleiben wir jedoch über der Regenzone schweben, so kümmert uns das ja nicht, und wir werden an der Vollendung unserer Arbeiten dadurch nicht gest?rt werden.

- Wenn jetzt Regen f?llt, meinte Tom Turner, so kann es nur ein ganz feiner sein - die Form der Wolken l??t das wenigstens muthma?en - und h?chst wahrscheinlich legt sich tiefer unten der Wind bald g?nzlich.

- Ohne Zweifel, Tom, antwortete Robur. Immerhin scheint es mir zweckm??iger, noch nicht hinunter zu gehen. Beeilen wir uns erst, alle erlittenen Besch?digungen auszubessern, dann k?nnen wir ja nach Belieben man?vriren, und das ist die Hauptsache."

Wenige Minuten nach zwei Uhr war der erste Theil der Arbeit vollendet. Nach Wiedereinsetzung der vorderen Triebschraube wurden die jene treibenden Batterien in Th?tigkeit gesetzt. Nach und nach beschleunigte sich die Bewegung des ?Albatros", und, den Bug nach Südwest gerichtet, kehrte er mit mittlerer Geschwindigkeit in der Richtung nach der Insel Chatam zurück.

?Tom, sagte Robur, es m?gen etwa zweieinhalb Stunden verflossen sein, seit wir nach Nordost hin getrieben wurden. Die Windrichtung hat sich, wie mir Compa?beobachtungen lehrten, seitdem nicht ge?ndert. Ich sch?tze also, da? wir binnen h?chstens einer Stunde die Gestade der Insel wieder gefunden haben k?nnen.

- Ich glaub' es auch, Master Robur, antwortete der Obersteuermann, denn wir bewegen uns jetzt mit einer Schnelligkeit von zw?lf Meter in der Secunde vorw?rts. Zwischen drei und vier Uhr Morgens mü?te der ?Albatros" seinen Ausgangspunkt demnach wieder erreichen.

- Das w?re desto besser, Tom, erwiderte der Ingenieur. Wir haben ein Interesse daran, noch w?hrend der Nacht einzutreffen und ungesehen an's Land zu kommen. Die Flüchtlinge halten uns für weit nach Norden verschlagen und sind jetzt gewi? nicht auf ihrer Hut. Wenn der ?Albatros" ganz nahe der Erde hingleitet, werden wir versuchen, uns hinter einigen hohen Felsen der Insel zu verbergen. Mü?ten wir dann selbst mehrere Tage bei Chatam verweilen ...

- So bleiben wir eben da, Master Robur, und h?tten wir auch gegen eine ganze Armee von Eingeborenen zu k?mpfen ...

- So k?mpfen wir, Tom, k?mpfen wir für unseren ?Albatros"!"

Der Ingenieur wandte sich zu seinen neue Anordnungen erwartenden Leuten zurück.

?Liebe Freunde, sagte er, noch ist die Stunde der Ruhe nicht gekommen, wir müssen bis zum Anbruch des Tages th?tig sein."

Alle erkl?rten sich bereit.

Jetzt galt es, an der hinteren Triebschraube dieselben Reparaturen vorzunehmen, welche an der vorderen schon ausgeführt waren. Es handelte sich dabei um die gleichen Besch?digungen, die auch die n?mliche Ursache, jener Orkan bei der Fahrt über den antarktischen Continent, veranla?t hatte.

Um diese Schraube hereinzuholen, erschien es rathsam, die Fahrt des Aeronefs w?hrend einiger Minuten zu unterbrechen oder ihm selbst eine Rückw?rtsbewegung zu ertheilen. Auf ein Zeichen Robur's legte der Hilfsmechaniker die Maschine um, indem er die vordere Schraube sich in entgegengesetztem Sinne drehen lie?, so da? der Aeronef - um den seetechnischen Ausdruck zu gebrauchen - ?über Steuer zu gehen" anfing.

Schon wollten sich Alle nach dem Hinterdeck begeben, als Tom Turner ein eigenthümlicher Geruch auffiel.

Es waren die in dem Kasten jetzt angeh?uften Gase der Lunte, welche aus der Cabine der Flüchtlinge hervordrangen.

?Hm ...? machte der Obersteuermann.

- Was giebt es? fragte Robur.

- Riechen Sie nichts? Man k?nnte sagen, es müsse Pulver brennen.

- Ihr habt Recht, Tom!

- Und dieser Geruch dringt aus dem letzten Ruff.

- Ja ... sogar aus derselben Cabine ...

- Sollten die Elenden auch noch Feuer angelegt haben?

- Und wenn es nicht nur Feuer w?re? ... rief Robur. Sto?t die Thür ein, Tom, sto?t sie ein!"

Der Obersteuermann ging aber kaum daran, diesem Befehle nachzukommen, als eine furchtbare Explosion den ?Albatros" erschütterte. Die Ruffs flogen in Stücke. Die elektrischen Lampen verl?schten, da ihnen der Strom pl?tzlich fehlte, und es ward vollst?ndig finster. Doch wenn auch gleichzeitig die meisten Auftriebsschrauben verbogen oder theilweise zertrümmert und dadurch wirkungslos geworden waren, so drehten sich wenigstens noch mehrere nahe dem Bug ungest?rt weiter.

P?tzlich ?ffnete sich auch der Aeronef ein wenig hinter dem ersten Ruff, dessen Accumulatoren noch immer die vordere Triebschraube in Th?tigkeit erhielten, und der hintere Theil des Decks senkte sich ebenso schnell nach abw?rts. Fast gleichzeitig standen die hinteren Auftriebsschrauben still und der ?Albatros" stürzte in die Tiefe hinab.

Das bedeutete für die acht M?nner, welche sich gleich Schiffbrüchigen an dieses Wrack klammerten, einen Sturz von dreitausend Metern.

Derselbe mu?te obendrein noch um so schneller erfolgen, als die vordere Triebschraube, deren Achse jetzt senkrecht stand, noch immer arbeitete.

Da lie? sich Robur, der in dieser verzweifelten Lage eine ganz au?erordentliche Kaltblütigkeit an den Tag legte, bis zu dem halb weggesprengten Ruff gleiten, ergriff den Steuerungshebel und ver?nderte sofort die Drehungsrichtung der Schraube, welche nun statt vorw?rts nach aufw?rts trieb.

Der Absturz wurde dadurch zwar nicht aufgehalten, aber doch wenigstens verlangsamt; das Wrack fiel nicht mehr mit der zunehmenden Geschwindigkeit nieder, welche alle nur der Wirkung der Schwerkraft unterworfenen K?rper zeigen. Und wenn auch allen lebenden Wesen auf dem ?Albatros" noch immer der Tod drohte, weil sie rettungslos in's Meer stürzen mu?ten, so war es doch nicht mehr der Tod durch Erstickung inmitten der wegen rasender Schnelligkeit des Falles unathembar werdenden Luft.

Vierundzwanzig Secunden nach der Explosion war, was vom ?Albatros" noch übrig war, in den Fluthen versunken.

* * *

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