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   Chapter 15 No.15

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 23240

Updated: 2017-11-30 00:04


Worin Dinge vorgehen, deren Schilderung sich gewi? der Mühe lohnt.

Als der ?Albatros" noch in genügend hoher Luftschicht schwebte, konnte man erkennen, da? diese Insel von mittlerer Gr??e war. Doch welcher Breitengrad durchschnitt wohl dieselbe? Bis zu welcher Mittagslinie war man gelangt? War jene eine Insel des Stillen Oceans, Austral-Asiens (Neu-Hollands) oder des Indischen Meeres? Das blieb so lange unbestimmt, bis Robur sein Besteck gemacht hatte. Obgleich dieser nun nicht im Stande gewesen war, Compa?angaben zu Rathe zu ziehen, hatte er doch Ursache, zu glauben, da? er sich über dem Stillen Ocean befinde. Sobald nur die Sonne erschien, mu?ten die Umst?nde zu einer genauen Beobachtung h?chst günstige sein.

Von dieser H?he - von etwa fünfhundert Fu? - aus zeigte sich die, gegen fünfzehn (englische) Meilen im Durchmesser haltende Insel in der Form eines dreispitzigen Seesterns.

Vor deren Südspitze tauchte noch ein Eiland auf, an das sich ein Felsengewirr anschlo?. Am Strande verrieth sich kein von Ebbe und Fluth zurückgebliebenes Merkmal, was die Ansicht Robur's bezüglich seiner augenblicklichen Lage zu best?rken schien, da die Gezeiten im Stillen Ocean fast gleich Null sind.

An der Nordweste erhob sich ein nahezu kegelf?rmiger Berg, dessen H?he auf zw?lfhundert Fu? zu sch?tzen war.

Von einem Eingeborenen sah man nichts; vielleicht wohnten solche jedoch am entgegengesetzten Ufer. Jedenfalls hatte der Aeronef, wenn sie diesen überhaupt bemerkten, sie erschreckt und veranla?t, sich zu verbergen oder zu entfliehen.

Der ?Albatros" hatte die Südostspitze der Insel berührt. Unfern derselben schl?ngelte sich in beschr?nkter Bucht ein Flü?chen durch die Felsen. Weiterhin zeigten sich gewundene Th?ler mit verschiedenen Baumarten und zahlreichem wilden Geflügel, vorzüglich Rebhühner und Trappen. Wenn die Insel nicht bewohnt war, so erschien sie danach also mindestens bewohnbar. Unzweifelhaft h?tte Robur hier an's Land gehen k?nnen, und wenn er es doch nicht that, so kam das nur daher, da? der sehr unebene Boden ihm keinen geeigneten Platz zur Auflagerung des Aeronefs zu bieten schien.

Vor dem Wiederaufsteigen lie? der Ingenieur die nothwendigsten Ausbesserungen vornehmen, welche er im Laufe des Tages beendet zu sehen hoffte. Die in vollkommen gutem Zustande befindlichen Schwebeschrauben hatten selbst gegenüber der gr??ten Heftigkeit des Orkans vortrefflich functionirt, da letzterer, wie es sich zeigte, die Arbeit derselben sogar erleichterte. Augenblicklich war nur die H?lfte des Auftriebsmechanismus in Th?tigkeit, doch hinreichend viel, um das lothrecht am Ufer befestigte Tau gespannt zu erhalten.

Dagegen hatten die beiden eigentlichen Propeller gelitten, und zwar mehr, als Robur selbst voraussetzte. Mindestens mu?ten deren Schaufeln wieder aufgerichtet und das Zahngetriebe, durch welches sie die Drehbewegung erhielten, ausgebessert werden.

Die Mannschaft besch?ftigte sich unter der Leitung Robur's und Tom Turner's mit der vorderen Schraube. Es erschien das vortheilhafter für den Fall, da? der ?Albatros" aus irgend welchem Grunde gen?thigt sein k?nnte, vor v?lliger Vollendung der Arbeit wieder weiter zu treiben und man schon mit diesem Propeller allein n?thigenfalls eine genügende Fahrgeschwindigkeit erreichen konnte.

Inzwischen hatten sich Onkel Prudent und sein College, die vorher auf der Plattform umherspaziert waren, auf dem Hinterdeck niedergelassen.

Frycollin zeigte sich jetzt merkwürdig beruhigt. Welcher Unterschied, nur noch hundertfünfzig Fu? über dem Erdboden zu schweben!

Die Arbeiten wurden nur unterbrochen, als die Erhebung der Sonne über dem Horizonte zun?chst einen Stundenwinkel zu messen und dann zur Zeit ihrer Culmination die Mittagslinie des Orts zu bestimmen gestattete.

Als Resultat der mit gr??ter Sorgfalt ausgeführten Beobachtung ergab sich da eine

L?nge von 176° 17' westlich von Greenwich,

Breite von 43° 37' südlich vom Aequator.

Dieser Punkt auf der Karte entsprach der Insel Chatam und dem Eilande Viff, welche Gruppe gew?hnlich mit dem Namen der Brougthon-Inseln bezeichnet wird. Dieselbe findet sich etwa fünfzehn Grade ?stlich von Tawai-Pomanu, der südlich gelegenen Inselh?lfte Neuseelands im Süden des Stillen Oceans.

?Das stimmt nahezu mit meiner Voraussetzung überein, sagte Robur zu Tom Turner.

- Und wir befinden uns demnach ...?

- Sechsundvierzig Grade südlich der Insel X, das hei?t gegen zweitausendachthundert Seemeilen von dieser entfernt.

- Ein Grund mehr, unsere Propeller wieder in Ordnung zu bringen, antwortete der Obersteuermann. Bei der Fahrt dahin k?nnten wir leicht widrige Winde antreffen, und mit Rücksicht auf unsere jetzt nur geringen Proviantvorr?the ist es von Wichtigkeit, die Insel X so schnell als m?glich wieder anzulaufen.

- Gewi?, Tom, und ich hoffe auch, schon in der Nacht wieder aufzubrechen, schlimmsten Falls mit einer einzigen Triebschraube, w?hrend die zweite dann unterwegs wieder in Ordnung gebracht würde.

- Master Robur, fragte da Tom Turner, aber die beiden Herren und deren Diener ...?

- Nun, Tom Turner, erwiderte der Ingenieur, h?tten sie darüber sich zu beklagen, Colonisten der Insel X zu werden?"

Was war denn eigentlich diese Insel X? - Eine in dem grenzenlosen Stillen Ocean verlorene Insel zwischen dem Aequator und dem Wendekreis des Krebses; eine Insel, welche das algebraische Zeichen, das Robur zu ihrem Namen erw?hlt hatte, vollkommen rechtfertigte. Sie entstieg dem weiten Meere der Marquisen au?erhalb aller Wege des interoceanischen Verkehrs. Da hatte Robur seine kleine Colonie begründet, da rastete der ?Albatros", wenn er von seinem Fluge ermüdet war, und da versah er sich auch mit allem Nothwendigen für seine fast unaufh?rlichen Reisen. Auf dieser Insel X hatte Robur, der über reichliche Hilfsmittel verfügte, eine Werft errichten und seinen Aeronef erbauen k?nnen. Hier konnte er denselben ausbessern, selbst ganz neu wiederherstellen. Seine Magazine strotzten von Materialien, Nahrungsmitteln und Vorr?then aller Art, welche hier mit Unterstützung der gegen fünfzig K?pfe z?hlenden Einwohnerschaft aufgeh?uft wurden.

Als Robur vor wenig Tagen das Cap Horn umschiffte, war es seine Absicht gewesen, sich schr?g über den Stillen Ocean nach der Insel X zu begeben. Da hatte aber die Cyklone den ?Albatros" in ihren Wirbel gerissen und nachher der wilde Orkan ihn nach südlicheren Zonen verschlagen. Kurz, er war dadurch wieder mehr in seine ursprüngliche Fahrtrichtung gedr?ngt worden, und abgesehen von den Besch?digungen seiner Triebschrauben, w?re dieser Verz?gerung keine besondere Bedeutung beizumessen gewesen.

Jetzt wollte man sich also nach der Insel X zurückbegeben, doch war, wie der Obersteuermann Tom Turner vorhergesagt hatte, der Weg dahin ein recht weiter, und h?chst wahrscheinlich hatte man dabei auch noch gegen widrige Winde anzuk?mpfen. Jedenfalls bedurfte es des Aufwandes aller mechanischen Kraft des ?Albatros", um jenes Ziel zur bestimmten Zeit zu erreichen. Bei einigerma?en guter Witterung und bei der gew?hnlichen Fahrtgeschwindigkeit h?tte das sonst nur drei bis vier Tage beansprucht.

Deshalb hatte sich Robur auch zum Anlegen an der Insel Chatam entschlossen, wo er wenigstens die vordere Triebschraube unter günstigeren Verh?ltnissen wieder ausbessern konnte. Er fürchtete dann nicht mehr, selbst im Fall sich eine ganz entgegengesetzte Brise erhob, nach Süden hin verschlagen zu werden, wenn er nach Norden zu fahren wollte. Mit Einbruch der Nacht war diese Reparatur vollendet. Er traf also Anstalt, seinen Anker zu lichten. Sollte dieser zwischen den Uferfelsen gar zu fest eingegriffen haben, so war er entschlossen, einfach das Ankertau zu kappen und den Flug gegen den Aequator zu beginnen.

Es liegt auf der Hand, da? das die einfachste Methode war und entschieden auch die beste, um schnell fortzukommen, und sie wurde denn auch sogleich verfolgt.

Im Bewu?tsein, da? jetzt keine Zeit mehr zu verlieren sei, ging die Mannschaft des ?Albatros" entschlossen an diese Arbeit.

Und w?hrend die Anderen am Vordertheil des Aeronef besch?ftigt waren, führten Onkel Prudent und Phil Evans eine Unterhaltung, deren Folgen von ganz au?erordentlicher Bedeutung sein sollten.

?Phil Evans, sagte Onkel Prudent, sind Sie gleich mir entschlossen, das Leben zum Opfer zu bringen?

- Ja, gleich Ihnen!

- Und noch einmal, es liegt auf der Hand, da? wir von diesem Robur nichts zu hoffen haben.

- Nichts!

- Nun wohl, Phil Evans, mein Entschlu? ist gefa?t. Da der ?Albatros" noch heute sp?t Abends abfahren soll, wird die Nacht nicht vergehen, ohne da? unser Werk vollbracht w?re. Wir werden dem Vogel des Ingenieur Robur die Flügel zerbrechen. Diese Nacht wird er mitten in der Luft zersprengt!

- Haben Sie auch alles dazu N?thige in Bereitschaft?

- Gewi?. Letztvergangene Nacht, als sich Robur und seine Leute nur um die Rettung des Aeronefs bemühten, gelang es mir, in die Munitionskammer zu schleichen und eine Dynamitpatrone mitzunehmen.

- So lassen Sie uns unverzüglich an's Werk gehen, Onkel Prudent ...

- Nein, erst heute am Sp?tabend. Wenn es dunkel geworden ist, ziehen wir uns nach unserer Wohnung zurück und Sie übernehmen die Wache, da? mich bei den Vorbereitungen Niemand überrascht."

Gegen sechs Uhr speisten die beiden Genossen in hergebrachter Weise. Zwei Stunden sp?ter hatten sie sich nach ihrer Cabine zurückgezogen, als wollten sie sich für die letzte schlaflose Nacht schadlos halten.

Weder Robur, noch irgend einer seiner Leute konnte im entferntesten ahnen, welche Katastrophe den ?Albatros" bedrohte.

Onkel Prudent aber dachte nach folgender Art zur Ausführung zu schreiten:

Wie schon erw?hnt, war es ihm gelungen in die Munitionskammer einzudringen, welche in einer der unteren Rumpfabtheilungen des Aeronefs angelegt war. Dort hatte er sich einer gewissen Menge Pulvers und einer Patrone bem?chtigt, die ganz mit denen übereinstimmte, deren sich der Ingenieur früher in Dahomey bediente. Nach seiner Cabine zurückgekehrt, hatte er die Patrone sorgf?ltig versteckt, mit der der ?Albatros", wenn er in der Nacht seinen Flug durch die Lüfte wieder begonnen, gesprengt werden sollte.

Eben jetzt besichtigte Phil Evans den von seinem Genossen geraubten Explosionsk?rper.

Dieser bestand aus einer l?ngeren Hülse, deren metallene Wand etwa ein Kilogramm des explosiven Stoffes enthielt, also voraussichtlich eine hinreichende Menge, um den Aeronef auseinander zu rei?en und sein vielf?ltiges Steigschrauben-Getriebe zu zerst?ren. Vernichtete ihn die Explosion aber nicht mit einem Schlage, so mu?te der Sturz in die Tiefe das Zerst?rungswerk vollenden. Die Form und Gr??e der Patrone begünstigten es übrigens au?erordentlich, diese in einer Ecke der Cabine so anzubringen, da? sie die Plattform unbedingt durchschlug und ihre Wirkung auch das Rippenwerk des Rumpfes erreichte. Die Explosion konnte nun aber nur durch das Zündhütchen, mit dem die Patrone ausgerüstet war, bewerkstelligt werden, das war der heiklichste Theil des ganzen Vorhabens, denn dieses Zündhütchen sollte nur nach vorausberechneter Zeit in Brand gesetzt werden.

Onkel Prudent hatte sich den Verlauf folgenderma?en gedacht: Gleich nach Vollendung der Reparaturarbeiten in der Vordertriebschraube sollte der Aeronef den Weg nach Norden wieder aufnehmen: wenn Obiges aber geschehen war, lag die Wahrscheinlichkeit nahe, da? Robur mit seinen Leuten nach dem Hinterdeck kommen würde, um auch die hintere Triebschraube wieder in guten Stand zu setzen. Die Anwesenheit der gesammten Mannschaft an der N?he der Cabine aber k

onnte Onkel Prudent leicht bei seiner Th?tigkeit st?ren. Deshalb hatte er sich zur Verwendung einer Lunte entschlossen, um mittelst derselben die Explosion zu einer bestimmten Zeit eintreten zu lassen.

Er sprach sich darüber gegen Phil Evans mit folgenden Worten aus:

?Als ich mir die Patrone holte, habe ich gleichzeitig auch etwas Pulver mitgenommen. Mit diesem Pulver denke ich eine Lunte herzustellen, deren L?nge mit ihrer gewünschten Brenndauer in Uebereinstimmung zu bringen sein wird und deren Ende ich in dem Zündhütchen zu befestigen gedenke. Meine Absicht geht nun dahin, dieselbe um Mitternacht anzuzünden und die Explosion zwischen drei und vier Uhr früh erfolgen zu lassen.

- Gut ausgedacht!" antwortete Phil Evans.

Die beiden Collegen waren, wie man hieraus ersieht, schon dahin gelangt, mit gr??ter Kaltblütigkeit das schreckliche Vernichtungswerk zu besprechen, durch das auch sie mit untergehen sollten. Sie trugen eben eine solche Summe von Ha? gegen Robur und seine Leute in sich, da? ihnen selbst die Aufopferung des eigenen Lebens nicht zu gro? erschien, nur um den ?Albatros" und Alle, die er mit durch die Lüfte führte, mit einem Schlage zu vernichten. Zugegeben, da? diese That ein sinnloses, ein verruchtes Unterfangen war; nach vollen fünf Wochen eines nie zum Ausbruch gekommenen Zornes, einer nie bes?nftigten stillen Wuth lie?en sie sich durch eine solche Kleinigkeit nicht mehr abhalten.

?Und Frycollin? warf Phil Evans noch ein; steht uns das Recht zu, ohne ihn zu fragen, auch über sein Leben zu verfügen?

- Wir opfern ja auch das unsrige," entgegnete Onkel Prudent.

Es dürfte zweifelhaft sein, da? Frycollin das als stichhaltigen Grund angesehen h?tte.

Onkel Prudent ging also sofort an's Werk, w?hrend Phil Evans vor dem Ruff Wache hielt.

Die Mannschaft war noch immer am Vordertheil besch?ftigt und eine Ueberraschung vorl?ufig also kaum zu fürchten.

Onkel Prudent begann damit, eine geringe Menge Pulver zu Mehl zu verreiben. Nachdem er dasselbe leicht angefeuchtet, füllte er es, um eine Lunte zu erhalten, in einen engen, aus Leinwand herstellten Schlauch. Durch eine vorl?ufige Probe überzeugte er sich, da? diese binnen zehn Minuten fünf Centimeter weit verglimmte, bei der L?nge von einem Meter also drei und einhalb Stunden ausreichen mu?te. Er l?schte die Lunte nun wieder aus, umwand sie fest mit Bindfaden und führte das Ende derselben in das Zündhütchen ein.

Alles das war, ohne den geringen Argwohn Anderer zu erwecken, um zehn Uhr Abends vollendet.

Da trat Phil Evans wieder zu seinem Collegen in die Cabine.

W?hrend derselben Zeit war die Ausbesserung der vorderen Triebschraube eifrig gef?rdert worden; man hatte diese aber ganz hereinnehmen müssen, um die jetzt falsch gebogenen Flügel abheben zu k?nnen.

Weder Batterien, noch Accumulatoren, überhaupt nichts, was zur Erzeugung der mechanischen Kraft des ?Albatros" geh?rte, hatte durch die Wuth der Cyklone Schaden gelitten, und jedenfalls war noch für vier bis fünf Tage hinreichender Kraftvorrath vorhanden.

Es war schon Nacht geworden, als Robur und seine Leute ihre Arbeit unterbrachen, ohne die vordere Triebschraube bisher wieder an richtiger Stelle eingesetzt zu haben, da es noch einer etwa dreistündigen Reparatur bedurfte, ehe dieselbe wieder functioniren konnte. Nach kurzer Rücksprache mit Tom Turner entschied sich der Ingenieur dafür, seinen von der gehabten Anstrengung ersch?pften Leuten einige Erholung zu g?nnen und auf den folgenden Morgen zu verschieben, was noch zu thun übrig blieb. Uebrigens brauchte man zu dieser, die peinlichste Sorgfalt erfordernden Arbeit die volle Tageshelle, w?hrend die Positionslaternen dazu nur ungenügendes Licht h?tten liefern k?nnen.

Hiervon wu?ten nun Onkel Prudent und Phil Evans freilich nichts. Nach den ihnen zu Ohren gekommenen Aeu?erungen Robur's mu?ten sie voraussetzen, da? die vordere Triebschraube vor Einbruch der Nacht schon wieder v?llig in Stand gesetzt sei und der ?Albatros" seine Fahrt nach Norden unverzüglich angetreten habe. Sie hielten diesen also für losgel?st von der Insel, an der sein Anker ihn doch noch festhielt. Dieser Umstand aber sollte der ganzen Angelegenheit eine von ihnen gar nicht geahnte Wendung geben.

Es war eine dunkle, mondeslose Nacht, deren Finsterni? schwere Wolken nur noch tiefer machten. Von Südwesten her wehte dann und wann ein leichter Lufthauch; dieser bewegte aber den ?Albatros" nicht von der Stelle, sondern letzterer hielt sich an seinem Anker still, dessen senkrecht gespanntes Tau ihn an die Erde fesselte.

In ihre Cabine eingeschlossen, wechselten Onkel Prudent und sein College nur wenige Worte; sie lauschten auf das Schwirren der Auftriebsschrauben, das jedes andere Ger?usch an Bord übert?nte, und erwarteten nun den Augenblick zum Handeln.

Kurz vor Mitternacht begann Onkel Prudent:

?Es ist nun Zeit!"

Unter den Lagerst?tten der Cabine befand sich ein schubladenartiger Koffer, in den Onkel Prudent die mit der Lunte versehene Dynamitpatrone gelegt hatte, damit die Lunte verglimmen konnte, ohne sich durch auff?lligen Geruch oder etwaiges Knistern zu verrathen. Onkel Prudent zündete das freie Ende derselben an und schob den Koffer wieder unter das Bett zurück.

?Nun nach dem Hinterdeck, sagte er, dort wollen wir warten."

Beide traten heraus und verwunderten sich nicht wenig, den Steuermann nicht an seinem gewohnten Platze zu sehen.

Da bog sich Phil Evans über das Deck hinaus.

?Der ?Albatros" schwebt noch am n?mlichen Orte, sagte er leise. Die Arbeiten sind offenbar noch unvollendet. Er hat nicht abfahren k?nnen."

Ueber Onkel Prudent's Gesicht lief ein Zug der Entt?uschung.

?So müssen wir die Lunte l?schen, sagte er.

- Nein ... aber uns retten! erwiderte Phil Evans.

- Uns retten?

- Ja, mittelst des Ankertaues, da es jetzt finster ist. Hundertfünfzig Fu? hinabzuklettern hat ja nichts zu bedeuten.

- Nichts, best?tigte Onkel Prudent, und wir w?ren reine Thoren, eine so unerwartet günstige Gelegenheit unbenützt zu lassen."

Vorher kehrten sie jedoch noch einmal nach der Cabine zurück und versahen sich mit Allem, was sie in Voraussicht eines kürzeren oder l?ngeren Verweilens auf der Insel Chatam glaubten bedürfen zu k?nnen. Nachdem sie die Thür wieder geschlossen, schlichen sie m?glichst ger?uschlos nach dem Vorderdeck.

Sie wollten auch Frycollin wecken und diesen zur gleichzeitigen Flucht mit ihnen veranlagen.

Rings herrschte tiefes Dunkel. Die Wolkenstr?mung von Südwesten wurde etwas schneller. Der Aeronef schlingerte ein wenig vor seinem Anker, indem er, so weit es das gespannte Kabel zulie?, leicht in verticaler Richtung schwankte. Der Abstieg drohte also etwas mehr Schwierigkeiten zu bieten. Das war aber nicht dazu angethan, zwei M?nner abzuschrecken, die eben noch entschlossen gewesen waren, ihr Leben geradezu wegzuwerfen.

Beide schlichen also über das Deck hin und standen zuweilen, geschützt durch die Bauten darauf, still, um zu lauschen, ob irgend ein Ger?usch vernehmbar werde. Nein ... Alles still. Kein Schein zitterte durch die Lichtpforten. Der Aeronef lag nicht allein schweigend da, er war vielmehr in Schlaf versunken.

Onkel Prudent und sein Begleiter n?herten sich schon der Cabine Frycollin's, als Phil Evans pl?tzlich stehen blieb.

?Der Wachtposten!" sagte er.

Wirklich lag ein Mann in der N?he eines der Ruffs. Offenbar konnte derselbe, wie man zu sagen pflegt, kaum eingenickt sein. Wenn dieser L?rm schlug, mu?te die Flucht unm?glich werden.

Nahe hierbei lagen einige Stricke, Leinwandstücke und Werg, was Alles bei Ausbesserung der Schraube gebraucht worden war.

Eine Minute sp?ter war der Mann geknebelt, über und über eingewickelt und an einen Pfosten des Vordercastells gebunden, so da? er weder einen Laut von sich geben, noch eine Bewegung machen konnte.

Alles das vollzog sich fast ohne jedes Ger?usch.

Onkel Prudent und Phil Evans horchten gespannt ... Selbst im Inneren der Ruffs lie? sich kein Laut h?ren. Was an Bord war, lag in festem Schlafe.

Die beiden Flüchtlinge - denn diesen Namen darf man ihnen wohl geben - kamen nach der von Frycollin eingenommenen Cabine. Fran?ois Tapage lie? ein h?chst beruhigendes Schnarchen vernehmen.

Zur gr??ten Ueberraschung brauchte Onkel Prudent die Thür Frycollin's nicht einmal aufzuklinken, denn diese stand offen. Er trat einen Schritt in die Cabine ein, zog sich aber gleich wieder zurück.

?Da ist Niemand d'rin, flüsterte er.

- Niemand ... Wo k?nnte er sein?" murmelte Phil Evans.

Beide begaben sich nun weiter nach vorn, in der Meinung, Frycollin m?chte in irgend einem Winkel eingeschlafen sein.

Auch hier fand sich Niemand.

?Sollte der Spitzbube uns schon vorausgegangen sein? ... fragte Onkel Prudent.

- Mag das der Fall sein oder nicht, antwortete Phil Evans, wir k?nnen unbedingt nicht l?nger warten. Vorw?rts!"

Ohne Z?gern packten die Flüchtlinge einer nach dem anderen das Tau mit den H?nden und hielten sich auch mit den Fü?en daran fest, dann glitten sie daran herab und kamen heil und gesund zur Erde nieder.

Welches Entzücken für sie, den Erdboden zu betreten, der ihnen so lange gefehlt hatte, auf fester Grundlage dahin zu gehen und nicht mehr ein Spielball der Luft zu sein!

Sie suchten eben, l?ngs des kleinen Wasserlaufs hinwandernd, nach dem Inneren der Insel zu gelangen, als sich pl?tzlich vor ihnen ein Schatten erhob.

Das war Frycollin.

Ja, der Neger hatte denselben Gedanken gehabt, der seinem Herrn gekommen war, und sogar die Kühnheit, denselben ohne jede Meldung vorher zur Ausführung zu bringen.

Jetzt war freilich keine Zeit zu Auseinandersetzungen, und Onkel Prudent dr?ngte es weit mehr, einen Zufluchtsort in entfernteren Theilen der Insel zu finden, als Phil Evans stehen blieb.

?H?ren Sie mich an, Onkel Prudent, begann er. Wir sind jetzt au?er dem Machtbereich jenes Robur. Er und seine Begleiter sind einem schrecklichen Tode geweiht, und ich gebe zu, da? er ihn verdient hat. Wenn er aber nun bei seiner Ehre schw?ren wollte, von jedem Versuche, uns wieder mit sich zu schleppen, abzugehen ...

- Die Ehre eines solchen Mannes ..."

Onkel Prudent konnte den Satz nicht vollenden. An Bord des ?Albatros" entstand eine auff?llige Bewegung.

Allem Anscheine nach war Alarm geschlagen und die Flucht entdeckt worden.

?Hierher, hierher," rief eine Stimme.

Diese kam von dem Wachthabenden, der seine Umhüllung doch hatte abstreifen k?nnen. Fast gleichzeitig warfen die Bordlichter ihre elektrischen Strahlen über einen weiten Umkreis.

?Da sind sie! Da unten!" rief Tom Turner.

Die Flüchtlinge waren erkannt worden.

Gleichzeitig wurde auf einen laut ertheilten Befehl Robur's hin die Bewegung der Auftriebsschrauben verlangsamt und durch Einziehung des Ankertaues begann der ?Albatros" sich der Erde zu n?hern.

In diesem Augenblick lie? sich deutlich die Stimme Phil Evans' vernehmen:

?Ingenieur Robur! rief er, verpflichten Sie sich auf Ehre, uns hier auf dieser Insel frei zu lassen?

- Niemals!" entgegnen Robur bestimmt.

Diese Antwort begleitete überdies der Knall eines Gewehres, dessen Gescho? die Schulter Phil Evans' streifte.

?Ah, diese Schurken!" rief Onkel Prudent.

Sein Messer in der Hand, stürzte er damit schon nach dem Felsen, zwischen denen der Anker eingegriffen hatte. Der Aeronef befand sich nur noch fünfzig Fu? über der Erde.

Binnen wenigen Secunden war das Tau durchschnitten, und die inzwischen merklich aufgefrischte Brise, die den ?Albatros" in schiefer Richtung traf, führte diesen nach Nordosten über das Meer hinaus.

* * *

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