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   Chapter 12 No.12

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 27962

Updated: 2017-11-30 00:04


In dem der Ingenieur Robur handelt, als ob er sich um einen der Monthyon-Preise bewerben wollte.

Bei dieser Erdumkreisung des ?Albatros" dr?ngen sich wohl von selbst ganz verschiedene Fragen auf; zum Beispiel:

Wer ist überhaupt dieser Robur, von dem bisher nichts als der Name bekannt ist? Verbringt er sein Leben ganz in der Luft? Ruht sein Aeronef niemals aus? Hat er nicht vielleicht eine Zuflucht an unzug?nglichem Orte, an dem er selbst wenn er der Ruhe nicht bedürfte, sich wenigstens mit neuen Vorr?then versorgt? Es w?re doch merkwürdig, wenn das nicht so sein sollte. Auch die m?chtigsten Segler der Lüfte haben ja irgendwo einen Horst oder ein Nest.

Und weiter: Was gedenkt der Ingenieur mit den beiden, ihn doch nur bel?stigenden Gefangenen zu beginnen? Beabsichtigt er sie in seiner Gewalt zu behalten und für ewig zu verdammen, mit ihm umherzufliegen? Oder wird er ihnen, nachdem er sie über Afrika, Südamerika, Austral-Asien, den Indischen, den Atlantischen und den Stillen Ocean hinweggeführt, um sie wider Willen zu seinen Anschauungen zu überzeugen, die Freiheit wieder schenken, etwa mit den Worten:

?Jetzt, meine Herren, hoffe ich, werden Sie sich bezüglich des Grundsatzes: ?Schwerer, als die Luft", nicht mehr so ungl?ubig, zeigen! - ?"

Auf diese Fragen l??t sich vorl?ufig noch keine Antwort geben; dies ist ein Geheimni? der Zukunft; vielleicht wird dasselbe eines Tages entschleiert werden.

Auf keinen Fall schickte der Vogel Robur sich aber an, jenes angedeutete Nest an der Nordküste Afrikas aufzusuchen. Im Laufe des Tages strich er noch, je nach Laune, bald dahinrasend, bald langsamer schwebend, vom Cap Bon bis zum Cap Carthago über die Regentschaft Tunis hin. Darauf wandte er sich mehr dem Landesinneren zu und schlug den Weg durch das wundervolle Thal der Medjerda ein, indem er dem gelblichen, unter Cactus und Rosenbüschen verborgenen Wasserlauf derselben folgte. Zu vielen Hunderten flogen V?gel auf, die in langen Reihen auf den Telegraphendr?hten sa?en, als wollten sie die Depeschen beim Durchgang abfangen und auf ihren Flügeln weiter tragen.

Mit Einbruch der Nacht schwebte der ?Albatros" über den Grenzen von Krumirien, und wenn noch ein Krumir wach war, so unterlie? er es gewi? nicht, das Gesicht auf die Erde niederzuwerfen und Allah bei der Erscheinung dieses riesenhaften Adlers um Schutz und Hilfe anzuflehen.

Am folgenden Morgen waren Bona und die sch?nen Hügel seiner Umgebung in Sicht, sp?ter Philippeville, jetzt ein kleines Algier, mit seinen bogenf?rmigen Quais, seinen herrlichen Weing?rten, deren grünende Reben der ganzen Landschaft ihren Charakter verleihen, einer Landschaft, welche aus Bordelais und den gesegneten Gebieten von Burgund herausgeschnitten zu sein scheint.

Diese Spazierfahrt von fünfhundert Kilometern über Gro?- und Klein-Kabylien hinweg endigte gegen Mittag in der H?he der Kasbah von Algier. Welch' sch?nes Bild bot sich da den Passagieren des Aeronefs! Die offene Rhede zwischen Cap Matifu und der Pescade-Spitze, das mit Pal?sten, Maravuts und Landh?usern bes?ete Uferland; die launenhaft gewundenen Th?ler mit ihrem Mantel von Weinstocken; das tiefblaue Mittelmeer, das die hier kleinen Booten gleichenden transatlantischen Dampfer durchfurchen. So ging es weiter bis zu dem malerischen Oran, dessen in den Gartenanlagen der Citadelle versammelte Bewohner den ?Albatros" mit den ersten aufleuchtenden Sternen verschmelzen sahen.

Wenn Onkel Prudent und Phil Evans sich fragten, welcher Laune der Ingenieur Robur nachgebe, als er ihr fliegendes Gef?ngni? über Algerien - die Fortsetzung Frankreichs an der Südküste des Mittelmeeres - hinführte, so mu?ten sie die Ueberzeugung gewinnen, da? diese Laune zwei Stunden nach Sonnenuntergang befriedigt sei. Eine Wendung des Steuerruders lenkte den ?Albatros" nach Südosten ab, und dieser sah am folgenden Tage, nachdem er die bergige Gegend des Tell überstiegen, die Sonne über dem Wüstensande der Sahara aufgehen.

Am 8. Juli wurde nun folgende Reiseroute zurückgelegt: Zuerst erblickte man den kleinen Flecken Géryville, der, wie Laghuat, an der Grenze der Wüste gegründet wurde, um die endliche Eroberung von Kabylien zu erleichtern; nachher passirte man den Kamm von Stillen, und zwar bei dem herrschenden heftigen Gegenwinde nicht ohne Schwierigkeit. Weiter ging es über die Wüste hin, bald langsam oberhalb der grünenden Oasen oder Ksars, bald mit wilder Schnelligkeit, welche den Flug der L?mmergeier überholte. Manchmal mu?te sogar auf diese gewaltigen Raubv?gel Feuer gegeben werden, die sich, zu zw?lf und fünfzehn vereinigt, selbst nicht scheuten, zum gr??ten Schrecken Frycollins sich auf den Aeronef zu stürzen.

Wenn diese L?mmergeier nur durch furchtbares Geschrei, durch Schnabelhiebe und Krallenschl?ge zu antworten vermochten, so verschonten die nicht minder wilden Eingeborenen ihn nicht mit Flintenschüssen, vorzüglich als er über die Berge von Sel gekommen war, deren grüne und violette Grundmasse da und dort durch den wei?en Mantel blickte. Jetzt schwebte das Luftschiff schon über der gro?en Sahara, wo an verschiedenen Stellen noch Reste der Lagerst?tten Abd-el-Kader's zu bemerken waren. Hier - und vorzüglich unter den Verbündeten Beni-Myal - bietet das Land für den europ?ischen Reisenden noch immer ernste Gefahren.

Jetzt mu?te der ?Albatros" wieder in h?here Zonen flüchten, um einem daherrasenden Samum zu entgehen, der eine gewaltige Welle r?thlichen Sandes auf der Erde vor sich hintrieb, wie die steigende Fluth die Brandungswelle im Ocean. Weiterhin entluden die ?den Hochplateaus der Chebka ihre schw?rzlichen Lavamassen bis herunter zu dem frischen, grünen Thale des Ain-Massin. Schwerlich verm?chte sich Jemand gr??ere Mannigfaltigkeit der Landschaften vorzustellen, welche der Blick hier in weitem Umfange umfa?te. Auf baum- und buschbedeckte Hügel folgten da lange graue Bodenwellen, gleich den Falten eines arabischen Burnus. In der Ferne erschienen ?Oueds" mit brausenden Bergstr?men, W?lder von Palmen, kleine Ansammlungen von Hütten, welche entweder einen Hügel kr?nten oder eine Moschee umrahmten, unter anderen Metliti, wo ein religi?ser H?uptling, der gro?e Marabut Sidi Scheik, seinen Sitz hat.

W?hrend der Nacht wurden mehrere hundert Kilometer über ein ziemlich ebenes, nur von Dünen unterbrochenes Gebiet zurückgelegt. H?tte der ?Albatros" hier Halt machen wollen, so würde er in der Niederung der, unter einem ungeheuren Palmenwald versteckten Oase Uargla die Erde erreicht haben. Sehr deutlich zeigte sich die Stadt mit ihren drei bestimmt unterschiedenen Quartieren, mit dem alten Palast des Sultans, einer Art befestigter Kasbah, ihren H?usern aus Backsteinen, welche erst die glühende Sonne hart brennt, und mit ihren im Thale erbohrten artesischen Brunnen, an denen der Aeronef seinen Wasservorrath h?tte erneuern k?nnen. Dank seiner au?erordentlichen Schnelligkeit aber füllte das im Thale von Kaschmir aus dem Hydaspis gesch?pfte Wasser noch immer die Vorrathstonnen, selbst in den Wüsten von Afrika, an.

Der ?Albatros" wurde von den Arabern, den Mozabiten und den Negern, welche sich in die Oasen von Uargla theilen, unzweifelhaft bemerkt, denn es begrü?ten ihn von hier aus Hunderte von Gewehrschüssen, ohne da? die Kugeln ihn h?tten erreichen k?nnen.

Dann kam die Nacht, die grabesstille Wüstennacht, deren Geheimnisse Felicien David so hochpoetisch geschildert hat.

W?hrend der folgenden Stunden kehrte man wieder nach Südwesten zurück und kreuzte die Stra?en von El Golea, deren eine im Jahre 1859 durch den unerschrockenen Duveyrier entdeckt worden war.

Rings herrschte tiefe Finsterni?. Nichts war zu sehen von der nach den Pl?nen Duponchel's zu erbauenden Sahara-Bahn, dem langen Eisenbande, das Algier mit Timbuctu über Leghuat und Gardaia verknüpfen und sp?ter bis zum Golf von Guinea fortgesetzt werden soll.

Der ?Albatros" gelangte nun in die ?quatorialen Gebiete jenseits des Wendekreises des Krebses. Tausend Kilometer von der Nordgrenze der Sahara überschritt er die Stra?e, wo der Major Loiny 1846 den Tod fand; er kreuzte den Weg der Caravane von Marokko nach dem Sudan, und über dem Theile der Wüste, in dem die Tuarys hausen, h?rte er, was man den ?Gesang des Sandes" zu nennen pflegt, ein sanftes, klagendes Murmeln, das dem Erdboden zu entsteigen scheint.

Nur ein einziger Zwischenfall ereignete sich hier; eine Wolke von Heuschrecken zog in gro?er H?he daher und aus derselben fiel nun eine so gro?e Menge an Bord, da? das Luftschiff davon unterzugehen drohte. Die Mannschaft beeilte sich jedoch, die unerwünschte Last wieder abzuwerfen, bis auf mehrere hundert Stück, welche Fran?ois Tapage für sich in Anspruch nahm. Er richtete dieselben auf so ausgezeichnet schmackhafte Weise zu, da? Frycollin darüber sogar einmal seine eigene Angst verga?.

?Das schmeckt so gut, wie die besten Krabben!" sagte er.

Man befand sich jetzt tausendachthundert Kilometer von der Oase Uargla entfernt, fast auf der Nordgrenze des ungeheuren K?nigreichs Sudan.

Gegen zwei Uhr Nachmittags wurde auch am Knie eines gro?en Stromes eine Stadt sichtbar. Dieser Strom war der Niger - die Stadt war Timbuctu.

Wenn dieses afrikanische Mekka bisher nur von kühnen Reisenden der Alten Welt, von einem Batouta, Khazan, Imbert, Mungo-Park, Adams, Loiny, Laillé, Barth, Lenz und Anderen besucht worden war, so konnten von heute ab, und zwar Dank den Zuf?lligkeiten eines Abenteuers ohne Gleichen, auch zwei Amerikaner de visu, de auditu und obendrein de olfactu davon bei ihrer Heimkehr nach Amerika reden - wenn sie überhaupt einmal dahin zurückgelangten.

De visu, weil sie alle Ecken des fünf bis sechs Kilometer gro?en Dreiecks, das die Stadt bildet, übersehen konnten; - de auditu, weil an diesem Tage gro?er Markt abgehalten wurde, bei dem es ohne einen Heidenl?rmen nicht abgeht; - de olfactu, weil der Geruchsnerv sehr unangenehm erregt werden mu?te durch die Dünste des Yubu-Kamo-Platzes, auf dem sich dicht neben dem alten Palaste der K?nige die Fleischverkaufshalle erhebt.

Jedenfalls glaubte der Ingenieur den Vorsitzenden und den Schriftführer des Weldon-Instituts darauf aufmerksam machen zu sollen, da? es die h?chste Zeit sei, sich die K?nigin des Sudans zu betrachten, die sich jetzt in den H?nden der Touaregs von Laganet befindet.

?Timbuctu, meine Herren!" sagte er zu ihnen in demselben Tone, in dem er zw?lf Tage früher zu ihnen ?Indien, meine Herren!" gesagt hatte.

Dann fuhr er fort:

?Timbuctu, unter 18 Grad n?rdlicher Breite und 5 Grad 56 Minuten westlicher L?nge von Paris, zweihundertfünfundvierzig Meter über dem mittleren Niveau des Meeres gelegen. Eine bedeutende Stadt von zw?lf- bis dreizehntausend Einwohnern, die sich ehedem durch Kunst und Wissenschaft auszeichnete. - Vielleicht hatten Sie den Wunsch, hier einige Tage Halt zu machen?"

Ein solches Angebot des Ingenieurs konnte nur ironisch gemeint sein.

?Inde?, fuhr er fort, es m?chte für Fremde einigerma?en gef?hrlich werden, inmitten von Negern, Berbern, Fullahs und Arabern, welche hier wohnen, vorzüglich wenn wir bedenken, da? die Ankunft des Aeronefs ihr Mi?fallen erregt haben dürfte.

- Mein Herr, erwiderte Phil Evans in derselben Tonart, für das Vergnügen, Sie verlassen zu k?nnen, würden wir gern die Gefahr auf uns nehmen, von den Eingeborenen hier übel empfangen zu werden. Ein Kerker ist so gut wie der andere, aber Timbuctu immer noch besser, als der ?Albatros".

- Das sind Geschmackssachen, versetzte der Ingenieur. Auf keinen Fall m?chte ich das Abenteuer wagen, denn ich bin verantwortlich für die Sicherheit der G?ste, welche mir die Ehre anthun, mit mir zu reisen ...

- Sie begnügen sich also nicht mehr, Ingenieur Robur, platzte jetzt Onkel Prudent, dem die Galle überlief, heraus, mit der Rolle unseres Kerkermeisters - nein, Sie müssen uns auch noch beleidigen?

- O, das war h?chstens eine erlaubte Ironie!

- Giebt es denn keine Waffen an Bord?

- Gewi?, ein ganzes Arsenal.

- Zwei Revolver würden genügen, wenn ich den einen nehme und Sie, mein Herr, den anderen.

- Ein Duell, rief Robur, ein Duell, das Einem von uns das Leben kosten k?nnte!

- Nein, ihm gewi? kosten würde!

- Nein, nein, mein Herr Pr?sident des Weldon-Instituts, ich ziehe es vor, Sie am Leben zu erhalten.

- Um sicherer zu sein, da? Sie selbst leben bleiben. Das ist sehr klug.

- Klug oder nicht, mir pa?t es eben. Es steht Ihnen v?llig frei, darüber anders zu denken und Klage zu erheben, wenn Sie es k?nnen.

- Das ist schon geschehen, Ingenieur Robur!

- Wirklich?

- War es denn bei unserer Fahrt über die bewohnten Gegenden Europas so schwierig, ein Schriftstück hinunterfallen zu lassen ...

- Das h?tten Sie gethan? unterbrach ihn Robur, in dem der Zorn hell aufloderte.

- Und wenn wir es gethan h?tten?

- Wenn Sie es gethan h?tten, verdienten Sie ...

- Was denn, mein Herr Ingenieur?

- Da? man Sie Ihrem Schreiben über Bord nachfliegen lie?e!

- So werfen Sie uns über Bord ... Wir haben es gethan!" rief Onkel Prudent.

Robur trat auf die beiden Collegen zu. Auf ein Zeichen von ihm waren Tom Turner und einige seiner Kameraden herzugelaufen. Ja, der Ingenieur hatte verzweifelte Lust, seine Drohung zur Ausführung zu bringen, und ohne Zweifel zog er sich nur aus Besorgni?, ihr nicht widerstehen zu k?nnen, pl?tzlich in seine Cabine zurück.

?Sehr sch?n! sagte Phil Evans.

- Und was er zu thun nicht wagte, erkl?rte Onkel Prudent, das werde ich wagen, ich, ja, ich werde es thun!"

In diesem Augenblick liefen die Bewohner von Timbuctu auf den Pl?tzen und Stra?en der Stadt zusammen und sammelten sich auf den Terrassen der amphitheatralisch erbauten H?user.

In den reichen Vierteln von Sankore und Sarahama, wie in den elenden kugelf?rmigen Hütten des Quartiers Raguidi donnerten die Priester von den Spitzen der Minarets die schlimmsten Flüche und Verwünschungen gegen das Ungeheuer in der Luft. Das war inde? unsch?dlicher, als Flintenkugeln.

Und auch

bis zum Hafen von Kabara an der scharfen Biegung des Niger war Alles, was sich auf Schiffen und Booten befand, in lebhafterer Bewegung. Wenn der ?Albatros" hier zur Erde niedergegangen w?re, die Leute h?tten ihn in Stücke gerissen.

W?hrend einiger Stunden folgten ihm schreiend und an Schnelligkeit wetteifernd l?rmende Schaaren von St?rchen, Haselhühnern und Ibissen; sein rascher Flug hatte dieselben aber bald hinter sich zurückgelassen.

Gegen Abend ert?nte ein dumpfes Grollen und Murren von zahlreichen Elephanten und Büffelheerden, welche in diesen, durch ganz besondere Fruchtbarkeit ausgezeichneten Gebieten umherirrten.

W?hrend vierundzwanzig Stunden entrollte sich die ganze zwischen dem Meridian 0 und dem 2. Grade der L?nge zwischen dem Knie des Stromes gelegene Gegend unter dem ?Albatros" gleich einem Wandelpanorama.

Ja, wenn ein Geograph einen solchen Apparat zur Verfügung gehabt h?tte, wie leicht w?re es ihm dann nicht gewesen, eine topographische Aufnahme des Landes auszuführen, die h?chsten Punkte zu messen, den Lauf der Str?me und ihrer Nebenflüsse zu bestimmen und die Lage der St?dte und D?rfer festzusetzen. Dann g?be es in den Karten von Inner-Afrika nicht mehr so viel leere Stellen, so viel nur mit blassen Farben markirte L?nder - und keine punktirte Linien und unsichere Abgrenzungen mehr, welche die Kartographen zur Verzweiflung bringen.

Am Morgen des 11. überschritt der ?Albatros" die Berge des n?rdlichen Guinea zwischen dem Sudan und dem Golf, der dessen Namen tr?gt. Am Horizont erhoben sich schon in undeutlicher Linie die Kong-Berge des K?nigreichs Dahomey.

Seit der Abfahrt von Timbuctu hatten Onkel Prudent und Phil Evans beobachten k?nnen, da? sie stets die Richtung von Norden nach Süden eingehalten hatten. Sie schlossen daraus, da? sie, wenn hierin keine Aenderung eintrat, sechs Grade weiter die Aequinoctiallinie erreichen mu?ten. Sollte der ?Albatros" sich wirklich vom Festland ganz wegwenden und hinaus, nicht auf das Behring-Meer, den Kaspis-See, die Nordsee und das Mittelmeer, sondern auf den Atlantischen Ocean wagen wollen?

Diese Aussicht war für die beiden Collegen, welche damit jede Gelegenheit, zu entfliehen, verloren, freilich keine besonders angenehme.

Der ?Albatros" bewegte sich jetzt jedoch nur langsam vorw?rts, als z?gere er noch, das afrikanische Gebiet zu verlassen. Der Ingenieur dachte inde? keineswegs an eine Umkehr, nur fesselte das Land, über welches sie kamen, seine Aufmerksamkeit im h?chsten Grade.

Es ist allgemein und war ihm nicht minder bekannt, da? das K?nigreich Dahomey an der Westküste Afrikas eines der m?chtigsten ist. Stark genug, um sich mit dem benachbarten Reiche der Aschantis im Kampfe messen zu k?nnen, sind seine Grenzen doch sehr beschr?nkt, denn es mi?t nur fünfundzwanzig (englische) Meilen von Nord nach Süd und gegen sechzig Meilen von Ost nach West; seine Einwohnerzahl bel?uft sich jedoch auf 7–800.000 Seelen, seitdem es die bisher unabh?ngigen Gebiete von Ardrah und Wydoch annectirt hat.

Wenn dieses K?nigreich Dahomey also auch nicht gro? ist, so hat es doch recht oft von sich reden gemacht. Es wurde zeitig berühmt durch die entsetzlichen Grausamkeiten, welche daselbst beim Jahreswechsel begangen werden, durch die Menschenopfer, die furchtbaren Hekatomben, welche gew?hnlich dem verstorbenen und dem seine Stelle ersetzenden K?nige dargebracht werden. Ja, es geh?rt so zu sagen zum guten Ton, da? der K?nig von Dahomey, wenn er den Besuch einer hohen Person oder etwa eines Gesandten erh?lt, diesem zu Ehren einem Dutzend Gefangenen die K?pfe abschlagen l??t - abschlagen durch seinen Minister der Justiz, den ?Minghan", der sich seiner Aufgabe als Henker vortrefflich entledigt.

Zur Zeit, als der ?Albatros" die Grenze von Dahomey überschritt, war eben der K?nig Lahadu verstorben und die ganze Bev?lkerung schritt zur Feier der Thronbesteigung seines Nachfolgers. Daher herrschte im ganzen Lande eine gro?e Aufregung und Bewegung, welche Robur nicht hatte entgehen k?nnen.

Lange Züge von Landbewohnern Dahomeys dr?ngten sich nach Abomey, der Hauptstadt des Reiches, hin. Ueberall zeigte das Land wohlunterhaltene Stra?en, welche durch weite, mit sehr hohem Grase bewachsene Ebenen verlaufen. Ungeheure Maniocfelder, W?lder voll herrlicher Palmen, Cocosnu?b?ume, Mimosen, Orangen- und Mangob?ume, deren Düfte bis zum ?Albatros" hinaufstiegen, w?hrend Tausende von Papageien und Cardin?len aus dem dunklen Grün aufflatterten.

Ueber die Reeling gebeugt und in Gedanken versunken, wechselte der Ingenieur nur wenige Worte mit Tom Turner.

Es schien übrigens nicht, als ob der ?Albatros" von vornherein die Aufmerksamkeit der sich fortbewegenden Menschenmasse erweckte, welche auch selbst unter den dichten Baumkronen meist nicht sichtbar war. Haupts?chlich kam das jedoch wohl daher, da? er sich in gro?er H?he und zwischen leichten Wolken hielt.

Gegen elf Uhr Vormittags erschien die Stadt mit ihrem Mauergürtel, den noch ein zw?lf Meilen im Umfang messender Graben vertheidigt, mit ihren breiten, regelm??igen, sehr eben verlaufenden Stra?en und dem gro?en Platz, den der Palast des K?nigs einnimmt. Alle die vielen Baulichkeiten überragt noch eine Terrasse, nicht weit vom gew?hnlichen Opferplatz. W?hrend der gr??ten Feste werden dem Volke von der H?he derselben aus die in Weidenk?rben angebundenen Gefangenen zugeworfen, und man kann sich schwer eine Vorstellung von der Wuth machen, mit welcher diese Unglücklichen in Stücke gerissen werden.

In einem Theile der H?fe, welche den Palast des Herrschers umschlie?en, sind viertausend Krieger einquartirt, eine der Abtheilungen der k?niglichen Armee, und natürlich nicht die schlechteste.

Wenn es auch zweifelhaft ist, da? es jemals Amazonen auf dem Strome dieses Namens gegeben habe, so liegt das in Dahomey anders. Die Einen tragen hier ein blaues Hemd, roth und blaue Sch?rpe, wei?e, blaugestreifte Beinkleider, wei?e kurze Beinkleider darüber und die Patronentasche im Gürtel; die Anderen, die Elephanten-J?gerinnen, sind bewaffnet mit einer plumpen Flinte, einem Dolch mit kurzer Klinge, und auf dem Kopfe tragen sie zwei mit einem Eisenringe befestigte Antilopenh?rner; die Artilleristen haben einen halb rothen und halb blauen Ueberwurf und als Waffe die Donnerbüchse mit alten gu?eisernen Rohren, noch Andere endlich, ein Bataillon jener M?dchen, tr?gt eine Art blauer M?ntel mit kurzem wei?en Beinkleid; das sind wirkliche Vestalinnen, keusch wie Diana und wie diese mit Pfeilen und Bogen ausgerüstet.

Rechnet man zu diesen Amazonen noch fünf- bis sechstausend Mann in Baumwollhemden und mit einem Gürtel um die Taille, so hat man die ganze Armee von Dahomey Revue passiren lassen.

Abomey selbst war an diesem Tage v?llig menschenleer, der K?nig, das ganze Personal, die m?nnliche wie die weibliche Armee, sowie die Einwohner, Alle hatten die Hauptstadt verlassen, um einige Meilen entfernt auf einem gro?en, von pr?chtigem Baumschlag eingerahmten Platze zusammenzustr?men.

Es war das die Ebene, auf der die Huldigung des neuen K?nigs stattfinden sollte, und hier harrten Tausende, bei Gelegenheit der letzten Razzias eingebrachte Gefangene zur Ehre desselben ihres letzten Augenblicks.

Gegen zwei Uhr Nachmittags begann der jetzt über derselben Ebene schwebende ?Albatros" aus einer leichten Dunstschicht, die ihn bisher den Augen der Bev?lkerung von Dahomey verhüllt hatte, etwas mehr niederzusinken.

Hier befanden sich jetzt wohl gegen sechzigtausend Menschen, die aus allen Gegenden des Reiches, aus Midah, Karapay, Ardrah, Tombory und aus allen St?dten und D?rfern gekommen waren.

Der neue K?nig - ein kr?ftiger Kerl, Namens Bu-Stadi und fünfundzwanzig Jahre alt - thronte auf einer kleinen Anh?he, welche eine Gruppe von B?umen mit langen Aesten beschattete. Vor ihm dr?ngte sich der neue Hofstaat, seine m?nnliche Armee, seine Amazonen und das ganze Volk hin und her.

Am Fu?e dieses Erdhügels spielten etwa fünfzig Musiker auf ihren barbarischen Instrumenten, bliesen auf Elephantenz?hnen, die einen rauhen Ton gaben, wirbelten auf gro?en, mit einer Hirschkuhhaut bespannten Trommeln, oder hatten Flaschenkürbisse, Guitarren, Glocken, die mit einem Eisenstabe angeschlagen wurden, und Fl?ten aus Bambusrohr, deren scharfer Klang das ganze Orchester übert?nte. Jeden Augenblick krachten die Flinten, Donnerbüchsen und zuweilen die alten Kanonen, deren Lafetten dabei zurücksprangen, da? die Artilleristen in Lebensgefahr kamen; dazu herrschte ein solcher Heidenl?rm und so wüstes Geschrei, da? man kaum einen Donnerschlag h?tte h?ren k?nnen.

In einer Ecke der freien Ebene standen, von Soldaten überwacht, die Gefangenen, welche dem verstorbenen K?nige das Geleit in die andere Welt geben sollten, denn durch sein Ableben darf ein solcher noch keine Einbu?e an seiner hohen Würde erleiden. Bei der Leichenfeier Ghozo's, des Vaters Bahadu's, hatte dessen Sohn ihm dreitausend Diener mitgegeben. Bu-Stadi konnte seinem Vorg?nger hierin doch nicht nachstehen. Der Todte brauchte ja eine Menge Sendboten, nicht allein, um die Geister seiner Ahnen herbeizurufen, sondern auch, um alle Bewohner des Himmels zu versammeln, welche das Gefolge des verewigten K?nigs bilden sollten.

Eine Stunde verging mit Gespr?chen, Vortr?gen und Ansprachen, unterbrochen von T?nzen, welche nicht allein die eigentlichen Bajaderen aufführten, sondern auch die Amazonen, die dabei viel kriegerische Grazie entwickelten.

Inzwischen kam die Zeit zur Hinrichtung heran. Robur, der die blutigen Gewohnheiten von Dahomey schon kannte, verlor die gefangenen M?nner, Frauen und Kinder, welche abgeschlachtet werden sollten, niemals aus dem Auge.

Der Minghan verweilte am Fu?e des Erdhügels. Er schwang das Richtschwert mit gebogener Klinge, auf der auch noch ein metallener Vogel sa?, dessen Gewicht ihm noch mehr Schwung verlieh. Dieses Mal war er nicht allein; er w?re mit der Arbeit auch nicht fertig geworden. In seiner Umgebung befanden sich noch hundert Scharfrichter, die alle eingeübt waren, einen Kopf mit einem einzigen Hieb vom Rumpfe zu l?sen.

Inzwischen n?herte sich der ?Albatros" allm?hlich in schr?ger Richtung und lie? seine Auftriebs- und Treibschrauben mit verminderter Geschwindigkeit spielen. Bald trat er aus der Wolkenschicht hervor, die ihn bis wenigstens hundert Meter von der Erde verhüllt hatte, und wurde jetzt zum ersten Male sichtbar.

Ganz entgegen den gew?hnlichen Erfahrungen sahen die wilden Eingeborenen in ihm nur ein himmlisches Wesen, das ganz allein zu dem Zwecke herabgestiegen sei, dem K?nige Bahadu zu huldigen.

Das gab einen Enthusiasmus ohne Gleichen, unendliche Zurufe, lautes Jubeln und allgemeine Gebete, gerichtet an diesen übernatürlichen Hippogryph, der ohne Zweifel jetzt kam, um den K?rper des verstorbenen K?nigs in die H?he des Dahomey'schen Himmels zu tragen.

Eben da fiel der erste Kopf unter dem Schwerte des Minghan; dann wurden hundert andere Gefangene ihren schrecklichen Henkern zugeführt.

Pl?tzlich krachte vom ?Albatros" ein Schu?. Der Justizminister stürzte getroffen zur Erde.

?Gut gezielt, Tom! sagte Robur.

- Bah! ... Es war ein Schu? mitten in den Haufen!" antwortete bescheiden der Obersteuermann.

Seine ebenfalls bewaffneten Kameraden standen bereit, auf das erste Zeichen des Ingenieurs Feuer zu geben.

Die Volksmenge hatte durch diesen Vorfall aber ihre Anschauungen schnell gewechselt; dieses geflügelte Ungeheuer war kein guter, sondern ein dem guten Volk von Dahomey feindlicher Geist. Nachdem der Minghan gefallen, erhob sich ein wildes Geheul. Gleichzeitig knatterten viele Gewehre, die nach dem ?Albatros" gerichtet waren.

Diese Drohungen hinderten letzteren jedoch nicht, bis auf etwa hundertfünfzig Fu? über der Erde niederzusinken. Trotz ihrer dem Ingenieur Robur gewi? ungünstigen Stimmung konnten sich Onkel Prudent und Phil Evans doch nicht versagen, an diesem menschenfreundlichen Werke theilzunehmen.

?Ja, la?t uns die Gefangenen befreien! riefen sie.

- Das ist meine Absicht!" antwortete der Ingenieur.

Schon begannen die Repetirgewehre des ?Albatros" in den H?nden der beiden Collegen, wie in denen der Mannschaft, ein Schnellfeuer, von dem doch keine Kugel inmitten der gro?en Menschenmasse verloren ging. Und selbst das kleine Geschütz an Bord, das so tief als m?glich herabgerichtet wurde, sandte einige Kart?tschenladungen hinunter, welche wahre Wunder wirkten.

Sofort sprengten die Gefangenen, ohne etwas von der ihnen aus der H?he gekommenen Hilfe zu begreifen, ihre Fesseln, w?hrend die Soldaten auf den Aeronef Feuer gaben. Die vordere Schraube wurde von einer Kugel durchl?chert, w?hrend einige andere an den Rumpf des Fahrzeuges schlugen. Frycollin, der sich im Hintergrunde seiner Cabine verkrochen hatte, w?re fast noch durch die Wand des Ruffs getroffen worden.

?Aha, sie haben Appetit auf etwas mehr!" rief Tom Turner.

Er begab sich nach der Munitionskammer und kehrte von dort mit einem Dutzend Dynamitpatronen zurück, die er an die Kameraden vertheilte. Auf ein Zeichen Robur's wurden dieselben über den Hügel hinabgeworfen und durch das Aufschlagen auf den Erdboden zersprangen sie wie kleine Bomben.

Das gab aber eine wilde Flucht! Der K?nig, der Hof, die Armee und das ganze Volk stürzte, von gewi? nicht ungerechtfertigter Furcht ergriffen, auf und davon! Alle suchten unter den B?umen Schutz, w?hrend die Gefangenen entflohen und Niemand daran dachte, sie zu verfolgen.

So wurden die Festlichkeiten zu Ehren des neuen K?nigs von Dahomey unterbrochen. Auch Onkel Prudent und Phil Evans mu?ten zugestehen, über wie gro?e Machtmittel dieser Apparat verfügte, und welchen hohen Nutzen er der Menschheit h?tte gew?hren k?nnen.

Der ?Albatros" erhob sich darauf zu mittlerer H?he; er glitt über Mydah hinweg und hatte bald diese ungastliche Küste, welche die Westwinde mit unnahbarer Brandung peitschten, aus dem Gesichte verloren.

Er schwebte nun über dem Atlantischen Weltmeere.

* * *

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