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   Chapter 10 No.10

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 25698

Updated: 2017-11-30 00:04


Worin man sehen wird, wie und warum der Diener Frycollin in's Schlepptau genommen wurde.

Der Ingenieur hatte nicht die Absicht, seinen Apparat über die wundervollen Gefilde von Hindostan hinwegzuführen. Jedenfalls wollte er nur den Himalaya übersteigen, um zu beweisen, über welch' au?erordentliche Fortbewegungsmaschine er verfügte, und um davon selbst Diejenigen zu überzeugen, welche nicht überzeugt sein wollten. Bedeutete das wohl so viel wie die Behauptung, da? der ?Albatros" vollkommen sei, obgleich die Vollkommenheit nicht von dieser Welt ist? Das wird sich sp?ter zeigen.

Wenn Onkel Prudent und sein College auch nicht umhin konnten, innerlich anzuerkennen, da? die Kraft dieser Flugmaschine eine ganz au?erordentliche war, so lie?en sie sich davon wenigstens nichts merken. Sie suchten nur die Gelegenheit, zu entfliehen; ja, sie bewunderten nicht einmal das prachtvolle Schauspiel, welches sich ihren Augen bot, als der ?Albatros" den reizenden Landschaften des Pendjab folgte.

Wohl giebt es am Himalaya einen Strich sumpfigen Landes, von dem gesundheitssch?dliche Dünste aufsteigen, jenes Terrain, in dem Fieberkrankheiten epidemisch herrschen. Doch das ging den ?Albatros" ja nichts an und konnte das Wohlbefinden seiner Insassen nicht gef?hrden, er erhob sich ohne gro?e Eile nach dem Winkel zu, den Hindostan in seinem Vereinigungspunkt mit Turkestan und China bildet. Am 29. Juni ?ffnete sich vor ihm schon in den ersten Morgenstunden das herrliche Thal von Kaschmir.

Ja, sie ist ohne Gleichen, diese Hohlkehle, welche der Himalaya zwischen sich frei l??t! Gefurcht von Hunderten von Einzelvorsprüngen, welche die ungeheure Kette bis zum Becken des Hydaspis entsendet, wird dieselbe bew?ssert von den launischen Windungen des Flusses, der die Heers?ulen Porus' und Alexanders, d. h. Indien und Griechenland, in Central-Asien zum Kampfe zusammensto?en sah. Er füllt noch immer sein Bett, dieser Hydaspis, w?hrend die von dem Macedonier zur Erinnerung an seinen Sieg gegründeten beiden St?dte so vollst?ndig verschwunden sind, da? man nicht einmal im Stande ist, die Stelle derselben wieder zu finden.

W?hrend dieses Vormittags schwebte der ?Albatros" über Srinagar - mehr bekannt unter dem Namen Kaschmir - hin.

Onkel Prudent und sein Gef?hrte sahen eine sehr sch?ne, an beiden Flu?ufern sich hinziehende Stadt mit ihren Brücken gleich ausgespannten F?den, den Sennhütten mit ihren geschnitzten Balkons, ihren von hohen Pappeln beschatteten Geb?uden mit berasten D?chern, welche fast das Aussehen gro?er Maulwurfshaufen haben, ihren vielfachen Can?len mit Barken gleich Nu?schalen und Bootsleuten gleich Ameisen darauf, mit ihren Pal?sten, Tempeln, Kiosks, Moscheen und den Bungalows am Eingange der Vorst?dte - das Ganze auch noch verdoppelt durch die Widerspiegelung des Wassers; endlich die alte Citadelle Hari-Parvata, die auf einem Hügel angelegt ist, wie das st?rkste Fort von Paris auf dem Mont-Valérien.

?Das w?re Venedig, wenn wir uns in Europa bef?nden," sagte Phil Evans.

- Und wenn wir in Europa w?ren, würden wir den Rückweg nach Amerika schon zu finden wissen," antwortete Onkel Prudent.

Der ?Albatros" verweilte nicht über dem See, den der Flu? durchflie?t, sondern setzte seinen Flug durch das Thal des Hydaspis fort.

Nur eine halbe Stunde blieb er, bis auf zehn Meter über dem Flusse hinabsteigend, einmal an ein und derselben Stelle. W?hrend dessen versorgten sich Tom Turner und seine Leute mittelst eines Kautschukschlauches mit neuem Wasservorrathe, der durch eine Pumpe aufgesaugt wurde, welche die Str?me der Accumulatoren in Bewegung setzten.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dabei bedeutungsvoll angesehen, da ein und derselbe Gedanke in ihnen aufstieg. Sie befanden sich nur wenige Meter über der Oberfl?che des Hydaspis und nahe dem Ufer desselben. Beide waren geübte Schwimmer. Ein Sprung konnte ihnen jetzt die Freiheit wiedergeben, und wenn sie dann ein Stück unter dem Wasser fortschwammen, wie h?tte Robur sie wieder ergreifen lassen k?nnen? Um den Treibschrauben ihre Beweglichkeit zu sichern, mu?te er sie ja mit seinem Apparate mindestens zwei Meter über dem Seebecken halten.

In einem Augenblicke hatten sie alle günstigen und ungünstigen Umst?nde eines solchen Versuchs gegen einander abgewogen und schon waren sie im Begriff, sich von dem Verdeck des Luftschiffes hinabzustürzen, als sich mehrere H?nde fest auf ihre Schultern legten.

Sie wurden beobachtet und erkannten die Unm?glichkeit, zu entfliehen.

Immerhin ergaben sie sich nicht ohne einigen Widerstand und bemühten sich, die, welche sie hielten, zurückzusto?en - aber es waren handfeste Burschen, diese Leute des ?Albatros"!

?Meine Herren, begnügte sich der Ingenieur zu sagen, wenn man das Vergnügen hat, in Gesellschaft mit Robur dem Sieger zu reisen, wie Sie ihn selbst so passend bezeichnet haben, und an Bord seines wunderbaren ?Albatros", so verl??t man diesen nicht so ... franz?sisch. Ja, ich sage Ihnen, Sie verlassen denselben überhaupt nicht wieder!"

Phil Evans zerrte seinen Gef?hrten, der sich schon zu einem Gewaltacte hinrei?en lassen wollte, noch zurück. Beide begaben sich nach ihrem Ruff, noch immer entschlossen, zu fliehen und wenn es ihnen, gleichviel wo, auch das Leben kosten sollte.

Der ?Albatros" hatte wieder seinen Curs nach Westen eingeschlagen. W?hrend dieses Tages überschritt er bei mittlerer Geschwindigkeit das Gebiet von Kabulistan, die Grenze des K?nigreichs Herat.

In diesen noch immer so bestrittenen L?ndern und auf diesem Wege, der den Russen nach den englischen Besitzungen in Indien offen steht, erschienen gro?e Haufen von Menschen, Colonnen, Gep?ckwagen, mit einem Worte Alles, was das Personal und Material einer auf dem Marsche befindlichen Armee bildet. Man h?rte wohl auch Kanonendonner und das Knattern von Gewehren; der Ingenieur mischte sich aber niemals in die Angelegenheiten Anderer, so lange diese für ihn nicht eine Frage des Ehrgeizes oder der Humanit?t bildeten. War Herat, wie man sagt, wirklich der Schlüssel Central-Asiens, so kümmerte es ihn doch gar nicht, ob dieser Schlüssel in eine englische oder eine moskowitische Tasche kam. Irdische Interessen berührten den furchtlosen Mann nicht, der das Luftmeer zu seinem ausschlie?lichen Gebiete erkoren hatte.

Uebrigens schwand das Land sehr bald unter einem wahrhaften Orkan von Sand, wie er in diesen Gegenden so h?ufig vorkommt. Dieser Sturmwind, der hier ?Tebbad" genannt wird, tr?gt manche Fieberkeime mit dem unw?gbar feinen Sand oft sehr weit mit fort, und manche Caravane ist schon in seinen wüthenden Wirbeln zu Grunde gegangen.

Um diesem harten Staube zu entgehen, der die Feinheit seiner Zahngetriebe h?tte gef?hrden k?nnen, erhob sich der ?Albatros" um zweitausend Meter nach einer reineren Zone.

Damit schwand auch die Grenze Persiens aus den Augen und blieben dessen weite Ebenen fast ganz unsichtbar. Die Gangart war dabei eine sehr gem??igte, obwohl eine Felsenklippe nirgends zu fürchten war. Wenn eine Landkarte dieser Gegend auch einige Berge zeigte, so steigen diese doch nur zu mittlerer H?he an. Bei der Ann?herung an die Hauptstadt freilich galt es, den Demawend zu vermeiden, der fast sechstausendsechshundert Meter emporragt, und auch die Elbruskette, an deren Fu? Teheran erbaut ist.

Mit dem ersten Tagesgrauen des 2. Juli tauchte jener Demawend aus dem Sand-Samum auf.

Der ?Albatros" steuerte so, um über die Stadt hinwegzugehen, welche der Wind durch eine Wolke feinen Staubes verhüllte.

Gegen zehn Uhr Morgens konnte man inde? die breiten Gr?ben erkennen, welche die Umwallung einschlie?en, und in der Mitte den Palast des Schah, dessen Mauern mit Fayenceplatten bedeckt sind und dessen Wasserbecken aus ungeheuren Türkisen von leuchtendem Blau geschnitten scheinen.

Das sch?ne Bild verrann leider nur zu bald. Von hier aus schlug der ?Albatros" nun eine andere Richtung ein und steuerte ziemlich genau nach Norden. Einige Stunden sp?ter befanden sie sich über einer kleinen Stadt im n?rdlichen Winkel der persischen Grenze und am Strande einer ausgedehnten Wasserfl?che, deren Ende weder nach Norden, noch nach Osten zu erkennbar war.

Diese Stadt war der Hafen Aschuarda, die südlichste Station Ru?lands; die Wasserfl?che aber fast ein Meer, n?mlich der Kaspi-See.

Hier wirbelte kein Staub mehr umher. Man sah bequem einen Haufen nach europ?ischer Art gebauter H?user, welche, mit einem sie überragenden Glockenthurm, l?ngs eines Vorgebirges lagen.

Der ?Albatros" senkte sich über dieses Meer, dessen Gew?sser dreihundert Fu? unter dem Niveau des Mittelmeeres liegen. Gegen Abend glitt er l?ngs der früher turkestanischen, jetzt aber russischen Küste hin, die nach dem Golf des Beckens zu aufsteigt, und am n?chsten Tage, dem 3. Juli, schwebte er etwa hundert Meter über dem Kaspi-See.

Weder an der asiatischen, noch an der europ?ischen Seite war hier Land in Sicht; nur auf dem Meer bemerkte man einzelne, von schwacher Brise geschwellte Segel, an deren Form man erkannte, da? es Fahrzeuge von Eingeborenen, Kesebegs mit zwei Masten, Kajiks, das sind Piratenschiffe mit nur einem Maste, und Teimils, einfache, zur Küstenfahrt oder zum Fischfang benützte Boote waren. Dann und wann wirbelten wohl auch die Ausl?ufer von Rauchs?ulen bis zum ?Albatros" empor, welche aus den Schornsteinen der Dampfer von Aschuarda quollen, die Ru?land zu Polizeizwecken auf den turkomanischen Gew?ssern unterh?lt.

An diesem Morgen plauderte der Obersteuermann Tom Turner mit dem Koch Fran?ois Tapage und gab auf eine Frage des Letzteren Antwort:

?Ja, wir werden gegen achtundvierzig Stunden über dem Kaspi-See verweilen.

- Sch?n, erwiderte der Koch, da haben wir doch einmal Gelegenheit, zu fischen?

- Ganz gewi?."

Da über vierzig Stunden darauf verwendet werden sollten, die sechshundertfünfundzwanzig Meilen, welche jenes Binnenmeer bei zweihundert (englischen) Meilen Breite mi?t, mu?te die Geschwindigkeit des ?Albatros" natürlich stark gem??igt und letzterer w?hrend eines vorzunehmenden Fischfanges ganz still gehalten werden.

Jene Antwort Tom Turner's wurde auch von Phil Evans geh?rt, der sich grade auf dem Vordertheil befand.

Eben begann Frycollin wieder mit seinen unaufh?rlichen Klagen und bat ihn, bei seinem Herrn ein gutes Wort einzulegen, da? er ihn ?auf der Erde absetzen" lasse.

Ohne auf dieses sinnlose Verlangen zu antworten, begab sich Phil Evans nach dem Hintertheil, um den Onkel Prudent zu treffen. Diesem theilte er unter gr??ter Vorsicht, von Niemand geh?rt zu werden, die wenigen zwischen Tom Turner und dem Koche gewechselten Worte mit.

?Phil Evans, meinte Onkel Prudent, ich denke, wir machen uns doch keine Illusionen über die letzten Absichten dieses Elenden?

- Gewi? nicht, antwortete Phil Evans. Er wird uns die Freiheit nur wiedergeben, wenn ihm das pa?t - und wenn er sie uns überhaupt wieder giebt.

- In diesem Falle müssen wir Alles wagen, um den ?Albatros" zu verlassen.

- Ein wundervoller Apparat, das mu? man wohl zugestehen!

- Das ist wohl m?glich, rief Onkel Prudent, aber es ist der Apparat eines Schurken, der uns gegen alles Recht und Gesetz hier zurückh?lt. Uebrigens bildet dieser Apparat für uns und die Unsrigen eine unausgesetzte Gefahr. Gelingt es uns also nicht, denselben zu vernichten ...

- Beginnen wir damit, uns zu retten! ... antwortete Phil Evans, wir werden ja sp?ter sehen.

- Zugegeben, antwortete Onkel Prudent, und benützen wir jede sich bietende Gelegenheit. Allem Anscheine nach f?hrt der ?Albatros" über den Kaspi-See, um sich dann im Norden oder im Süden von Ru?land nach Europa zu begeben. Nun, wohin wir auch den Fu? setzen m?gen, bis zum Atlantischen Ocean hin w?re unsere Rettung gesichert. Wir müssen uns also jede Stunde bereit halten.

- Aber, fragte Phil Evans, wie sollten wir fliehen k?nnen?

- H?ren Sie mich an, antwortete Onkel Prudent. Es kommt zuweilen vor, da? der ?Albatros" w?hrend der Nacht nur wenige hundert Fu? über dem Erdboden hinschwebt. An Bord befinden sich verschiedene Kabel von dieser L?nge, und mit einiger Kühnheit k?nnte man sich wohl hinabgleiten lassen ...

- Ja, stimmte Phil Evans bei, im gegebenen Falle würde ich nicht zaudern ...

- Ich auch nicht, versicherte Onkel Prudent. Ich füge noch hinzu, da? w?hrend der Nacht au?er dem Steuermann auf dem Hintertheile Niemand wach ist. Eines jener Kabel liegt nun gew?hnlich auf dem Verdeck, und ohne gesehen und geh?rt zu werden, dürfte es m?glich sein, dasselbe aufzurollen ...

- Gut, gut, unterbrach ihn Phil Evans; ich sehe mit Vergnügen, Onkel Prudent, da? Sie jetzt weit ruhiger sind; das ist besser, wenn man handeln will. Augenblicklich freilich befinden wir uns auf dem Kaspi-See; verschiedene Fahrzeuge sind in Sicht. Der ?Albatros" wird noch tiefer hinabgehen und w?hrend des Fischzuges anhalten ... K?n

nten wir daraus keinen Vortheil ziehen? ...

- Ah, man überwacht uns, selbst wenn wir nicht glauben, überwacht zu sein, antwortete Onkel Prudent. Sie haben's ja gesehen, als wir versuchten, uns in den Hydaspis zu stürzen.

- Und wer sagt, da? wir nicht auch in der Nacht beobachtet sind? erwiderte Phil Evans.

- Einerlei, wir müssen ein Ende machen, rief Onkel Prudent, ein Ende machen mit diesem ?Albatros" und seinem Besitzer!"

Man sieht, da? die beiden Collegen - und vorzüglich Onkel Prudent - unter der Aufregung des Zornes leicht dazu verführt werden konnten, die waghalsigsten und für ihre eigene Sicherheit vielleicht gef?hrlichsten Handlungen zu begehen.

Das Gefühl ihrer Ohnmacht, der ver?chtliche Spott, mit dem Robur sie behandelte, die derben Antworten, welche er ihnen ertheilte, Alles trug dazu bei, die Spannung ihrer Lage zu erh?hen, deren Druck jeden Tag deutlicher hervortrat.

An jenem Tage h?tte übrigens ein neuer Auftritt bald einen h?chst bedauerlichen Wortwechsel zwischen Robur und den beiden Collegen herbeigeführt, und Frycollin ahnte wohl kaum, da? er dazu die Veranlassung geben sollte.

Als er sich einmal über diesem Meere ohne Grenzen sah, bem?chtigte sich des Hasenfu?es wieder ein furchtbarer Schrecken. Wie ein Kind - und wie ein Neger, der er ja war - fing er an zu jammern zu klagen und zu protestiren und machte die tollsten Verrenkungen und Grimassen.

?Ich will fort! ... Ich will weg von hier! rief er. Ich bin kein Vogel! ... Ich bin nicht geschaffen zum Fliegen! ... Ich will, da? ich auf der Erde abgesetzt werde, und das sogleich!"

Selbstverst?ndlich bemühte sich Onkel Prudent keineswegs, ihn zu beruhigen, im Gegentheil. Das Heulen des Schwarzen erregte denn auch die Ungeduld Robur's.

Da Tom Turner und die Anderen sich eben zum Fischfang anschickten, befahl der Ingenieur, um sich Frycollins zu entledigen, diesen in sein Ruff einzusperren. Der Neger setzte das vorige Unwesen fort, donnerte an die Wand und heulte aus Leibeskr?ften.

Es war jetzt Mittag. Der ?Albatros" schwebte eben nur fünf oder sechs Meter über der Oberfl?che des Meeres. Einige bei seiner Ann?herung erschreckte Boote waren eiligst davongefahren. Dieser Theil des Kaspi-Sees mu?te also bald ganz verlassen sein.

Man begreift leicht, da? die beiden Collegen unter diesen Verh?ltnissen, wo sie gelegentlich nur h?tten mit dem Kopfe zu nicken brauchen, der Gegenstand erh?hter Aufmerksamkeit sein mu?ten und wirklich waren.

Doch selbst angenommen, da? sie sich über Bord gestürzt h?tten, so w?re es doch leicht gewesen, sie mit Hilfe des Kautschukbootes des ?Albatros" wieder einzufangen. W?hrend dieses Fischzuges war also nichts zu thun, und Phil Evans betheiligte sich lieber selbst th?tig dabei, w?hrend Onkel Prudent im Zustand fortw?hrend kochender Wuth sich in seine Cabine zurückzog.

Bekanntlich bildet der Kaspi-See eine betr?chtliche Bodendepression wahrscheinlich vulcanischen Ursprunges. In dieses Becken ergie?en sich die Gew?sser sehr gro?er Str?me, wie der Wolga, des Ural, des Kur, der Kuma, Jemba u. A. Ohne die starke Verdunstung, welche dem Wasserbecken den Wasserüberflu? wieder entführt, h?tte dieses siebzehntausend Quadratmeilen gro?e Loch von fünf- bis sechshundert Fu? mittlerer Tiefe schon l?ngst die niedrigen und sumpfigen Küsten im Norden und Osten überfluthet. Obgleich diese Schale weder mit dem Schwarzen, noch mit dem Aral-Meer in Verbindung steht, deren Niveau weit h?her liegt, so ern?hrt es doch eine gro?e Menge Fische - wohl zu bemerken aber nur solche, welche die stark hervortretende Bitterkeit seines Wassers, eine Folge der Naphthaquellen am Südende desselben, vertragen.

Bei dem Gedanken an die Abwechslung, welche dieser Fischzug ihrem gewohnten Speisezettel zu verleihen versprach, gab die Mannschaft des ?Albatros" die Befriedigung, welche er derselben gew?hrte, deutlich genug zu erkennen.

?Achtung!" rief Tom Turner, der eben einen Fisch von ziemlich bedeutender Gr??e und ?hnlich einem Haifisch harpunirt hatte.

Es war das ein pr?chtiger, gegen sieben Fu? langer St?r, von der Art, welche die Russen Belonga nennen, dessen mit Salz, Essig und Wei?wein zugerichtete Eier den Caviar darstellen. Vielleicht sind die in den Flüssen gefangenen St?re noch schmackhafter als die aus dem Meere. Doch wurden letztere an Bord des ?Albatros" mit gro?em Jubel begrü?t.

Noch weit ergiebiger gestaltete sich dieser Fischzug aber durch Anwendung von Schleppnetzen, in welchen es bald von Karpfen, Brachsen und Seehechten, vorzüglich von jenen mittelgro?en Sterlets wimmelte, welche reiche Feinschmecker lebend von Astrachan nach Moskau und Petersburg bringen lassen. Diese hier wanderten - ohne alle Transportkosten - unmittelbar aus ihrem natürlichen Element in die Siedekessel der Mannschaftsküche.

Die Leute Robur's zogen mit gro?em Vergnügen die Leine ein, nachdem der ?Albatros" sie mehrere Stunden lang langsam dahingeführt hatte. Der Gascogner Tapage (der Name bedeutet deutsch: L?rmen, Get?se) machte durch sein Jubelgeschrei seinem Namen alle Ehre. Eine Stunde genügte, alle Beh?lter des ?Albatros" mit jenem Nahrungsmaterial zu füllen, und dieser fuhr darauf nach Norden zu weiter.

W?hrend dieses Aufenthaltes hatte Frycollin nicht aufgeh?rt, zu schreien, an die Wand seiner Cabine zu h?mmern, mit einem Worte, einen unausstehlichen L?rm zu machen.

?Wird dieser verdammte Nigger denn nicht Ruhe halten lernen! sagte Robur, dem die Geduld nun wirklich zu Ende ging.

- Mir scheint, Herr Robur, da? er v?llig Recht hat, sich zu beklagen, bemerkte Phil Evans.

- Ja, ganz wie ich das Recht habe, meinen Ohren diese Qual zu ersparen, erwiderte Robur.

- Ingenieur Robur! ... lie? sich da der eben auf dem Verdeck erscheinende Onkel Prudent vernehmen.

- Herr Pr?sident des Weldon-Instituts?" ...

Beide waren auf einander zugetreten und sahen sich eine Zeit lang in die Augen.

Dann zuckte Robur ein wenig die Achseln.

?An das Ende des Taues!" sagte er.

Tom Turner hatte ihn verstanden; Frycollin wurde aus seiner Cabine geholt.

Aber wie j?mmerlich schrie er auf, als der Obersteuermann und einer von dessen Kameraden ihn ergriffen und in einer Art Korb festbanden, an dem sie sorgsam das Ende eines Taues festknüpften.

Es war das eines jener Taue, welche Onkel Prudent zu dem uns bekannten Zwecke benützen wollte.

Der Neger hatte zuerst geglaubt, er solle gehenkt werden ... Nein, er sollte nur aufgeh?ngt werden.

Das Tau wurde n?mlich au?en in der L?nge von etwa hundert Fu? abgerollt und Frycollin schwebte damit frei in der Luft.

Jetzt stand es in seinem Belieben, zu schreien, so viel er wollte; der Schrecken schnürte ihm jedoch den Kehlkopf zu - er blieb stumm.

Onkel Prudent und Phil Evans hatten sich dem barbarischen Verfahren widersetzen wollen - sie wurden einfach zurückgesto?en.

?Das ist abscheulich! ... Das ist Barbarei! rief Onkel Prudent, der darüber ganz au?er sich war.

- Freilich! antwortete Robur.

- Das ist ein Mi?brauch der Gewalt, gegen den ich noch anders als durch Worte allein Einspruch erheben werde!

- Immer zu!

- Ich werde mich r?chen, Ingenieur Robur!

- R?chen Sie sich getrost, Pr?sident des Weldon-Instituts.

- An Ihnen und Ihren Leuten!"

Die Mannschaft des ?Albatros" hatte sich in nicht besonders wohlwollender Haltung gen?hert. Robur gab den Leuten ein Zeichen, sich zu entfernen.

?Ja, an Ihnen und Ihren Leuten ... wiederholte Onkel Prudent, den sein College vergebens zu beruhigen suchte.

- Ganz wie es Ihnen beliebt, erwiderte der Ingenieur.

- Und ohne Rücksicht auf die Mittel!

- Genug, sagte jetzt Robur in drohendem Tone, genug! Es giebt noch mehr Taue an Bord! Schweigen Sie ... oder ... der Herr ganz wie der Diener."

Onkel Prudent schwieg, aber nicht aus Furcht, sondern weil ihn eine wahre Erstickung beklemmte, so da? Phil Evans ihn in seine Cabine führen mu?te.

Seit einer Stunde hatte sich das Wetter sehr merkbar ver?ndert und es traten einzelne Zeichen hervor, welche keine Mi?deutung zulie?en - ein Unwetter war im Anzug. Die elektrische S?ttigung der Atmosph?re hatte einen so hohen Grad erreicht, da? Robur gegen zweieinhalb Uhr Zeuge einer bisher von ihm nie beobachteten Erscheinung wurde.

Im Norden, von wo das Unwetter herkam, stiegen dicht geballte, fast leuchtende Dünste auf - was jedenfalls von der verschiedenen und wechselnden elektrischen Spannung der Wolkenschichten herrührte.

Der Reflex von diesen Ansammlungen lie? Myriaden von Lichtern auf der Oberfl?che des Meeres hintanzen, deren Intensit?t um so lebhafter wurde, je mehr der Himmel sich verfinsterte.

Der ?Albatros" und jenes Meteor mu?ten bald zusammentreffen, da sie sich auf einander zu bewegten.

Und Frycollin? - Nun Frycollin folgte noch immer im Schlepptau - ja, das ist das richtige Wort, denn jenes Tau bildete einen weit offenen Winkel gegen den mit der Geschwindigkeit von hundert Kilometern hinfliegenden Apparat, wodurch der Korb nicht unerheblich zurückblieb.

Das Entsetzen des armen Teufels wird man sich unschwer ausmalen k?nnen, als die Blitze jetzt um ihn her aufzuckten und der Donner mit gewaltiger Macht durch die Himmelsr?ume rollte. Das ganze Personal bemühte sich angesichts dieses Unwetters so zu man?vriren, da? sie entweder h?her als dasselbe hinaufkamen oder in den unteren Luftschichten bald jenes im Rücken lie?en.

Der ?Albatros" befand sich eben ungef?hr in mittlerer H?he - etwa tausend Meter - als ein Donnerschlag von ungeheurer Heftigkeit über ihn hereinbrach, dem ein furchtbarer Windsto? folgte. Binnen wenigen Sekunden stürzten sich die feurigen Wolken auf den Aeronef.

Da raffte sich Phil Evans zusammen, um zu Gunsten Frycollins ein gutes Wort einzulegen und zu erkl?ren, da? dieser wieder an Bord herangezogen würde.

Robur hatte eine solche Vermittlung aber gar nicht erst abgewartet und schon den n?thigen Befehl ertheilt. Jetzt waren die Leute bereits mit dem Einziehen des Taues besch?ftigt, als sich eine pl?tzliche Verlangsamung der Rotation der Auftriebschrauben bemerkbar machte.

Robur sprang nach dem mittleren Ruff.

?Kraft! ... Volle Kraft! rief er dem Maschinisten zu. Wir müssen schnell h?her, als das Unwetter steht, emporsteigen.

- Es ist unm?glich, Herr Ingenieur.

- Warum?

- Die Str?me sind gest?rt ... Es treten Unterbrechungen ein."

In der That senkte sich der ?Albatros" schon recht merkbar.

Ganz wie das bei Gewittern mit den Str?men in den Telegraphendr?hten vorkommt, so versagten jetzt auch die Accumulatoren des Apparats den regelm??igen Dienst; was aber nur eine Unbequemlichkeit ist, wenn es sich um Absendung von Depeschen handelt, wurde hier zur furchtbarsten Gefahr, das mu?te damit enden, da? der Aeronef, ohne da? man seiner ferner Herr war, in's Meer hinabstürzte.

?Lass' ihn sich senken, rief Robur, damit wir aus der elektrischen Zone herauskommen. Vorw?rts, Jungen, bewahrt Euer kaltes Blut!"

Der Ingenieur hatte seine Commandobrücke bestiegen. Die Mannschaft war an ihrer Stelle und hielt sich bereit, jeder Anordnung ihres Herrn eiligst nachzukommen.

Obwohl der ?Albatros" sich nur einige hundert Fu? gesenkt hatte, schwebte er doch immer noch in der dichten Wolkenschicht inmitten von Blitzen, die sich wie Raketen eines Feuerwerks kreuzten. Man mu?te jeden Augenblick fürchten, da? ihn ein Blitzstrahl treffe. Die Bewegung der Schrauben verlangsamte sich noch mehr, und was bisher ein etwas Schnelleres Herabsinken war, drohte jetzt ein gef?hrlicher Sturz zu werden.

Zuletzt lag es auf der Hand, da? er in weniger als einer Minute auf der Meeresfl?che angelangt sein mu?te, und einmal in's Wasser getaucht, h?tte keine Macht ihn daraus zu befreien vermocht.

Pl?tzlich lagerte sich die elektrische Wolke dicht über ihnen. Der ?Albatros" war jetzt nicht mehr als sechzig Fu? vom Kamm der Wellen entfernt. Binnen zwei bis drei Secunden drohten diese das Verdeck zu überfluthen.

Da benützte Robur noch den letzten Moment, stürzte nach dem mittleren Ruff hin und packte hier die Hebel für die Vorw?rtsbewegung, wodurch die von den Batterien kommenden Str?me geschlossen wurden, auf welche die elektrische Spannung der umgebenden Atmosph?re keinen Einflu? ?u?erte ... in einem Augenblick hatte er den Schrauben ihre normale Schnelligkeit wieder gegeben, den Sturz aufgehalten, und der ?Albatros" hielt sich in geringer H?he, entfloh jetzt aber mit rasender Eile dem Unwetter, das er bald hinter sich zurücklie?.

Es bedarf wohl nicht besonderer Bemerkung, da? Frycollin, wenn auch nur für wenige Secunden, ein unfreiwilliges Bad genommen hatte. Als er an Bord zurückkam, war er durchn??t, als h?tte er die Tiefe des Meeres gemessen. Man wird es kaum glauben, aber er schrie nicht mehr.

Am n?chsten Tage, am 4. Juli, hatte der ?Albatros" die Nordgrenze des Kaspi-Sees überschritten.

* * *

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