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   Chapter 8 No.8

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 26332

Updated: 2017-11-30 00:04


Worin man sehen wird, da? Robur sich entschlie?t, auf die ihm vorgelegte wichtige Frage zu antworten.

In einer der Cabinen des Ruffs auf dem Hinterdeck hatten Onkel Prudent und Phil Evans zwei vorzügliche Lagerst?tten, W?sche, eine hinreichende Menge Kleidungsstücke zum Wechseln, nebst M?nteln und Reisedecken vorgefunden. Kein transatlantischer Dampfer h?tte ihnen mehr Bequemlichkeiten bieten k?nnen. Wenn sie nicht in einem fort schliefen, so lag das nur in ihrer Absicht, oder es hielten sie mindestens sehr beunruhigende Gedanken davon zurück. In welch' unberechenbares Abenteuer waren sie hier gerathen? Was zu erleben und zwar wider ihren Willen zu erleben stand ihnen Alles noch bevor? Wie würde die ganze Geschichte ablaufen und was beabsichtigte eigentlich der Ingenieur Robur? - Das war gewi? genug Material, unausgesetzt ihre Gedanken zu erfüllen.

Der Diener Frycollin war auf dem Verdeck in einer mit der des Kochs vom ?Albatros" zusammensto?enden Cabine untergebracht worden. Diese Nachbarschaft mi?fiel ihm keineswegs - er liebte es, sich mit den gro?en dieser Erde auf guten Fu? zu stellen. Doch wenn er endlich einschlief, so tr?umte der arme Teufel nur vom Herabstürzen durch die Luft, was seinen Schlummer zum fortw?hrenden Alpdrücken verunstaltete.

Und doch konnte es keine ruhigere Fahrt geben, als dieses Dahinschweben durch die Atmosph?re, deren Str?mung sich am Sp?tabend ganz gelegt hatte. Au?er dem Schwirren der Schraubenflügel drang kein Ger?usch nach dieser H?he, h?chstens zuweilen der schrille Pfiff einer irdischen Locomotive, die auf ihrer Eisenstra?e dahinrollte, oder kaum vernehmbare Laute von Hausthieren. - Ein eigenthümlicher Instinct schien diesen Erdengesch?pfen zu verrathen, da? die Flugmaschine über ihnen hinglitt, und das veranla?te sie, einen Angstschrei von sich zu geben.

Am folgenden Tage, am 14. Juni, lustwandelten Onkel Prudent und Phil Evans schon früh fünf Uhr auf dem Verdeck des ?Albatros". Eine Ver?nderung gegen den Vortag zeigte sich nicht, der Ausguck stand am vorderen, der Steuermann am hinteren Theile desselben. Wozu diente aber hier ein Wachtposten? Fürchtete man auch mit der ersten Maschine dieser Art einen etwaigen Zusammensto?? Nein, das gewi? nicht. Robur hatte ja noch keine Nachahmer gefunden. Die M?glichkeit, einem in den Lüften schwebenden Aerostaten zu begegnen, war eine so geringe, da? sie füglich au?er Rechnung gelassen werden konnte. Jedenfalls w?re der Aerostat am schlimmsten daran gewesen - wie bei einem Zusammensto? des eisernen Topfes mit dem irdenen. Der ?Albatros" hatte von einer solchen Collision ja so gut wie nichts zu fürchten.

Doch konnte eine solche überhaupt vorkommen? Ja. Es war ja nicht ausgeschlossen, da? der Aeronef unversehens auf eine Küste zusteuerte, wie ein Schiff, wenn ein Berg, den es eben nicht umsegeln kann, ihm den Weg versperrte. Ein solcher Berg w?re also eine Klippe in der Luft, und diese galt es zu vermeiden, wie das Schiff die Klippe des Meeres zu meiden hat.

Wohl hatte der Ingenieur, ganz wie ein Capit?n die Fahrtrichtung angegeben unter Berücksichtigung der nothwendigen H?he, in der sich der Apparat halten mu?te, um auch die h?chsten Berggipfel der betreffenden Gegenden zu übersegeln. Da der Aeronef sich aber eben im stark gebirgigem Lande befand, war es gewi? nur ein Gebot der Klugheit, sorgsam Ausguck zu halten, wenn er einmal aus irgend einem Grunde vom richtigen Laufe abwich.

Bei Betrachtung der unter ihnen liegenden Gegend bemerkten Onkel Prudent und Phil Evans einen gro?en Binnensee, dessen nach Süden gelegene Spitze der ?Albatros" bald erreichen mu?te. Sie schlossen daraus, da? sie w?hrend der Nacht über den Erie-See in seiner ganzen L?nge weggekommen w?ren. Da der Aeronef nun direct nach Westen steuerte, so mu?ten sie sp?ter den ?u?ersten Theil des Michigan-Sees erreichen.

?Hier ist kein Zweifel m?glich, sagte Phil Evans, jenes Meer von D?chern am Horizonte ist Chicago!"

Er t?uschte sich nicht, das war die genannte Stadt, in der siebzehn Eisenbahnlinien zusammenlaufen, die K?nigin des Westens, das ungeheure Magazin, in dem die Erzeugnisse von Indiana, Ohio, Wisconsin, Missouri und überhaupt die aus allen Provinzen zusammenstr?men, welche den westlichen Theil der Union bilden.

Bewaffnet mit einem vortrefflichen Marinefernrohr, das er in seinem Ruff gefunden, erkannte Onkel Prudent leicht die Hauptgeb?ude jener Stadt. Sein College konnte ihm die Kirchen, die ?ffentlichen Bauten, die zahlreichen Elevatoren, ebenso wie das gewaltige H?tel Sheeman zeigen, das einem gro?en Würfel, wie man solche zum Spielen gebraucht, glich, an dem freilich die Fenster als hundertfache Augen auf jeder Seite erschienen.

?Da das Chicago ist, bemerkte Onkel Prudent, so ist damit bewiesen, da? wir etwas gar zu weit nach Westen entführt worden sind, als es wünschenswert w?re, um nach unserem Abfahrtspunkt zurückzukehren."

Der ?Albatros" entfernte sich in der That in gerader Linie von der Hauptstadt Pennsylvaniens.

H?tte Onkel Prudent aber Robur auch darum angehen wollen, sie nun nach Osten zurückzuführen, so w?re das jetzt wenigstens unm?glich gewesen. Gerade an diesem Morgen schien der Ingenieur gar keine Eile zu haben, seine Cabine zu verlassen, mochte er darin nun mit irgend welchen Arbeiten besch?ftigt sein oder vielleicht nur noch schlafen. Die beiden Collegen mu?ten also frühstücken, ohne ihn gesehen zu haben.

Die Fahrgeschwindigkeit war seit dem vorigen Tage nicht ver?ndert. Bei der Richtung des eben wendenden Windes wurde dieselbe nicht l?stig, und da der Thermometer sich nur um einen Grad bei der Erhebung um hundertsiebenzig Meter senkte, so war auch die Temperatur eine ertr?gliche. In Erwartung des Ingenieurs gingen Onkel Prudent und Phil Evans nachdenklich hin und her unter der Takelage der Schrauben - wenn der Ausdruck erlaubt ist - welche immerhin eine so schnelle Drehbewegung einhielten, da? die Strahlen ihrer Flügel zu einer halbdurchscheinenden Scheibe verschmolzen.

In weniger als zwei Stunden kamen sie auf diese Weise l?ngs seiner Nordgrenze über den Staat Illinois hinweg, und dabei über den Vater der Gew?sser, den Mississippi, dessen zweietagige Dampfer nicht gr??er als gew?hnliche K?hne erschienen. Dann wendete sich der ?Albatros" nach Iova, nachdem Iova-City gegen elf Uhr Vormittags in Sicht gekommen war.

Einzelne Hügelketten, die ?Bluffs", schl?ngelten sich von Süden nach dem Nordwesten durch dieses Gebiet. Ihre m??ige H?he machte keine besondere Aufsteigung des Aeronefs n?thig. Diese Bluffs mu?ten auch bald noch niedriger werden, um nachher den weiten Ebenen von Iova Platz zu machen, welche sich über dessen ganzen n?rdlichen Theil, wie über Nebraska ausdehnen - ungeheure Prairien, welche bis zum Fu? der Felsengebirge heranreichen. Da und dort gl?nzten zahlreiche Rios, Zuflüsse und Nebenflüsse des Missouri. An ihren Ufern lagen St?dte und D?rfer, welche jedoch immer seltener wurden, je nachdem der ?Albatros" schneller nach dem Far-West über sie hinwegglitt.

Im Laufe des Tages ereignete sich nichts Besonderes. Onkel Prudent und Phil Evans blieben sich g?nzlich selbst überlassen. Kaum bemerkten sie einmal Frycollin, der auf dem Verdeck ausgestreckt lag und die Augen geschlossen hielt, um lieber gar nichts zu sehen. Uebrigens litt er nicht etwa an Schwindelzuf?llen, wie man h?tte glauben k?nnen. Wegen Mangels an Vergleichsobjecten h?tte sich dieser Schwindel überhaupt nicht in derselben Weise ?u?ern k?nnen, wie etwa auf dem Dache eines hohen Geb?udes; der Abgrund verliert seine Anziehungskraft, wenn man in der Gondel eines Ballons oder auf dem Deck eines Aeronefs über ihm schwebt, oder vielmehr unter dem Aeronauten g?hnt gar kein Abgrund, sondern der Horizont allein erhebt sich an allen Seiten und umringt denselben.

Um zwei Uhr glitt der ?Albatros" über Omaha an der Grenze von Nebraska hin, über Omaha-City, den wirklichen Kopf der Pacific-Bahn, jenes fünfzehnhundert Lieues langen Schienenstranges, der New-York und San Francisco verbindet. Einen Augenblick lang sah man die gelblichen Fluthen des Missouri, nachher die Stadt mit ihren Holz- und Steinh?usern, inmitten dieses reichen Beckens gelegen gleich dem Schlo? eines Gürtels, der Nordamerika in der Taille umspannt.

Zweifellos mu?ten, w?hrend die Passagiere des Aeronefs alle diese Einzelheiten betrachteten, auch die Bewohner von Omaha den seltsamen Apparat wahrgenommen haben.

Ihr Erstaunen aber, denselben in den Lüften hinschweben zu sehen, konnte gewi? nicht gr??er sein, als das des Vorsitzenden und des Schriftführers des Weldon-Instituts, sich an Bord desselben zu befinden.

Jedenfalls lag hier eine Thatsache vor, welche durch die Journale der Union besprochen wurde; eben diese lieferte eine Erkl?rung des Ph?nomens, mit dem sich seit einiger Zeit die ganze Welt besch?ftigte.

Eine Stunde sp?ter war der ?Albatros" schon über Omaha hinweg. Der ?Albatros" steuerte jetzt constant nach Westen, indem er sich vom Platte-River entfernte, dessen Thal die Pacific-Railway durch die Prairie folgt. Den Onkel Prudent und Phil Evans konnte diese Wahrnehmung gerade nicht befriedigen.

?Die Sache wird ernsthaft mit diesem sinnlosen Project, uns zu den Antipoden zu bringen, sagte der Eine.

- Und noch dazu wider unseren Willen! bemerkte der Andere. O, dieser Robur soll sich nur in Acht nehmen, ich bin nicht der Mann dazu, mit mir spielen zu lassen!

- Ich auch nicht! versicherte Phil Evans. Doch, folgen Sie meinem Rathe, Onkel Prudent, versuchen Sie sich zu m??igen ...

- Mich m??igen! ...

- Und bemeistern Sie Ihre Wuth bis zu dem Augenblick, wo es an der Zeit ist, sie ausbrechen zu lassen."

Gegen fünf Uhr und nach Ueberschreitung der mit Tannen und Cedern bedeckten schwarzen Berge flog der ?Albatros" über jenen Gebieten hin, die man mit Recht das ?schlimme Land" genannt hat - ein Chaos von ockerfarbigen Hügeln, gleichsam von Bergstücken, welche der Sch?pfer hatte auf die Erde fallen lassen und die dabei in Trümmer gegangen waren. Von ferne gesehen, nahmen diese Bl?cke die phantastischesten Formen an. Da und dort inmitten dieser ungeheuren Ansammlung von Bruchstücken erblickte man Ruinen von mittelalterlichen St?dten mit Forts, Wartthürmen, Laufgr?ben und Schanzen. Heutzutage bildet dieses ?schlimme oder b?se Land" aber nichts als ein gewaltiges Beinhaus, in dem die Reste von Pachydermen, Chelonien und der Sage nach sogar von fossilen Menschen bleichen, welche durch eine unbekannte Erdrevolution in grauer Vorzeit hierher geworfen wurden.

Mit einbrechendem Abend war schon das gro?e Becken des Platte-River übersegelt. Jetzt dehnte sich vor dem ?Albatros" eine weite Ebene bis zu dem, durch dessen hohen Standpunkt sehr erweiterten Horizonte aus.

W?hrend der Nacht waren es nicht mehr die scharfen Pfiffe der Locomotive oder die heulenden T?ne von Dampfbooten, welche die Ruhe des gestirnten Firmaments st?rten. Lang anhaltendes Grunzen und Bl?cken drang manchmal bis zu dem, übrigens jetzt der Erde n?heren Aeronef hinauf. Dasselbe rührte von den Bisonheerden her, welche bei Aufsuchung von Wasserl?ufen und Weideland durch die Prairie trotteten. Und wenn jene schwiegen, dann erzeugte das Rascheln des Grases unter ihren Hufen ein dumpfes Ger?usch, ?hnlich dem Rauschen einer Ueberschwemmung, und sehr verschieden von dem Schwirren und Sausen der Schrauben.

Von Zeit zu Zeit lie? sich wohl auch das Heulen von W?lfen, das Gebell und Geschrei von Füchsen und Wildkatzen h?ren oder das scharfe Bellen von Coyots, jenes canis latrans, dessen Name sich schon durch die gellenden T?ne des Thieres rechtfertigt.

Daneben verbreitete sich ein durchdringender Duft von Minze, Salbei und Absinth, vermischt mit dem kr?ftigen Harzgeruch von Coniferen, in der reinen Nachtluft.

Endlich h?rte man, um alle vom Erdboden kommenden Ger?usche zu erw?hnen, auch eine Art recht unheimlichen Bellens, das aber nicht von den Coyots herrührte; das war der Schrei einer Rothhaut, welchen kein Pionnier des fernen Westens mit dem Geschrei eines Raubthieres verwechseln k?nnte.

Am 15. Juni verlie? Phil Evans gegen fünf Uhr Morgens seine Cabine. Vielleicht sollte er an diesem Tage den Ingenieur Robur endlich wiedersehen.

Begierig, zu erfahren, warum Jener sich am vergangenen Tage gar nicht gezeigt haben m?ge, wandte er sich an den Obersteuermann Tom Turner.

Tom Turner, von englischer Herkunft und etwa fünfundvierzig Jahre alt, breit in der Brust, untersetzt von Gestalt und mit Knochen von Eisen, hatte einen jener charakteristischen K?pfe à la Hogarth, wie sie dieser Maler der angels?chsischen H??lichkeiten aus seinem Pinsel hervorgezaubert hat. Wer die Tafel IV von Harlots Progre? genauer betrachtet, der wird auf derselben den Kopf Tom Turner's auf den Schultern des Gef?ngni?w?rters wiederfinden und wird erkennen, da? dessen Physiognomie nicht eben viel Ermuthigendes hat.

?Werden wir heute den Ingenieur Robur sehen? fragte Phil Evans.

- Wei? nicht, antwortete Tom Turner.

- Ich frage Sie nicht, ob er etwa weggegangen ist.

- Vielleicht.

- Auch nicht, wann er zurückkehren k?nnte.

- Vermutlich, wenn er mit seiner Cursbestimmung fertig ist."

Hier

mit verschwand Tom Turner schon wieder in seinem Ruff.

Phil Evans mu?te sich wohl oder übel mit dieser Antwort begnügen, welche umso weniger beruhigend erschien, als eine fortgesetzte Beobachtung des Compasses ihm lehrte, da? der ?Albatros" noch immer nach Südwesten weiter steuerte. Welcher Unterschied aber zwischen dem seit der Nacht verlassenen Gebiete des schlimmen Landes und der Landschaft, die sich jetzt unten auf der Erde entrollte!

Nachdem der Aeronef tausend Kilometer von Omaha aus zurückgelegt, befand er sich über einer Gegend, welche Phil Evans aus dem Grunde nicht zu erkennen vermochte, weil er sie vorher noch niemals besucht hatte. Einige Forts, mit dem Zwecke, die Indianer im Schach zu halten, bekr?nten die Bluffs mit ihren geometrischen Linien, welche mehr aus Palissaden, als aus Mauerwerk bestanden; D?rfer gab es nur wenige und ebenso wenig Bewohner in diesem von dem goldführenden, einige Grade südlicher liegenden Gebiete Colorados so auffallend verschiedenen Landstriche.

In der Ferne erhob sich, vorl?ufig nur in verschwindenden Umrissen, eine Reihe von Bergk?mmen, welche die aufsteigende Sonne mit feurig leuchtendem Kranze schmückte.

Das waren die Felsengebirge.

Zum ersten Male an diesem Morgen beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans eine empfindliche K?lte. Die Erniedrigung der Temperatur war aber nicht etwa einem Witterungsumschlage zuzuschreiben, denn die Sonne leuchtete fortw?hrend in hellem Glanze.

?Das wird von der Erhebung des ?Albatros" in der Atmosph?re herkommen," meinte Phil Evans.

In der That war der an der ?u?eren Seite der Thür des mittleren Ruffs angebrachte Barometer bis auf fünfhundertvierzig Millimeter gesunken - was einer Erhebung von etwa dreitausend Metern entspricht. Der Aeronef hielt sich also in einer bedeutenden, übrigens durch die gebirgige Bodenbeschaffenheit bedingten H?he.

Eine Stunde vorher hatte er sogar eine H?he von viertausend Metern übersteigen müssen, denn hinter ihm erhoben sich viele, mit ewigem Schnee bedeckte Bergh?upter.

Weder Onkel Prudent noch sein Gef?hrte konnten sich erinnern, welches Land das wohl w?re. Im Laufe der Nacht hatte der ?Albatros" ja einen anderen Weg nach Norden oder Süden einhalten k?nnen, und bei seiner überm??igen Schnelligkeit genügte das, sie schon sehr weit zu verschlagen.

Nachdem sie verschiedene mehr oder weniger annehmbare Hypothesen besprochen, einigten sie sich darüber, da? das vorliegende, von einem kreisf?rmigen Bergwall umrahmte Gebiet dasselbe sein werde, welches durch Congre?acte vom M?rz 1872 zum Nationalpark der Vereinigten Staaten erkl?rt worden war.

Sie hatten hiermit Recht, und jenes Gebiet verdient vollst?ndig den Namen eines Parks, aber eines solchen mit Bergen statt der Hügel, mit Seen statt der Teiche, mit Str?men statt der B?che, mit tiefen W?ldern statt künstlich angelegter Labyrinthe, und als Springbrunnen schmückten denselben wirkliche Geyser von erstaunlicher M?chtigkeit.

Nach wenig Minuten glitt der ?Albatros", den Stevensonberg rechts liegen lassend, über den Yellowstone-Flu? hin und gelangte nach dem gro?en See, der den Namen jenes Flusses tr?gt. Welch' reiche Abwechslung im Zuge der Ufer dieses Wasserbeckens, deren flachere, mit Obsidianen und kleinen Krystallen bes?ete R?nder die Sonnenstrahlen in unz?hligen Facetten widerspiegelten! Wie launenhaft liegen die Inseln über seine Oberfl?che zerstreut! Wie wunderbar blau wirft dieser Riesenspiegel die Farbe des Himmels zurück! Und rings um diesen See - übrigens einer der h?chstgelegenen der ganzen Erde - schwammen und flatterten ganze Wolken verschiedener V?gel, wie Pelikane, Schw?ne, M?ven, G?nse, Rothg?nse und Taucherv?gel. Einige der Strecken des steiler abfallenden Uferlandes trugen ein immergrünes Gewand von Fichten- und L?rchenb?umen, w?hrend am Fu?e seiner B?schungen unz?hlige wei?e Dampfquellen emporwirbelten. Dieser Dampf entsteigt dem Erdboden wie aus einem ungeheuren Kessel, in dem das Wasser durch das Feuer des Erdinneren in fortw?hrendem Sieden erhalten wird.

Für den Koch w?re jetzt oder niemals eine günstige Gelegenheit gewesen, sich mit reichlichem Vorrathe von Forellen zu versorgen, welche Fischart die einzige ist, die der Yellow-See, aber auch zu Myriaden, ern?hrt. Der ?Albatros" hielt sich jedoch stets in einer solchen H?he, da? ein Fischzug, der unzweifelhaft von eintr?glichem Erfolge gewesen w?re, sich nicht h?tte ausführen lassen.

Uebrigens wurde der See schon binnen dreiviertel Stunden und wenig sp?ter das Gebiet der Geyser, die mit den sch?nsten in Island wetteifern, überschritten. Ueber das Verdeck hinaus gebeugt, beobachteten Onkel Prudent und Phil Evans die flüssigen S?ulen, die hoch aufstiegen, als sollten sie dem Aeronef noch ein neues Kraftelement zuführen. Es waren das ?der F?cher", dessen D?mpfe sich kreisf?rmig ausbreiten; ?das befestigte Schlo?", das sich gleichsam durch Trombenschüsse zu vertheidigen scheint; ?der alte Treue" mit seiner von Regenbogen begrenzten Flüssigkeitss?ule, und ?der Riese", durch den der innere Druck einen lothrechten Strom von fünfundzwanzig Fu? Umfang auf mehr als zweihundert Fu? H?he emporschleudert.

Robur schien die Wunder dieses unvergleichlichen Schauspiels, das gewi? in der Welt einzig dasteht, schon zur Genüge zu kennen, denn er erschien nicht auf dem Verdeck.

Sollte er den Aeronef nur zum Vergnügen seiner G?ste über dieses National-Eigenthum hingeführt haben? Wenn diese Voraussetzung auch vielleicht zutraf, so entzog er sich doch ihren Dankesbezeugungen. Er lie? sich nicht einmal durch die kühne Fahrt quer durch die Felsengebirge, welche der ?Albatros" gegen sieben Uhr Morgens erreichte, aus seiner Ruhe st?ren.

Es ist bekannt, da? dieses orographische System sich gleich einem gewaltigen Rückgrat von den Lenden Nordamerikas bis zu dessen Halse hin ausdehnt, indem es eine Fortsetzung der mexikanischen Anden bildet. Das Ganze erreicht eine L?nge von dreitausendfünfhundert Kilometern und hat seinen h?chsten Punkt im Pic-James, der bis fast zw?lftausend Fu? hoch aufragt.

Gewi? h?tte der ?Albatros" durch Vermehrung seiner Flügelschl?ge, gleich einem im Aether dahineilenden Vogel, auch die h?chsten Gipfel dieser Ketten überfliegen k?nnen, um dann wie mit Riesenschwingen nach Oregon und Utah hinabzusteigen. Dieses Man?ver war aber nicht einmal nothwendig, da es hier P?sse giebt, um durch die Bergkette zu gelangen, ohne deren Kamm zu übersteigen. Man findet verschiedene solcher ?Ca?ons", eine Art mehr oder weniger enger Schluchten, durch welche man nur schwer gelangen kann - die einen, wie der Bridger-Pa?, dem auch die Pacific-Bahn folgt, um in das Mormonengebiet einzudringen, die anderen etwas weiter im Norden oder im Süden.

In einen dieser Ca?ons lenkte der ?Albatros" ein, nachdem er seine Geschwindigkeit vermindert hatte, um jedenfalls ein Ansto?en an die W?nde der Schlucht zu vermeiden. Der Steuermann, dessen ungemein sichere Hand die vorzügliche Wirksamkeit des Steuerruders in besonders helles Licht setzte, lenkte denselben, wie er es mit einem Boote ersten Ranges beim Wettfahren des Royal Thames Club gethan h?tte. Es war in der That bewunderungswürdig anzusehen. Und trotz des Widerwillens, den die beiden Feinde des ?Schwerer, als die Luft" noch immer empfanden, mu?ten sie doch entzückt sein über die Vollkommenheit dieser sich durch den Luftraum bewegenden Maschine.

Binnen weniger als zweiundeinerhalben Stunde wurde die gewaltige Bergkette durchfahren und der ?Albatros" nahm seine gew?hnliche Geschwindigkeit von hundert Kilometer (in der Stunde) wieder an. Er steuerte jetzt auf's Neue dem Südwesten zu, um nicht gar zu hoch über dem Erdboden das Gebiet von Utah schr?g zu durchschneiden. Dabei war er bis auf wenige hundert Meter gesunken, als die T?ne einer Pfeife die Aufmerksamkeit des Onkel Prudent und Phil Evans' erregten.

Diese kamen von einem Zuge der Pacific-Bahn her, welcher der Stadt am gro?en Salzsee zudampfte.

In diesem Augenblick senkte sich auf geheimen Befehl der ?Albatros" noch weiter, um dem mit voller Dampfkraft dahinfahrenden Zuge zu folgen. Er wurde sofort bemerkt. Einige K?pfe erschienen an den Thüren der Waggons. Dann dr?ngten sich bald zahlreiche Passagiere auf den kleinen Laufbrücken, welche die amerikanischen ?Cars" mit einander verbinden. Einzelne wagten es sogar, die Doppelwagen des Trains zu erklettern, um die Flugmaschine besser sehen zu k?nnen. Laute Hipps und Hurrahs dr?hnten durch die Luft, hatten aber nicht den Erfolg, Robur erscheinen zu lassen.

Das Spiel seiner Schrauben weiter verlangsamend, stieg der ?Albatros" noch immer tiefer hinunter und verminderte auch seine horizontale Schnelligkeit, um den Bahnzug, den er bequem h?tte überholen k?nnen, nicht hinter sich zu lassen. So flog er über diesen hin, wie ein ungeheurer K?fer, w?hrend er doch h?tte einem riesenhaften Raubvogel gleichen k?nnen. Jetzt schwenkte er wie spielend nach rechts und nach links ab, scho? einmal vorw?rts und kehrte auf demselben Wege wieder zurück, auch hatte er stolz die schwarze Flagge mit der goldenen Sonne gehi?t, worauf der Zugführer als Antwort das Banner mit den siebenunddrei?ig Sternen der amerikanischen Union schwenkte.

Vergeblich versuchten die beiden Gefangenen, die sich jetzt darbietende Gelegenheit zu benützen, um Kunde davon zu geben, was aus ihnen geworden w?re. Vergebens rief der Vorsitzende des Weldon-Instituts mit Stentorstimme:

?Ich bin Onkel Prudent aus Philadelphia!"

Und der Schriftführer.

?Ich bin Phil Evans, sein College!"

Ihre Rufe verhallten in den tausend Hurrahs, mit denen die Passagiere des Zugs die merkwürdige Erscheinung des Luftschiffes begrü?ten.

Inzwischen waren drei bis vier Mann vom Aeronef auf dem Verdeck desselben erschienen und Einer von ihnen lie? - wie es Seeleute zu thun pflegen, wenn sie ein langsamer fahrendes Schiff überholen - nach dem Zuge ein Stück Tau hinab - ein ironisches Angebot, ihn in's Schlepptau zu nehmen.

Dann nahm der ?Albatros" sofort seinen gew?hnlichen Gang wieder an und nach einer halben Stunde hatte er jenen Expre?zug, dessen letzte Dampfw?lkchen bald aus dem Gesichtskreise verschwanden, schon weit hinter sich gelassen.

Gegen ein Uhr Mittags wurde eine sehr gro?e Scheibe sichtbar, welche die Sonnenstrahlen gleich einem ungeheuren Reflector zurückwarf.

?Das mu? die Hauptstadt der Mormonen, Salt-Lake-City, sein!" sagte Onkel Prudent.

In der That war es die gro?e Salzsee-Stadt und jene convexe Scheibe war das Dach des Tabernakels, das bequem zehntausend Heilige aufnehmen kann. Wie ein erhabener Spiegel zerstreute derselbe die Strahlen der Sonne nach allen Richtungen hin.

Hier dehnte sich die gro?e Stadt aus am Fu?e der Wasatsh-Berge, welche bis zur halben H?he mit Cedern und Fichten bedeckt sind, und am Ufer jenes Jordan, der die Gew?sser von Utah in den gro?en Salzsee ergie?t. Unter dem Aeronef breitete sich das Damenbrett aus, welches die meisten amerikanischen St?dte bilden - hier ein Damenbrett mit ?mehr Damen als Feldern", da die Polygamie bei den Mormonen in so hoher Blüthe steht. Die Landschaft im Umkreise zeigte sich jedoch gut bestellt und cultivirt, auch reich an Spinnfaserpflanzen, w?hrend sich Schafheerden von mehr als tausend K?pfen vielfach umhertummelten.

Aber das Ganze verbla?te wie ein Schatten, und der ?Albatros" flog jetzt nach Südwest mit gesteigerter Geschwindigkeit, welche ziemlich fühlbar wurde, weil sie die des Windes übertraf.

Bald darauf schwebte der Aeronef über dem Staate Nevada und seinen silberführenden Gebieten, die nur die Sierra von den goldführenden L?ndereien Kaliforniens trennt.

?Wir k?nnen auf jeden Fall erwarten, San Francisco noch vor dem Abend zu sehen, sagte Phil Evans.

- Und dann?..." antwortete Onkel Prudent.

Es war jetzt um sechs Uhr Nachmittags, als die Sierra Nevada durch denselben Einschnitt von Truckie überschritten wurde, der auch der Bahn als Bergpa? dient. Von hier aus hatte man nur noch dreihundert Kilometer zurückzulegen, um, wenn nicht San Francisco, so doch mindestens Sacramento, die Hauptstadt von Californien, zu erreichen.

Die dem ?Albatros" jetzt verliehene Geschwindigkeit war eine so gro?e, da? noch vor acht Uhr die Kuppel des Capitols am westlichen Horizonte auftauchte, nur um bald wieder am entgegengesetzten zu verschwinden.

Eben jetzt zeigte sich Robur auf dem Verdeck. Die beiden Collegen gingen auf ihn zu.

?Ingenieur Robur, begann Onkel Prudent, wir befinden uns nun an den Grenzen Amerikas. Wir meinen, dieser Scherz k?nnte nun sein Ende finden.

- Ich scherze nie," antwortete Robur.

Er gab ein Zeichen; der ?Albatros" senkte sich schnell abw?rts, doch gleichzeitig nahm er eine solche Schnelligkeit an, da? sich Alle in die Ruffs flüchten mu?ten.

Kaum hatte sich die Thür der Cabine hinter den beiden Collegen geschlossen, als Onkel Prudent rief:

?Nur noch etwas mehr und ich erwürge ihn!

- Wir müssen versuchen, zu entfliehen, rieth Phil Evans.

- Ja ... es koste, was es wolle!"

Da klang ein langes Gemurmel bis zu ihnen herein.

Das war das Grollen des Meeres, das gegen die Küstenfelsen brandete. Es war der Pacifische Ocean.

* * *

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