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   Chapter 2 No.2

Robur der Sieger By Jules Verne Characters: 22601

Updated: 2017-11-30 00:04


In welchem die Mitglieder des Weldon-Instituts mit einander streiten, ohne zu einer Uebereinstimmung zu gelangen.

?Und der Erste, der das Gegentheil behauptet ...

- Oho, das wird man behaupten, wenn ein Grund dafür vorliegt!

- Und auch trotz Ihrer Drohungen! ...

- Achten Sie auf Ihre Worte, Bat Fyn!

- Und Sie auf die Ihrigen, Onkel Prudent!

- Ich bleibe dabei, da? sich die Schraube nur am Hintertheil befinden darf!

- Wir auch! Wir auch! erschallten fünfzig Stimmen wie aus einer Kehle.

- Sie mu? am Vordertheil sein! rief Phil Evans.

- Am Vordertheil! brüllten fünfzig andere Stimmen eben so stark, wie jene früheren.

- Wir werden nie zu ein und derselben Ansicht kommen!

- Niemals! ... Niemals!

- Nun, warum streiten wir dann überhaupt noch?

- Das ist kein Streit ... es ist nur eine Er?rterung!"

Das h?tte freilich kein Mensch geglaubt, der die scharfe Entgegnung, die Vorwürfe und das Geschrei h?rte, welche den Sitzungssaal seit einer guten Viertelstunde erfüllten.

Gedachter Saal war n?mlich der gr??te des Weldon-Institutes ... und jenes vor allen berühmten Clubs in der Walnut Street zu Philadelphia, Pennsylvanien, Vereinigte Staaten von Nordamerika.

In genannter Stadt war es erst am Vortage bei Gelegenheit der Wahl eines Gaslaternenanzünders zu ?ffentlichen Kundgebungen, ger?uschvollen Versammlungen und zu reichlich ausgetheilten Schl?gen gekommen. Daher rührte eine noch nicht bes?nftigte Reizbarkeit und stammte wohl auch jene au?ergew?hnliche Erregung, welche die Mitglieder des Weldon-Instituts eben zeigten. Und hierbei handelte es sich nur um eine einfache Vereinigung von ?Ballonisten", welche über die noch heutigen Tages brennende Frage der Lenkbarkeit der Ballons verhandelten.

Der Vorgang aber spielte sich in einer Stadt der Vereinigten Staaten ab, welche an schneller Entwickelung selbst New-York, Chicago, Cincinnati und San Francisco überholt hat - einer Stadt, welche weder ein Hafenplatz, noch der Mittelpunkt von Petroleum- oder Steinkohlenbergwerken, auch kein Brennpunkt der Industrie, so wenig wie der Kreuzungspunkt eines vielstrahligen Bahnnetzes ist - in einer Stadt, die an Gr??e schon Manchester, Edinburgh, Liverpool, Wien, Petersburg und Dublin übertrifft - einer Stadt, die einen Park besitzt, in dem die sieben Parks der Hauptstadt von England zusammen Platz finden - einer Stadt endlich, welche jetzt nahezu 1,200.000 Einwohner z?hlt und sich nach London, Paris, New-York und Berlin als die fünfte Stadt der Welt betrachtet.

Philadelphia ist fast eine Stadt aus Marmor mit seinen vielen monumentalen Geb?uden und ?ffentlichen Anstalten, welche ihres Gleichen nirgends finden. Das bedeutendste aller Collegs der Neuen Welt ist das Colleg Girard, und das hat seinen Sitz in Philadelphia. Die gr??te Eisenbrücke der Erde ist die, welche den Schuylkill überspannt, und diese befindet sich in Philadelphia. Der sch?nste Tempel der Freimaurerei ist der Maurertempel in Philadelphia; endlich besteht der gr??te Club von Freunden und Bef?rderern der Luftschifffahrt ebenfalls in Philadelphia, und wer Gelegenheit gehabt h?tte, diesen am Abend des 12. Juni zu besuchen, der würde sich dabei ausgezeichnet unterhalten haben.

In erw?hntem gro?en Saale bewegten, dr?ngten sich, gestikulirten, sprachen, verhandelten und stritten - Alle den Hut auf dem Kopfe - wohl hundert Ballonisten unter dem hohen Vorsitz eines Pr?sidenten, dem ein Schriftführer und ein Schatzmeister zur Seite standen. Es waren das keine Ingenieurs von Fach; nein, einfache Liebhaber alles Dessen, was mit der Aerostatik in Beziehung stand, aber begeisterte Liebhaber, und vor Allem Feinde Derjenigen, welche den Aerostaten Apparate, ?schwerer als die Luft", fliegende Maschinen, Luftschiffe u. dgl. entgegenzustellen beabsichtigen. Da? diese wackeren Leute nimmermehr die Lenkbarkeit des Ballons erfinden würden, war gewi? mehr als wahrscheinlich. Auf jeden Fall hatte ihr Vorsitzender Noth genug, um sie selbst geh?rig zu lenken und zu leiten.

Dieser in Philadelphia sattsam bekannte Pr?sident war der Onkel Prudent - Prudent seinem Familiennamen nach. Was die weitere Bezeichnung ?Onkel" betrifft, so braucht man sich in Amerika über diese nicht zu wundern, wo Jeder zum Onkel werden kann, ohne einen Neffen oder eine Nichte zu haben. Man sagt dort ebenso Onkel, wie anderw?rts Vater von Leuten, welche auf eine Vaterschaft nicht den geringsten Anspruch haben.

Onkel Prudent war eine gewichtige Pers?nlichkeit und trotz seines Namens oft genannt gerade wegen seiner Kühnheit, daneben sehr reich, was selbst in den Vereinigten Staaten nicht von Nachtheil sein soll. Wie h?tte er das auch nicht sein sollen, da er einen gro?en Theil der Niagarafall-Actien sein eigen nannte? Jener Zeit hatte sich n?mlich in Buffalo eine Gesellschaft von Ingenieuren zur Ausbeutung der berühmten F?lle gegründet. Die 7500 Cubikmeter, welche der Niagara jede Secunde hinabw?lzt, k?nnen 7 Millionen Dampfpferdekr?fte erzeugen. Diese ungeheure, in einem Umkreise von 500 Kilometer nach allen Fabriken und Werkst?tten vertheilte Kraftmenge lieferte eine j?hrliche Ersparni? von 1200 Millionen Mark, von dem ein Theil in die Cassen der Gesellschaft - speciell in die Taschen des Onkel Prudent - zurückflo?. Uebrigens war er Junggeselle, lebte h?chst einfach und hatte als h?uslichen pers?nlichen Beistand niemand Anderen, als seinen Diener Frycollin, der eigentlich am allerwenigsten verdiente, im Dienste eines so kühnen, unternehmenden Herrn zu stehen. Aber es giebt einmal Regelwidrigkeiten.

Da? der Onkel Prudent Freunde hatte, da er so reich war, versteht sich ja von selbst; aber er hatte auch Feinde, weil er Vorsitzender jenes Clubs war - unter Allen alle die, welche selbst nach diesem Amte strebten; und als der hitzigsten Einer ist hier der Schriftführer des Weldon-Institutes zu erw?hnen.

Es war das der ebenfalls sehr reiche Phil Evans, der Director der Walton Watch Company, einer gewaltigen Uhrenfabrik, welche tagt?glich 500 Stück Zeitmesser erzeugt und Producte liefert, die sich den besten der Schweiz an die Seite stellen k?nnen. Phil Evans h?tte also für einen der glücklichen Menschen der Welt selbst in den Vereinigten Staaten gelten k?nnen, wenn man von jener Stellung des Onkel Prudent absah. Wie letzterer, war auch er 45 Jahre alt, von scheinbar unerschütterlicher Gesundheit, wie jener von unzweifelhafter Kühnheit, und sorgte er sich wenig darum, die gewissen Vorzüge des Junggesellenstandes gegen die oft zweifelhaften Vortheile der Ehe zu vertauschen. Wahrlich, das waren zwei M?nner, wie geschaffen, einander zu verstehen, die sich doch nicht verstanden, und Beide, was wohl zu bemerken ist, von ungemein stark entwickeltem Charakter, der Eine, Onkel Prudent, hitzig, der Andere, Phil Evans, eiskalt bis zum Ueberma?e.

Und woher kam es, da? Phil Evans nicht zum Vorsitzenden des Clubs ernannt worden war? Die Stimmenzahl für Onkel Prudent und für ihn war die genau gleiche gewesen. Wohl zwanzig Mal wurde die Abstimmung wiederholt, aber auch zwanzig Mal ergab sich eine Majorit?t weder für den Einen, noch für den Anderen. Das war eine peinliche Lage, welche wahrscheinlich die Lebenszeit der beiden Candidaten h?tte überdauern k?nnen.

Da schlug ein Mitglied des Clubs ein Mittel vor, die Stimmengleichheit aufzuheben. Es war Jem Cip, der Schatzmeister des Weldon-Institutes. Jem Cip war eingefleischter Vegetarianer, mit anderen Worten, ausschlie?licher Gemüseesser, einer der Leute, die jede Fleischnahrung, wie alle gegohrenen Getr?nke verwarfen - halb Brahmanen und halb Muselm?nner - der Rival eines Nievmann, Pitmann, Ward und Davie, welche der Secte dieser unschuldigen Thoren einen gewissen Namen gemacht haben.

Bei vorliegender Gelegenheit wurde Jem Cip von einem anderen Mitglied des Clubs unterstützt, von William T. Forbes, dem Director einer gro?en Anstalt, in der Glucose durch Behandlung von Lumpen mit Schwefels?ure hergestellt wurde - ein Verfahren, nach dem man also Zucker aus alter W?sche zu erzeugen vermag. Es war ein gut situirter Mann, dieser William T. Forbes, und Vater von zwei reizenden, bejahrteren T?chtern, der Mi? Dorothee, genannt Doll, und der Mi? Martha, genannt Mat, die in der besten Gesellschaft von Philadelphia den Ton angaben.

Der von William T. Forbes nebst einigen Anderen unterstützte Vorschlag Jem Cip's ging nun dahin, den Vorsitzenden des Clubs durch den Mittelpunkt zu bestimmen.

Wahrlich, dieser Wahlmodus k?nnte in allen F?llen angewendet werden, wo es sich darum handelt, den Würdigsten zu erw?hlen, und sehr viele, h?chst vernünftige Amerikaner dachten auch schon daran, denselben bei der Ernennung des Pr?sidenten der Vereinigten Staaten zur Anwendung zu bringen.

Auf zwei tadellos wei?e Tafeln wurde hierzu je eine schwarze Linie gezogen. Die L?nge beider war mathematisch genau die gleiche, denn man hatte dieselbe mit ebenso viel Sorgfalt abgemessen, als handelte es sich dabei um die Grundlinien des ersten Dreiecks einer Triangulationsarbeit. Hierauf wurden beide Tafeln am n?mlichen Tage inmitten des Sitzungssaales der Gesellschaft aufgestellt; die beiden Wettbewerber versahen sich Jeder mit einer sehr feinspitzigen Nadel und gingen wieder gleichzeitig auf die, Jedem durch das Loos zugefallene Tafel zu. Derjenige der beiden Rivalen aber, welcher seine Nadel am n?chsten dem Mittelpunkte der Linie einstechen würde, sollte damit zum Vorsitzenden des Weldon-Institutes gew?hlt sein.

Es versteht sich von selbst, da? hierbei jedes Hilfsmittel, jedes Umhertappen verboten und nur die Sicherheit des Blicks entscheidend war. Es galt, nach volksthümlichem Ausdruck, den Zirkel im Auge zu haben.

Onkel Prudent stach seine Nadel ein und zu gleicher Zeit Phil Evans. Darauf wurde nachgemessen, welcher der beiden Konkurrenten sich dem Mittelpunkte am meisten gen?hert hatte.

Welches Wunder! Die beiden M?nner hatten so vortreffliches Augenma? entwickelt, da? die Messungen keinen sch?tzenswerthen Unterschied ergaben. War von ihnen auch nicht genau der mathematische Mittelpunkt getroffen worden, so erwies sich der Raum zwischen diesem und den beiden Nadeln kaum merkbar und schien bei beiden obendrein noch gleich gro? zu sein.

Die Versammlung befand sich nun in neuer Verlegenheit.

Zum Glück bestand eines der Mitglieder, Truk Milnor, darauf, die Messungen mit Hilfe eines mit Perreaux' mikrometischer Maschine getheilten Lineals noch einmal vorzunehmen, welche die M?glichkeit gew?hrt noch ein Fünfzehnhundertstel eines Millimeters abzulesen. Auf dem Lineal waren in der That fünfzehnhundert Abtheilungen auf einem solchen kleinen Raum mittelst Diamant eingeritzt, und bei Abmessung der Entfernung der Stiche von den betreffenden Mittelpunkten erhielt man folgendes Resultat:

Onkel Prudent hatte sich dem Mittelpunkt auf weniger als sechs fünfzehnhundertstel Millimeter gen?hert, Phil Evans auf nahezu neun fünfzehnhundertstel.

Daher kam es, da? Phil Evans nur Schriftführer des Weldon-Institutes wurde, w?hrend Onkel Prudent die Würde des Pr?sidenten desselben erhielt.

Einer Entfernung von drei fünfzehnhundertstel, mehr hatte es nicht bedurft, um Phil Evans mit Ha? gegen Onkel Prudent zu erfüllen, mit einem Ha?, der, wenn er ihn auch in sich verschlo?, doch nicht minder grimmig war.

Jener Zeit, und zwar

seit dem letzten Viertel dieses neunzehnten Jahrhunderts, hatte die Frage der lenkbaren Ballons immerhin schon einige Fortschritte zu verzeichnen, die mit Triebschraube ausgerüsteten Gondeln, welche Henry Giffard 1852 an seinem verl?ngerten Ballon anbrachte, ferner Dupuy de L?me, 1872, die Gebrüder Tissandier 1883 und die Capit?ne Krebs und Renard im Jahre 1884 hatten mindestens einige Ergebnisse erzielt, denen man Rechnung tragen mu?te.

Doch wenn diese Apparate in einem schwereren Medium als sie selbst, unter dem Drucke einer Schraube man?vrirend, eine schr?ge Richtung gegen den Wind einhielten, sogar gegen einen widrigen Luftzug aufkamen, um nach ihrem Ausgangspunkt zurückzukehren, also wirklich gelenkt worden waren, so konnte das doch nur unter ganz besonders günstigen Umst?nden erreicht werden. In gro?en, geschlossenen ausgedehnten Hallen allerdings! In recht ruhiger Atmosph?re - das ging auch noch recht gut. Bei einem leichten Winde von fünf bis sechs Meter in der Secunde war es vielleicht eben noch zu erzwingen - Alles in Allem hatte man eigentlich praktisch verwendbare Resultate aber noch nicht erzielt. Gegen einen Windmühlenwind von acht Metern in der Secunde würden jene Apparate nahezu station?r geblieben sein; vor einer frischen Brise von zehn Metern in der Secunde hatten sie in Gefahr geschwebt, zerrissen zu werden; und bei einer jener Cyclonen, welche hundert Meter in der Secunde überschreiten, würde man von ihnen kein Stückchen wieder gefunden haben.

Selbst nach den scheinbar gl?nzend gelungenen Versuchen der Capit?ne Krebs und Renard dürfte als bewiesen angesehen werden, da? die Aerostaten, wenn sie an Bewegungsf?higkeit auch ein wenig gewonnen hatten, mit dieser doch gerade nur gegen eine schwache Brise aufzukommen vermochten. Es war also nach wie vor als unm?glich zu betrachten, diese Art der Fortbewegung durch die Luft praktisch zu verwenden.

W?hrend man sich aber so eifrig mit dem Problem der Lenkbarkeit der Aerostaten, das hei?t mit den Mitteln besch?ftigte, diesen eine eigene Geschwindigkeit zu verleihen, hatte die Frage der Motoren unzweifelhaft weit schnellere Fortschritte gemacht. An Stelle der Dampfmaschinen und der Verwendung der blo?en Muskelkraft waren allm?hlich die elektrischen Motore getreten. Die Batterien mit doppeltchromsaurem Natron, deren Elemente auf hohe Spannung angeordnet waren, wie sie die Gebrüder Tissandier benützten, erzielten eine Schnelligkeit von etwa vier Metern in der Secunde. Die zw?lf Pferdekraft entwickelnden dynamo-elektrischen Maschinen der Capit?ne Krebs und Renard gestatteten, eine Geschwindigkeit von im Mittel sechs Meter in der Secunde zu erreichen.

Bei ihren Versuchen waren Mechaniker und Elektriker bestrebt gewesen, sich dem frommen Wunsche zu n?hern, eine ?Dampfpferdekraft in einem Taschenuhrgeh?use" zu erzeugen. Die Effecte der S?ule, deren Zusammensetzung die Capit?ne Krebs und Renard geheim gehalten hatten, wurden ebenfalls bald übertroffen, und nach ihnen fanden die Aeronauten Gelegenheit, Motore zu verwenden, deren Leichtigkeit im gleichen Verh?ltni? mit ihrer Kraftwirkung wuchs.

Die Anh?nger der M?glichkeit einer Lenkbarkeit der Ballons hatten also gewi? Ursache, ihren Muth aufrecht zu erhalten, und doch, wie viele klare K?pfe haben es verworfen, an die Benützung solcher zu glauben. In der That, wenn der Aerostat einen Angriffspunkt der ihm innewohnenden Kraft in der Luft findet, so ist er doch mit seiner gro?en Masse in diese eingetaucht. Und wie k?nnte derselbe, da er wieder den Str?mungen der Atmosph?re eine so breite Angriffsfl?che bietet, jemals, und wenn sein Triebwerk noch so m?chtig w?re, direct gegen einen widrigen Wind aufkommen?

Diese Frage lag noch immer vor, man hoffte dieselbe jedoch durch Anwendung sehr gro?er Apparate zu l?sen.

Es ergab sich übrigens, da? bei diesem Wettstreite der Erfinder in der Herstellung eines sehr kr?ftigen und dennoch leichten Motors die Amerikaner sich dem gewünschten Ziele am meisten gen?hert hatten. Ein auf der Anwendung einer neuen S?ule beruhender dynamo-elektrischer Apparat, dessen Construction vorl?ufig noch Geheimni? blieb, war seinem Erfinder, einem bisher unbekannten Chemiker in Boston, abgekauft worden. Mit gr??ter Sorgfalt durchgeführte Berechnungen und mit ?u?erster Genauigkeit entworfene Diagramme ergaben, da? dieser Apparat, wenn er auf eine Schraube von angepa?ter Gr??e wirkte, eine Fortbewegung von achtzehn bis zwanzig Metern in der Secunde gew?hrleisten mu?te.

Wahrlich, das w?re gro?artig gewesen!

?Und das Ding ist nicht theuer!" hatte Onkel Prudent hinzu gesetzt, als er dem Erfinder gegen regelrecht ausgefüllte Quittung das letzte P?ckchen von hunderttausend Papierdollars einh?ndigte, mit dem man ihm seine Erfindung bezahlte.

Unverzüglich ging das Weldon-Institut an's Werk. Handelt es sich um ein Versuchsunternehmen, das irgend welchen praktischen Nutzen verspricht, so wird das Geld in amerikanischen Taschen stets leicht locker. Die n?thigen Mittel str?mten zusammen, so da? selbst die Gründung einer Actiengesellschaft umgangen werden konnte. Dreihunderttausend Dollars (also 600.000 fl. = 1,2 Millionen Mark) füllten gleich nach dem ersten Aufruf die Cassen des Clubs. Die Arbeiten begannen unter Leitung des hervorragendsten Luftschiffers der Vereinigten Staaten, Harry W. Tinder's, der sich unter tausend Anderen vorzüglich durch drei kühne Fahrten berühmt gemacht hat: die eine, bei der er sich bis 1200 Meter erhob, d. h. h?her aufstieg, als Gay-Lussac, Coxwell, Sivel, Crocé-Spinelli, Tissandier, Glaisher; die zweite, w?hrend der er ganz Amerika von New-York bis San Francisco überflog und um mehrere hundert Lieues die l?ngste Reise Nadar's, Godard's und vieler Anderen hinter sich lie?, ohne John Wise zu rechnen, der von St. Louis bis nach der Grafschaft Jefferson elfhundertfünfzig Meilen zurückgelegt hatte; die dritte endlich, welche mit einem furchtbaren Sturze aus der H?he von fünfzehnhundert Fu? endigte, bei dem er sich doch nur den rechten Daumen verstauchte, w?hrend der minder vom Glücke begünstigte Pilatre de Rozier bei einem Sturze von nur siebenhundert Fu? augenblicklich den Tod fand.

Zur Zeit, mit der diese Erz?hlung beginnt, konnte man schon beurtheilen, da? das Weldon-Institut die Angelegenheit kr?ftig gef?rdert hatte. In den Turner-Werften zu Philadelphia erhob sich schon ein ungeheurer Aerostat, dessen Haltbarkeit durch Füllung mit stark comprimirter Luft geprüft werden sollte. Vor Allem würde dieser den Namen eines Monstre-Ballons verdienen.

Wie viel fa?te der Géant Nadar's? Sechstausend Cubikmeter. Wie viel der Ballon John Wise's? Zwanzigtausend Cubikmeter. Welchen Fassungsraum hatte der Ballon Giffard auf der Ausstellung von 1878? Fünfundzwanzigtausend Cubikmeter bei achtzehn Meter Halbmesser. Vergleicht man diese drei Aerostaten mit dem des Weldon-Institutes, dessen Volumen vierzigtausend Cubikmeter betrug, so begreift man leicht, da? Onkel Prudent und seine Clubgenossen einigerma?en Recht hatten, sich vor Stolz aufzubl?hen.

Dieser Ballon, der nicht dazu bestimmt war, die h?chsten Schichten der Atmosph?re zu erreichen, nannte sich nicht ?Excelsior", eine Bezeichnung, welche sonst bei den Amerikanern sehr beliebt ist, nein, er war einfach Go a head, d. h. ?Vorw?rts" getauft, und es erübrigte also nur noch, da? er seinen Namen rechtfertigte, indem er der Leitung seines Capit?ns allenthalben entsprach.

Jener Zeit war die dynamo-elektrische Maschine nach dem vom Weldon-Institute angekauften Patente fast vollendet und man durfte darauf rechnen, da? der Go a head seinen Flug durch das Luftmeer begonnen haben werde.

Immerhin waren bekanntlich alle mechanischen Schwierigkeiten noch nicht überwunden.

Sehr viele Sitzungen waren zu diesem Zwecke abgehalten worden, nicht etwa die Form der Schraube oder deren Gr??enverh?ltnisse festzustellen, sondern um die Frage zu entscheiden, ob dieselbe am Hintertheil des gro?en Apparates angebracht werden sollte, wie die Gebrüder Tissandier wollten, oder am Vordertheile, wie es die Capit?ne Krebs und Renard schon gethan hatten. Es bedarf kaum der Erw?hnung, da? die Vertreter dieser beiden Ansichten bei den bezüglichen Verhandlungen darüber fast handgemein wurden. Die Gruppe der ?Vorderm?nner" glich an Zahl genau der der ?Hinterm?nner". Onkel Prudent, dessen Stimme bei sonstiger Stimmengleichheit die entscheidende gewesen w?re, Onkel Prudent, der unzweifelhaft aus der Schule des Professors Buridan hervorgegangen war, vermied es klüglich, sich zu ?u?ern.

Bei der Unm?glichkeit, ein Einverst?ndni? herbeizuführen, war es natürlich auch unm?glich, die Schraube an Ort und Stelle zu setzen. Das konnte demnach lange dauern, wenn sich nicht etwa die Regierung in's Mittel legte. In den Vereinigten Staaten liebt es die Regierung aber bekanntlich nicht, sich in Privatangelegenheiten einzumischen oder um das zu kümmern, was sie nicht direct angeht. Damit hat sie gewi? ganz Recht.

So war die Sachlage, und die Sitzung vom 13. Juni schien gar nicht endigen oder vielmehr nur in einen ungeheuren Tumult auslaufen zu wollen - der wie gew?hnlich mit Injurien begann, sich mit Faustschl?gen fortsetzte, dann zu Stockschl?gen überging und mit dem Knallen der Revolver abschlo? - als ein Zwischenfall um acht Uhr siebenunddrei?ig Minuten diesen beliebten Verlauf st?rte.

Kalt und gemessen, wie ein Polizist inmitten der stürmischen Wogen einer Volksversammlung, hatte sich der Thürsteher des Weldon-Instituts gen?hert und dem Vorsitzenden eine Karte eingeh?ndigt. Er erwartete eben noch die Befehle, welche der Onkel Prudent ihm zu ertheilen haben k?nnte.

Onkel Prudent lie? die Dampftrompete ert?nen, die ihm als Pr?sidentenglocke diente, denn hier h?tte, um durchzudringen, nicht einmal die gro?e Glocke des Kremls hingereicht. Nichtsdestoweniger nahm der L?rm nur noch zu. Da ?entbl??te der Pr?sident den Kopf" und Dank diesem allerletzten Hilfsmittel entstand wenigstens eine leidliche Ruhe.

?Eine Mittheilung an den Club! rief Onkel Prudent, nachdem er sich eine Prise aus der ungeheuren Dose, die ihn niemals verlie?, zugelangt.

- Reden Sie! Reden Sie! antworteten neunundneunzig Stimmen, die hierüber zuf?llig einer Meinung waren.

- Ein Fremdling, geehrte Collegen, wünscht in unseren Sitzungssaal Eintritt zu erhalten.

- Nimmermehr! widersetzten sich alle Stimmen.

- Er wünscht uns, fuhr Onkel Prudent fort, allem Anscheine nach den Beweis zu liefern, da? es der greulichste Wahnwitz sei, an die Lenkbarkeit von Ballons zu glauben."

Allgemeines Murren beantwortete diese Erkl?rung.

?Herein, herein mit ihm!

- Wie nennt sich denn diese merkwürdige Pers?nlichkeit? fragte der Schriftführer Phil Evans.

- Robur, antwortete Onkel Prudent.

- Robur! ... Robur! ... Robur!" heulte die ganze Versammlung.

Und wenn bei Nennung dieses eigenthümlichen Namens der Tr?ger desselben so schnell Zulassung fand, geschah es eigentlich nur, weil das ganze Weldon-Institut sich Hoffnung machte, auf den Mann den Ueberschu? seiner Erbitterung abzuschütteln.

Der Sturm hatte sich also einen Augenblick gelegt - wenigstens scheinbar. Wie k?nnte übrigens ein Sturm so schnell vorübergehen bei einem Volk, welches jeden Monat zwei bis drei solcher nach Europa unter der Form von Wirbelwinden entsendet?

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