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   Chapter 14 14

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 14813

Updated: 2017-11-30 00:02


Wieder unterwegs.

* * *

Als der Commerzienrath den Damenhut sah, athmete er freier auf - er war gerettet - der Zug im Gange und an eine Verfolgung der beiden wüthenden jungen Leute für jetzt nicht mehr zu denken. Das Einzige blieb ihm noch zu thun, sich in Burgkunstadt mit sowenig Aufsehen als m?glich vom Bahnhofe zu entfernen, sp?tere Verfolgung vielleicht irrezuleiten, und da er dort gar nicht bekannt war, mu?te es ihm auch leicht sein, einen falschen Namen für den seinigen in das Register eintragen zu lassen. Nach einem Pa? fragte ihn auf der ganzen Strecke Niemand.

Die beiden jungen Leute, die mit ihm in einem Coupé sa?en, hatten indessen rasch und heimlich miteinander geflüstert und die Dame besonders mehrmals den Kopf nach ihm umgedreht. Der Commerzienrath war aber, nach den letzten bittern Erfahrungen, fest entschlossen, sich mit Niemandem mehr hier drau?en, wer es auch immer sei, in ein Gespr?ch einzulassen, man konnte nie wissen, was dahintersteckte, und mit Frauen besonders hatte er gerade genug in den paar Tagen erlebt.

?Wenn ich mich nicht ganz irre", redete da pl?tzlich die junge Dame den trotz der warmen Witterung in seinen Mantel zurückgezogenen Commerzienrath an, ?so habe ich schon gestern das Vergnügen gehabt, mit Ihnen in einem Coupé zu fahren, mein Herr, und bin Ihnen zu so gro?em Danke verpflichtet worden."

?Mir?" sagte der Commerzienrath und sah seine Nachbarin gro? und erschrocken an, ?mir zu Dank verpflichtet - bei Allem was da lebt!" fuhr aber pl?tzlich von seinem Sitze empor, ?da ist meine Nichte!"

?Mein bester Herr, ich kann Ihnen gar nicht sagen, welch gro?en Dienst Sie uns gestern durch Ihre freundliche Onkelschaft geleistet haben", nahm jetzt der junge Mann für die tieferr?thete Dame das Wort, ?meine arme Marie, die sich einer verha?ten Verbindung, zu der sie ihr Stiefvater zwingen wollte, aus Liebe zu mir durch die Flucht entzog, w?re, ehe ich von ihrer Ankunft benachrichtigt sein konnte, fast verrathen und dann jedenfalls wieder zurückgeliefert worden. Das ist jetzt nicht mehr zu fürchten, und wir sind eben auf dem Wege, uns ihrem Vater selber vorzustellen, der sich wohl oder übel über das einmal Geschehene wird tr?sten müssen."

?Na ich gratulire Ihnen", sagte der Commerzienrath mit sehr zweideutigem Tone. ?Wenn Sie übrigens den beiden jungen Burschen, den Brüdern der Dame, wenn ich nicht irre, die ich heute von Staffelstein aus nach Koburg geschickt habe, um sie nur loszuwerden, in die H?nde fallen, so will ich auch meinem Gott danken, wenn ich nicht in der N?he bin."

?Meine Brüder nach Koburg geschickt?" rief die junge Dame, hochaufhorchend, und der Commerzienrath mu?te jetzt erz?hlen, wie das gekommen und welche Angst er selber dabei als Mitschuldiger ausgestanden. Die beiden jungen Leute h?rten ihm im Anfange ganz ernsthaft zu; über das liebe rosige Gesicht der jungen Frau blitzte und zuckte es aber indessen wie zitterndes Sonnenlicht auf einem leichtbewegten Bache, ihre gro?en braunen Augen funkelten in einem kaum noch zu bezwingenden Humor, und als der Commerzienrath endlich zu der Stelle kam, wo ihn die Brüder gefragt, ob er vielleicht der ?ltliche Herr selber sei, konnte sie sich nicht l?nger halten und lachte geradeheraus. Da? das so klar und silberhell klang und das kleine Gesichtchen gar so lieb und gutmüthig, ja mitleidig und theilnehmend dabei aussah, konnte den Commerzienrath nicht beruhigen, und seinen ganzen Ingrimm über erlittene Unbill und schm?hliche Behandlung zusammenraffend, sagte er mit seinem zornigsten Ausdruck in Wort und Blick, aber doch mit seiner nie zu verleugnenden H?flichkeit:

?Mein sehr verehrtes Fr?ulein, Sie haben jetzt sehr gut lachen, wenn aber Ihre Leber -"

?Mein lieber bester Herr", unterbrach ihn bittend und schmeichelnd die junge Dame, ?seien Sie recht b?s auf mich, ich hab' es nur zu reichlich meiner Undankbarkeit wegen verdient, aber verzeihen Sie mir dann auch, und seien Sie versichert, da? ich wie Oskar nie im Leben die Verbindlichkeit vergessen werden, die wir Ihnen schulden."

?Bitte, bitte", sagte der Commerzienrath abwehrend und durch die herzlichen Worte schon vollkommen beruhigt, ?aber - Sie erlauben mir die Frage, wie k?nnen Sie es jetzt wagen, nach dem gestern Vorgefallenen heute schon nach Hause zurückzukehren? Ihr Herr Vater wird unter so bewandten Umst?nden unter keiner Bedingung in eine Verbindung mit dem jungen Herrn da einwilligen."

?Wir sind verbunden", sagte dieser freundlich, w?hrend das junge Weibchen tief err?thete, ?und alle V?ter der Welt werden diese Verbindung nicht wieder l?sen k?nnen."

?In der Geschwindigkeit?" rief der Commerzienrath erstaunt aus.

?Meiner Frau Onkel, und zwar der Bruder ihres Vaters, der stets gegen die Verbindung mit jenem faden Menschen gewesen, ist selber Geistlicher und hat uns, da er unsere Liebe kannte, gestern Abend miteinander, nach den Gesetzen unserer Kirche, wenn auch ohne die n?thigen Aufgebote getraut."

?Nun das freut mich in der That", sagte der Commerzienrath, dem sich damit, auch der Brüder wegen, ein Stein von der Seele w?lzte, ?das ist Alles recht hübsch und gut, aber ich m?chte doch die letzten 24 Stunden, die ich deshalb ausgestanden, nicht wieder mit durchmachen - und wenn ich sechs Heirathen stiften k?nnte."

?O das thut mir ja recht leid", sagte die kleine junge Frau erschreckt, die H?nde faltend und mit einem so mitleidigen Blicke zu dem alten Herrn aufsehend, da? diesem ganz weh und weich ums Herz wurde.

?O bitte, bekümmern Sie sich deshalb nicht", sagte der Commerzienrath, ?es war recht gern geschehen -."

?Wenn ich je im Stande sein sollte, Ihre Freundlichkeit wenigstens in etwas wiedergutzumachen", rief auch jetzt der junge Mann, ?so verfügen Sie ganz über mich, hier ist meine Karte, dürfte ich nun auch wol um Ihren Namen bitten?"

?Um meinen Namen?" sagte der Commerzienrath rasch und mistrauisch zu ihm aufsehend, ?nein, bitte um Verzeihung, Sie sind sehr freundlich, aber mein Name hat mich in den letzten Tagen so genirt und in Verwickelungen gebracht, da? ich ihn, wenn das m?glicherweise anging, ganz abschaffen würde, wie aber die Sachen stehen, so zurückhaltend von jetzt an damit sein werde, als es eben m?glich ist."

?Aber ich bitte Sie um Gottes Willen -"

?Nennen Sie mich in Gedanken Müller", sagte der Commerzienrath, ?ich habe mich heute schon einmal so gehei?en, und der Name war mir recht nützlich."

?Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir thut, da? Sie um Mariens wegen soviel Unannehmlichkeiten gehabt zu haben scheinen, aber das mag Ihnen doch einige Beruhigung gew?hren, zwei Glückliche dadurch gemacht zu haben."

?Wenn ich damit meine Leber nur wieder kleiner machen k?nnte", sagte der Commerzienrath; ?doch ich glaube wir kommen an die Station, der Zug pfeift; nun ich wünsche Ihnen eine recht glückliche Reise und recht guten Empfang zu Hause -."

?Wir danken Ihnen recht herzlich."

?Ist mir aber sehr angenehm, da? ich nicht mit mu?", setzte der Commerzienrath hinzu.

?Und Sie wollen uns Ihre Adresse wirklich nicht sagen?" fragte Marie.

?Den Namen werden Sie jedenfalls, wie mir jetzt einf?llt, durch Ihre Herren Brüder erfahren, die ihn leider sehr genau kennen", seufzte der Commerzienrath, ?meine Adresse erlauben Sie mir aber zu verschweigen. Ich will froh sein, wenn ich in - wenn zu Hause bei mir Niemand von meinen Abenteuern h?rt. Würd

en Sie mich bis dorthin verfolgen, w?re ich in 14 Tagen todt."

?Station Burgkunstadt - drei Minuten Aufenthalt", sagte in diesem Augenblick der Conducteur, die Thür ?ffnend. ?Sie steigen ja wol hier aus, mein Herr?"

?Ja wol - k?nnen Sie mir nicht sagen, wann die Post abgeht?" rief der Commerzienrath, seine Habseligkeiten aufgreifend.

?Wird wol gleich abfahren", lautete die willkommene Nachricht, ?hier steht schon der Postwagen."

?Ach, ich danke Ihnen sehr; also ich empfehle mich Ihnen nochmals."

?Recht glückliche Reise!" riefen die beiden jungen Gatten ihrem gepre?ten Onkel nach, und der Commerzienrath sah sich im n?chsten Augenblick wieder mit einem Gefühl gro?er Genugthuung neben dem Postwagen stehen, der ihn zurück zu seiner Dorothee, zu seiner h?uslichen Bequemlichkeit, zu Ruhe und Frieden bringen sollte. Sich um den Zug auch nicht im mindesten weiter bekümmernd, gab er einem der mit Nummern versehenen, also vereideten Diener seinen Gep?ckschein mit dem Auftrag, seine Koffer in das dicht dabei befindliche Postgeb?ude zu tragen und wiegen zu lassen, und er selber begab sich ebenfalls rasch dorthin, sein Fahrbillet direct nach Gidelsbach zu l?sen. Die beiden Brüder brauchte er, der empfangenen Nachricht nach, Gott sei Dank nicht mehr zu fürchten, und er dachte gar nicht daran, noch in einem dritten Wirthshause die entsetzlichen Scenen der beiden letzten N?chte zu wiederholen - er hatte von denen genug.

Sein Billet war gel?st, sein Gep?ck besorgt und schon zum Eilwagen geschafft, der dicht an das Postcoupé des Zuges anfuhr, die dort für das Binnenland bestimmten Briefe und Packete in Empfang zu nehmen.

Der wurde heute übrigens etwas l?nger als gew?hnlich in Burgkunstadt aufgehalten, da mehre Güterkarren hier gelassen, andere wieder angeh?ngt werden mu?ten, und die Post war dadurch zur Abfahrt fast ebenso früh fertig als der Zug. Der Commerzienrath stand eben vor der ge?ffneten Thür, in die er schon Reisesack und Schirm hineingeschoben, w?hrend eine Dame mit ein paar Hutschachteln in der Hand ebenfalls zu ihm trat, als pl?tzlich eine tiefe Stimme aus einem der ge?ffneten Fenster des Coupé zweiter Classe herausschrie:

?Herr Commerzienrath Mahlhuber! Herr Commerzienrath Mahlhuber!"

Der Gerufene drehte sich, wie von einer Natter gestochen, nach der Stimme um und erkannte zu seinem Entsetzen den schweigsamen Mann aus der Post von Gidelsbach, der, ihm freundlich und ganz zutraulich winkend, mit dem halben Leibe aus dem Coupéfenster lehnte.

?Nun wie geht's?" rief er dabei mit einem breiten Grinsen über das ganze Gesicht und mit der Hand herübergrü?end, ?schon zurück nach Gidelsbach? - Haben doch Ihre Pistolen wieder geladen? - Wünsche Ihnen recht glückliche Reise!"

Der Commerzienrath drehte sich halb nach dem frechen Menschen um und warf ihm einen ver?chtlichen Blick zu, als in demselben Augenblick die Locomotive einen scharfen grellen Pfiff that. Herr Mahlhuber aber, von seiner bisherigen Eisenbahnfahrt immer noch in der steten Angst zurückgelassen zu werden, verga? ganz, da? er gar nicht mehr zu dem Zuge geh?re und wollte in rücksichtloser Hast in den vor ihm ge?ffneten Postwagen fahren.

?Nun, Herr Jesus, um Gottes Willen, was haben Sie denn nur? Sie rennen Einen ja ganz über den Haufen!" rief die Dame, gegen die er in seiner Angst angeprallt war.

?Bitte tausend mal um Entschuldigung!" rief der Commerzienrath, w?hrend von dem sich jetzt in Bewegung setzenden Bahnzug ein h?hnisches Lachen zu ihm herübert?nte, ?die Locomotive pfiff -"

?Na die Post geht Ihnen deshalb doch nicht durch, lieber Mann", erwiderte die Dame, sich mit einigen leisegemurmelten, eben nicht freundlichen Worten ihren Hut wieder in Fa?on drückend, ?ist mir so etwas schon in meinem Leben vorgekommen?"

Zerknirscht, doch ohne ein Wort weiter zu erwidern, nahm der arme abgehetzte, mishandelte Commerzienrath nach der Dame in der gegenüberbefindlichen Ecke Platz; jetzt aber fest entschlossen, was auch geschehen m?ge, dem boshaften Geschick keinen weitern Halt an sich zu geben. Schweigend legte er sich zurück, zog sich die Mütze tief in die Stirn und schlo? die Augen. Er sprach nicht, er h?rte nichts, was zu ihm gesprochen wurde, er beklagte sich nicht über Zug noch Hitze, kümmerte sich weder um die sch?ne Gegend noch um die alte Nachbarin, und trug mit einer wirklich rührenden Resignation die neuen Leiden der n?chtlichen Postfahrt, die seinem matten K?rper kaum eine flüchtige Stunde Schlaf gestattete.

In Otzleben besonders rührte er sich nicht von seinem Platze, und nur einen verstohlenen Blick warf er aus dem heraufgezogenen Fenster, sich bei dem Anblick des alten Postgeb?udes die Scenen der vorvorigen Nacht noch einmal ins Ged?chtni? zurückzurufen und seinem Gott zu danken, da? sie eben einer vergangenen Nacht angeh?rten.

Es war Abend - die Mamsell stand in der Hausthür, die Arme mit den aufgestreiften Aermeln in die Seite gestemmt, das gro?e Schlüsselbund vorn an der Schürze, und nebenan aus dem Stalle führte der halbe Hausknecht die frischen Pferde herzu, mürrisch dabei mit den Schlepppantoffeln über das Hofpflaster schlurrend. Welch stilles Bild des Friedens - und dort hinten? -

?Satanskr?te", murmelte der Commerzienrath zwischen den Z?hnen durch, als er den kleinen siebzehn mal hinausgeworfenen Pudel gerade wieder, wie er ihn verlassen hatte, in der Thür sitzen und sich kratzen sah, ?weiter fehlte mir nichts, als heute Nacht noch ein solches Quartier im grünen Zimmer."

Die Dame, der einzige Mitpassagier im Wagen, die den Commerzienrath schon mehrmals unterwegs angeredet und nach Dem und Jenem gefragt, aber nie eine Antwort bekommen hatte, schien endlich zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, da? er entweder stocktaub w?re oder doch wenigstens sehr schwer h?re. Das herauszubekommen, denn das schweigsame Imwagensitzen war ihr entsetzlich - bog sie sich pl?tzlich soweit sie konnte zu dem Commerzienrath über und schrie ihm ins Ohr:

?Wie hei?t der Ort hier?"

?Herr du meine Güte", sagte der Commerzienrath zusammenfahrend, ?haben Sie mich erschreckt."

?Das h?rt er doch", brummte die Dame befriedigt vor sich hin; ?nun?" schrie sie dann wieder, ?wissen Sie nicht wie der Platz hei?t?"

?Otzleben, soweit ich mich entsinne", sagte ihr Nachbar, also gepre?t.

?Freundliches D?rfchen hier, wie?" schrie die Dame wieder; aber Mahlhuber ging nicht in die Falle. Er dachte an die zerschossene Hutschachtel, an die Ueberschuhe, an die Nichte. - Das Alles waren die Folgen eines leichtsinnig angeknüpften Gespr?chs gewesen.

?Freundliches D?rfchen hier", schrie seine Nachbarin noch einmal, sich doch wenigstens geh?rt zu machen; der Commerzienrath aber warf noch einen Blick hinaus auf seine Freundin, die Mamsell mit den langen Locken und aufgestreiften Aermeln, auf den komischen Hausknecht und den Pudel, zog dann den Mantel um sich her, drückte sich fest in seine Ecke und verweigerte hartn?ckig selbst seine Zustimmung zu dem ganz unverf?nglichen Lobe von Otzleben.

?Ist das ein tauber Esel", brummte die Dame halblaut, aber vollkommen verst?ndlich zwischen den Z?hnen durch; ?wird man auch noch mit so einem langweiligen Peter von Reisegesellschafter geplagt, du meine Güte!" und ihren gro?en Reisekober neben sich zurechtrückend, stemmte sie die beiden Fü?e auf den gegenüberbefindlichen Sitz, faltete die H?nde im Schoose und schlo? ebenfalls die Augen.

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