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   Chapter 11 11

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 21870

Updated: 2017-11-30 00:02


Die Geschichte von dem Scheusal.

* * *

?In einer gro?en Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, ich habe den wirklichen Namen absichtlich weggelassen, besonderer Rücksichten halber - lebte der Commerzienrath Sch?ler -"

?Commerzienrath?" fragte unser Freund gespannt und sich etwas weiter aus dem Bette lehnend, das Ganze besser zu h?ren.

?Der Commerzienrath Sch?ler; ich mu? Sie aber bitten, mich jetzt nicht weiter zu unterbrechen, da Sie sonst den Faden verlieren und dem Ganzen nicht aufmerksam genug folgen k?nnen; ich will lieber noch einmal von vorn anfangen: In einer gro?en Stadt in Deutschland, die wir Yburg nennen wollen, lebte der Commerzienrath Sch?ler in sehr glücklichen, mit jeder irdischen Lebensgabe reichlich ausgestatteten Verh?ltnissen. Er besa? ein stattliches Haus mitten in der Stadt, in einer der besten Lagen - die erste Etage bewohnte er selber, die zweite allein trug ihm 400 Thaler Miethe -, war in allen ersten Familien eingeführt, galt für einen Liebling des K?nigs, trug drei Orden verschiedener Herren L?nder, bezog vom Staate noch au?erdem eine Pension von 1200 Thalern, und verfügte als Vormund der Tochter eines reichen vor einiger Zeit verstorbenen Bankiers au?erdem über ein sehr bedeutendes Capital. Diese junge Dame hie? Rosaura."

?Der Commerzienrath Sch?ler war ein anerkannt ehrenwerther und au?erdem sehr frommer Mann, Mitglied des Gustav-Adolf-Vereins, Vorsteher eines Armeninstituts, Kassirer des Waisenhauses, Director des Missionsvereins und Protector aller übrigen mildth?tigen Anstalten in der Stadt und Umgegend, dabei etwa 52 Jahre alt, noch immer ziemlich rüstig und unbeweibt -"

?Aber Sie wollen doch nicht behaupten, da? dieser Mann", warf der Commerzienrath Mahlhuber eine fast ebenso erschrockene als erstaunte Bemerkung ein.

?Bitte, unterbrechen Sie mich nicht", sagte der Doctor rasch, ?es gibt in unserm gesellschaftlichen Leben viele Dinge, die wir uns nicht tr?umen lassen; aber Sie werden gleich selber h?ren. In dem Hause des Generalsuperintendenten, wo der Commerzienrath freien Eintritt hatte, erkrankte die Tochter so schwer, da? ihr Arzt, ein intimer Freund des Commerzienraths, keine andere Rettung wu?te, als sie in ein ziemlich entfernt gelegenes Bad zu einer von seinen eigenen Verwandten zu schicken; das geschah. Die Kasse des Waisenhauses wurde eines Morgens erbrochen gefunden. In dem Local, wo sie aufbewahrt worden, fanden sich deutliche Spuren, da? im Hause selber Irgendjemand mit den Spitzbuben - es war ein Capital von 15,000 Thalern entwendet worden - gemeinsame Sache gemacht hatte; aber trotz allen Nachspürens der Polizei blieb der Dieb unentdeckt. Der Commerzienrath war an dem Nachmittag, wie er das sehr h?ufig dringender Arbeiten wegen that, der Letzte im Bureau gewesen. Er selber sagte aus, da? bei seinem Fortgehen Alles in der gew?hnlichen und geh?rigen Ordnung gewesen sei, und er die Fenster noch selber eigenh?ndig untersucht habe, ob die L?den fest und gut geschlossen seien. Ein Resultat war nicht zu erzielen, und Mehre, der Unterkassirer, wie der Hausmann und andere niedere Beamte, auf die man in diesem Falle Verdacht werfen mu?te, wurden eingezogen und eine Weile in Untersuchungshaft gehalten, und als sich ihnen nichts beweisen lie?, abgelohnt und entlassen."

?Es ist entsetzlich!" st?hnte der Commerzienrath.

?Als Director des Missionsvereins", fuhr der Doctor fort, ?hatte der Commerzienrath, der mit Australien und Afrika in brieflicher Verbindung stand und einzelne Freunde dort drüben hatte, übernommen, die Gelder wie die wollenen Unterr?cke und Strümpfe für die Heidenkinder an ihre Adressen zu bef?rdern. Die Unterr?cke und Strümpfe kamen an, das Geld nicht -"

?Aber da h?tten ja die Postscheine augenblicklich ergeben müssen, wo das Geld abhandengekommen", rief der Commerzienrath erstaunt aus.

?Wahrhaftig, Sie haben Recht", sagte der Doctor, ?daran habe ich noch gar nicht gedacht, sehen Sie, das war ein sehr guter Gedanke, das mu? ich mir überlegen. Aber h?ren Sie weiter. Commerzienrath Sch?ler nimmt vor einigen Jahren ein armes junges M?dchen, eine Waise, deren Vater und Mutter auf eine schaudererregende Art in dem Brande ihres Hauses umkamen, bei sich auf, l??t sie unterrichten und zieht sie zu seiner Wirthschafterin heran. Das M?dchen hei?t Susanna. Die Tochter des Bankiers, sein Mündel, die einige Zimmer in der Etage des Commerzienraths bewohnt, kr?nkelt indessen seit einiger Zeit und wird von demselben Doctor, der die Tochter des Generalsuperintendenten in das Bad geschickt hat, behandelt. Ihre Krankheit ist eigener Art, nervenl?hmend, mit heftigem Drücken des Herzens und Magens."

?Das kenne ich", rief der Commerzienrath lebhaft, ?das ist der Anfang der Hypertrophie."

Der Doctor, der sich an seinem Tische gegen ihn mit dem Stuhle gewendet hatte, sah überrascht zu ihm auf, über das Papier weg und sagte ruhig:

?Ich mu? Sie ernsthaft bitten alle derartigen Unterbrechungen zu vermeiden, ich sehe mich sonst gen?thigt das Lesen aufzugeben." Der Commerzienrath überlegte sich eben, ob das überhaupt eine Drohung sei, als jener in den Schriften suchend, die verlorene Stelle wiederzufinden fortfuhr: ?Ihre Brust ist beengt, ihr Athem erschwert, h?ufiger Schwei? auf der Stirn, Uebelkeiten und Kopfschmerzen -"

?Ich gebe Ihnen mein Wort, da? -" fuhr der Commerzienrath unwillig heraus, bi? aber seine Worte kurz ab und schluckte den übrigen Satz hinunter, als er dem finsterzürnenden Blick des Lesenden begegnete.

?Merkwürdig", sagte dieser, ohne sich weiter st?ren zu lassen, ?da? diese Zust?nde sich oft auf einige Zeit besserten, ja fast vollkommen hoben, nur um nach einiger Zeit mit um soviel gr??erer St?rke wiederzukehren, bis sie ihnen endlich erlag. Das Testament kam jetzt zur Vollstreckung, nach dem - solchen Fall vorausbestimmt, da? die einzige Erbin vor ihrer erlangten Mündigkeit sterben sollte - ziemlich bedeutende Summen an Wohlth?tigkeitsanstalten und fromme Stiftungen übergingen, für den Rest aber, mit einem Capital von etwa 100,000 Thalern, der Commerzienrath Sch?ler zum Erben eingesetzt war."

?Sie hat Gift bekommen!" rief der andere Commerzienrath, in seinem Bette die H?nde vor Entsetzen zusammenschlagend.

?Commerzienrath Sch?ler war jetzt mehr noch als je ein reicher Mann", las der Doctor l?chelnd weiter, ?betrauerte allerdings den Tod der jungen Erbin ein volles Jahr durch schwarze Kleidung und einen breiten Flor um den Hut, setzte sich aber unges?umt in den Besitz des bedeutenden Verm?gens und lebte herrlich und in Freuden."

?Noch existirte ein armer, aber naher Verwandter des Bankiers, und zwar der Stiefsohn seiner Schwester, der aber, jung und leichtsinnig, dem alten reichen Herrn nie recht gefallen hatte. Karl, so hie? er, war ein herzensguter braver Bursche, selten bei Kasse, es ist wahr, aber stets leichten Herzens und fr?hlichen Sinnes, bis er einst in des Onkels Hause, dem er eine Visite machte, dessen Tochter sah - kennenlernte und - mit dem Todespfeile im Herzen die Schwelle wieder verlie?."

?Nun bestand eine Sage in der Familie, da? vor alten Zeiten eine Gro?mutter dieses jungen Mannes in Indien verheiratet gewesen, sp?ter gestorben sei und ein rasendes Verm?gen hinterlassen habe, das aber ein malayischer Regent, wegen eines f?lschlich in Besitz genommenen Landstrichs, anfechten wollte, und sich ein District in jener Gegend auch schon deshalb emp?rt haben sollte. Eines Morgens tritt pl?tzlich ein sonnengebr?unter Mann, der Aehnlichkeit mit einem Matrosen hat, in Karl's Thür, fragt ihn, ob er Karl Neumann hei?e, der Enkel einer in Indien verstorbenen Frau, Namens Katharina Neumann sei und seine Erbschaft von dort, etwa sieben Millionen spanische Thaler, richtig empfangen habe."

?Sieben Millionen Thaler!" flüsterte der Commerzienrath in halblautem Erstaunen vor sich hin.

?Karl schrak zusammen", fuhr der Doctor fort, ?als ob er ein Verbrechen begangen habe und dabei entdeckt worden w?re; seine Wangen verlie? das Blut, seine Glieder zitterten und er mu?te sich an einem Stuhle halten, um nicht umzusinken."

?Sieben Millionen Thaler", st?hnte er, ?sieben Millionen Thaler - von Indien?"

?Sie haben nichts empfangen?" rief der Seemann rasch und erstaunt, ?w?re es m?glich, da? jener indische Rajah Sie darum betrogen h?tte, hm, dann wehe ihm! Allah's Zorn und meine Rache sollen ihn treffen, und fl?he er zu den Stufen seines Tempels, zu dem Heiligthum des ewigen Sarges, ich würde ihn erreichen."

?Wer sind Sie?" fragte ihn Karl, ?da? Sie solchen Antheil an meinem Schicksal nehmen, und glauben Sie, da? Sie mir zu der Erbschaft oder wenigstens zu einem Theile derselben wiederverhelfen k?nnten?"

?Glaub' ich!" wiederholte der Seemann indignirt, ?ich wei? gewi?, da?, w?re das Geld in der That noch nicht abgesandt, es Ihnen werden mu?, und wenn der erste Rajah selber die gierigen H?nde schon darübergebreitet. Wir hatten in Indien die Adresse eines Mannes aufbekommen, an den die Summe abgeschickt werden sollte, der indische Fürst schwor in meine Hand sie richtig zu bef?rdern."

?Und wie hie? der Mann, dem man für mich ein solches Capital anvertrauen wollte?" rief Karl, von einer fürchterlichen Ahnung ergriffen -

?Commerzienrath Sch?ler", sagte der Seemann, und Karl brach bewu?tlos neben seinem Stuhle zusammen. Wie lange er so gelegen, wu?te er nicht; als er wieder zu sich kam, fühlte er wie ihm Jemand kaltes Wasser in sein Gesicht go?, und er st?hnte: ?Wo bin ich?? Der indische Seemann war noch bei ihm und suchte ihn ins Leben zurückzurufen, und Karl mu?te ihm jetzt, sobald er sich nur soweit erholt, wieder sprechen zu k?nnen, erz?hlen, welche Befürchtungen er habe, und da? er fast überzeugt sei, wie der Commerzienrath das Geld unterschlagen h?tte.

?Aber ich bitte Sie um Gottes Willen", brach jetzt der arme gequ?lte Mahlhuber, der immer noch nicht sah, da? der entsetzliche Mensch zur eigentlichen Sache kam, und es ebenfalls für h?chst unwahrscheinlich fand, da? ein deutscher Commerzienrath sieben Millionen Thaler unterschlagen k?nne, das Schweigen. Er war fest entschlossen jetzt ebenfalls ein Wort mit hineinzureden. ?Sie haben ganz Recht, dieser Mensch mu? ein wahres Scheusal sein, und wenn wir 7 Uhr Abends h?tten, verehrter Herr, würde ich nicht das mindeste Bedenken tragen, Ihnen mit dem gr??ten Interesse zuzuh?ren, denn der Fall ist in der That au?ergew?hnlich und mu?, sobald er vor die Oeffentlichkeit kommt, ein gewaltiges Aufsehen machen; aber thun Sie mir die Liebe - ganz abgesehen davon, da? ich wirklich glaube, Sie haben den Commerzienrath mit den sieben Millionen in einem falschen Verdacht - und geben Sie mir lieber die Umrisse des Ganzen, die einfachen nackten Thatsachen, und lassen Sie besonders die Gespr?che der Leute weg, denn ich bin sonst wahrhaftig nicht im Stande ein unbefangenes Urtheil zu f?llen. Mir ist der Kopf schon jetzt - ich kann Sie versichern - so wirr und voll von d

en vielen Namen und Begebenheiten, da? ich anfange irre zu werden - wie viel Uhr haben wir wol?"

?O es ist noch früh", sagte der Doctor, flüchtig auf seine Uhr sehend, ohne die Frage selber zu beantworten. ?Ich kann Ihnen übrigens nicht helfen, denn diese Einzelheiten, die eben das Ganze bilden, müssen Sie kennenlernen, um im Stande zu sein, ein richtiges Urtheil zu f?llen. Uebrigens kommt gerade jetzt die Hauptsache, und ich bin fest überzeugt, sobald wir die berührt haben, werden Sie so gepackt und aufgeregt sein, die ganze Nacht nicht mehr schlafen zu k?nnen."

?Das w?re mir aber nicht lieb", st?hnte der Commerzienrath vor sich hin, ?die ganze vorige Nacht Hunde aus der Thür geworfen, und heute Nacht über ein Menschenleben zu Gericht sitzen, da? man sich sp?ter vielleicht die schrecklichsten Vorwürfe macht, jahrelang eine blutige Gestalt vor Augen sieht und hinter jeder Thür, unter jeder Bettstelle, besonders aber unter der eigenen, irgendeine entsetzliche Gestalt vermuthet. Das bischen Seelenruhe ist dann auch noch zum Teufel. - Guter allm?chtiger Gott! und ein Commerzienrath dieser nichtswürdige bigote Heuchler - es ist eine Schmach für den sonst so ehrenwerthen Stand. Man mü?te wirklich bei der hohen Staatsregierung darauf antragen, da? ihm der Titel und Rang, sobald sein Verbrechen nur erst einmal constatirt worden, wieder abgenommen würde, da? er aller dieser Ehrenrechte verlustig gehe. - Ein wahres Scheusal von einem Commerzienrath."

Der Doctor hatte indessen wieder einmal getrunken, und das Manuscript aufnehmend, begann er von neuem:

?Jetzt mu? ich noch erw?hnen, da? das Haus, in welchem Karl wohnte, dicht an das des Commerzienraths Sch?ler stie? und mit diesem auch in der That einen durch eine dünne Backsteinwand getrennten Keller hatte. Karl war nicht reich, aber er liebte es doch in seinem eigenen Keller sein eigenes Bier einzulegen, und er fühlte sich jetzt so schwach, da? er einer St?rkung, welcher Art sie auch sei, bedurfte. Er ging hinunter, das Bier heraufzuschaffen, und h?rte unten, als er die Thür langsam aufgeschlossen hatte, ein dumpfes Graben und Sto?en nebenan, als ob die Erde aufgeworfen würde. In dem Augenblick achtete er aber nicht darauf, nahm einige Flaschen Bier unter den Arm und stieg wieder nach oben."

?Dem Seemann schlo? er nun sein ganzes Herz auf, gestand ihm, da? er arm aber ehrlich sei, und bat ihn um seinen Rath, wie es m?glich gemacht werden k?nnte, dem gierigen Vormund das wahrscheinlich unterschlagene Capital zu entrei?en."

?Nicht um des Geldes wegen", rief der junge Mann, und ein edles Feuer blitzte aus seinen Augen, ?nicht des schn?den Mammons wegen sehne ich mich nach dem Besitze; was ich brauche, verdiene ich mir durch meine Feder, und frei und unabh?ngig stehe ich in der Welt, aber - weh mir - ich liebe hoffnungslos, und die Geliebte ist des falschen Onkels Mündel."

?Aber die ist ja schon todt!" rief der Commerzienrath voller Erstaunen, ?ich bin ja schon fest davon überzeugt gewesen, da? sie der nichtswürdige Mensch vergiftet hat."

?Ja - Sie haben Recht", sagte der Doctor, ?aber hier lasse ich den Leser einen vermutheten Scheintod ahnen - ich spanne ihn gewisserma?en auf die Folter und glaube gerade, da? mir diese Wendung vortrefflich gelungen ist. Jetzt warten Sie - jetzt verschwindet das M?dchen, das er zu sich ins Haus genommen hat, und dadurch, da? Karl in seinem Keller das Graben und Erdewerfen geh?rt hatte, habe ich den Commerzienrath vollst?ndig in meiner Gewalt - ich kann ihn entweder durch eine Haussuchung überführen und entdeckt werden, oder vorher, durch den Seemann vielleicht, der sich dafür einen Theil der sieben Millionen sichert, warnen und nach Amerika flüchten lassen."

?Ich werde noch verrückt!" st?hnte der Commerzienrath, mit beiden H?nden seine eigene Stirn fassend und pressend. ?Ist denn die Mündel wirklich todt oder lebt sie noch?"

?Ich sage Ihnen ja, ich kann das noch machen wie ich will", erwiderte ihm der Doctor freundlich, ?und auch hierüber wollte ich mir Ihre Ansicht erbitten, ob Sie nicht auch glauben, da? man durch einen glücklichen Scheintod das Interesse des Lesers weit gewaltiger anspannen k?nnte."

Der Commerzienrath fuhr mit beiden Beinen zugleich aus dem Bette.

?Haben Sie mir da Thatsachen vorgelesen?" rief er dabei, ?oder mich zum Narren gehabt mit einer wahnsinnigen, erdichteten Geschichte, Herr?"

?Zum Narren gehabt? Wahnsinnige Geschichte? Mein Herr, das ist oder wird vielmehr eine Novelle, wenn ich im Stande bin sie so durchzuführen, wie sie angelegt ist, die ihres Gleichen in der Literatur sucht, und nur um Ihre Meinung darüber zu h?ren und mir in der Entwickelung vielleicht durch einen einfach praktischen Rath an die Hand zu gehen, habe ich sie Ihnen vorgelesen."

?Herr Doctor!" rief jetzt der Commerzienrath, mit den Fü?en wieder zurück unter die Decke fahrend, als ob er drau?en auf hei?es Eisen getreten w?re, und mit beiden H?nden zugleich seine wei?e Nachtmütze fest und entschlossen über die Ohren ziehend, ?wenn ich Ihnen das jetzt sagte, was ich von Ihnen denke, k?nnten Sie mich bei jedem Criminalamt auf die furchtbarste Verbalinjurie verklagen. Soviel will und mu? ich Ihnen aber bemerken, da? ich ein kranker Mensch bin, der vorige ganze Nacht kein Auge zugethan und Ihnen aus übergro?er, wie ich nun einsehe, alberner Gutmüthigkeit sein eigenes Zimmer mit einger?umt hat, um jetzt, unter der Vorspiegelung, wichtige Thatsachen erz?hlt zu bekommen, mit einer faden confusen Novelle mishandelt zu werden. Ich verlange jetzt ernsthaft von Ihnen, da? Sie mich in Ruhe lassen und endlich Ihr Licht ausl?schen, ich bin sonst nicht im Stande einzuschlafen und - und wünsche Ihnen eine angenehme Ruhe."

Damit fiel er wie todtgeschlagen auf sein Kopfkissen zurück, schlo? die Augen und machte ein Gesicht, als ob er Arsenik genommen h?tte und nun bereit w?re zu sterben.

?Fade Novelle?" rief der Doctor Wickendorf, an seiner empfindlichsten Stelle gefa?t. ?Mein Herr, ich habe Ihnen mehr Beurtheilungskraft zugetraut, als Sie wirklich zu besitzen scheinen, und kann nur bedauern, meine Zeit damit verschwendet zu haben, Sie um eine Meinung darüber zu ersuchen. Schlafen Sie wohl!"

Der Mann war aufgesprungen und ging, zu des Commerzienraths stillem Grimme, ohne das Licht auszul?schen, mit raschen Schritten und mit festverschlungenen Armen im Zimmer auf und ab, dann und wann einen zürnenden Blick nach der Stelle hinüberwerfend, wo sein duldender Schlafkamerad, ?u?erlich ein Bild des stillen Friedens, mit der über die Ohren gezogenen Nachtmütze auf dem Rücken lag, innerlich aber den unruhigen Gesellen mit dem brennenden Lichte dahin wünschend, wo der Pfeffer w?chst. In einer Art von verzweifelter Resignation schien der Commerzienrath entschlossen, auch das Schlimmste über sich ergehen zu lassen, ohne weiter dagegen anzumurren.

?Das geschieht dir recht, Hieronymus", murmelte er dabei unh?rbar vor sich hin, ?das geschieht dir ganz recht, und es freut mich ordentlich, da? es so gekommen ist. Du in deinen Jahren h?ttest gescheiter sein k?nnen und sollen, als dich von einem Narren von Doctor in die Welt hineinschicken zu lassen. War es doch die Dorothee; die kannte mich besser, als ich mich selber kannte, und die Unbequemlichkeit, das Elend dieser N?chte, die Aufregung und der Aerger am Tage, das Alles habe ich verdient, reichlich verdient mit meinem Leichtsinn. Nur die Leber - das rasende Wachsen der Leber jetzt seit den letzten zwei Tagen, das ist mein Tod, das habe ich nicht verdient, und ich sterbe als M?rtyrer für die Bequemlichkeit der Wallfahrer, unter Dach und Fach zu schlafen. Wallfahrer", fuhr er fort, seinen Grimm in eine neue Bahn lenkend, ?das nennen nun die Leute wallfahrten; kehren Abends ein, gehen zu Bier und essen, spielen und schlafen und verdr?ngen andere kranke Reisende aus ihrer gewohnten Ruhe und Bequemlichkeit - Wallfahrer - und der unglückliche Mensch l?uft noch immer wie besessen im Zimmer herum und l?scht das Licht nicht aus. Wenn ein Gerichtshof für moralische Verbrechen existirte, verklagte ich ihn auf kaltblütig überlegten, vors?tzlichen Mord - der Mensch will mich todt machen."

Der Commerzienrath schien ihm aber Unrecht gethan zu haben, oder war Doctor Wickendorf selber müde geworden? er trat pl?tzlich zum Tische, legte seine Papiere zusammen und schlo? sie wieder in seinen Reisesack, fing an sich zu entkleiden und stieg dann, das brennende Licht neben sich auf einem kleinen Tische ungel?scht stehen lassend, ins Bett.

?Er wird es schon ausmachen", tr?stete sich der Commerzienrath, der versteckt nach ihm hinüberblinzte, ?er wird doch nicht mehr im Bette lesen wollen? - Das ist feuergef?hrlich." Doctor Wickendorf las aber weder, noch machte er das Licht aus; h?tte aber der Commerzienrath das von ihm abgewandte boshaft l?chelnde Gesteht des Schriftstellers sehen k?nnen, er würde gezittert haben.

Eine ganze Weile hielt es der arme gepeinigte Mahlhuber unverdrossen aus; er genirte sich den Doctor zu bel?stigen und anzureden - er mu?te ja das Licht doch zuletzt einmal ausl?schen; dieser schien jedoch an nichts weniger zu denken, und der Commerzienrath drehte sich endlich mit einem gewaltsam gefa?ten Entschlusse nach ihm um, hustete erst einmal und sagte dann:

?Herr Doctor -."

?Ja."

?Sie schlafen doch noch nicht?"

?Nein."

?Dürfte ich Sie bitten das Licht auszul?schen? Ich bin nicht im Stande vorher einzuschlafen, und es ist auch feuergef?hrlich."

?Ich will Ihnen etwas sagen, Herr Mahlhuber", erwiderte ihm sein Schlafkamerad freundlich, ?ich sehe mich Ihnen gegenüber zu der Erkl?rung gezwungen, Sie nicht mehr zu beunruhigen als irgend n?thig ist - ich habe das Licht absichtlich brennen lassen."

?Aber weshalb, um Gottes Willen?"

?Das will ich Ihnen sagen", seufzte der Doctor, ?solange bei Vollmond ein Licht Nachts in meinem Zimmer brennt liege ich ruhig - sobald ich es ausl?sche, nachtwandle ich."

?Herr du mein Gott!" st?hnte der Commerzienrath, ?das hat mir noch gefehlt."

?Wünschen Sie es", fuhr der entsetzliche Mensch ruhig fort, ?so l?sche ich das Licht augenblicklich aus, aber ich bitte Sie dann ernstlich mich zu halten, falls ich aus dem Fenster klettern wollte. Wir logiren allerdings in der ersten Etage, aber es sind Steine unten."

?Aber mein Herr", sagte der Commerzienrath au?er sich, ?das nehmen Sie mir nicht übel, mit einem solchen Leiden behaftet, sollten Sie auch allein in einem Zimmer und wom?glich mit vergitterten Fenstern schlafen -."

?Ich hatte auch den Wirth nur aus Rücksicht für Sie gebeten, Sie anderswo einzuquartieren", sagte der Doctor vollkommen ruhig, ?also wünschen Sie, da? ich das Licht ausl?schen soll?"

?Um Gottes Willen, nein!" rief der Commerzienrath.

?Dann wünsche ich Ihnen eine recht angenehme Ruhe", sagte Doctor Wickendorf, drehte sich herum und war in der n?chsten Minute auch schon fest und sanft eingeschlafen.

* * *

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