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   Chapter 9 9

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 12892

Updated: 2017-11-30 00:02


Die Gesellschaft im Hirsch.

* * *

Das Gastzimmer im Hirsch war heute von festlich gekleideten Menschen, von denen dem Reisenden auch schon eine Menge auf der Stra?e begegnet waren, ziemlich besetzt, und es wurde eine gro?e Quantit?t Bier getrunken, wie unz?hlige Portionen Essen nach allen Richtungen hin aufgetragen, die fast ebenso rasch verschwanden als sie kamen. Allerdings hatte der Commerzienrath darunter zu leiden, denn er wollte zuerst auf seinem Zimmer essen, wohin er sich eine Portion Rinderbraten mit jungen Bohnen, sowie eine Flasche Wein bestellte; aber vergebens wartete er eine halbe Stunde darauf, es kam nichts; er rief die Treppe hinunter, es h?rte ihn Niemand. - Unten wurden Thüren aufgerissen und zugeschlagen und unzusammenh?ngende Reden, wie Portion Kalbsbraten - Kartoffeln - drei Halbe Bier - gleich - komme schon - geführt, und einzelne dieser Ausrufe bekam auch er zur Antwort, weiter aber nichts, und er sah endlich ein, da? er, wenn überhaupt gesonnen heute noch etwas zu essen, in die Gaststube mit hinunter müsse, den dort hineinstr?menden Lebensmitteln und Getr?nken ebenfalls in den Weg zu kommen.

Das gelang ihm auch endlich nach einiger Anstrengung, und nachdem ihm ein junger Mensch von Kellner oder Wirthssohn, der die Teller herumtrug, als ob er es nur gewisserma?en aus Gef?lligkeit oder zu seinem eigenen Vergnügen thue, einen sehr guten Rinderbraten und sehr schlechten Rothwein gebracht hatte, drückte sich der kleine Mann damit in eine Ecke, zwischen ein paar politisirende bairische Staatsbürger hinein und h?rte geduldig ihre über ihn hinüber gewechselte Meinung der neuesten Verh?ltnisse, das Für und Wider des gerade ausgebrochenen russischen Kriegs, wie ihre Urtheile über das vaterl?ndische Ministerium mit an. Die beiden durch das starke Bier etwas erhitzten Leute thaten aber dabei Aeu?erungen, die den schüchternen Commerzienrath zuerst mit Erstaunen, dann mit wirklichem Entsetzen erfüllten. Wenn ihnen Jemand, der es gut mit dem bairischen Ministerium meinte, zugeh?rt h?tte, mu?te er ja glauben, da? er, der Commerzienrath Mahlhuber, Besitzer des Ludwigkreuzes und vollkommen loyaler Unterthan, mit diesen Menschen gleiche Gesinnungen theile, und stand er jetzt auf und trug seinen Teller an einen andern Tisch (selbst den Fall gestattet, da? ein anderer Tisch frei gewesen w?re), so konnte er den sch?nsten Skandal mit den zu Allem f?higen Menschen bekommen. Was er a? und trank, so sehr er sich auf die Mahlzeit nach der starken Bewegung gefreut, schmeckte er gar nicht; freilich kam ihm das, wenn es ihm bei dem Rinderbraten nachtheilig war, wieder bei dem Wein zugute, und er hatte Flasche wie Portion eben beendet, als noch zwei andere M?nner in Uniform, der hiesige Gendarm mit dem Conducteur der thüringischen Post, das Zimmer betraten und zu ihrem Tische kamen. Gott sei Dank, die beiden rothen Republikaner h?rten doch jetzt wenigstens auf zu politisiren.

?Guten Abend, meine Herren", sagte der Conducteur, mit der Hand milit?risch an die Mütze greifend; ?Platz doch hier nicht belegt?"

?Bitte, nein", sagte einer der Politiker, ?haben Sie nichts Neues geh?rt vom Kriegsschauplatz? - Keine neuen Zeitungen mitgebracht?"

?Ich? Nein", lachte der Postbeamte, ?wollte sie uns hier holen - ist aber eben ein Unglück hier in der Stadt passirt", setzte er dann ernsthafter hinzu.

?Ein Unglück? Hier in Lichtenfels?"

?Ja", sagte der Conducteur, ?in der Staffelstra?e ist ein armer Teufel von Maurer mit einer gro?en Familie vom Gerüst gefallen."

?Mit der ganzen Familie?" rief der Commerzienrath erschreckt.

?Nein, das nicht", lachte der Conducteur, ?der Mann hat nur eine starke Familie zu Hause, aber er hat den Hals gebrochen."

?Sie hinken ja, Herr Conducteur?" sagte der eine von des Commerzienraths Tischnachbarn, der aufgestanden war, dem Postmanne seinen Platz zu geben, ?was haben Sie denn am Fu?e?"

?O nichts", meinte dieser, halb mit gegen den Commerzienrath gewendet ?neulich Abends, kurz vor Schlafengehen, gehe ich noch einmal barfu? durchs Zimmer; an demselben Tage hatte aber mein jüngstes M?dchen eine Fensterscheibe zerbrochen und einer von den scharfen spitzigen Splittern war zuf?llig in eine Dielspalte gerathen und dort stecken geblieben. Wie ich also durch die Stube gehe -"

?O um Gottes Willen h?ren Sie auf", bat ihn der Commerzienrath, dem es schon bei dem Gedanken an eine so furchtbare Verwundung wie mit Messerstichen vom Wirbel bis in die Fu?zehen scho?, ?das geht Einem durch Mark und Bein."

?Was denn?" fragte der Conducteur erstaunt.

?Nun, da? Sie in so scharfes Glas getreten sind", sagte, immer noch sichtlich schaudernd, der Commerzienrath.

?Ich?" fragte der Conducteur erstaunt, ?ich bin hineingetreten?"

?Aber Sie erz?hlten uns doch eben -"

?Da? so ein Glassplitter im Zimmer gelegen hat? Ja", lachte der Conducteur, ?aber dafür hat der Mensch seine Augen, und wenn ich barfü?ig gehe, passe ich immer furchtbar auf."

?Aber Sie sagten ja, da? das die Ursache Ihres Hinkens -"

?Meines Hinkens? Ich hinke gar nicht mehr", sagte der Conducteur ruhig, ?das Bein war mir nur vorhin ein bischen eingeschlafen."

Die Andern lachten, w?hrend der Conducteur aufstand sich eine Cigarre anzuzünden, und der Commerzienrath sah sich etwas erstaunt im Kreise um, denn er wu?te nicht recht, ob der Mann im Ernst war oder ihn nur zum Besten haben wollte. Der Gendarm unterbrach aber sein Nachdenken, indem er den leergewordenen Platz und die Freiheit der Bierstube benutzte und sich mit einer achtungsvollen Handbewegung nach der Mütze neben den Commerzienrath niedersetzte.

?Nun, noch nichts von Ihren Sachen geh?rt, Herr Commerzienrath?" sagte er so freundlich, wie die Polizei überhaupt nur freundlich aussehen kann.

?Ah Sie sind der Herr, der mir die telegraphische Depesche besorgte?" erwiderte der Commerzienrath und wurde roth dabei, denn er log in diesem Augenblick, wenn er dem Sicherheitsbeamten gegenüber that, als ob er ihn nicht gleich erkannt h?tte. Lieber Gott, er wollte ihm ja verbergen, da? er sich nach dem heute Vorgefallenen nicht so ganz sicher fühle, und glaubte das am besten durch angenommene Gleichgültigkeit bewerkstelligen zu k?nnen. Der Gendarm übrigens, der nicht den geringsten Verdacht dem anst?ndigen Fremden gegenüber hatte, sagte l?chelnd und verbindlich:

?Ja wol, Herr Commerzienrath, zu dienen, unangenehme Sache das, sein Gep?ck auf eine solche Weise zu verl

ieren. Es ist auch unverzeihlich von dem Packmeister, da? er nicht besser aufgepa?t hat. Donnerwetter, wenn einmal das Gep?ck für Lichtenfels eingeschrieben ist, so mu? es auch in Lichtenfels abgeliefert werden, sonst h?rt die Freundschaft auf."

Der Commerzienrath überlegte sich noch, ob er dem Manne mittheilen solle, da? das Gep?ck gar nicht für Lichtenfels bestimmt gewesen w?re, und besann sich eben auf eine Ausrede, ihm eine m?gliche Veranlassung zu nennen, weshalb er unvorbereiteterweise hier ausgestiegen sei, als jener etwas n?her an ihn heranrückte, seinen dicken Schnurrbart so dicht als m?glich an das Ohr des Commerzienraths brachte - so dicht in der That, da? ihn einzelne daran vorstehende Haare im Ohre kitzelten - und mit leiser Stimme sagte:

?Sie wissen doch, Herr Commerzienrath, was ich Ihnen heute Morgen mittheilte, von wegen des durchgebrannten Frauenzimmers -"

?Durchgebrannt?" rief der Commerzienrath erschreckt, ?ist denn wieder ein Unglück geschehen?"

?Unglück? - Nun ein Unglück ist es wol gerade nicht", meinte der Gendarm entschuldigend, ?junge Leute haben rasches Blut und machen manchmal einen dummen Streich, den sie aber nicht machen würden, wenn sie 25 Jahre ?lter w?ren; wir haben aber mit dem letzten Zug Nachricht von Hof bekommen, wo die junge Dame zu Hause ist. Wie es scheint, hat sie in diesen Tagen -"

?Aber ich bitte Sie um Gottes Willen", sagte der Commerzienrath entsetzt, ?von welcher jungen Dame reden Sie denn? Ich verstehe kein Wort von Allem was sie sagen."

?Von welcher jungen Dame?" sagte der Gendarm, ?ih von der weggelaufenen, wegen der uns hierhertelegraphirt ist und für die wir Ihr Fr?ulein Nichte im Anfang hielten, weil sie so ganz allein mit dem gro?en Strickbeutel am Arm herumging."

Der Commerzienrath seufzte tief auf, erwiderte aber kein Wort weiter, und der Gendarm fuhr, zutraulicher werdend, weil er im Stande war eine so interessante Mittheilung zu machen, fort:

?Wie es also scheint, sollte jenes junge M?dchen in den n?chsten Tagen mit einem ihm widerlichen Manne verheirathet werden, hat sich aber noch zur rechten Zeit ein Herz gefa?t und ist fortgelaufen. Allem Vermuthen nach ist sie in Bamberg ausgestiegen, denn die Polizei hat dort, wie uns hierhergemeldet worden, zwei verd?chtige Individuen aufgegriffen und festgehalten."

?In Bamberg?" sagte der Commerzienrath.

?Ja wol", best?tigte der Gendarm. ?Uebrigens sind mit dem letzten Zuge von Hof, der etwa vor einer Stunde hier durchging, ihre beiden Brüder ebenfalls durchgekommen und gleich nach Bamberg weitergefahren. Sie erkundigten sich bei mir, ob hier nichts Verd?chtiges gesehen worden, und ich konnte ihnen schon die Arretirung der beiden jungen Damen mittheilen. Ist eine vortreffliche Erfindung diese Telegraphen", setzte der Beamte schmunzelnd hinzu, ?soll auch von einem Gendarm entdeckt worden sein."

?Das junge M?dchen?"

?Nein, die Telegraphen", versicherte der Gendarm mit selbstzufriedenem L?cheln, ?und zwar auf die einfachste Weise von der Welt. Wie er es herausgebracht hatte, soll der Herr Polizeidirector ausgerufen haben: das ist ja keine Kunst, das kann ich auch. - Aber so geht's immer nachher, die gescheiten Leute haben die Einf?lle und die andern Herren sagen nachher: Ja, das ist keine Kunst, das kann ich auch."

?Aber auf welche Weise entdeckt?" fragte der Commerzienrath trotz der verschiedenen Dinge, die ihm im Kopfe herumgingen, doch gespannt, auf welche Weise der Mann mit dem blanken Helme solch eine Behauptung motiviren und entwickeln würde.

?Ungeheuer einfach", lachte dieser, ?die ganze Geschichte ist ja doch nur nach dem Princip der Klingelzüge eingerichtet, wie zum Beispiel in einem Gasthofe. Wenn man einmal klingelt, kommt der Kellner, zwei mal, das Stubenm?dchen, und drei mal, der Hausknecht. Auf der Polizei ist es ebenso, wo nach den verschiedenen Klingeln, nach ein- oder mehrmaligem Anziehen, der oder jener der Sicherheitsdiener herbeigerufen wird, und bei uns hier sind auch zwei oder drei Züge übereinander angebracht. Mein College sa? auf einer Bank im Vorsaale des Criminalamts mit ein paar Gefangenen, die er eingebracht hatte, als ihm die Geschichte einfiel. Statt aber gescheit zu sein und ein Patent darauf zu nehmen, erz?hlte er sie einem der Herren Actuare, der sprach darüber mit einem Professor, und wie man die Hand umdrehte, hatte der's nachgemacht und steckte den Nutzen ein - und jetzt mu? man für jeden Zug an der Klingel, und wenn's nur bis Bamberg w?re, 1 Gulden 30 Kreuzer zahlen - rechnen Sie einmal die Halben Bier, die man dafür trinken k?nnte."

?Hm", sagte der Commerzienrath, der jetzt nach des Gendarm Meinung einen vollkommenen Einblick in die Sache gewonnen haben mu?te, sich aber doch mehr für den andern Fall interessirte, ?also zwei Brüder der jungen Dame sind hier durch und nach Bamberg gegangen, die Flüchtige einzuholen?"

?Ja wol, Herr Commerzienrath", erwiderte der Gendarm, ?thut mir eigentlich leid um das arme Ding. Lieber Gott, wenn sie einmal ihren Br?utigam nicht haben will, ist es auch hart sie dazu zu zwingen; aber das ist eine Sache, die nur die Familie unter sich auszumachen hat, die Polizei mu? jedenfalls ihre Schuldigkeit thun, und w?re sie mir unter die H?nde gefallen, würde ich sie ebenfalls ausgeliefert haben und wenn es meine eigene Schwester gewesen w?re."

Nach diesem heroischen Bekenntnisse stand der Mann mit der Uniform rasselnd auf, trank sein Bier aus, wobei er einen prüfenden Blick über die in der Stube versammelten Physiognomien gleiten lie?, und wollte sich eben anschicken mit einem milit?rischen Gru? das Zimmer zu verlassen, als ihm eine vers?umte H?flichkeit einfiel.

?Ihr Fr?ulein Nichte befindet sich doch vollkommen wohl, wenn ich fragen darf?" sagte er mit einer h?flichen Verbeugung gegen den Commerzienrath, ?vielleicht nur ein wenig angestrengt von der Reise?"

?Ja - ich danke", erwiderte der Commerzienrath und fühlte wie ihm das Blut in einem wahren Strom in die Stirn und Schl?fe scho?, da? er einem k?niglichen Beamten gegenüber lügen mu?te.

?Ist unangenehm, besonders für Damen", setzte der galante Gendarm hinzu, ?ihres Gep?ckes, wenn auch nur zeitweilig beraubt zu werden. Nun hoffentlich haben Sie die ganze Bescherung morgen mit dem Frühzuge wieder hier. - Wünsche Ihnen einen angenehmen Abend, Herr Commerzienrath!" und der Mann rasselte mit klirrenden Sporen und klapperndem Wehrgeh?nge zur Thür hinaus.

* * *

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