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   Chapter 7 7

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 11971

Updated: 2017-11-30 00:02


Die Nichte.

* * *

Auch seine junge Nachbarin hatte sich fest in ihr Tuch gewickelt und zurückgelehnt, aber der blonde Schwager in spe schien sich davon nicht abschrecken zu lassen, sondern setzte das Gespr?ch unverdrossen, wenn auch nur auf seiner H?lfte, fort, bis der Zug in der N?he der n?chsten Station Lichtenfels pfiff.

?Gott sei Dank!" murmelte der Commerzienrath leise vor sich hin, ?aus der Verlegenheit w?r' ich denn also bald heraus", und leise seinen Schirm zurechtrückend und den neben sich liegenden Reisesack umdrehend, da? er den Henkel gleich erfassen konnte, sa? er sprungfertig und aufmerksam auf das ge?ffnete Fenster schauend da, bis der Zug hielt und der Conducteur den Schlag ?ffnete.

?Station Lichtenfels!"

?Wollen Sie uns hier schon verlassen, Herr Regierungsrath?" t?nte eine Stimme mitten aus dem Waggon heraus - es war die Dame mit dem papagaigrünen Hut, die wenigstens nicht im Grolle von dem betitelten Mann scheiden mochte.

?Wünsche allerseits glückliche Reise!" sagte der Commerzienrath, ohne sich umzusehen und selbst den künftigen Verwandten keines Blickes würdigend.

?Es thut mir unendlich leid, so angenehmer Gesellschaft so früh entsagen zu müssen", h?rte er noch hinter sich, und mit einem in den Bart gemurmelten ?Bitte, bitte recht sehr!" kletterte er, den Reisesack und das Sitzkissen hinter sich herschleifend, die eisernen Tritte nieder und eilte jetzt spornstreichs, und ohne sich nur umzusehen, der Restauration zu, dort seine Sachen abzulegen und nach seinem übrigen Gep?ck zu sehen. Ein kleiner Junge, der sich ihm dienstfertig zum Führer anbot, geleitete ihn rasch zum Packwagen zurück, wo der Packmeister, der das für Lichtenfels bestimmte Gut schon verabfolgt hatte, eine Partie mitgehender Packete in Empfang nahm.

?Ich m?chte gern mein Gep?ck haben!" rief der Commerzienrath.

?Liegt da drüben", lautete die prompte Antwort und Herr Mahlhuber schüttelte erstaunt mit dem Kopfe und sagte bewundernd:

?Das mu? ich gestehen, das ist eine vortrefflich rasche Expedition."

Der Zug hielt sich aber hier nur wenige Minuten auf; das Zeichen wurde gegeben, die Conducteure sprangen auf ihre Sitze und die lange dunkle Wagenreihe setzte sich wieder langsam, mit dem ruckweisen Anspannen der Ketten, in Bewegung.

?Empfehle mich ergebenst, Herr Regierungsrath!" rief der semmelblonde junge Mann aus dem Coupéfenster heraus und winkte mit der Hand hinüber.

?...pfehle mich. - Da? dich der B?se hole sammt deinem Regierungsrath!" knurrte Herr Mahlhuber leise und finster vor sich hin, ohne sich auch nur nach dorthin umzusehen, von wo die Stimme kam, denn seine Aufmerksamkeit war jetzt vor allen Dingen auf den kleinen Haufen Gep?ck gerichtet, der aufgeschichtet an der Barrière lag und in dem er nicht ein einziges Stück seines Eigenthums entdecken konnte.

?Wo sind denn meine Koffer?" fragte er, als ihm die Ahnung eines neuen Unfalls d?mmerte, rasch und erschrocken den einen Postbeamten, der bei den Sachen stand und die Expedition derselben zu haben schien.

?Ihre Koffer? - Wei? ich nicht", brummte dieser, die Spitze eines Bleistifts zwischen den Lippen und ein kleines schmales Buch in der Hand, indem er die einzelnen Stücke zu überz?hlen schien, ?3, 4, 5, 6 -"

?Aber sie sollten doch hier liegen -", rief der Commerzienrath.

?Wei? ich nicht - 7, 8, 9, 10 - waren nach Lichtenfels bestimmt? - 11, 12, 13, 14."

?Nein, nach München; aber ich fragte den Packmeister deshalb -"

Der Postbeamte warf den Kopf auf die Seite und deutete, ohne weiter eine Miene zu verziehen, mit dem Bleistift über die Schulter, hinter dem wegbrausenden Zuge her.

?Futsch!" sagte er dabei so ernsthaft, wie es das in tausend kleine Winkel und Falten gezogene Gesicht nur m?glicherweise erkennen lie?, und notirte zu gleicher Zeit die richtig befundene Anzahl der eingetroffenen und registrirten Colli in sein kleines Buch.

Der Commerzienrath blieb wirklich im ersten Augenblick sprachlos vor Schreck, denn der Gedanke, trotz aller erlittenen Unbill, war ihm noch zu neu, sich mitten in der Welt wie er ging und stand und allein auf sich selber angewiesen zu wissen; dann aber, wie uns das oft so im Leben geht, wenn zu viel des Unheils über uns pl?tzlich und gewaltsam zusammenbricht, lachte er geradeheraus und sah dann gleich darauf wieder so ernsthaft aus, als ob er eine Stecknadel verschluckt h?tte.

Der Postbeamte blickte ihn halb mistrauisch, halb erstaunt an; da es ihn aber ungemein wenig interessirte, was der Passagier that und trieb, drehte er sich ohne ein Wort weiter zu sagen um und ging langsam seinen Gesch?ften nach.

Der Commerzienrath blieb rathlos da stehen, wo er sich gerade befand, und überlegte sich eben, was er jetzt thun solle, seinen Sachen mit dem n?chsten Zuge nachreisen oder danach schreiben und sie hier erwarten, als Jemand Anderes seinen Gedanken eine neue Richtung gab.

Seinen Augen wollte er nicht trauen, als er das junge hübsche M?dchen, seine Nachbarin aus dem Coupé, die er wenigstens halbwegs nach der n?chsten Station glaubte, mit einem Gendarmen gerade auf sich zukommen sah, und das Erstaunen wuchs, als ihm die Sch?ne auf die herzlichste Weise mit ?Lieber Onkel" anredete und ihm mit halbverbissenem L?cheln erz?hlte, der ?Herr" da - der Gendarm n?mlich, habe sie gefragt, wo sie herkomme und wohin sie wolle, und durchaus ihren Onkel zu sehen verlangt.

Der Commerzienrath sah erst den Gendarmen und dann das junge hübsche M?dchen an, und heimlicherweise kniff er sich dabei in den Arm, um sich unter der Hand erst einmal vor allen Dingen davon zu überzeugen, da? er nicht tr?ume, sondern diese tollen Geschichten wirklich und bei vollkommen gesundem Verstande mit durchmache. Daran war übrigens kein Zweifel, und die dem anst?ndig aussehenden alten Herrn gegenüber sehr artig gestellte Frage des Gendarmen, mit wem er das Vergnügen habe zu sprechen, brachte ihn endlich zu vollem Bewu?tsein zurück.

?Mahlhuber - Commerzienrath Mahlhuber", s

agte er mit einer gewissen Art von Selbstbewu?tsein, denn einem k?niglichen Beamten gegenüber h?rte jedes Incognito auf. War es Absicht oder Zufall dabei, wer kann in den Falten des menschlichen Herzens lesen? aber sein Oberrock klappte in diesem Augenblick ein wenig zurück, und dem aufmerksamen Blick des Gendarmen entging nicht der darunter eingeknüpfte Orden, der ihm im Nu ein verbindliches L?cheln über das breite Gesicht zog.

?Entschuldigen Sie", sagte er mit einer nicht ungelungenen Verbeugung, ?da? ich Ihr Fr?ulein Nichte bel?stigt habe, aber die junge Dame ging dort allein mit ihrem Reisebeutel auf und ab, und vor etwa einer Viertelstunde ist uns erst hierhertelegraphirt worden, auf ein einzelnes M?dchen, deren unvollkommene Beschreibung allerdings die entfernte Vermuthung einer Aehnlichkeit mit Ihrer Fr?ulein Nichte zulie?, zu fahnden. Die junge Dame sollte wahrscheinlich in Bamberg, m?glicherweise auch schon in Lichtenfels aussteigen. Der Herr Commerzienrath werden entschuldigen -"

?Bitte, bitte", sagte dieser, w?hrend er dem dankenden Blick der jungen Fremden begegnete, ?aber - das ist ganz hübsch und gut - meine s?mmtlichen Sachen sind jedoch aus Versehen nach München anstatt nach Lichtenfels expedirt, und wie krieg' ich die wieder?"

?Haben Sie schon telegraphiren lassen, Herr Commerzienrath?" fragte der Gendarm, sehr geehrt dadurch, einem solchen Herrn einen Rath ertheilen zu k?nnen.

?Telegraphiren? - Nein - und wann kann ich die Sachen wieder hier haben?"

?Sollen sie hierher zurückgehen?"

?Ja", sagte Herr Mahlhuber, nach kurzer Ueberlegung, entschlossen.

?Jedenfalls mit dem Nachtzuge - erlauben Sie mir, da? ich das für Sie besorge?"

?Mit Vergnügen", sagte der Commerzienrath, und das junge M?dchen schien w?hrend der etwas langedauernden Verhandlung, in der sich der dienstfertige Mann die Nummern der Packzettel geben lie? und dann damit in das Telegraphenzimmer ging, wie auf Kohlen zu stehen. Endlich war das Alles besorgt. Die Nachricht, das Gep?ck hierher zurückzusenden, war schon in München und der Gendarm seinen Gesch?ften nachgegangen. Der Commerzienrath Mahlhuber stand mit der jungen Fremden allein auf dem Platze.

?Aber nun, mein Fr?ulein", brach er endlich, indem er sich die Brille abwischte und wieder aufsetzte, das Schweigen, ?m?chte ich Sie doch um Alles in der Welt gebeten haben, mir zu sagen, was Sie eigentlich von mir wünschen und wie ich in der That zu der Ehre komme -".

?Zu so gro?em Dank ich Ihnen verpflichtet bin", sagte tief err?thend die junge Fremde, ?darf ich Ihnen doch in diesem Augenblick noch nicht vollen Aufschlu? geben; aber Sie haben mir und Jemand Anderm einen gro?en Dienst erwiesen, und vielleicht kommt einmal die Zeit, wo ich im Stande bin, mich Ihnen dankbar zu erweisen. Darf ich Sie jetzt nur noch bitten, mit mir zum Flu? hinunterzugehen, wo ich mich übersetzen lassen m?chte? die Leute hier dürfen mich nicht allein gehen sehen."

?Das wird Ihnen wenig helfen, mein Fr?ulein", sagte der Commerzienrath, dem mit dieser aufgezwungenen Ritterschaft doch anfing unheimlich zu werden, ?sowie Sie über den Flu? kommen, sind Sie doch allein, denn ich versichere Sie, da? ich nicht daran denke, mich noch weiter in diese mir schon au?erdem h?chst unangenehme Sache einzulassen - meine Stellung als Staatsbürger und mein Leberleiden als Mensch verbieten mir -".

?Sobald ich das andere Ufer betrete", unterbrach ihn rasch die junge Dame, ?bin ich aus dem Bereich jeder Verfolgung."

?Verfolgung?" wiederholte der Commerzienrath ?ngstlich, dem es überhaupt ein b?ngliches Gefühl wurde, Jemandes Flucht zu unterstützen, nach dem sich ein Gendarm erkundigt hatte, ?Sie werden doch nicht - nicht irgendetwas - irgendetwas angegeben haben?"

?Nichts B?ses", l?chelte das junge M?dchen; ein tiefes Roth stahl sich dabei über die sanften Züge, und die treuen Augen sahen so offen und unschuldsvoll zu ihm auf, da? an einen Zweifel an ihren Worten gar nicht zu denken war.

?Aber was verlangen Sie denn noch von mir?" fragte der Commerzienrath, dessen gutes Herz gegen jedes andere selbstsüchtige und commerzienr?thliche Gefühl arbeitete, ?was mu? ich thun, um sie wenigstens für den Augenblick aus irgendeiner - irgendeiner unangenehmen Lage zu ziehen?"

?Mich nur an - oder wenn Sie Ihrer Güte die Krone aufsetzen wollen, über den Flu? begleiten - dort hab' ich Freunde."

Der Commerzienrath schüttelte mit dem Kopfe, die ganze Geschichte kam ihm mehr wie ein M?rchen vor, das ihm Jemand erz?hlt h?tte und das er glauben konnte oder auch nicht - wie es ihm gerade gefiel. Es blieb ihm aber jetzt gar keine andere Wahl als sich zu fügen, denn verrathen durfte er das vielleicht durch unglückliche Familienverh?ltnisse zu einem solchen Schritte getriebene junge M?dchen nicht, und sie jetzt im Stiche lassen w?re fast Dasselbe gewesen. So also mit einem aus tiefster Brust heraufgeholten Seufzer ihr den Arm bietend, führte er seine sch?ne Schutzbefohlene - oder wurde vielmehr durch sie geführt - den schmalen Pfad hinab, der sich zum Wasser niederzog. Als er aber wieder, etwa eine halbe Stunde sp?ter, in die Restauration zurückkehrte, lie? er sich ein Zimmer mit einem Bett geben, a? etwas, zog sich dann aus und legte sich - nachdem er die Thür vorher sorgf?ltig verschlossen und verriegelt hatte, ordentlich schlafen.

Dem Kellner war strenge Ordre geworden, ihn nicht eher zu st?ren, bis er von selber aufstehen würde, und mit dem beruhigenden Gefühl, allen Unannehmlichkeiten entgangen und in wenigen Stunden diesem ganzen fremden Unwesen enthoben zu sein, faltete er die H?nde und war bald sanft und sü? eingeschlafen.

Der Commerzienrath Mahlhuber war fest entschlossen, mit dem ersten Morgenzuge und sobald er nur wenigstens erst einmal seine durchgegangenen Koffer wieder hatte, unbeschadet des Gel?chters einzelner Narren und gefühlloser Menschen, die Heimfahrt anzutreten - er dachte nicht daran einen neuen Don Quixote aus sich zu machen.

* * *

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