MoboReader > Literature > Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer

   Chapter 6 6

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 29648

Updated: 2017-11-30 00:02


Die verh?ngni?vollen Schuhe.

* * *

Die vorige unruhige Nacht hatte den sonst an seine ununterbrochenste Ruhe und jede Bequemlichkeit gew?hnten Mann so mitgenommen, da? er seine neue Reisegesellschaft, ohne sich auch nur im mindesten um sie zu bekümmern, kaum begrü?te, sondern sich nur in die Ecke zurücklehnte und die Augen schlo?, das Vers?umte jetzt wenigstens in etwas und nach besten Kr?ften nachzuholen. Das Glück war ihm diesmal auch günstiger, seine Mitpassagiere nickten ebenfalls hüben und drüben in den Ecken, und der Commerzienrath schlief fest bis nach Burgkundstadt hinein, wo sie um 2 Uhr Nachmittags eintrafen und etwas sp?ter mit dem abgehenden Eisenbahnzuge nach Bamberg bef?rdert werden konnten.

Hier aber begann wirklich ein anderes Leben für den Commerzienrath; in seinem ganzen Leben war er noch auf keiner Eisenbahn gefahren, und auch das Kleinste, Unbedeutendste, was mit derselben in Verbindung stand, bis auf die geflügelten R?der der Kn?pfe und Mützenzierrathen hinunter, interessirte ihn. Gerührt schien er ordentlich über die Gef?lligkeit der ihm doch wildfremden Menschen, seinen Regenschirm oder was er sonst in der Hand hielt, zu tragen - wer h?tte sich selbst in Gidelsbach so weit um ihn bekümmert, und er streute die Kreuzer nur so um sich her. Er bedurfte aber auch fremder Menschen, ihn und sein Gep?ck wieder richtig an Ort und Stelle abzuliefern, da? er die Restauration und das Gep?ckzimmer, den Billetverkauf und sein Coupé fand. Behaglich dort in eine Ecke und das weiche Polster gedrückt, h?rte er mit einem eigenthümlichen unheimlichen Wohlbehagen das scharfe Pfeifen der Locomotive, fühlte die Wagen anziehen und sah sich gleich darauf zu seinem unbegrenzten Erstaunen mit einer Schnelligkeit fortgerissen, von der er früher allerdings keine Ahnung gehabt.

Das Coupé war ziemlich voll und der Commerzienrath befand sich zwischen einer ganzen Anzahl von Damen, die, schon eine l?ngere Strecke zusammengefahren, miteinander flüsterten und schwatzten und sich heimlicherweise ihre Bemerkungen über den frisch eingestiegenen Mitpassagier in die Ohren flüsterten. Mit ihm zugleich gekommen war ein junges bildsch?nes M?dchen von vielleicht 18 oder 19 Jahren, und die im Wagen Sitzenden mu?ten natürlich glauben, wovon Commerzienrath Mahlhuber auch nicht die Ahnung hatte, da? sie Beide zusammengeh?rten. Die verschiedenen Ansichten boten jetzt ungemeines Interesse, ob sie ein jung verheirathetes Paar oder Vater und Tochter sein k?nnten.

So unschuldig aber auch Freund Mahlhuber unter diesem f?rmlichen Schauer von Vermuthungen sa? und sich nur für Alles interessirte, was mit der Bewegung und Einrichtung der Bahn und der verschiedenen Wagen selber wie ihrer Fortbewegung in Verbindung stand, so aufmerksam hatte das scharfe Ohr seiner jungen Nachbarin die einzelnen Worte hier und da aufgefangen, und ihre Blicke hafteten mehre male, solange sie das unbemerkt thun konnten, auf ihrem Nachbar.

Sehr einfach aber geschmackvoll gekleidet, trug sie einen enganschlie?enden Oberrock von ungebleichter Seide mit einem rosaseidenen Halstuche und in der Hand einen breitr?nderigen Strohhut mit einem einfachen seidenen Bande, dann einen Sonnenschirm und eine ziemlich vollgepackte etwas unbequeme Reisetasche, die sie neben sich stehen hatte und auf die sie ihren linken Arm stützte. Sie sah aus wie eine junge Dame, die ein paar Stationen f?hrt, irgend Verwandte zu besuchen, dort vielleicht ein oder zwei N?chte zu bleiben und dann in demselben Kleide nach Hause zurückzukehren. Nichtsdestoweniger hatte sie etwas Unruhiges in ihrem Benehmen, das den scharfbeobachtenden Damen im Coupé keineswegs entgangen war, und blos an dem gutmüthigen L?cheln des Commerzienraths spurlos vorüberglitt. Nur ein einziges mal, als sie das gro?e dunkle Auge, gerade wie die Aufmerksamkeit der Uebrigen nach anderer Richtung hingezogen wurde, auf ihn mit einem so ?ngstlich fragenden Blick geheftet hielt, fiel es ihm selber auf und er wollte sich in der That schon erkundigen, ob sie etwas von ihm wünsche oder ob er Irgendjemandem aus ihrer Bekanntschaft, der er aber natürlich nicht w?re, frappant ?hnlich s?he. Sie drehte jedoch das K?pfchen gleich darauf wieder leise err?thend nach der andern Seite, und er dachte nicht weiter daran.

?Es ist jedenfalls Mann und Frau", sagte indessen die eine alte Dame auf der andern Seite des Coupé, die sich zu der ihr gegenüber Sitzenden mit dem Oberk?rper vorbog, damit sie, in dem Klappern der Wagen, nicht zu schreien brauche, ?sie reden fast gar nicht miteinander und die junge Frau dreht nur manchmal das K?pfchen nach ihm herum, zu sehen was er für ein Gesicht macht."

?Der alte Esel h?tte eher an sein Grab als an die Heirath mit einem so jungen Dinge denken sollen - wenn's wahr ist -" sagte die Andere.

?Ich m?chte nur wissen wie lange das dauern wird", meinte die Erste wieder und stahl einen Seitenblick nach der jungen Frau, den sie aber augenblicklich anscheinend gleichgültig zum Fenster hinauswarf, als sie deren Auge fest auf sich geheftet fand; ?sie kann das doch nicht geh?rt haben", setzte sie schnell und leise hinzu.

?Und was w?r's?" sagte die Andere, den Kopf hinüberwerfend, ?Jeder hat ein Recht zu seiner Meinung, sollt' ich denken."

Die dem Commerzienrath gegenübersitzende Dame hatte indessen kaum einen Augenblick ruhig gesessen, sondern bald auf dem Sitze herum, bald mit den Fü?en unter sich gefühlt und bald ihre R?cke beiseite gedrückt und an des Commerzienraths rechtem und linkem Beine heruntergesehen.

?Suchen Sie etwas?" fragte dieser endlich gef?llig, und sie hatte wirklich noch nichts Anderes gethan die ganze Zeit.

?Ach das ist mir sehr fatal", sagte die Dame, ?ich mu? meine Ueberschuhe zu Hause haben stehen lassen, denn ich erinnere mich nicht sie hier im Wagen ausgezogen zu haben, und sie sind doch nirgends zu sehen. Wenn wir jetzt noch Regen bekommen zu den schon so schmuzigen Wegen, kann ich mit meinen dünnen Zeugstiefeln im Schlamme herumwaten."

?Wenn Sie mir erlauben", sagte der Commerzienrath und machte einen verzweifelten, wenn auch v?llig erfolglosen Versuch sich zu bücken, ?so will ich selber einmal nachsehen."

?O bitte, bemühen Sie sich nicht - ach das ist mir doch recht fatal", sagte die Dame, eine recht nette, noch ziemlich jung und frisch und blühend aussehende Frau.

?Ja, man ist auf der Reise so manchen Unannehmlichkeiten ausgesetzt", sagte der Commerzienrath seufzend, ?man mu? so Manches entbehren, dessen Nützlichkeit und Nothwendigkeit man wirklich erst einsieht, wenn man es vermi?t."

?Ja, und besonders wenn man leidend ist", sagte die junge hübsche Frau mit einem tiefen Seufzer, indem sie jede Hoffnung auf die Ueberschuhe aufzugeben schien, und neben dem Commerzienrath hin zum Fenster hinaussah; ?ich kann mir den Tod holen in meinen dünnen Schuhen."

?Es ist unendlich fatal", sagte der Commerzienrath und sah noch einmal nach links auf die Knie der verschiedenen Damen nieder, die ihm jede Aussicht nach unten rettungslos versperrten.

?Ich gehe nie in Zeugstiefeln", sagte eine dicke Dame in einem papagaigrünen seidenen Hute und blauen Blumen darin, mit sehr rothem Gesichte und einem Paar entsetzlich gro?er emaillirter Ohrringe, die rechts und links aus dem Hute heraushingen - sie sa? dicht neben der jungen Frau, dem Commerzienrath schr?g gegenüber, und hatte indessen eben eine gestrichene Semmel mit K?se beendet, die einen warmen unangenehmen Geruch im Coupé verbreitete -; ?ich trage bei schmuzigem Wetter immer Lederschuhe, und die sind mir noch manchmal zu hei?. Durch die Ueberschuhe verdirbt man sich die Fü?e. M?nner tragen sie und m?gen sie tragen - M?nner rauchen auch Cigarren, aber ich halte Ueberschuhe für etwas Unweibliches."

Der Commerzienrath, der keinesfalls den ganzen Sinn der Worte verstanden, nahm das wunderbarerweise für ein ihm gemachtes Compliment, wenigstens verneigte er sich gegen die Dame und sagte verbindlich:

?Ich kann mich auch nie erinnern Ueberschuhe getragen zu haben, obgleich mein kr?nklicher Zustand mich wol dabei würde entschuldigt haben. Dorothee, wei? ich, drang oft in mich mir ein Paar anzuschaffen, aber ich str?ubte mich hartn?ckig dagegen - ich habe Frostballen am linken Fu?."

?Dorothee hei?t sie", sagte die eine Dame an der andern Seite des Coupé leise zu ihrer Freundin.

?Sie sehen aber gar nicht aus als ob Sie einen kr?nklichen Zustand h?tten", erwiderte ihm die dicke Dame mit den gro?en Ohrringen. ?Es ist merkwürdig was die M?nner immer gleich pimpeln und lamentiren, wenn ihnen einmal der Finger wehthut, und uns nennen sie das schwache Geschlecht! Sie sollten einmal unsere Schmerzen zu ertragen haben." Und sie nickte dabei mit dem Kopfe und sah sich unter ihren Nachbarinnen mit einem triumphirenden Blicke ringsum, der nicht Anerkennung suchte, nein, der wu?te, da? er sie zu fodern hatte.

?Nun, ich wei? doch nicht", meinte der Commerzienrath, und in der Furcht in dem Klappern des Wagens nicht geh?rt zu werden, schrie er dabei etwas mehr als gerade n?thig gewesen w?re; ?ich zum Beispiel leide, nach einer sehr schmerzhaften Operation, deren Folgen vielleicht noch im Hintergrunde für mich lauern, an gelber Hypertrophie, die mir gro?e Sorgen bereitet und mich in der That auf Reisen getrieben hat."

?Ueberdrofi?" fragte die dicke Frau erstaunt, ?wer hat schon in seinem Leben von Ueberdrofi geh?rt? Was sie jetzt für verrückte Namen für alle Krankheiten haben!"

?Es ist eine speckige Entartung der Leber", sagte der Commerzienrath rasch und sehr erfreut, die Dame mit den gro?en Ohrringen in etwas belehren zu k?nnen, ?eine Art Fettleber, die, v?llige drei Zoll zu gro? für den übrigen Bau meines K?rpers, an Rippen, Zwerchfell und Magen anst??t und mir die bedauerlichsten Unbequemlichkeiten veranla?t. Ein Fahren im Wagen ist mir deshalb von meinem Arzte als eine Art Passivgymnastik besonders empfohlen worden."

?Als was?" fragte die dicke Dame und sah ihn gro? und erstaunt mit ihrem vollen rothen Gesicht an.

?Als eine Art Passivgymnastik."

?Das Fahren?"

?Ja wol -"

?Nun Gott sei Dank", sagte die dicke Dame und warf wieder einen Blick umher wie vorher, ?und reist ihre Frau auch auf Passif-, wie hie? das Andere?"

?Gymnastik - meine Frau?" setzte der Commerzienrath überrascht hinzu und die andern Damen steckten die K?pfe zusammen. Ehe er aber noch etwas weiter darauf erwidern konnte, pfiff die Locomotive, der Zug ging langsam und die junge hübsche ihm gegenübersitzende Frau mit den vergessenen Ueberschuhen stand auf, ihr Umschlagetuch, das zurückgefallen war, wieder über die Schultern zu nehmen.

?Sie wollen uns hier schon verlassen?" fragte der Commerzienrath, w?hrend die dicke Frau sich von ihm abbog und ihre Nachbarin zur Rechten, in einem Versuch der an der andern Ecke sitzenden Dame etwas zuzuflüstern, fast erstickte.

?Ja, ich gehe nur bis Hochstadt", lautete die Antwort, w?hrend die Sprecherin aus dem Fenster und nach den Wolken schaute; ?lieber Gott im Himmel", setzte sie dabei ?ngstlich hinzu, ?da hinten steigen wirklich schon Wolken auf und wenn wir noch mehr Regen bekommen, bin ich verloren."

?Sie werden sich ein Paar andere Schuhe kaufen müssen", sagte der Commerzienrath wohlmeinend, ?es wird wirklich das Beste für Sie sein."

?Ach das viele Geld so hinauswerfen", sagte die kleine Frau seufzend, ?es wird mir aber am Ende nichts Anderes übrigbleiben, und ich glaubte so fest, da? ich sie mith?tte."

?Nun vielleicht finden sie sich noch", suchte sie Herr Mahlhuber zu tr?sten; aber der Trost war sehr schwach, denn der Zug hielt in diesem Augenblick und die junge Frau stieg, wie das Coupé ge?ffnet wurde, mit freundlichem Gru? aus.

?Station Hochstadt!" sagte der Conducteur. ?Der Zug wird gleich wieder fortgehen."

Der Commerzienrath hatte ihr eben den Reisebeutel nachgereicht, als drau?en ein Kellner mit Bier vorüberkam. Herrn Mahlhuber durstete, ebenfalls eine Folge seines Leberleidens, wie er sich selber entschuldigte, fortw?hrend, und er gedachte nicht eine so gute Gelegenheit vorbeizulassen, den Durst zu l?schen. Wie er aber ausstieg warnte ihn der Conducteur den Zug nicht zu vers?umen, der den Augenblick wieder abgehen würde.

?Nur einmal trinken, lieber Freund", sagte der Commerzienrath bestürzt, ?ich habe ein Leberleiden, die gelbe Hypertro-"

?Ja von der kommt's", lachte der Mann, ebenfalls ein Glas auf einen Zug leerend und sich den Bart wischend, ?das wei? der Henker, die ist immer trocken", und ohne sich weiter mit dem Passagier einzulassen, ging er seinen Gesch?ften nach den Zug hinunter.

Commerzienrath Mahlhuber trank sein Bier aus, bis auf die Nagelprobe, sprang aber gleich darauf erschrocken, als die Locomotive einen kleinen Pfiff that, in das Coupé zurück, solche Angst hatte er dagelassen zu werden. Uebrigens blieb ihm auch gar nicht viel Zeit, denn als er eben noch zum Fenster hinaussah, pfiff es drau?en wirklich und der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Wie sie an den Bahnhofgeb?uden vorüberfuhren, sah er die junge Frau, die von ihnen ausgestiegen und deren Platz ein junger Mensch mit semmelblonden Haaren eingenommen, drau?en nicht weit von den Schienen stehen. In dem Augenblick berührte aber auch zuf?llig sein Fu? etwas im Wagen, das ihm wie ein Ueberschuh vorkam, und rasch, in der Erregung des freudigen Gefühls, ein gutes Werk zu vollführen, und selbst auf die Gefahr hin, seiner Leber Schaden zu thun oder ein paar Kn?pfe abzusprengen, fuhr er mit der linken Hand hinunter und erfa?te wirklich zwei dort stehende gro?e Schuhe.

?Hier sind Ihre verlorenen Schuhe, Madame!" rief er in vollem Jubel hinaus.

?Ach, ist es m?glich?" rief die junge Frau und streckte die Arme danach aus. An ein artiges Ueberliefern war aber gar nicht mehr zu denken, denn der Zug fing schon an rasch zu gehen, und mit wirklich lobenswerther Entschlossenheit ergriff er die beiden Schuhe und warf sie nach der Richtung hin, wo die Dame stand, die mit freundlichem Handwinken ihm für seine Gef?lligkeit, als er sich noch l?chelnd nach ihr hinaus aus dem Fenster bog, dankte.

?Herr, sind Sie des Teufels?" schrie in dem Augenblick die dicke ihm schr?g gegenübersitzende Dame und wurde kirschroth im Gesicht vor Zorn und Aufregung. ?Sie haben meine Schuhe aus dem Fenster geworfen - halt da! - halt - halt!" schrie sie dabei und dr?ngte sich in wilder Aufregung dem offenen Fenster zu, die ihr im Wege Sitzenden mit Keilkraft auseinandertreibend; ?halt!" schrie sie, sehr zum Erg?tzen der drau?enstehenden Bahnw?rter und Arbeiter, denn an den Geb?uden waren sie schon vorüber, ?halt, meine Schuhe - ich mu? meine Schuhe haben - ich kann nicht ohne meine Schuhe weiterfahren!"

Grinsende Gesichter der Drau?enstehenden waren Alles, was man ihr darauf antwortete. ?Brrrr!" riefen wol Einige, in boshaftem Spotte d

ie Locomotive mit einem durchgehenden Pferde vergleichend, und ein Anderer stellte sich hin und ahmte mit den Armen das Arbeiten eines Telegraphen nach, der in gewaltiger Eile irgendeine wichtige Botschaft meldet; aber Mitleiden durfte sie von den Leuten nicht erwarten - noch weniger ihre Schuhe, und wenige Secunden sp?ter hatte der Zug die Station weit und unerreichbar hinter sich.

?Herr, Sie sind werth, da? man Sie hinter den Schuhen her würfe", wandte sich jetzt der Grimm der dicken Frau gegen den entsetzten Commerzienrath, der sich im Anfange noch nicht einmal recht in das Unheil, das er angerichtet, hineindenken konnte, ?jetzt kann ich barfu?laufen."

?Aber ich denke Sie tragen keine Ueberschuhe", rief der entsetzte Mann, der sich, in der peinlichsten Lage von der Welt, nur noch an diesen letzten Hoffnungsanker klammerte.

?Ueberschuhe - wer redet von Ueberschuhen!" schrie die Frau, den jungen semmelblonden Mann fest in seine Ecke hineindrückend, ?da? der B?se Ihre Ueberschuhe hole; meine Schuhe haben Sie hinausgeworfen."

?Ihre Schuhe?" fragte der Commerzienrath in unbegrenztem Erstaunen, w?hrend die andern Frauen untereinander lachten und kicherten, ?aber wie ist das m?glich?"

?M?glich?" wiederholte die gereizte Dame mit blitzenden Augen, ?m?glich? Ich hatte sie abgezogen, weil sie mir zu hei? wurden - ich leide an hei?en Fü?en; jetzt sitz ich in Strümpfen."

?Aber ich bitte Sie um Gotteswillen!"

?Gehen Sie zum Teufel mit ihren Bitten!" schrie die gereizte Frau und das Gesicht wurde ihr ordentlich braun in der furchtbaren Aufregung; ?nun sitz' ich hier barfu? und kann mir den Tod holen, bis ich nach Bamberg komme."

?Aber ich gebe ihnen mein Ehrenwort -"

?Behalten Sie Ihr Ehrenwort und geben Sie mir meine Schuhe?" schrie die Amazone.

Das junge M?dchen an seiner Seite war, au?er dem jungen blonden Mann, der noch gar nicht verstand, um was es sich hier eigentlich handelte und ein etwas verdutztes Gesicht in das allgemeine Vergnügen hinein machte, die Einzige von den Zuschauern gewesen, die nicht gelacht hatte; oder sie wollte es auch vielleicht verbergen, denn sie bog das K?pfchen, wie der Blonde in den Wagen stieg, tief nieder, als ob sie den Ausdruck ihres Gesichts - vielleicht das ganze Gesicht verbergen wollte. W?hrend des von weiblicher Seite leidenschaftlich genug geführten Gespr?chs sagte sie auch kein Wort, und in der That lie? auch die Dame in dem papagaigrünen Hute, in dem Bewu?tsein ihrer sch?ndlich misbrauchten hülflosen Lage, Niemand Anderes zu Worte kommen.

?Aber, liebste Madame -", sagte der Commerzienrath in einem trostlosen Versuche sie zu bes?nftigen.

?Gehen Sie mir mit Ihrer Madame", schrie die Frau, ?schaffen Sie mir meine Schuhe - Herr! Wer gibt Ihnen ein Recht hier, anderer Leute Schuhe zum Fenster hinauszuwerfen?"

?Aber ich will sie Ihnen mit gr??tem Vergnügen bezahlen -"

?Und was zieh' ich denn jetzt an? Soll ich etwa barfu? oder in Strümpfen in Bamberg zu einem Schuster laufen?"

?Ich würde Ihnen gern ein Paar von den meinigen -"

?Haben Sie Schuhe bei sich?"

?Schuhe? Nein, aber Stiefel -"

?Glauben Sie, da? ich in M?nnerstiefeln in der Stadt herumlaufen soll?" rief die Sch?ne entrüstet, ?nein, ist schon Jemandem eine solche Unversch?mtheit vorgekommen?"

?Aber was um des Himmels Willen verlangen Sie, das ich thun soll?" rief der Commerzienrath in Verzweiflung, ?das Unglück ist einmal geschehen und ich kann nicht mehr thun, als da? ich Ihnen selber überlasse zu bestimmen, was ich thun soll."

Die dicke Dame hatte aber noch gar nicht die Absicht, den durch ihr erlittenes Unrecht gewonnenen Vortheil, das Wort allein zu haben, sobald wieder aufzugeben, und erst als der Commerzienrath in dumpfem unheilvollen Schweigen und tief aufseufzend in seine Ecke zurücksank, zeigte sie sich bereit überhaupt auf Unterhandlungen einzugehen, die dahin endeten, da? der unglückliche Mann vor allen Dingen sechs Gulden für ein Paar neue Schuhe auszahlte, ferner nach der letzten Station versprechen mu?te zurücktelegraphiren zu lassen, da? die verwechselten Schuhe mit dem n?chsten Zuge in den Goldenen Ochsen nach Bamberg geschickt würden, und au?erdem seinen Reisesack ?ffnete und der dicken Madame seine dunkeln tuchenen ganz neuen Pantoffeln, die er kaum zwei mal an den Fü?en gehabt und die auf Versuch vollkommen gut pa?ten, anbot, in Bamberg wenigstens damit in einen Schuhladen gehen zu k?nnen, den Schaden zu ersetzen. So dreifach entsch?digt beruhigte sich die Dame wenigstens insoweit, das erlittene Unrecht in die Busen ihrer Nachbarinnen auszuschütten und mit den schon benutzten Hausschuhen des Commerzienraths - denen sie verleumderischerweise nachsagte, da? sie ihr zu weit w?ren - zu scharren.

Der semmelblonde junge Mann hatte indessen bei genauerer Musterung des Coupé auch das junge M?dchen bemerkt und, von dem Anblick seiner übrigen Reisegef?hrten rasch befriedigt, seinen Blick l?nger und aufmerksam auf ihr ihm noch halb entzogenes Antlitz geheftet. Der Blick wurde aber, schon w?hrend des Tumults im Coupé, forschender, als er wirklich bekannte Züge zu entdecken glaubte, bis die junge Dame, die doch nicht immer in der niedergebückten Stellung bleiben konnte, den Kopf einmal in die H?he hob und er nun sah, da? er sich nicht get?uscht hatte.

?Wenn ich nicht irre, mein Fr?ulein", redete er sie jetzt an, w?hrend seine Nachbarin zur Rechten noch immer gegen sein vis-à-vis ein Kreuzfeuer hinüberdonnerte, ?habe ich das Vergnügen Fr?ulein Redmeier vor mir zu sehen?"

Das junge M?dchen wurde purpurroth im Gesicht und stammelte verlegen einige Worte.

?Sie waren, glaub' ich, im vorigen Monat -", die Frau schrie jetzt so dazwischen, da? er für eine zeitlang den Versuch aufgeben mu?te, und erst sp?ter, als sie sich endlich beruhigt, begann er wieder: ?Sie waren, glaub' ich, im vorigen Monat in Schweidnitz bei meinen Aeltern - Karl schrieb uns, da? er unendlich glücklich sei."

Das junge M?dchen verneigte sich wieder halb gegen ihn, und w?hrend sich der Commerzienrath mit einem aus tiefster Brust geholten Seufzer, nach beendigter Unterhandlung, in seine Ecke zurücklehnte und das Reisen verwünschte, das ihm nun schon seit er den Postwagen bestiegen, ihm dem ruhigen, gesetzten Mann, fast nur eine Reihe von Abenteuern und F?hrnissen in den Weg geworfen, fuhr der junge semmelblonde Mann in seiner sü?en Weise fort: ?Sie werden einen braven wackern Mann in ihm finden - und er spielt vortrefflich die Violine. - Gott sei Dank, er hat es nicht n?thig, aber in den Abendstunden ist es doch eine sehr angenehme Erholung - er wird Sie auf den H?nden tragen."

Die junge Dame wechselte indessen mehrmals die Farbe und schien in einer ziemlichen Verlegenheit, was aber der junge semmelblonde Mann gar nicht bemerkte, sondern in seiner faden sü?lichen Weise fortfuhr.

?Aber wo wollen Sie denn eigentlich hin?" unterbrach er sich pl?tzlich, als ihm der Gedanke das Hirn kreuzte; ?wie mir Mama geschrieben hat, erwarten sie doch Karl morgen oder übermorgen zu Hause und ich habe mich eigentlich nur hier in Hochstadt aufgesetzt, um mir in Bamberg, wo ich sehr bekannt bin und meinen alten Schneider habe, einen Anzug anmessen zu lassen - es ist merkwürdig, wie stark ich in dem letzten Jahre geworden bin; das gute Bier hier kr?ftigt den K?rper ungemein."

Sein Blick fiel in diesem Moment auf den Commerzienrath und er sagte rasch, mit einer halben fast erschrockenen Verbeugung:

?Doch nicht Ihr Herr Onkel, wenn ich fragen darf? - Sie hatten ihn ja wol erwartet?"

?Ja", hauchte die junge Dame in wirklich t?dtlicher Verlegenheit, und der Commerzienrath, der sich eben den Schwei? von der Stirn trocknete und, noch mit dem Gedanken an seine Schuhe besch?ftigt, gar nicht darauf geh?rt hatte, was seine beiden Nachbarn miteinander verhandelten, und dem also auch die letzten Worte g?nzlich entgangen waren, erwiderte in aller Unschuld halb verbindlich, halb verlegen die tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugung des jungen Mannes, der ihm in einigen undeutlichen Worten, die auch gr??tentheils das Klappern der Wagen verschlang, versicherte, da? er sich unendlich glücklich sch?tze seine werthe Bekanntschaft zu machen, und da? er hoffe, wie sie als künftige Verwandte recht gute und treue Nachbarschaft halten würden.

Der Commerzienrath Mahlhuber, der keine Idee davon hatte, was der junge fade Mensch von ihm wolle und noch viel weniger sich daraus machte, verbeugte sich noch einmal und lehnte sich dann wieder, zufrieden einem weitern Gespr?ch mit ihm enthoben zu sein, in seine Ecke zurück. Die Dame in dem papagaigrünen Hut, der daran lag, zu wissen wer der Unmensch sei, der ihre Schuhe zum Fenster hinausgeworfen - benutzte aber die erste Gelegenheit, wo der junge blonde Mann sich wieder gerade aufrichtete, ihn mit halb unterdrückter Stimme zu fragen, wer der Mensch da drüben sei und wie er hei?e.

Der junge Mann, dem daran lag die Dame wissen zu lassen, mit wem er verwandt sei, vertraute ihr ebenso leise, da? er der Herr Regierungsrath Redmeier und jetzt gerade von Nordamerika zurückgekehrt sei, wohin er im Auftrage der Regierung eine Reise gemacht.

Die dicke Dame erschrak; ein Regierungsrath - und was für Grobheiten hatte sie ihm angethan; wenn er das nun dem K?nig wiedersagte - und also das war der Onkel von der jungen Frau - nicht der Mann? -

Gott bewahre! Die junge Dame heirathete in n?chster Zeit seinen ?ltesten Bruder, den Referendar F?dchen, einen braven wackern jungen hübschen Mann, der auch vortrefflich Violine spielte. Gott sei Dank, er hatte es nicht n?thig, aber in den Abendstunden war es doch sehr angenehm. Er selber war Oekonom auf einem Gute in der N?he von Hochstadt - hatte eine sehr gute Stelle - sein Principal konnte gar nicht ohne ihn fertig werden - er führte die ganze Wirthschaft - er spielte auch Klavier, aber nicht so gut wie sein Bruder die Violine.

Der junge F?dchen hatte seinen Kopf soweit als m?glich abgebogen, damit die Braut nicht etwa h?ren sollte, da? von ihrem Br?utigam gesprochen wurde.

?Bester Herr", flüsterte das junge M?dchen da rasch und heimlich dem ausruhenden Commerzienrath zu, indem sie vorsichtig seinen Arm berührte.

?Bitte tausend mal um Entschuldigung", murmelte der Commerzienrath, der wahrscheinlich glaubte, da? er sie angesto?en habe. -

?Bester Herr", wiederholte das arme M?dchen in Todesangst, denn der günstige Moment konnte schon im n?chsten Augenblick verflossen sein, ?wenn Sie Mitleid mit einem armen M?dchen haben wollen, so widersprechen Sie mir nicht und steigen Sie in Lichtenfels mit aus - sei es auch nur sich in ein anderes Coupé zu setzen - die Verzweiflung und Noth treibt mich zu diesem Schritt, und Sie leisten einem unglücklichen Wesen einen gro?en Dienst."

?Hallo!" dachte der Commerzienrath und sah überrascht seine Nachbarin an, deren liebes, von der Erregung der eigenthümlichen Situation rosig übergossenes Antlitz so bittend und vertrauend, so ?ngstlich und kummervoll zu ihm aufgehoben war, w?hrend in den treuen dunkeln Augen ein ganzer Himmel lag. Er begriff auch gar nicht, da er kaum die H?lfte der Worte verstanden, was sie eigentlich von ihm wollte, h?tte es aber auch nicht übers Herz bringen k?nnen, Nein zu ihr zu sagen, was es auch gewesen sein mochte. Lange Zeit zum Ueberlegen wurde ihm dabei gar nicht gelassen, denn Herr F?dchen, dem es nicht entgangen war, da? seine künftige Schw?gerin etwas mit ihrem Onkel geflüstert und ihm wahrscheinlich mitgetheilt haben mochte, wer er selber sei - der alte Herr hatte ganz erstaunt dabei ausgesehen -, glaubte jetzt für sich selber wieder den günstigen Zeitpunkt gekommen ein Wort einflie?en zu lassen.

?Sie haben doch hoffentlich eine gute Reise gehabt, verehrter Herr Regierungsrath?" sagte er mit seiner sü?en, auf Alles gefa?ten Stimme, die jeder Biegung, nur nicht des Widersprechens f?hig war.

?Regierungsrath?" Der Commerzienrath wollte gegen einen solchen, ihm nicht zustehenden Titel protestiren, aber der leise Druck, den er an seinem Arme fühlte, war ihm Dasselbe, was dem Gefangenen das Bewu?tsein der Kette ist - er war nicht mehr frei, und in einer dunkeln Ahnung von allen m?glichen neuen Unbequemlichkeiten machte er wieder eine etwas ungeschickte Bewegung gegen den jungen Blondin.

?Sie haben doch hoffentlich eine gute und glückliche Reise gehabt?" schrie dieser aber jetzt lauter als vorher, weil er glauben mochte, der alte Herr habe ihn nicht verstanden, und auch ein dunkles Gefühl hatte, als ob ihm einmal Jemand gesagt, er h?re etwas schwer.

?Gute Reise?" brummte der Commerzienrath, dem die in den letzten 48 Stunden ertragenen Leiden vor der Seele im Nu emporstiegen, ?glückliche Reise? - bisjetzt war's eine Marterpartie, und wenn ich Dorothee gefolgt h?tte...."

?In Bamberg werde ich mir das Vergnügen machen, Sie bei einem Onkel von mir einzuführen", schrie der junge hoffnungsvolle Mann wieder, ?er hat eine Materialienhandlung und ist ein vortrefflicher alter Herr - spielt auch ausgezeichnet die Fl?te - er wird uns heute Abend etwas vorspielen - er thut das alle Abende, manchmal zwei, drei Stunden lang - es ist ein pr?chtiger alter Kauz. - Sie gehen doch bis Bamberg?"

Der Commerzienrath, der nur eine unbestimmte Ahnung hatte wo Bamberg lag, h?tte schon einen Umweg gemacht, als er nur von der Fl?te h?rte, denn erstens war ihm jedes Instrument unangenehm, die Maultrommel ausgenommen, und dann die Fl?te noch besonders verha?t vor allen übrigen. Er fühlte aber auch, da? er hier mit dem jungen hübschen M?dchen und dem so laffig aussehenden jungen Burschen jedenfalls in eine Verwickelung k?me, der er am besten vielleicht noch durch einen zeitigen Rückzug entgehen konnte. Abenteuer - hatte er es dem Doctor nicht vorhergesagt? - da war eins brühwarm vom Feuer weg, und fix und fertig gleich aufgetragen, um verzehrt zu werden. Das hatte ihm noch gefehlt, die Nacht keinen Schlaf und am hellen Tage Aufregungen und Verwickelungen. Nein, dagegen gab es ein probates Mittel; er nahm an der n?chsten Station leise und ohne Jemandem ein Wort davon zu sagen, seinen Reisesack und sein Sitzkissen unter den Arm und empfahl sich; dann konnte die übrige Gesellschaft ruhig nach Bamberg oder wo sie sonst hinwollte fahren, und nachdem er sich hier einen Tag ausgeruht, war er dann immer im Stande die Reise, und zwar in aller Gemüthlichkeit und unbel?stigt, fortzusetzen. Vor allen Dingen beschlo? er dabei sich fern von Damen zu halten, die ihn jetzt regelm??ig in die verschiedenartigsten Verlegenheiten gebracht, und wenn es wahr ist, da? man durch Schaden klug wird, so wollte er sich die Sache gesagt sein lassen und davon profitiren.

Um nun wenigstens nicht mehr angeredet und bel?stigt zu werden, lehnte er sich in seine Ecke zurück, schlo? die Augen und that als ob er fest eingeschlafen w?re.

* * *

(← Keyboard shortcut) Previous Contents (Keyboard shortcut →)
 Novels To Read Online Free

Scan the QR code to download MoboReader app.

Back to Top

shares