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   Chapter 1 1

Herrn Mahlhubers Reiseabenteuer By Friedrich Gerstacker Characters: 9272

Updated: 2017-11-30 00:02


Der Commerzienrath.

* * *

In einem gemüthlichen St?dtchen Baierns - und alle St?dte und St?dtchen Deutschlands sollten eigentlich den Gesetzen nach gemüthlich sein - lebte still und zurückgezogen der Held unserer Geschichte.

Herr Hieronymus Mahlhuber war ein anspruchloser Mann, der sich schon seit l?nger als funfzehn Jahren mit dem Titel eines Commerzienraths und im Besitze eines Ludwigskreuzes nach Gidelsbach zurückgezogen hatte und hier mit einer alten Haush?lterin still und ruhig seine Tage verlebte. Was er einmal früher gethan, den Titel wie den Orden zu bekommen, hat man nie erfahren. Manche, und besonders die ?u?erste Linke in Gidelsbach (der Müller und der Bader), wollten behaupten, er h?tte Beides bekommen, weil er nichts gethan, aber da sich das nicht denken lie?, so fand es auch keinen Eingang bei dem denkenden Theile der Bürgerschaft. Die Einwohner von Gidelsbach sahen den kleinen wohlbeleibten ?ltlichen Herrn sogar mit einer soviel gr??ern Ehrfurcht und Achtung an, weil eben über seinen Verdiensten ein gewisses geheimni?volles Dunkel lag, und zu diesen geh?rte jedenfalls und unbestritten, da? er nur selten davon sprach.

Von etwas sprach er aber, das übrigens auch ein besonderes Interesse für ihn haben mochte, da es ihm am n?chsten stand, und das war seine Leber, die er, ob gegründet oder ungegründet, in den Verdacht gebracht hatte, da? sie drei Zoll zu gro? sei und in ihrer Anschwellung darauf hinarbeite ihm den Magen abzusto?en.

Die beiden Aerzte im St?dtchen waren darüber, wie sich das auch nicht anders erwarten lie?, durchaus entgegengesetzter Meinung, wodurch der eine, der eine derartige Krankheit vollkommen ableugnete und das Leiden zuerst als eine Indigestion und nachher für alberne Einbildung erkl?rte, einen sehr guten Kunden verlor, und der andere, der durch Klopfen und Horchen an Brusth?hle, Rippen, Schultern und allen andern K?rpertheilen des Commerzienraths allerdings einige jedenfalls zu berücksichtigende und bedenkliche Symptome einer m?glichen rothen oder gelben Hypertrophie oder einer speckartigen Entartung der Leber gefunden haben wollte, ihn gewann.

Herr Commerzienrath Mahlhuber war sehr besorgt um sein Leben im Allgemeinen wie um seine Leber im Besondern, und das mu? ihn entschuldigen, wenn er mit dieser angeblichen unnatürlichen Vergr??erung derselben auch eine früher gehabte, leicht und glücklich operirte Balggeschwulst oben auf dem Kopfe in Verbindung brachte. Er hatte eine natürliche Scheu vor allen derartigen Dingen, und die sonst ganz unschuldige Geschwulst war ihm als das Entsetzlichste erschienen, was sich an dem menschlichen K?rper nur überhaupt bilden konnte, da es, in unmittelbarer N?he mit dem Gehirn, in seinen Folgen unberechenbar sein mu?te.

Bei weiter gar keiner Besch?ftigung als eben nur der, sein ihm ?u?erst kostbares Leben zu erhalten, malte er sich die Entwickelung solcher Leiden mit den lebendigsten Farben aus, und war endlich zu dem Resultat gekommen, da? eine Vereinigung der Balggeschwulst-Nerven mit der Leber keineswegs zu den Unm?glichkeiten geh?re, ja da? oben sogar auf dem Kopfe, trotz der vollkommen geheilten Narbe, ein ?hnlicher Schaden wieder ausbrechen und krebsartige Folgen mit sich führen k?nne.

Doctor Mittelweile that sein M?glichstes, ihm derartige Ideen auszureden und ihm zu beweisen, da? er ebenso leicht einen Krebs an der ?u?ersten Nasenspitze wie an der vernarbten und vollkommen geheilten und von ihm selbst operirten Geschwulst erwarten dürfe; Doctor M?rzhammer aber, sein früherer Arzt, machte sich ein Vergnügen daraus unter der Hand, wo er wu?te, da? es dem Commerzienrath zu Ohren kommen mu?te, zu verbreiten, ?die Naht k?nnte im Innern noch einmal eitern".

Doctor Mittelweile, der vergebens gegen solchen Unsinn ank?mpfte und t?glich die alten Geschichten und Klagen mit dem vollkommen gesunden Manne durchzuarbeiten hatte, wu?te endlich keinen andern Rath als ihn auf Reisen zu schicken, weniger in ein bestimmtes Bad zu gehen, als nur einmal einen Monat in der Welt umherzufahren. Sein Patient brauchte Zerstreuung, und die konnte er in dem mit der Welt in fast gar keiner Verbindung stehenden Gidelsbach nimmermehr finden. Er war hier versauert und eingetrocknet und mu?te hinaus an die frische Luft. Auch für die Leber prophezeite er ihm dabei die segensreichsten Folgen, da nichts ein unnatürliches Wachsen der Leber, wie man das ja auch an den G?nsen sehe, so bef?rdere, wie Unth?tigkeit und gehemmte Bewegung.

Doctor Mittelweile hatte nun aber mit einer andern Schwierigkeit zu k?mpfen, mit dem vor allem die Ruhe liebenden Temperament des Patienten. ?Nur keine Au

fregung! - nur keine Uebereilung!" wurden seine Wahlsprüche, und wenn er irgendetwas auf der Welt, au?er Demokraten, ha?te, so waren es Abenteuer, zu denen er selbst die unschuldigsten F?lle rechnete, sobald sie ihn nur aus dem gew?hnlichen Gleise seines stillen behaglichen Lebens hinausbrachten. Mu?te er da nicht eine Reise als eine Kette von Abenteuern betrachten, und h?tte er sich je selber freiwillig dazu entschlie?en k?nnen? - Nimmermehr.

Es gab nur Einen Gegenstand - wie Doctor Mittelweile recht gut wu?te - in der weiten Gotteswelt, der ihn endlich wirklich zu einem solchen verzweifelten Entschlusse treiben konnte, und der war - eben die Leber. Hinter diese steckte sich der Doctor, und die Symptome wurden denn auch bald so bedenklicher Art, da? der Commerzienrath in seinem ?baumfesten" Entschlusse, wie er ihn nannte, wirklich wankend gemacht wurde und die M?glichkeit zuzugeben anfing, da? er doch am Ende reisen k?nne.

?Es gibt nur zwei Wege für Sie", hatte der Doctor, dem die Geschichte nachgerade anfing langweilig zu werden, am Ende einer langen Rede einmal zu ihm gesagt. ?Sie müssen sich in einen Wagen setzen, oder Sie werden in einen gesetzt, oder vielmehr gelegt nach unsern jetzigen christlichen Begriffen. Au?erdem wei? ich noch nicht einmal ob das allein für Sie hinreichend sein wird, denn das dumme Zeug, was Sie sich von der ?umwundenen Naht? haben in den Kopf setzen lassen (und ich kann mir recht gut denken woher es kommt), wird auch die Reise nicht ganz mit der Wurzel ausrotten, dazu geh?rt schon eine Radicalcur."

?Noch etwas Schlimmeres als eine Reise?"

?Schlimmeres? - ja und nein, wie Sie wollen."

?Und das w?re?"

?Sie müssen heirathen."

?Heirathen?" rief der Commerzienrath, mit einem Satze aus seinem Lehnstuhl hinausspringend und einen scheuen Blick nach der Thür werfend. Wenn Dorothee das Wort geh?rt h?tte!

?Heirathen", best?tigte aber der Doctor, der selbst zum ersten male an einen solchen Ausweg gedacht und nun that, als ob er sich das Für und Wider schon monatelang mit allen Gründen und Hindernissen überlegt und die Er?ffnung nicht l?nger auf dem Herzen h?tte behalten k?nnen. ?Heirathen", wiederholte er noch einmal, und nahm eine langsame bed?chtige Prise. ?Und je eher Sie sich dazu entschlie?en, desto besser für Sie. Viel Zeit haben sie überhaupt nicht mehr damit."

?Unsinn!" sagte der Commerzienrath, der sich von dem ersten Schreck erholt hatte, und wieder in seinen Stuhl sank, ?heirathen? Fragen Sie einmal meine Dorothee, was die dazu sagen würde."

?Dorothee?" rief der Doctor unwillig und ver?chtlich mit dem Kopfe schüttelnd, ?Dorothee! - Was geht uns Ihre Dorothee an, wenn es sich um Ihre lebensl?ngliche Behaglichkeit und Gesundheit handelt?"

?Behaglichkeit? - Ja das kann ich mir denken", sagte der Commerzienrath. ?Da? ich die H?lle im Hause h?tte? - Nein, Doctor, meine Leber will ich Ihnen anvertrauen, aber meinen Hausfrieden nicht. Wenn es denn nun einmal nicht anders sein kann, so will ich reisen - meinetwegen; ich gehe so und so zugrunde; aber wie? - wohin? - womit? - wie weit?"

?Sie müssen vor allen Dingen fahren", sagte der Doctor rasch, und klug genug, sein zweites Mittel für den Augenblick nicht mit Gewalt erpressen zu wollen. ?Zeit bricht Rosen, und wenn Sie sich hier morgen früh auf die Post setzen, k?nnen Sie übermorgen mit dem Sechs-Uhr-Zuge die Wahl zwischen den Weltgegenden haben, die Sie besuchen wollen."

?Eisenbahnen!" seufzte der Commerzienrath. ?Ich kenne kein unbehaglicheres Gefühl auf der Welt, eine Operation ausgenommen, als sich auf eine Eisenbahn zu setzen. Die unerwarteten F?lle, die da vorkommen: Zusammenrennen der Locomotiven, Platzen der Kessel, Einschneien der Züge -"

?Wir sind ja mitten im Sommer."

?Nun ja, aber alle derartigen Aufregungen, die junge leichtsinnige Menschenbilder Abenteuer nennen, sind mir in innerster Seele verha?t, und wenn Sie sich dadurch eine Heilung meiner Krankheit versprechen, haben Sie vorbeigeschossen. Ich fürchte diese werden meinen Zustand eher, wenn das überhaupt m?glich ist, verschlimmern."

?Lieber Commerzienrath", beruhigte ihn der Doctor, ?Sie haben in unserer Zeit auf einer Eisenbahn nicht mehr Abenteuer zu fürchten wie oben auf dem Kanzleigericht; es geht Alles seine trockene, eingefahrene, pedantische Bahn. Wenn Sie den Zug nicht vers?umen, brauchen Sie nicht zu glauben, da? Ihnen irgendetwas Au?ergew?hnliches passirt."

?Also morgen!" st?hnte der Commerzienrath, und

?Gott sei Dank!" sagte Doctor Mittelweile mit einem tiefen Seufzer, als er die Treppe hinabstieg; ?haben wir ihn doch erst einmal so weit."

* * *

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