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   Chapter 5 No.5

Bergrichters Erdenwallen By Arthur Achleitner Characters: 9762

Updated: 2017-11-30 00:04


Franz Ratschiller kam aus den überraschungen nicht mehr heraus; einmal erfuhr er, da? Papa für ihn um Emmys Hand bei Ehrenstra?er angehalten und dessen Zusage bekommen habe; Kommission?r Pfahler trug ihm die Neuigkeit vom Ankauf des Angerergrundes für einen Villenbau zu, auf welchem das ?Nest" für das junge Paar gebaut werden solle. Franzen wirbelte der Kopf und auch die Fü?e kamen ins Wirbeln, denn Franz lief zu Ehrenstra?er, um sich vom Schwiegerpapa in spe und im besondern von Emmy die beglückende Kunde bet?tigen zu lassen.

Eine dritte überraschung enthielt die Mitteilung des alten Ratschiller, da? morgen das Verlobungsdiner stattfinden solle, zu welchem Bezirksrichters, Doktors u. s. w. geladen seien.

Papa Ratschiller forderte von Franz keinerlei Büreauarbeit, ja er entband den Sohn ausdrücklich von allen dienstlichen Verpflichtungen unter der Beifügung, da? ein verliebter Verlobter nur Unheil im Gesch?ft anrichten k?nnte. Es solle Franz daher nur nach Herzenslust schw?rmen und von der Braut tr?umen. Das lie? sich der junge Mann natürlich nicht zweimal sagen und enteilte in h?chster Glückseligkeit.

In seinem Komptoir zog der Fabrikherr freilich das Gesicht in Falten, er sah nichts weniger denn heiter und sorgenlos aus, als er im Katasterauszug immer wieder zu rechnen begann. Ratschiller sen. war in einer Nacht j?h erwacht aus schwerem Traum, in welchem ihn ein entsetzlicher Gedanke gepeinigt hatte, der Gedanke, da? Mergelmangel in den angekauften Grundstücken und Berghalden eingetreten, die Cementfabrik ohne Steine sei und daher den Betrieb einstellen müsse. Der blanke Ruin und Bankerott. In jener Nacht sa? der Fabrikherr wie erstarrt in seinem Bett und vermochte sich nicht klar darüber zu werden, was nun Traum oder Wahrheit sei. Mitten in der Nacht in das Komptoir zu gehen und im Katasterauszug nachzurechnen, ist nicht m?glich, würde die Gattin auch zu sehr erschrecken. So verbrachte der alte Herr in einem schrecklichen Zustande der Angst den Rest der Nacht im Bett und qu?lte sich mit Konkursgedanken. Am frühen Morgen, unter Verzicht auf das übliche Frühstück, begab sich Ratschiller ins Komptoir und holte die Schriftstücke und Pl?ne aus der Kasse, um den Besitz an Grund und Boden, die Zahlen betreffs der Steinbrüche einer gründlichen Prüfung zu unterziehen. Die erstmals vorgenommene Addition ergab ein v?llig befriedigendes Resultat, und der Fabrikant atmete erleichtert auf. Dann aber nagte der schreckliche Zweifel wieder im Kopf, die Besitzzahlen wurden erneut zusammengez?hlt und merkwürdigerweise kam nun heraus, da? die Fabrik in absehbarer Zeit Mangel an Gestein zum Verarbeiten haben müsse. Das wiederholte sich des ?fteren mit pro und contra und schlie?lich wu?te Ratschiller, der sonst so ruhig und klar denkende Mann selbst nicht mehr, wie es um seinen Grundbesitz steht. Wen soll er darüber befragen? Der Fabrikleiter bleibt, weil nicht informiert, au?er Betracht. Auskunft über die Katasterzahlen k?nnte der Evidenzhaltungsgeometer geben, aber kein Fabrikherr wird solchen Zweifel einem Unbeteiligten mitteilen, denn ein Gerede w?re nicht zu vermeiden, und h?rt die Konkurrenz davon auch nur ein einziges W?rtchen, so sind die gesch?ftlichen Folgen gar nicht übersehbar und von einschneidender Wirkung.

Ratschiller versuchte es, den Grundbesitz graphisch darzustellen, Berg um Berg, die zur Ausbeutung angekauft sind, zeichnete er auf einen Bogen Papier und strich davon durch, was im Abbau sich befindet. Es verbleibt ein stattlicher Rest an Grundbesitz, der auf Jahrzehnte hinaus zum Abbau reichen wird. Und da kam der gr??liche Zweifel wieder in der Frage: ?Wie aber, wenn die angekauften Berge nicht das n?tige Gestein enthalten? Wie, wenn die chemische Analyse ergeben würde, da? nur der minderwertige Romancement erzeugt werden k?nnte?" In gigantischen Ziffern sah der Fabrikherr den Ruin vor dem geistigen Auge. Und solche Gedanken qu?len ihn jetzt, da er im Begriffe steht, die gro?e Luftseilbahn in Scene zu setzen. Das n?tige Grundstück ist erworben, die Beh?rden haben die Konzession zur Anlage erteilt, welcher nach den Probefahrten die Erlaubnis zur Betriebser?ffnung folgen wird. Mit Bleichert & Co. ist alles vereinbart, die Drahtmenge &c. unterwegs, der Ingenieur zur Seilbahnerbauung mu? jeden Tag eintreffen, die Pl?ne sind fertig ausgearbeitet.

Ratschiller ist's, als will ihm der Kopf zerspringen. Wie und wo den Ausweg finden, wie den geradezu l?hmenden Zweifel losbringen?

Am Telephon l?rmte die Klingel. Ratschiller trat an den Apparat, der das ?Allerheiligste" mit dem Büreau der Fabrikleitung verbindet, und fragte nach dem Begehr Hundertpfunds.

Wie Musik klingt es Ratschiller aus dem H?rrohr in sein Ohr. ?Herr Chef! Soeben im Eibberg erstmalig mit Janit gesprengt, ein kolossales Mergellager liegt offen von einer ganz unerwarteten M?chtigkeit. Gratuliere!"

?Danke!" ver

mochte der Chef noch zu stammeln; das H?rrohr auf den Haken zu h?ngen war er nicht mehr f?hig. Vor den Augen ward es schwarz, H?nde und Kniee zitterten, der alte Mann war einer Ohnmacht nahe. Er schleppte sich zu seinem Stuhl, lie? sich hineinfallen und weinte.

Thr?nen wirken immer lindernd. Nach einem Halbstündchen war Ratschiller wohl, die alte Elasticit?t kehrte wieder, froh und heiter packte er die Schriften und Pl?ne in den Schrank und begab sich in die Privatwohnung hinauf.

Am Telephon knatterte es, doch konnte wegen Ausschaltung des H?rrohres die Klingel nicht funktionieren, der Fabrikleiter also keine weitere Meldung erstatten. Das Knattern ward in den übrigen Zimmern nicht geh?rt.

Tags darauf fanden sich die Geladenen zum Verlobungsdiner ein im gl?nzend geschmückten Speisesaale der Familie Ratschiller. Die Wohlhabenheit des Fabrikherrn kündete das feine Mobiliar wie der reiche Tafelschmuck in Silber und Gold. Alles war festlich gekleidet und in bester Laune. Die Verlobten strahlten vor Glückseligkeit, die V?ter drückten sich die H?nde, Frau Ehrenstra?er überschüttete die Gesellschaft mit einem welschen Wortschwall, und sagte es jedem, der ihr in den Weg kam, da? sie die glücklichste Frau von ganz Tirol sei. Franzens Schwestern beglückwünschten Emmy unaufh?rlich und mengten Toilettefragen dazwischen, Frau Ratschiller als Hausdame kümmerte sich mehr um regelrechtes Servieren und kommandierte das Dienstbotenpersonal in vornehm-ruhiger Art. Wichtig hatten es Herr und Frau Doktor von Bauerntanz, indem der dicke Gemahl dem Br?utigam, der nur mit halbem Ohr zuh?rte, die wichtige Lebensregel auseinandersetzte, da? man vor lauter Liebe niemals auf einen ordentlichen Tarok vergessen dürfe. Frau von Bauerntanz brillierte in ihrer blonden Sch?nheit und in einem Seidenkleid, das früher ihr Hochzeitskleid gewesen, und kokettierte kr?ftig mit Herrn Hundertpfund, welcher mit gr??ter Bereitwilligkeit auf die Augensprache einging, und der schmucken, üppigen Frau den Hof machte. Der Fabrikleiter war aber auch ein begehrenswerter, bezaubernder Mann, der es verstand, mit Damen umzugehen, sich unwiderstehlich zu zeigen. Wie gl?nzen doch seine schwarzen Augen, wie sympathisch ist seine Haltung, anziehend, lockend, so ganz anders als die Provinzlergestalten in der Herrenwelt des St?dtchens, nicht schwerf?llig, sondern schlank und elegant, ausdrucksvoll jeder Blick, jede Miene und Geste, schmale H?nde in modernen, feinen Handschuhen, sonor und weich und wohlklingend die Stimme, verhei?ungsvoll. Frau von Bauerntanz wollte nach ihrer ursprünglichen Absicht mit diesem Idealmanne nur kokettieren, den Kitzel eines Spieles auf sich wirken lassen, den feschen Mann in sich verliebt machen, um ihn selbstverst?ndlich dann in der Kniestellung auszulachen, denn sie fühlt sich als hochanst?ndige Frau.

Man nahm Platz an der herrlichen Tafel. Braut und Br?utigam z?rtlich nebeneinander, dann immer ein Herr zwischen den Damen. Den Bezirksarzt traf das Los, die Richterin zur Nachbarin zu bekommen, und er fügte sich würdevoll ins Unvermeidliche, wobei er gleichzeitig die dürftigen Sprachkenntnisse des Südens hervorkramte. Seine Gattin kam neben Hundertpfund zu sitzen und hatte schon vor dem Champagner ein leuchtend Rot in den feingeschnittenen ?hrchen.

Die Festrede hielt Papa Ratschiller in kerniger, kurzer Weise, zu deren Schlu? der Sekt in den Gl?sern sch?umte und allseitig das übliche Hoch auf das Brautpaar erklang. Nun sind die Schleusen der Beredsamkeit ge?ffnet, der reichlich, schier verschwenderisch gegebene Champagner that ein übriges, die Etikette lockerte sich zur zwanglosen Unterhaltung und zu freieren Sitten.

übermütig lustig ward Frau von Bauerntanz, die in gierigen Zügen diese so seltenen Lebensfreuden geno?, und es willig duldete, da? ihr Tischnachbar ein Rendezvous forderte. Kichernd nickte sie Hundertpfund zu und animierte ihn zum weiteren Erz?hlen von Pikanterien aus der Gro?stadt. Als das Diner zu Ende ging, war die Doktorin es, die den bezaubernden Nachbar animierte, den Verkehr im Hause durch eine Staatsvisite aufzunehmen, und Hundertpfund warf ihr einen seiner feurigen Blicke zu, der die hübsche Frau erglühen machte bis zu den Haarwurzeln hinauf. Im lustigen, weinfrohen Getriebe blieb das Spiel der beiden v?llig unbeachtet, die andern waren mit sich selbst und den Flaschen besch?ftigt.

Sp?t endete das Fest, und auch das Abschiednehmen und Bedanken fand einen Schlu?. Plaudernd entfernten sich die G?ste. Franz begleitete Emmy nach Hause. Ratschiller sen. fühlte sich nicht recht wohl, er fand Luft und Cigarrendampf erstickend, und begab sich zur Ruhe, nachdem er der Gattin jegliche Sorge ausgeredet hatte.

Ruhe! Ja, wenn die Tr?ume nicht w?ren. Wieder diese entsetzlichen Traumbilder vom Steinmangel und Konkurs. Ratschiller verbrachte diese Nacht so schlecht wie die früheren.

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