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   Chapter 2 No.2

Bergrichters Erdenwallen By Arthur Achleitner Characters: 13327

Updated: 2017-11-30 00:04


Ziemlich am Ende des St?dtchens, in einer Art Villenviertel, stand das Haus, in welchem der Richter sich vor Jahren eingemietet hatte, weil im Amtsgeb?ude die R?ume zu einer Dienstwohnung nicht ausreichten. Ehrenstra?ers zweite Frau hatte sogleich nach der Trauung lebhaft protestiert gegen eine so kleine Wohnung, au?erdem wollte sie nicht, wie sie sagte, mit Str?flingen und Inquisiten unter dem gleichen Dache wohnen und des weiteren k?nne man nicht wissen, wie gro? die Familie noch werde. Diese letztere Bemerkung hatte den sonst so ernsten Richter lachen machen, sie gab den Ausschlag, die gro?e Wohnung am Stadtende wurde gemietet und nach kurzen Jahren bev?lkerten zwei M?dchen aus zweiter Ehe das Haus, welches die Umwohner aus guten Gründen m?hlich die ?Judenschule" zu nennen pflegten.

Frau Bianca Ehrenstra?er stammte aus einer Weinh?ndlersfamilie Südtirols und zeigte in der ?u?eren Erscheinung den Ampezzanertypus. Anfangs ein feines Figürchen mit südl?ndischem Temperament, kohlschwarzen Augen und blauschwarzem Haar, entwickelte sich die Richterin mit den Jahren zur korpulenten Frau, die trotz des st?ndigen Aufenthaltes in reindeutschen Bezirken mit der deutschen Sprache auf Kriegsfu? stand und w?lsche Lebensart beibehielt. Eine Folge davon war ein steter Dienstbotenwechsel, der dem Gatten das Leben sauer machte und welcher die Bewohner des Amtsst?dtchens jahraus, jahrein mit Gespr?chsstoff versorgte. Hei?t es doch, ein Dienstbotenvermittelungsbureau in Innsbruck sei allein gar nicht im stande, bei Bezirksrichters den Bedarf an Dienstboten zu decken, denn gewechselt wird in jedem Monat, entweder die K?chin oder das Kinderm?del und eine Scheuerfrau ist im St?dtchen nicht mehr aufzutreiben, weil alle diesbezüglich in Frage kommenden Personen bereits im Hause gewesen sind.

Frau Ehrenstra?er oblag am Nachmittag zur Stunde, da der Bezirksrichter die Kanzlei verlie?, der Lektüre eines italienischen Romanes, und hatte sich so sehr darin vertieft, da? sie die Anrede der in das Wohnzimmer gekommenen K?chin Cenzi, einer drallen Unterinnthalerin, überh?rte. Cenzi wiederholte die Frage: ?Ich bitt', Frau, was soll zum Abend gekocht werden?"

Frau Bianca richtete sich auf mit den Anzeichen hoher Entrüstung und zeterte: ?Come? Was sein das Manieren? I sono eine gn?dige Frau, eine perfetta, wirkliche Gn?dige! Du müssen sagen ?gn?' Frau' zu mir, capisca?!"

Demütig senkte Cenzi den Kopf und sprach dann: ?Gn?' Frau, ich bitt', was soll ich zum Abend richten?"

?Das sein Sachen der cuciniera, ich haben keine Zeit!"

Ratlos stand das M?dchen vor der Gebieterin; erst vierzehn Tage im Haus und nicht ganz sicher vertraut mit der Kochkunst, wei? Cenzi nicht, wie sie sich zurechtfinden soll, zumal sie von der Sprache der Gn?digen nichts versteht.

?Bring' burro fresco con pane bianco! Kinder wollen Jause!"

Kopfschüttelnd entfernte sich das M?dchen, entschlossen, am n?chsten Ersten zu kündigen.

Wenige Augenblicke sp?ter stürmten die T?chterchen zweiter Ehe, M?dchen mit w?lschem Typus im Alter von sechs und fünf Jahren, im tempo furioso l?rmend in die Wohnstube und begannen den Speisetisch zu umkreisen, wobei die Kinder wie toll um burro fresco (frische Butter) und Wei?brot schrieen.

Vergebens gebot Frau Bianca solchem Heidenl?rm, die M?dchen kümmerten sich nicht im geringsten um das tace und l?rmten weiter. Mama ri? am Glockenzug, doch als vom Gesinde niemand kam, befahl sie Lina, dem Kinderm?del aufzutragen, die Jause zu bringen.

Lina sprang hinaus, kam aber bald zurück, um in welscher Sprache zu berichten, da? von den Dienstboten niemand zu finden sei.

?Welche Wirtschaft!" zeterte Mama und stürmte hinaus. Die M?dchen benutzten die Abwesenheit der Mutter, um die Tischlade einer Revision zu unterziehen, sowie im Buffet Nachsuche zu halten. Jubelnd wurde die Honigflasche entdeckt und ihres Inhaltes beraubt, Schwarzbrot wurde mit ?l aus der Karaffe betr?ufelt und gierig verzehrt. Unter gegenseitigen Püffen konnte es nicht anders sein, da? es Scherben gab, in Trümmern liegt die Huiliere am Boden und ihr Rest breitet sich zu einem pr?chtigen Oval auf dem Teppich aus, Honigspritzer bedecken Tisch und Stühle. Die jüngere Tochter erklomm auf einem Stuhl die H?he, um im oberen Schrank des Büffets zur Marmelade zu gelangen, die von den kleinen H?ndchen aber nicht erfa?t werden konnte. Klirrend fiel das Glas um und ri? noch andere mit und patsch schlug die Marmelade unten am Boden auf.

?Subito!" schrieen die Racker von M?dchen und begannen den sü?en Inhalt aufzutunken, indem sie sich auf den Boden setzten und schlankweg mit den Fingern die Marmelade zu Munde führten. In dieser reizvollen Situation traf Frau Bianca ihre Spr??linge, und die überraschung war so gro?, da? die Richterin im Schrecken die Butterdose fallen lie?.

Die M?dchen benutzten die momentane Verwirrung, um in rasenden Sprüngen sich nach au?en in Sicherheit zu bringen; Bianca stand allein vor der Bescheerung, fassungslos für den Augenblick, doch fand sie sogleich die Sprache wieder, als Herr Ehrenstra?er eintrat und in seiner ruhigen Weise der Gattin einen ?Guten Abend" wünschte.

Ein Wortschwall ergo? sich über den Richter, welcher verwundert den Scherbenhaufen betrachtete und sich ein sp?ttisches L?cheln nicht versagen konnte. ?Eine sch?ne Bescheerung das! Die M?dels treiben es bunt!"

Sofort nahm Frau Ehrenstra?er Ihre Kinder in Schutz; schuld an den skandal?sen Verh?ltnissen im Hause seien die Dienstboten und Emmy, die sich so viel wie gar nicht nach Recht und Pflicht um das Hauswesen kümmere.

Ein ernster Blick traf die Gattin und ebenso ernst klang die Erwiderung. ?Das Hauswesen und die Führung des Haushaltes ischt doch wohl deine Sache als Frau und Mutter! Und Emmy ischt wohl deine Stieftochter, keinesfalls aber dein Dienstm?dchen! Ich hoffe, du wirst dir das merken! Im übrigen dürfte Emmy die l?ngste Zeit im Hause gewesen sein!"

?Come?" rief überrascht die Gattin.

?Emmy war heute zu ganz ungew?hnlicher Zeit bei mir in der Kanzlei und gestand, da? der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller sie um ihre Hand gebeten habe!"

?Welche Neuigkeit! Und was haben du gesagt, carissimo?"

?Die Sache mu? denn doch erst geprüft und überlegt werden!"

?Ha! Emmy sein also sposa felice, ich gratulieren! Gleich ich wollen der Braut wünschen Glück!" Mit dem Feuer ihres südl?ndischen Temperaments wollte Frau Bianca forteilen, die Stieftochter, welche ein Zimmer im oberen Stockwerk bewohnt, aufzusuchen.

Doch der Richter hielt die Gattin zurück. ?Keine übereilung, Liebste! Wir sind noch nicht so weit und" - Ehrenstra?er hielt inne, er wollte es nicht aussprechen, da

? ihn die übergro?e Freude der Gattin über den Weggang Emmys aus dem Hause wenig angenehm berühre.

Aber Frau Bianca war Feuer und Flamme für das Heiratsprojekt und ri? sich los.

?Bleib'! Und sorge dafür, da? die Bescheerung da weggeschafft wird! Man mü?te sich ja sch?men, wenn ein Besuch diese Wirtschaft erblickte!"

?Sollen Domestiken ausputzen! Ich müssen zu Emmy!" Und fort rauschte die Gattin.

Herr Ehrenstra?er begab sich seufzend in seine Stube, die sein Tuskulum im sonst so l?rmerfüllten Hause ist, wo er sich einigerma?en ungest?rt den Studien seines Faches hingeben kann in den wenigen ihm verbleibenden freien Stunden. Diesmal sollte dem flei?igen Manne freilich nur ein Halbstündchen Ruhe beschieden sein, denn die M?dchen hatten es bald los, da? Mama im obern Stockwerk bei Emmy weilt, und sogleich ward ein Kriegsspiel insceniert, dessen L?rm h?userweit zu h?ren war.

Der seelensgute Vater legte seufzend das juristische Litteraturblatt aus der Hand und begab sich in den Flur zum Schauplatz des Damenkrieges, um Ruhe zu gebieten.

Im drolligsten Kauderwelsch erkl?rten die M?dchen, da? sie ja nur ein Indianerspiel vollführten und Papa m?ge sie nicht st?ren.

?Kinder, gebt Ruhe! Der L?rm ischt zu gro?! M?dchen sollen überhaupt ruhig spielen. Nehmt euere Puppen! Indianerspiele treiben nur wilde Buben!"

?Wir sein anche Bubi! Juih!" l?rmten die Racker und balgten sich wie toll.

?Herr meines Lebens! So kann es nicht weiter gehen! Ruhig, Kinder! Oder es setzt Hiebe ab!"

?Papa uns nit slag!" lachten die M?dchen und wirbelten die Treppe hinunter, um im Garten weiter zu spielen.

?Eine heillose Wirtschaft!" seufzte Ehrenstra?er und zog sich in seine Stube zurück.

?rgerlich kam Frau Bianca von Emmy herunter. Die stürmischen Glückwünsche zur Verlobung hat die Stieftochter h?flich, doch kühl entgegengenommen und dafür gedankt mit der Einschr?nkung, da? Papa seine Genehmigung noch nicht gegeben habe, daher die Angelegenheit noch nicht spruchreif sei. Allem weiteren Dr?ngen auf Mitteilung, wo sich das Paar kennen und lieben gelernt, setzte Emmy Schweigen gegenüber und bat schlie?lich, ihr die Antwort erlassen zu wollen. So sah denn die Stiefmama ihre Neugierde unbefriedigt und verletzt zog sie andere Saiten auf, indem sie scharfen Tones Emmy ersuchte, unten im Wohnzimmer gef?lligst Ordnung zu schaffen.

?Ich komme gleich!" hatte Emmy erwidert, als Frau Ehrenstra?er grollend ihre Stube verlie?.

?Sangue della Madonna!" rief die Richterin unten angelangt und ballte die H?nde zu F?usten, als sie von ihren dienstbaren Geistern nicht einen erblickte, und stürmte von Stube zu Stube, bis ein Glockenzeichen sie zur Korridorthüre rief.

?Sangue di Dio! Welche liebe Besuch! Complimenti! Prego, tretten Sie ein, casa mia stehen Sie zu Dienst!" begrü?te die Dichterin die Besucherin, Frau Rosa von Bauerntanz, die Gattin des Bezirksarztes, eine hübsche, blonde Erscheinung, die freilich unter einer altmodischen Toilette wenig zur Geltung kommen konnte.

Der Besuch wurde unter lebhaften Beteuerungen der Freude ins Wohnzimmer geleitet; Frau Ehrenstra?er erschrak wohl beim Anblick der noch immer nicht beseitigten Bescheerung, wu?te aber sogleich eine Entschuldigung, indem sie der Besucherin erz?hlte, die Bescheerung sei die Folge eines urpl?tzlich gekommenen Ereignisses.

?Ein Ereignis!? Ach, erz?hlen Sie doch, liebste Frau von Ehrenstra?er!" rief in gr??ter Neugier die Arztensgattin.

?Ja, gro?e Ereignis! Momento grande! Emmy sein sposa felice!"

?Was ischt sie?"

?Sposa, Braut!"

?Nicht m?glich! Mit wem ischt sie denn so geschwind verlobt worden! Nein, eine solche Neuigkeit! So reden Sie doch, liebste Freundin! Bitte aber m?glichst deutsch, sonst entgeht mir das Wichtigste!"

Eigentlich wei? Bianca selbst so viel wie nichts, doch erz?hlte sie, mühsam nach deutschen Worten suchend, da? der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller die Emmy schon seit langer Zeit liebe, es aber bis vor wenigen Stunden nicht gewagt habe, sich zu erkl?ren.

?Was, der Ratschiller Franz?"

?Si, si! Haben Sie etwas contra?"

Frau von Bauerntanz err?tete und bi? sich auf die Lippen. Nicht um ein Rittergut würde sie jetzt eingestehen, da? sie geglaubt, in jenem jungen Mann einen stillen Verehrer ihrer Person sehen zu dürfen. Gewandt lenkte sie das Thema wieder auf die Verlobungsangelegenheit.

Mit Behagen erz?hlte Bianca weiter. Besagter junger Mann h?tte heute um Emmy angehalten und die überraschung sei so gro? gewesen, da? die Kinder die noch am Boden liegenden Gl?ser h?tten fallen lassen.

?So? Ja, sind denn die kleinen Kinder in dieser Sache gefragt worden?"

?Come, ich nicht verstehen, was meinen!"

Die Doktorin dachte sich ihren Teil und fragte nach der Antwort, die der Herr Bezirksrichter als Vater gegeben habe.

?Si, si, haben meine Mann gesagt! Ist gute Partie, der Br?utigam sein molto ricco, sehr reich!"

?So, so! Ich gratuliere bestens! Nein, eine solche Neuigkeit! Aber nun mu? ich trachten, weiterzukommen! Gott! Wird sich die Bezirkshauptm?nnin ?rgern! Die hat geglaubt, den jungen Ratschiller für ihre Tochter bereits eingefangen zu haben und jetzt ist es nichts! Brühwarm soll die Hauptm?nnin diese Neuigkeit erfahren! 'pfehl mich sehr! Hab' die Ehre, liebste Frau Bezirksrichter, auf Wiedersehen, 'pfehl mich sehr!"

Schneller als sonst üblich vollzog sich die Verabschiedung, und Frau Bianca stand allein, ehe sie noch wu?te, wie die Doktorin nur aus der Wohnung gekommen sei. Vom Erkerfenster aus konnte die Richterin sehen, da? Frau von Bauerntanz im Eilschritt der Bezirkshauptmannschaft zustapfte und m?hlich kam Bianca der Gedanke, da? die Doktorin nun wohl mit der Neuigkeit hausieren gehen werde. Ob das nicht verfrüht ist?

Eine Ablenkung von solchen nicht gerade angenehmen Gedanken brachte die Rückkehr Cenzis vom Fleischer und nun folgte eine dramatisch bewegte Scene, die schlie?lich mit der sofortigen Entlassung der K?chin endete. Das Kinderm?del w?re zwar auch reif zum Davonjagen, doch ist es nicht ang?ngig, das Personal zur G?nze an ein und demselben Tage zu entlassen.

Bis es Zeit zum Abendimbi? wurde, war die Unterinnthalerin mit Sack und Pack bereits aus dem Hause.

Ehrenstra?er erfuhr diese Neuigkeit w?hrend der Abendmahlzeit und nahm sie schweigend zur Kenntnis. W?re Emmy nicht eingesprungen, h?tte die Familie überhaupt nichts zu essen gehabt.

Der Richter nahm Emmy dann in seine Stube mit, um den Fall durchzusprechen. Bianca aber brachte die Kinder zu Bett, was natürlich nicht ohne Spektakel abging und haderte dann mit sich und ihrem Schicksal, bis es auch für sie Zeit zur Nachtruhe wurde.

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