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   Chapter 1 No.1

Bergrichters Erdenwallen By Arthur Achleitner Characters: 21734

Updated: 2017-11-30 00:04


In gro?er Erregung umstehen Bauersleute, Knechte und M?gde das Geh?ft des Servaz Amareller, Bauers im Hemmernmoos, und besprechen den unerh?rten Fall eines gro?en Gelddiebstahles. Nach den im Jammerton immer wieder vorgebrachten Beteuerungen des dürren, kleinen Amarellers ist eine Brieftasche mit über fünfhundert Gulden, dem Betrag für verkauftes Vieh, aus einer gut versperrt gewesenen Truhe gestohlen, ganz r?tselhaft entwendet worden. Gestern noch überzeugte sich Servaz Amareller durch Abz?hlen der Noten von dem Vorhandensein des Geldbetrages worauf die Truhe wieder sorglich verschlossen und der Schlüssel im Ofenloch versteckt wurde. Heute ist das Geld verschwunden, wiewohl niemand Fremdes im Hause gesehen und der Schlüssel im Aschenversteck vorgefunden wurde. Die Nachbarn, von der überraschenden Neuigkeit verst?ndigt, stimmen dem jammernden Bestohlenen zu, da? nur eines von den Hausleuten selbst den Diebstahl habe vollführen k?nnen, weil sich weder an der Hausthüre noch an den mit Eisenst?ben vergitterten Fenstern Spuren eines gewaltsamen Eindringens vorfinden lassen. Schon zweimal haben die Bauern die Front sowie die Seiten des Geh?ftes in Bezug auf Anzeichen eines Einbruches von Au?en untersucht, es ist nicht das Geringste zu entdecken. Das Geld ist aber fort, die Truhe aufgesprengt. Amarellers Jüngster mu?te sogleich nach der Entdeckung des Diebstahles hinaus zur Gendarmerie zur Anzeige, und jeden Augenblick steht die Ankunft eines Gendarmen zu erwarten.

Die Bauern er?rtern in lebhafter Weise die Frage, wer solcher, in Tirol unerh?rter Frevelthat genügend verd?chtig sein k?nnte. Die Inwohner sind durchaus ehrliche Leute, wenigstens bis gestern seit Jahren gewesen; ohne ?u?ere Anzeichen eines Eindringens kann es nicht anders sein, als da? einer der Dienstboten schuldig des Diebstahls ist. Aber wer?

Einer der Nachbarn warf die Frage auf, ob denn der Hund des Amareller gar nichts gemeldet habe. Der dürre Servaz beteuerte: ?Sell ischt frei aus der Weis'! No nia hat si' a D?rcher zurwig'wagg und grad heunt Nacht mu? selle Frevelthat passiren! Ich versteh' 's nuit, wie sall ?pper hat zuageahn k?nnen! Suscht so a scharfer Hund, und grad heunt Nacht la?t er aus, der Saggrasultan! I kann's selm nuit verstiahn!"

Die andern verstehen den Fall, da? der als scharf und bissig bekannte Hofhund einen Dieb eingelassen haben soll, auch nicht.

Der Falgerbauer folgerte daraus, da? der Dieb entweder eine Wurst für den Sultan mitgebracht oder sich in Abwesenheit des Hundes eingeschlichen haben mu?te.

Wohl an zwei Stunden sprachen die Leute über den r?tselhaften Diebstahl und tranken dabei von Amarellers bereitwillig kredenztem R?thel, weil so ein erregter Diskurs soviel Durst erzeugt.

Als aber die Gestalt des heranrückenden Gendarmen sichtbar wurde, schickte man Flasche und Gl?ser sogleich ins Haus zurück, wobei Amareller sagte, es schicke sich nicht, vor der Obrigkeit Wein zu trinken, besonders nicht, wenn einem über fünfhundert Gulden Bargeld gestohlen worden sind. K?nnte das Steueramt erfahren, da? einer trotz des Diebstahles noch Wein im Keller habe, wie leicht k?nnte es sein, da? das Steueramt einen dafür h?her einsch?tzt in der Steuer.

Der Falger stimmte zu. ?Ischt wohr oh und a Gendarm braucht kan R?thel!"

Kurz fiel die Begrü?ung des Sicherheitsmannes aus, der nun nach Vorschrift und Pflicht den Thatbestand aufnahm und sich vom Amareller den Fall erz?hlen lie?. Das verschlang eine weitere Stunde, es ging auf Essenszeit und gar lieblich dufteten die Schmalznudeln aus dem Hause. Solcher Mahnung wollten die Nachbarn nun folgen und sich nach Hause begeben, allein der Gendarm erkl?rte, da? der Herr Bezirksrichter als Untersuchungsrichter jeden Augenblick mit der Kommission eintreffen k?nne, daher die Leute schon dableiben mü?ten.

Jetzt wollte aber keiner der Bauern, die bisher nicht genug über den r?tselhaften Diebstahl schw?tzen konnten, mehr bleiben, und unverhohlen sagten sie, mit dem Gericht wollen sie nichts zu thun haben. Nun befahl aber der Gendarm das Verbleiben bis zur Ankunft des Richters, und die Bauern blieben vor dem Hemmernmooshof, jetzt still und verschlossen.

Bald darauf kam der Richter mit dem Protokollführer angefahren, stumm gegrü?t von den nun zaghaften, scheu gewordenen Bauern. Nach dem Rapport des Gendarmen ging der Richter, eine hohe Gestalt mit merkwürdig scharfen, durchbohrenden Augen und einer hohen Stirne, zum Amtsgesch?ft über, indem er den Amareller als Bestohlenen einem Verh?r unterzog. Servaz hatte noch keine zehn S?tze gesprochen, da unterbrach ihn der Richter mit der Frage: ?Ischt der Hofhund m?nnlichen Geschlechts?"

überrascht stammelte Amareller. ?Wird wohl decht so sein!"

Laut, allen Anwesenden vernehmlich sprach der Richter: ?Das ischt eben die alte und ewig dumme Geschichte. Ihr Bauern haltet immer m?nnliche Hunde, D?rcher und fahrendes Volk immer Weibchen. Und da wundert ihr Bauern euch dann, und k?nnt nicht begreifen, da? eure Hofhunde fremde Leute lautlos einlassen! Geschieht euch ganz recht! Also der Hofhund hat nicht gemeldet, gut. Habt ihr irgend ein Anzeichen an den Au?enseiten gefunden?"

Servaz verneinte diese Frage und verwies auf die v?llig intakt gebliebenen Fenstergitter.

Langsam ging der Richter von Fenster zu Fenster des Erdgeschosses und zog einen zusammenlegbaren Ma?stab aus der Tasche, mit welchem er die Sprossenentfernung im Gitter ma?.

Staunend sagte Amareller. ?Mit Verlaub, Herr Richter, durch selle Gitter wird decht keiner durchschlupfen k?nnen!"

?Du schweigst, bis du wieder gefragt wirst!" erwiderte der Richter, namens Ehrenstra?er und prüfte dann die Vergitterung auf etwaige Konstruktionsfehler, worauf der Befehl erfolgte, es sollen sich alle Anwesenden in den Flur des Hauses begeben. Nun widmete der Richter seine ganze Aufmerksamkeit dem Boden rings um das Geh?fte, und suchte nach Spuren und Fu?abdrücken. Um das Haus ist der Boden kiesig, fest, nichts zu finden. Doch schon in geringer Entfernung wird der Boden, entsprechend dem bezeichnenden Geh?ftnamen (Hemmern = Ni?wurz, moos-sumpfiger Grund) weich, und der Richter hatte nicht lange zu suchen, da stie? er auch schon auf Abdrücke von Schuhen im moosigen Boden, eine F?hrte von überraschenden Eigenschaften. Einmal finden sich die Abdrücke stark nach ausw?rts gerichtet, wodurch der Richter kombinierte, da? der Erzeuger dieser F?hrte Plattfü?e habe. Die n?chste Prüfung der F?hrte warf aber die Vermutung, da? sie vom Diebe herrühren k?nnte, über den Haufen, denn die F?hrte geht gem?? den Abdrücken im weichen Boden auf das Haus zu, nicht von demselben weg.

Der Richter wurde von diesem Faktum einigerma?en überrascht und ging der F?hrte entgegen, weiter in den Moorboden hinein, bis sie sich auf den zur Sicherung der Passanten gelegten Pfadbrettern verlor.

Ist diese F?hrte nun die zum Hause führende, so mu? jene, welche vom Hause wegzieht, gefunden werden. Mit der gr??ten Sorgfalt und Gründlichkeit suchte der Richter nach der Weggangsspur, er mühte sich ab, und verwendete alle seine Amtserfahrung für diese Suche, doch vermochte er nicht einen vom Hause führenden Fu?abdruck zu finden. So kehrte Ehrenstra?er denn zur zuführenden Spur zurück, und hob mehrere Abdrücke mit charakteristischen N?geleindrücken aus dem Boden aus, um sie mit gr??ter Sorgfalt zwischen mitgeführten Pappendeckeln zu verwahren, und eingebunden der Feldtasche einzuverleiben, die der Untersuchungsrichter ?hnlich wie die Offiziere solche umgeh?ngt tragen, an der linken Hüftenseite tr?gt.

Nun wurde der Protokollführer gerufen und demselben alles Einschl?gige über die gemachten Wahrnehmungen diktiert. Zur gr??ten Verwunderung der Bauern lie? sie der Richter nun einzeln vor das Haus treten, wobei Ehrenstra?er scharf auf die Formation der Fü?e achtete. Nicht einer von den Leuten, auch nicht vom Gesinde, hat Plattfü?e.

Der Richter schickte die überflüssig gewordenen Nachbarn nach Hause und nahm nun die Dienstboten einzeln vor, welche nach der Meinung des Amareller verd?chtig sein müssen, weil die Fenstergitter unbesch?digt geblieben sind.

Gleich dem ersten Knecht ma? der Richter mit dem Zollstab das Querdurchma? des Kopfes, das zur H?lfte der Mund des grenzenlos überraschten betrug.

?Abtreten! Der n?chste vor!" lautete der Befehl. Ein schm?chtig gebauter junger Bursche trat heran, der nun den rechten Arm über den Kopf emporstrecken mu?te. Rasch wurde nun dem Burschen der Kopf nebst dem emporgestreckten Arme in der Quere gemessen, und das Resultat machte den Richter stutzig, denn es betrug der Kopfdurchmesser inklusive Arm genau 14 cm und dieselbe Distanz weisen die Sprossenentfernungen auf. Für den Untersuchungsrichter ist dadurch klargelegt, da? dieser Bursche durch die Gittersprossendistanz durchschlüpfen kann und da? das Gitter mit 14 cm Sprossenentfernung kein Hindernis für ein Eindringen von au?en bildet. Ist der Bursche daher der Dieb, so brauchte er nicht von au?en einzusteigen.

Eine Kopfmessung der übrigen erachtete der Richter zwecklos, nachdem die Gittersprossenentfernung die M?glichkeit eines Eindringens von au?en gew?hrleistet. Die Untersuchung wurde nun auf das Haus im Innern und die Truhe ausgedehnt.

Viel bot der Lokalaugenschein nicht. Der Richter fand, da? die Truhe wie ein Koffer ge?ffnet werden konnte, wenn man den Deckel aufschlug. Rostig und alt war das Schlo?; kaum geeignet, einen besonderen Widerstand zu leisten; ebenso alt und morsch war das Truhenholz. Ehrenstra?er besah sich die Stelle genau, wo der unbekannte Dieb mit einem Instrument eingesetzt haben mu?te, um den Deckel aufzusprengen. Deutlich ist zu sehen, da? ein Stemmeisen knapp neben dem Schlosse zwischen dem obersten Rand der Vorderwand und dem Deckel eingeführt wurde, das Holz zeigt den betreffenden Abdruck des Werkzeuges und l??t erkennen, da? auf das Heft des Werkzeuges ein Druck nach unten ausgeübt worden sein mu?te. Das Eisen hat also gleichzeitig in die Vorderwand der Truhe hinunter, mit dem Schneidende aber auch hinauf auf den Innenteil des Truhendeckels gedrückt und sohin die ?ffnung des Deckels erzielt.

Diese Wahrnehmung erg?nzte eine weitere Nachforschung, welche ergab, da? um das Mal, welches das Eisen in das Brett drückte, das Holz sehr stark im Gefüge war. Der Eindruck l??t erkennen, da? das Eisen vorne schm?ler gewesen sein mu?.

Sorgf?ltig prüfte der Untersuchungsrichter nun auch die Innenseite des aufgesprengten Deckels und fand, da? an der Wirkungsstelle, wo das Eisenende den Druck ausübte, eine Figuration vorhanden ist, die zackig nach abw?rts l?uft. Sofort kombinierte der Richter, da? das Werkzeug kein normales Stemmeisen gewesen sein k?nne, eher eine Art Schraubenzieher, dessen eine Ecke an der Schneide abgebrochen sein mu?te. Dieses Eckenteilchen war aber nicht zu finden, so sehr sich Ehrenstra?er auch abmühte. Nun wurden die Entf

ernungen der Druckstellen gemessen und die Resultate dem Protokollführer diktiert. Ohne das Instrument selbst zu haben, ist zu konstatieren, da? die Schneide jetzt 38 mm breit ist, da? sie vor dem Abbrechen der Ecke 41 mm breit war und da? das Stemmeisen 94 mm von der Schneide gegen das Heft hin gemessen, eine Breite von 54 mm haben mu?te.

Weitere Erfolge konnten nicht erzielt werden. Gleichwohl nahm der gewissenhafte Richter nun noch die Verh?re der Dienstboten vor und zwar wurde zun?chst die Küchenmagd Gretl, eine kr?ftige junge Person, citiert, die zitternd in der Verh?rstube erschien.

Ehrenstra?er richtete die üblichen Vorfragen an die Person in hochdeutscher Sprache, bekam aber keine Antwort, daher er die Fragen im Dialekt wiederholte. Jetzt verstand ihn die Magd und gab ihr Nationale an.

?Hast du in der vergangenen Nacht etwas Besonderes wahrgenommen?" frug der Richter.

Die Magd wechselte die Farbe, ward bleich, dann wieder rot, ein Beben lief durch den ganzen K?rper, eine unverkennbare Angst war vom Gesicht abzulesen. Stotternd beteuerte Gretl: ?Ich hab' ganz gewi? nichts g'stohlen!"

?Das glaub' ich ja auch! Aber du mu?t mir schon sagen, was du in dieser Nacht beobachtet hast. Ischt jemand eingestiegen?"

?Sall woa? ich nuit!"

?Ischt jemand an deiner Thür' vorbei?"

?Sall schon!"

?Und was ischt dann geschehen?"

?Ich kann's nicht sagen, ich hab' zu fest g'schlafen und bin erst wach worden, wie's vorbei war!"

?Was war vorbei?"

Z?gernd und in gro?er Scheu gestand die Dirn, da? sie beim Erwachen einen Strohkranz um den Kopf hatte.

?Hast du einen Burschen in der letzten Zeit abgewiesen?"

Gretl nickte.

?Welcher Bursch' war das?"

?Der Seppel, seller, der heute von Enk gemessen worden ischt mit'm Kopf und Arm!"

?Also ischt jener Seppl dir aufs?ssig, er verfolgt dich?"

?Ja, sall ischt schon so!"

?Liegst du allein in der Schlafkammer?"

?Es liegt noch die Stalldirn drinnen in der Nacht!"

?Und diese hat auch nichts geh?rt?"

?Nein!"

?Hast nichts gefunden, was der Seppl in der Schlafkammer zurückgelassen hat?"

?Decht wohl! Ein rotes Tüchel hat er vergessen!"

Jetzt wu?te der erfahrene Richter den Sachverhalt genau, den er der Dirne aufz?hlte: ?Der abgewiesene Seppel wollte sich an dir r?chen! Er ischt heute Nacht mit einer rot verhüllten Laterne[1] in die Kammer geschlichen und ihr Dirnen habt fest geschlafen. Zum Hohn und Spott hat der Seppel dir den Strohkranz auf den Kopf gelegt, den du beim Erwachen vorgefunden hast."

?Sall ischt richtig! Ich bitt', gn?' Herr, verz?hlen Sie's nicht weiter, die Schand' ischt zu gro?!" bat die Dirne flehentlich.

?Schon gut! Vom Einbruch hast du nichts wahrgenommen?"

?Nichts, gn?' Herr!"

Das Verh?r der Stalldirne ergab nur die Best?tigung, da? der Strohkranz vorgefunden wurde. Vom Einbrecher selbst fehlt jede Spur. Die Untersuchung wie das Protokoll wurden geschlossen und die Gerichtskommission verlie? den Hemmernmooshof und dessen laut um sein verlorenes Geld jammernden Besitzer.

* * *

In seiner kahlen, dürftig mit den allernotwendigsten Ger?ten, wie Tisch, Stuhl, kleines Waschservice und Aktenst?nder m?blierten Kanzlei im kleinen Gerichtsgeb?ude des Bergst?dtchens pr?parierte der Bezirksrichter Ehrenstra?er sorgf?ltig die zu Amt gebrachten, ausgehobenen Spuren, die inzwischen eingetrocknet sind, doch die N?gel und Schuheiseneindrücke deutlich zeigen. Sie werden dem Akt einverleibt, der nun ruhen mu?, bis der berühmte Zufall seine ersehnte Rolle zu spielen beliebt. Schon wollte der Richter den Akt dem Rubrum ?Buchstabe A" einverleiben, da fiel Ehrenstra?er ein, die Angelegenheit doch nicht mit der heutigen, nahezu ergebnislosen Untersuchung auf sich beruhen zu lassen. Der Amtsdiener Perathoner, ein kugelrundes M?nnchen, das in der K?rperfülle im schreienden Gegensatz zur mageren Gage stand, erhielt Befehl, den Gendarmeriewachtmeister zu holen, und gesch?ftig wie immer, eilte der Diener zur Kaserne.

Ehrenstra?er erledigte inzwischen einen Citoakt in seiner ruhigen, gewissenhaften Weise. So still ist's in dem kahlen, schlechtgetünchten Raum, da? das Kritzeln der Feder auf dem ziemlich rauhen Aktenpapier, sowie das Summen einiger nach Freiheit lüsternen Fliegen an den geschlossenen, vorhanglosen Fenstern das einzige Ger?usch geben.

Ganz in die Arbeit versunken, überh?rte der Richter das leise Klopfen sowie das Aufklinken des Thürschlosses. Erst als eine silberhelle M?dchenstimme rief: ?Lieber Papa!" hob Ehrenstra?er den Kopf und blickte auf.

?Ah, mein Herzensschatz! Tritt nur ein, Emmy! Was führt dich zur Amtszeit zu mir?"

Verlegen, lieblich err?tend steht die etwa zwanzigj?hrige blonde Tochter aus erster Ehe vor dem Papa, eine hübsche Erscheinung, und in der Kopfbildung wie in den Augen von unverkennbarer ?hnlichkeit mit dem Vater. Ob der leisen Rüge, die Emmy in der Frage Papas sogleich empfand, bat die Tochter, das Eindringen in die Kanzlei zur Amtszeit gütigst entschuldigen zu wollen.

?Schon gut, Emmy! Du wei?t, da? ich w?hrend der Amtsstunden ausschlie?lich meinem Berufe angeh?re und hier St?rungen in Privatangelegenheiten vermieden wissen will. Es mu? sonach deinem Besuch ein besonderes Ereignis zu Grunde liegen! Sprich, mein Kind: Was führt dich hierher?"

Ehrenstra?er hatte sich erhoben und trat seiner Tochter n?her, die pl?tzlich die Arme ausbreitete, dem überraschten Vater um den Hals fiel und an seiner Brust zu weinen begann.

?Emmy Kind! Was soll denn das bedeuten?"

Unter Thr?nen schluchzte die Tochter: ?Verzeih, lieber Papa! La? mich weinen an deiner treuen Vaterbrust!"

?Um Gotteswillen! Was bewegt dich so sehr? Was ischt denn vorgefallen?"

Das M?dchen erbebte und weinte heftig, ohne eine Antwort zu geben.

Forschend richtete der Richter seine scharfen Blicke auf die Tochter, deren Verhalten ihm v?llig unfa?bar erscheint.

?Hat es zu Hause Verdru? gegeben, Emmy?"

Die Tochter schüttelte den Blondkopf.

?Ischt dir jemand zu nahe getreten? Ich kann das bei den ruhigen Verh?ltnissen in unserm St?dtchen nicht glauben. Sprich, mein Kind! Und vergi? nicht: Ich bin zur Arbeit hier verpflichtet! Sprich!"

?Ich kann nicht, lieber Papa!" stammelte Emmy.

?O, Weiber! Widerspruch über Widerspruch! Da kommst du mir in die Kanzlei in einem Zustande, der an Fassungslosigkeit grenzt, suchst eine Aussprache mit deinem Vater und nun du reden darfst, und sollst, hei?t es: Ich kann nicht reden! Das verstehe, wer will; ich verstehe es nicht!"

?Verzeihe, guter, lieber Papa!"

Der Richter wurde stutzig und wiederholte die Worte: ?Verzeihe, guter, lieber Papa! Das klingt gewisserma?en verd?chtig! Ist im Herzk?mmerchen etwas nicht in der Alltagsordnung, was?"

In gro?er Verwirrung flüsterte Emmy unter erneuter Umarmung dem Vater zu: ?Verzeih' mir, sü?er Papa! Ich kann nichts dafür - Franz!"

Jetzt l?ste Ehrenstra?er die Umarmung und ernst sprach er: ?Was mu? ich h?ren? Wer ischt Franz? Wie kommt meine engelreine Tochter zu einem Franz? Wer ischt das? Was hat es gegeben? Ich will nicht hoffen - -"

Abwehrend rief Emmy: ?Nein, nein, lieber Papa, wie kannst du nur denken! Ich kenne meine Pflicht! Aber -"

?Was aber?"

Verwirrt stammelte Emmy: ?Franz, der Sohn des Cementfabrikanten Ratschiller, hat mich begleitet auf dem üblichen Spaziergang und hat mich -"

?Nun?"

?..... hat mich gefragt, ob ich seine Frau werden m?chte! Verzeihe mir, lieber Papa!"

?So? Das ischt ja das Allerneuste! Und der junge Mann scheint nicht zu wissen, bei wem man zuerst in solchen Angelegenheiten anfr?gt?"

Err?tend lispelte Emmy: ?Verzeihe, Papa! Franz wollte zuerst meine Meinung wissen, er kommt dann gewi? zu dir, um deinen Segen zu erbitten!"

?Ei, der Tausend! Also perfectum est! Ich mu? sagen: Eine solche Selbst?ndigkeit h?tte ich meiner sanften Emmy gar nicht zugetraut! Du hast dem Cementmenschen also schlankweg dein Jawort gegeben?"

?Doch nicht, lieber Papa! Ich habe nur gesagt, Franz solle um deinen Segen bitten!"

?Ach, du liebe Einfalt vom Lande!" lachte der Richter auf.

?Bitte, bitte, lieber Herzenspapa, sei nicht b?se, und gieb uns deine Einwilligung!" flehte in holder Verwirrung die Tochter.

?Adagio, lento tempo, Kind! Ein alter Jurist überstürzt nichts! Und im tempo furioso wird nicht geheiratet. Der alte, goldene Juristenspruch: ?Quis, quid, ubi, quibus auxilius, cur quomodo, quando" gilt auch in diesem Falle!"

?Papa, ich verstehe kein Wort von dem gelehrten Zeug!"

Ehrenstra?er l?chelte. ?Das glaub' ich gern! Doch genug nun von der überraschenden Sache! Geh' heim, Emmy, wir werden darüber schon noch reden!"

?Bitte, Herzensv?terchen, bitte sch?n!" schmeichelte das M?dchen.

?Nur nicht pressieren, Kind! Ich h?re Stimmen im Warteraum, es wird der citierte Wachtmeister kommen! Verla? mich nun, Kind, mich ruft die Pflicht! Adieu, Emmy!"

Das M?dchen kü?te Papa herzhaft und wirbelte dann zur Thüre hinaus.

?Eine sch?ne Bescheerung! Aber ein gutes Kind ischt Emmy doch, denn von dem Werber weg ischt sie zum Vater gelaufen! Eigentlich ganz natürlich, ich bin ihr ja der einzige und n?chste, hm, der einzige dürfte ich gewesen sein!" murmelte der Richter und klingelte dann.

?Herr Bezirksrichter befehlen?" fragte der eintretende Diener.

?Ischt der Wachtmeister da? Soll eintreten!"

?Zu Befehl, Herr Bezirksrichter!" rief Perathoner und schob seine Kugelgestalt ins Vorzimmer hinaus.

Gleich darauf trat der st?mmige Gendarmeriewachtmeister, der wohl in Uniform war, jedoch nur das Seitengewehr und statt des Federnhutes das gew?hnliche Dienstk?ppi trug, salutierend ein und stellte sich milit?risch stramm vor dem Richter auf. ?Herr Bezirksrichter befehlen?"

?Mein lieber Wachtmeister! Sie werden vom Gendarmen, der heute mit auf Kommission beim Amareller war, bereits erfahren haben, da? wir nicht viel Erfolg hatten. Ich will den Akt nun nicht schlummern lassen, vielleicht kann seitens der Gendarmerie gelegentlich eine wertvolle Wahrnehmung gemacht werden. Ich m?chte Sie daher dahin verst?ndigen, da? nach dem Befund der erbrochenen Truhe im Hemmernmooshofe das gebrauchte Werkzeug sehr wahrscheinlich ein Schraubenzieher mit einer abgebrochenen Ecke gewesen ischt. Achten Sie und die Ihnen unterstellte Mannschaft bei Requisitionen, Besuchen und sonstigen Patrouillen auf ?hnlich beschaffene derartige Werkzeuge und erstatten Sie mir dann sogleich Anzeige."

?Sehr wohl! Haben Herr Bezirksrichter sonst noch Befehle für mich?"

?Nein! Ich danke Ihnen!"

Mit milit?rischem Gru? trat der Wachtmeister ab. Der Richter wollte sich weiter seiner Arbeit widmen, doch parierten die Gedanken nimmer, die sich mit der überraschend gekommenen Verlobung besch?ftigten. So qu?lte sich Ehrenstra?er ab, einen Akt fertig zum Expedit zu stellen und endlich legte er die Feder nieder und ging nach Hause.

* * *

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