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   Chapter 15 15

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 22457

Updated: 2017-11-30 00:02


Am selben Nachmittag erschien bei Tuft ein seltener Besuch. Es klopfte leise an, und auf das erste "Herein" zeigte sich niemand. Auf das zweite wurde die Tür bed?chtig ge?ffnet von S?ren Pedersen, und hinter ihm tauchte nach langem Z?gern und in gro?er Verlegenheit Aase auf.

Sie wollten nichts Geringeres als dem Herrn Pastor für die heutige Predigt danken. "Denn niemand, Herr Pastor, kann leben ohne Gott; wenigstens wir ungelehrten Leute nicht. Es geht nicht, es geht ganz einfach nicht. Und so kommen wir wie der verlorene Sohn - d. h. Aase w?re da wohl die verlorene Tochter - (komm nur n?her! Na, so mach', was Du willst!) und bitten Sie, ob Sie nicht zu Gott um Gnade für uns beide beten wollen, Herr Pastor!" Und Tuft tat es mit einer Inbrunst, wie nur er sie in ein Gebet zu legen vermochte. S?ren sagte dann, sie wollten jetzt gleich zu Herrn Doktor Kallem gehen. "Ganz gewi? ist er der beste Mensch auf der ganzen Erde, jedenfalls hier in der Stadt. Aber in diesen Dingen ist er im Irrtum, Herr Pastor. Es gibt ganz sicherlich einen Gott und auch Geister, und das wollen wir ihm jetzt sagen."

Tuft selber hatte beschlossen, an diesem Nachmittag noch Kallem aufzusuchen. Er war ihm dankbar, und es dr?ngte ihn, zu bekennen, da? ohne das Unrecht, das sie an Ragni begangen hatten, nicht einmal die Erlebnisse dieser Tage ihm zur Erkenntnis der Lebenswerte verholfen h?tten. Vor allem wollte er Josefine rechtfertigen, indem er ihre Schuld auf sich nahm. In der gesch?ftigen Dogmen-Postkutsche, in der er getrabt war wie ein Postpferd mit S?cken voll Papier beladen, hatte sie mitfahren müssen, ob sie nun wollte oder nicht. Und durch dies Unrecht war sie mi?trauisch und hart geworden.

Als er sich eine Stunde sp?ter auf den Weg machte, stand ihre gemeinsame Kindheit merkwürdig lebendig vor ihm. Damals hatte er Mission?r werden wollen; jetzt würde er es vielleicht im Ernst werden. Die Evolutions- und Entwicklungslehre auch ins Religi?se zu übertragen, das war eine Mission wert, und sie gedachte er auf sich zu nehmen. Der kleine Dogmengott vergangener Zeiten und seine Priester mu?ten überwunden werden wie die G?tzen und Wundert?ter der Heiden. Und hatte er sp?ter in theologischem Machtbegehr davon getr?umt, Bischof zu werden - nun wohl! Hier war ein gefahrvolles Bistum - aus leicht erkl?rlichen Gründen - frei in Norwegen.

Auf der Treppe zum oberen Eingang wartete Sigrid, als Pastor Tuft mit langen Schritten über den Hof gesteuert kam. Sie war schwarzgekleidet und trug ein schwarzes Tuch über dem lichtgelben Haar. "Herr Doktor ist nicht zu Hause!" sagte sie in ihrer stillen Art. Er machte sofort Kehrt und ging entschlossen nach dem Krankenhaus hinauf. Dort stand Mutter Andersen, ebenfalls in Schwarz und einer Haube mit schwarzen B?ndern. "Tragen Sie noch immer Trauer um Ihren Mann?" - "Nein, jetzt um Frau Kallem." - "Ist Doktor Kallem hier?" - "Nein, er ist vor einer Weile nach Hause gegangen."

Da irrst Du! dachte Tuft und schlug den Weg nach der Landstra?e ein; er konnte inzwischen eine tüchtige Promenade machen.

Es waren viele Spazierg?nger unterwegs; sie grü?ten ihn voll freudiger Teilnahme, das war zweifellos. Mutter Andersens strenges Gesicht hatte einen Schatten über ihn geworfen; aber vor der Milde der andern zog sich der Schatten zurück. Wieder überkam den Pastor der stürmende Mut, den er vor einer Weile noch gehabt hatte, und der den meisten Neubekehrten eigen ist. Dicht beim Krankenhaus begegnete er S?ren Pedersen und seiner Frau; auch sie wollten sich an diesem lichten Sonntagabend voll Frühlingsverhei?ung einen kleinen Spaziergang leisten. "War er zu Hause?" fragte Tuft. "Ja, Herr Pastor", erwiderte Pedersen h?chst aufger?umt. "Na, was hat er denn gesagt, der Doktor?" - "Es hat mir gefallen, was er sagte, Herr Pastor. Es gibt zwei Arten von Menschen, sagte er; die eine glaubt nur das, was sie wei?; die andere tut das auch, aber das, was sie glaubt, l??t sich nicht beweisen - wenigstens für niemand, als sie selber." - "Er hat recht." Tuft lachte und eilte weiter. Aber sowie er allein war, überfiel ihn Markus 16, Vers 16; das lag noch von seiner "rechtgl?ubigen" Zeit her im Hinterhalt und lauerte ihm auf. "Wer aber nicht glaubet, der wird verdammt werden!" Gott respektiert also nicht "zwei Arten Menschen". Tuft setzte sich eifrig zur Wehr; vom neunten Vers bis zum sechzehnten Kapitel ist alles ein sp?terer Zusatz, von dem die ?ltesten Handschriften nichts wissen. Wenn diese Stelle unecht ist, so enth?lt keins der drei Evangelien eine Stelle, die auch nur ann?hernd so furchtbar w?re. Und das vierte, das sie enth?lt, hat damit sich selbst "verdammt". Nein - das Leben ist alles - und der Glaube ist der wunderbare Weg zur Erkl?rung des Lebens, d. h. zu Gott. Auf diesem Wege werden wir dereinst die h?chste Gemeinschaft mit ihm erlangen, wenn nicht hienieden, so doch im Jenseits. Der Glaube soll uns nicht zum Gericht werden, sondern zum Führer. Menschen um ihres Glaubens willen zu verdammen, mochte in entschwundenen Zeiten als Wahrheit gelten; in unserer Zeit st??t es ab. Gott offenbart sich unserem Verstand auf h?here Weise. Wieder schritt er eilig über den Hofraum.

Aber wieder kam Sigrid auf die Treppe: "Herr Doktor ist nicht zu Hause." Die verschleierten Augen wichen den seinen aus; aber sie blieb unbeweglich stehen, das Gesicht dicht eingerahmt von ihrem Tuch. Das Haus hinter ihr war wie ein Geheimnis, eine geschlossene Gemeinschaft, etwas in sich Treu-Gefestigtes, von dem er ausgeschlossen war.

Jetzt begriff er.

Der Preis, um den er hier Einla? fand, war doch wohl h?her, als er gedacht hatte. Demütig ging er heim; Josefine gegenüber schwieg er von der Sache.

Die Zurückweisung war ihm ein neuer Ansporn, weiter auf dem Wege vorzudringen, der einzig die Geschwister wieder zusammenführen konnte. Und das war die Bedingung für alles andere. Er gestand sich ehrlich ein, da? er war auf seinen Schwager eifersüchtig gewesen. Dies rein pers?nliche Gefühl hatte gro?en Einflu? auf die Beschr?nktheit seiner Lehre gehabt.

Da kam ihm von au?en her Hilfe. Zuerst verwunderte Fragen, zurückhaltendes Wesen, was ihm wehtat, ihn zuweilen schwankend machte; bald aber offener Kampf mit seinen treusten Anh?ngern. Und das trieb ihn vorw?rts. Sein alter Freund, der ehemalige Krankenhausverwalter, schien nur auf die Gelegenheit gewartet zu haben, um sich von einem Dankbarkeitsverh?ltnis, das ihm l?stig war, freizumachen; er schlug gewaltig L?rm und zog Hilfstruppen sogar aus der Hauptstadt herbei. Seminarlehrer, Schulmeister, Wanderprediger und verschiedene Pastoren gingen Pastor Tuft in der Betstunde mit allen m?glichen theologischen Instrumenten zuleibe. Vor allem lernte er, sich deutlich ausdrücken; denn die meisten Punkte, in denen sie ihn angriffen, beruhten auf Mi?verst?ndnissen. Er lernte aber auch den Gebrauch von Kr?ften und Kenntnissen, die er bis jetzt nicht geübt hatte.

Im ersten Monat war Josefine nur müde und stumpf; sie war mehr heruntergekommen, als sie wu?te. Aber nach einiger Zeit fing sie an, dem Bauernjungen, der einst ihr Herz mit seinem lichten Glauben gefangen hatte, zu folgen.... Ob er wiederkam?

Ein Ereignis, das sie ihrem Mann verheimlichte, hatte sie wieder so zurückgebracht, da? sie nur langsam zu Kr?ften kam. Auch sie war n?mlich in aller Stille bei ihrem Bruder gewesen, sobald sie wieder ausgehen konnte; auch sie war von Sigrid auf der Treppe empfangen worden mit dem Bescheid, er sei nicht zu Hause; aber sie hatte ihn, als sie kam, auf der Veranda stehen sehen! Mit knapper Not hatte sie sich heimgeschleppt.

Sie hatte ja das tiefste Mitgefühl mit ihm gehabt und war zu jedem Zugest?ndnis bereit gewesen; seine Unerbittlichkeit jedoch weckte ihren Trotz. Von ihrer eigenen Eifersucht auf Ragni hatte Josefine selbst keine Ahnung, also auch nicht davon, wie dadurch ihr eigenes Wesen beeinflu?t worden war. Sie sah ihre Schuld darin, da? sie unvertr?glich gegen eine Frau gewesen war, die im Grunde eben doch eine Sünderin war. Wenn Sissel Aune oben bei dem Jungen sa? und ihm von Ragni erz?hlte, wie liebevoll sie bis zum letzten Augenblick gewesen sei, dann empfand sie das Unmenschliche ihres Betragens, da? sie Ragnis Herzensgüte, da? sie Kallems Liebe hatte übersehen k?nnen. Aber abgesehen von dieser Unvers?hnlichkeit fühlte sie sich nicht schuldig.

Die Entt?uschung war um so gr??er und h?tte schwere Folgen gehabt, wenn nicht gerade jetzt ihres Mannes Kampf sie mitgerissen h?tte. Ein unklarer Mensch, der wesentlich nur in Trotz gelebt hat, kann nur durch eine gro?e Begebenheit erl?st werden. Und zu einer solchen wurde ihr der Tag, als Tuft zu ihr sagte: "Josefine - hierfür müssen wir Amt und Verm?gen einsetzen!"

Drei Monate waren vergangen, da fühlte sie sich, neubelebt vom Kampf, stark genug, es mit ihrem Bruder aufzunehmen. Sie schrieb ihm, was sie auch verbrochen h?tten - es müsse Klarheit sein zwischen ihnen; einer Anklage wenigstens mü?ten sie gewürdigt werden. Ihre Dankbarkeit gegen ihn sei gro?, ebenso gro? aber ihr Bedürfnis, mit ihm zusammenzuarbeiten, nun, da sie ihre frühere Unvertr?glichkeit bereuten und dem Geist der Liebe und der Gerechtigkeit, den sie verkannt h?tten, jedes nur m?gliche Opfer zu bringen bereit seien.

Ein sehr geschickter Brief; das sagte auch ihr Mann.

Aber Tag auf Tag verging ohne Antwort. Es war ein wahres Glück, da? gerade diese Tage die schwersten Kampftage für Tuft waren. In der Betstunde und nachher auch in der Kirche hatte er die Worte angewendet, mit denen Josefines Brief schlo?: "Gerechtigkeit und Liebe" ohne Unterschied des Glaubens (wie in der Erz?hlung vom barmherzigen Samariter) sei der Kern des Christentums; deshalb müsse alles mit diesem Ma? gemessen werden, in erster Linie die Lehre selbst, bis jedes K?rnlein, das sich nicht daran messen lie?e, vor der Offenbarungsmacht der Gerechtigkeit unserer Zeit fallen müsse als eine Gotteslehre ferner und harter Zeiten.

Dafür wurde er noch am selben Tage zur Disputation geladen.

Zwei Versammlungen wurden abgehalten im Verlauf der Woche, alle drei stark besucht. Sein Hauptgegner war ein Pastor und Redakteur einer theologischen Zeitschrift aus der Hauptstadt. Die Lehre von der H?lle war fast ausschlie?lich der Gegenstand, um den es sich drehte, und Tuft hielt daran fest: alles, was Paulus darüber gesagt habe, sei v?llig verschieden z. B. von der Offenbarung Johannis. Nach Paulus sei das Leben hier und im Jenseits ein stetiges Fortschreiten, das damit ende, da? Gott "Alles in Allem" werde. Diese Lehre halte das Ma? der Gerechtigkeit und der Liebe, - und es machte Eindruck, als er mit seiner metallreichen Stimme in der lebhaften, westl?ndischen Tonart über die dichtgedr?ngte Versammlung hinrief, ob sie denn glaubten, Krieg und Unterdrückung durch den St?rkeren würden ein Ende nehmen, solange die Lehre von der H?lle mit ihrer grausamen Rachsucht und Roheit in allen Schulen und Kirchen als Gottes Gerechtigkeit und Liebe gelehrt würde!

Die Gegner waren ganz im "Stil der H?llenlehre", indem sie alles taten, ihn zu verketzern und zu verdammen. Unter den Zuh?rern herrschte nur eine Meinung: in Klarheit und überzeugungstreue war Tuft den andern allen über.

Das letzte Mal war auch Doktor Kallem

zugegen; er sah auch Josefine mit flammenden Augen dasitzen; und am n?chsten Tag gegen Abend kam seine Antwort.

Sie stand gerade vor dem Haus und sah ihrem Jungen zu, wie er mit der Gartenspritze spielte, als der Brief kam; sofort erkannte sie die Handschrift, und zitterte so, da? sie ihn gar nicht ?ffnen konnte. Es erschreckte sie, wie wenig kr?ftig sie im Grunde doch noch war. Sollte sie die Gesundheit ihrer Jugend nie wieder erlangen?

Sie ging also auf ihr Zimmer und riegelte hinter sich ab. Ein dicker Brief! Sie drehte und wendete ihn, setzte sich und überlegte, ob sie ihn vielleicht nicht doch Tuft zuerst lesen lassen sollte. Aber m?glicherweise stand etwas über ihn darin, was er nicht sehen durfte.

Sie ?ffnete.

Kein Wort von ihrem Bruder, kein Wort an sie! Das erste, was sie sah, war von fremder Hand geschrieben; das n?chste ebenfalls, das übern?chste auch, zwei verschiedene Handschriften. Ein paar zusammengeheftete Bogen, einige Briefe, ein paar lose Zettel ... von Edvard kein Wort.

Was bedeutete das? Aus all den Papieren zog Josefine unwillkürlich das kleinste hervor, ein Zettelchen mit drei Zeilen darauf:

"Sie haben meinen guten Namen get?tet und ich hab' es nicht gewu?t. Denn ich wu?te nicht, da? ich einen hatte, bis er get?tet war."

Auf einem andern Zettel blo? die feingeschriebenen Worte: "Vergib ihnen; sie wissen nicht, was sie tun."

Diese zarte, leichtschwingende Handschrift war natürlich Ragnis. Josefine begann zu zittern, und wu?te doch nicht warum.

Da lag ein Brief von einer andern Hand geschrieben, die ersten Worte in roter Tinte. Keine Unterschrift. Aber als sie las, da? Kallem dies nicht sehen dürfe, vermutete sie einen Liebesbrief von Karl Meek, den Kallem nach ihrem Tode gefunden hatte. Was sollte sie damit? Flüchtig las sie die ersten Worte, hielt aber inne, als es "Sie" hie? - als er von einem Schmerz sprach, den er hatte allein tragen wollen, der nun aber auch sie betroffen h?tte, eine Verleumdung...? War es Verleumdung gewesen?

überall die allerehrerbietigsten Ausdrücke! - Wann war der Brief geschrieben? Es war kein Datum angegeben; aber der Schreiber war im Ausland; also nach ihrem Zusammenleben hier. Der Brief war ein einziger gro?er Schrei, ein Schmerz, so echt, wie sie einen gr??eren nie gelesen hatte.

Josefines Hand zitterte; sie mu?te den Brief auf den Tisch legen.

Sie las, wie Karl infolge dieser grausamen Verleumdung an niemand anders und an nichts anderes zu denken vermochte; sie las, wie dadurch seine Liebe zu Ragni erwacht war; Josefine sah diese Liebe, aus Kummer, Dankbarkeit, Anbetung geboren, ihr entgegenatmen, - in den reinsten, rührendsten Ausdrücken.

Ragni unschuldig? Gott im Himmel, war sie wirklich unschuldig? Dann waren die ergreifenden Szenen zwischen Edvard und ihr, w?hrend der Tod sie Zoll für Zoll auseinanderri? (Sissel Aune hatte sie ihr geschildert) ja nicht zu ertragen gewesen! Ja, dann begriff sie, weshalb er mit ihrer Leiche von hier weggezogen war und Karl Meek mitgenommen hatte. Sie begriff nur das eine nicht: da? er es überlebt hatte.

Es klopfte an die Tür; sie sprang auf; es war blo? das M?dchen, das sie zum Abendessen holen wollte. Sie vermochte nicht zu antworten. Es klopfte wieder. "Nein, nein!" würgte sie endlich heraus, w?hrend sie sich wand vor Scham und Schmerz. Sie mu?te zu ihrem Bruder! Sie mu?te zu ihm! und sollte sie auf den Knien zu ihm rutschen!

Aber da waren noch mehr Papiere; und sie hatte ein Gefühl, als ob ihr Bruder neben ihr stehe und ihr gebiete zu lesen. Zitternd las sie:

"Ich will jetzt abschreiben, was ich nach vielen Versuchen und Ausstreichen über meine Kindheit und meine erste Ehe zustande gebracht habe; aber ich fühle mich auf einmal so müde und so fertig. Immer hatte ich mir ausgedacht, ich wolle ein paar Worte als Einleitung schreiben, und hatte mich darauf gefreut. Jetzt ist es zu sp?t. Jetzt kann ich Dir blo? noch sagen, Du 'wei?er Pascha' meines Lebens, wie das alles so mit mir gekommen ist. Ganz kurz hab' ich's gesagt, weil es mir eine Qual war. Ich hab' es auch nur gesagt, damit Du mich verteidigen kannst, sollte irgend jemand es noch der Mühe wert finden, von mir zu sprechen, wenn ich fort bin. Liebster Freund, ich klage nicht. Ich habe das Sch?nste erlebt, was ich erleben konnte; nur da? es so kurz war! Du mu?t Dir blo? vorstellen - ich hatte mich selber aus blo?er Furcht vor noch etwas Schlimmerem weggeworfen; und da hast Du mich emporgetragen aus der Tiefe des Meeres zum Frieden, zu allem Guten in guter Menschen Obhut - bis Du dann zum zweitenmal kamst und mich noch weitergetragen hast - zu Dir selbst. Und hier, in Deinem Heim, alles zu eigen zu haben, Dich, und alles, was Dir geh?rt - ohne es zu verdienen; ich hab' es oft schwer empfunden; aber glücklich war ich doch."

"Ich wei?, ich füllte meinen Platz nicht aus; aber nun, da es zu Ende geht, ist mir, als schade auch das nichts mehr. Du h?ttest Nachsicht gehabt mit mir, wie lang es auch gedauert h?tte; das wei? ich ja gewi?."

"Liebster, wenn ich Dir auch alles sagen wollte, was von Dank und Bewunderung für Dich in mir ist - Du würdest es nicht begreifen; so selbstverst?ndlich war es Dir, da? alles Frohe in Deinem Leben von mir kam. Und das ist auch in meinem Leben das Sch?nste gewesen."

"Aber Du liest das ja erst, wenn ich nicht mehr im Sessel neben Dir sitze, und da ist nichts, was die Erinnerung an mich besser in Dir wachhalten k?nnte, so wie ich sie in Dir lebendig wissen m?chte, als ein gro?es unendliches

ich danke Dir!"

Das war die Ehe, der sie den Namen Ehe hatte absprechen wollen! Sie, Josefine, im Vergleich mit ihrer eigenen!

Sie glitt hernieder vom Stuhl, auf die Knie. Sie schluchzte, schluchzte - und zwang sich, still zu sein, damit niemand sie hier finden solle, zusammengekauert, zusammengebrochen unter der Schmach ihres Verbrechens. Ihre H?nde tasteten um Ragnis Handschrift, ihr Kopf sank auf die H?nde: "Vergib! Vergib!" flüsterte sie, und sie wu?te, da? niemand, niemand sie h?re, und da? niemand, niemand ihr vergeben k?nne.

Und blitzschnell erfa?te sie, da? Ragni auch in ihrer ersten Ehe rein gewesen, da? sie auch in ihr verleumdet worden war. Die Schriftstücke über diese Ehe, wie sie zustande gekommen war, - sie brauchte sie nicht, sie konnte sie nicht lesen. Mit fiebernden H?nden packte sie alles zusammen - Ole sollte es lesen. Jetzt mu?te er ihr helfen; es galt ja ihr Leben. Sie war mitschuldig des Mordes, des Mordes an einer ganz Unschuldigen! Nicht durch Worte oder Hetzereien; gesagt hatte sie nichts; aber gerade durch ihr Schweigen, gerade dadurch, da? sie Ragni vom ersten Tag an von sich gesto?en hatte - gerade dadurch war die ?rmste rettungslos verloren gewesen; das hatte sie getroffen wie der Blitz; das hatte sie bet?ubt, schreckerstarrt zu Boden geschlagen. Das Urteil, das sie in ihres Bruders Augen gelesen hatte, das Todesurteil, - sie hatte nicht falsch gelesen! - nur galt es nicht ihrem Sohn, ihr selber galt es. Sie verdiente den Tod!

Entsetzen packte sie; der Schwei? brach ihr aus wie nach einem bet?ubenden Schlag.... Jetzt war es da!

Ja, jetzt war es da, wovor sie Jahr um Jahr erschauernd gebangt hatte, - etwas über alle Ma?en Grauenhaftes, das sie zu Staub zermalmen würde. Nichts war sie gewesen; nichts hatte sie gewollt, nichts geleistet; und dabei hatte sie getrotzt und verurteilt und das h?chste Spiel gespielt!

Jetzt war es da! Sie hatte geglaubt, die Sache mit dem Jungen sei das ?u?erste gewesen; nein, erst jetzt war es da, jetzt, seit sie wieder ein frohes Zusammenleben mit ihrem Mann und festen Boden unter den Fü?en gewonnen hatte.... Jetzt traf es sie - und traf sie t?dlich.

Sie eilte hinunter ins Studierzimmer, w?hrend Tuft noch a?, und legte den Brief auf seinen Tisch; Hut und Tuch hatte sie schon an; und nun lief sie mehr als sie ging zum Haus des Bruders. Nun galt es biegen oder brechen.

An einem Fu?weg bog sie nach der Kirche ab; dabei dachte sie an Oles letzte Predigt. Wenn ihr Zusammenleben von Anfang an so freie Wahl, auf solche Ziele eingestellt gewesen w?re! Sie weinte und lief auf das fürchterliche Haus zu. Links hinter dem Laub erblickte sie auch die wei?e Hauswand des andern, in dem Kule wohnte - das Mordinstrument! Nein, nein, nein! Sie hatte ihn nicht kommen hei?en; sie hatte keinen Teil daran! Doch - sie hatte geh?rt, wie man davon sprach, und es für ganz gerecht gehalten. Einige hatten es als guten Witz aufgefa?t, andere wieder ernst, ja, religi?s. Josefine erinnerte sich jedes Wortes, zu dem sie geschwiegen, jedes Gedankens, den sie im Stillen gehabt hatte.

Mord, Mord! Da gab es keine Vergebung, das wu?te sie. Was wollte sie bei dem Bruder? Er hatte ihr Kind gerettet; darüber hinaus wollte er nichts mit ihr zu schaffen haben. Und dennoch - ihr Leben hing von jetzt an diesem Fleck Erde; sie mu?te hin, und wenn es ihr Tod war! Und sie hastete weiter.

Ihr Leben war gesch?ndet; sie konnte keinem ehrlichen Menschen mehr ins Auge sehen. Mit K?lte und Bosheit hatte sie ein v?llig, v?llig unschuldiges Menschenkind get?tet - hatte ihres Bruders Heim zerst?rt! Wie sollte sie darnach noch weiter leben? Was wollte sie jetzt? Ihre gerechte Strafe suchen? Aber die konnte nur sie selbst sich auferlegen. Zuerst mu?te sie ihn gesehen, ihn geh?rt, selber mit ihm gesprochen haben - ja - - denn sie hatte auch etwas zu sagen, - - er wu?te ja gar nicht, wie sie ihn liebe, wie sie ihn immer geliebt hatte; - er kannte sie überhaupt nicht. Und sie weinte und hastete weiter.

Sie sah ihn im Garten zwischen dem Haus und den Nebengeb?uden stehen, über irgend etwas gebückt, was er eben in der Hand hielt. Sie sah ihn - über die Johannisbeer- und Stachelbeerhecke weg, wo die h?heren Obstb?ume ein bi?chen weiter auseinanderstanden. Ein Fr?steln durchrann sie; aber sie schritt weiter. Bald war sie unter den B?umen des Parks, und bog dann nach dem Hof ab; nur die Mauer der Stallgeb?ude war noch dazwischen; jetzt trat Josefine hervor.

In einem hellgelben, rohseidenen Rock, demselben vielleicht, in dem er vor zwei Jahren gekommen war, stand er da - die ?rmel aufgestreift, die Manschetten abgelegt - und wusch unter der Pumpe einen Reisekoffer; die vielen Zettel, die die verschiedenen Eisenbahnen übereinander daraufgeklebt hatten, mu?ten aufgeweicht werden. Wollte er verreisen? Er war sonnverbrannt und mager; im Profil erschien sein Gesicht noch sch?rfer. Jetzt h?rte er ihre Schritte und blickte auf.

Blickte ihr in das verweinte, flehende Gesicht. Von ihrer einstigen farbenfrohen Kleidung keine Spur mehr; ein dunkles Sommerkleid; um die Taille einen Gürtel; auf dem Kopf ein breitrandiger Strohhut mit braunem Band; über dem Arm lose ein Tuch. Ihre Tr?nen brachen hervor. "Edvard!" rief sie verzweifelt; weiter kam sie nicht....

... Denn er hatte den Koffer fallen lassen und sich hoch emporgerichtet; eine Stimme, die in zwei Oktaven zu klingen schien, sagte: "Nie verzeihe ich Dir, Josefine!" "Edvard - so la? mich doch erkl?ren ... -" Sie wandte sich dem Haus zu, voll Angst und Verzweiflung, so streng sah er aus. Er glaubte, sie wolle hineingehen.

"... Nie kommst Du über diese Schwelle!" Und er stemmte die H?nde in die Seiten, als wolle er Wache halten.

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