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   Chapter 14 14

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 38357

Updated: 2017-11-30 00:02


Schon einige Tage vor dem Sonntag, da es den Kampf um die Erziehung des kleinen Edvard gab, hatte der Junge gehustet. Abends ging es ihm gar nicht gut, so da? er das Zimmer hüten mu?te.

Nach einigen Tagen durfte er wieder hinaus und schien auch leidlich wohl zu sein; doch eines Abends war er wieder fiebrig und verdrie?lich und hatte einen trockenen Husten. Die folgenden Tage mu?te er wieder das Haus hüten. Weil er an die frische Luft gew?hnt war, wurde er weinerlich und verlor den Appetit; Josefine hatte viel Mühe mit ihm und wurde zuletzt streng. Der Junge jammerte - er wolle zur Gro?mutter! Das durfte er nicht. Als jedoch die Gro?mutter zu ihm herüberkam, war er eigensinnig und lief zum Vater. Von dort kam er weinend zurück: der Vater hatte ihm nicht erlaubt, die Bücher aus den untersten F?chern herauszunehmen und H?user damit zu bauen.

Er wurde ins Bett gesteckt, hei?, aufgeregt; dabei klagte er über Stiche auf der rechten Seite der Brust beim Husten; nachts hatte er Fieberanf?lle und phantasierte: Kristen Larssen lief mit einem gro?en Sack hinter den Jungens her und wollte sie in die H?lle schleppen.

Josefine doktorte mit Terpentinumschl?gen an ihm herum; aber am Morgen, als der Pastor heraufkam, bat sie ihn, nach dem Arzt zu schicken.

Kent war ihr Hausarzt; er konnte erst gegen Abend vorsprechen, und da konstatierte er, da? der Junge eine Brustfellentzündung auf der rechten Seite hatte. Was Josefine angewandt hatte, war ganz richtig gewesen; er selber verordnete Di?t und alle zwei Stunden eine Medizin und sagte, wenn die Temperatur 39 Grad übersteige, solle man ihn rufen lassen.

In den folgenden Tagen besserte sich das Befinden des Jungen; er a? und hustete weniger; Temperatur abends nie mehr als 38 Grad. Gott sei Dank!

So gering auch die Gefahr gewesen war - Tuft und Josefine hatten beide das Gefühl, als lege sich eine unsichtbare Hand mit leisem Druck auf ihre Schultern. Sie wandten sich ganz allm?hlich einander wieder zu und suchten Gelegenheit, miteinander zu sprechen - freilich nur über den Zustand des Kindes; aber durch Stimme und Wesen klang es wie eine Bitte um Verzeihung.

Der Husten und der Schmerz in der Seite lie?en nach; das Befinden des Jungen besserte sich scheinbar; aber der Appetit wollte nicht recht kommen, das Fieber wollte nicht ganz weichen, und so nahmen auch die Kr?fte nicht zu. Man kaufte ihm neue Spielsachen, die ihm einen Tag lang Spa? machten und ihn am n?chsten schon langweilten. Die M?rchen, die Vater und Mutter ihm abwechslungsweise erz?hlten, h?rte er an, ohne dazwischenzufragen; den Besuch der Gro?mutter beachtete er gar nicht. Einmal war er pl?tzlich ganz hei?, dann fror er wieder. Am meisten beunruhigte es Kent, da? gegen Abend die Temperatur immer stieg; er fing an, Chinin zu geben, und legte eine spanische Fliege. Josefine wich nicht vom Bett und wollte von Abl?sung nichts wissen; der Junge duldete auch nicht, da? andere ihm nahe kamen.

Aber es wurde besser, und eines Abends, als sie die Temperatur gemessen hatten, sagte der Pastor: "Ich glaube, wir kommen mit dem Schreck davon, Josefine!" Sie sah ihn an; er streckte seine Hand aus; sie legte die ihre flüchtig hinein, schien sich aber dessen zu sch?men und zog sie gleich wieder zurück.

Doktor Kent hatte ihnen erz?hlt, Frau Kallem sei schwer krank und verlasse ihr Zimmer im Oberstock nicht mehr. Von anderer Seite h?rten sie sp?ter, es sei Schwindsucht; sie fragten - jeder für sich - Doktor Kent; und er sagte, es sei sogar galoppierende Schwindsucht.

Josefine gegenüber erw?hnte der Pastor nichts; aber zu Kent ?u?erte er, es sei jedenfalls ein Glück für seinen Schwager; vielleicht werde er jetzt ein freier Mann und würde die Schwingen regen.

Josefine hatte eine andere Auffassung; das sah er daran, da? sie sich v?llig in sich selbst zurückzog. Kaum, da? er dann und wann ein paar Worte von ihr zu h?ren bekam.

Eines Nachmittags, lange Zeit nachher, als sie auf ihrem Bett lag und nachsann, wie ihr Bruder Ragnis Tod ertragen würde, sah sie ihn pl?tzlich. Sie dachte sich erst nichts dabei; aber das Bild wurde seltsam deutlich. Sie sah ihn, so lang er war - auf dem Sofa seines Studierzimmers liegen, sie sah den ganzen Raum, die Gardinen, die Bücherregale, die Bücher, den Schreibtisch, die zwei Tische, einen gro?en Lehnsessel, verschiedene aufgeschlagene Bücher, beschriebene Papiere bogenweise nebeneinander, ... alles sah sie, jedes Blatt, jeden Buchstaben, - und ihn selber, in einem braunen Anzug, den sie nicht kannte. Und dabei war sie nie in dem Studierzimmer gewesen, seit es m?bliert war, und hatte die M?bel nie gesehen, auch nicht die Gardinen, die Teppiche; aber sie zweifelte keinen Augenblick, da? es genau so war, wie sie es sah. Zu jeder andern Zeit würde das einen seltsamen Eindruck auf sie gemacht haben; aber jetzt wurde alles verdr?ngt durch sein Aussehen. Er war so ganz verzehrt von Kummer! Je genauer sie ihn ansah, desto schlimmer wurde es. In einer solchen Verzweiflung sah sie ihn, da? es sie packte, wie nichts in ihrem Leben, nicht einmal des Vaters Tod sie gepackt hatte. Sie sah, wie er sich herumwarf und laut aufweinte, sah, wie er die H?nde zusammengekrampft vors Gesicht hielt, sah zuletzt blo? noch ihn, den Jammer dieser Augen unter der Brille und den buschigen Brauen, und eine gro?e ?de um ihn her. In kaltem Schwei? gebadet, wachte sie auf, so matt, da? sie kein Glied rühren konnte. Fortan lebte sie wie unter dem Druck einer unklaren Angst, die ihr den Schlaf raubte. Galt es ihrem Bruder oder ihrem Kinde? Dort neben ihr lag der kleine Edvard, atemlos, hustend, wie ein schon weit Entfernter. Seine hohe Stirn schien unbewohnt; seine Augen sahen ins Leere; seine H?nde - das waren nicht mehr die derben Bubenf?ustchen, nicht mehr lebendig.... Zuweilen stürzte sie an sein Bettchen, blo? um ihn wieder zu haben, und war's auch nur in einem flüchtigen Blick! Ja, ja ... da war er! Aber ... Gott im Himmel! - Wenn sie ihn hergeben mu?te? Und in diesem Leid fühlte sie den Schmerz des Bruders mit, fühlte sich eins mit ihm. Das Schicksal des Jungen verknüpfte sich ihr mit dem Schicksal Ragnis. In wachen N?chten und bangen Tagen fl?ssen die beiden so unaufl?slich ineinander, da? sie beide für sie eins wurden.

Bisher war ihr Gottesgefühl eigentlich nur Freiheitsdrang und eine nie versagende Wahrheitsliebe gewesen. In der Angst wurde es ihr zum Schicksal, zum unbeugsamen, mystischen Schicksal. Alles erschreckte sie; sie sah in allem Zeichen und Vorbedeutungen. Der Junge schien nur auf der kranken Seite liegen zu k?nnen; sonst schmerzte es ihn so, da? er laut jammerte, ... und jedesmal, wenn sie ihm dabei helfen mu?te, kam ihr das ganz unbegreiflich vor. Sie schob ihm Luftkissen unter; seine einzige Antwort bestand in herzzerrei?enden Bitten, sie m?ge ihn doch ruhig liegen lassen. Sie wu?te nicht mehr, was richtig war und was falsch. Nicht einmal an seine Beine durfte sie mehr rühren; er zog die Knie herauf, das eine über das andere ... lauter unerkl?rliche Einf?lle, durch die sie sich g?nzlich überflüssig oder sogar l?stig vorkommen mu?te. Ob das bedeutete, da? sie sich an den Gedanken gew?hnen mu?te, da? sie im Grund ganz überflüssig war?

Schlie?lich mu?te sie das ja aufreiben. Schon die Angst vom einenmal zum andern, wenn sie ihn anrühren mu?te, w?re genug gewesen. Aber die Gedanken, die dabei mit unterliefen, machten sie geradezu verrückt. Sprechen konnte sie mit niemand darüber. Die Sache mit den Beinen haupts?chlich kam ihr so ganz mystisch-widersinnig vor, da? sie sich f?rmlich ?ngstigte vor ihrem Jungen; er geh?rte nicht mehr ihr. Erst sp?ter, und ganz zuf?llig, entdeckte sie eine Anschwellung um die Kn?chel. Das - so hatte sie immer geh?rt - war der Anfang vom Ende. Sie vermochte sich kaum die Treppe hinunterzuschleppen ins Studierzimmer, wo der Pastor in einer Rauchwolke sa?. Er sah sie, bleich, entsetzt in ihrem Nachtkleid vor sich stehen. "Was ist denn, Du?" Er h?rte ihren Bericht, ging mit ihr hinauf, sah ebenfalls die Schwellungen, fiel vor dem Bett auf die Knie, den Kopf in die H?nde gedrückt: er betete. Die kurzen, hastigen Atemzüge des Kleinen, die gl?nzenden und doch g?nzlich gleichgültigen Augen, mit denen er seinen Vater ansah, - das schrie f?rmlich zu ihr über des Vaters Kopf weg. Auch sie h?tte beten m?gen; aber im selben Augenblick schob der Junge den Vater mit der Hand weg; der Tabakgeruch st?rte ihn. Und damit schob er sie weg vom Gebet.

Doktor Kents ruhiges L?cheln, sein stilles, bestimmtes Urteil, da? die Krankheit noch dieselbe sei wie damals, als er zuerst die Entzündung entdeckt hatte, da? nichts Schlimmeres hinzugekommen sei, und die Anschwellung sicher nur von der unglücklichen Lage der Knie herrühre, erleichterte sie beide so, da? Josefine vor Freude weinte. Die Untersuchung des Urins best?tigte seine Diagnose.

In dieser Nacht schlief Josefine wieder besser als seit langer Zeit; trotzdem fühlte sie sich matter als vorher.

Wieder verging eine Zeit; da kamen eines Abends der Pastor und Doktor Kent mit einer gewissen Feierlichkeit herauf. Josefine lag in den Kleidern auf dem Bett und richtete sich empor, um aufzustehen; aber Kent und der Pastor baten sie, sich wieder hinzulegen. Doktor Kent erz?hlte, gestern sei Frau Kallem gestorben. Beide M?nner blickten Josefine an; sie schlo? die Augen. Eine Weile tiefes Schweigen. Als aber mehrmals ein Zucken über ihr Gesicht lief, sagte Tuft hastig: "Unter diesen Umst?nden ist es für Edvard nur gut, Josefine. Natürlich geht es ihm jetzt nahe; aber sp?ter wird alles gut werden. Er wird daran wachsen." Josefine wandte den Kopf ab. Ihre Augen blieben geschlossen; aber dann brachen die Tr?nen hervor.

Im selben Augenblick fühlte er, was er da gesagt hatte, war etwas Eingelerntes; ja, er hatte sich einer Roheit schuldig gemacht. W?hrend der Krankheit seines Jungen, im angsterfüllten Zusammenleben dieser letzten Zeit war er ein anderer geworden. Diese Worte aus einem früheren Dasein - eben weil sie in dieser Stunde fielen, auf ihren brennenden Schmerz hin - weil sie über ihrem eigenen kranken Kind fielen - gewannen selbst?ndiges Leben, wurden ihm zu einem stummen Gefolge - "Sendboten Gottes".

Bis diese Worte fielen, hatte Josefine in der Stille mitgebetet, wenn der Pastor betete; nun tat sie es nicht mehr. Sie hatte dasselbe Gefühl, wie in der ersten Zeit ihrer Ehe, wenn er so ma?los war und doch zugleich von ihr forderte, da? sie mit ihm fromme Lieder singen solle. Damals hatte er nichts gemerkt; heute fühlte er es sogleich. Aber gerade darum verlangte ihn nach einer Gemeinschaft, vor allem im Gebet für sein krankes Kind. Er wandte sich an die Freunde der Betstunde; deren war er sicher. Die ganze schmerzliche Abrechnung dieser Tage, das Zittern um das Leben des Kindes, seine freudlose, wunde Liebe, all das wirkte zusammen zu einer starken Erschütterung. Er bat sie alle, mit ihm zu beten, er stürmte Gottes Barmherzigkeit; wenn er nur einer h?heren Gemeinschaft mit Gott würdig befunden wurde, so war die Prüfung nicht zu hart.

Er leuchtete von Glaubenskraft, als er nach Hause kam und berichtete. Wenn das St?rkste in ihm einmal aufwachte, so war er wie kaum ein anderer; aber es kam so selten dazu.

Josefines Zustand wurde besorgniserregend. Frische Luft und regelm??igen Schlaf entbehren, Woche um Woche, - den Appetit verlieren durch die unaufh?rliche Spannung - das war fast genug, um selbst kerngesunde Naturen wie die ihre zu brechen. Tuft sprach heimlich mit Kent darüber; aber es war nichts zu machen, wenn sie nicht selber wollte.

W?hrend er jede ihrer Bewegungen überwachte, mu?te er ihr, gegen seinen Willen, eines Tages mitteilen, da? Ragni nicht hier, sondern im Friedhof des Nachbardorfs beerdigt werden sollte. Darin offenbarte sich doch des Schwagers Groll, ja Abscheu auf die denkbar st?rkste Weise. Zweifellos war dieser Entschlu? gegen die Gesellschaft im allgemeinen, am meisten aber gegen sie beide gerichtet.

Was Josefine fühlte, erfuhr Tuft nicht; ihm selbst ging es nahe. Ein einziges Mal verriet sie, wie ungeduldig sie geworden war. Er hatte sich über den Jungen gebeugt und kam ihm dabei etwas zu nah; Edvard st?hnte und schob ihn mit der Hand von sich. "So la? doch das ewige Rauchen!" sagte sie erbittert. Er wandte sich nach ihr um: "Das werd' ich auch!" antwortete er sanft. Als er sich dann wieder aufrichtete, fügte er bekümmert hinzu: "Heute steht es nicht gut mit ihm!" - "Nein", erwiderte sie still; die Art, wie er das aufgenommen hatte, besch?mte sie.

Der Doktor wurde geholt. Er war an diese pl?tzlichen Botschaften gew?hnt, daher nahm er sie mit Ruhe auf, und er besa? die unsch?tzbare Gabe, diese Ruhe auch andern mitzuteilen. Sofort schien es den Eltern, als esse der Junge mit mehr Appetit und sei freundlicher gegen die Gro?mutter. Viermal am Tag kam sie herüber, und die Art, wie er sie empfing, galt als Barometer.

Die Gro?mutter war oben im Krankenhaus gewesen und hatte von dort Kallem und Karl Meek mit Ragnis Leiche wegfahren sehen. Der Sarg war wei? und stand auf einem schwarzen Schlitten; vorn neben dem Kutscher sa? Sigrid; Kallem und Karl fuhren in einem Breitschlitten hinterdrein. Das war das ganze Gefolge.

Der Bericht über Ragnis letzte Fahrt kam ihnen überraschend. Und da? Karl Meek dabei gewesen war, er ganz allein! Bedeutete das, Kallem hege keinen Argwohn gegen ihn? Oder, was wahrscheinlicher war: er habe vergeben? Wollte vielleicht die Tatsache bem?nteln und ihr so diesen letzten Dienst erweisen? Wer doch auch so gut sein k?nnte!

In der Nacht darauf kam Josefine zu ihrem Mann herunter, als er schon schlief. Ihr Haarknoten hatte sich gel?st; mit dem gro?en, hohl?ugigen Gesicht, von dem das schwarze Haar abstand, den Augen, die starr über die Lampe wegstierten, die sie trug, sah sie aus wie eine Besessene oder eine Nachtwandlerin. Er richtete sich im Bett auf und wollte aufstehen. Sie hielt ihn mit der Hand zurück und sagte eint?nig: "Ich mu? mit Dir reden, Ole; ich kann nicht schlafen. Diese Frau, die Frau meines Bruders, wird uns unsern Jungen nehmen."

Er fühlte, wie ihm alles Blut zum Herzen str?mte. "Was sagst Du da?" flüsterte er.

"Wir sind zu hart gewesen, wir beide. Jetzt müssen wir bezahlen; und mit weniger begnügt sie sich nicht." - "Liebste Josefine, Du bist ja ganz au?er Dir. Wir wollen uns doch nach Hilfe umsehen ...!" Und er sprang aus dem Bett. - "Ja, Hilfe suche ich! Alle, die beten k?nnen, müssen mir jetzt beistehen! H?rst Du, Ole!"

"Aber liebste ...!"

"Oder glaubst Du nicht, da? Ihr st?rker seid als diese Frau? Glaubst Du es nicht? Neulich bist Du so freudig aus der Betstunde heimgekommen - ach, Du kennst die Leute ja, ... rufe sie, sie sollen kommen, - h?rst Du, Ole!" Und sie fing zu jammern und zu weinen an. "Es ist doch Christenpflicht, uns zu helfen! Sie dürfen es doch nicht ruhig mit ansehen, da? sie ihn uns nimmt!" Die Stimme klang in einem langen Klageton aus. Er sa? auf dem Bettrand; die Unterkleider hatte er angezogen, hielt aber nun, die Hosen in der Hand, inne. "Liebe, Liebste, so glaub' doch nur - Gott hat die Macht, und kein anderer! Du bist krank, Josefine!" - Er war voll Sorge und Liebe und eilte, sich fertig anzukleiden. "Du holst sie, nicht wahr?" sagte sie erfreut und stellte die Lampe hin. "Ich wu?te es ja! Ich danke Dir! Sei heilig versichert, Ole - es eilt!" Er zog sich rasch weiter an, sagte aber: "Du wei?t, Josefine, wir müssen vorsichtig sein, wenn wir für nicht-geistliche Dinge beten!" Das machte sie unruhig; sie streckte die H?nde nach ihm aus. Alles an ihr war lose und offen, die ?rmel glitten zurück - unglaublich mager war sie geworden! Eine gro?e Angst überfiel ihn. Ihr wildes Aussehen, die fieberkranke Sprache, die abgezehrte Gestalt.... "Um Gotteswillen, Josefine, Du darfst nicht alles so aufs Gebet setzen! Du k?nntest darüber zusammenbrechen, so, wie Du jetzt bist...." - "Glaubst Du denn nicht, Ole?" Es entfuhr ihr wie ein Blitz. "Doch, doch! Aber wenn nun Gottes Wille nicht der unsere ist, Kind?" - Die schmerzliche Erinnerung an Andersens Sterbebett stieg in ihm auf. "Du betest um nicht mehr und nicht weniger als um ein Wunder!" - "Ja. Natürlich! Selbstverst?ndlich! Um was beten wir denn sonst?" - "Wir beten, um Gemeinschaft zu finden mit Gott, Josefine. Wenigstens darum bete ich. Dann ist alles gut; dann ist meine Seele gest?rkt - und ich bedarf dessen oft so sehr!" - "Gottes Herz erweichen, so steht es geschrieben. Steht es nicht geschrieben? Gottes Herz erweichen! H?rst Du, Ole! Gottes Herz erweichen? So antworte doch!" - Er war vor dem Ofen niedergekniet, in der einen Hand ein Holzscheit, in der andern ein Messer; er wollte Feuer anmachen; sie war so leicht bekleidet. Aber jetzt hielt er inne und sah sie voll Trauer an: "Um ein Wunder beten - das darf ich nicht, Josefine! Ich bin dessen nicht würdig!" Und w?hrend er das sagte, wuchs es in ihm, und eh' er es wu?te, war er so erregt, da? er das, was er in H?nden hielt, fallen lassen mu?te, um sein Gesicht zu bedecken. Als er aber wieder aufsah, sprang er in die H?he; wenn sie in ihrem Scho? das kostbarste Porzellan gehalten und es h?tte fallen lassen, da? es in tausend Stücke zersprang - sie h?tte nicht anders dastehen k?nnen - starr, von Entsetzen gel?hmt, die H?nde ausgestreckt über dem, was ihr entglitten, die Augen auf ihn geheftet, der Sinne beraubt, als müsse sie auf der Stelle umsinken. Aber das geschah nicht; denn als er sie anfa?te, erwachte sie, fa?te sich sofort und sagte rasch ohne übergang: "Dann müssen wir nach meinem Bruder schicken! Dann kann nur er sie bewegen, von dem Jungen abzulassen!" Diese Worte, aus diesem wunderlichen Gedankengang geboren, klangen ihm wie eine Eingebung. Tausendmal hatte er dasselbe gedacht; der Fall mit dem Oberst hatte schon den Wunsch in ihm erweckt, viele hatten es ihm geraten. Aber bis jetzt hatte er sich immer gesch?mt.

Ein paar Minuten sp?ter war er auf dem Weg zu Doktor Kent, der zuerst gefragt werden mu?te.

Eine klare, kalte Nacht, der Weg vom Tag aufgeweicht, in der Nacht gefroren, so da? Tuft aufpassen mu?te - dazu die Gedanken, die ihn hetzten - es war schwierig genug. Was wurde aus den Dogmen der Bibel, von Sch?pfung, Sündenfall und all dem andern - was war es wert, wenn der Tod anklopfte? Was war dann Nummer eins und was Nummer zwanzig?

In Kents Haus wollte niemand wach werden; er klingelte und klingelte, ohne selber den Klang der Glocke zu h?ren; sie mu?te abgestellt sein. Er fing an, gegen die Tür zu donnern; es klang hart und hohl; und ihm, der an den Tod dachte, war, als klopfe der an; es war ja auch so! Endlich kam, etwas verdrossen, ein M?dchen; als sie jedoch sah, da? es der Pastor war, ging sie, um Doktor Kent zu benachrichtigen. Der geduldige Kent erschien, hie? ihn eintreten und h?rte ihn an. Mit Freuden wolle er zu Kallem gehen; h?tte er nur gewu?t, ob es tunlich sei, so h?tte er es schon l?ngst getan.

Josefine war oben bei dem Jungen, als Tuft zurückkam; sie verstand ihn nicht richtig und glaubte, ihr Bruder werde sogleich kommen; und als er um sieben, um acht, um neun noch nicht da war, fürchtete sie, er wolle nicht, und geriet v?llig au?er sich; der Pastor mu?te sich wieder au

f den Weg machen. Kent war nicht gleich zu finden, gab aber Bescheid, Kallem und er würden Punkt elf Uhr kommen. Sie kamen auch; aber da war der Pastor eben abgerufen worden, so da? niemand zu ihrem Empfange da war. Kallem hatte seinen Fu? nicht mehr auf diese Treppe gesetzt seit dem Tag und der Stunde, da er die Stadt betreten hatte.

Wenn man sich nach etwas sehnt, geht es einem leicht wie jetzt Josefinen: seit der Nacht war der Bruder st?ndig in ihren Gedanken gewesen; als er nun aber mit Kent endlich über die dicken L?ufer die Treppe heraufkam, dachte sie nicht an ihn. Sie stand gerade über den Jungen gebeugt und gab ihm zu trinken; als es klopfte, schrak sie auf und die Stimme versagte ihr. Die Tür wurde trotzdem ge?ffnet; Kent lie? Kallem zuerst eintreten.

Ein leiser Schrei t?nte ihm entgegen. Fast h?tte sie zu Boden fallen lassen, was sie in der Hand hielt. Wie sah er aus! Das war der Tod selbst, der da eintrat, kn?chern, schneidend scharf, - nicht um zu helfen, sondern um über ihr Kind das Urteil zu sprechen; das fühlte sie sofort.

Kurz, erbarmungslos sah er sie an, ohne einen Funken Mitgefühl, obwohl auch sie von Kummer mitgenommen war. Als er n?her gekommen, blickte er auf den Knaben; und fortan existierte sie nicht mehr für ihn. Sie trat auch ganz von selbst beiseite. Kent kam auf sie zu und begrü?te sie freundlich; dann ging er zu Kallem zurück. Und jetzt ging es wie gew?hnlich - wie es Kallem selbst neulich mit Doktor Meek gegangen war: Kent sah das Kind auf einmal mit andern Augen, mit Kallems Augen; das Aussehen des Jungen wurde pl?tzlich ein ganz anderes und erschreckte ihn aufs tiefste. Was er bisher weit von sich gewiesen hatte - jetzt dr?ngte es sich ihm von selbst auf: "Empyème?" flüsterte er auf franz?sisch Kallem zu. Der antwortete nicht, trat nur n?her, fühlte des Knaben leichten, schwachen Puls, beklopfte leise die Brust, horchte auf die hastigen Atemzüge, besah sich die Temperaturliste und den letzten Auswurf des Jungen. Darauf eine kurze Beratung der ?rzte; Josefine h?rte jeden Laut, obwohl sie ein ganzes Stück entfernt, auf der andern Seite des Bettes stand - das Bett des Jungen war da, wo früher das des Vaters gestanden hatte. - Aber sie begriff die technischen Ausdrücke und darum auch deren Bedeutung nicht. Irgend etwas unerh?rt Entsetzliches war es; das fühlte sie; ihre H?nde krampften sich unter der Brust zusammen, w?hrend ihre Augen von einem zum andern wanderten. Endlich machte Kent ein paar Schritte auf sie zu. Er wolle nur fragen, ob sie erlaube, da? man eine nadelfeine Spritzenspitze in die Brusth?hle einführe? "Eine Operation?" flüsterte sie und mu?te sich stützen.

"Das werden wir dann sehen", erwiderte er ebenso leise. Sie sank auf einen Stuhl. Ihr Bruder wartete die Antwort nicht ab, sondern zog seine Verbandtasche hervor, nahm daraus etwas Blankes, Dünnes, Langes und beugte sich damit über den Jungen. Mehr sah sie nicht, dachte auch nichts mehr -, sie fühlte blo? noch eins: nicht nachgeben! Sie h?rte den Jungen jammern und "Mutter" rufen - angstvoll, immer wieder; aber sie konnte nicht aufstehen, sie getraute sich nicht aufzustehen. Dann h?rte sie Kent sagen: "So, jetzt ist's vorbei, Jungchen!" Aber was vorbei war, das sah sie nicht.

Der Kleine jammerte und jammerte: die Mutter solle wieder zu ihm kommen. Sie versuchte es ein paarmal; aber es ging nicht; der Bruder drückte sie immer wieder in den Sessel nieder, trotzdem er sie überhaupt nicht ansah.

Dann ging die Tür. Er war fort; und sie atmete auf. Kent trat auf sie zu, mild, teilnahmvoll: "Es ist eine Operation n?tig, Frau Pastor!" flüsterte er. "Wozu denn?" Sie wu?te ja, es nützte doch nichts; sie hatte es in ihres Bruders Gesicht gelesen. "Weil wir alles versuchen müssen", erwiderte Kent. Der Junge bat jetzt im kl?glichsten Ton die Mutter, sie m?ge zu ihm kommen. "Ich komme schon!" Sie kniete bei ihm nieder und brach in Tr?nen aus. "Es hat so weh getan!" klagte er. Ach, wenn sie h?tte antworten k?nnen: "damit Du gesund wirst und wieder aufstehen kannst!" Aber nicht einmal Kent wagte das. Sie suchte nach Mut, um die Operation zu verbieten; aber sie wagte es ihrem Bruder gegenüber nicht. Kent wartete; das fühlte sie zuletzt und sah ihn verzweifelt an. Er beugte sich zu ihr hinab: "Ihr Bruder schickt gew?hnlich jemand von seinen Leuten vorher zum Desinfizieren und Vorbereiten", sagte er leise. "Heute schon?" flüsterte sie und schluchzte bitterlich. "Nein, aber mit dem Reinmachen und Auslüften mu? jedenfalls heute begonnen werden. Die angrenzenden Zimmer müssen wir auch dazu nehmen." Sie hatte ihren Kopf wieder neben den ihres Jungen gelegt und antwortete nicht; sie h?rte ihn weggehen.

Als der Pastor nach Hause kam, eilte er gleich ins Krankenzimmer hinauf und war nicht wenig verwundert, dort die Gro?mutter und - Sissel Aune zu finden. Die letztere hielt Wacht bei dem Jungen, der ?u?erst empfindlich war und niemand als die Mutter um sich dulden wollte; auch den Vater nicht; der roch noch immer nach Tabak; obgleich er das Rauchen aufgesteckt hatte. Der Pastor fand Josefine im Studierzimmer auf dem Sofa, verzweifelt, aufgel?st; sie stammelte zusammenhangslose Worte: "Das Todesurteil!" antwortete sie fast auf alles, was er sagte.

Am Nachmittag kam eine Krankenhausschwester und übernahm die Aufsicht; mit ihr rückten neue Leute ein; das ganze Haus war in der Gewalt Fremder. Das Scheuern klang wie das Hobeln der Sargbretter. Die Dienstm?dchen kummervoll; die Gro?mutter in Tr?nen; und als das Bett des Kindes in ein anderes Zimmer getragen wurde und sie die Tritte der Tr?ger h?rten, sa?en die Eltern Hand in Hand und zitterten.

Wenn jetzt jemand gesagt h?tte: "Es ist gut für die Eltern, wenn der Junge stirbt. Freilich, jetzt sehen sie das noch nicht ein; aber sie werden daran wachsen!" Wenn jemand die Roheit h?tte, ihnen so etwas zu sagen! Tuft mu?te mit Josefine darüber sprechen, mu?te ihr bekennen, was seine eigenen Worte in ihm bewirkt hatten. Sie drückte ihm stumm die Hand.

Abends, als wieder Ruhe im Hause war, waren beide oben beim Jungen, und beiden war es, als habe der Tod ihn schon gezeichnet. Die Hand der Mutter in der seinen schlief er ein; dann führte Tuft sie sanft hinweg. Es war ihr jetzt nur willkommen, da? jemand sie führte; infolge der vielen Um?nderungen im Hause war auch ein zweites Bett im Fremdenzimmer aufgeschlagen worden.

Am n?chsten Tag sa?en die Eltern von früh an bei dem Kleinen. Sobald sie weg waren, sollte er in sein ehemaliges Zimmer geschafft werden; dort war alles zur Operation bereit. Um zehn Uhr kamen die ?rzte. Josefine lag auf dem Sofa im Studierzimmer. Als sie die M?nner kommen h?rte, hielt sie sich die Ohren zu; die Teppiche waren fortgenommen, so da? man das leiseste Stiefelknarren h?rte. Sie lie? sich nicht tr?sten, lie? sich nicht zureden, verfiel wieder in den halbbesinnungslosen Zustand, in dem sie schon einmal gewesen war; sie wollte um jeden Preis hinauf zu dem Jungen; er konnte ihnen ja unter den H?nden sterben. Der Pastor h?tte gern mit den ?rzten gesprochen; aber sie h?ngte sich an ihn: sie wollte mit. So blieb er unten. Wenn irgend jemand oben einen Fu? rührte, so wu?te sie gleich, wer es war; bewegten beide ?rzte sich zu gleicher Zeit, dann ging etwas Besonderes vor; dann krümmte sie sich und sa? in sich zusammengekauert da, die H?nde vor den Ohren. In ein anderes Zimmer wollte sie sich nicht bringen lassen; hier wollte sie bleiben, und Qualen erleiden. Manchmal, wenn sie sich halb zu Tode gehetzt hatte, flüchtete sie zu Tuft, wie zu einem stillen Hafen; "hilf mir!" flüsterte sie; es ginge um ihren Verstand, um ihr Leben; immer habe sie gewu?t, da? es einmal ein jammervolles Ende mit ihr nehmen würde.

Tuft bewog sie endlich, sich aufs Sofa hinzulegen und sich kalte Umschl?ge machen zu lassen; er bat sie so innig, und seine Liebe war so stark, da? sie ihr einen Halt gab. "Danke, Ole, danke!" Darnach wurde sie still.

"Er schreit!" rief sie pl?tzlich und setzte sich auf; sie wollte hinauf. Der Pastor beteuerte, er h?re nichts; aber im selben Augenblick h?rten sie es beide. "Ja, ja!" rief sie und wollte hinauf. Tuft umschlang sie mit beiden Armen, bat und beschwor. Und wieder wurde sie still. Von oben kam kein Laut mehr jetzt.

Oben ging alles schnell. Auf Kallems Verantwortung wurde der Junge chloroformiert, und das Schreien, das die Eltern geh?rt hatten, galt der Flanellmaske, die Kent ihm vors Gesicht hielt. Der Junge schob sie weg; er meinte, er müsse ersticken. "Mutter! Mutter!" Aber bald schlief er ein. Die Gro?mutter sa? in einem frischgewaschenen Kleid auf der andern Seite am Kopfende und hielt seine Hand; sie zitterte, die Alte. Aber sie sa? da, und sie wollte da sitzen bleiben, bis alles zu Ende war. Niemand hatte sie darum gebeten; aber sie hatte ihren Gott darum gebeten. Sobald der Junge eingeschl?fert war, forderte Kallem sie jedoch h?flich auf, zu gehen. Langsam und stumm entfernte sie sich.

Nun gings ans Werk. Zwischen den Rippen auf der rechten Seite wurde ein acht Zentimeter tiefer Einschnitt gemacht. Mit stumpfen Instrumenten bohrte Kallem tief hinein, kam bis an den Rippenrand und s?gte ein kleines Stück heraus; der Eiter str?mte aus der Wunde.

In diesem Augenblick wurden alle von einem wilden Schrei im Hintergrund aufgeschreckt. Josefine hatte blitzschnell die Tür aufgerissen, sah die wei?en Operationsm?ntel, sah Kallem voller Blut in der Brust ihres Kindes wühlen, - und stürzte kopfüber zu Boden.

"War die Tür nicht abgeschlossen?" fragte Kallem. Sissel kam von innen gelaufen, der Pastor von au?en, und zusammen trugen sie sie hinaus. "Achten Sie auf den Puls!" wurde der Diakonissin zugeflüstert. "Und schlie?en Sie die Tür zu!" - "Und Sissel -?" - "Mu? drau?en bleiben!"

Man h?rte Josefine bald darauf an der Tür; aber niemand achtete ihrer. Eine Drainr?hre wurde in die Brusth?hle eingeführt, diese wurde ausgespritzt und vorsichtig ein Gazeverband darum gelegt. Die R?hre mu?te ein paar Tage liegen bleiben und die Zimmertemperatur gleichm??ig auf 15 Grad gehalten werden. Bald darauf zog Kallem sich samt seinen Instrumenten ins n?chste Zimmer zurück und war verschwunden, bevor noch irgend jemand, der nicht der Operation beigewohnt hatte, wu?te, da? er fertig war.

Die Gro?mutter, die ?rmste, war wieder hinaufgegangen, um an der Tür zu horchen, als Sissel, die jetzt im Zimmer war, ?ffnete und etwas unter der Schürze davontrug. Im Vorbeigehen erz?hlte sie schnell, es sei alles vorüber. Die Gro?mutter wagte sich hinein; aber als sie das blasse Kind sah, verlor sie alle Herrschaft über sich selbst; sie ging schnell wieder hinaus und erreichte ihr Haus mit Mühe und Not.

Dieses Petrefakt von der Meeresküste, pietistisch plattgedrückt, in die Nordwand des Hauses eingemauert, war für gew?hnlich g?nzlich unzug?nglich; der einzige Mensch, mit dem sie eine Art Gemeinschaft zu haben schien, war der Knabe. Ihr ganzes Haus war seine Spielstube; alles, was er nur wollte, durfte er ihr hineinschleppen; sie schleppte es wieder hinaus; sie hatte ja nichts anderes zu tun, als hinter ihm her aufzur?umen. Man h?tte denken sollen, er mü?te deswegen an ihr h?ngen; aber es war eigen: seit er krank war, mochte er die Gro?mutter gar nicht mehr sehen. Das klare Wesen der Mutter hatte, bei aller Strenge, seine Phantasie gefangen genommen; die Nachgiebigkeit der Gro?mutter, mit all ihrer Hinterh?ltigkeit und ihren Verboten, mit all den Gebeten, die er auswendig lernen sollte, und all den biblischen Geschichten, die er nicht verstand, hatte ihn gequ?lt. Nun er matt und krank war, durfte sie überhaupt nicht mehr reden. Ein Jammer ist es mit diesen alten Leuten! Auch ihr Sohn vernachl?ssigte sie, seit Josefine wieder zug?nglicher war. W?re nicht die Diakonissin gekommen - die Operation w?re vielleicht vor sich gegangen, ohne da? die Alte darum gewu?t h?tte.

Einige Stunden sp?ter schlich sie sich wieder hinauf, lauschte drau?en, h?rte nichts, dachte, es sei vorbei und wagte sich hinein. Sissel sa? da und nickte; aber sie sah gleich auf. "Lebt er?" fragte die Gro?mutter. "Ja", antwortete Sissel, nur ebenso laut, da? man es h?rte; gr??er schien auch ihre Hoffnung kaum. Die Gro?mutter konnte nicht mehr; sie ging. Aber schon etliche Stunden darauf war sie wieder da. Er lebte noch immer. Diesmal hatte sie ihre Brille mitgebracht und ein altes, liebes Buch; Sissel konnte schlafen; sie würde hier sitzen bleiben, bis es zu Ende war. Sissel sagte ihr, was zu tun sei, und legte sich dann auf Josefines Bett.

Erst um sechs Uhr abends streckte der Pastor den Kopf zur Tür herein. Erst jetzt wagte er, Josefine auf einen Augenblick zu verlassen. Er sah seine Mutter dasitzen, mit ihrer Brille und der alten Postille; er trat n?her und forschte in ihrem Antlitz wie in einer Schrift: "Er lebt!" las er darin. Sie nickte, wie vorhin Sissel, - im selben Sinne. Vor dem leichenblassen, schlafenden, schlaffen Gesicht des Jungen schauderte er zurück und ging.

Ganz, ganz still war das Haus. In der Küche, die abseits lag, h?rte man leise reden; überall waren die Türangeln ge?lt, überall lagen wieder L?ufer und Teppiche. Allstündlich kam der Pastor, immer auf den Zehenspitzen; und immer derselbe Bescheid: bis jetzt lebe er noch. Alle kamen und gingen, lautlos, als wandelten Gespenster. In dem Fremdenzimmer, wo Josefine lag, und in seiner N?he gab es keine Worte mehr, nur noch Zeichen.

Die Nacht war wom?glich noch schweigsamer. Gro?mutter sa? nicht mehr am Bett, sondern Sissel; in der Küche brannte das Feuer, und irgend jemand wachte da immer, für den Fall, da? etwas sich ereignen sollte. Auch der Pastor wachte und ging ab und zu. Aber gegen drei Uhr schliefen er und die Küchenwache ein. Als die Gro?mutter gegen vier kam, schlief auch Sissel. Gro?mutter setzte sich wieder an ihren Platz. Nirgends ein Laut, bis gegen sieben Uhr. Gro?mutter sah nach dem Ofen und gab dem Kranken die Medizin; atmete der kleine Edvard leichter? Oder t?uschte sie sich?

Gegen sieben Uhr ging langsam die Tür auf. Sie glaubte, es sei ihr Sohn; aber es war Josefine, die hereintrat. Im Zwielicht sahen ihr gro?es Gesicht unter dem wirren Haar, ihre wilden Augen noch entsetzlicher aus; die Alte, die l?ngst für ihren Verstand gefürchtet hatte, erschrak. Aber Josefine blieb an der Tür stehen; sie h?rte Sissels feste Atemzüge, aber nicht die des Jungen; da wagte sie nicht weiterzugehen. Das sah die Gro?mutter und nickte ihr ermunternd zu. Ein paar Schritte vorw?rts - und die Mutter sah ihren Jungen - zum Erschrecken bla?, ohne jedes Lebenszeichen. Aber Gro?mutter nickte wieder; da wagte sie sich weiter vor. Die Gardinen waren noch zugezogen, deshalb sah sie nicht deutlicher; aber jetzt schien ihr doch, als atme er! Sie kniete nieder. Atmete er wirklich leichter, oder...? Sie hatte sich so verrannt in ihren Glauben an das Todesurteil, da? sie gar nicht h?rte, was sie h?rte. In ?u?erster Spannung lauschte sie, überlegte, hielt den Atem an, und erst, als sie die Gewi?heit hatte, da? er leichter atmete, lie? sie den eigenen Atem unwillkürlich mit voller Gewalt über das Gesicht des Jungen hinstr?men. Der warme Hauch weckte ihn; er schlug die Augen auf und sah seine Mutter an, und es schien, als besinne er sich. Ja, es war die Mutter; sie war wieder da! Seine Augen wurden lebhafter, klarer, als man sie seit Wochen gesehen hatte, und sie blickten in die ihren, bis Josefines Augen von Tr?nen überfl?ssen.

Kein Wort sagte er, kein Glied regte er aus Furcht vor den alten Schmerzen; und ihr war, als müsse ihm der Lebensgeist entfliehen, wenn er es tue oder wenn sie ihn anrühre oder anrede. Ja, sie dachte sogar, sie atme zu laut, atmete leiser, bewegte keine Hand, wandte nicht den Kopf. Und in dieser bewegungslosen Stille war ihr, als seien Flügel ausgebreitet über ihnen beiden. Der Augenblick glich dem, da sie ihn geboren, da sie den ersten kleinen Laut seiner lebendigen Stimme geh?rt hatte. Jetzt begann das Leben zum zweitenmal, jetzt, in diesen ersten, scheuen Atemzügen. Seine Augen waren wie Licht im Schnee. Nicht satt konnte sie sich sehen an ihrem frischen Glanz; sie beide schwebten miteinander, als ob es nimmer enden solle.

Aber dem Jungen wurde die Macht ihrer Augen zu schwer; er gab sich der Sicherheit ihrer N?he hin und schlo? die Augen wieder, ?ffnete sie noch ein paarmal, um sich zu vergewissern, ... ja, sie war noch da, und dann schlief er ein.

Eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer. Drau?en war heller Tag; herein damit! Sie zog die Gardinen auf; der Tag füllte den hohen Raum mit dem Leben des Lebens, füllte ihre eigene Seele bis in den verborgensten Winkel; sie stie? die Tür zum Fremdenzimmer auf und stellte sich in die ?ffnung.

Da lag Tuft, breit und stark, mit ausgestrecktem Arm, das dichte Haar, die hohe Stirn noch gl?nzend vom gestrigen Schwei?, um den Mund ein L?cheln. Jetzt weckte das Licht ihn halb aus dem Schlaf. "Ole!" sagte sie. Er ?ffnete die Augen weit, kniff sie aber gleich wieder zu. Im Geist ordnete er, was er da mit einem Blick gesehen hatte, und zugleich h?rte er aus all dem Licht heraus Josefines Stimme: "Er lebt!"

* * *

Am Sonntag sprach in der Kirche von der Kanzel herab ein Mann aus dem heraus, was er gelernt hatte.

Darüber n?mlich, was für uns alle das Gr??te ist.

Der eine vergi?t es in seinem Strebersinn, der andere in seinem Kampfeseifer, ein dritter in seiner Verranntheit und ein vierter über seiner eigenen Weisheit, ein fünfter in seinem Alltagstrott, und alle haben wir es mehr oder minder verkehrt gelernt. "Denn fragte ich nun Euch, die Ihr mir zuh?rt, so würdet Ihr alle, just weil ich von dieser St?tte aus frage, mir gedankenlos antworten: 'Das H?chste ist der Glaube'."

"Ich aber sage Euch: wahrlich er ist es nicht! Sitz am Bett Deines Kindes, das daliegt in Atemnot, am Rande des Todes; oder la? Dein Weib, aufgerieben von Angst und Nachtwachen, dem Kinde nachgleiten bis an diesen ?u?ersten Rand - da lehrt Dich die Liebe, da? das Leben das H?chste ist. Und nie wieder von diesem Tag an werde ich Gott oder Gottes Willen zuerst in einer Formel, in einem Sakrament oder in einem Buch oder einer Bibelstelle suchen, als sei er vor allem hier oder dort; nein, vor allem im Leben, in dem Leben, das der Tiefe der Todesangst abgerungen ist, im Sieg des Lichts, in der Inbrunst der Liebe, in der Gemeinschaft der Lebenden ist Gott. Gottes vornehmstes Wort an uns ist das Leben; unsere h?chste Gottesverehrung die Liebe zu den Lebenden. Dieser Lehre, so selbstverst?ndlich sie ist, bedurfte vor allen andern ich. Diese Lehre hatte ich aus verschiedenen Gründen und auf mancherlei Weise abgelehnt - am st?rksten in letzter Zeit. Aber niemals wieder soll das Wort mir das Vornehmste sein, ebensowenig die Zeichen; nein, das Gr??te soll mir sein die ewige Offenbarung des Lebens. Niemals wieder will ich festfrieren in einer Lehre; die Lebensw?rme soll meinen Willen l?sen. Niemals wieder will ich Menschen richten nach Dogmen und nach der Gerechtigkeit vergangener Zeiten, wenn sie nicht den Ma?stab der Liebe unserer Zeit tragen. Niemals, so wahr ein Gott lebt! Und das, weil ich an ihn glaube, an den Gott des Lebens, und an seine unabl?ssige Offenbarung im Leben!"

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