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   Chapter 13 13

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 76219

Updated: 2017-11-30 00:02


Am n?chsten Tag war Nebel. Obwohl Ragni gut und traumlos geschlafen hatte, war ihr doch der Kopf schwer. Sie ging umher und sah alles nur in dem kalten Licht von gestern; nirgends mehr ein Glanz über den Dingen. Erst wollte sie gar nicht in die Küche hinaus; sie bildete sich ein, man k?nne von dort das Haus sehen, in dem Kule wohnte. Schlie?lich wurde ihr das aber doch zweifelhaft, und sie getraute sich hinaus; nein, es war nicht zu sehen. Dann wagte sie nicht ihre Morgenrunde durch den Garten zu machen; er konnte ja vielleicht gerade vorüberfahren. Endlich setzte sie sich an den Flügel, stand aber wieder auf, ohne gespielt zu haben. Sie schrieb einen Brief an Karl; sie war ihm auf zwei Briefe Antwort schuldig, und irgend etwas mu?te sie ja vornehmen. Sie schrieb - aus ihrer Stimmung heraus - Schlechtigkeit in jeder Form, wie Lüge, Verrat, Hinterlist, herrschsüchtige Verfolgung, Tücke, Betrug - sei Todesk?lte. Die sei es, gegen die wir k?mpften. Leben sei W?rme. Manche Menschen seien mehr anf?llig für Erk?ltungen als andere, gerade wie der eine empf?nglich sei für Tuberkulose und der andere nicht; und sie sei sicher eine von jenen Unglücklichen. Von frühster Kindheit an habe sie den Hauch der K?lte gespürt, und zuletzt würde wohl dieser kalte Strom st?rker werden als die W?rme, die sie ihm als Widerstand entgegenzusetzen verm?ge; das sei die ganze Frage.

Der Brief war nicht lang; denn w?hrend sie so an ihre Kindheit dachte und an das, was sie sp?ter durchgemacht hatte bis zu ihrer Verheiratung mit Kule, kam ihr die Lust, es aufzuschreiben, um es gelegentlich einmal in Kallems treues Ged?chtnis niederzulegen. Mündlich erz?hlen konnte sie es nicht; aber es aufschreiben - ja, jetzt konnte sie es. Auch trieb sie eine unbestimmte Furcht, und noch am selben Tage fing sie an.

Sie bot ihre ganze Kraft auf, um ruhig und gefa?t zu sein, als Kallem nach Hause kam. Er sah sie forschend an, war aber selbst in gr??ter Spannung - einer ganz anderen, neuen Sache wegen. Er wollte eine Operation vornehmen, an deren Gelingen die beiden anderen ?rzte und noch ein dritter, der von weither geholt worden war, Zweifel hegten.

Einer der angesehensten M?nner der Umgegend, Oberst Bajer, litt seit etwa einem Monat an Magenhautentzündung mit Anzeichen von Septich?mie. Doktor Arentz war sein Hausarzt und behandelte ihn in der üblichen Weise mit Wasserumschl?gen und Opium. Aber die Krankheit wurde bedenklich und Arentz riet, Kallem zu Rate zu ziehen. Die Frau des Obersten widersetzte sich - nicht gerade, weil sie eine eifrige Christin war, sondern weil ihr Kallem an sich unsympathisch war. Sie war ein gutes, warmherziges Wesen, aber hysterisch, und solche Menschen ergreifen leicht Partei für oder wider. Pastor Tuft hatte sie einmal gerettet; sie war krank gewesen an Schw?che, nichts wollte helfen, bis er gekommen war und ihren Willen durch den Glauben gest?rkt hatte - eine Tatsache, die niemand bestreiten konnte; seitdem schw?rmte sie für ihn.

Der Arzt des Nachbarbezirks und Doktor Kent wurden zugezogen; aber beide waren ehrlich genug, einzugestehen, da? nichts mehr zu machen sei; der Oberst sei ein Todeskandidat und eine Operation unm?glich.

Jetzt siegte die Liebe zum Gatten über allen Widerwillen; sie lie? anspannen und fuhr selbst zu Kallem, der sich sofort und unbedingt bereit erkl?rte, die Operation vorzunehmen. Ohne sich von den Einwendungen der andern abhalten zu lassen, ?ffnete er die Bauchh?hle und fand Eiter; dann ?ffnete er den Dickdarm. Besonders da die andern abgeraten hatten, erforderte dies Ereignis seine ganze Charakterst?rke. Der Oberst war als Ehrenmann bekannt, in Stadt und Land nahm man Anteil, und der Zustand der Frau war derartig, da? sie wahnsinnig werden mu?te, wenn der Mann starb. Ihre Abneigung gegen Kallem schlug in unbegrenztes Vertrauen um; es war, als habe seine N?he sie magnetisiert. Alles das erfüllte Kallem mit tiefer Besorgnis.

Nun hatte Ragni an anderes zu denken als an sich selbst; denn sie sah, welche Seelenqual das Gefühl der Verantwortung unmittelbar vor der Operation und mehr noch in den Tagen nachher in ihm erregte. In solchen Zeiten hielt sie mit seltener Kunst alles Kleinliche von ihm fern, ermutigte ihn, heiterte ihn auf, lebte überhaupt ausschlie?lich für ihn. Einem solchen Mann etwas sein zu k?nnen - das war "W?rme" genug!

Der Oberst erholte sich; Kallem war bei übersprudelnder Laune. Ragni spielte wieder, nahm ihre übrigen Arbeiten wieder auf, ja, sie wagte sich sogar in den Garten und lie? die Augen zu dem Haus oben hinüberschweifen. Sie h?rte den Wagen vorbeirollen, ohne mehr als h?chstens ein ganz klein bi?chen zu zittern; sie wurde von der Nordlandsk?chin, die mit ihrem Korb auf den Markt ging, angesprochen, und obgleich sie dabei ein Gefühl hatte, als werde sie von einer Schlange gebissen, starb sie doch nicht daran. Es kam sogar der Tag, da sie mit ihr plaudern konnte, zuletzt konnte sie sogar jeden Morgen ihr Kommen abwarten, ohne davonzulaufen. Das geschah nicht etwa aus Mut - beileibe nicht - aber es geschah; und sie fühlte sich wohl dabei.

Das Wetter schlug um und kehrte seine allerrauhste Seite hervor. Die Bl?tter stoben im Nordwind, die Erde war festgefroren und jeden Morgen mit Reif bedeckt. Die ?fen zogen, da? es nur so krachte, und ihr Prasseln wetteiferte mit dem Wagengerassel, das drau?en über den hohlen Boden zog. Jeden Tag fragte man sich, ob man nicht die Doppelfenster einsetzen und die Verandatür schlie?en solle. Und jeden Tag schob man es wieder auf; wer wei? - vielleicht kamen noch sch?ne Tage!

Eines Tages brachte die Post Ragni Briefe aus Amerika, aus Nordland und aus Berlin; einer war von Karl. Sie hatte alle ge?ffnet, aber keinen gelesen; es war zu vielerlei zu tun, damit das Haus für den Winter in Ordnung komme. Den Brief der Schwester las sie aber doch am Nachmittag; und er machte sie betrübt; der Schwester ging es nicht gut. Ragni dachte daran, sie zu sich zu nehmen. Die letzten zwei oder drei Briefe von Karl hatten stark nach Heimweh geschmeckt; er war schwermütig, und sie hatte deshalb nicht sonderliche Lust, seinen neuesten Brief zu lesen. Sie war gerade mitten in einem amerikanischen Roman, einem der besten von Howell; es war ein tiefeindringendes, spannendes Seelengem?lde; und so nahm sie zuerst ihr Buch vor, als sie sich gegen Abend ins Studierzimmer setzte. Aber etwas in der Erz?hlung erinnerte sie an Karl; sie legte das Buch weg und nahm seinen Brief vor. Wie immer, ganze Bogen, auch recht interessant, aber der Ton geradezu seelisch krank. Als sie an den letzten Bogen kam, sah sie darüber in roter Tinte die Worte: "Bitte allein lesen!"

Er schrieb: "Seit ich Ihren Brief über die 'K?lte der Schlechtigkeit' erhalten habe, war ich in Zweifel, ob ich Ihnen sagen solle, da? ich es sogleich verstanden habe. Ich habe schon l?ngst gewu?t, was man von uns gesagt hat. Solch eine rohe Verleumdung! Das war es, was mich diesen Sommer beinahe zum Wahnsinn getrieben hat, als ich es - kurz vor unserer Trennung - erfuhr. Ist es nicht furchtbar? Damals dachte ich, es k?nne überhaupt nichts mehr kommen, was mich noch tiefer treffen k?nnte; aber nun ist doch noch etwas gekommen: auch Sie haben es erfahren! Denn natürlich ist das der Sinn ihres Briefes.

Wochenlang habe ich hin- und hergesonnen. Aber um meinet- und um Ihretwillen ist es besser, wenn wir davon sprechen. Lassen Sie Kallem nichts davon erfahren! Ich sch?me mich so entsetzlich - ich bin so unglücklich - ach, wenn Sie wü?ten, wie unglücklich ich bin! - Aber ihm wollen wir es ersparen!

Darum schreib' ich das auf einen besonderen Bogen; ich werd' es fortan immer so machen. Auch des andern wegen, das nun kommt, Sie Liebe, Liebste!

Von der ersten Zeit an, als Sie so gut zu mir waren, hab' ich Sie unendlich lieb gehabt. Ich h?tte nie gedacht, da? ich Sie oder überhaupt einen Menschen noch lieber haben k?nnte. Jetzt aber sind wir in dieser Schmach und diesem Schmerz gleichsam miteinander verschmolzen; wir beide sind die einzigen, die darum wissen; und jetzt, - Gott ist mein Zeuge! - lebe und leide und arbeite ich nur noch in Gedanken an Sie! Immer sind Sie um mich - vom Morgen bis zum Abend und bis in den Traum meiner N?chte!

Ich liebe, liebe, liebe Sie! Ich schreib' es - unter Tr?nen. Ich liebe Sie - ich liebe Sie - ich liebe Sie!

Vielleicht erschreckt Sie das Wort, erschreckt Sie mehr als das andere, das es heraufbeschworen hat! Aber wenn Sie wü?ten, welch eine Wonne es für mich ist, es blo? niederschreiben zu dürfen, blo? zu wissen, da? Sie es lesen! Sie sind so gut - Sie wissen, welch grenzenlose Ehrfurcht ich vor Ihnen habe - - -"

Als Kallem um acht Uhr nach Hause kam, stand der Abendtisch im E?zimmer gedeckt; im Studierzimmer war geheizt und die Lampe angezündet; aber beide Zimmer waren leer; in der Wohnstube war es dunkel. Sigrid brachte den Tee und berichtete, Frau Doktor seien zu Bett gegangen. - "Zu Bett? Fehlt ihr etwas?" - "Ich glaube, sie war nur müde."

Kallem eilte sofort hinauf. Es war dunkel; doch im Mondschein sah er einen Arm im wei?en Nachthemd sich ihm entgegenstrecken. "Verzeih!" sagte sie. "Ich war so müde; und dann hatte ich auch einen Brief von meiner Schwester, der mich traurig gemacht hat. Nein, mach' kein Licht, bitte! Es ist so sch?n so!" - Was für ein frischer, gesunder Duft von ihm ausstr?mte! Wie voll Kraft seine Stimme klang, w?hrend er antwortete: "Von Deiner Schwester?" - "Ja, sie fühlt sich unglücklich da oben." - "Wie w?r's, wenn wir sie zu uns n?hmen?" - "Ich wollte Dich eben darum bitten. Wie gut Du bist!" - Sie weinte. - "Aber Schatz, warum weinst Du denn? Glaub' mir, der einzige Grund, weshalb ich das nicht schon lange vorgeschlagen habe, war Dein Wunsch, wir sollten allein sein miteinander." - "Ja, das ist ja auch das Allersch?nste! Aber wenn nun eins von uns krank wird?" - "Dummes Zeug! Wir werden nicht krank! Du bist doch so wohl jetzt! Die Stirn ist ein bi?chen warm! La? mal Deinen Puls fühlen! Na ja, ein bi?chen Ruhe hast Du n?tig, weiter nichts. Es war ganz richtig, da? Du zu Bett gegangen bist. Ich gehe jetzt hinunter und esse; ich habe einen B?renhunger. Dann hast Du Ruhe. Karl hat geschrieben?" - "Ja. Der Brief liegt auf Deinem Schreibtisch." - "Sch?n! Ich werd' ihn beim Essen lesen. Nachher hab' ich noch viel zu tun. Gutnacht, Kleines!" - Er kü?te sie; Ragni schlang beide Arme um seinen Hals, zog seinen Kopf dichter zu sich heran und kü?te ihn. "Du herrlicher Mensch!"

Er ging. Sie h?rte seine raschen Schritte auf der Treppe und unten im Korridor, h?rte, wie er die Tür ?ffnete und hinter sich schlo?.

Wieder dieser Schmerz in der Brust, den sein Kommen gemildert, sein Schritt verscheucht hatte! Etwas Schweres, Entsetzliches - nie wieder würde sie es los werden - und dabei fror sie so. Die K?lte, die K?lte, die K?lte - jetzt war sie ihr bis ins Innerste gedrungen. Jetzt begriff sie - zu Eis erstarrend - weshalb der "Walfisch" gekommen war und sich in das kleine Haus nebenan gew?lzt hatte und nicht wieder hinaus wollte. Jetzt wu?te sie, weshalb die andern das zugegeben hatten.

"Gott, ach Gott - wie hat das nur kommen k?nnen? Was hab' ich denn getan?" klagte sie und verkroch sich vor sich selber. Wie ein Flüstern durch Meeresbrandung t?nten Karls Liebesworte hindurch. Armer Junge! Da lag sie - im Dunkeln - damit keiner sie sah - damit sie nachdenken konnte. Was sollte sie tun? Den letzten Bogen hatte sie herausgenommen. Sollte sie ihn Kallem zeigen?

Als Kallem nach zw?lf Uhr heraufkam, um zu Bett zu gehen, war sie über all ihren traurigen Erw?gungen eingeschlafen. Er steckte hinter ihr das Licht an, sah ihr ins Gesicht, horchte auf ihren Atem. Sie schlief - unschuldig - mit offenem Mund.

Am n?chsten Vormittag wanderte sie auf der Südseite des Hauses umher, auf und ab, auf und ab, noch immer gleich verst?rt, gleich ratlos. Es hatte geschneit, zum erstenmal dieses Jahr; der Schnee war schon halb wieder geschmolzen. über den Bergk?mmen lag dichter Nebel, so dicht, da? er aussah wie festes Land, trotzig, undurchdringlich - ein Land, das an die Berge grenzte und sich über den ganzen Horizont erstreckte. Das seltsame Land sandte eine lange Zunge hernieder nach dem Wald - wie das ?u?erste Züngeln eines Geheimnisses. Sie fror. Weit konnte sie nicht gehen, ohne da? der Schutz des Hauses aufh?rte und man sie vom Weg aus sehen konnte; und heut ertrug sie es nicht, da? man sie sah; vielleicht nie wieder.

Welch ein kindischer Wettkampf das war zwischen den Baumarten da drau?en, rings um die Geh?fte! Am fernsten von den H?usern Nadelwald; bei trübem Wetter war er fast schwarz. Mehr in der N?he mischte Laubholz sich dazwischen, langhalsige Espen, verrenkte Birken, die lichtgelb aus dem Dunkel leuchteten; noch n?her Eberesche und Faulbaum, blutrot; dazwischen Ahorn und anderes; von flachswei?en bis rotgoldnen. Hohe Erlen und Espen, die zu alt waren, um überhaupt noch Laub zu treiben, ragten mit nackten Zweigen über der Farbenpracht der andern empor gleich blaugrauem Rauch.

Sie stampfte mit den Fü?en, die gar nicht warm werden wollten, die nicht wu?ten, ob vorw?rts oder rückw?rts, weil sie selber nicht wu?te, wohin. Wenn Kallem es erführe - was dann? Und wenn er es nicht erführe?

Die Wiesen waren von schwarzerdigem, gepflügtem Ackerland durchschnitten. Dazwischen mattgrüne, mit Wintersaat bestellte Roggenfelder und stoppelige Klee?cker. Aber dort - weit hinter den H?usern - mi?vergnügte, graue Erdflecken, die man überhaupt nicht beachtete, au?er, wenn es sich darum handelte, sie zu plündern; nur zu viele solcher gab es hier zu Lande.

Juanita? Wie kam das Kind auf einmal mitten in das Herbstbild? Diese frischeste, lebendigste Erinnerung an den ersten Frühling? Ach, hier drau?en wachte die Sehnsucht nach den Kindern auf! Jetzt wu?te sie, da? er nicht war, wo die Kinder waren; jetzt konnte sie zu Rendalens reisen und die Kinder sehen!

Solange sie auf der Reise war, brauchte sie auch nicht zu entscheiden, was das Richtige sei; und sie bedurfte dringend des Aufschubs. Nur ein kurzer Brief an Karl Meek, da? er vorl?ufig nicht mehr schreiben solle; sie werde ihm sp?ter vielleicht Nachricht zukommen lassen. Ob sie die paar Worte telegraphierte? Nicht von hier aus! Aber auf der Stelle abreisen und von unterwegs telegraphieren.

Ein Vorsatz, ein inneres Gehei?, so stark, als habe sie überhaupt weiter nichts mehr zu tun als noch einmal die Kinder zu sehen, stieg in ihr auf. Als Kallem etwas sp?ter nach Hause kam, wanderte sie im Zimmer auf und ab, um sich warme Fü?e zu machen, und sagte ihm selber, sie müsse die Kinder sehen. Er empfing den unfehlbaren Eindruck, da? die Erinnerung an ihr Zusammenleben mit Kule in Sehnsucht nach den Kindern umgeschlagen sei. Das war ganz natürlich. "Reise nur gleich!" sagte er; "sp?ter wird es zu kalt." Damit meinte er freilich nicht, da? es gerade heut noch sein sollte; aber sie wollte es so, und am Nachmittag brachte er sie zur Bahn.

Gleich nach ihrer Ankunft bei Rendalens kam ein verzweifelter Brief: das Wiedersehen mit den Kindern war grausam gewesen. Sie hatten sie nicht wiedererkannt! Und auch sie die Kinder nicht. ?u?erst wohlerzogene Kinder, gewi?! Aber nicht ihrer Schwester Kinder! Nicht verwandt mit ihr selber. Nur mit ihm! - Sein Blut war st?rker als ihres. Gro?e, dicke Kinder, die sie ansahen, als begriffen sie nicht, was sie wolle. Und dazu diese vielen fremden Menschen, die sie best?ndig beobachteten! Am liebsten w?re sie gleich wieder heimgereist, wenn sie nicht so erk?ltet gewesen w?re. - Ein sp?terer Brief lautete ein bi?chen lebensfroher. Nicht da? sie zufriedener gewesen w?re mit den Kindern; die waren noch gerade so fremd und "materiell"; sooft sie die Kinder mit sich auf ihr Zimmer nahm, um mit ihnen zu plaudern oder ihnen vorzuspielen, fühlte sie, da? sie sie nur aufhielt. Aber das Zusammensein mit den pr?chtigen Menschen in und au?erhalb der Schule machte ihr Freude; "h?tten wir doch etwas ?hnliches!" seufzte sie.

Auch von Rendalen erhielt Kallem einen Brief, der in schwungvollen Worten ausdrückte, wie sich die ganze Kolonie freue, Ragni in ihrer Mitte zu haben. Er übermittelte die "einstimmige Bitte", sie ihnen doch noch eine Zeitlang zu lassen; sie sei auch müde von der Reise und nicht ganz wohl; die Ruhe scheine ihr gut zu tun.

So blieb sie acht Tage und noch einmal acht Tage fort. Mittags an einem kalten Wintertag kam sie zurück, bla?, noch immer erk?ltet, ?ngstlich, unf?hig, zu sagen, wie fürchterlich es ihr war, wieder unter Menschen zu kommen, die sie für eine ehrlose Frau hielten. Kallem erschrak über ihr Erk?ltetsein und ihr schlechtes Aussehen; ihr Wiedersehen war kein frohes Wiederfinden, sondern eine besorgte Untersuchung ihrer Brust und ein bi?chen mattes Erz?hlen; sie war müde und verlangte ins Bett.

Kallem fragte, ob Karl geschrieben habe; hierher sei kein Brief von ihm gekommen. - Nein, sie habe auch keinen erhalten. - Ob sie denn nicht geschrieben habe? - Nein. Karl habe eine Vertraulichkeit gezeigt, die ihr nicht gefiele. - Es waren schon oft kleine Reibereien zwischen den beiden vorgekommen, von denen er erst sp?ter geh?rt hatte; und da sie ihn nicht ansah, fühlte er, da? er nicht fragen dürfe.

Mehrere Tage hütete sie das Bett. Ein leidiger trockener Husten wollte nicht weichen; sonst waren keinerlei besorgniserregende Indizien vorhanden. Als sie wieder aufstand, kam sie ihm merkwürdig mager vor; das Gesicht hatte einen matten kr?nklichen Zug; unter den Augen lagen dunkle Ringe. Sie sehnte sich hinaus - in die frische Luft. Aber sie weigerte sich auf das bestimmteste, au?erhalb des Gartens spazieren zu gehen. Erst behauptete sie, das sei langweilig; als er sie aus dieser Stellung vertrieb, verschanzte sie sich hinter eine st?rkere: sie fing zu weinen an. Er hielt das für ein verd?chtiges Zeichen; sie war am Ende gar schwanger? In dieser Hoffnung gab er sich zufrieden und wartete. Sie machte ihre Spazierg?nge im Garten und erz?hlte es ihm voll Stolz; aber da? sie fast immer nur in der D?mmerung ging, das verschwieg sie. Nach und nach fand sie selber, da? ihr besser war; und er fand das auch.

So verging eine Zeit. Er wartete auf das, was er so gern geh?rt h?tte, glaubte da und dort Anzeichen zu bemerken; zwischendurch aber ?ngstigte es ihn, da? sie immer magerer zu werden schien; er konnte sie auch nicht zum Essen bewegen. Eines Abends, als er fort gewesen, war sie wie gew?hnlich drau?en in der D?mmerung spazieren gegangen und hatte nachher Schüttelfrost und Beklemmungen. Als Kallem zu Bett ging, schlief sie; aber ihr Husten weckte ihn. Er machte Licht und sah, da? sie die Hand gegen die Brust pre?te. "Tut das weh?" - "Ja." - "Wo?" - "Hier!" - Und sie zeigte auf das rechte Schlüsselbein. - "Hast Du Stiche da, wenn Du hustest?" - "Ja." - Im selben Augenblick hatte sie einen heftigen Hustenanfall. Er stand auf, zog sich an, legte im Ofen nach, klingelte und schickte das M?dchen nach der Apotheke. Unterdessen untersuchte er sie und fragte sie dabei aus. Er h?rte von dem Schüttelfrost gestern Abend, und wie sie ihre Spazierg?nge am liebsten in der D?mmerung mache. "In der D?mmerung!" rief er; mehr war nicht n?tig; sie versteckte ihren Kopf in den Kissen. - Das m?ge sie doch in Zukunft gef?lligst bleiben lassen! Und vorl?ufig müsse sie das Bett hüten, und zwar mehrere Tage. Das Senfpflaster auf der Brust war ihr unangenehm, mit den Hustenpillen hatte er mehr Glück. Er verbarg seine Besorgnis hinter allerhand Scherz und Z?rtlichkeit; und wirklich - nach ein paar Tagen war sie wieder so wohl, als er kaum zu hoffen gewagt hatte! Auch ganz gehorsam war sie geworden; vierzehn Tage lang hielt sie sich still im Zimmer. Der Husten kam seltener; die einzelnen heftigen Anf?lle stachen zwar in der Brust; aber sonst fühlte sie sich ganz wohl; nur ungeheuer matt und kurzatmig, so da? sie nicht einmal mehr Lust hatte zu spielen.

Im Garten wurde ein Weg für sie gebahnt, und zum erstenmal ging sie - mit Kallem - wieder bei Tag aus, kehrte aber gleich wieder ins Haus zurück. Erst ?ngstigte ihn das, ?ngstigte ihn merkwürdig; aber aus ihrer Art und Weise schlo? er, da? es nur Laune sei. Sie fühlte sich indessen matter, als sie gestehen wollte. Am Tag darauf versuchte sie es mit Sigrid. Aber nach den ersten Schritten versagte ihr der Atem; sie mu?te ausruhen, und bat Sigrid, nichts zu sagen; es werde schon vorübergehen, wenn sie "mehr trainierte". Das Wetter wurde milder; über Mittag waren sogar ein paar Grad W?rme. Sie fühlte sich wohler und konnte l?nger gehen; Kallem freute sich, als er eines Tages sah, da? sie das Klavier ?ffnete. - -

Eines Abends erschien S?ren Pedersen; bleich - allein - beides ?u?erst ungew?hnlich. Was war denn los? Kristen Larssen ginge um! Kallem brach in schallendes Gel?chter aus. S?ren verzog keine Miene: Kristen Larssen ginge, wahrhaftigen Gott, um! Im letzten Jahr seines Lebens hatte er nie mehr Geige gespielt; er hatte seine Geige Aune gegeben. Aber jetzt spiele er Geige in seinem alten Haus. - Ob denn niemand drin wohne? - Nein. Das Haus sei abgeschlossen; aber er spiele darin! Mehrere hatten es gleichzeitig geh?rt; nicht der leiseste Zweifel sei m?glich. - Ach was - da habe sich einfach irgendein Schelm eingeschlichen! Wer den Schlüssel habe? - Der Neffe seiner Frau. - "Wer ist das?" - "Aune!" - "Na, siehst Du wohl!" - "Aune hat ja aber selber das ganze Haus mit durchsucht; und Aune hat am meisten Angst von uns allen!" - Ein M?dchen, die ein krankes Kind hatte - Kallem kannte sie, er war ihr Arzt - hatte eines Nachts Kristen Larssen an der Hauswand entlang schleichen sehen. Seitdem hatten noch mehrere ihn gesehen. "Zweifeln tat keiner daran!" schlo? S?ren. Wie wollte der Herr Doktor denn das erkl?ren, da? Frau Bajer, die Frau des Obersten, eines Tags zu ihnen in ihren Tapezierladen gekommen sei, und ihnen erz?hlt habe, sie habe getr?umt, Kristen Larssen sitze in einer langen Stube zwischen vielen gro?en, gelehrten M?nnern, die alle buchstabieren lernten? Sie hatte sich gedrungen gefühlt, S?ren Pedersen, den Kristen Larssen ja doch verführt hatte, das zu erz?hlen. "Und denken Sie sich, Herr Doktor, gerade in der Nacht vorher haben wir beide, Aase und ich, getr?umt, die Frau Oberst komme zu uns in den Laden!"

"Ich will Ihnen etwas ebenso Merkwürdiges erz?hlen, Pedersen. Am ersten Tag, als meine Frau und ich hier in der Stadt waren, begegneten wir Maurer Andersen, Karl Meek, Kristen Larssen, Sigrid, Ihnen und Ihrer Frau - alles im Lauf einer Viertelstunde!" Pedersen rollte seine Kugelaugen, ohne zu verstehen. Daran war doch weiter nichts Besonderes? - "Nein, denn auf die hundert anderen, denen wir begegneten, gaben wir gar nicht acht. Genau so wie Sie, S?ren Pedersen, nicht acht geben auf die Hunderte, von denen Sie und Aase tr?umen, - wenn Sie sie nicht gerade tags darauf in Ihrem Laden sehen!"

S?ren Pedersen war aber nicht überzeugt.

Der Aberglaube lag nun einmal in der Luft. Einer steckte den andern an; bald sprach die ganze Stadt von nichts weiter; besonders, nachdem sich auch der Pastor in die Sache gemischt hatte. Seit dem Frühjahr hatte er allein gehaust mit seiner Mutter - Frau und Sohn waren erst kürzlich wiedergekommen - und in dieser ganzen Zeit hatte seine Lehre zugenommen an Strenge, - in der letzten Zeit mit einem Gepr?ge von Leidenschaft, das Unheil prophezeite. Jetzt verkündete er im Betsaal, jeder Gl?ubige wisse ganz wohl, da? Geister unter uns lebten und wirkten, und da? viele nach dem Tode den Weg der Ruhelosen wanderten; das seien erwiesene Tatsachen, die sich als Mahnung von Geschlecht zu Geschlecht wiederholten.

Als Kallem davon h?rte, machte er ernst mit einem Gedanken, den er schon l?ngst gehabt hatte - n?mlich: sich Aunes zu bem?chtigen. Aune hatte gar keine Lust und war erfinderisch genug, ihm immer wieder zu entschlüpfen; er besa? eine gro?e überredungsgabe, mit der er auch Kallem oft zum Besten gehabt hatte; aber jetzt mu?te er heran! Die Frau war vollkommen einverstanden, und in ihrer Gegenwart nahm Kallem ihn eines Sonntag vormittags im Krankenhause vor - zun?chst wegen des Trinkens, dann aber vor allem, um Licht in die Spukgeschichte zu bringen, die natürlich kein anderer als dieser Erzschelm selbst in Szene gesetzt hatte. Und so war es auch! Jetzt kam aber die Schwierigkeit: wurde das bekannt, so war Aune zugrunde gerichtet. Das war der Frau sofort klar, und sie bat für ihn. Darum lie? sich nichts anderes tun in der Sache, als es ihm zu verbieten und zu schweigen.

Natürlich hinderte das Kallem nicht, auf seiner Vormittagsrunde Doktor Kent, der so wenig an den Spuk glaubte, wie er selbst, zu erz?hlen, man wisse jetzt, wer die ganze Geschichte mit Kristen Larssen in Szene gesetzt habe; den Namen dürfe man nicht nennen; aber das Ganze sei ein abgekartetes Spiel. Kent, der bei einem Kranken Josefine traf und wu?te, da? nichts ihr willkommener war als eine Nachricht von ihrem Bruder, wiederholte ihr Kallems Worte. Beim Mittagessen erz?hlte der kleine Edvard, der t?glich von diesen Spukgeschichten voll war, jetzt h?tten auch zwei Jungens Kristen Larssen gesehen, Aunes Junge und der Sohn des Laienpredigers. Edvard funkelte vor Eifer. Da erkl?rte die Mutter ihm kurz und bestimmt, das sei ein Betrug; einer der ?rzte aus der Stadt wisse, von wem der Betrug herrühre; es gebe keinen Kristen Larssen, der umgehe.

Als der Junge sich entfernt hatte, sagte der Pastor, er finde ihr Benehmen rücksichtslos. "Wieso rücksichtslos?" - "Nun, da? Du dem Jungen das sagst; Du hast doch geh?rt, da? er sich gleich dahinter verschanzte, ich glaubte auch an Gespenster!" Des Pastors Ton war nicht überlegen, nicht einmal vorwurfsvoll; sie fühlte, er hatte recht, und antwortete darum nicht. Aber es wirkte nach, und eine Weile darauf stand sie im Studierzimmer.

"Ich habe über das nachgedacht, was Du vorhin sagtest." Er lag auf dem Sofa und rauchte, erhob sich aber, um Platz zu machen. Es tat ihm wohl, da? sie zu ihm hereinkam. Aber sie blieb stehen. "Soll etwas, das Du dem Jungen einmal gesagt hast, für ihn eine Wahrheit sein, auch wenn es nicht wahr ist?" - "Nein. Aber Du k?nntest es mir überlassen, es zu berichtigen!" - "Und wer sagt mir, da? Du es berichtigen willst?" - "Was soll das hei?en?" - "Das soll hei?en, da? Du dem Jungen fortw?hrend Dinge beibringst, an die Du selber unm?glich glauben kannst." - "Was für Dinge?" - Er wurde rot; denn er begriff, jetzt kam es zu einer Abrechnung. - "Ich habe in der letzten Zeit oft daran gedacht, mit Dir darüber zu reden," sagte sie, "und nun soll es einmal geschehen. Du selbst glaubst nicht daran, da? die Welt vor etwa sechstausend Jahren in sechs Tagen geschaffen worden ist, oder da? die Sagen von den ersten Menschen und den Patriarchen etwas anderes seien als Sagen, nicht wahr? Ebenso die ganze Geschichte vom Paradies. Erde und Menschen k?nnen nicht gleich von Anfang an vollkommen gewesen sein. Aber die Kinder lehrst Du das, und in der letzten Zeit auch Edvard." -

Er schritt im Zimmer auf und ab; sie stand zwischen den beiden Türen, die zum Flur und zum Wohnzimmer führten. So oft er sich ihr n?herte, schaute er sie mit einem starken, ja m?chtigen Blick an; so sieht ein schlechtes Gewissen nicht aus; das fühlte sie. Und um ihr zu zeigen, in welchem Geist hier verhandelt werden mu?te, blieb er stehen und sagte ruhig: "Wollen wir uns nicht setzen, Josefine?" - "Nein", erwiderte sie. "Ich würde ja doch gleich wieder aufstehen!"

"Das, was Du Sage nennst," sagte er, "tr?gt in sich die ewige Wahrheit, da? Gott alles und alle geschaffen hat, und da? die Sünde ein Abfall von ihm ist." - "Weshalb es nicht so lehren, anstatt in unwahren Bildern?" - "Kinder fassen es am besten in Bildern, Josefine." - "Dann sage ihnen, da? es nur M?rchen sind." - "Darauf kommt es nicht an." - "Gewi? kommt es darauf an, da? die Kinder ewige Wahrheiten nicht in unwahren Bildern lernen, meine ich!" - Er sah, wie leidenschaftlich sie die Sache nahm, und warnte sie; sie mü?ten ohne Leidenschaft darüber reden k?nnen. "Nein", sagte sie, "das kann ich nicht. Denn Du mu?t wissen - es geht um die Zukunft unseres Kindes - und um Deine und meine!" Und sie trat an den Schreibtisch, wie um ihm n?her zu kommen, vielleicht auch, um sich zu stützen.

Aber er lie? sich nicht beirren. "W?rst Du selber so durchdrungen von jener ewigen Wahrheit, die Du im Munde führst, Josefine, - k?mpftest Du nur um sie, so w?re all dies für Dich etwas ganz Untergeordnetes. Das, was wir an Stelle des Alten setzen k?nnten, ist ja auch nichts Sicheres; wir wissen, so, wie das ehrwürdige Buch es berichtet, kann es schwerlich zugegangen sein; aber wir wissen auch nicht, wie es in Wirklichkeit gewesen ist. Blo? das wissen wir: von Gott stammt unser Leben, in Gott sind wir glücklich - im übrigen la? Kinder und Erwachsene die ersten Vorg?nge auffassen nach der V?ter Weise - bis auf weiteres." Die ehrliche Kraft der überzeugung lag in seinen Worten, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht. Darum schwieg sie lange. Dann aber brach pl?tzlich etwas anderes hervor. "Wei?t Du, da? - ohne die grenzenlose Verschandelung meines Verstandes und Willens in meiner Kindheit auch ich anders geworden w?re, als ich jetzt bin?" - "Ja," sagte er kalt, "wie ich h?re, hast Du es in der letzten Zeit so weit gebracht, den Glauben für das Unglück Deines Lebens zu halten!" - "Das hab' ich nie gesagt!" fuhr sie auf und wurde sehr bla?. "Und auch niemals gemeint!" Ruhiger fügte sie hinzu: "Den Glauben an Gott und die Erl?sung durch Jesus hab' ich niemals als Zwang an meinem Verstand empfunden. Niemals!" - "Wirklich? Das ist ja sch?n!" sagte er, seufzte aber gleich darauf tief. - "Gut! Wenn Du mich nicht anh?ren willst," sagte sie, "so will ich mich kurz fassen. Entweder Du h?rst auf, dem Jungen M?rchen zu erz?hlen, die nicht unschuldig sind, wenn sie seinen Kinderverstand einengen k?nnen; oder ich halte Dich nicht mehr für vollkommen gewissenhaft, Ole!"

Es war nicht das erste Mal, da? sie harte Worte brauchte; sie hatten lange und schwere K?mpfe miteinander gehabt. Aber nie hatte sie so hart gesprochen, niemals seinen Glauben angegriffen. Sie hatte ihr Recht verteidigt, so zu sein, wie sie war, wenn auch mit heftigen Ausf?llen gegen die Art, wie er war; sie war seinen Herausforderungen mit schneidiger Waffe begegnet; aber niemals, bis zu diesem Augenblick, hatte sie etwas derartiges gesagt oder Bedingungen gestellt. Er hatte schon ziemlich lange das drückende Gefühl gehabt, da? sich in ihr etwas zusammenzog; aber ihr fest gewappneter Vorsatz - von solchem Zorn, solchem Willen getragen -! So standen sie sich gegenüber, Aug' in Auge; und wollten die Tiefe ihres Willens aneinander messen. Auch in ihm kochte es auf zu gewaltigem Zorn, und um von vornherein jede falsche Hoffnung abzuschneiden, sagte er: "Der Junge bleibt bei mir!" - "Bei Dir?" - Sie wurde aschfahl. "Hast Du ein gr??eres Anrecht an ihn als ich? Bist Du seine Mutter?" - "Ich bin sein Vater. Bibel und Gesetz machen den Vater zum Eigentümer des Kindes."

Jetzt begann sie auf- und abzugehen; aber nur zwischen Fenster und Tür, wie zwischen den St?ben eines K?figs. Ihre Brust wogte; ihr Atem ging h?rbar; ihre Gesichtsfarbe, ihre Augen, ihre Stimme verrieten, in welch furchtbarer Aufregung sie war. Sie hatte nie geglaubt, da? er zu so etwas imstande sei. - "Sch?mst Du Dich nicht? Du wolltest den Jungen behalten?" - "Das will ich, so wahr Gott es mir gebietet! Du sollst unsern Jungen nicht verderben." - "Ihn verderben? Ich? Das ist zu viel! Jetzt sollst Du die Wahrheit h?ren! Von Kindheit an hast Du Macht über mich gewonnen - dadurch! Hast Macht gewonnen über meinen Verstand durch Deinen unerschütterlichen Glauben, ohne da? ich es merkte, weil Du gut warst und Dich hingabst. Und damit hast Du meine Natur verpfuscht - ja, das hast Du! - denn ich war anders geartet. Du hast meinem Leben Bahn und Ziel gewiesen, ich merkte es selber nicht. Ich sag' es, wie es ist; ich messe Dir keine Schuld bei. Aber Du sollst wissen, weshalb Du nicht auch Macht gewinnen darfst über mein Kind! Das darfst Du nicht - solange noch ein Funken Leben in mir ist - trotz Gesetz und Bibel! Jetzt wei?t Du's - und Du wirst es sehen!"

H?tte sie geahnt, da? er schon lange, lange darauf gewartet hatte, sie m?ge ihm einmal so gegenüberstehen, sie h?tte es sich erspart, mit solch sprühender Leidenschaftlichkeit zu reden. Er selber war vollkommen Herr seiner Gefühle. "Ja, Deine g?ttlichen Gefühle hab' ich auf Abwege geleitet - das wei? ich l?ngst. Ich hab' es getan durch den Glauben, der nicht der Deine wurde. Das hab' ich gewu?t, mein Kind, noch ehe Du wegreistest!" Er sagte es breit und sicher. - "Nun, also dann wei?t Du es!" schrie sie mit derselben funkelnden Leidenschaft. "So wei?t Du es! Dein Glaube ist niemals der meine geworden! Er pa?te mir nicht! Aber auch zu keinem andern Glauben bin ich gekommen. Immer dachte ich, es sei Sünde, da? ich nicht glauben konnte wie Du! Es lag wie ein Stein auf mir, da? ich nicht alle meine Kr?fte aufwenden konnte für etwas, das mein war! Darum bin ich nicht geworden wie andere. Alles war verpfuscht!" - "Und was h?tte denn aus Dir werden sollen, wie?" - "Oh - wenn Du gleich das Tollste wissen willst - Kunstreiterin!" antwortete sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Er blieb stehen; er traute seinen Ohren und Augen nicht. "Kunstreiterin!" Er lachte h?hnisch. "Wahrlich - ein gro?er Verlust für die Welt und für Dich, da? Du das nicht geworden bist, Josefine!" - "Das wu?t' ich, da? Du so denken würdest. Aber wenn es mein Los gewesen w?re, einen Zirkus zu leiten, so h?tt' ich Hunderten Brot und Tausenden ein gesundes Vergnügen verschafft. Das ist gar nicht so wenig, Du - das ist mehr, als die meisten Menschen leisten! Und was hab' ich so geleistet? Mit was für Kleinkram hab' ich mich besch?ftigt? Was hab' ich erreicht? Da? ich nahe daran bin, Dich und mich zu verachten! Was ist aus unserm Leben, was ist aus unserer Ehe geworden? Kannst Du ehrlich behaupten, Du fühltest noch Liebe zu mir? Kann ich behaupten, ich h?tte Dich noch lieb?" - "Nein, Josefine - wen Du lieb hast, das wissen wir beide!"- Wenn er sie geschlagen h?tte, wie ihr Bruder, sie h?tte nicht rasender sein k?nnen; erstens weil es überhaupt ausgesprochen wurde - sie wu?te ja kaum, da? man wagen konnte, es zu denken - und dann, weil der Mann es aussprach, der ihrem Bruder und ihr alles verdankte, was er war, und der trotzdem Schuld daran trug, da? die Geschwister entzweit waren. "Allerdings - er hat, was Du nicht hast!" antwortete sie, um ihn so recht empfindlich zu verletzen. "Im übrigen ist es erb?rmlich von Dir, so etwas zu sagen." - "So? Glaubst Du, ich wü?te nicht, da? es seine Schuld ist, wenn ich Dich verloren habe, Dich und meinen h?uslichen Frieden und dadurch die Freudigkeit für meinen Beruf, und da? mir nun auch noch die Gefahr droht, mein Kind zu verlieren?"

Seine Stimme zitterte; er hatte anfangs im Zorn gesprochen, doch der Zorn ging über in tiefes Leid, und der gleiche Vorgang war in ihr. Sie h?tte am liebsten laut geweint. Doch keines wollte einem weicheren Gefühl nachgeben. Sie stand am Fenster und blickte hinaus. Er ging im Zimmer auf und ab. Ein langes, langes Schweigen. Und w?hrenddessen gewann in ihr der Zorn wieder die Oberhand. Seine schweren Schritte klangen ihr voll Trotz; auch in dem Schweigen lag Trotz. Und das, was er vorhin gesagt hatte, war sch?ndlich.

"Also," sagte sie, ohne ihn anzusehen, "Du kennst nun die Bedingung. Solche M?rchen, wie die Spukgeschichte von Kristen Larssen ... erz?hlst Du, und hast sie dabei nicht einmal untersucht. Und genau so ist es mit den M?rchen vom Paradiese, an die glaubst Du nicht einmal und erz?hlst sie doch. Kann ich Achtung haben vor so etwas? Da ist mein Bruder doch ein anderer Mensch! Der ist doch aufrichtig. Kommst Du meinem Jungen noch weiterhin mit solchen M?rchen, ohne ihm zu sagen, da? es M?rchen sind," - und jetzt wandte sie sich um - "so ist es aus mit uns beiden, Ole! Bei Gott, es ist aus! Niemals wird es Dir gelingen, ihn mir wegzunehmen durch so etwas!" Sie trat auf ihn zu. "Darin gebe ich nie und nimmer nach, Ole!" Sie ging.

* * *

Am selben Sonntag und zur selben Zeit kam Kallem nach Hause zum Mittagessen, das bei ihm etwas sp?ter lag als bei seinem Schwager.

Schon durch die Küchentür sah er Ragni in einer gro?en Schürze, die bis unters Kinn reichte, am Küchentisch stehen und Gemüse putzen. Er legte im Flur ab und ging zu ihr hinein; in letzter Zeit war in ihm eine stetig wachsende Angst, die er ihr jedoch verbarg. War es die wei?e Schürze, die einen so bleichen Schein über sie warf, oder der Dampf von Sigrids Braten - Ragni sah entsetzlich schlecht aus. Und sie hatte sicher geweint! Das schnitt ihm ins Herz. Sie sah nicht von ihrer Arbeit auf, sondern sagte: "Wir haben einen Gast zu Tisch." - "So?" - "Ja, Otto Meek, Karls Vater, ist heut Vormittag dagewesen und kommt zum Essen." - "Wie geht's denn Karl?" - "Nicht gut. Da kommt ja Herr Meek." Der gro?e Kopf in der Pelzmütze tauchte jenseits des Zaunes auf; jetzt trat Meek in den Garten; und Kallem ging ihm entgegen. Früher, als Meek noch praktizierte, hatte auch er sich besonders mit Brustkrankheiten befa?t, die in dieser Gegend des Landes nur allzu verbreitet waren, und er verfolgte Kallems Arbeit am Krankenhaus und seine Schriften mit reger Teilnahme; Kallem freute sich über sein Kommen. W?hrend er ihm half, den überzieher abzulegen, sagte er, Ragni habe ihm erz?hlt, es ginge Karl nicht gut. "Nein, es geht ihm nicht gut." - "Was ist es denn?" - "Ja, deshalb bin ich gerade gekommen," erwiderte Meek. - "Haben Sie mit meiner Frau darüber gesprochen?" - "Ja." Sie gingen beide ins Zimmer. Es war warm und gemütlich drin; der Flügel stand offen. Hatte sie gespielt, als Meek gekommen war? Dann konnte es ihr nicht so schlecht gehen, wie es aussah; er brannte darauf, sie zu untersuchen.

Meek war heute noch schwerf?lliger und schweigsamer als gew?hnlich. "Na," sagte Kallem, "haben Sie sich über Karl geeinigt, Sie und meine Frau?" - Meek sah ein bi?chen verwundert auf. "Sie meinen, da? man ihm schreiben soll?" - "Na ja, das auch. Es hat natürlich - wie schon oft

- eine kleine Reiberei gegeben?" - "Ja", antwortete Meek und schwieg dann wieder. - "Sie denken wohl, ich wü?te etwas davon? Nein, mein Bester, keinen Schimmer!" Meek schien immer nachdenklicher zu werden. "Ich habe Ihrer Frau gesagt, sie müsse es Ihnen sagen. Es ist ja sch?n von ihr, da? sie es nicht getan hat. Aber die Sache f?ngt an, eine gef?hrliche Wendung zu nehmen." Seine schwermütigen Augen blickten in Kallems Augen. - "Gef?hrlich, sagen Sie?" - "Ja. Ich mu? ihn nach Hause kommen lassen." - Kallem sprang von seinem Stuhl auf; Meek fuhr fort: "Es hat gar keinen Zweck, da? er dort ist." - "Aber, mein Gott, was ist denn los? Wollen Sie, da? wir es wieder mit ihm versuchen?" - Kallem dachte, der Junge habe m?glicherweise einen Rückfall gehabt. Meek sah ihn forschend, beinah erschrocken an. "Wie geht es eigentlich Ihrer Frau?" Kallem wurde rot; das traf wie ein Schu? mitten in seine heimliche Angst. "Sie hat sich eine h??liche Erk?ltung zugezogen, die nicht weichen will; ich habe eine Zeitlang geglaubt, ... Wissen Sie was? K?nnten Sie sie nicht einmal untersuchen?" Sein Zweifel war zur Gewi?heit geworden; sein Herz schlug so, da? er selber sie nicht h?tte untersuchen k?nnen. Meek sah ihn noch immer an; und Kallems Angst wurde immer gr??er. "Ich bitte Sie, wollen Sie sie nicht untersuchen?" - "Doch, natürlich. Sie haben es in der letzten Zeit nicht getan?" - "In der allerletzten Zeit nicht. Ich wollte sie nicht ?ngstigen. Ihre Phantasie bem?chtigt sich gleich der Sache, und das ist bei ihr furchtbar gef?hrlich. Au?erdem war da noch etwas anderes ... Aber jetzt werd' ich -" Er wollte hinausgehen und sie holen. "Haben Sie ihren Vater gekannt?" fragte Meek. Kallem überlief es kalt. "Haben Sie ...?" - "Ja. Ich war Fischerarzt dort oben." - "War er -?" fragte Kallem atemlos, und verschluckte den Schlu?. Meek nickte blo?. Kallem griff sich mit beiden H?nden an den Kopf, eilte nach der Tür, und kam wieder zurück: "Wollen Sie jetzt gleich, auf der Stelle, sie untersuchen, ja?" - "Wie Sie wünschen." - Kallem führte sie behutsam herein, ohne da? sie erst hatte die Schürze abbinden k?nnen; sanft zog er sie ans Fenster. Ja, sie hatte geweint. Und diese Ringe um die Augen, die Magerkeit, die Farbe -! Sie sah sein Entsetzen und deutete es falsch. Drau?en in der Küche hatte sie gedacht: jetzt sprechen sie von Karl. Jetzt erf?hrt Kallem, was geschehen ist, und warum ich keine Briefe mehr von ihm haben will. Als sie nun Kallems Aufregung sah, dachte sie: ist er b?se, weil ich nichts gesagt habe? Das konnte sie nicht ertragen; ihr wurde kalt und hei?. - "Liebe, liebste Ragni, darf Doktor Meek nicht mal Deine Brust untersuchen?" Also das war es -! Sie erschrak aufs heftigste und sah ihn wie ein wundes Tier an, das um Schonung fleht. Aber er bat wieder und begann behutsam ihr die gro?e Schürze abzubinden; und gehorsam wie sie war, fügte sie sich.

Gleich an der ganzen Art, wie und wo Meek innehielt und wieder horchte, merkte Kallem, da? da etwas Entsetzliches über sie beide hereingebrochen war. Ihre ver?ngstigten Blicke suchten die Augen des Gatten und vermehrten seinen eigenen Schmerz - ahnte sie es selbst? Oder war es ein Vorwurf, da? er einen andern das tun lie??

Jetzt lag der gro?e Kopf an ihrem Rücken. An der rechten Seite - da ... Verdichtung in der Lungenspitze? Kavernen im Gewebe? Er dachte sich das Schlimmste - und sie auch; das sah er. Wu?te sie vielleicht mehr, als sie hatte sagen wollen? Verheimlichte sie ihm etwas, ebenso wie er seine Furcht verheimlichte? O Gott, so kummervoll fragend sucht kein Auge das andere, es sei denn in Todesangst! Auch ihn packte sie.

"Haben Sie in der letzten Zeit au?ergew?hnlich viel gehustet?" Sie schien unsicher, was sie antworten solle, und blickte flehend auf Kallem. Ihre H?nde zitterten, und sie wollte es verbergen; Meek sah es. "Fühlen Sie sich sehr matt, wenn Sie spazieren gehen?" fragte er. Wieder blickte sie verzweifelt auf Kallem, als wolle sie ihn dafür um Verzeihung bitten. "Kommen Sie leicht au?er Atem?" fuhr der andere fort. - "Ja." - "Fühlen Sie sich manchmal sehr entkr?ftet, - fast als ob Sie ohnm?chtig werden wollten?" In schrecklicher Angst sah sie jetzt Kallem an. - "Sind Sie etwa schon in Ohnmacht gefallen?" - "Ja." - "Ist das wahr?" rief Kallem. - "Ja, heute", sagte sie hastig, mit zitternder Stimme. - "Nachdem ich mit Ihnen gesprochen hatte?" - "Ja. Ich wollte gern ein bi?chen frische Luft sch?pfen, und ..." Bei diesen Worten brachen die Tr?nen hervor.

Meek wartete eine Weile. "Wenn Sie husten, - haben Sie dann Schmerzen hier?" er zeigte auf das rechte Schlüsselbein. Sie nickte. "Haben Sie jemals Ihren Auswurf angesehen?" Sie antwortete nicht. "Haben Sie ihn nie angesehen?" - "Doch, gestern Abend." - "Nun, und - ?" Sie schwieg und starrte zu Boden. - "War Blut darin?" - Sie nickte; die Tr?nen liefen ihr über die Wangen; sie wagte nicht mehr aufzusehen.

Kallem stand da, unf?hig zu sprechen. Meek fragte nicht weiter. Ragni ordnete ihre Toilette. Meek reichte ihr stillschweigend ein Tuch, das sie abgenommen hatte, als die Untersuchung begann. Und w?hrend sie hilflos dasa? und es wieder umzubinden versuchte, schien Kallem etwas einzufallen, was er im Arbeitszimmer holen mu?te. Er kam nicht wieder. Sie wu?te weshalb; und eine Weile zweifelte sie, ob sie überhaupt aufstehen k?nne, und hatte ein Gefühl, als würde sie wieder ohnm?chtig werden; aber der Gedanke an ihn, der da drin in seinem Studierzimmer sa?, überwand die Ohnmachtsanwandlung; sie wollte zu ihm. Sie bat Meek um Entschuldigung, stand auf, ging auf die E?zimmertür zu und verschwand. Auch sie kam nicht wieder.

Meek wartete eine Weile, wartete lang und l?nger. Dann ging er auf den Flur, zog seinen Mantel an, rief zur Küchentür hinein, er müsse gehen, und bat, die Herrschaften zu grü?en.

Sigrid suchte sie in der Wohnstube, klopfte an die Tür des Arbeitszimmers, - keine Antwort. Sie horchte und ?ffnete schlie?lich. Kallem lag auf dem Sofa; Ragni kniete, an ihn gelehnt, vor ihm. Leise meldete Sigrid, das Essen sei fertig, und Doktor Meek sei fortgegangen. Keines antwortete; keines blickte auf.

Edvard und Ragni hatten bis jetzt geglaubt, der Tag, an dem Ragni nach Amerika gereist, sei der schwerste ihres Lebens gewesen; brieflich und mündlich hatten sie einander gesagt, das sei ein Gefühl gewesen, als mü?ten sie sterben. Aber der Tod ist noch anders; er gleicht nichts sonst auf der Welt. Das erfuhren sie jetzt. -

Auf diesen Tag folgte eine lange Zeit voll Kampf ohne Hoffnung, voll Verzweiflung ohne Worte, voll innigster Liebe ohne Freude. Ragni hatte allerlei zu "ordnen", womit sie in der Stille anfing. Sie hatte auch verschiedenes zu schreiben, und so oft sie nur irgend konnte, machte sie sich daran, schrieb, strich aus, - nach langer Arbeit wurde das Ganze nur kurz. Aber so lange sie mit dem besch?ftigt war, was sie sich zu erledigen vorgenommen hatte, ging es ihr leidlich. Kallem war ganz erstaunt.

Er selbst hatte allen Mut verloren. Er sah das Schlimmste kommen. Am l?ngsten str?ubte er sich, ihren Auswurf zu untersuchen; ... er wu?te im voraus, da? er den Tuberkelbazillus darin finden würde, den Feind, zu dessen Bek?mpfung er Verm?gen und Leben eingesetzt hatte. Nun war er vom Feind in seinem eigenen Hause besiegt worden. Aber eines Tages mu?te er doch darangehen; und er fand ihn. Er rannte nicht im Laboratorium auf und ab, er weinte nicht, er rang nicht die H?nde. Er versuchte nur, ob er ohne sie denken k?nne; aber immer dachte er nur an sie. Von der ersten Stunde ihrer Begegnung an - all die kleinen Züge, die unbedeutendsten Beweise ihrer Anmut und Begabung, ihre Schw?chen ebenso wie ihre schweigende, poetische Liebe - alles durchlebte er noch einmal mit der gleichen Wonne, dem gleichen Schmerz; alles war ihm gleich lieb, gleich unentbehrlich; unz?hlige Begebenheiten voll Humor, W?rme, Furcht, Sch?nheitssinn, Hingebung an den Augenblick - alle sahen sie ihn an wie Augen. Wo sollte er hin? Was sollte er weiter? Sie war ja auch in all seinen Arbeiten. Ihr Bild aus dem dritten Jahr in Amerika stand drüben auf dem Kaminsims; es war seinerzeit gekommen als erster Abdruck dessen, was ihr geistiges Entwicklungsleben in Gesicht und Augen hineinmodelliert hatte, eine wundervolle Best?tigung dessen, was er geahnt hatte, als er sie hinüberschickte. Aus dem Bild heraus suchten ihre Augen wie immer die seinen; dieses L?cheln ihrer Augen war ihm in der Wartezeit wie eine Verhei?ung alles Guten gewesen! Und was war es ihm eben dadurch nicht alles gewesen! Jetzt str?mten wieder die Erinnerungen herbei an ihr erstes Wiedersehen, an die ersten Worte, die erste Verlegenheit über das Fremde, das hinzugekommen war, das erste ganze, volle Wiedererkennen, die erste Umarmung ...

Und das nur, um zu sagen, da? nun alles zu Ende gehe! Auch alles, was er im Zusammenleben mit ihr gedacht und getan hatte, seine Freude daran, seine Kraft, sein Glaube. Was in aller Welt war nur geschehen? Er mu?te wirklich einmal mit ihr darüber sprechen. Da war etwas, was sie ihm verheimlichte. Eine Unvorsichtigkeit, die sie nicht einzugestehen wagte? Was konnte es sein? Aber in sie dringen mochte er nicht.

Dann, eines Tages, als er nach Hause kam, fand er sie nicht unten. Und als er hinaufkam, lag sie im Bett! Sie streckte ihre Hand aus - wie mager die geworden war! - und richtete die gro?en Augen mit einem matten, halbverschleierten Ausdruck auf ihn: "Ich hab' mich ein bi?chen hingelegt", flüsterte sie; "blo? auf einen Augenblick!" Sie sah nicht einmal so schlecht aus, vielleicht weil sie lag. Er setzte sich an ihr Bett und hielt ihre lange, magere Hand zwischen seinen beiden H?nden.

"Hinter all dem", begann er vorsichtig, "steckt etwas, in das ich nicht eingeweiht bin. Einmal war ich auf vollst?ndig falscher F?hrte; aber auch sp?ter ist es schneller gegangen, als ich begreife - einfach, weil ich nicht wachsam genug gewesen bin. Da steckt etwas dahinter, irgendeine gro?e, vielleicht wiederholte Unvorsichtigkeit, die ich nicht mit in Rechnung gezogen habe. Schatz, sag' es mir jetzt; sonst hab' ich keine Ruhe."

"Ich will es Dir sagen. Ich habe es mir eben überlegt. Drunten in meinem Schreibtisch sind ein paar Papiere, im ersten Fach links; die sind alle für Dich. Die sollst Du lesen, wenn -" sie unterbrach sich selbst. "Sp?ter!" fügte sie hinzu und drückte schwach seine Hand. - "Also jetzt soll ich es nicht erfahren:" - "Doch, das, wonach Du fragst, gewi?. Ich kam nur nicht so weit." Sie bat ihn, sie etwas anders zu legen, und er half ihr. - "Doch, Du sollst es wissen. Nur Dir zuliebe habe ich es verheimlicht," - ihre Augen füllten sich mit Tr?nen, - "Du, mein ..." Wieder ein leiser H?ndedruck und ein L?cheln. Er trocknete ihre Tr?nen mit seinem Taschentuch ab und wischte sich heimlich die Augen hinter der Brille. Sie lag und sah ihn an, ohne zu sprechen; hatte sie es vergessen oder überlegte sie? Er beugte sich über sie: "Nun -?" fragte er; "willst Du es mir nicht sagen?" - "Doch! Das, was zu oberst liegt, von Karls Hand, das kannst Du gleich lesen. Das andere nicht." - "Steht es denn in Karls Brief?" Sie nickte. "Der Schlüssel?" flüsterte er. "Der steckt", antwortete sie, ohne die Augen zu ?ffnen, und lie? seine Hand los.

Er ging hinunter, ?ffnete das Fach und nahm den Brief heraus, den wir kennen; dann setzte er sich hin, um ihn gründlich zu lesen.

Sein Entsetzen! Und seine Emp?rung, - und seine Ohnmacht! Und davon hatte er nichts erfahren, als es noch Zeit war! Er lief wie ein Rasender auf und ab; dann setzte er sich aufs neue hin, wie gel?hmt. Er fa?te Entschlüsse und verwarf sie wieder! Vor alle Welt wollte er hintreten und ihnen zurufen, es sei eine Lüge! In den Betsaal wollte er einbrechen, wenn er gesteckt voll war, auf die Kanzel steigen und sie des feigsten, erb?rmlichsten Mordes anklagen! ... Und dann wieder fiel ihm ein, da? Ragni, selbst wenn sie ganz gesund gewesen, an so etwas gestorben w?re.

Er selbst lebte nur dafür, den Menschen so viel Gutes zu erweisen, wie er nur konnte; und nicht ein einziger unter ihnen war ehrlich genug, war dankbar genug oder auch nur emp?rt genug, ihm zu sagen, da? er wachen müsse über seinem und seiner Frau guten Namen, über der Ehre seiner Ehe! So viel tr?ge Verantwortungslosigkeit! So viel Raum für Splitterrichterei und Bosheit in dieser "christlichen" Gesellschaft! Jetzt verstand er seine Schwester! Diese Verleumdung hatte sie geglaubt! Das also war es, worüber sie mit ihm hatte reden wollen an jenem Abend, als sie auf ihn gewartet! Und aus Emp?rung über das, was sie so steif und fest glaubte - was trauen die Menschen einem Freidenker nicht alles zu? - hatte sie ihnen den "Walfisch" auf den Hals geschickt! Alle, die nicht fünfe gerade sein lie?en, glaubten daran, alle verurteilten, niemand erhob Einspruch, niemand kam!

Das also hatte nun Ragni von ihrer Herzensgüte gegen Karl! Sie war um so uneigennütziger gewesen, als sie anfangs und auch sp?ter noch oft nur mit überwindung ihrer eigensten Natur darangegangen war; erst jetzt, hinterher, hatte er das erfahren. Er kannte kein lieberes Gesch?pf als sie! Und ihr gro?es, warmes Gemüt, das sollten diese ...! Diese Schurken, diese gewissenlosen Zionsw?chter, diese psalmodierenden Egoisten und herzenskalten Gebetmacher! Er las Karls Brief noch einmal; Karl tat ihm so herzlich leid. Armer, armer Junge! Natürlich hatte die Liebe in ihm erwachen müssen! Welcher brave Kerl würde nicht ein Wesen anbeten, dem die Menschen um seinetwillen so schweres Unrecht antaten? Da mu?te ja die Dankbarkeit und Bewunderung des Jungen zuletzt zu Liebe werden! Sowie Karl zurückkehrte, sollte er zu ihnen kommen! Ganz sicher! Und hier sollte er bleiben, bis sie ihren letzten Atemzug getan hatte! Und seinen Arm wollte er nehmen, seinen und keinen andern ... an jenem furchtbaren Tag ... hinter ihrem Sarg ...! Er warf sich aufs Sofa und schrie laut auf.

Vielleicht war er zu sehr von seinen eigenen Interessen eingenommen gewesen; er h?tte mehr mit Menschen umgehen, h?tte sie unter Menschen bringen sollen; dann w?re das nie geschehen. Keiner, der einen tieferen Eindruck von ihrer reinen Seelengüte empfangen h?tte, würde gewagt haben ... obgleich - wer wei?? Dogmenblinde Gewohnheitstiere sehen nicht.

Sigrid kam gerannt: der Frau Doktor sei wieder schlecht geworden; ein Hustenanfall. In neun, zehn S?tzen nahm er Zimmer, Flur und Treppen; der Anfall war vorüber, als er kam; sie lag da, in Schwei? wie gebadet, so matt, so hinf?llig, da? sie jeden Augenblick ohnm?chtig werden konnte. Ihr Auswurf war grünlich, mit ziemlich viel Blut darin; er kannte das. Er erkl?rte es sich damit, da? er zu lange weggeblieben war; ihre Spannung hatte sich gesteigert, sie war hei? geworden, hatte sich aufgedeckt ... Sie lag mit geschlossenen Augen da und er verhalf ihr zum Schlafen. Fortan verlie? sie das Zimmer nicht mehr.

Von ihrem Bett ging er sogleich an seinen Schreibtisch, um Doktor Meek mitzuteilen, was geschehen war, und ohne sich auf weiteres einzulassen, schlo? er: "Wenn Karl zurück ist, so sehen wir ihn wohl bald? Ich wei? jetzt alles."

Dann ging er aus, um eine Pflegerin zu besorgen, und sowie er zurückkam, wieder zu ihr hinauf. Sie schien sich leichter zu fühlen und schlief; und als sie endlich aufwachte, war er das erste, was ihre Augen trafen. Er gab ihr zu trinken, liebkoste sie, und die Fragen in ihren Blicken erwiderte er mit Küssen auf ihre magere Hand, w?hrend es um seinen Mund zuckte und Tr?nen die Brillengl?ser benetzten.

Aber sie redeten von ganz anderen Dingen: da? ihre Schwester nicht kommen k?nne, und da? er Sissel Aune zu Ragnis Pflege geholt habe; sie eigne sich von allen, die er kenne, am besten dazu und sei ihnen treu ergeben. Ragni nickte zustimmend. Und dabei sahen sie einander an, wie Menschen, die sich nicht satt aneinander sehen k?nnen. Und beide dachten an das, was sie nun beide wu?ten - an die Ursache, weshalb sie jetzt so dalag. "Der arme Karl!" flüsterte sie. "Der arme Karl!" wiederholte er.

Er mu?te aufstehen und tat, als habe er unten etwas vergessen; irgendein Vorwand fand sich ja immer.

H?tte er nur wenigstens mit ihr reden k?nnen! Aber er wagte es nicht. Er hatte auch keine Zeit, mit sich selber allein zu sein. Er machte nur die notwendigsten Besuche im Krankenhaus und schr?nkte seine Sprechstunden m?glichst ein; von allem andern machte er sich v?llig frei, um bei ihr sitzen zu k?nnen.

Er hatte den Menschen sein Verm?gen und seine Arbeit geopfert, und nun lohnten sie ihm damit, da? sie sein Lebensglück mordeten - wie grausam fand er das! Was ist das für ein Ma?, mit dem die Menschen messen, wenn nicht ein Blick auf Ragni ihnen sagt, da? sie das feinste, reinste kleine Wesen unter der Sonne ist? Das war und blieb ihm unfa?lich! Diese Blindheit emp?rte ihn immer wieder! Von denen, die er kannte, schlo? er auf die andern: nichts als Mittelware, für gew?hnlich nicht uneben, aber selbstverst?ndlich nie über die Grenzen hinaus! Alle gingen sie in die Kirche, viele noch obendrein in die Betstunde - Pastor Tufts Leibgarde. Unter ihr hatte er auch mehrere ganz anst?ndige, vorsichtige Menschen getroffen. Und trotzdem - ebenso gewissenlos in ihrem Urteil, so liebevoll-grausam - lauter makellose M?rder!

Nicht einer, den er an der Gurgel packen konnte: "Du bist es! Du sollst mir Rede stehen!" Alle - und keiner. Sanfte Mitwisser, liebenswürdige Mitschuldige. Eine war da - die stand abseiten - Josefine. Josefine hatte die Geschichte nicht aufgebracht; das war nicht ihre Art. Aber glauben, was einmal im Umlauf war, wenn es jemand galt, gegen den sie eingenommen war, - ja. Mit eisigem Schweigen lie? sie dann die andern bei ihrem h??lichen Glauben beharren - oder schürte ihn noch gar. Wie sein Herz sich mit Erbitterung gegen sie füllte! Trotzdem sie sicher nicht der Urheber war - das wiederholte er sich wieder und wieder; sie h?tte die Verleumdung gar nicht über ihre Lippen gebracht, dazu war sie zu vornehm, - aber Josefine trug die Hauptverantwortung für diesen Mord! Er war überzeugt - so wenig sie selbst Christin war - die christliche Dogmensucht hatte sich auch in ihr beleidigt gefühlt durch die Ungl?ubigkeit eines kleinen Menschenwesens, - sich beleidigt gefühlt, weil ein so schuldbeladenes Gesch?pf es wagte, ihren Glauben zu verwerfen. Daher jene merkwürdig peinliche "Gerechtigkeit", die so sicher und so wohlmeinend t?tete.

Aber so weit war er ihr verwandt, da? auch ihn jetzt die tiefsten Schauer der Rachsucht durchtobten. Auch er nannte sie "Gerechtigkeit"; und auch er hatte keine Ahnung, da? er sich selbst belog. Wenn er bei Ragni sa?, fühlte er nichts davon; ihre N?he allein machte ihn gut. Bei ihr wurde er, wenn ihm solche Gedanken kamen, furchtbar aufgeregt, streichelte ihre Hand, strich ihr über die Stirn, sah ihr ins Auge, rückte ihr die Kissen zurecht - bis er gehen mu?te; denn sonst w?re er niedergekniet und h?tte alle Selbstbeherrschung verloren.

Da sa? nun die stattliche Sissel Aune. Ihre dunkeln Augen wachten mit verst?ndiger Ruhe und wandten sich zuweilen teilnahmsvoll ihm zu. In ihr hatte er alle die Menschen um sich, denen er etwas gewesen war, die ihm gern geholfen h?tten, jetzt, wenn sie's nur gekonnt h?tten. Aase und S?ren Pedersen kamen jeden Morgen an die Küchentür geschlichen, um nachzufragen, wie es gehe; und je mehr die Kunde sich verbreitete, desto mehr Menschen kamen - alle still und voll Teilnahme. Sigrid selber fiel es schwer, zu Ragni hinaufzugehen; sie mu?te dann immer gleich weinen. Aber manchmal kam sie doch - z. B. wenn Frau Oberst Bajer eine sch?ne Topfblume abgab, die sie den Winter über mit Liebe gro?gezogen hatte und der strengen K?lte wegen unter dem Mantel daherbrachte. Die mu?te Sigrid doch ins Krankenzimmer hinauftragen und so stellen, da? Ragni sie sehen konnte. Ein M?dchen, deren Kind Kallem von schwerer Krankheit geheilt hatte - dieselbe, die Kristen Larssen hatte spuken sehen - und die ebenfalls einen Blumentopf besa?, einen einzigen, brachte ihn auch an, als sie von der Gabe der Oberstfrau h?rte. Der Topf, in dem die Pflanze stand, war mehr als einfach; aber was tat's?

Kallem h?tte es ja sonst nicht ausgehalten.

Eines Tags, als er vom Krankenhaus zurückkam, wo etwas Besonderes vorlag, und gedankenvoll durch den Flur ging, sah er fremde Reisekleider dort h?ngen. Bevor er selber ablegte, ?ffnete er die Wohnzimmertür. Am Verandafenster standen Otto und Karl Meek. Karl wandte sich zuerst um, ging auf Kallem zu und fiel ihm um den Hals. Er sah schlecht aus und hatte etwas Unruhiges, fast Verwirrtes. Sein langes Haar war ungepflegt, sein ovales Gesicht, schon an sich gro?, schien noch gr??er geworden zu sein. Die Augen darin brannten schmachtend, mit einer Leidenschaft, wie sie Kallem nicht an ihm kannte. Und diese Augen lie?en die seinen nicht los. Ein Flehen um Nachsicht war in ihnen, die Geschichte eines gro?en Schmerzes, der ihn verfolgte, wo er ging und stand. Karl konnte seine Bewegung nicht meistern, vermochte nicht ruhig zu sein; und als Kallem nun auch mit dem Vater reden mu?te, fing er an, sich umzusehen, ging zum Flügel hin, strich mit der Hand über die Tische, betastete die Blumen, bl?tterte in den Noten, ging dann ins E?zimmer, in die Studierstube. Dort blieb er lange - allein. Dann ging er hinaus in die Küche, zu Sigrid, und blieb drau?en. Kallem sah sich wiederholt nach ihm um; Doktor Meek bemerkte es und sagte: "Wir Meeks haben alle starke Gefühle. Wir haben versucht, sie zu zügeln; aber der dort kann seine nicht zügeln; sie werden blo? eingezw?ngt auf der einen Seite, um auf der andern wieder hervorzubrechen." Karl trat wieder ein; ganz verweint. Kallem wollte nicht, da? er so zu Ragni hinaufgehe; jedenfalls müsse er erst warten, bis er ruhiger geworden sei. Karl beteuerte, oben würde er sogleich ruhig werden; er bat inst?ndig, man solle ihn hinauf lassen; umsonst. Er sollte sie heute überhaupt nicht mehr sehen. Der Abend war immer ihre schlimmste Zeit; sie durfte gar nicht einmal wissen, da? er überhaupt da sei.

Am andern Vormittag, als sie zurecht gemacht war, teilte Kallem ihr mit, da? Doktor Meek in der Stadt und gestern Abend dagewesen sei, um sich nach ihr zu erkundigen. - "Und Karl?" fragte sie. - Ja, Karl sei auch mitgekommen. - Eine Weile lag sie da, ohne etwas zu sagen. "Wenn unten gespielt wird, mu? ich es hier h?ren!" - "Ja, wenn die Tür offen ist; aber meinst Du wirklich ...?" Der Flur war warm und abgeschlossen; durch ihn wurden alle R?ume oben gelüftet; also in der Beziehung stand nichts im Wege. "Glaubst Du wirklich, Du k?nntest Musik vertragen?" - "Ich sehne mich nach Musik!" erwiderte sie. Sissel Aune sah den Doktor an; sie war augenscheinlich nicht dafür. "Karl darf Dich wohl nicht begrü?en, wie?" Ragni faltete den Zipfel des Leintuchs mit der einen Hand zusammen; in der andern hielt sie das Taschentuch. Sie antwortete nicht; es war ihr offenbar peinlich. "Aber Doktor Meek darf Dir doch guten Tag sagen?" - "Mu? es sein?" - Kallem w?re es lieb gewesen, wenn er sie gesehen h?tte. Sp?ter kam Doktor Meek, und Kallem erz?hlte ihm alles. Karl bat voller Demut, ob er nicht - hinter den andern - an der Tür stehen dürfe. Er wolle kein Wort reden, sich nicht rühren, gleich wieder gehen. Kallem fühlte Mitleid mit ihm und mochte es ihm nicht abschlagen. Er ging erst zu Ragni hinein und meldete Doktor Meek; dann kam dieser; und sein breiter Rücken verdeckte Karl, der sich an der Tür aufstellte. Ragni lag mit dem Antlitz dem Licht abgekehrt, also nach der Tür zu. Sie sah Karl nicht, er aber sah einen flüchtigen Augenblick lang ihr abgemagertes, hohlwangiges Antlitz, die Fieberrosen, die trockenen Lippen; die Augen mit ihrem Glanz glichen einem langen Notschrei. Um den zehrenden Durst zu l?schen, der sie Tag und Nacht qu?lte, trat auch Sissel ans Bett, halb vor sie hin und stützte und erquickte sie.

Meek fragte nach diesem und jenem; sie antwortete zerstreut und sp?hte furchtsam nach beiden Seiten an ihm vorüber; ahnte sie, da? Karl da war? Nachher ver?nderte sie ihre Lage etwas und Sissel glitt wieder zur Seite; jetzt h?tte sie Karl sehen müssen; aber er war schon fort.

Sie fanden ihn nachher im Wohnzimmer, in sich verkrochen, verzweifelt. Aber er bat, man m?ge ihn dalassen, ihm sein altes Zimmer wieder geben; auch wenn er sie nicht wieder sehen dürfe - er k?nne nicht fort von hier. Kallem wagte nicht, es ihm abzuschlagen; auch sein Vater schien es zu wünschen. Etwas an seinem ganzen Zustand ?ngstigte sie beide.

Am n?chsten Vormittag spielte Karl. Die Tür unten stand offen; Ragnis Tür war angelehnt; es klang ged?mpft und sch?n. Er hatte im Spielen Fortschritte gemacht; das Stück kannte sie nicht, aber es ergriff sie. Sie bat, ihn zu grü?en und ihm ihren Dank zu bestellen. Sp?ter spielte er noch einmal, am n?chsten Vormittag wieder. Schlie?lich erlaubte sie ihm, heraufzukommen und sie zu begrü?en. Karl versprach, ganz, ganz still zu sein und nur einen Augenblick zu bleiben. Schon im Flur ging er auf den Zehen und glitt wie ein Schatten ins Zimmer. Trotzdem kostete es ihn die gr??te Mühe, sich zu beherrschen. Aber sobald er unter der Gewalt ihrer Augen stand, wie in alten Tagen, empfand er, da? sie bang war vor ihm und es am liebsten gesehen h?tte, wenn er gleich wieder gegangen w?re. Das drückte ihn nieder; er stand da wie eine zaghafte Bitte, bleiben zu dürfen. Sie fühlte die Ver?nderung, die in ihm vorging; Kallem nahm ihre Hand, und sie beruhigte sich. Je l?nger er so dastand, desto gr??eres Mitleid empfand sie mit ihm. Er hatte gelitten, er war ein guter Junge; sie versuchte zu l?cheln, ja, sie streckte sogar ihre magere Hand aus. Karl sah Kallem an und nahm die Hand nicht, kam auch nicht n?her; aber eine hei?e Bewegung stieg in ihm auf, und wie um sie zu d?mpfen flüsterte sie: "Guter Karl!" Da ging er.

Nach dieser Begegnung war er still und in sich gekehrt, als grüble er über einen Entschlu?. Er sprach seltener mit Kallem, mit anderen gar nicht. Jeden Vormittag durfte er einen kurzen Augenblick zu ihr hinein; unten spielte er für sie und hielt sich im übrigen den ganzen Tag abseiten.

Eines Vormittags, als er wieder spielte, h?rte sie gleich am ersten Anschlag, da? das etwas von ihm selber war. Schon ein paarmal hatte er kleine Bruchstücke gespielt, die augenscheinlich von ihm waren; diesmal aber folgte er neuen Vorbildern; das Eigenartige seiner Begabung litt darunter. Dieses neue Stück war der Anlauf zu etwas Gr??erem, eine wilde Einleitung, aufgewühlte Leidenschaft - mein Gott, gewi? soll das er selber sein! dachte sie. Zuletzt, mitten in den Braus hinein, kam eine Stille, und eine Melodie l?ste sich daraus, treuherzig und zart; ob ich das wohl sein soll? Dann fing es an zu schreien und zu heulen um diese friedvolle, kleine Melodie herum - ein paar Takte Melodie, darauf Takte voll Jammer und Geschrei - das erste Thema schmetterte und sprudelte über das andere hinweg - - ?u?erst natürlich gemacht - zu natürlich, denn es wirkte unwiderstehlich komisch. Sie mu?te sich zusammennehmen, um nicht zu lachen; so etwas vertrug sie gar nicht. Sie sah Sissel Aune an, um sie zu bitten, doch schnell hinunterzugehen und dem Spiel ein Ende zu bereiten; aber auch auf Sissel Aunes klugem Gesicht lag ein solches Erstaunen über dies natürliche Geschrei - ja, k?nnen denn die Leute auch in der Musik schreien? Der letzte vergessene Rest von Ragnis alter Lustigkeit brach sich in einem hellen Lachen Bahn - und noch einem - und dann Husten! Wieder Husten, und wieder und wieder - ein Anfall, schlimmer, als sie ihn je gehabt hatte.

Karl h?rte mitten im Spiele, da? es in der Küche klingelte und klingelte; er h?rte Sigrid die Treppe hinaufstürmen und gleich darauf wieder zurückkommen und nach dem Doktor rufen. Er wu?te, da? der Doktor soeben ins Krankenhaus gegangen war, und lief selber, ohne Mantel und Hut, ihm nach, fand ihn aber nicht gleich, so da? beide erst kamen, als der Anfall schon vorbei war. Mehr Blut als gew?hnlich im Auswurf. Kallem war sehr erschrocken; Karl, der ihm, ohne es selber zu wissen, ins Krankenzimmer gefolgt war, sah es und zog sich augenblicklich zurück.

Sp?ter wurde das Zimmer gelüftet; Kallem war noch immer bei Ragni. Da kam Karl an die Tür und h?rte ihn sprechen; er wagte, hineinzublicken. Ragni lag matt in ihrem Bett; Kallem hatte sie eben gefragt, ob sie nicht ein bi?chen Erleichterung spüre. Undeutlich sah sie Karl, sein gro?es, erschrockenes Gesicht. Sie dachte daran, da? sie ihn ausgelacht hatte; sie hatte durch Kallem geh?rt, wie er in seiner Angst ohne Hut und Mantel davongestürmt war. Und sie gab Kallem ein Zeichen, Karl hereinzulassen. Sie l?chelte ihm zu, hob sogar ein wenig - ein ganz klein wenig - die Hand. War es, um zu danken? Er wagte sich n?her heran; heute wollte er ihre Hand fassen; noch mehr wollte er - er wollte sich über sie beugen; in seinen Augen glomm es auf. Kallem, der rechts von Ragni stand, sah es, sah zugleich, da? die Hand, über die Karl sich beugen, die er vielleicht küssen wollte, das Taschentuch hielt; hastig sagte er: "La?, Karl!" Karl richtete sich auch wieder auf und sah sie beide an; aber wieder glomm es wunderlich in seinen Augen auf, und wie der Blitz hatte er sich über Hand und Taschentuch gebeugt und beide gekü?t. Eh noch Zeit war, ein Wort zu sprechen, stand er wieder aufrecht, - stand da, wie einer, der zum Kampf gerüstet ist oder eine gro?e Tat vollbracht hat. Ragni lag da, mit Augen ohne Hoffnung, ohne Verst?ndnis; sie verstand seine kriegerische Haltung, seinen erhabenen Vorsatz nicht; desto besser aber seine erschreckende Unberechenbarkeit. Und Karl war schon zur Tür hinaus.

Wenn es seine Absicht war, mit ihr zu sterben, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht, und unter andern Umst?nden h?tte es komisch wirken müssen, besonders wenn man bedachte, da? sie nach ihrem Anfall eben wieder frisch zurecht gemacht worden, und da? das Taschentuch ganz frisch war. Aber Kallem dachte blo? daran, wie t?richte Menschen doch die beste Absicht ins Schlechteste verkehren k?nnen: für sie war es ein Schreck gewesen.

Sobald er konnte, suchte er Karl auf. Der hatte sich gerade zum Ausgehen angezogen. "Wo willst Du hin?" sagte Kallem. Karl antwortete nicht; er war im Innersten aufgewühlt; er wollte einfach hinaus! Kallem zog ihn mit sich ins Zimmer, stellte sich vor ihn hin und blickte ihm fest ins Auge; dann legte er den Arm um seinen Hals. Da brach Karl in Tr?nen aus. Er sei ein unm?glicher Mensch, klagte er, überflüssig, fertig, bevor er überhaupt angefangen habe, untauglich zu allem. Lange gelang es Kallem nicht, ein Wort dazwischen zu werfen, geschweige denn, ihn zu tr?sten; seine Erb?rmlichkeit, seine Unwürdigkeit seien zu gro?; er habe auch gar kein Talent. Seine letzte Komposition, seinem eigensten Leben entsprungen, wie keine andere, das wahrste, was er zu schaffen imstande war, habe er heut Vormittag gespielt; und da sei sie ihm einfach komisch, furchtbar komisch vorgekommen! - Aha! dachte Kallem. Da liegt der Hase im Pfeffer!

Und so war's. In ihrer Gegenwart fühlte er auch unwillkürlich ihr Urteil.

Kallem merkte, was für ein Mi?griff es gewesen war, ihn hierherkommen zu lassen. Mit Schrecken dachte er daran, was Ragni seinerzeit mit ihm hatte ausstehen müssen. Ihm selber machte es jetzt nicht geringe Mühe, ihn im Gleichgewicht zu halten.

Eines Tages - sie hatte eben nach Karl gefragt - sagte er zu ihr: "Sicher hast Du mehr Schererei mit ihm gehabt, als ich gewu?t habe?" Sie schlo? die Augen, ?ffnete sie wieder und l?chelte.

Karl ging nicht mehr zu ihr hinauf, bat auch nicht mehr darum. Spielen konnte er in all seiner Selbstqu?lerei nicht; Kallem mu?te ihn geradezu zwingen, ihm ein paar von seinen kleinen Stücken vorzuspielen. Er tat es nur bei geschlossenen Türen; aber Ragni h?rte es doch und sagte zu Kallem, sie seien gut, was auch er fand. Dieses Lob machte Karl wieder froh; und so leise gewann er wieder ein bi?chen Selbstvertrauen; nach und nach wurde er umg?nglicher.

Sobald Kallem um sich her ein bi?chen Ruhe geschaffen hatte, kam er selber an die Reihe. Sein mannhaftes K?mpfen hielt nicht immer stand, und Karl gingen endlich doch auch die Augen dafür auf, da? es noch andere Menschen gab, die litten, und da? man sich auch um andere kümmern konnte. Und nun schlug er vollst?ndig um, lebte nur noch für Kallem, war voller Aufmerksamkeit, voller Sorgfalt. Ein Trostmittel, das nie fehlschlug, wandte er am h?ufigsten an: von Ragni sprechen, sie bis ins einzelne schildern. Er konnte ein feines Bild von der Eigenart ihres Wesens, ihres Talentes geben, eine Handlungsweise, ein Wort von ihr künstlerisch darstellen; und die Verg?tterung, mit der er das tat, war gerade, was Kallem brauchte; er brauchte die leuchtende W?rme des Mitgefühls; denn mit ihrer zunehmenden Entkr?ftung brach auch er zusammen. Sie konnte nicht einmal mehr den Kopf auf dem Kissen halten; bald glitt er zur einen, bald zur andern Seite; ihre Augen hatten etwas übersinnliches, das alles verkl?rte, was sie ansah; ihre schmalen, stimmlosen Lippen waren offen vor Atemnot; wie sie so dalag, in dem wei?en Zimmer, dem wei?en Bett, in dem wei?en Nachtgewand, glich sie einem federlosen V?gelchen, das in einem verlassenen Daunennest nach Luft schnappt. Oft, wenn Kallem ihr Zimmer verlie?, weil er seinen Schmerz nicht mehr beherrschen konnte, oder weil er am Rande seiner Kraft, war es Karl, der ihn zur Ruhe brachte, der das rechte Wort fand, oder auch ganz allm?hlich ihn in einen endlosen Lobgesang auf sie hinüberleitete.

Sie vermochte nur wenig zu sprechen, hatte auch keine Lust dazu; aber aus allem, was sie sagte, ging hervor, da? sie sich nicht einen Augenblick lang über ihren Zustand t?uschte, wie etwa andere Lungenkranke es tun. Eines Tags machte sie Kallem ein Zeichen, er m?ge sich tiefer herabbeugen. "Kristen Larssen!" flüsterte sie. "Dort, in der Ecke." Dann l?chelte sie und fügte nach einem Weilchen hinzu: "Jetzt fürcht' ich mich nicht mehr vor ihm." Ein andermal schickte sie nach Kallem, blo? um ihm zu sagen: "Du sollst niemand gram sein - meinetwegen!" Sie nannte keinen Namen. Kallem drückte ihre durchsichtige Hand; ihr Blick umflo? sie wie ein ganzer Himmel von Güte. Zuweilen versuchte sie, noch ein L?cheln hinzuzufügen, das sie doch nicht mehr besa?. Wenn sie seine Tr?nen sah, winkte sie ihm, er solle sich bücken, und fuhr ihm mit den Fingern durchs Haar. Einmal, als er ihr in dieser Stellung dankte für alles, was sie ihm gewesen war, von der ersten Begegnung an bis jetzt, versuchte sie ihn an den Haaren zu zupfen; so etwas solle er bleiben lassen.

Fortan wurde zwischen ihnen kaum noch ein Wort gesprochen. Nur noch ihre Augen und H?nde sprachen. Sie waren eins in ihrem Schmerz und besa?en nichts mehr, was unausgesprochen war. Für die Dankbarkeit, die sie empfanden, für das Grauen, das sie vor dem Scheiden hatten, gab es ja auch keine Worte. Die Stunde nahte.

Eines Nachmittags h?rten sie Sissel klingeln, klingeln, klingeln. Sigrid stürzte hinauf, Kallem, Karl; Karl blieb vor der Tür stehen. Er h?rte, da? sie wieder einen Hustenanfall hatte, einen entsetzlichen. Er begriff nicht, da? sie überhaupt noch so viel Kraft hatte; jeder Hustenausbruch zerri? ihm die Brust, schnitt ihm ins Fleisch, zerbrach ihn; ihr Schmerzgest?hne dazwischen trieb ihm den Schwei? auf die Stirn; er konnte nicht lauschen und wagte auch nicht, zu gehen. Das mu?te ihr Letztes sein. Er h?rte Sigrid weinen, h?rte sie rufen: "Frau Doktor! Frau Doktor!" Und gleich darauf: "Sie stirbt!" Da ?ffnete er die Tür. Das erste, was er sah, war Blut. Da wurde ihm schlecht, und er fiel in Ohnmacht.

Als er erwachte, lag er auf seinem Bett. Sigrid sa? davor und weinte. Das war das erste, was er begriff. Dann fiel ihm das andere ein und er fragte: "Ist sie tot?" - "Der Herr Doktor glaubt, da? es bald zu Ende ist."

Sp?ter durften sie zu ihr, alle beide. Sie lag im Bett, als schliefe sie, wei? wie die Bettücher, in denen sie lag. Kallem hielt ihre Hand. Sein Gesicht sahen die Eintretenden nicht; aber von Zeit zu Zeit ein Zusammenzucken der Schultern; und sie h?rten ihn st?hnen. Auf der andern Seite stand Sissel. Seltsam, wie verschiedene Grade des Schmerzes es gab! Obgleich auf ihrem kr?ftigen, offenen Gesicht viel Mitgefühl lag - es war doch das einer Fremden; meilenweit entfernt von Kallems stummer Verzweiflung sah sie es mit an. "Ist sie tot?" flüsterte Sigrid. Sissel schüttelte den Kopf. Und Ragni h?rte die Frage; sie blickte auf. Mit ihrer allerletzten Kraft wollte sie ihnen noch einmal etwas Liebes erweisen - sie versuchte - man konnte nicht sagen zu l?cheln - dazu war sie nicht mehr imstande - aber ihnen noch einmal Kunde von sich zu geben. Erst Sigrid und Karl; dann aber ausschlie?lich Kallem. Bald darauf war sie tot.

Die andern gingen; Kallem blieb.

Als er hinunterkam, fand er niemand. Karl war auf sein Zimmer gegangen; Sigrid sa? mit Sissel in ihrer Kammer. Leer die Küche, leer die Stuben, leer das Studierzimmer. Er hatte ihr versprochen, etwas zu lesen, was sie geschrieben hatte - es lag unter Karls Brief. "Nachher!" stand darauf. Aber er konnte jetzt nicht, überhaupt nicht, solang sie noch im Hause war. Er stellte sich vor ihren Bücherst?nder und sah ihn an; auch der war ein Bild von ihr. Wie oft hatte er da gestanden und gel?chelt, wenn er die Büchertitel las! Jetzt fiel sein Auge auf die "Wildente" von Ibsen. Bei seiner Gr??e konnte er das Buch gerade so weit von oben herunter sehen, um zu bemerken, da? zwischen den letzten Bl?ttern eine Lücke war. Er zog das Buch heraus. Wirklich, sie hatte die Bl?tter, auf denen Hedvigs unglückliche Geschichte abschlie?t, - wie sie sich erschie?t und was darauf folgt - herausgeschnitten! Herausgeschnitten! Als habe es so nicht kommen dürfen!

Nichts h?tte ihn tiefer ergreifen k?nnen. Er warf sich aufs Sofa und schluchzte wie ein mi?handeltes Kind. Ja, sie war zu fein gewesen und zu furchtsam. Die Welt, in der wir k?mpfen, ist noch zu roh. Sie mu? erst besser werden, bis solche Wesen mitleben k?nnen. Sie hatte versucht, aus der Welt herauszuschneiden, was sie nicht mochte, - nun war sie selber herausgeschnitten worden.

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