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   Chapter 12 12

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 18112

Updated: 2017-11-30 00:02


Kristen Larssens Haus stand leer; kein K?ufer oder Mieter fand sich. Das Unheimliche, das ihm anhaftete, fiel auch auf die zurück, die seine Freunde gewesen waren. H?tte S?ren Pedersen nicht gr??ere Kundschaft auf dem Land als in der Stadt gehabt, es w?re ihm schlecht ergangen. Ragni merkte nicht, da? man sie in dieser Zeit noch mehr beobachtete, noch mehr über sie sprach, als vorher; sie war nicht im mindesten vorsichtig. Schon da? Pastors nicht mit ihnen verkehrten, machte sie zur Zielscheibe des Klatsches; etwas Neues durfte nicht mehr hinzukommen.

Gegen das, worauf man jetzt verfiel, war sie wehrlos, weil sie nichts davon ahnte. Wenn sie und Karl Meek Hand in Hand Schlittschuh liefen, wenn er sie zum Lachen brachte, w?hrend er ihr die Schlittschuhe anzog, oder wenn sie versuchte, ihn hinunterzupuffen, w?hrend sie, jeder auf einer Kufe, auf des Doktors Schlitten standen; oder wenn sie zusammen Kjaelke[8] fuhren oder, - war Besuch da - vierh?ndig spielten: immer hatte man einen Blick aufgefangen, der nicht mi?zuverstehen war, oder ein Wort geh?rt, das eine Nebenbedeutung hatte, oder Freiheiten beobachtet, die nur m?glich waren zwischen Menschen, die an noch gr??ere gew?hnt waren. Das erste Mal mit einem Zimmerherrn, nun wieder mit einem - was konnte Kallem anders erwarten? Das war nur seine gerechte Strafe.

S?ren Kules Familie stand an der Spitze; es war eine im ganzen Oberland verbreitete Familie, die eine blühende Phantasie hatte, besonders in sinnlichen Dingen.

Man mu?te nur Lilli Bing loslegen h?ren, wie Ragni Kule seinerzeit "Abend für Abend" zu dem Studenten Kallem auf sein Zimmer ging; es lag ja auf demselben Flur. "Mein Gott, was war denn Schlimmes dabei, wenn sie sich liebten? Wer konnte es auch mit dem widerw?rtigen S?ren aushalten!"

Da? die jetzige Frau Kallem nicht einmal über den Korridor zu gehen brauchte, lie? sie immer dabei durchblicken. Einmal sagte sie: "Wenn sie keine Kinder kriegt, was schadet's denn eigentlich!" Da? keiner von denen, über die es herging, etwas davon h?rte?

Da? nicht einer von den üblichen anonymen Briefen hereinplatzte! Das eine l??t sich nur damit erkl?ren, da? sie fast keinen Umgang hatten, das andere damit, da? man vielleicht glaubte, Kallem würde sich nicht darum kümmern; Freidenker haben ja meist lockere Begriffe in sittlicher Beziehung! Im Frühjahr sah man Kallem seine Frau und Karl Meek zum Dampfschiff begleiten; sie fuhren hinüber zum anderen Ufer; Montag früh sah man, wie er sie an der Brücke wieder abholte. Man wu?te, da? er selbst den ganzen Tag ausw?rts war und die beiden den ganzen Tag in Haus und Garten zusammen steckten.

Karl bestand sein Examen recht gut, wenn auch unter allseitiger Spannung; der Tag nahte, an dem er seine Freunde verlassen mu?te. Ragni hatte im ganzen Freude an dem Zusammensein mit ihm gehabt; aber sein unsteter Flei? hatte ihr Mühe verursacht, und sein leidenschaftliches Wesen nahm mit der K?rperkraft noch zu. Seine tiefe Ergebenheit für sie d?mpfte es; aber auch die Form dieser Ergebenheit peinigte sie oft; sie liebte Gleichm??igkeit und Frieden. Sie prophezeite ihm, es werde ihm einmal schlimm ergehen; er führe viel zu gro?e Segel.

Sie sehnte sich nach dem Alleinsein. Als sie es Kallem sagte, neckte er sie: nach drei Wochen werde sie Karl vermissen. Karl wollte jetzt, in den Sommerferien, zu Hause sein, dann aber nach Deutschland gehen, um sich der Musik zu widmen. Obgleich er sich daran gew?hnt hatte, unter Ragnis Augen zu denken und zu leben, - im Kampf mit ihr, im Gehorsam gegen sie, und immer voll Anbetung für sie, so freute er sich doch darauf, selbst?ndig zu werden. Die Trennung würde keine Schwierigkeiten machen.

Da geschah es, da? er an einem der letzten Tage bei einem Freund war, dem einzigen, mit dem er dann und wann noch zusammenkam, seit er in Kallems Hause wohnte; und als er von seiner Abreise sprach, sagte der Freund: "Was ist denn eigentlich mit Dir und Frau Kallem?" Karl verstand nicht, was er meinte, und flo? über von Lobpreisungen und Bewunderung für sie. Der andere unterbrach ihn. "Ja, ja, das wei? ich alles! Aber - offen gesagt - hast Du nicht ein Verh?ltnis mit ihr? Die Leute sagen es." Karl fuhr auf! Was unterstand er sich? Er solle Rechenschaft ablegen für seine Worte! Aber es war des Freundes ernstliche Absicht, Karl zu warnen; er habe selber erst kürzlich von dem Gerücht erfahren; allgemein verbreitet sei es noch nicht. Geduldig ertrug er Karls Raserei und machte ihm klar: er k?nne es nicht anders erwarten, als da? die Leute sich - bei ihrer beiderseitigen Unvorsichtigkeit - allerhand d?chten. - -

Zu Haus bei Kallem begriff man nicht, was auf einmal in Karl gefahren war. Die paar letzten Tage kam er nie zu ihnen herein, war selten daheim, und war wieder ebenso stumm, scheu und finster wie damals, als er ins Haus zog. Der n?chstliegende Gedanke war ja, da? er unglücklich war über die Trennung, besonders von Ragni; aber es war doch merkwürdig, da? die Verzweiflung genau zwischen drei und fünf Uhr am Mittwoch Nachmittag begonnen hatte! Um drei hatten sie in heiterster Stimmung miteinander vierh?ndig gespielt; um fünf wollte sie etwas aus seinem letzten Examenfach mit ihm durchnehmen; und da war er so sinnlos geistesabwesend nach Hause gekommen, da? sie es aufgeben mu?te. Und so war er seitdem immer. Kallem neckte Ragni damit, da? der Junge verliebt sei; eben vor des "Abschieds bittrer Stunde" sei es in ihm aufgeblüht. Und er sang: "Zwei Drosseln sa?en im Buchenlaub" und prophezeite, da? sie in allern?chster Zeit eine Liebeserkl?rung bekommen würde, wahrscheinlich in Versen - er habe selbst seinerzeit mehrere verbrochen. Vielleicht würde Karl sich auch erschie?en. Sie solle sich nur ja nicht einbilden, da? jemand in dem Alter billiger von ihrer schiefen Nase als mit einem kleinen Herzensschnupfen loskomme.

Wenn der Junge dasa? und sie in fürchterlichem Schweigen anstarrte, nicht a?, nicht sprach; wenn er den Schwermütigen spielte und sich von ihnen in die Einsamkeit zurückzog, sagte Kallem: "Hu! Das Leben ist schwarz!" Er ahmte den Jungen nach, sah sie mit ersterbenden Augen an, seufzte über drei Treppenstufen herauf, durchwühlte mit beiden H?nden sein Haar und heulte. Gegen Karl selbst jedoch war er die Herzlichkeit selbst.

In der Stunde der Trennung aber h?rte aller Spa? auf; denn Karl war so verzweifelt vor Schmerz, da? man überhaupt nicht mit ihm sprechen konnte und den Abschied nur m?glichst beschleunigen mu?te. Ragni wollte nicht mit zum Bahnhof fahren; sie fürchtete sich vor seinen überschwenglichkeiten. Aber als Karl sah, da? sie auf der Treppe stehen blieb, sprang er aus dem Wagen und noch einmal zu ihr hinauf. Sie wich zurück, er kam ihr nach, sah sie an und weinte so, da? das M?dchen, das etwas weiter hinten stand, wirkliches Mitleid mit ihm empfand und ebenfalls zu weinen anfing. Ragni wurde kalt und stumm; sie konnte nicht ahnen, da? Karl in diesem Augenblick das Sch?nste tat, was er je getan, das Tiefste fühlte, was er je gefühlt hatte.

Auf dem Bahnhof bemerkten verschiedene Leute seine Verzweiflung, sowie Kallems Ernst. Besonders aber auch, da? Ragni nicht mitgekommen war. Ob Kallem es nun erfahren hatte?

* * *

Dieser Abschlu? ihres Zusammenlebens mit Karl Meek hinterlie? einen unangenehmen Nachgeschmack. Sie sprachen nicht gern von ihm, ja, sie machten sich beide Gedanken darüber, ob sie sich eigentlich auf einen solchen Versuch h?tten einlassen sollen; sie h?tten vielleicht voraussehen müssen, da? es so enden würde. Doch davon sagte keines etwas zum andern. Ihr eigenes Zusammenleben wurde inniger; nie war Kallem soviel zu Hause gewesen wie jetzt, noch nie hatte er ein solches Verst?ndnis für alles gehabt, was sie anging.

Der Sommer wurde ganz dem "Fieberpavillon" gewidmet; sie konnten sich beide nicht satt daran sehen, wie er gebaut wurde, wie man ihn einrichtete, wie man alles zum Gebrauch fertig machte. Jetzt, seit alle Sommerzelte aufgeschlagen waren, war die gute Einrichtung und Ordnung des Krankenhauses in aller Munde.

Aber w?hrend sie so allein waren und ihre Zeit zwischen dem Krankenhaus, ihren Studien, dem Garten und dem Klavier teilten, dr?ngte sich, gerade weil sie allein waren, zwischen alle ihre Interessen ein Gedanke, den sie beide l?ngst gedacht hatten, und der immer mehr wuchs, eben weil er nie ausgesprochen wurde. Bald konnten sie nicht mehr Zusammensein, ohne da? der eine etwas davon in den Augen des andern zu lesen glaubte.

Weshalb hatten sie kein Kind? Lag der Fehler an Ragni? Wollte sie nichts dafür tun?

Er hatte sich nach und nach davon überzeugt, sie sei zu scheu, als da? er den Anfang h?tte machen dürfen. Warum wagte sie nicht selbst davon zu sprechen? Warum wagte sie nicht einmal den Wunsch zu verraten, davon zu sprechen, damit er ihr h?tte weiterhelfen k?nnen? Was war der Grund? Die Angst vor der Untersuchung - vor der Operation? Er sah sie selten, ohne da? er fühlte: jetzt dachte sie daran. Und sie wieder fühlte: er entbehrt das Kind. -

Ende August erhielt Ragni einen dicken Brief aus Ber

lin - von Karl Meek! Er war ihnen beiden willkommen, ja, mehr als sie sich zuerst eingestehen mochten.

Karl hatte die Festspiele in Bayreuth besucht und schilderte nun seine Eindrücke in glühenden Farben und mit überschwenglichen Worten. Der ganze Brief handelte nur davon, zuletzt vier bis fünf Zeilen des Dankes, Grü?e, und schlie?lich die Frage: "Darf ich Ihnen ?fter schreiben?" Beide merkten sofort, da? die vier oder fünf Zeilen den eigentlichen Brief bildeten, und alles andere nur geistreiche Einkleidung war. Gerade das gefiel Kallem, und er ?u?erte den Wunsch, da? sie mit ihm in Briefwechsel treten solle. Das k?nne ihm in mehr als einer Hinsicht w?hrend seines Aufenthaltes im Ausland von Nutzen sein.

Ohne besondere Lust, wie oft in der Zeit, als sie noch mit Karl gearbeitet hatte, mehr aus Gehorsam und Güte setzte sie sich hin, schrieb - humoristisch - weil sie so am besten damit fertig wurde, und erhielt Antwort - erst eine, dann noch eine, lange Antworten, ganze Tagebücher.

An einem der ersten Oktobertage war Ragni im Garten, um Obst und Gemüse zu ernten. Sie ging gerade auf den Zaun am Kirchweg zu, als ein Wagen langsam vorüberfuhr. Darin sa? ein vierschr?tiger Kerl, der sich vom Rumpeln des Wagens hin- und herwerfen lie?, wie Milch in einem Butterfa?. Ragnis Tauben schwirrten eben vom Kirchendach über den Wagen weg aufs Haus zu; bei dem eigentümlichen Laut des Flügelrauschens wandte der Fremde den Kopf nach der Richtung, in der sie flogen. "Waren das nicht Tauben?" fragte er, und der Kutscher antwortete.

Ragni wollte eben auf eine Leiter steigen, um ?pfel zu brechen; aber sie mu?te sich festhalten. Diese schwere Stimme, dieser langsame Takt, diese nordl?ndische Einf?rmigkeit - das war S?ren Kule! Seine blinden Augen waren halb nach der Richtung der Tauben gewandt, halb dahin, von wo die Antwort kam, w?hrend der Wagen schlottrig weiterrumpelte.

S?ren Kule hier? Ein blinder, halbgel?hmter Mann ist nicht auf Reisen! Ob ihn die doppelte Erbschaft, die ihm zugefallen war, hierhergeführt hatte?

Bald darauf kam Kallem. Auch er war Kule begegnet; sie sah es ihm sofort an - und er sah sofort, da? sie in die Wohnstube geflüchtet war, um sich zu verbergen. Da trafen sie einander; sie pre?te ihren Kopf an seine Brust; sie witterte b?se Geister in der Luft.

Kallem sagte sich: falls S?ren Kule eine von den Besitzungen übernimmt, die den Geschwistern zugefallen sind, also hierherzieht, dann hat Josefine ihre Hand dabei im Spiel; da ist ihr "Gerechtigkeitsgefühl" bei der Arbeit gewesen!

Denn er empfand: der einzige Mensch auf Erden, gegen den er unrecht gehandelt hatte, ohne es wieder gutzumachen, war dieser blinde Mann.

Ich will ihn aufsuchen, dachte er. Ich will offen und ehrlich mit ihm reden. Dann kann ich ihm zugleich begreiflich machen, da? er um Ragnis willen nicht seinen Wohnsitz hier haben darf.

Er erfuhr bald, wo Kule wohnte: in dem Haus gleich hinter ihnen; im Park neben dem Krankenhaus!

Dieser Teil der Erbschaft also war ihm zugefallen! Und in solcher N?he sollten sie ihn jetzt t?glich haben! Lange ging er umher, um seine Selbstbeherrschung wieder zu gewinnen; aber noch als er vor dem Haus stand, war er so aufgeregt, da? er mühsam an sich halten mu?te. Ein kleines zweist?ckiges Backsteinhaus mit einem Garten davor. Im Hausflur h?rte er von der Küche her das Ger?usch des Aufwaschens und sah hinein; da stand das nordl?ndische Hünenweib mit aufgestreiften ?rmeln, so unver?ndert, als h?tten sie sich erst gestern gesehen. Als die Tür aufging, sah sie sich um und erkannte sofort den gro?en Brillenmann mit der krummen Nase und den dichten Augenbrauen wieder; sie l?chelte und wandte sich ganz nach ihm um. "Ei, wirklich - der Herr Kallem?" sagte sie singend. "Ja." - "Gestern hab' ich's geh?rt, da? Sie hier wohnen." Ihr L?cheln wurde breiter. Du Tranfisch Du! dachte er, Du hast es schon l?ngst gewu?t! "Wann sind Sie angekommen?" - "Gestern." - "Von Kristiania?" - "Ja, von Kristiania. Kule hat das Haus hier geerbt; und das Leben soll hier billiger sein." Hinter Kallem ?ffnete sich eine Tür; er wandte sich um. Ein vierschr?tiger Kerl mit kleinen schlauen Augen, die mi?trauisch dreinsahen, streckte vorsichtig seinen Kopf aus der Zimmertür. Kallem schlo? die Küchentür; der andere trat in den Flur und machte die Stubentür hinter sich zu; dann standen sie einander gegenüber. Aber die Küchentür ?ffnete sich wieder und die Nordlandk?chin guckte heraus und l?chelte dem Vierschr?tigen zu. Kallem ahnte ein sü?es Geheimnis. "Ist das Dein Mann?" - "Ja, seit'n Sommer." Der Bursche sah wie ein Seemann aus. "Ist Herr Kule zu sprechen?" Der Vierschr?tige setzte eine feierliche Miene auf; er wollte hineingehen und fragen. Er blieb lange fort, Kallem h?rte, da? drinnen unterhandelt wurde. Bald vernahm er Kules schleppende Stimme, bald die knappen, trockenen, in Trondhjemer Dialekt gesprochenen Worte des andern, beides ged?mpft. Inzwischen erz?hlte Oline, ihr Mann sei ursprünglich Seminarist gewesen, habe das Steuermannsexamen gemacht, spr?che Spanisch und sei Kules Sekret?r und Bevollm?chtigter. Dann erz?hlte sie, da? "die Kinderchens" im Westland in Frau Rendalens Pensionat seien, d. h. es geh?re jetzt nicht mehr Frau Rendalen, sondern dem Sohn, "dem Herrn, der auch mal bei uns gewohnt hat". Und pl?tzlich fragte sie: "Na, und die gn?d'ge Frau? Was macht denn die gn?d'ge Frau? So haben Sie sich doch noch gekriegt, wa-as? Das wird aber eine Freude werden!" Jetzt ?ffnete sich die Tür, der Vierschr?tige stellte sich drau?en auf, und Kallem ging an ihm vorbei zu Kule hinein.

Kule sa? in demselben plumpen Rollstuhl mit demselben Brett vor den Beinen; dieselben spanischen Bilder an der Wand; dieselben M?bel, nur da? sie einen andern verblichenen überzug hatten. Nur kein Flügel und kein Kinderspielzeug.

Kule selber war grau und bedeutend dicker geworden. Die "Flossen" lagen auf den Armlehnen, wie gew?hnlich; eine riesige Tabakspfeife stand unbenutzt daneben.

Kallem nannte seinen Namen; Kule antwortete nicht. Aber eine kleine Bewegung der gesunden Hand und ein paar heisere st?hnende Laute deuteten an, da? die Wogen in ihm hoch gingen.

Auch Kallem mu?te sich zusammennehmen, damit er ruhig bleibe. Um die Qual abzukürzen, sagte er sofort, Herr Kule wisse vielleicht nicht, da? sie Nachbarn seien. - Doch, das wisse er. - "Das h?tte ich nicht gedacht," erwiderte Kallem und lie? den Ton seiner Worte erkl?ren, was er damit meine. Kule schwieg.

"- Sie werden hier wohnen bleiben?"

"Ja."

Kallem blickte in das blinde Gesicht; es war kalt und verschlossen. Er fühlte, es war unm?glich, auch nur einen Funken Mitleid mit Ragni darin zu erwecken. Ein entsetzlicher Widerwille packte ihn. "Dann habe ich nichts weiter zu sagen!" sprach er und erhob sich.

Die Küchentür stand halboffen. "Bitte, auch 'n sch?nen Gru? an die Gn?-di-ge!"

Erst drau?en erinnerte sich Kallem seiner ursprünglichen Absicht; aber diese neue Roheit Kules befreite ihn davon. Also - fortan war er ihr Nachbar. So hie? es eben versuchen, die eigene Vergangenheit zu tragen, wie andere auch.

Er wanderte zur Stadt hinaus; er hatte nicht den Mut, sogleich nach Haus zu gehen. Schlechtigkeit ertrug sie nicht - in keiner Form. Er mu?te erst überlegen, wie er es ihr beibringen sollte.

Ragni war im Studierzimmer und hatte schon l?ngst die Lampe angezündet, als er heimkam. Sie las ihr Urteil sogleich auf seinem Gesicht - ja, sie hatte es schon an seinem Schritt geh?rt. Sie sank in einen Sessel, und ihr war, als sei von nun an alle Freude dahin.

Er versuchte, ihr klarzumachen, da? sie, eben weil sie schuldlos war, nichts zu fürchten brauche. Sie schüttelte nur den Kopf. Das war es ja nicht. Nein, die Schlechtigkeit war es, die konnte sie nicht ertragen, die K?lte. Und sie erinnerte ihn an das, was er selber an Kristen Larssens Grab gesagt hatte.

Aber sie k?nnten sich doch nicht mit Kristen Larssen vergleichen? Sie h?tten doch vieles, was W?rme gab. Freilich - aber der gute Ruf! "Wenn sie mir den nehmen, nehmen sie mir auch alle W?rme!" Und nach einer Pause fuhr sie fort: "Das ist - die K?lte!" Sie weinte nicht, wie sie es sonst so leicht tat.

"Dann ziehen wir fort!" rief Kallem.

Als wenn sie das schon lang erwogen h?tte, antwortete sie: "Wo gibt es einen Arzt, der so reich w?re, da? er alles, was Du hier hineingesteckt hast, kaufen k?nnte? Und Deine Arbeit? Für die Du lebst, die Dich glücklich macht? Nein, Edvard!" - "Aber wenn Du unglücklich bist, kann ich nichts mehr leisten." Und er kü?te sie. Sie antwortete nicht. "Woran denkst Du?" - "Ich glaube doch, da? Du's kannst." - "Was?" - "Ohne mich arbeiten und glücklich werden!" erwiderte sie und brach in Tr?nen aus. Er zog sie dicht an sich und wartete; sie mu?te ja fühlen, da? sie ihm wehgetan hatte. "Eigentlich passe ich nicht zu Dir!" - "Aber Ragni!" - "Ja, als Dein guter Kamerad - der beste, den Du auf Erden hast! Wenn ich es doch lange sein dürfte!" -

Sie schmiegte sich eng an ihn, als wolle sie ihm das Siegel des Schweigens auf den Mund drücken.

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