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   Chapter 11 11

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 30176

Updated: 2017-11-30 00:02


Tags darauf kam Kallem von Sissel Aune, der Waschfrau. Er hatte sich über den Mann ge?rgert, der in überm??iger Freude seine Geige hatte herrichten lassen und jetzt bei allen m?glichen Gelagen aufspielte und sich volltrank. Er wollte mit ihm denselben Versuch machen wie mit S?ren Pedersen und Aase, und ging deshalb zu ihnen, um mit ihrer Hilfe dem lyrischen Aune beizukommen. Aber er fand die "Gattin Aase" allein im Laden, wo sie eben einem von Sissels Kindern auf einen Sattel half; vier hatte sie bei sich im Laden, das fünfte lag daneben in der Stube. S?ren Pedersen sei nicht zu Hause, er sei bei Kristen Larssen, der krank sei. Kristen Larssen? - Ja, er habe fürchterliches Erbrechen gehabt, zuletzt das reine Blut; aber dem Doktor wolle er nichts sagen. Kallem wollte sofort zu ihm, aber erst wollte er noch einen kleinen Beitrag zum Unterhalt der Kinder geben; das wurde jedoch nicht angenommen. Aase hatte heute zwei S?ttel und eine Sprungfedermatratze verkauft; eine Nichte von ihr arbeitete jetzt mit in der Werkstatt; eine Frau, die ebenfalls Aase hie?; um die zwei voneinander zu unterscheiden, nannte S?ren die Nichte: "Aases Aase".

Kallem fand Kristen Larssen im Bett. In seinen langbehaarten Fingern hielt er eine Arbeit; S?ren Pedersen las ihm vor. In der Ecke zwischen Fenster und Tisch, ganz eingeklemmt in einen Winkel, sa? die Frau und strickte; das Kopftuch hatte sie so tief hereingezogen, da? das Gesicht ganz im Schatten lag. Eine entsetzlich schlechte Luft war in der Stube. Als Kallem den Kranken sah, erschrak er; noch schmutzig-grauer, noch hagerer als sonst sah er aus. "Haben Sie etwas Fettes gegessen in den Weihnachtstagen?" - "Hm ... Sülze haben wir gehabt." - "Haben Sie schon früher solche Anf?lle gehabt?" - "O ja ... ab und zu." - "Aber nicht so schlimm, wie diesmal!" sagte sie, und strickte. - "Haben Sie Schmerzen jetzt?" - "Jetzt nicht. Aber manchmal ..." - "Unter der Brust und im Magen?" - "Ja." - "Und die Schmerzen kommen h?ufig wieder?" - "O ja." - "Mit jedem Tag ?fter!" sagte die Stimme aus der Ecke. Kallem begann sofort mit der Untersuchung und fand in der Magengrube eine Geschwulst von der Gr??e einer Wallnu?. Kristen Larssen wu?te schon lange davon. - "Ist sie gewachsen?" - "O ja." - "Jeden Tag mehr!" sagte die Stimme in der Ecke. Kallem ward es hei? und hei?er. Weshalb hatte er sich bei Larssens abweisender Art beruhigt? Die Augen der Frau folgten ihm - ihre Stricknadeln gingen immer langsamer - es war, als erstarre sie nach und nach; der Doktor versuchte, seine ruhige Miene zu bewahren; aber sie lie? sich nicht t?uschen - er merkte es. Und Kristen Larssens kalte Augen folgten ihm - forschend. Kallem hie? sie die Herdklappe ?ffnen und sie offen lassen - Tag und Nacht - wieviel Holz es auch kostete. S?ren Pedersen stand auf, voller Eifer, und ?ffnete das Ventil. Kristen Larssen und seine Frau verfolgten sein Tun mit mi?billigenden Blicken; sein Holz war es freilich nicht! Um Zeit und Ruhe zu gewinnen, bl?tterte Kallem in den Büchern, die herumlagen. Es waren seine eigenen englischen, und ein Buch über Mechanik. Dann sah er das Schiffchen an, das der Kranke zwischen den Fingern hielt. "Was ist denn das?" Und S?ren Pedersen erkl?rte, es sei eine Verbesserung der von Kristen Larssen erfundenen Strickmaschine. Und w?hrend er das erkl?rte, handhabten Larssens Finger die R?der und Nadeln so zart, so behende, da? seine ganze Gedankenkraft, seine ganze Liebe zur Sache dabei deutlich zum Vorschein kam.

Die ganze Stube, die Arbeitsbank, der Fu?boden, der Tisch - alles lag wieder voll von Sachen, die neu hergerichtet werden sollten - Gewehre, Uhren, N?hmaschinen, Kaffeemühlen, Schl?sser, zerbrochene Werkzeuge. Kallems Revolver lag neben dem Kasten, und Kallem h?rte, das sei das einzige, was Larssen über die Weihnachtszeit fertiggemacht habe. W?hrend S?ren Pedersens Wortschwall hatte Kallem überlegen k?nnen; jetzt wu?te er, wie er's anzugreifen hatte. Er sprach von Di?t und schmerzstillenden Mitteln und forderte dann S?ren Pedersen auf, mitzukommen.

Sowie sie auf der Stra?e waren, sagte ihm Kallem, da? es mit Kristen Larssen zu Ende gehe. Es sei ohne Zweifel ein weitvorgeschrittener Magenkrebs.

Die selbstzufriedene Pfiffigkeit in S?ren Pedersens runder, gl?nzender Fratze stahl sich pl?tzlich auf allerhand Schleichwegen fort; das Gesicht blieb ganz leer - mit offenen Türen und Fenstern - zurück.

"Ich werde Ihnen bald Bestimmtes sagen; und dann müssen Sie, der ihn besser kennt als ich, es ihm sagen." Aune, über die er eigentlich hatte sprechen wollen, verga? Kallem ganz und gar.

Innerhalb weniger Tage wu?te die ganze Stadt, da? der Tausendkünstler Kristen Larssen an Magenkrebs hoffnungslos darniederlag; sogar ins Blatt kam es. Er wurde darin als "ein in der ganzen Umgegend wohlbekannter Mechaniker und Erfinder" erw?hnt. Kein Haus, in das Kallem kam, kein Bekannter, den er auf der Stra?e traf, ohne da? man sich nach Kristen Larssen erkundigt h?tte. Das n?chste Mal, als er den Kranken besuchte, - nachdem S?ren Pedersen sich seiner Mission entledigt hatte - wurde die Sache mit keinem Wort erw?hnt. Larssen lag da, wie immer, zwischen den Fingern seine Erfindung - ein bi?chen matt, nach einem fürchterlichen Anfall von Schmerzen. Der Bart war gewachsen; er sah abschreckend h??lich aus. Die Frau strickte; nur da? sie ein bi?chen n?her am Bett sa?. Die englischen Bücher lagen nicht mehr da; und das war das einzige ?u?ere Zeichen, da? die Zukunft aufgegeben war.

Kallem ging von da zu S?ren Pedersen, der ihm erz?hlte, der frühere Hausmeister des Krankenhauses sei bei Larssen gewesen und habe versucht, ihn zu bekehren; damit er doch nicht geradenwegs in die H?lle k?me. Larssen hatte blo? geantwortet, man m?ge ihn doch nicht aufhalten; er habe eben eine Arbeit vor, die beinahe fertig sei. Dann war der Pastor gekommen; der ging taktvoller und behutsamer zu Werke; aber vielleicht gerade darum hatte Larssen diesmal die Geduld verloren; seine aufgespeicherte Bitterkeit machte sich in flammenden Worten Luft, und die Frau mit dem vorgezogenen Kopftuch und den ewigen Stricknadeln hatte sich dicht neben die Tür gestellt. Der Pastor hatte verstanden - und entfernte sich geduldig; seit der Geschichte mit Maurer Andersen war er nicht mehr der Alte. In der Gemeinde freilich erregte das verschiedentlich ?rgernis.

Nach einer Sitzung im Jünglingsverein versammelte sich der Jünglingschor vor Kristen Larssens Haus und stimmte ged?mpft einen Choral an. Andere kamen dazu, in aller Stille. Es traf sich, da? der Kranke eben einen Anfall hatte. Er sagte, es sei, als ob Tausende von Stecknadeln ihn unabl?ssig st?chen - und bei seinen Leiden reizte der Gesang ihn so, da? Kallem einschreiten und alle derartigen Demonstrationen untersagen mu?te. Zwei Laienprediger, der ehemalige Hausmeister und noch einer suchten den Doktor im Krankenhaus auf und erkl?rten, wie alles blo? in bester Absicht geschehen sei, und wie man doch unm?glich einem Sterbenden Gottes Wort vorenthalten dürfe. Kallem wurde heftig und antwortete grob.

Als er abends zur gew?hnlichen Zeit bei Kristen Larssen war, glaubte er ganz bestimmt, durch das Fenster ein Gesicht hereinschauen zu sehen. Der Kranke fragte eben, wie lange er überhaupt noch zu leben habe, und ob die Schmerzen immer zunehmen würden. Und Kallem kümmerte sich darum weiter nicht um die Sache drau?en; er bat nur, man m?chte die Fenster verh?ngen. Er erwog, ob er Larssen die reine Wahrheit sagen k?nne, und kam zum Schlu?: ja, es ist das beste. Also erkl?rte er ihm, es k?nne noch zwei bis drei Monate dauern - die Schmerzen würden sich immer h?ufiger einstellen - wenn auch nicht alle Tage gleich oft und gleich heftig. Die Frau h?rte es mit an.

Niemand war am Fenster, als Kallem herauskam; aber auf der Stra?e - in einiger Entfernung - ging eine Dame, langsam, als warte sie auf jemand. Als sie ihn erblickte, kam sie sogleich auf ihn zu. Es war seine Schwester. "Hast Du vorhin bei Kristen Larssen zum Fenster hereingesehen?" - "Ich -," und er sah, wie ihr Gesicht rot wurde unter der Kapuze - "ich bin nicht der Mensch, der andern in die Fenster sieht!" - "Entschuldige! Aber ich hab' wirklich jemand vor dem Fenster gesehen. Und Du wei?t, wer es war?" - "Ja. Aber ich bin gekommen, um mit Dir zu sprechen, Edvard. Ich wei?, wann Du gew?hnlich hier bist." - "Was soll ich?" Und nun erst bemerkte er, da? sie in voller Aufregung war.

"Ist es wahr, da? Du gesagt hast, Du n?hmest die Verantwortung auf Dich, wenn Larssen in die H?lle komme?" - "Ich glaube überhaupt an keine H?lle!" - "Und das hast Du ausgesprochen?" - "Ich wei? nicht. Ich glaube nicht." - "Es gibt n?mlich Menschen, die sind anderer Ansicht als Du, und die sind emp?rt über derartige Aussprüche. Durch dergleichen verlierst Du alles, was Du Dir hier erarbeitet hast; das kann ich Dir nur sagen." - Kallem kannte sie so ganz wieder in diesen Worten. "Ja, natürlich ist es dumm, so etwas auszusprechen. Aber ist es nicht ebenso verrückt, einen Mann wie Kristen Larssen so zu plagen! Solang er noch bei Verstand ist, bestimmt niemand ihn, an eine H?lle zu glauben. Also sollen sie ihn doch in Ruhe lassen!" - "Das verlangen sie doch auch gar nicht von ihm!" - "So? Und was denn?" - "Das wei?t Du so gut wie ich, Edvard. Und ich bitte Dich um Deiner selbst willen - verh?hne nicht ernste und wohlmeinende Menschen!" - "Ich habe nicht h?hnen wollen. Ich sage blo? - sie k?nnen sich und ihm die Mühe sparen." - "Ist er denn so kalt?" - "Kalt oder warm - das kommt lediglich auf die Veranlassung an, und darauf, wie ein Mensch sein Leben gelebt hat!" - "Aber der Mensch kann sich eine Seelenk?lte anleben; und ganz gewi? - so ist es bei ihm gewesen!" - "Vielleicht. Aber ich kenne jemand, der recht warm ist, und der doch genau so denkt wie Kristen Larssen. Also das ist es nicht!" - "Ja, was ist es dann?" - "Tausenderlei. Die, die ich meine, denkt fast immer in Bildern, und seitdem sie einmal ein uraltes Bild der Dreieinigkeit gesehen hat - ein m?chtiger K?rper mit drei K?pfen darauf - und h?rte, da? der Kopf in der Mitte der Sohn der beiden an der Seite - Vater und Mutter - sei (Du wei?t doch, der heilige Geist war im Anfang weiblichen Geschlechts -) konnte sie nicht mehr an die Dreieinigkeit glauben. Sie lachte darüber. Und wie gesagt - sie ist recht warm!" - "Pfui!" stie? Josefine in tiefstem Zorn heraus; "warm mag sie ja sein; aber jedenfalls ist sie unrein!" - Kallem fühlte im Herzen einen Stich; das ging auf Ragni! Die Schwester war b?se und sah b?se aus, wie in ihren Backfischtagen! Und sofort wurde er auch wieder der Junge von damals: klatsch! Da hatte sie eine Ohrfeige! Sie traf nur die Kapuze; aber sie kam von Herzen.

Mit blitzenden Augen sprang sie auf ihn los, wie in den Tagen, als sie sich noch prügelten. "Ich glaube beinah, Du", - zischte sie! Und sprühte vor Hohn und Wut. - - Und wandte sich voll Verachtung ab - und ging.

Ob jemand sie beide gesehen hatte? Sie waren allein auf der Stra?e. Aber er empfand eine unbestimmte Angst. Vielleicht mu?te Ragni es entgelten!

Das Wort "unrein" in Josefines Mund - meinte Kallem - sei auf die Vergangenheit gemünzt. Und darum war er emp?rt. Wieviel gr??er w?re erst seine Emp?rung gewesen, wenn er gewu?t h?tte, da? es eigentlich auf die Gegenwart ging? Da? Pastors sich nach ihrer Heimkehr zurückhielten, hatte auch darin seinen Grund, da? der Gottesl?sterer Larssen Liebkind war in Kallems Haus, da? Ragni Englisch mit ihm trieb, da? Kallem wie ein Kamerad mit ihm verkehrte. Kristen Larssen war für den gr??ten Teil der Gemeinde eine Art Teufel, und wenn diese Ank?mmlinge, Mann und Frau, Gemeinschaft hielten mit ihm (wie früher mit S?ren Pedersen und seiner Frau) - so war das eine Herausforderung. Kurz darauf war Karl Meek ins Haus gekommen, und seitdem sah man Ragni nie anders als in seiner Begleitung. Schlie?lich reisten sie sogar zusammen in das Walddorf hinauf - so viel war gar nicht einmal n?tig, wo es sich um eine geschiedene Frau handelte, die "freie" Ansichten hatte und schon einmal beim Ehebruch ertappt worden war.

Josefine war in der aufrichtigen Absicht gekommen, ihren Bruder zu warnen. H?tte sie in Ruhe sprechen k?nnen, so h?tte sie ihm das alles gesagt; sie war unerschrocken, und sie hatte ihn lieb. Jetzt ging sie mit dem Brandmal seiner Verachtung nach Hause zurück.

Und nun brach ihre zurückgedr?ngte Leidenschaft sich Bahn; zuerst in bitterem Ha? auf die Leute, die Bruder und Schwester auseinandergebracht hatte, allm?hlich aber auf alles, was zwischen ihnen stand: Maurer Andersens Tod - je tiefer er ihren Gatten bewegte, desto sch?rfer trat der Gegensatz zwischen ihnen zutage, und das zur ungünstigsten Zeit. Alles, dessen Tuft sich selbst anklagte, waren ja Zugest?ndnisse, die er ihr gemacht hatte; und gerade jetzt wollte er damit aufr?umen. Schlimmer konnt' es sich gar nicht treffen.

Im Haus nebenan wohnte eine vertrocknete Alte, des Pastors Mutter; sie lebte in st?ndigem Protest gegen das Vorderhaus. Nie setzte sie einen Fu? über die Schwelle, wenn Besuch da war, auch sonst nur selten, au?er zu den Hausandachten und an kirchlichen Festtagen zum Mittagessen. Das ganze Wesen der Schwiegertochter, ihr Tanzen, ihre Toilette, ihre Freundinnen waren ihr ein ?rgernis, - des Pastors st?ndiges Werben um sie ein Frevel. Der kleine Junge wurde ihr Spion. An einem Sommertag hatte Josefine auf der andern Seite der offenen Tür gesessen und geh?rt, wie sie ihn ausfragte, wer am Tag vorher dagewesen sei, was sie gegessen h?tten, ob sie Wein getrunken h?tten und wievielerlei Sorten. "Gro?mutter hat gefragt, ob Mutter heut schon wieder aus ist!" sagte er ein andermal. "Und sie hat gefragt, was Vater zu Mutter sagt, wenn Mutter nach Hause kommt, und ob Vater oben bei uns geschlafen hat!"

Josefine ertrug das mit Ruhe. Aber da? sie wu?te - hinter den christlichen Ermahnungen des Pastors steckte die Schwiegermutter, - das machte sie nicht gerade nachgiebiger. Sie gedachte ihr Leben zu führen, wie es ihr pa?te - mochte er dasselbe tun.

Für ihn war es immer derselbe Kampf, von Jugend an, von der Zeit, da er um ihretwillen den Missionsgedanken aufgegeben hatte; und immer mit demselben Ausgang: er unterlag seiner Verliebtheit. Nicht da? sie ihn dazu verlockt h?tte - im Gegenteil! Wenn sie ihn bisweilen genug hatte - sie hatte immer rasch alles genug - starke Str?mungen gingen in ihr - dann erschien sie ihm am sch?nsten, am begehrenswertesten, wie die Frauen der alten Sagazeit. Dann vermochte er nicht zu widerstehen.

Aber die gro?e Aufgabe, vor die Gott ihn am Krankenbett seines Freundes gestellt hatte, die zeigte ihm, was er in seinem Leben vers?umt hatte. Das war die Frucht der Nachgiebigkeit!

Als er in seiner Selbstprüfung so weit gekommen war, da? er mit seiner Frau darüber h?tte sprechen k?nnen - da war sie stumm - in ihrem eigenen Kampf. Nach dem Schlag, den sie erlitten hatte, war sie sich sofort klar über das, was jetzt die Gerechtigkeit erfordere - sich r?chen nannte sie's immer -, aber bald auch darüber, da? ihr Bruder ihr eigenes unklares Verh?ltnis durchschaut hatte. Seit s

ie mit ihm getanzt hatte, wu?te sie, da? niemand sie so verstand wie er; seit ihrer letzten Begegnung wu?te sie, da? er ihre Einmischung in Glaubenssachen verachtete; und darin hatte er recht. Nie hatte sie endgültig abgerechnet; immer nur sich damit begnügt, ihres Gatten Glaube und Handeln geachtet zu sehen, und selber ihren Frieden zu haben. So konnte es nicht l?nger bleiben; ihres Bruders Verachtung ertrug sie nicht.

Im Pastorhause war morgens und abends Andacht; dazu kam regelm??ig die Gro?mutter, nach ihr die M?dchen und gleich darauf der Pastor. Zur Morgenandacht kam Josefine nicht immer, und die Abendandacht fiel aus, wenn G?ste da waren. Der Pastor sprach zur Einleitung und zum Schlu? ein Gebet, wie es sich eben für die Gelegenheit schickte. In dieser Zeit waren diese Gebete lang und inbrünstig - und Josefine blieb weg.

Diese feierlichen "Abrechnungen" waren ihr ein Greuel - die ?ffentlichen noch mehr als die privaten. Die letzten fanden meist abends statt, wenn es Schlafenszeit war, und der Junge zu Bette und die Hausandacht beendet war. Wenn Josefine es voraussah, hinauf - zu Bett; da kam er ihr meist nicht nach. Der Boden da oben war schlüpfrig! Aber heut Abend kam er. Sie hatte es an den Schritten unten im Studierzimmer geh?rt, und jetzt vernahm sie ihn auf der Treppe. Sie riegelte nicht ab, und lie? die gro?e Lampe brennen. Aber als er drau?en an die Türklinke fa?te, sagte sie: "Du darfst nicht herein." - "Doch!" - "Nicht, solang ich beim Auskleiden bin!" - "Ich werde warten." - Er ging wieder hinunter, und sie machte sich langsam fertig.

Die Schlafstube lag nach dem Garten zu, über dem Studierzimmer; rechts, durch eine Portiere getrennt, das Ankleidezimmer, über dem Fremdenzimmer; links eine Tür zur Garderobe. Dicht daneben führte eine Korridortreppe vom Arbeitszimmer herauf. Und da h?rte sie ihn jetzt kommen - zum zweitenmal - mit festem Schritt. Sie lag schon zu Bett. Die Zimmertür lag in der Mitte, den Fenstern gegenüber; die Betten standen rechts von der Tür; das ihre zun?chst. Der Junge schlief auf der andern Seite, nach der Garderobe zu.

Er fragte nicht mehr, ob er eintreten dürfe; er ?ffnete einfach die Tür. Sie lag da, in ihrem wei?en Nachtkleid, das schwarze Haar in einem Knoten, wie immer, den Kopf in die linke Hand gestützt, wie auf dem Sprung, sich aufzurichten.

Er setzte sich zu ihr auf die Bettkante. Sofort rückte sie etwas von ihm ab, als sei ihr die Berührung unangenehm. Er sah finster drein. - "Josefine, Du weichst mir aus. Das ist nicht recht von Dir. Ich brauche Trost und Rat. Die alte Pein ist wieder über mir. - Und wir dürfen die Abrechnung nicht l?nger hinausschieben!" - Er sah sie an - voll Schmerz. Sie sah ihn an - stumm. - "Du wei?t, was es ist. Ich lebe hier, bei Dir in Wohlsein und Genu? und drau?en in der Gemeinde allgemein verehrt. Aber in einem solchen Leben w?chst sich der Gottesmensch nicht zu seiner natürlichen Entwicklung aus! Und vor kurzem wurde ich gewogen - und zu leicht befunden!" - Er barg sein Antlitz in den H?nden und sa? lange ganz still, als bete er. "Liebe, liebste Josefine!" Und er blickte auf. - "Hilf mir! Ich mu? alles anders machen um mich her! Ich mu? mein ganzes Leben anders gestalten!" - "Wieso?" - "Ach - ich bin kein Pfarrer, und Du bist keine Pfarrersfrau! Wir gehen beide zugrund - an unserem Eigenwillen!" - "Alle die - die Versuche, die Du machst, Ole, anders zu leben, fangen immer bei mir und meinem Haus an! Fang einmal bei Dir selber an! Ich bin, wie's mir pa?t. Sei Du, wie's Dir pa?t! Und unser Haushalt - nun ja, der ist einfach nicht anders, als eine Familie von Geschmack und Verm?gen ihn erfordert; behagt es Dir nicht, so hast Du ja Deine eigenen Zimmer; richte Dich ein, wie Du magst. Wünscht Du eine getrennte Lebensweise - bitte! Sag' es nur!" - "Ach!" erwiderte er, "Du degradierst das Ganze zu einem Umzug im Haus oder einem ver?nderten Küchenzettel!" - "Immer dieselben allgemeinen Anklagen! Keinen Pfifferling Respekt hab' ich vor ihnen!" - "Weil Du den geistigen Grund in ihnen nicht erfa?t!" - Sie wurde bla?. - "Soviel ich wei?", sagte sie hart, "pa?te es mir nicht, so fleischlich zu sein wie Du. Und damit hat es angefangen!" - "Das l?ssest Du mich jedesmal wieder h?ren. Aber ich sch?me mich nicht, da? die erste Krise von meiner allzu hei?en fleischlichen Begierde und von Deinem Widerstande kam; das hat mich geweckt. Nein, ich sch?me mich dessen nicht. Denn als ich die Absicht ?u?erte, einmal von Grund aus zu reformieren -" - "Hab' ich Dir das etwa verboten?" unterbrach sie ihn. "Ja, bei mir anzufangen, das hab' ich Dir verboten! Fang bei Dir selber an, Ole!" - Er stand auf. "Du verstehst mich nicht! Du verstehst nicht, was Gott von uns will! Ich bleibe dabei - es ist etwas Ungeistliches an Dir, Josefine! Nie bist Du aufgegangen in Reue und Gebet! Nie hast Du Dich hingegeben in inbrünstiger Andacht! Du kennst nicht die Sehnsucht nach dem Unendlichen - sondern nur nach dem Irdischen. Den Willen, Christin zu sein, hast Du wohl; aber etwas dafür tun magst Du nicht! - Du antwortest nicht? M?chtest Du's nicht wenigstens versuchen? Jetzt - zusammen mit mir? Ach, Josefine, wie ich leide - auch um Deinetwillen!" Er setzte sich demütig wieder zu ihr hin. "Meinst Du damit, ich solle Dir zu den Zulukaffern folgen?" entgegnete sie kalt. - "Ich meine, wir sollen uns gemeinsam in allem Guten vervollkommnen, liebe Josefine, dann wird Gott uns weiterhelfen." - "Leeres Geschw?tz versteh' ich nicht!" erwiderte sie. "Sag' gerad' heraus, was wir tun sollen!" - "Wir sollen im Glauben an Jesum Christum mit den Geringen und für sie leben." -" Mein lieber Ole, das kann ich besser als Du! Du wachst niemals eine Nacht am Krankenbett in einem armen Haus; ich tu' es oft. Und ich habe auch die 'Gegenseitigkeit' gegründet" (so nannte sich ein Verein von besser situierten Frauen der Stadt, deren jede ihre Armen hatte, denen sie Arbeit und Unterstützung verschaffte. Josefine war Vorsitzende der Gesellschaft und verteilte die Arbeit). - "Ja," antwortete ihr Mann zustimmend, "administratives Talent hast Du wie Dein Bruder. Aber darin besteht es nicht - selbst als gro?e Dame zu leben und dann und wann einmal sich zu den Geringen herabzulassen; nein - man mu? mitten unter ihnen und ganz für sie leben!" - "Sollen wir das Haus verkaufen? In die Vorstadt ziehen? Sag', was Du willst!" - "Wenn Gott uns dazu treibt - ja! Aber es mu? in und aus Glauben geschehen, um Jesu willen. Sonst hat es keinen Wert." - Sie antwortete mit keiner Silbe.

"Was meinst Du, Josefine? Wollen wir nicht versuchen, ein echtes Christenleben zu führen?" Seine Augen flehten; seine Hand suchte die ihre: "Josefine!" Sie zog ihre Hand weg. "Nein! Du wei?t ja, ich sehe nicht ein, warum ich mir mein eigenes Leben unbehaglich machen soll; das würde keinem nützen, und mir würde es schaden." - "Sag' das nicht! Wenn wir es nun einmal versuchten? Im Glauben an Jesu miteinander ganz dafür leben, andern Gutes zu tun?" - "Ach was, Unsinn! Und wenn es Dich auch verletzt - einerlei! Aber da? ich an Jesus glauben mu?, um den Armen zu helfen, ist Unsinn! Es hilft nichts, ich rede wie ich denke." - "Wenn Du an Jesus glaubtest, so würdest Du den Grund erfassen." - "Ich habe nie gesagt, da? ich nicht an Jesus glaube." - "Ach, Josefine, das ist kein Glauben! So verstehst Du also nicht einmal, was Glauben ist! Diesen schweren Schaden an Deiner Seele habe ich zu verantworten! Ich, der jahraus, jahrein mit Dir lebt und nichts weiter erreicht hat!" Er beugte sich über sie; Tr?nen standen in seinen Augen. "Wie herrlich k?nnten wir miteinander leben, wenn Du Dich vor Gott beugen wolltest - bei den Gaben, die Du hast - und bei meiner Liebe zu Dir!" Er wollte sie z?rtlich umfassen. - "Weg!" sagte sie und setzte sich auf.

Er fuhr auf, wie von einer Natter gestochen. Sie legte sich wieder zurück, beide H?nde unter dem Kopf; ihre Brust wogte; sie war in vollem Aufruhr. "Ich wei? nicht, ob wir es vor Gott verantworten k?nnen, unter diesen Umst?nden zusammenzubleiben", sagte er. - "Gut! Tu, was Du willst!"

Er wandte sich ab; er fand es unter seiner Würde zu antworten. Der Kleine st?hnte im Schlaf und w?lzte sich herum, als beunruhige ihn etwas. Tuft sah ihn an; mit halboffenem Mund lag das Kind auf dem einen Arm. Tuft kannte diese Stirn, er hatte sie bei seinem Vater gesehen, es war auch seine eigene, ebenso das Haar, der Bau der kleinen Hand, die Finger, ja sogar die Nagelstellung. Aber er sah den Tag kommen, da auch der Junge nicht mehr sein eigen sein würde, wenn es so weiterging.

"Nein, Josefine, es soll auch nicht so weitergehen! Gott helfe uns beiden! Aber fortan ruht der Kampf nimmermehr!"

Das Breite und M?chtige in ihm, das hinter der Herzensgüte lag, war am Hervorbrechen; sie fühlte es. Und auch in ihr quoll es empor. Sie h?rte ihn im Studierzimmer auf- und abgehen, ohne Ruhe, aber auch ohne Zweifel. Sie konnte nicht schlafen.

* * *

Am Tag, nachdem Kristen Larssen die volle Wahrheit über seine Krankheit erfahren hatte, erscho? er sich. Das jagte den Leuten einen furchtbaren Schreck ein; etwas Gruseliges ging von ihm aus; man wagte kaum, am Haus vorbeizugehen. Es verbreitete sich ein Gerücht, Kallem habe Larssen seinen Revolver zu diesem Zweck überlassen; doch wurde das von der Frau selbst, von S?ren Pedersen und durch Kallems eigene Aussage widerlegt.

Kristen Larssen hatte sich gedrückt, ohne Ankündigung, ohne Dank. Zu seiner Frau hatte er gesagt, ein rascher Tod sei für ihn das beste. Aber auch zwischen ihnen beiden war nichts weiter besprochen worden, keinerlei Abschlu?, kein Abschied hatte stattgefunden. Er hatte sie gebeten, zu S?ren Pedersen zu gehen, und w?hrend der Zeit war er aus dem Bett gekrochen und mit der ihm eigenen überlegenen Gründlichkeit hatte er die Tat vollbracht.

Das herk?mmliche Begr?bnis wurde verweigert und eine Ecke an der n?rdlichen Mauer angewiesen. Dort arbeiteten drei M?nner stramm, um ein Grab zu graben. Es war ein bitterkalter Tag, der Tag, an dem man ihn in die Erde bettete; und es gab Leute, die auch darin eine Fügung Gottes sahen. Zu einer ungew?hnlichen Zeit, n?mlich nachmittags, ohne Glockenl?uten, ohne Pfarrer und ohne Gesang wurde Kristen Larssen hinabgesenkt. Unter den wenigen, die zugegen waren, fiel am meisten Aune auf; er war betrunken und machte sich fortw?hrend bemerkbar; dabei war er so dünn gekleidet, da? man fror, wenn man den blaugefrorenen Kerl nur ansah. S?ren Pedersen bat ihn mehrere Male, sich ruhig zu verhalten; aber vergebens. Von S?rens blankem Gesicht sah man nur die Augen, die Nase und etwas von den Backen; das übrige war von unten durch einen m?chtigen, mehrmals um den Hals geschlungenen wollenen Schal und von oben durch eine bis in die Augen gezogene Pelzmütze verdeckt. Die H?nde staken in nordl?ndischen Handschuhen, - einem Paar von jenen Ungeheuern, wie sie die Leute dort zum Fischfang tragen - und die Fü?e in Pelzschlurren. S?ren Pedersen war in die Breite gegangen; der überzieher war ihm zu eng geworden; mit diesen Auswüchsen sah er wie ein Hummer aus. Aase in kurzem Mantel und Baschlik hielt sich an der rechten Seite der Witwe, die lang und hager dastand, in Finnenschuhen und einem bis an die Fü?e gehenden, oben und unten gleich weiten Sack, um den Kopf ein dickes wollenes Umschlagtuch; sie hatte es offenbar darauf angelegt, ihr Gesicht zu verbergen. Aune schwankte umher und erz?hlte, er habe ihr geholfen, ihre Sachen nach der Bahn zu schaffen. Jetzt hatte er das Haus abgeschlossen; den Schlüssel trüge er in der Tasche. Und er zog ihn hervor. Die Witwe wollte von hier aus gleich auf den Bahnhof und bei Verwandten - ein paar Meilen von hier - bleiben; sp?ter wollte sie dann weiter nach ihrem Heimatort. Au?er diesen vieren waren nur noch zwei M?nner da, die das Grab gegraben hatten; der eine stand auf sein Grabscheit gelehnt, trug Rock und Fausthandschuhe und kaute ohne Unterla? Tabak. Der andere hauste hinter einem braunen Bart und war verwachsen und trief?ugig.

Etwas abseits an der Mauer war ein festgestampfter Schneehügel; Karl Meek und Ragni, die eben zusammen anlangten, stellten sich dorthin. Alle warteten auf Kallem, dem eine Abhaltung dazwischen gekommen war, und der jetzt eilends herbeistürzte. Er nahm vor der Witwe seine Mütze ab, die andern grü?ten ihn; dann trat er ans Grab. Er wollte gern einige Worte sprechen, wartete aber, ob nicht vorher sonst etwas geschehen würde. Als nichts geschah, sagte er:

"Ich kenne die Vergangenheit des Mannes, den wir hier begraben, nicht; ich kannte auch ihn selbst nicht. Er hat in religi?sen Dingen anders gedacht als die Menschen, unter denen er lebte, und er hat dafür bü?en müssen. Sein und seiner Frau Lebensziel war, hinüberzugelangen nach dem freien Amerika." (Bei dem Wort Amerika begann hinter den Taschentüchern ein Keuchen und Schneuzen). "Er versuchte, allein Englisch zu lernen; das war für ihn, als schüfe er sich Flügel damit. Wenn ich jedoch dies gesagt und noch hinzugefügt habe, da? er der begabteste Mensch war, dem ich hier begegnet bin, so habe ich ungef?hr alles gesagt, was ich von ihm wei?.

Darum will ich auch nicht von denen sein, die ihn verurteilen. Oft, wenn wir zusammen waren, hatte ich den Eindruck, als ob ihn fr?re. Die K?lte, die ihn rings umgab, war in sein Inneres gedrungen.

Es hat sich so gefügt, da? nur wir fünf oder sechs ihm Lebewohl sagen. Aber alle, denen seine sinnreiche Arbeit von Nutzen war, und besonders alle die Tausende, denen seine Erfindungen das Leben erleichtert und damit mehr Freude geschaffen haben, worauf es doch ankommt - alle die schulden ihm Dank; und den bringe ich ihm dar!"

Es wurde still. Der kalte Schnee knirschte, wenn einer oder der andere sich rührte; aber keiner machte Anstalt zum Gehen. Da schwankte Aune an das Grab. "Na ja, und nun will ich Dir man auch noch für die Violine danken! Und - und - vergib uns unsre Schuld! Und - und - leb' wohl!" Beinah w?re er hineingetaumelt. S?ren Pedersen packte ihn ?rgerlich am Arm, wandte sich zu seiner Frau und sagte: "H?r' mal, Aasechen, Du betest das Vaterunser so sch?n! Sag' es doch einmal!" Und sie trat einen Schritt vor, zog die Handschuhe aus und faltete die H?nde. Die M?nner nahmen die Mützen ab und alle senkten den Kopf; dann betete Aase das Vaterunser.

Darauf fielen die ersten schweren Schollen auf den Sarg; es klang, als wolle er in Stücke gehen.

Die Frau trat auf Kallem zu. Erst jetzt konnte er sie in der N?he sehen, in Tr?nen aufgel?st, ersch?pft von Nachtwachen, fast all ihrer Kraft und ihrer letzten Hoffnung beraubt. Aber mit festem Griff nahm sie Kallems Hand, mit starkem, tiefem Blick sah sie ihm in die Augen, in grenzenlosem Schmerz, in verhaltener Bewegung nickte sie nur; sprechen konnte sie nicht. Nie ist einem Menschen w?rmer gedankt worden. Ebenso nahm sie die Hand Ragnis; und Ragni erschrak; denn sie wu?te in ihrem Innern, da? sie es nicht verdiene. Die Witwe eilte an den andern vorbei, der Stadt zu; S?ren Pedersen und Aase hatten Mühe ihr zu folgen. Ragni aber nahm Kallems Arm; sie h?tte sich ihm an die Brust werfen und laut weinen m?gen.

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