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Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 19193

Updated: 2017-11-30 00:02


Die ganze Nacht und den ganzen Tag ein unglaublicher Schneefall, und gegen Abend Sturm, der den frischgefallenen Schnee zu gro?en Wehen zusammenfegte. Der Sturm ging vorüber, doch der Schneefall dauerte mit ungeschw?chter Kraft fort. Alles vom Lande, was auf den Ball wollte, mu?te bis zur Stadt mit dem Schneepflug fahren; in der Stadt selber ging er heut schon zum zweitenmal. Zum Ball! Zum Ball! Der erste gro?e Weihnachtsball!

Zum Ball! Zum Ball! In den gr??eren St?dten, wo der Tanz ein Gesch?ft ist, das die Jugend abwechselnd in den verschiedenen Vereinen und Familien betreibt, hat man keine Vorstellung davon, was in der Kleinstadt alles von der Aussicht auf den ersten Weihnachtsball aufgewirbelt wird, besonders auch unter der l?ndlichen Jugend, die mit dicken Pelzen über dem Ballstaat zur Stadt f?hrt. Aber wie der Schneepflug gutmütig den überflüssigen Schnee beiseite fegt, so fegt die bestehende Sitte, die natürliche Schüchternheit mehr als die H?lfte von dem weg, was man sich zusammenphantasiert hat. Und was zusammenkommt, ist eine sittsame, ehrbare Gesellschaft, die sich anfangs gegenseitig kaum zu kennen scheint.

Kallem lag auf dem Sofa. Er war in bester Stimmung. Die pr?chtige Sissel Aune erholte sich; der Mann war heute ganz berauscht von Lebenslust und Branntwein, den die Nachbarn ihm eingegossen hatten. Die Kinder waren zum Mittagessen dagewesen, obgleich das M?dchen keineswegs davon erbaut war; in solchen Sachen war sie genau wie Ragni; die beiden waren sich überhaupt ?hnlich.

Die Kinder von Sissel Aune waren nicht ganz so verlegen gewesen, wie die von Maurer Andersen, die auch dabei waren. Kallem hatte ihnen schlecht Klavier vorgespielt und war ihnen prachtvoll auf den H?nden vorgelaufen, und der Sattler hatte unaufh?rlich von Maurer Andersens Tod geredet: Maurer Andersen sei an der Wahrheit gestorben. "Und es gibt gerade genug, die von der Lüge leben, da? es wirklich einmal nottut, da? einer an der Wahrheit stirbt" - und ?hnliches Gew?sch, das Aase h?chst bedeutend fand.

Ein langer, strahlend vergnügter Brief von Ragni lag auf Kallems Bauch. Er hatte ihn schon zum zweitenmal gelesen. Karl hatte einen Bericht über ihr Befinden seit des Doktors Abreise beigelegt; ganz witzig - namentlich eine Beschreibung ihrer ersten Skitour (die auch ihre letzte war). Er hatte ihre tiefinnerlichste Feigheit gut gezeichnet.

Und jetzt mu?te er also auf einen Ball, an dessen Spitze eine Pastorsfrau stand. Sie und ihre fesche Freundin, Frau Lilli Bing! Ob Josefine das wohl gegen den Willen ihres Mannes tat? Es war übrigens ein ?ffentliches Geheimnis; Lilli Bing hatte es ihm verraten. Die Pastorin war die gefeiertste T?nzerin der Stadt. Die Herren wetteiferten miteinander, nur um im Kotillon einmal mit ihr herumtanzen zu dürfen. Er sah sie vor sich - hochgewachsen, mit blo?em Hals, dunkel?ugig, glühend vom Tanz. Ja, er wollte mit ihr tanzen! Er sehnte sich nach ihr - er verhehlte es sich nicht. Ragnis Brief legte er beiseite, ebenso den von Karl und das Buch, in dem er gelesen hatte; dann stand er auf, schraubte die Lampe nieder, sagte dem M?dchen Bescheid und ging hinauf, um sich umzukleiden!

Merkwürdig, wie das schneite! Nicht in Flocken, sondern in gro?en Fetzen, die einander jagten. W?re es nicht windstill gewesen, man h?tte überhaupt nicht den Weg gefunden. Die Laternen verdrossen; kaum da? ihr Schein über den Lichtkern hinausreichte; ringsum kein Laut. Der Regen hat Klang und Landschaft; der Schnee verdeckt alles; nie ist der Mensch so einsam, wie im Schnee. Nicht einmal einen Zaun hatte Kallem zur Begleitung; kein Stein am Weg, der ihn begrü?t h?tte; kein Baum im Garten beugte sich vor ihm; er sah sie überhaupt nicht mehr; sie waren weg - eingehüllt - fort. Die Kirche stand noch da; aber umgewandelt in einen wei?en Steinhaufen, mit einem wei?en Stab darüber. Er und die Kirche - die Kirche und er; und sonst nichts! Die H?user unten in der Stra?e wichen zurück; sie spielten Versteckens - mit ausgestreckten Pranken; die Pranken waren einmal Treppen gewesen. Und unten am Strandweg lagen ein paar umgestürzte Boote; sie sahen aus wie wei?e Elefanten, die schliefen. Die Bucht ein Schneemeer; sonderbar - die Insel hatte sich losgerissen und war davongeschwommen; man sah sie nirgends mehr. Nach dem Kalender war Vollmond; und es war nicht ganz finster; obgleich auch der Mond weggeschneit war aus dieser verwunschenen Welt.

Kallem stapfte vorw?rts wie ein umgestülpter Zuckerhut. Er und der Schnee, der fiel - das war das einzige, was sich regte. Nicht einmal aus dem H?uschen glommen Feueraugen, obgleich es kaum zehn Uhr war. Erloschen und zugeschlossen und zugeschneit. Nur die verdrossenen Lichtkerne in den Laternen bezeugten, da? hier zu Zeiten eine lebendige Stadt war.

Jetzt h?rte er eine Klarinette dudeln und einen Ba? rumpeln - Fuchs und Eisb?r, die irgendwo miteinander hopsten. Es trippelte und es humpelte, die Schneeflocken rieselten herab, und die H?user standen und faulenzten.

Endlich war er so weit gekommen, da? er inmitten eines qualmigen Feuernebels ein gro?es Haus erblickte; da drin war's - da dudelte es und stampfte. Und er steuerte drauf los.

War er fehlgegangen? Er platzte in eine Art Kneipe oder etwas ?hnliches - mitten in Tabaksqualm, Punschdampf und Speisendunst hinein. Dort sah er ein paar dicke Herren wie Schweine in ihrem Fett hocken. Sie waren nicht im Ballanzug; wohl aber die andern, die eben hereinkamen. Und als er sich endlich zur richtigen Treppe durchgefunden hatte, begegneten ihm noch mehrere Herren im Frack, die an ihm vorbeistürmten, dem Tabak und dem Punsch zu. Kallem ha?te und verachtete Tabak und Punsch und Wirtshausleben, und vor allem die Herren, die nicht tanzen konnten, ohne sich zu "st?rken".

Man sollte nie zu sp?t auf einen Ball kommen. Er sah auf die Uhr - es war elf und nicht erst zehn, wie er geglaubt hatte - entweder war er zu sp?t nach Hause gekommen, oder er hatte zu lange gelesen. Ein paar glühende, schwitzende junge Leute, die eben aus dem Qualm auftauchten - jedesmal, wenn die Tür aufging, drang ein qualmiger Nebel heraus - begrü?ten ihn und best?tigten dadurch sein Kommen; so ging er denn mechanisch weiter und zog seinen überzieher aus. Im Flur noch weitere solcher überhitzten, schwitzenden Menschen. Der eine schien nur hinunterzulaufen, weil der andere lief; nichtssagende Worte - unstete Augen - ihr Lachen wie hohle Trommelwirbel. Auch Damen kamen, immer drei oder vier zusammen, wie aufgeblühte Rosen sahen sie aus; sie lachten - über nichts, schwatzten - von nichts, stets auf dem Sprung, da? man sie wieder in Musik und Geplapper hineinführen sollte. Die Musik schrill, die Gasflammen in einem Flor von Qualm, die Kronleuchter in gelbrotem Dunst.

Ein überfüllter Ballsaal; man hatte Mühe, sich durch die vielen Kavaliere hindurchzuwinden, die mü?ig, in Klumpen zusammengedr?ngt, an der Tür herumstanden. Eine Mischung von fein und grob - eine echt norwegische Mischung.

Es wurde gerade der Walzer im Kotillon getanzt. Kallems Brillengl?ser waren jetzt wieder trocken, und bei seiner L?nge sah er bald, da? seine Schwester nicht unter den Tanzenden, augenscheinlich überhaupt nicht im Saal war. Doch er verga? sie; denn der Anblick hier war in gewisser Art neu für ihn; er kannte von Norwegen nur die Westküste und Kristiania. Ein Ball in einer kleinen norwegischen Binnenstadt ist etwas ganz Eigenartiges. Damen und Herren, die einem eleganten Pariser Ball Ehre machen würden, gleiten leicht dahin zwischen jungen Menschen, die einen schweren Alltagsschritt, die niemals die Kunst des Tanzes erlernt haben, sondern ehrlich und unverdrossen wie Tagl?hner, den Takt treten. Herren im Gehrock, Herren im Frack, Damen in ausgeschnittener Balltoilette, Damen in biederen, dunkeln, hohen Kleidern, manche ?lter, manche blutjung, und jeder auf seine Weise und für sich vergnügt.

Von dem Augenblick an, als Kallem das Pech hatte, in die Restauration zu geraten oder vielmehr nur in ihre N?he - mit ihrem Punschgeruch und Tabaksqualm, die er ha?te, war er übellaunig und verdrossen gewesen. Aber hier im Ballsaal, angesichts so viel genu?froher Selbstverst?ndlichkeit verzog sich das. Da walzten zwei vorüber - er im Frack, sie im dunkeln Wollkleid, wie mit einem Schlo? zugeschlossen; sie hielten sich so treulich umschlungen, machten keine Pause, drehten sich nur unabl?ssig, ernsthaft und bed?chtig. Dort streifte ein langer, blonder Bursch in kurzer Jacke, wahrscheinlich ein junger Seemann, der zu Weihnachten nach Hause gekommen war, an ihnen vorbei; er tanzte mit einer Frau von mindestens vierzig Jahren, - zweifellos seine eigene Mutter; wenn die nicht so aussah, als k?nne sie noch eine tüchtige Marssegelkühlte bestehen! Dort ein bekannter Eisenbahnbeamter, das Gesicht in die H?he gewandt, ein dünnes Kerlchen im schwarzen Frack, das unter fortw?hrenden K?rperverrenkungen herumhüpfte; trat er auf den rechten Fu?, so neigte er sich nach rechts - trat er auf den linken Fu?, beugte er sich nach links - immer ganz gewissenhaft im Takt, und dabei so vergnügt, so lokomotivenpfeifenvergnügt! Seine T?nzerin lachte nur immerzu, aber gar nicht etwa verlegen, im Gegenteil - sie amüsierte sich! Und sie tanzten und tanzten, und wenn sie sich eben erst gesetzt hatten, standen sie auch schon wieder auf. Da fegte ein junger Kaufmann vorüber, und dicht hinterdrein ein junger Offizier, beide tadellos, mit frischen, jungen ballm??ig gekleideten T?nzerinnen; darnach ein ganz verrückter Kerl mit einer hohen Haartolle und einem gro?en, schwarzen Frauenzimmer. Sie rasten durch die Mitte des langen Bal

lsaals hin und zurück, da? alles erschrak und auswich wie vor Pferden. Da wirbelte ein Turm vorbei - ein dicker, hoher, runder Turm, mit einer kleinen, schm?chtigen Dame, die an ihm lehnte wie eine Leiter. Nach oben zu rührte sich der Turm überhaupt nicht; er drehte sich nur; h?tte man ihm einen Teller Suppe auf den Kopf gesetzt, es w?re auch kein Tropfen übergeschwappt. Da kamen zwei, die die H?nde von sich streckten wie Segel, zwei gro?e Menschen, die Platz für drei normale Paare wegnahmen. Aber es schien althergebrachtes Ballgesetz zu sein, da? jeder Recht hatte auf soviel Platz, wie ihm pa?te, auf soviel Gerase und Getolle, wie ihm beliebte, überhaupt das Recht, ganz nach seiner eigenen Fasson selig zu sein! Hier tanzte jeder einfach für sich, und keiner, um zu tanzen, sondern alle, um sich zu amüsieren.

Aber - Donnerwetter - da kamen zwei, die konnten tanzen! Sie kamen aus einem Nebenzimmer - ein flotter, bartloser Kavallerieleutnant und eine hohe, ... Josefine! Sie war in roter Seide, mit Schwarz; der feste Hals, die gedrechselten Arme in ihrer warmen Farbe - das üppige Haar, in den gewohnten Knoten gebunden - die wilden Augen - ja, wild waren sie! - und die Figur! Ja, sie war die Ballk?nigin! Wie sie tanzte! Jetzt sah man erst die ganze Kraft und Geschmeidigkeit ihres K?rpers! Und jetzt blitzte das irische Blut auf! Das war sie! Der Bruder dr?ngte sich weiter vor; es war, als versage ihm der Atem. Ihm war, als ob alles nur auf diese beiden starrte, die sich bald rechts-, bald linksherumschwenkten, bald auf einem Fleck wirbelnd, bald den ganzen Saal umkreisend. Kein neues Paar kam hinzu; alle schauten und schauten, und nach und nach hielten die meisten der T?nzer inne; sie wollten zusehen. Der Kavallerist hatte nur den einen Fehler, da? er nicht gr??er war als seine Dame; aber er war ein kraftvoller, m?nnlicher Kerl, der vorzüglich führte. Der Tanz war diesen beiden kerngesunden Menschen Leidenschaft und Rausch; das sah man. Und wie ein Rausch wirkte es auch. Kallem konnte nicht widerstehen; auch er mu?te tanzen - und zwar mit ihr - und auf der Stelle! Als sie das n?chstemal in einem gl?nzenden Bogen vorbeikamen, sah er sie an - sah sie so an, da? er wu?te, sie mu?te dahin blicken, wo er stand. Und so war es auch. Als ob jemand sie umfa?t und zum Stehen gebracht h?tte, stand sie still. "Vielen Dank!" sagte sie zu ihrem Herrn. Und schon war auch der Bruder an ihrer Seite; ebenso schnell aber auch ihre Freundin Lilli Bing. "Komm, setz' Dich zu mir!" sagte sie, und gleich darauf, zu Kallem gewandt: "Wie nett von Ihnen, da? Sie gekommen sind!" - "Ich habe zu danken - für die Einladung!" erwiderte er sich an beide wendend. "Aber ich hab' eine solche Lust, mit Dir zu tanzen, Josefine -" er zog seine Handschuhe an - "Sie gestatten?" Und er verbeugte sich vor dem Leutnant, der sich h?flich wieder verbeugte. "Hast Du auch Lust?" wandte er sich zu Josefine. Sie war vom raschen Tanzen au?er Atem; aber ihre dunkeln Augen strahlten. "Ja!" antwortete sie leise. Der Saal hatte sich inzwischen wieder mit T?nzern gefüllt; deshalb warteten sie ein Weilchen. Aber als das Gedr?nge nicht abnehmen wollte, umfa?te er sie, um zu beginnen. "Es geht nicht!" flüsterte sie. "Doch es geht!" sagte er und schwenkte sie an den andern vorüber, ohne anzusto?en, ohne sich aufhalten zu lassen; wurde es gef?hrlich, so trug er sie mehr, als da? er sie führte. Aber bald merkte er, wie unn?tig das war; sie bog sich und schmiegte sich in seinem Arm dem leisesten Druck. Sie waren sich nicht so gleich, da? es "klebrig" wirkte, und doch auch nicht so ungleich, da? es abstie?; sie wurden sich gegenseitig interessant und genossen diesen Augenblick der Vers?hnung vor neuem Kampf. Ab und zu sahen sie einander an, immer gleichzeitig - er sehr rot, sie sehr bleich.

Jetzt strahlten die Lampen hell, die Musik war heiter, die Menschen fr?hlich und natürlich, der Ballsaal pr?chtig! Sie hatten nicht miteinander getanzt, seit er Balll?we und sie ein unausstehlicher Backfisch war, mit dem er aus Gnade ein paarmal herumwalzte. Aber in Haltung, Rhythmus, in ihrer ganzen Art zu tanzen waren sie wie aufeinander eingespielt; sie tanzten so leicht - sie waren glücklich. W?hrend sie sich umfangen hielten, konnten sich ihre Gedanken nicht voneinander l?sen; sie hatten sich ineinander verschlungen. Sie geh?rten zueinander in starkem Naturzusammenhang, nun sie bis auf den Urgrund der Natur gedrungen waren. Und weil das, was sie gemeinsam erlebt hatten, eigentlich in ihrer Kindheit lag, in einem fernen Land, so flüchteten sie beide dorthin. In die brennendhei?e Luft, Seite an Seite auf ihren kleinen Ponys, zwischen ihnen der wunderliche Vater; er war so sch?n zu Pferde!

Der Bruder, der die Schwester überragte, blickte hinab auf ihre breite Kopfform; daran erkannte er den Vater wieder. Sie dachte ebenfalls an den Vater, w?hrend sie in sein scharfgeschnittenes Gesicht emporblickte; und trotzdem ?hnelte er der Mutter, mehr als sie. Sie erkannte im Bruder das Gütige und Kluge der Mutter, wenn auch die Gewitterzüge des Vaters dazwischen kreuzten. Sie h?tte sich an ihn schmiegen m?gen wie an ihre Mutter, in dem Gefühl tiefster Geborgenheit - wie an jenem letzten Abend in ihrer Fjordstadt. Und eine gr??ere Sehnsucht kannte sie nicht auf Erden.

Da h?rte die Musik auf.

Arm in Arm gingen sie zu dem Platz zurück, den Lilli ihr angeboten hatte - voll W?rme und Dankbarkeit. Sie trafen dort Lilli und den Kavallerieleutnant - sie in ihrer üppigkeit ganz au?er Rand und Band, er, wie immer, korrekt und ehrerbietig.

Bald darauf war Kallem in überzieher und Seehundsstiefeln, die H?nde tief in die weiten Taschen vergraben, wieder drau?en im Schneegest?ber.

Entweder h?tten die beiden Geschwister jetzt allein sein müssen, oder er mu?te gehen. Es hatte ihn zu gewaltig gepackt. Er hatte sie unendlich lieb, und sie ihn vielleicht noch mehr. In solchen Augenblicken - wenn ihr Wesen sich ganz mit dem seinen verschmolz, da formte es sich so, wie es wollte und konnte; für gew?hnlich hielt etwas sie gebunden; das Christentum war es kaum - was aber war es? Sie tat alles, was sie wollte, bis zur Rücksichtslosigkeit; und dennoch war sie gebundener als die meisten.

Es schneite und schneite; die Luft war mondhell, trotzdem man den Mond nicht sah. Und vor sich in der Luft sah er seine Schwester, barhaupt, mit nackten Armen, mit Glutaugen, und in der Ferne Musik!

Als er aber in sein wei?es Schlafzimmer trat, in dem das aufmerksame M?dchen eingeheizt hatte, da sah er die droben im Walddorf tanzen - Ragni, getragen von einem dicken Waldbesitzer, da? sie den Boden kaum mit den ?u?ersten Zehenspitzen berührte; - sie wirbelte mit den kleinen Kindern im Kreis herum, sie hüpfte mit dem "Birkhahn" oder einem schneidigen Jungen aus der Hauptstadt davon; er sah ihre Glückseligkeit nach jedem Tanz, er h?rte ihr: "Nein, wie ich mich amüsiere, Edvard!" - und damit schlief er ein.

Und am andern Tag - er hatte eben sein einsames Mittagessen beendet und war gewohnheitsm??ig in die Wohnstube gegangen - denn da pflegte Ragni ihm vorzuspielen - da ?ffnete sich die Tür und - er traute seinen eigenen Augen kaum - ja, wirklich, in dieser Pelzvermummung steckte Ragni! Er rief sie herbei, so, wie sie war, wei? und rosig und mollig und z?rtlich - und hob sie in die H?he.

"Ach nein," sagte sie, als sie ein Weilchen nachher friedlich beisammensa?en - "wei?t Du, es war doch immer wieder dasselbe, und dann - ich hatte Sehnsucht." - "Du hast eine schiefe Nase!" - "Und Du - na, warte nur - auf dem Ball bist Du gewesen!" - "Du hast eine schiefe Nase!" - "Das sieht man fast gar nicht. Du, aber wei?t Du - Karl ist gar nicht immer lieb. Das will ich Dir nur sagen!" - "Karl?" - "Gegen mich, ja! Gegen mich ist er riesig nett - man kann sich gar nicht vorstellen, wie nett. Aber gegen meine Geschwister ist er ganz anders - heftig - furchtbar heftig, und launisch, ein Starrkopf." - "O, das kann ich mir ganz gut denken." - "Und wei?t auch Du, warum ich abgereist bin? Wir wollen einmal allein sein. Nicht? Wir haben ihn ja immer um uns." - "Du lieber Gott - hast Du den nun auch schon wieder satt?" - "Das hab' ich doch gar nicht gesagt; aber so immer um einen - - - das wird -" - "Langweilig?"

- "Na ja, meinetwegen langweilig; aber es

ist so. Ich bin gr??lich, ich wei?! Du, und um noch was m?cht' ich Dich bitten; aber sei gut und sag' nicht gleich ?sthetiker!" - "Nun, und -?" - "Sag' Kristen Larssen nicht, da? ich wieder da bin! Bitte, bitte nicht! Wir wollen einmal ganz ungest?rt sein, ja?" - "Aber ich hab' eben jetzt ein paar Kinder, die - -" - "Nein, nein! Auch keine Kinder! Ach nein!" Und sie fing zu weinen an.

"Aber liebste, sü?este Ragni -!" - "Ach Gott, ich wei? ja, es ist schrecklich egoistisch; aber ich kann ganz einfach nicht! Ich bin für so was nicht geschaffen!"

Eine Weile sp?ter sang der Flügel in seinen vollsten Akkorden die Jubelhymne ihrer Heimkehr! Die Geister der Sch?nheit nahmen Besitz vom Haus. Sie flogen aufs Dach, zu den Fenstern und Türen hinaus, ins Schlafzimmer hinauf, in die Küche, ins Studierzimmer hinüber. Sie sangen, sangen, sangen, da? die Tuberkelbazillen, die der Doktor eben untersuchte, geradenwegs lostanzten auf das, was sie vernichten sollte; sie sangen die Küchentür auf, da? der ganze Aufwaschtisch tanzte und der Kaffeekessel überkochte; und das neue Kleid, das Sigrid zu Weihnachten von Frau Doktor bekommen hatte, fix und fertig, mit Sammetbesatz und Jakett, mit Schnüren und Quasten besetzt, hoch oben auf dem Dachboden, zu alleroberst im ganzen Haus, auf Ballgedanken verfiel.

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