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   Chapter 9 9

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 11625

Updated: 2017-11-30 00:02


Der Hausmeister war der erste, der es bü?en mu?te. Noch am selben Tag mu?te er aus dem Hause.

Sodann ging Kallem hinunter zu Andersens Witwe. "Sie sind eine au?ergew?hnlich tüchtige Frau. Wenn Sie wollen, k?nnen Sie den Hausmeister- und Verwalterposten am Krankenhaus haben. Greifen Sie zu, packen Sie gleich morgen Ihre Sachen zusammen und ziehen Sie mit den Kindern hinauf. Dann denken Sie weniger an Ihren Kummer! Haben Sie ein gutes Dienstm?dchen?" - "Ja." - "Nehmen Sie die mit. Mehr ist nicht n?tig. Alles andere finden Sie dort oben, und die Schwestern werden Ihnen helfen."

Die Oberschwester erhielt eine scharfe Zurechtweisung; aber dabei lie? es Kallem bewenden. Ihr Versehen konnte sie am besten dadurch wieder gut machen, da? sie Mutter Andersen nach besten Kr?ften unterstützte.

Den Pastor suchte er nicht auf; ebensowenig der Pastor ihn. Von andern h?rte er, da? er erkrankt sei, und fand es auch ganz erkl?rlich. Josefine begegnete Kallem ein paar Tage sp?ter auf der Stra?e; sie tat, als s?he sie ihn nicht.

Wie dieser Vorfall wirkte, ist gar nicht zu beschreiben. Die ganze Stadt geriet in Aufruhr. War es nicht etwas Seltsames um den Glauben, wenn sogar der Glaube an eine Lüge einen Menschen vom sichern Tod h?tte retten k?nnen?

Der Hausmeister und seine gro?e Familie fielen natürlich dem Pastor und seiner Frau zur Last. Josefine mu?te Geld herausrücken zu einer Buchhandlung - und zwar weit mehr, als ihr lieb war.

An diesem Mann hatte Kallem seitdem einen treuen und aufrichtigen Feind. -

Unmittelbar darauf fuhr Kallem nach dem Walddorf hinauf. Er meldete sich nicht an; er kam abends bei Mondschein vom Bahnhof her auf dem Gut angefahren, just als der Gutshof und die Landstra?e drau?en von angespannten Schlitten, vollen und leeren, wimmelten. Alt und jung wollte eine Schlittenpartie machen; von hier sollte die Fahrt ausgehen, und hierher wollte man am Schlu? zurückkehren und noch tanzen.

Man beachtete den Ank?mmling nicht weiter; man glaubte, er geh?re zur Gesellschaft. Erst als er im Flur stand, wo die Hausbewohner und G?ste sich eben anzogen, bemerkten einige, da? er fremd war; aber sie dachten nicht weiter darüber nach; es trotteten ja so viele pelzvermummte Gestalten aus und ein. Ragni hatte gerade ihren Pelz angezogen, als sie sich von rückw?rts her umschlungen fühlte. Sie stie? einen Schrei aus und sah auf. Nein, war das eine Freude! Karl, der abseits in einer Ecke stand und sich gerade in seine Pelzstiefel hineinqu?lte, zog sie, ohne ein Wort zu sagen, wieder aus, ebenso Mantel und Mütze, schmi? die Beine in die Luft und lief Kallem auf den H?nden entgegen; jetzt war die Kunst erlernt! Der Vater mit seinem m?chtigen Haar und schwermütigen Gesicht stand daneben; er stellte Kallem seiner Frau vor, einem blassen, stillen Gesch?pf; sie sprach den Dialekt der Gegend und hatte eine zarte Stimme - das war so ziemlich alles, was Kallem bemerkte. Es blieb ihm zu nichts anderem Zeit; er mu?te einfach mitfahren.

Pferdegewieher und laute Rufe, Gekreisch und Gel?chter, bis die Meldung kam, auf der ganzen Linie sei alles bereit; der erste Schlitten mit einer Dame und einem Pelzmann hintenauf, sauste davon; und ihm nach Schlitten auf Schlitten, breite und schmale, einsp?nnige und zweisp?nnige. Eine lange, wellenf?rmige Schnur mit grauschwarzen Knoten - im Mondschein - über das Schneefeld, dem Wald zu, in dem es bald zwischen den St?mmen widerhallte von Schellen, Hundegebell, Lachen und Geschw?tz. Einige fingen zu singen an, andere fielen ein; aber es war unm?glich, Takt zu halten; zusammen stimmte es nie. Kallem sa? mit seiner Frau in einem Breitschlitten; sie sah so reizend aus in ihrem vielen Pelzwerk, da? er nicht anders konnte - er mu?te ihr ab und zu einen Ku? geben. Eine schwierige Aufgabe! Ach, und was sie alles erlebt hatte! W?hrend er ihr zuh?rte, wurde ihm klar, da? sie erst jetzt ihre Jugend erlebte! Nie hatte er etwas so Fr?hliches gesehen! Nie hatte er gewu?t, da? sie diesen Drang nach Freude in sich trug! Derselbe Gedanke kam ihm, sp?ter am Abend, als alles tanzte, spielte, lachte, schwatzte, tollte, a?: sie holte die Fr?hlichkeit vieler Jahre nach. Ob ein dicker Waldbesitzer ihre zarte Gestalt umfa?t hielt und sie dahintrug, da? sie kaum mit den ?u?ersten Zehenspitzen den Boden berührte; ob sie sich eins der Kinder geholt hatte und mit dem loswalzte, oder ob Karl oder irgendein anderer Gymnasiast oder Student sie links herumschwenkte wie einen Kreisel - immer dasselbe strahlende Gesicht, derselbe heilige Eifer. Tanz und Spiel gingen in einer Eckstube vor sich, die die ganze Breite des Hauses einnahm; aber oft flutete der Tanz auch in die anderen Zimmer, sogar bis in die Küche auf der andern Seite des Hauses hinüber. Die Küchentür stand offen. Ein paar ?ltere Herren versuchten, in einer Ecke ein Spielchen zu machen; aber sie mu?ten es aufgeben. In einemfort wurden sie zum Tanz geholt. Alt und jung - alles war gleich fr?hlich.

Am andern Morgen um elf Uhr schlief Ragni noch, und als sie gegen Mittag hinunterkam, ein bi?chen müde und taumelig und sehr verwundert, da? sie gar nicht geh?rt hatte, wie Kallem aufgestanden war, erfuhr sie, da? er abgereist sei. Ein Telegramm von Kent, dem es wieder schlechter ging, hatte ihn heimgerufen. Ein kurzer Brief, den er beim Frühstück noch hingekritzelt hatte, tr?stete sie ein bi?chen. Er schrieb, er habe sie nach der durchtollten Nacht nicht wecken, noch weniger sie mitnehmen m?gen; aber eine gr??ere Freude habe er noch nie erlebt, als sie so fr?hlich zu sehen.

Das erste, was Kallem bei seiner Rückkehr vorfand, war eine Balleinladung vom "Verein". Die wollte er annehmen. Die Einladung war von der Hand seiner Schwester geschrieben (sie war im Vorstand) und lautete auf "Doktor Kallem und Frau". Sieh mal an!

Ob er an Ragni telegraph

ierte? Nein, er lie? sie lieber, wo sie war; besser konnte sie es ja nicht haben.

Indessen kam er selber in eine recht ernste Sache hinein. Sein erster Krankenbesuch noch am selben Abend galt einer armen Mutter mit vielen Kindern, Sissel Aune, einer Waschfrau unten in der Stadt, die an einer Lungenentzündung darniederlag. Haupts?chlich um ihretwillen hatte Kent telegraphiert. Der siebente Tag war ohne Krisis hingegangen, und wenn nun die kommende Nacht halb vorüber war, so war auch der neunte Tag vorbei. Würde sie ihn überleben? Der obere und der untere Lungenflügel waren angegriffen, das Herz begann auszusetzen, der Puls war sehr schwach - dazu noch andere schlimme Zeichen - sollte er dem Herzen in dem letzten Kampf mit Atropin nachhelfen? In einem solchen Fall war das Mittel noch nicht erprobt; aber immerhin - rationell war es. Wo er ging und stand, was er auch vornahm - überall verfolgte ihn diese Frage. Die fünf Kinder der Kranken waren bei S?ren Pedersen und Aase untergebracht; in solchen F?llen waren die Zwei unbezahlbar.

Als er zum zweitenmal hinging, blieb er gleich da; es war ein Ringkampf - Aug' in Auge mit dem Tod.

Eine kleine, sehr saubere Stube mit drei Betten. Im Fenster ein kümmerlicher Geraniumstock, und an der Wand ein Bild von K?nig Karl XV. zu Pferd - unter Glas und Rahmen -, ein paar mit Stecknadeln befestigte Photographien und eine Geige mit drei Saiten, die vierte hing herab. Die dalag, war dereinst eine sch?ne Frau gewesen, war sicher auch jetzt noch stark und kernig, wenn sie wieder gesund wurde. Jetzt lag sie da, abgemagert bis auf die Knochen, die zerschundenen Arbeitsh?nde auf einer zerlumpten Decke. Aber der Mann, der neben ihr sa?, der war nicht stark, wie sie - ach nein - der war ein rechter Schw?chling! Ein gutes Gesicht, und verwandt mit der Geige an der Wand insofern, als vielleicht auch in ihm eine Saite gesprungen war, bis die dort an der Wand so verwahrloste. Müde, abgezehrt von Nachtwachen sa? er da - allein -, nicht weil die Nachbarn ihm nicht geholfen h?tten, sondern weil die Hilfe, die zuletzt am Bett gesessen hatte, eben ausruhte, bis das Schwerste beginnen würde. Es hatte Kallem gerührt, zu sehen, wie die Nachbarn zu beiden Seiten des Hauses Wache standen; sie wollten verhindern, da? allzu fr?hliche Weihnachtsg?ste hier vorbeiz?gen; nachts l?sten sich die Wachen ab. Er h?rte das von der Frau, die gegen elf Uhr wiederkam, um zu helfen. Es war nicht viel zu tun - au?er für den Doktor, und der wu?te nicht, ob er wagen dürfe, etwas zu tun.

Zuerst machte er eine Einspritzung von ein Drittel Milligramm; darnach wurde der Puls kr?ftiger. Kallem fa?te Hoffnung, wagte aber nicht, sie den flehenden Augen des Mannes zu übermitteln. Sie konnte trügen. Ein paar Stunden lang hielt sich der Puls; dann sank er wieder. Wieder eine Dosis; und wieder hob er sich. In gr??ter Spannung sa? er da und beobachtete. Er hatte sich ein Buch mitgebracht, versuchte es, unter die Lampe zu halten, brachte auch dann und wann einmal Sinn in einen Satz, verga? ihn aber sofort wieder. Gesprochen wurde gar nichts, nur gest?hnt und geseufzt. Der letzte Ruf aus der Ferne, das letzte Schellengel?ute war l?ngst verklungen, die letzte Tür geschlossen - die Nacht leer und grau. Fünf Kinder - das ?lteste zehn Jahre - konnten in jeder Sekunde ihre Versorgerin verlieren; und der Mann, der dort sa? und bald nickte, bald sich über die Knie strich, bald die Ellbogen darauf legte und die H?nde faltete - und von der Frau hinüberstierte zum Arzt - auch der verlor seine Versorgerin.

Sowie der Puls nachlie?, eine neue Dosis; und immer wurde er wieder kr?ftiger; es schien also wirklich richtig, was er tat. Aber die Krise wollte nicht eintreten; es war Mitternacht vorüber, der neunte Tag war - demnach, was die Leute sagten - abgelaufen - und noch immer derselbe aufreibende Kampf. Kallem stand auf, zwischen Furcht und Hoffnung schwankend, nahm sein Buch, hielt es gegen das Licht, legte es wieder weg, und ging wieder ans Bett, um zu messen. Ja - jetzt war es bald zu Ende mit den Kr?ften. Der Mann sah es ihm an und k?mpfte, um nicht laut aufzuweinen. Der Doktor gebot ihm Schweigen. Wieder ein Versuch; und bald darauf schlief sie ein. War es denn wirklich Schlaf? Die andern sahen ihn an und er sie. Er ging auf ein Weilchen vom Bett weg, um mit frischen Sinnen aufs neue zu horchen. Sie schlief! Einen ruhigen, echten Schlaf! Er wandte sich dem Manne zu, der es seinem Gesicht ablas; und ein Widerschein vom Licht des Lebens sprang von des Arztes Gesicht über auf seines. Der Mann stand auf - wieder krampfte alles in ihm sich zusammen - gleich würde es ausbrechen. "Gehen Sie zu Bett!" flüsterte der Doktor. Der Mann warf sich über eins der drei Betten, pre?te das Gesicht in die Kissen, - und jetzt brach es los.

Flüsternd erteilte Kallem der Frau, die am Kochherd sa? und sich jetzt erhob, seine Anweisungen. Er versprach, am Vormittag wiederzukommen. Sie half ihm in seinen Mantel; leise ?ffnete er die Tür und zog sie hinter sich zu. Aus dem trüben Wetter war starker Schneefall geworden; nirgends Licht, in keinem Fenster, nur das eine, das über dem neuentzündeten Lebensfunken wachte. Kallem konnte es sich nicht versagen, als er am Sattlerladen vorbeikam, anzuklopfen; aber die da drinnen schliefen fest. Er klopfte noch einmal; denn er wu?te ganz sicher - die beiden hatten ihr Bett und ihre kleine warme Stube den Kindern überlassen und übernachteten selber im Laden. So war es auch! "Wer ist da?" fragte S?ren Pedersens fünische Stimme. "Sagen Sie den Kindern, wenn sie aufwachen, da? ihre Mutter wieder gesund wird." - "Das ist aber ein Segen!" antwortete der Füne, und hinter ihm h?rte man Aases hochl?ndisches: "Ach nee - ist's denn die M?glichkeit?" - "Kommt morgen mit den Kindern zum Mittagessen zu mir!" rief Kallem.

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