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   Chapter 8 8

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 29339

Updated: 2017-11-30 00:02


Fortan sa? ein langhaariger, aufgeschossener Mensch mit am Tisch, - die Beine um die Stuhlbeine geschlungen - und mit schmalen, roten Fingern, die voller Frostbeulen waren und so feucht, da? Ragni es nicht über sich brachte, sie zu berühren. Auch reden konnte sie nicht mit ihm, nach dem, was Kallem ihr von ihm gesagt hatte; all das Sch?ne, das sie bei der ersten Begegnung an ihm gesehen hatte, war durch diese Worte wie ausgel?scht. Er trat hastig ein, als habe er es sich eingeübt; und regelm??ig blieb dann sein Rock oder sein ?rmel an der Türklinke h?ngen, oder die Tür wollte nicht beim ersten Versuch zugehen - oder er verhedderte sich mit den Beinen, oder er ri? einen Stuhl um oder rannte mit dem M?dchen zusammen, die etwas hereingebracht hatte und wieder hinausging. Er sah den Menschen nie ins Gesicht; die sch?nen Augen waren schl?frig und erloschen, die Gesichtsfarbe aschgrau; er studierte das Muster auf dem Teller und dem porzellanenen Brotkorb, die vor ihm standen. Nie redete er ein Wort. Wenn jemand ihn ansprach, fuhr er auf, und antwortete "Ja" oder "Nein" - als habe er glühende Kohlen im Mund. Aber fressen tat er - nach Ragnis Ausdruck - wie ein Scheunendrescher. Und wenn er dann mit den feuchtkalten H?nden an seinen Hosen herunterstrich oder sich durch das dicke, fettige Haar fuhr, dann war er noch schlimmer als Kristen Larssen!

Jeden und jeden Tag diesen ekligen Bengel am Tisch! Und abends Kristen Larssen! Dazu noch die vielen alten Weiber, die Kallem ihr schickte, damit Ragni sie mit wollenem Zeug versehe! Kinder, die sie oft von Kopf bis zu Fu? neu kleiden mu?te, - alle seine Tuberkulosefreunde!

Nicht nur, da? die Menschen an sich ihr unangenehm waren; sondern da? alle Türen offenstanden -! Sie hatte keine Freistatt mehr, war nicht mehr Herr ihrer Zeit! Mit ihm darüber zu sprechen, - was hatte das für einen Zweck? Wenn das, was ihr die tiefste Qual bereitete, seine h?chste Freude war? Ein bi?chen Eifersucht war auch dabei: er hatte überhaupt keinen Blick mehr für sie und das, was ihr lieb war! Die Sache mit seiner Schwester lie? er auch einfach so h?ngen. Pastors waren schon l?ngst wieder da. Josefine hatte eines Morgens einen flüchtigen Besuch gemacht - im Garten - und hatte Blumen vom Grab des alten Kallem gebracht; die beiden Schw?ger trafen sich auf der Stra?e und an den Krankenbetten; auch seine Schwester traf Kallem bisweilen dort; sie tat viel für die Armen. Aber weder kam sie zu ihm, noch er zu ihr; Pastors gaben auch keine Gesellschaft für sie, wie jedermann doch erwartet hatte; sie gaben überhaupt keine Gesellschaften mehr. Ragni war sich keinen Augenblick unklar über den Grund. Kallem merkte nicht, wie dies Unausgesprochene sie peinigte, auch nicht, da? es ihr in gewisser Art die Stadt verschlo?. Und sie mochte ihn damit nicht qu?len. Er hatte die ganze Freiheit des vielbesch?ftigten Mannes, der über alles hinweggeht, was ihm nicht "bequem" ist. Bei seiner t?glichen Jagd auf Tuberkulose waren ihm die alten Weiber und die Kinder, die er angeschleppt brachte, weit wichtiger als "diese ganzen religi?sen Katzbalgereien", - leider auch wichtiger als die Anmut und Traulichkeit, die ihr ein Lebensbedürfnis waren.

Ganz hinten in dem gro?en Krankenhausgeb?ude war ein langgestrecktes Vorratshaus, mit Holzschuppen usw. Dort richtete Kallem einen Turnsaal ein, und dorthin ging's in Gesellschaft des aschgrauen Burschen jeden Abend von sechs Uhr an. Solange das dauerte, kam er pünktlich nach Hause, machte selber seine Turnübungen, forderte seinen Begleiter zu einem Wettstreit heraus und brachte Ordnung und Schwung in die Sache. Der verschüchterte Junge hatte, seitdem er ins Haus gekommen war, sein Klavier kaum angerührt; er war zu befangen der Hausfrau gegenüber. Deshalb setzte sich Kallem t?glich gegen Abend eine halbe Stunde mit einem Buch zu ihm aufs Zimmer; und w?hrend der Zeit mu?te Karl spielen. Als Arzt hatte er sich sein Vertrauen erzwungen und war nun mit immer wacher Freundlichkeit auf dem Posten, und bald kam der Junge wirklich schon viel sicherer ins Wohnzimmer und schlich auch nicht gleich wieder heimlich hinaus. Schlie?lich - auf eindringliches Zureden Kallems - fa?te sie sich ein Herz und sagte eines Sonntagmorgens zu Karl: "Gehen Sie nicht auf Ihr Zimmer, bitte! Wollen wir nicht einmal ein bi?chen vierh?ndig spielen? Wir nehmen etwas ganz Leichtes!" fügte sie hinzu. Verzweiflung erfa?te ihn; aber das Glück wollte, da? er fast seinen Klaviersessel umri?, als er sich setzen wollte, und beim Rettungsversuch beinah auch ihren umwarf - und darüber kamen sie beide ins Lachen, und das half über das Schlimmste hinweg.

Da sa? sie nun - frisch und schlank, in einem rotseidenen Kleid, um Hals und Handgelenk Spitzen, die wei?en langen Spielfinger neben seinen schmalen, roten; ihr geistvolles Gesicht oft ihm zugewandt; ein Resedaparfüm entstr?mte ihrem Kleid - ein Duft ihrem Haar ... Er zitterte vor Verlegenheit. Wie h??lich er sich selber vorkam! Und wie sein eigenes Haar roch! Er strengte sich so an beim Spielen, da? er bald ganz müde war und lauter Dummheiten machte. "Sie sind gewi? nicht recht aufgelegt heute!" sagte sie und stand auf.

Wie ein begossener Pudel zog er ab; er wand und krümmte sich - er wollte davonlaufen - zum neunundneunzigstenmal. Mittags kam er nicht zum Essen, war überhaupt im ganzen Hause nicht zu finden. Kallem fragte nach ihm. Da erz?hlte Ragni, wie kl?glich es gegangen sei; schon nach einer halben Stunde sei er müde gewesen. Ein junger Mensch, der so wenig leisten k?nne - das sei ihr einfach widerlich! "Ach, Du mit Deiner ewigen ?sthetik!" Und er machte sich auf die Suche nach dem Jungen, opferte seinen ganzen sch?nen Sonntagnachmittag und kam endlich, gegen Abend, mit ihm zurück. Drinnen, im Studierzimmer, beteuerte sie flüsternd, sie wolle lieb sein jetzt. Und Kristen Larssen kam, und geduldig wie ein geprügelter Hund setzte sie sich zu ihm und las mit ihm Englisch.

Anfangs hatte sie mit diesem wunderlichen Menschen Mitleid gehabt; aber in seiner Gesellschaft, unter dem Hauch seines Atems gefror sie zu Eis. Eben darum fand sie es selber gr??lich feig, da? sie weitermachte, ohne zu mucksen; aus Mitleid geschah es ganz gewi? nicht! Z?h, - pünktlich auf den Glockenschlag, erschien er in seinem langen, braunen, eng?rmeligen Rock, mit dem unertr?glichen, jahrealten Schwei?geruch des Arbeiters, der aus Kleidern und K?rper aufstieg. Der Atem drang über den ganzen Tisch herüber; sie fühlte ihn, sogar wenn er nicht bis zu ihr drang. Kristen Larssen zog den Stuhl vor, setzte sich, schlug sein Buch auf, und wenn er die Stelle gefunden hatte, bohrte er seine kalten, fürchterlichen Augen in ihre warmen, angstvollen Taubenblicke, die furchtsam im ganzen Zimmer umherflatterten. Seine langen, dunkeln Finger, schwarz behaart wie die ganze Hand, griffen fest zu; die Finger der Linken um das Buch, die Rechte fuhr nach. Dann r?usperte er sich; und endlich begann er; in der Regel mit irgendeiner Frage, die noch auf die vorige Lektion Bezug hatte, immer klug, - immer mi?trauisch auf irgendeinen Irrtum, einen Mangel an Verst?ndnis oder Logik bei ihr lauernd. Er machte sie unsicher, selbst in den sichersten Dingen.

Wenn er so dasa? und langsam, wohlüberlegt sich Wort für Wort durcharbeitete, und sie sich einmal unterstand, ihn zu unterbrechen, weil er einen Fehler gemacht hatte, so setzte er seine Finger nur um so fester auf, um ja die Stelle zu behalten, wo sie ihn unterbrochen hatte; und dann blickte er auf - unwillig, mi?trauisch. Sie wiederholte ihre Korrektur - unsicher, bang; aber nie konnte sie es ihm klar genug machen; immer mu?te er um eine noch deutlichere Erkl?rung bitten. Also sagte sie es zum drittenmal, und endlich war er so gn?dig, es hingehen zu lassen - auf ihre Verantwortung! Und sooft sie unterbrach, wu?te sie es - wu?te, was jetzt kommen würde, wu?te, da? der b?se Atemhauch sie überfluten würde, Welle um Welle.

Was es diesen Mann kostete an Arbeit, da? er so sicher aufzutreten vermochte, niemals einen Fehler, der einmal berichtigt worden war, wieder machte, was für F?higkeiten in ihm steckten, da? er diese vielen seltsamen Fragen, die jedem Philologen Ehre gemacht h?tten, überhaupt stellen konnte - das übersah sie keineswegs. Aber immer war er ihr fürchterlich - von innen heraus fürchterlich. Er war so ganz und gar wie ein alter Affe, den sie einmal gesehen hatte, der ehrbar mit einem silbernen L?ffel speiste. Und dieses Bild umschwebte ihn verzerrend, wie zur Rache.

Ein sehr angenehmes Verh?ltnis entwickelte sich daneben in ihrem t?glichen Leben: das Zusammenarbeiten mit dem M?dchen. Sie freundeten sich an. Beide gleich geschickt - Ragni im Anordnen, das M?dchen im Ausführen. Ragni arbeitete gern und rasch; das M?dchen war klug und wi?begierig. Eins freute sich am andern.

Vierzehn Tage nach dem mi?glückten Versuch mit dem Vierh?ndigspielen sagte sie zu Karl Meek: "Was meinen Sie? Wollen wir's noch einmal versuchen?" - "Danke, nein ... es geht doch nicht!" erwiderte er entsetzt. - "Ich habe schon etwas Vierh?ndiges hervorgesucht, das Ihnen sicher nicht zu schwer ist!" - Und sie legte es aufs Klavier, w?hrend er - auf zwei Meter Abstand - stehen blieb und herüberschielte, rot und immer r?ter wurde und sich mit den H?nden durchs Haar fuhr. "Kennen Sie das?" Er antwortete nicht; das war ja eins von seinen Stücken! "Bergbach" hatte er es betitelt; er hatte es oben auf seinem Zimmer Kallem ?fters vorgespielt. Da stand es - für vier H?nde gesetzt; sie wollte auf diese Weise alles wieder gut machen.

"Also, kommen Sie!" Dasselbe rotseidene Kleid, dieselben Spitzen um die langen Spielfinger - dieselbe Büste - dieselben seltsam traumvollen Augen, die ihn manchmal anblickten, da? er erschauerte. Aber er selber war heut auch neu gekleidet, und sein Haar und seine ganze Person zurechtgestutzt und gestriegelt. Und nun hüpfte unter ihren geschmeidigen Fingern der "Bergbach" hervor; wo Karl nicht folgen konnte, wartete sie, und nahm ihn dann wieder mit. Zuletzt ging es, wenn auch nicht gut, so doch immerhin nicht schlechter als das letztemal, und sie versprach gn?digst, nach diesem Anfang noch h?ufiger mit ihm zu spielen.

Er verbeugte sich und wollte gehen. "Heut ist Sonntag", sagte sie. "Sie haben doch nichts zu tun?" - "Nein." - "Wollen wir einen kleinen Spaziergang machen?" - "Gewi? ... wenn Frau Doktor ... ja, gern!"

Wie der Blitz war er wieder da in überzieher und Pelzmütze, sie wartete schon in ihrem hübschen Kragen und flotten, amerikanischen Federbarett.

"Wir wollen meinem Mann entgegengehen." Und sie gingen. Sie fühlte, sie allein müsse die ganze Zeit über reden; und so schilderte sie denn die Schneestürme auf den amerikanischen Pr?rien, und was für Folgen sie für Menschen und Vieh h?tten. Er sah, wie ihre Wangen sich nach und nach r?teten, wie ihre kleinen Fü?e spielend ausschritten. Der Oktobertag war sonnenlos, aber nicht kalt. Die Felder dunkel, müde; der Laubwald im Entbl?ttern. Aber er sah nichts von alledem; er war wie im Rausch: sie ging neben ihm her, sie, die feinste, die musikalischste Frau, die er kannte! Er h?tte sich freudig für sie in den Stra?enstaub werfen, sich erschie?en, ins Wasser springen k?nnen! Und das war keine erdichtete Frauengestalt - sondern Frau Ragni Kallem, in ihrem roten Seidenkleid unter dem weichen Umhang und dem amerikanischen Federbarett, die Frau, für die alle seine Kameraden schw?rmten. Ihre Augen sahen ihn an, und er wagte es nicht, ihnen auf den Grund zu schauen. Vor aller Blicken ging sie da neben ihm, unterhielt sich mit ihm. Und auch er fing an, zu erz?hlen, als sie vom amerikanischen Winter auf den Winter in den heimischen W?ldern zu sprechen kam. Sein Vater, der Sohn des alten Pastor Meek, war Arzt, hatte aber in ein gro?es Bauerngut des Waldbezirks hineingeheiratet und lebte nun dort als Bauer. Karl war oft mit ihm hinaufgewandert über das Flu?eis - in die unendliche Einsamkeit der Waldberge; war mitgewesen beim Holzf?llen, beim Fallenstellen, auf der Jagd. Er schilderte Landschaften und Eindrücke, von denen sie keine Ahnung hatte; schilderte das Aussehen eines Birkhahns, sein Werben und Spielen, seinen Flügelschlag, sein Geschrei so lebendig, da? sie ihn fortan nur noch "den Birkhahn" nannte.

Sie trafen Kallem nicht und gingen deshalb denselben Weg zurück. Noch einmal spielten sie das vierh?ndige Stück, und viel besser. Sie wollten es gut einüben und es eines Abends Kallem vorspielen, wenn er in seinem Arbeitszimmer sa?. Kallem - das war für ihn das H?chste, was er kannte.

Nach und nach erlangte sie eine Art Herrschaft über den "Birkhahn"; sie gew?hnte sich an sein ovales Gesicht, sein ungleiches Wesen, - bald übermütig heiter, bald voll Mi?mut, ungeduldig und auffahrend, demütig-unterwürfig -- mit kurzen Anf?llen von Flei? und langem Dolce far niente; ungeheuer geschniegelt und dabei mehr als schlampig; sie fing an, ihn wieder fast sch?n zu finden, und überwand sich sogar, ihm die Hand zu geben. Sie half ihm bei seinen Schularbeiten, besonders beim Englischen. Seine Kenntnisse waren so ungleich, da? Kallem ihm vorschlug, lieber die Schule zu verlassen und in Privatstunden das nachzuholen, was ihm fehlte; er schrieb auch in dieser Angelegenheit an Karls Vater. Seitdem sa? Karl oft mit seinen Büchern und Aufs?tzen im Wohnzimmer, lernte, spielte Klavier, spielte Klavier oder lernte - für sich oder mit ihr.

Nachmittags konnte man ihnen auf langen Spazierg?ngen begegnen. Sobald der erste Schnee gefallen war, - er kam schon Anfang November - gingen sie Kallem entgegen und fuhren mit ihm heim - jedes auf einer Schlittenkufe. Als die Bucht zufror, geh?rten sie drau?en auf dem Eis zu den Allereifrigsten. Nur einen Sport betrieben Kallem und Karl für sich allein: Karl sollte auf den H?nden laufen lernen. Mit ungeheurem Ernst hob der Doktor die langen Beine des andern in die H?he und hielt sie fest, w?hrend Karl zu gehen versuchte, bis er nicht mehr konnte. Anfangs nur im Turnsaal, bald aber auch im Zimmer, auf dem Flur, auf der Treppe, vor dem Mittagessen, vor dem Abendbrot. "Beine hoch, Junge!" Wie Ragni lachte, wenn sie immer wieder herunterpurzelten! Nach und nach aber wurde er eifrig. Einmal mu?te es ja doch gelingen! Es gelang n?mlich nie - - er war "zu lappig"! Schlie?lich wurde es für ihn eine Ehrensache; und für sie im Grunde ebenfalls. Es war ihr ganz ernstlich darum zu tun, da? er ein "ganzer Kerl" wurde; sein weiches Wesen, sein Hang zum Tr?umen, zum "die Zeit verquasen", verdro? sie; und das sagte sie ihm auch. Aber Vorwürfe vertrug er nicht und wurde fast ungezogen. Dann strafte sie ihn durch kühle Zurückhaltung. Es half ihm nichts, da? er zerknirscht war,

da? er hundert Ann?herungsversuche machte, da? er sogar weinte, - sie lie? ihn in der t?dlichen Angst, da? sie ihn bei Kallem verklagen werde; sie half ihm ohne eine Miene, ohne ein Wort, das nicht zur Sache geh?rte; sie ging nicht mit ihm spazieren, sie sah ihn überhaupt nicht - bis sie in Kallems Gegenwart wieder redete, als wenn nichts geschehen sei. Von dieser Schattenseite ihres Zusammenlebens hatte Kallem keine Ahnung.

Kallem hatte keinerlei Verkehr; er hatte keine Zeit dazu. Seine Praxis mu?te er einschr?nken, weshalb er auch mit seiner Absicht, Doktor Arentz, den jungen Milit?rarzt, zu seiner Hilfe heranzuziehen, Ernst machte. Ende November wurde das geordnet, und fortan nahm er mehr teil an dem Zusammenleben und dem Unterricht, die dadurch festeren Halt gewannen.

Karl Meeks Vater kam eigens zu dem Zweck in die Stadt, um ihnen beiden zu danken und sie zu bitten, zu Weihnachten mit seinem Sohn in ihr Waldnest hinaufzukommen. Otto Meek war gr??er und st?rker als sein Vater, sein Gesicht gro?zügiger - mehr "bourbonisch"; aber es hatte etwas Schwermütiges oder besser gesagt Schweres. Kallem nahm die Einladung an und traf sofort die n?tigen Verabredungen mit seinen Kollegen, damit er abkommen k?nne. Aber als die Zeit herankam, wurde Doktor Kent krank, und Ragni mu?te, so ungern sie es auch tat, mit Karl allein reisen; Kallem wollte nachkommen. Ein Reisepelz wurde für sie gekauft, pelzgefütterte Stiefel und ein Fu?sack, auch eine kostbare Pelzmütze, ein Geschenk Karls. Wie eine Gr?nl?nderin sah sie aus, als sie alles anhatte.

Kallem begleitete sie zur Bahn; Ragni hatte ein bi?chen geweint - es war die erste Trennung, seit sie verheiratet waren. Als sie schon im Zug sa? und Kallem noch vor dem Wagen stand, wollte sie wieder heraus; Kallem mu?te einsteigen und schelten. Sobald der Kummer gestillt war, stieg er wieder aus und blickte Karl an, der frisch und fr?hlich dasa?. "H?r' mal, lieber Birkhahn, von heut ab sag ich Du und Karl zu Dir! Du bist ein braver Junge!" Karl aber sprang heraus und fiel ihm um den Hals.

Dann fuhren sie davon.

Kallem arbeitete und fand es gar nicht so übel, da? er einmal v?llig Frieden hatte; sie hatten ihn in der letzten Zeit doch recht gest?rt. Aber schon am dritten Tage, dem heiligen Abend, war es ihm langweilig. Er nahm sich vor, sie zu überraschen; Doktor Kent ging es besser.

Am heiligen Abend, als er eben von Kent kam und ins Krankenhaus wollte, sah er von fern eine Menge Menschen vor dem Tor stehen. Ein Langschlitten mit einem Pferd davor fuhr gerade heraus; im Schlitten lagen Stroh und Betten - man mu?te einen Kranken gebracht haben. Er h?rte Kinder weinen. Wer war da verunglückt? Maurer Andersen war's - der Mann, der Kallem und Ragni an ihrem Ankunftstag in der Stadt oben vor dem neuen Haus begrü?t hatte. Im Winter, w?hrend das Handwerk brach lag, zog Maurer Andersen als Hausierer umher, und auf einem steilen Waldweg hatte er sich verirrt, war abgestürzt und nur durch einen Zufall hatte man ihn gefunden. Drinnen bei den Krankenschwestern traf Kallem die untr?stliche Frau, die erz?hlte, wie der unermüdliche Mann noch bis Weihnachten herumgewandert sei; damit er zum heiligen Abend daheim w?re, habe er einen abkürzenden Weg eingeschlagen - er sei nun mal so ein "Haushammel". Aber er habe schwache Augen und sei auf seinen Finnenschuhen abgerutscht und gestürzt und habe das Bein gebrochen. Und da liege er nun, und k?nne sich nicht rühren. Das sei nun sein Weihnachten! "Und wir haben gewartet und gewartet!" schlo? sie. "Und erst die Kinder!"

Kallem eilte zu dem Kranken, der schon im warmen Zimmer im Bett lag. Der starke Mann mit dem gro?en braunen Bart, der über das Hemd wallte, war nicht wiederzuerkennen. Die Augen zusammengedrückt, die Lider geschwollen, starr. Die Schleimhaut des Auges ganz entzündet, die Hornhaut bedroht, und da ihn der geringste Lichtschimmer schmerzte, war vielleicht noch gr??ere Gefahr im Anzug. Das Gesicht aufgedunsen, mit bl?ulichroten Flecken; die Finger an beiden H?nden wei? und gefühllos; die Handrücken noch einmal so gro? wie sonst und mit Wasserblasen bedeckt. Das rechte Bein war am oberen Ende der Wade gebrochen, und der Bruch ging bis ins Kniegelenk; die Wunde war so gro? wie ein Markstück; ein Knochensplitter ragte daraus hervor - wie ein Finger. Dem gegenüber war die ganze übrige Verletzung des Beins überhaupt nicht von Bedeutung.

Andersen konnte kaum sprechen, und lallte nur dann und wann, das Bein dürfe nicht abgenommen werden. Das k?nne man erst am andern Morgen entscheiden, wenn es hell sei, beruhigte Kallem ihn immer wieder, w?hrend er ihn zurecht legte. Er lie? das Zimmer sofort halbdunkel machen, lie? Borwasserumschl?ge über die Augen legen und beorderte eine regelm??ige Aufsicht zum Wechseln der Kompressen. Das Gesicht des Kranken wurde mit ?l bestrichen und mit einer dünnen Watteschicht bedeckt; ebenso verfuhr man mit den H?nden. Die Beinwunde wurde mit Karbolwasser ausgespritzt und eine kleine blutende Ader unterbunden; die Wunde dann mit Jodoform bestrichen, mit Watte umwickelt und in eine Drahtbandage gelegt. Wenn er aufwachte und sich schwach fühlte, sollte er alle zwei Stunden Naphtha bekommen - bei zu gro?en Schmerzen eine Morphiumeinspritzung.

Daraufhin schlief der Kranke ein, klagte jedesmal, wenn er erwachte, über unleidliche Schmerzen, weniger an der Bruchstelle als haupts?chlich im Schienbein, in der N?he des Spanns; best?ndig qu?lte ihn die Angst, da? ihm der Fu? abgenommen würde.

Am n?chsten Tag um neun Uhr fand Kallem ihn viel wohler, in jeder Beziehung. Auch die Gedanken waren klarer; aber fortw?hrend drehten sie sich um den Fu?, der erhalten bleiben sollte. Er ?u?erte den Wunsch, den Pastor, der sein guter Freund war, zu sehen; seine Frau, die eben da war, machte sich sofort auf den Weg, um den Pastor zu bitten, vor der Kirche bei ihm vorzusprechen. Unterdessen wurden die Augen des Kranken untersucht; sie waren weniger geschwollen, aber ?u?erst lichtscheu; man wandte Atropin an, und die Umschl?ge wurden durch eine leichte Binde ersetzt. Kallem war gerade im Krankenzimmer, als die Frau mit dem Pastor kam; er ging den beiden entgegen. Nach seiner Ansicht mu?te Andersens rechtes Bein exartikuliert, d. h. unter dem Kniegelenk abgenommen werden. Aber das durfte der Kranke vorl?ufig noch nicht erfahren. Da brach die Frau, die bisher ihr Schicksal mit Fassung ertragen hatte, zusammen, so da? Kallem sie gar nicht hineinlassen durfte; der Pastor ging mit.

Es machte einen tiefen Eindruck auf ihn, als er in dem gro?en halbdunkeln Zimmer neben seinem kranken Freund stand und ihn daliegen sah, diesen Riesen, mit verbundenen Augen, unkenntlichem Gesicht, umwickelten H?nden, und ihn klagen h?rte. Aber bald fühlte er nur noch Bewunderung - so stark, so sicher war der Kranke im Glauben. Er ?u?erte den Wunsch, man m?ge heut in der Kirche für ihn beten; "Sie kennen mich ja alle!" sagte er. Der Pastor versprach ihm das. Dann aber betete er noch von Herzen am Schmerzenslager für den Kranken und seine Angeh?rigen. Das Gebet wirkte belebend auf den Kranken; er flüsterte: "Ich habe einen Bund geschlossen mit Gott, des Fu?es wegen!" und lag dann ganz still, w?hrend der Pastor den Segen Paulus' sprach. Kaum eine Stunde darauf kam Doktor Arentz, und Andersen wurde in den Operationssaal geschafft. Man sagte ihm, er solle chloroformiert werden, damit man den Schaden gründlich untersuchen k?nne, und da die Schmerzen noch immer unertr?glich waren, willigte er sogleich ein; "aber der Fu? darf nicht abgenommen werden!"

Die genauere Untersuchung ergab, da? das obere Ende des Wadenbeins bis schr?g an das Kniegelenk hinauf zersplittert war, leider auch, da? eine gr??ere Blutader zwischen den Bruchenden so eingeklemmt lag, da? sie mit einer gro?en Blutpfropfthrombe, die sich einige Zoll den Schenkel hinauf erstreckte, gefüllt war.

Das Bein wurde selbstverst?ndlich abgenommen; in einer Viertelstunde war es geschehen.

Alle, die mit ihm zu tun hatten, erhielten strengste Anweisung, ihn in dem Glauben zu lassen, da? das Bein ihm erhalten sei. Man mu?te ihn vor jeder Gemütsbewegung schützen, damit er ja nicht in Versuchung komme, sich aufzurichten, den Fu? zu bewegen oder seine Lage zu ?ndern; wenn ein Blutspfropfen sich von der Thrombe l?ste, konnte es mit ihm zu Ende sein. Er wurde in eine Stahldrahtbandage gelegt, die vom Hüftgelenk bis an das Bettende herunterreichte; der Stumpf wurde mit Karbolgaze und Jute verbunden und mit der Au?enseite an einen langen Klotz festgebunden.

Jetzt wurde Andersen wieder geweckt, und man bedeutete ihm, sich ganz ruhig zu verhalten. Er bekam Wein, aber l?ffelweise, damit er sich nicht rührte, ebenso Fleischbrühe mit Eigelb; bald fiel er in Schlaf.

Sowie Kallem sich umgezogen hatte, ging er hinunter in das Zimmer der Pflegerinnen, wo die Frau wartete, und erz?hlte ihr den ganzen Hergang, wies sie auch auf die Gefahr hin, die drohte, wenn Andersen sich bewege. Er gewann ihr breites, kluges Gesicht mit der Adlernase geradezu lieb; eine reinere Seelenst?rke hatte er kaum je gesehen. "Sollte es schlimm ablaufen," schlo? er, "so haben Sie viele Freunde!" - "Gott lebt noch!" flüsterte sie.

Zwischen drei und vier Uhr erwachte Andersen, und bekam wieder l?ffelweise Wein, Brühe mit Eigelb, Milch; er versicherte, er fühle sich wohl, nur sein Schienbein tue ihm weh; manchmal fühle er Schmerzen in der Ferse. Im Lauf des Nachmittags st?rkten sich seine Lebensgeister, und er wünschte, der Pastor m?ge wiederkommen. Gerade als die Frau ihn holen wollte, kam er von selbst. Kallem hatte ihn gebeten, zu tun, als ob der Fu? noch nicht abgenommen sei.

Es zeigte sich gleich, da? Andersen keinen anderen Gedanken hatte, als seinen Fu?. "Ich glaube, ich darf jetzt wohl sagen, da? Gott mich erh?rt hat!" sagte er; "dafür müssen wir ihm auch gebührend danken!"

Das rührte den Pastor, und er schickte sich an, ein warmes Dankgebet dafür emporzusenden, da? der Fu? dem Kranken ein Pfand der g?ttlichen Gnade geworden sei und ihn noch inniger mit seinem Erl?ser verbunden habe. Andersen schien darüber nachzusinnen; endlich sagte er: "Jetzt müssen Sie noch beten, da? er mir auch sp?ter den Fu? nicht nimmt!" - Wie er darauf komme? - "Weil ich solche Schmerzen drin habe." - Aber eben habe er doch geglaubt, da? Gott ihn erh?rt habe? "Ja, aber man mu? beten ohne Unterla?!" Der Pastor weigerte sich; sofort wurde der hartn?ckige Mann unruhig, und die Frau flüsterte flehend, der Herr Pastor m?ge Andersen doch den Willen tun. Da tat er's; aber er tat es mehr auf ihre Verantwortung hin als auf seine eigene, und es wirkte in ihm nach. Kallem war eben nach Hause gekommen, als der Pastor ganz bla? bei ihm erschien und erz?hlte, was vorgefallen war. "Das tu' ich nicht noch einmal!" schlo? er. "Ich kann Dir versichern, Du hast ein gutes Werk getan!" Der Pastor stand in überzieher und Mütze, die Hand auf der Türklinke, da; Kallems Worte und der Ton, in dem sie gesagt wurden, verletzten ihn. "Nur in der Wahrheit k?nnen wir uns dem Gott der Wahrheit n?hern! Adieu." Der Doktor kam ihm nach: "Du glaubst also, wenn Du Andersen jetzt sagst, da? das Bein abgenommen ist, so kann ihn Gott erretten?"

"Ja!" antwortete der Pastor ?rgerlich, ohne sich umzuwenden.

Kallem wagte unter diesen Umst?nden nicht, zu verreisen. Er schrieb ausführlich an Ragni und versprach, zu kommen, sobald er k?nne.

Am n?chsten Morgen fand er alles in gewünschter Ordnung, betonte aber wieder, der Kranke müsse v?llig still auf dem Rücken liegen, dürfe auch nicht so viel sprechen. Am Nachmittag verlangte Andersen das heilige Abendmahl, doch die Pflegerin entgegnete, er k?nne keine Gemütsbewegung vertragen. "Ich will meinen Bund mit Gott erneuern!" gab Andersen zurück.

Das wagten sie ihm nicht abzuschlagen; aber sie wagten es auch nicht zuzulassen, ohne vorher den Doktor zu fragen, und dieser war am Vormittag an ein Wochenbett gerufen worden. Die Krankenschwester beriet sich also mit dem Hausmeister, der von altersher allm?chtig war im Hause. Auch ihm gegenüber wiederholte Andersen seinen Wunsch aufs bestimmteste, und der Hausmeister glaubte, man müsse ihm willfahren; er wolle die Verantwortung auf sich nehmen. Eine Weile darauf war der Pastor bei ihm in der Portierstube, um den Wein anzuw?rmen; das Wetter war umgeschlagen, und es war ein bitterkalter Abend. Dann gingen die beiden hinauf. Andersen freute sich, als er h?rte, wer kam. "Das wu?t' ich!" sagte er.

Der Pastor fragte, ob er einen besonderen Wunsch habe.

"Jawohl."

Die ?ndern gingen hinaus. Jetzt erz?hlte Andersen, da? er in seiner Kindheit einmal einem Jungen ein Bein gestellt habe mit eben dem Fu?, der jetzt krank sei. Gott werde ihn doch nicht etwa dafür jetzt strafen wollen? "Nein, nein!" - Er sei nun aber einmal auf den Gedanken gekommen, und fühle das Bedürfnis, das heilige Abendmahl zu nehmen. - Weiter liege nichts Besonderes vor? - Nein. - Der Pastor bat ihn, sich zu sammeln; sie wollten miteinander beten. Andersen schwieg und sie beteten. Nach dem Gebet erteilte ihm der Pastor die Vergebung der Sünden und wollte ihm das Brot und den Wein reichen. - "Nein, warten Sie noch ein bi?chen! Vergebung der Sünde habe ich nun; jetzt ist die Tafel blank. Jetzt schreiben wir den Fu? darauf, damit man's im Himmel lesen kann. Ich fühle mich so froh, so von Herzen froh!"

"Der ganze Mensch ist mit in den Bund einbegriffen, lieber Andersen." - "Ja, aber diesmal verspricht unser Herrgott meiner Frau und meinen Kindern, da? mein Fu? wieder gesund wird. Jetzt kommen Sie!" Und er streckte die erfrorenen H?nde aus.

Dem Pastor trat der Schwei? auf die Stirn. "Das kann ich nicht!" flüsterte er, v?llig ohne Bewu?tsein dessen, was er sagte.

Andersens Lippen bebten, die umwickelten H?nde tasteten umher; er wollte sich damit in die Augen fahren, stie? jedoch auf den Verband. "Wir k?nnen nicht in Gottes Ratschlu? eindringen!" sagte der Pastor. "Gesetzt, - das, was wir wollen, w?re unm?glich?" War es ein Etwas in des Pastors Stimme, oder war es der Widerstand an sich, was Andersen mi?trauisch machte?

Ohne zu antworten ri? er sich den Verband von den Augen, richtete sich auf, ganz rasch, warf die Decke zur Seite und fiel wieder auf das Kassen zurück. Er fa?te nach seiner Brust, schrie, er müsse ersticken, und fing an zu keuchen und zu r?cheln; ein Blutstropfen war in die Lunge gedrungen.

Der Pastor hatte das, was er in H?nden hielt, weggestellt und eilte nach der Tür, vor der der Hausmeister und die andern warteten; sie rannten zu Doktor Arentz und Doktor Kent; aber noch eh einer von ihnen kam, war Kallem zurück. Der Pastor war schon fort. In der Nacht starb Andersen.

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