MoboReader > Literature > Auf Gottes Wegen

   Chapter 7 7

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 20363

Updated: 2017-11-30 00:02


Josefine verlie? die Stadt. Sie nahm ihren Jungen mit nach der Westküste, wo er Seeb?der nehmen sollte. Der Pastor wollte etwas sp?ter nachkommen; er hatte, seit er Pastor war, noch keinen Urlaub gehabt. Gleich nach dem Examen war er als Hilfsprediger hierher gekommen und hatte das Zutrauen der Gemeinde in so hohem Ma?e gewonnen, da? sie, als vor zwei Jahren die Stadt aus der Di?zese ausgepfarrt wurde, einstimmig um seine Berufung einkam; und er erhielt das Amt. Fast sechs Jahre lang hatte er nun streng gearbeitet und konnte ein paar Wochen Ferien wohl gebrauchen. Josefine ging eines Tages zu ihrem Bruder hinauf, als er nicht zu Hause war, erz?hlte Ragni, da? sie verreise, verabschiedete sich und bat, den Bruder zu grü?en.

Ragni war sich sofort klar darüber, da? diese Reise nur ein Vorwand war, um sie nicht in die Gesellschaft einführen zu müssen; sie wollten nicht für sie eintreten. Zu Kallem, der weniger mi?trauisch war, sagte sie jedoch nichts davon. Er verga? bald die ganze Geschichte; denn er hatte ungeheuer viel zu tun. Doktor Kent wollte ins Ausland, und Kallem mu?te seine Praxis übernehmen zum Dank dafür, da? Kent vor Kallems Ankunft das Krankenhaus beaufsichtigt hatte. Der dritte Arzt am Ort war ein junger Milit?rarzt und augenblicklich bei den übungen. Er hie? Arentz und zeichnete sich durch überaus breite, tadellos gepl?ttete Vorhemden aus. Kallem erkannte in seinem korrekten Wissen Wort für Wort das Lehrbuch wieder - er mu?te sich anfangs Mühe geben, ihn nicht "Niemeyer"[7] zu nennen; aber er mochte ihn seiner unbedingten Ehrenhaftigkeit wegen gern leiden. Da das Herumliegen auf Landwegen und Stra?en Kallem unertr?glich wurde, dachte er daran, Arentz zum Assistenten zu nehmen; wollte er selber ein freier Mann sein, so mu?te er sich anders einrichten.

Ragni sah ihn nur mittags das Essen hinunterschlingen und sp?t abends heimkommen. Vielleicht sa? er einmal ein Weilchen bei ihr auf der Veranda, oder ging im Garten umher und half ihr, wenn sie gerade bei der Arbeit war; aber selten. Er mu?te wieder hinein, zu seinen Büchern. Anders gestaltete es sich, als sein Kollege wieder zurückkam; er glaubte, die vers?umte Zeit nachholen zu müssen und fortan sa? er best?ndig im Laboratorium oder in seinem Arbeitszimmer. Schlie?lich siedelte auch Ragni dahin über; sie bekam ihren eigenen Stuhl und ihre eigenen Bücherf?cher; das Studierzimmer wurde zur Wohnstube.

Stundenlang lasen sie, jedes für sich, und wechselten kaum zehn Worte. Er versenkte sich immer mehr in ein langes, einsames Studium und ahnte nicht, was für einen Eindruck es machte, wenn er sich in einer Pause aufs Sofa warf, so lang er war, und sie ansah, ohne ein Wort zu reden, oder - wie es meist der Fall war - am Fenster stand und hinausstarrte. Kam er ins Zimmer zurück, so war es nur, um sich wieder ans Fenster zu begeben. Er behauptete, nirgends k?nne er so gut denken, wie da; das habe er von seinem Vater.

An seinem Heim hatte er eine gro?e Freude; selten kam er nach Hause, ohne es zu rühmen, und dann wanderte er umher, sorglos und munter wie eine Schwalbe. Nach Tisch h?rte er gern Musik, doch achtete er nicht immer darauf, was sie spielte.

Und sie? Von Tag zu Tag fühlte sie sich inniger in Wesen und Dinge ihres Heims ein. Ihn nannte sie wieder ihren "wei?en Pascha", den Flügel "das M?rchen". "Jetzt ein M?rchen!" sagte sie, wenn sie spielen wollte, und gew?hnte es ihm ebenfalls an. Das Schlafzimmer nannte sie "zwischen den Sternen", die Tauben, die sie zu Pfingsten bekommen hatte, "meine Pfingstlilien", Sigrid "die Siebenarmige". Wenn sie und Kallem im Arbeitszimmer sa?en und lasen, hatte sie das Gefühl, als segelten sie beide fort, jedes in seinem Boot, jedes nach seinem Land. "Wollen wir jetzt hinein und segeln?" sagte sie.

Er kannte dies Bedürfnis nach Bildern aus ihren amerikanischen Briefen. "Wir arbeiten uns jeder von einem Ende eines Welttunnels langsam zueinander hin", schrieb sie; und auf dies Bild vom Tunnel kam sie immer wieder zurück; zuletzt "waren sie einander so nahe, da? sie ihn sprechen h?ren konnte." Von den Dampfern, die "droben, über ihnen, aneinander vorbeischwammen mit ihren Briefen", schrieb sie: "die Sehnsucht des einen zieht und die des andern schiebt nach."

Eines Abends auf der Veranda - es regnete, aber sie selber sa?en trocken unter dem vorstehenden Dach - sagte sie: "Solche H?user mü?ten einen Kopf haben." - "Einen Kopf?" - "Ja, zwischen den Flügeln, wie jedes andere brave Huhn." - "Ach, so meinst Du's!" - "Ich habe immer das Gefühl, als s??e ich unter Flügeln und würde bebrütet." - "Sag' mal, wie kommt es, da? Du in Deiner Kindheit nicht in den Bildern der Bibel heimisch geworden bist?" - "Weil ich einen Vater hatte, der mir, als ich zehn Jahr alt war, vom Ursprung der Arten erz?hlte; Pflanzen, Tiere und Menschen wurden zu einer Familie. Das war so etwas für mich. Als ich dann einen Stiefvater bekam, der Geistlicher war und behauptete, Erde und Menschen seien gleich bei der Erschaffung vollkommen gewesen und alles sei nur um der Menschen willen da, da glaubte ich das nicht. Au?erdem war mein Vater ein stiller, kr?nklicher Mann, den ich lieb hatte, und mein Stiefvater ein starker, j?hzorniger Mensch, den ich fürchtete."

Kallem fragte, ob sie ihm nicht einmal ihre Kindheit und Entwicklung schildern wolle. Aber darauf antwortete sie bestimmt: "Nein!"

* * *

Kristen Larssen arbeitete hin und wieder beim Doktor, - so bei der Einrichtung des Laboratoriums, des Ventilationsapparates usw. Mit einem schweigsameren, mi?trauischeren Menschen hatte Kallem es noch nie zu tun gehabt, aber auch noch nie mit einem klügeren. Eines Sonntags, Anfang August, kam er herauf, in seinem h?chsten Staat - einem langsch??igen, braunen Rock mit au?erordentlich engen ?rmeln, einer karierten, zu kurzen Weste und einer grauen Hose von sogenanntem englischen Leder. Alltags trug er meist keine Kopfbedeckung; Sonntags, wenn er Staat machen wollte, trug er den Hut in der Hand; er konnte nichts auf dem Kopf ertragen, wenn es nicht ganz besonders kalt war. Jetzt stand er da im Studierzimmer, lang, hager, kurzgeschoren, reingewaschen, mit schwarzen Bartstoppeln. Das einzige halbwegs Freundliche an der ganzen Erscheinung war der über ein rotgewürfeltes Halstuch heruntergeklappte wei?e Hemdenbund. Der Doktor bat ihn, Platz zu nehmen und fragte, was ihm fehle. Als Antwort kam erst ein forschender Blick, dann die Erkl?rung, er habe ja gar nicht gesagt, da? ihm etwas fehle.

Kallem merkte, da? es Larssen nach dieser Antwort nicht leicht fallen würde, mit seinem Anliegen herauszurücken; aber er dachte: Geschieht dir ganz recht!

Na ja, endlich sagte er denn, er wisse, die "Frau Doktern" sei fünf oder sechs Jahre in Amerika gewesen; ob sie ihm vielleicht ein paar englische Bücher leihen k?nne? Vielleicht würde sie ihm auch sagen, wie er sich am besten weiterhelfen k?nne; er habe auf eigene Hand ein bi?chen Englisch gelernt.

Ob er denn ans Auswandern denke? - Ja, k?nnte schon sein; "aber hinübergehen, und drüben auch für die Norweger schuften ... dazu hab' ich keine Lust." - "Wie alt sind Sie?" - "O, so reichlich an die Vierzig!" Er sah aus, als sei er schon fünfzig. "Da f?llt mir ein, Larssen, - meine Frau wird Sie sicher gern Englisch lehren, etwa abends." Nein, das wollte er unter gar keinen Umst?nden. Aber Kallem machte ihm begreiflich, da? man die Aussprache nur durch mündlichen Unterricht lernen k?nne. Im selben Augenblick kam Ragni herein, und der Doktor erkl?rte ihr, da? für Kristen Larssen die englische Sprache gleichbedeutend sei mit einem paar Flügel. Erst wurde sie ein bi?chen rot; es war keineswegs die einzige unangenehme Aufgabe, die Kallem ihr aufbürdete; er schien wirklich der Ansicht zu sein, sie habe nicht genug zu tun. Sie selber war der Ansicht, da? sie gern m?glichst frei sein wollte. Aber w?hrend sie so stand und Kristen Larssen ansah, und daran dachte, wie Kallem gesagt hatte, er habe noch nie einen klügeren Menschen getroffen, wurde sie von Mitleid erfa?t. Eben vertiefte er sich in ein englisches Buch; er verstand zur Not, wovon es handelte. Und da erbot sie sich nicht nur, ihm zu helfen, sie n?tigte ihm ihre Hilfe geradezu auf. Schon am selben Nachmittag um fünf Uhr kam er, und sie sa?en zusammen am Tisch und buchstabierten sich durch einen leichten Text durch. Kallem kam nach Hause und sah die beiden K?pfe über dasselbe Buch gebeugt, der eine lang, dunkel und eckig, der andere klein, feingeformt, r?tlich; ein eiskaltes, dunkles Gesicht, durchfurcht, verkniffen - ein warmes Frühlingsauge, eine blendende Haut, eine sonnige Laune. Sie hielt ihr Taschentuch vor den Mund und mu?te sich offenbar zwingen, neben ihm zu sitzen. Kallem erinnerte sich jetzt, da? auch ihm schon Kristen Larssens unangenehmer Atem aufgefallen war. Er sorgte sogleich dafür, da? sie zwei Bücher bekamen und da? jedes an einer Seite des Tisches sa?. Sobald sie konnte, machte sie sich davon. Um das wieder gut zu machen, lud Kallem Larssen zum Abendessen ein und versuchte, ihn zum Auftauen zu bringen; aber als er ging, war er noch ebenso kalt und vorsichtig wie beim Kommen. Jetzt begann dieser Mann ihn zu besch?ftigen. Was in aller Welt war das für ein Mensch, und wie war er so geworden?

Bei Gelegenheit suchte er ihn unter einem Vorwand in seinem Hause auf. Hier traf er die Frau, ein mageres, dürres Frauenzimmer, dessen Kopf dicht in ein gro?es Tuch eingewickelt war; was der Mann zu wenig auf dem Kopf hatte, das hatte sie zu viel. Kein Kind. Kein Feuer auf dem Herd; sie koche immer gleich auf mehrere Tage, sagte sie. Vorsichtig und mi?trauisch ging sie ab und zu und strickte. Kallem dachte sich, sie mü?ten wohl übereingekommen sein, so dürftig zu leben, damit sie für die Reise zurücklegen konnten. Nur um einen Vorwand zu haben, hatte er einen Revolver mitgenommen, der nicht richtig funktionierte; die Waffe lag in einem Kasten, und er hatte den ganzen Kasten mitgenommen, dachte aber jetzt erst daran, da? auch die Munition darin lag. Er zeigte es ihr. "Ach, bei uns liegt viel solches Zeugs herum!" sagte sie und nahm den Revolver ohne eine Spur von Furcht in die Hand. "Der ist aber fein!" Und sie legte ihn in den Kast

en zurück, schlo? ihn zu und stellte ihn auf ein Wandbrett über der Werkzeugbank des Mannes. Brett und Bank lagen voll Sachen zum Reparieren; "er hat jetzt zu viel au?er dem Haus zu tun," sagte sie, "das Kleinzeug da mu? warten!" Der eine Raum diente als Werkstatt, Küche und Schlafstube. Eine Uhr an der Wand, ein Tisch, ein Bett, eine Schlafbank, drei h?lzerne Stühle; sonst alles kahl; und überall ein scharfer, übler Geruch.

Den Rückweg nahm er am Sattlerladen von S?ren Pedersen vorbei, dem er bei der Etablierung eines Gesch?fts geholfen hatte, das recht gut ging. Da stand Kristen Larssen; in der einen Hand hielt er ein Glas, in der andern eine Flasche, und S?ren Pedersen und seine Frau schrien oder sangen Glas und Flasche an; es klang wie ein langgezogenes, kl?gliches Hundegeheul. Kristen Larssen lachte - ein Lachen, wie es nur aus den tiefsten Tiefen des Menschen kommt. Eine breite Seligkeit lag in diesem weitaufgerissenen Maul - die innerste Offenbarung eines bosheitsvollen Herzens, das wildeste Freudenhalleluja des Entdeckers. Vielleicht auch ein Interesse für die beiden - wer wei?? Ob er das Tag für Tag so trieb?

* * *

Das Talent Kallems, andere in Arbeit zu setzen, sollte Ragni noch in h?herem Grade kennen lernen.

In einer kleineren Gesellschaft bei Doktor Kent sollten sie den alten Pastor Meek und seine Enkelin, Tilla Kraby, kennen lernen; die beiden waren von ihrer Reise ins Ausland zurückgekehrt, wollten aber bald wieder von hier weg. W?hrend ihres kurzen und wahrscheinlich letzten Aufenthalts in der Gegend wurden sie sehr gefeiert; auch diese Gesellschaft wurde ihnen zu Ehren gegeben, und Kallem und seine Frau, die sonst ganz zurückgezogen lebten, gingen heute nur hin, um sie doch wenigstens einmal gesehen zu haben. Die Ehreng?ste lie?en auf sich warten; und unterdessen wurde Ragni eine ungew?hnlich starke Dame vorgestellt, kaum drei?ig, lebhaft und hübsch; gleich ihre ersten Worte jagten der jungen Frau einen Schreck ein. "Ich wei? nicht, ob es Ihnen unangenehm ist," sagte sie - - "ich bin n?mlich die Schwester von S?ren Kule." Als sie Ragnis tiefe Verlegenheit bemerkte, zog sie sie schnell beiseite: "Denken Sie nur ja nicht, da? ich es nicht ganz genau ebenso gemacht h?tte, wie Sie!" flüsterte sie. "Noch dazu, wenn man einen Mann findet, wie Ihren!" - - und sie drückte Ragnis Arm. Sie war sehr gewandt und fesch und hatte keine Ahnung, wie sie das feine Gesch?pf peinigte, das sie da am Arm hielt. Schon da? ihr Gesicht und ihre Figur von der "Walfischart" waren, war ja genug; Ragni kannte das alles so gut - bis auf die eigentümliche Bewegung der "Flossen"; sie mu?te an Tran denken. Jetzt sah man den alten Pastor Meek und seine Enkelin eintreten; der Gastgeber und seine Schwester - Dr. Kent war nicht verheiratet - gingen ihnen entgegen - auch die übrigen fast alle. Zwischen das "Guten Tag!" und "Willkommen!" der Vordersten klang das: "Nein! wie pr?chtig er aussieht!" und "Was diese Tilla für Reisen macht!" der Fernerstehenden. Und w?hrend der ganzen Szene fragten Kallem und Ragni sich, wem die beiden ?hnlich s?hen; diese Gesichter hatten sie schon irgendwo erblickt.

Pastor Meek war über mittelgro?, breitschulterig, ein bi?chen wohlbeleibt. Den Kopf, der breit und leuchtend war, trug er stark zurückgeworfen; dichtes, wei?es Haar umrahmte das Gesicht. "Jetzt wei? ich's!" flüsterte Ragni. "Sie müssen verwandt sein mit dem jungen Menschen, dem wir am ersten Tag begegnet sind. Du wei?t doch - der so sch?n war?" - "Ja, richtig! Dasselbe gew?lbte Antlitz! Man k?nnte glauben, sie geh?rten zu den Bourbonen." - Der Alte dankte für die Willkommgrü?e mit einer tiefen, wohlklingenden, langsamen Stimme. Die Augen waren nicht unbefangen - eher forschend und resigniert. Kein Eindruck von Sicherheit, wohl aber von gro?em Wohlwollen und von Nachdenklichkeit. Jedesmal, wenn einer der h?heren Beamten ihn anredete, kam etwas altmodisch Zeremonielles, Reserviertes über ihn. Der "neue Doktor" wurde vorgestellt, und Frau Lili Bing sagte, wie aus einer inneren Eingebung heraus zu Ragni: "Sie beide müssen zueinander passen! Darf ich vorstellen: Frau Kallem - Fr?ulein Kraby." Ein bi?chen schüchtern begrü?ten sie einander und sprachen bald darauf von dem jungen Mann, der ihr so ?hnlich sah. Es war ihr Vetter, und er war sehr musikalisch. Dadurch kamen sie auf Musik zu sprechen und gingen den ganzen Abend überhaupt nicht mehr voneinander.

Selten - ja, Kallem ausgenommen, vielleicht niemals - hatte Ragni jemand gefunden, zu dem sie sich gleich so hingezogen gefühlt hatte. Dies stille und zugleich so lebhafte blonde Wesen hatte eine so liebenswürdige Art, und alles, was sie sagte, war so ganz ihr eigenstes Denken. Und in wenigen Tagen verlie? sie die Stadt für immer! Es gab ihrem Zusammensein einen eigenen, wehmütigen Reiz, da? sie sich heute wahrscheinlich zum ersten- und letztenmal sahen. Es bewirkte auch, da? Ragni sp?ter, als der Gastgeber sie in seiner schalkhaften Weise bat, etwas zu spielen, gleich bereit war. Sie wollte der neuen Freundin soviel von sich geben, als sie konnte.

"Bitte," flüsterte sie ihr zu, "stellen Sie sich so, da? ich ein vertrautes Gesicht vor mir habe!" Dann stimmte sie "Solvejgs Lied" aus "Peer Gynt" an. Man hatte ein Bravourstück erwartet, nicht ein einfaches Lied; aber als sie es auf dem Flügel zu Ende "gesungen" hatte, waren alle so hingerissen, da? der Bürgermeister, der bei solchen Gelegenheiten gern das gro?e Wort führte, um Wiederholung bat. Sie spielte es noch einmal. Darnach den unvergleichlichen, humpelnden Gnomenmarsch aus derselben Suite; und gleich darauf Seimers "Kinderspiel" - der feinste, anmutigste Gegensatz. Sie spielte es mit derselben tiefeindringenden Interpretation des kleinsten Details. Dann eine Weise von Sinding - im alten Stil - jeder Ton ein Wort für sich; dann eine heitere, kernfrische Melodie von Svendsen; zum Schlu? den Festmarsch von Seimers. Heute hatte sie keine Angst; ihre Augen wanderten mit reicher Botschaft zu Tilla, von ihr zu den anderen - - reine M?rchenbotschaft! Die Gesellschaft war ganz hingerissen; der Bürgermeister wanderte durch die Zimmer wie eine schmetternde Trompete. Der alte Meek kam voll altfr?nkischer Ehrerbietung; "Gro?vater ist so musikalisch!" flüsterte Tilla.

Eine Stunde darauf verabschiedete sich der alte Meek; er blieb nie l?nger in Gesellschaft. Seine Enkelin begleitete ihn; Kallem und Ragni schlossen sich an.

Der Abend war milde, trotzdem es Ende August war, Tage, an denen die überg?nge in der Temperatur nach Sonnenuntergang meist schroff sind; immerhin nicht so mild, da? Sommerm?ntel und überzieher überflüssig gewesen w?ren. überall Spazierg?nger. Als man beim Doktorhaus angelangt war, fragte Ragni, die sonst so zurückhaltend war, ob sie nicht mit hinein kommen wollten. Und der alte Pastor erwiderte voll Galanterie, wenn sie die Hoffnung hegen dürften, noch ein bi?chen Musik zu h?ren, so sei ihnen die Einladung nur zu willkommen. Die Lampen im Verandazimmer wurden angezündet, der Flügel wurde ge?ffnet, und eine italienische Barkarole ruderte zu den offenen Fenstern hinaus. Der alte Meek war ganz beglückt und wagte sich mit der Frage heraus, ob nicht sein Enkel, der hier die Schule besuche, einmal kommen dürfe, um die Frau Doktor spielen zu h?ren - natürlich blo?, wenn es ihnen nicht ungelegen sei. Er sei leider ein solcher Musiknarr, da? er mit neunzehn Jahren noch nicht einmal sein Abiturium gemacht habe. Aber weil man das Unglück nun eben nicht ?ndern k?nne, so sei es immerhin das Beste, wenn er nur gute Musik h?re. Ragni erwiderte, es würde ihr ein Vergnügen sein. Kallem fragte, ob er den jungen Mann aufsuchen und es ihm sagen solle. Dafür war der Alte ungeheuer dankbar und sagte, er w?re dem Doktor noch dankbarer, wenn er ihn auch gleich untersuchen wolle; denn irgend etwas sei da nicht in Ordnung. Kallem sagte, er habe das schon gemerkt; er glaube auch zu wissen, was es sei.

Jetzt setzte sich der Alte an den Flügel.

"Da sollen Sie eins von seinen Liedern h?ren!" sagte er. Und mit Fingern - viel weniger steif, als man es ihm zugetraut h?tte - und einer Stimme, so leise, als ob man mit dem Finger an eine Kirchenglocke rühre - vor allem mit einer ganz eigentümlichen Anwendung der Fistel, summte er:

Wann wird es wirklich Morgen?

Wenn goldner Strahlenglanz

über Firnen hüpft im Tanz,

Tief in den Abgrund dringend,

Beschwingend

Den zum Lichte kletternden Stengel,

Da? er sich tr?umt als seligen Engel.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen.

Doch wenn's wettert und sprüht,

Und krank mein Gemüt,

Kann das Morgen sein?

Nein.

Wohl ist es wirklich Morgen,

Wenn Blümlein im Frühlicht blinken,

Und V?glein Tautropfen trinken

Und zwitschernd dem Baum zum Lohne

Eine Krone

Von jungfrischem Grün versprechen,

Vom Meere erz?hlen den sehnenden B?chen.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen.

Doch wenn's wettert und sprüht

Und krank mein Gemüt,

Kann das Morgen sein?

Nein.

Wann wird es wirklich Morgen?

Wenn die Kraft, die das Leid durchdringt,

Sonne der Seele bringt,

Wenn in deinen Armen

Erwarmen

Alle die Menschen, gro? und klein,

Dann gegen alle nur gut zu sein.

Dann ist es Morgen,

Wirklich, wirklich Morgen,

Die gef?hrliche Kraft,

Die das H?chste schafft,

Ist sie's, die dir nah?

Ja.

Melodie wie Begleitung waren ganz eigenartig. "Wie das sich Hals über Kopf hinauswirft!" sagte Ragni. Kallem fragte, was das für ein Frauenzimmertext sei. Tilla erwiderte, er habe in irgendeiner Zeitung gestanden; wahrscheinlich eine übersetzung. Als aber die andern gegangen waren, vertraute Ragni ihrem Mann an, der "Frauenzimmertext" sei eine von ihren übersetzungen. Sein Vetter habe sie an ein norwegisch-amerikanisches Blatt eingeschickt, und von da sei sie weitergegangen. Dies Zusammentreffen bewirkte, da? Kallem schon am n?chsten Tag Karl Meek aufsuchte, und da? dieser drei Tage darauf samt Klavier, Büchern und Kleidern in dem gro?en Giebelzimmer in Kallems Haus installiert war - in der Stube, die nach dem Park hinausging. Kallem hatte auch den st?rksten Widerstand von seiten Ragnis überwunden.

(← Keyboard shortcut) Previous Contents (Keyboard shortcut →)
 Novels To Read Online Free

Scan the QR code to download MoboReader app.

Back to Top

shares