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   Chapter 6 6

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 28737

Updated: 2017-11-30 00:02


Den n?chsten Morgen wachten sie durch ein lautes, anhaltendes Dr?hnen auf. Als sie ganz munter wurden, merkten sie, da? es die Kirchenglocken waren, die zum Kirchgang l?uteten; beide hatten lang geschlafen; aber sie hatten auch bis gegen drei Uhr, also bis in den hellen Morgen hinein, gearbeitet.

Eins, zwei, drei war Kallem aus dem Bett und im Badezimmer nebenan, wo er sich m?chtig abduschte. Dafür hatte der alte Doktor also doch Sinn gehabt! Und kaum war er halb angezogen, so lief er auch schon hinaus auf die Altane, zu der herrlichen Aussicht. Er rief Ragni zu, sie solle ebenfalls duschen und sich ankleiden und herauskommen; aber sie hatte schon gestern gemerkt, wie gr??lich kalt das Wasser war und lag nun mit gro?en, offenen Augen da und überlegte, ob sie mogeln oder es wirklich wagen solle. Sie zog es vor, zu mogeln und stand gleich darauf in einem allerliebsten Morgenkleid neben ihm. Aber wie unschuldsvoll sie ihn auch anblickte, und wie eifrig sie die wundervolle Aussicht, den k?stlichen Tag rühmte - er verga? die Dusche nicht. Sie hatte gestern feierlichst gelobt, sie gleich vom ersten Tag an zu nehmen; eben weil sie sich so leicht erk?ltete, sollte sie sich's zum t?glichen Brot machen, und ganz besonders hier, wo W?rme und K?lte so schroff wechselten. Also -! Sie setzte ihr kl?glichstes Fr?tzchen auf - sie versuchte, darüber wegzuscherzen; aber er deutete unbeirrt auf das Badezimmer. Wollte sie ihr Gelübde brechen? Wenn sie's ein erstes Mal tat, so tat sie's sp?ter noch oft. Sie kü?te ihn und sagte, er sei ein Scheusal; er kü?te sie, und sagte, sie sei ein sü?es Ding. Aber die Dusche! Sie rannte hinein, streifte ihren Morgenrock ab, als wolle sie unter die Dusche gehen ... Aber husch! lag sie wieder unter der Decke. Als er kam, zog sie die Decke über den Kopf. Da nahm er ohne weiteres Decke samt Inhalt und trug beides nach der Tür; und jetzt bat sie so rührend um Gnade, und das klang so ver?ngstigt, da? er alles beides wieder zurücktrug. Sie schlang die Arme um ihn und zog ihn zu sich nieder; und vor ihren warmen Gliedern zerschellte alle Logik.

Die Glocken l?uteten und l?uteten. Wagen rollten vorüber, alle von der Stadt her. Kaum war der eine vorbei, so kam schon ein anderer. Die Tür stand offen. Sooft die Glocken nach ihren drei bekannten Schl?gen aussetzten, h?rte man im Zimmer das Surren der Fliegen, und von drau?en die V?gel. Jetzt vernahmen sie auch von der Bucht her das Schnauben eines kleinen Dampfers; sie hatten ihn vorhin vom jenseitigen Ufer absto?en sehen, vermutlich mit Ausflüglern an Bord. Irgendwo mu?te ein Fest sein, zu dem die Leute str?mten.

Von Südwest wehte eine leichte Brise, und bei jedem Windsto? füllte sich das Zimmer mit Wohlgeruch; es str?mte f?rmlich von B?umen und Wiesen herein. Zwischen dem Glockenklang flüsterte es und wisperte; die Luft war trunken.

Eine Weile sp?ter standen sie wieder auf der Altane und sahen die Leute zur Kirche gehen. Aber fortw?hrend zogen daneben mit Menschen vollgepfropfte Wagen an der Kirche vorüber und weiter. Der Dampfer war schon ganz nahe; da pfiff es auch von der Eisenbahn her. Beide verfolgten nun mit den Augen zwei Schwalben, die offenbar mit ihrem eigenen Schatten auf dem Sand vor der Veranda spielten. über- und nebeneinandervorbei flogen sie - die Schatten auf dem Sand machten die Schwingungen nach; die V?gel waren bald ganz unten, dann wieder h?her; wenn sie zu hoch geflogen waren und die Schatten verloren hatten, senkten sie sich wieder und suchten nach ihnen. "N?chstes Jahr", sagte sie flüsternd, "wollen wir Nistk?sten anbringen!"

Sie kleideten sich v?llig an, gingen hinunter und frühstückten. S?ren Pedersen und seine Frau waren l?ngst da und hatten l?ngst gefrühstückt; sie waren schon in voller T?tigkeit.

Sie erfuhren jetzt, da? fast alle Leute in das benachbarte Kirchspiel fuhren, wo der Bezirkspfarrer Meek sein fünfzigj?hriges Jubil?um feierte und zugleich seine Abschiedspredigt hielt. Seit heut früh seien schon die Fu?g?nger unterwegs; jetzt k?men die zu Wagen, und au?erdem noch ein ganzes Schiff voll Menschen vom andern Ufer. Meek sei die ganzen fünfzig Jahre in einer und derselben Gemeinde gewesen - "ein ganz absonderlicher Mann". Kallem und Ragni frühstückten im Verandazimmer. Aber das Frühstück wurde unterbrochen. Es klopfte, und herein trat l?chelnd, bescheiden, ein ?lterer hagerer Mann mit einer Hornbrille; es war Doktor Kent, der zeitweilige Leiter des Krankenhauses. Er kam eben von dort. Kallem und Ragni standen beide auf. Doktor Kent hatte eine angenehme, leise Stimme und ein ruhiges L?cheln bei allem, was er sagte. Er setzte sich etwas abseits, w?hrend sie weiter a?en, und machte einige kurze Angaben über die Kranken in der "Anstalt" und über den allgemeinen Gesundheitszustand in Stadt und Umgegend. Auf Befragen erteilte er bündigen Bescheid, welchen von den Beamten Kallem seine Aufwartung machen müsse, welches die Stadtverordneten, Gemeindevorsteher und Mitglieder des Amtsgerichts waren, deren Bekanntschaft wünschenswert sei. Selbst das rein Gesch?ftsm??ige klang freundlich in Doktor Kents Mund. Als sein leichter Einsp?nner vorfuhr - er hatte einen Krankenbesuch auf dem Lande zu machen - bat Kallem, er m?ge ihn mitnehmen; sofort war auch Ragni dabei, und so bestellten sie denn einen gr??eren Wagen und sa?en bald alle drei darin. Als sie eben abfahren wollten, fiel Ragni ein, da? der Flügel leicht übergestimmt werden mu?te, und sie fragte S?ren Pedersen, ob er jemand wisse, der stimmen k?nne, wenigstens einmal fürs erste. Freilich - Kristen Larssen. So kam es, da? die Fahrt mit Mitteilungen über Kristen Larssen begann. Kent erz?hlte, er sei in einer der abgelegensten, elendesten Gemeinden aufgewachsen, und dereinst einer Lappalie wegen mit dem Gesetz in Konflikt geraten - Kent hatte eine schwache Erinnerung, als sei es geschehen, weil er einen Tanz, den er spielte, die "Vergebung der Sünden" betitelt hatte. Kristen Larssen sei Erfinder; eine jetzt ganz allgemein verbreitete Strickmaschine und verschiedenes Handwerksger?te stammten von ihm. Er sei ein kalter Mensch - kalt, wie Eisen im Winter, und S?ren Pedersen und seine Frau seien sein einziger Umgang. Was denn das eigentlich für Leutchen seien? - Ihre Antezedentien kenne er nicht; sie stamme aus hiesiger Gegend, er von Fünen. Beide tüchtig in der Arbeit; aber man habe bald gemerkt, da? sie tranken. Der Pastor hatte dem abzuhelfen versucht; er hatte sie liebgewonnen, w?hrend sie bei ihm in seinem Haus arbeiteten. Merkwürdigerweise glückte es; sie h?rten nicht allein auf zu trinken, sondern S?ren Pedersen wurde ein überaus eifriger Temperenzler und ?u?erst fromm; er konnte schlie?lich die ganze Bibel auswendig. Buchst?blich wahr - ganz auswendig! Er erz?hlte selber oft, da? es sein gr??tes Vergnügen sei, wenn Aase ihm zuh?re, und in kleineren Versammlungen trug er ganze Kapitel aus der Bibel aus dem Kopfe vor, w?hrend die Leute dabei sa?en und nachlasen. Der Pastor meldete ihn in einer Bibelschule an, und er selbst hatte keinen h?heren Wunsch, als dahin zu kommen; aber Aase mu?te auch mit! Da man ihm hierin nicht willfahren konnte, verzichtete er auf die Bibelschule und wurde an allem irre.

So traf er mit dem Tausendkünstler Larssen zusammen, der sich gerade damals hier in der Stadt niederlie?. Kristen Larssen hatte von S?ren Pedersens Gabe zum Auswendiglernen geh?rt und versuchte, hinter den Mechanismus der Sache zu kommen. Aber da war keinerlei Mechanismus; "alles ist eine Gnadengabe Gottes; denn bei Gott ist kein Ding unm?glich."

"Das steht in Matth?us", antwortete Kristen Larssen; "aber im Buch der Richter steht, da? der Herr mit Juda war, aber Juda vermochte nicht den Feind aus dem Tal zu vertreiben, weil der Feind eiserne Wagen hatte!"

Der ehrliche S?ren Pedersen erschrak aufs tiefste darüber, da? der Gott der Juden die eisernen Wagen nicht besiegen konnte. - "In einem und demselben Buch Mosis", fuhr Kristen Larssen fort, "steht ferner geschrieben: Du sollst nicht t?ten! - und gleichzeitig auch, da? der Herr unabl?ssig gebot, zu t?ten. Also sind da Widersprüche."

Das war für S?ren Pedersen etwas ganz Neues, trotzdem er die Bibel auswendig konnte. Er wollte wissen, wie das zusammenh?nge, und verlangte nun in jeder religi?sen Versammlung Auskunft darüber. Schlie?lich hatte er mindestens hundert Widersprüche herausgefunden, nach denen er fragte; es war nicht mehr auszuhalten. Die einen lachten sich halb krank, die anderen nahmen ?rgernis daran. Zuletzt wurden er und Aase von den Zusammenkünften ausgeschlossen. "Ich wei? nicht, ob ich es Ihnen erz?hlen darf" - sagte Doktor Kent - "aber Ihr Schwager hat S?ren Pedersen und Frau Aase eigenh?ndig hinausgeworfen - zum Betsaal hinaus! Sie waren früher als die andern gekommen und wollten nicht gehen. Ihr Schwager ist sehr stark; aber S?ren Pedersen behauptete sich, bis der Pastor auf den Gedanken kam, erst Aase vorzunehmen, und nun rissen sie sich um die Frau, als sei sie ein Stück Holz." Kallem und Ragni lachten ausgelassen. "Ich habe selber einen andern Zusammensto? miterlebt", fuhr Doktor Kent fort. "Der Pastor hielt Prüfung ab in der Schule; ich geh?re zur Schulkommission. S?ren Pedersen und Frau Aase waren auch da und allen ahnte Unheil. "Gott kann nicht lügen!" sagte unter anderem der Pastor. Da stand S?ren Pedersen auf: "Es steht geschrieben: Siehe der Herr hat einen falschen Geist gegeben in aller dieser seiner Propheten Mund." Wieder wurde S?ren Pedersen hinausbef?rdert."

Die Landschaft, durch die sie unter solchen schnurrigen Hist?rchen fuhren, war eine hochgelegene, frühlingshelle freie Ebene, unterbrochen von gr??eren oder kleineren Stücken Waldes, oder besser gesagt - eines Waldes, der von bebauten Feldern durchzogen war. Die Geh?fte stattlich, die Felder fruchtbar, der Weg führte in Windungen abwechselnd durch W?lder und Felder, über Hügel und B?che. Steingehege, wo man's am wenigsten vermutete, und Wege und Stege die Kreuz und die Quer. Wer von den Pr?rien Amerikas und dem Flachland Mitteleuropas kam, den mu?te all diese Unruhe in gute Laune versetzen. Derselbe flimmernde Sonnenschein wie gestern, der gleiche kr?ftige Duft von Wiese und Wald - und dazu eine Blumenpracht und ein Vogelsang! Da rief der Kuckuck!

Es war kurz vor Johannis mit seiner üppigen Flora. Ragni freute sich über den Reichtum ringsumher. Von allen F?chern war ihr Botanik das liebste, und der Gegensatz zwischen der Flora, die sie studiert hatte, und dieser hier interessierte sie lebhaft. Sie fragte, ob in vielen Gegenden Norwegens Berberitze und Akelei wild wüchsen? Doktor Kent meinte, sie mü?ten vor langer Zeit einmal eingeführt worden sein, vielleicht von den M?nchen aus dem Kloster drunten.

Als sie aus den Wiesen wieder in einen kleinen Streifen Wald, gr??tenteils Tannenwald, kamen, sah sie zum drittenmal Linn?a; da hielt es sie nicht l?nger im Wagen; alle drei stiegen aus.

Die Linn?a hatte eben angefangen ihre glockenf?rmigen lichtroten Blüten zu ?ffnen. Ragni und sie begannen sogleich miteinander zu wispern und zu tuscheln: ach, wenn sie nur einmal miteinander allein sein k?nnten! Sechs Jahre lang hatten sie sich nicht mehr gesehen - nein, sie war ja im Frühling abgereist - also sechseinhalb Jahre! Sie hob einige zu sich empor; und da entdeckte sie auch die Pyrola uniflora[2] - einsam, mit wehmütig gesenktem K?pfchen. Kallem hatte gerade auch eine gefunden; sie fragte, wie sie auf norwegisch hei?e. Er fragte Kent, ob man sie nicht den "Leuchter des heiligen Olaf" nenne. Er fragte wie ein Apotheker und erhielt Antwort wie aus einem Herbarium. Ragni verlor sich immer weiter von den beiden weg. Der Duft, der ihr aus dem Blütenkelch entgegenstr?mte, mahnte sie, weiter vorzudringen; die Blume war ja gesandt, um sie immer tiefer hineinzulocken. Tiefer hinein und ein bi?chen weiter zurück - fort von den andern. Sie h?rte sie plaudern; im Wald klingt jeder Laut so deutlich; sie h?rte ein paar aufgescheuchte V?gel. Doch jetzt, nur ein Stückchen weiter weg, h?rte sie blo? noch das Knistern ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Eine einzige kleine Sauerkleeblüte fand sie noch, einen kleinen Nachzügler. Verstimmt lugte sie aus ihren vielen kleeartigen Bl?ttchen hervor; - ob sie wu?te, da? sie ihre Genossen verloren hatte?

"Weiter, weiter!" sagten sie alle; ja, dort hinein lockten sie alle, die Linn?en und die heiligen Leuchter und der Sauerklee; blo? deswegen war der eine, letzte noch zurückgeblieben. Und jetzt war Ragni bei den Siebensternen[3], die gro?e Familienzusammenkunft abhielten. Alle warteten darauf, sie zu sehen; kein Fu? noch war hier geschritten in diesem Jahr. Ragni kniete zwischen ihnen nieder und erz?hlte, da? sie von weit, weit hergekommen sei - erz?hlte ohne Worte; die waren unter ihnen nicht n?tig: Tür um Tür hatte sie aufgeschlossen, um in Norwegen einzudringen; kaum hatte sie die eine ge?ffnet, so lag dahinter eine andere ... bis Ragni jetzt endlich zu ihnen kam. Gleich, als sie die Linn?a sah, wu?te sie - jetzt stand sie vor der letzten Tür. Und hier war das Innerste. All das Gro?e, Gefahrvolle drau?en - vom Meer an - all das M?chtige und B?se, das Bunte und Gesch?ftige, all die Herrlichkeit und all die Schrecken,.. sie wiesen nur tiefer hier herein; hier herein müssen wir, um zu verstehen, weshalb nicht alles in tausend Stücke bricht. Ihr hier drinnen, ihr sitzt am Steuer.

"Auch wir haben auf Dich gewartet. Hier ist das innerste Geheimnis." - "Ach! Sagt es mir!" - "Gut sein!" - "Ach ja, ich glaube, das ist auch das einzige, wozu ich wirklich Anlage habe. Wenn nun aber die andern nicht - -?" - "La? die andern sein, wie sie wollen. Du aber sei gut!"

Und sie verstand jetzt, denn sie war ja ins Innerste gedrungen. Sie verstand jetzt, was das St?rkste war. Die Sternblumen.

"Ragni!" rief Kallem aus weiter Ferne; der Wald hallte wieder von seiner klaren Stimme. "Ja!" - Ein paar von der Familie wollten gern mit; sie hob sie zu sich empor. Dann eilte sie wieder dem Wege zu. Am Waldrand stand eine Actaea[4] - die stand dort, damit sie ihr den Weg ins Innere h?tte weisen k?nnen, falls sie hier ausgestiegen w?re. Jetzt wollte sie mit. Und dicht am Weg stand ein Busch und darunter, wohlverborgen, eine ganze Gesellschaft Maigl?ckchen; wo hatte sie nur ihre Augen gehabt? Sie wu?ten, woher sie kam; auch sie waren als Wachen ausgestellt, um ihr den Weg ins Innere zu zeig

en. Sobald sie einander sahen, verstanden sie sich. Das ist so bei allen, die "von einem Stamme sind". Einige wollten mit.

"Ragni!" rief Kallem. "Ja, ja!" Und sie trat auf den Fahrweg hinaus. Jetzt sah sie, wie weit zurück sie war. Die beiden M?nner standen am Wagen und unterhielten sich; sie waren ganz oben auf der H?he. Die schlanke Gestalt Kallems und die kleine, schm?chtige Figur des Doktors hoben sich scharf ab. Beide hatten alle H?nde voll. Sie kam eilig heran und h?rte schon von weitem Kallem Vortrag halten über einen jungen Sturmhut, den er in der Hand hielt und hin und herschwenkte; er gab, auf Deutsch, die begeisterten Worte eines deutschen Botanikers über diese prachtvolle Giftpflanze wieder, die er in Norwegen gefunden hatte. Doktor Kent überreichte ihr liebenswürdig eine Pelygala amara[5]; er wu?te, da? ihr, die von Amerika kam, diese blaue Blume neu war. Sie bedankte sich herzlich. Sie stiegen in den Wagen und fingen gleich an, ihre Ausbeute zu ordnen. Die Herren baten Ragni, sich auszusuchen, was ihr gefiel. Sie kamen von einem kleinen Moor; Kent hatte die Blüte einer Moortanne im Knopfloch stecken; sie hatten überhaupt alles mitgenommen, sogar ein Schmerkraut. - "Das Raubtier!" sagte Ragni. Das wollte sie nicht haben; es sei auch so "schmierig"! - "Du bist doch in allem ?sthetiker!" bemerkte Kallem. Sie warf ihm einen gewürzten Blick zu, etwa wie der Duft ihrer Linn?en. "Ist Ihnen aufgefallen, da? wir ganz allein unterwegs sind?" fragte Doktor Kent. Er erz?hlte, alle Leute seien in der Kirche: der alte Meek halte heute, an seinem fünfzigj?hrigen Jubil?um, seine Abschiedspredigt. Mit zwanzig Jahren war er bei seinem Vater Vikar gewesen - wie das damals so Sitte war - und hatte nach ihm das Amt geerbt. Jetzt war er siebzig, und wollte mit seiner Enkelin eine Reise ins Ausland unternehmen! - "Also ein rüstiger Herr?" - "Ja, und lebt gesund. Immer unterwegs, und immer zu Fu?. Er war unser Zwischenh?ndler." - "Zwischenh?ndler?" - "Nun ja, jeder Bezirk hier hat so eine Art Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis. Ihm hat die Gemeinde viel von ihrem Wohlstande zu verdanken, und durch die eine Gemeinde auch die andern." - "Er ist also beliebt?" - "Er ist der beliebteste Mann weit und breit in der ganzen Umgegend." - "Wie ist er denn auf der Kanzel?" - "Na ja, er hat fünfzig Jahre lang von seiner Kanzel herunter Geschichtchen erz?hlt. Seinerzeit wurde viel darüber gespottet; manche fanden es auch profan; aber jetzt machen es ihm verschiedene nach." - "Was für Geschichten denn?" - Also - die letzte, die Kent geh?rt hatte, handelte von einer Frau in St. Louis in Amerika, die drei?ig Jahre lang im Gef?ngnis gesessen hatte und trotz ihrer siebzig Jahre noch immer die unbotm??igste Gefangene war. Da sollten die Gefangenen in ein anderes Haus überführt werden, dessen Vorsteherin Qu?kerin war. Die Alte wollte sich nicht wegschaffen lassen; sie setzte sich aus Leibeskr?ften zur Wehr, so da? man sie binden und auf einem Stuhl forttragen mu?te. Als sie mit ihr ankamen, stand die Leiterin des Gef?ngnisses in der Tür und nahm das rasende Weib in Empfang. "Bindet sie los!" sagte sie. - "Aber wird das auch gehen?" - "Bindet sie los!" Man tat es. Sobald die Alte frei war, beugte ihre neue Oberin sich über sie, umarmte sie und gab ihr einen Willkommenku?, wie eine Schwester der Schwester. Da fiel die alte Frau auf die Knie und sagte: "Kannst Du wirklich glauben, da? an mir noch was Gutes ist?" Und von Stund an gehorchte sie ihr.

Jetzt stiegen Kallem und Kent aus; sie bogen in einen Bauernhof ein, der ein Stück oberhalb des Weges lag. Vor der Altane sprang ein gro?er schwarzer Hund auf; er sah den Wagen und bellte ihn an, aber blo? ein paarmal; dann lief er den beiden einige Schritte entgegen, beschnupperte sie, lief zurück und legte sich wieder.

Sonst war niemand zu sehen. Der Junge lenkte die Pferde um und fuhr ein bi?chen zur Seite. Die beiden ?rzte gingen zu dem Kranken hinein, Ragni wanderte auf dem Hof auf und ab. Durch das Fenster sah sie einen Alten im Bett liegen; seine Frau sa? neben ihm; sie sang mit zitteriger Stimme dem Kranken etwas vor und fuhr auch, als die Tür sich hinter ihr ?ffnete, ruhig fort.

Ragni sah sich auf dem Hof um; dann setzte sie sich auf die Scheunentreppe.

Nichts, was in uns alles so in Stille einwiegen k?nnte, wie ein ruhender Bauernhof! Nicht der Wald, denn irgendwo raschelt und raunt es da immer; man mu? lauschen oder Umschau halten; nicht das Meer, selbst wenn es schweigt; v?llig in Frieden ist es nie. Nicht die Wiese; denn da wimmelt es von Leben. Und so überall. Aber in einem abgeschlossenen Bauernhof -. Das Hühnervolk umpickt und umgackert dich so anheimelnd, der Hund liegt ganz still und die Katze geht ein paar Schritte, und bleibt stehen, und geht wieder ein paar Schritte; die Pflugschar lehnt neben der Egge, der Schleifstein ist trocken, die Wagen lassen die Deichsel h?ngen, die Gesindeglocke schweigt; alles, was sonst da lebt, ruht wie du; und was sich etwa noch regt, erh?ht nur den Frieden. Das Schwein, das du ganz dort hinten wühlen siehst, ist nur mit sich selber besch?ftigt; das Pferd, das kaut und die Fliegen wegwedelt, kennt nur sein eigenes Behagen; die V?gel, die kommen und dich grü?en, tragen dir die Sorglosigkeit zu, die in allem Frieden liegt.

Doch mitten in der Ruhe scho? in Ragni wieder die Angst auf, die sie seit der Begegnung mit Josefine verfolgte. War etwas in ihrem eigenen Gewissen, das sie anklagte? Nein, und tausendmal nein! Nicht einmal die Kinder ihrer Schwester? - Nein! Denn unter solchen Verh?ltnissen h?tte sie nicht einmal denen etwas sein k?nnen. Also, was denn? Was hatte sie getan? Ihn geliebt. Weshalb sollte sie das nicht dürfen?

Die Stille war weg. Ragni ging hinter den Hofgeb?uden herum, und da fand sie zwei Arten Orobus[6], nicht weit voneinander - erst drau?en auf der Wiese die Vogelerbse, und dann noch eine andere Art im Gebüsch; auf den Namen der letzteren konnte sie sich nicht besinnen. Als sie zurückging, fand sie einen pr?chtigen Hahnenkamm und eine dritte Art Veilchen; zwei hatten die andern ihr schon gegeben. War das eine Flora! Und da! Da wieder! Die entzückendste Veronica; o weh, die Krone fiel ab; aber da ist wieder eine; die h?lt. Sp?ter h?rte sie, da? in dieser Gegend die spr?de Blume auch "M?nnertreu" genannt wurde.

Und jetzt wieder auf den Hof. Durch die Fenster sah sie, wie Kallem, tief über den Kranken gebückt, dessen Brust behorchte. Bald darauf kam Kent heraus, neben ihm die alte Frau. Er schrie, so laut er konnte, aber sie schien trotzdem fast nichts zu verstehen. Jetzt stand Kallems hohe Gestalt in der Tür; er kam auf sie zu. Wie sie ihn liebte!

* * *

Nachmittags sa?en sie zusammen in dem nach Südosten gelegenen Arbeitszimmer des Doktors. Bis auf die Bücher war jetzt alles in Ordnung. S?ren Pedersen kam, begleitet von Aase, zur E?zimmertür herein; er pfiffig, sie verschüchtert. Eben k?men der Herr Pastor und seine Frau durch den Garten.

Kallem sah, wie Ragni bleich wurde. In Gegenwart der beiden begnügte er sich damit, frischweg zu sagen: "Komm, Ragni!" und ging dann ins Verandazimmer und von dort auf den Korridor, um die G?ste zu empfangen.

Die Begrü?ung war steif. Der Pastor bat, die ungelegene Besuchszeit zu entschuldigen; ihm passe es so am besten, da er gerade vom Abendgottesdienst komme. Sie h?tten überhaupt blo? anfragen wollen, ob Schwager und Schw?gerin nicht heute bei ihnen zu Abend essen wollten? Sonntags sei ja ein Geistlicher erst abends so recht sein eigener Herr. - Die Stimme hatte noch etwas von dem feierlichen Predigerton, und Gesicht und Wesen trugen einen Abglanz der Kirche. Josefine stand ganz still und sah sich im Zimmer um; und bald ging auch der Pastor dazu über.

Er fand es "zu gemütlich" hier! Der Flügel war ein "Prachtstück". W?hrend sie ihn betrachteten, wandte sich Josefine zu Ragni; es waren die ersten Worte, die sie sprach: "Sie spielen ja so sch?n?" - "O- -" - n"Wollen Sie uns nicht etwas vorspielen?" Und der Pastor fügte hinzu: "Ach ja, bitte!"

Ragni sah ihren Mann an - wie ein Ertrinkender, der nach Hilfe ausschaut. "Ragni mu? in Stimmung sein, um spielen zu k?nnen!" sagte er. "Natürlich - Sie werden müde sein!" entschuldigte der Pastor. Man setzte sich; Kallem und der Pastor einander gegenüber, Josefine ein bi?chen abseits; Ragni blieb stehen.

"Natürlich - Ihr mü?t beide müde sein!" fuhr der Pastor fort. "Die lange Reise - - und jetzt das ganze Einrichten hier! Wie ich von Doktor Kent h?re, seid Ihr bald fertig?" - Ja. Sie h?tten aber auch eine ganz ausgezeichnete Hilfe gehabt an S?ren Pedersen und seiner Frau. Ragni fürchtete auf einmal, die beiden k?nnten noch im E?zimmer sein und lief hinein; nein, sie waren fort. Auch im Zimmer des Doktors waren sie nicht.

Das Gesicht des Pastors hatte einen ganz eigenen v?terlichen Ausdruck angenommen. "Wir haben S?ren Pedersen und seine Frau für Euch nehmen müssen, weil sonst niemand zu haben war. Aber eigentlich mü?te man solchen Leuten überhaupt keine Arbeit geben." - "So?" -- "Tüchtige Arbeiter; aber sie vertrinken alles, was sie verdienen, und bleiben tagelang von der Arbeit weg, wie auch hier. Sie erregen gro?es ?rgernis in der Gemeinde." - "Alle Wetter!" Ragni strich dicht an Kallem vorbei und fuhr ihm leicht mit der Hand über den Kopf; sie tat, als wolle sie etwas vom Flügel holen. Der Pastor lie? sich durch den leichtfertigen Ton des Doktors nicht abschrecken. "Wir haben alles versucht bei den beiden, was wir nur konnten - sie trinkt geradeso wie er. Ihr würdet Euch wundern, wenn Ihr wü?tet, wie gut alle Leute gegen sie gewesen sind. Aber alles vergebens - ja, schlimmer als vergebens! Nun, ich will nicht n?her auf die Sache eingehen." Und er blickte hinüber zu seiner Frau, die in ihrem enganschlie?enden Kleid dasa?, kraftvoll, undurchdringlich, aus einem Gu? und tadellos vom Scheitel bis zur Sohle. Die Augen mit dem wohlgeschulten Blick, der alles sieht, ohne bestimmtes eigentliches "Sehen". Kallem w?re am liebsten aufgesprungen und h?tte sie angeschrien. Aber Ragni stand, im Hintergrund, unbemerkt von den andern, ihm gerade gegenüber.

"Zu dumm," sagte er, "da? der alte Doktor ein Haus dicht neben das Krankenhaus gebaut hat. Da? man fremde Menschen immer so dicht auf dem Leibe haben mu?!" - "Der Alte hat es für seinen Schwager gebaut. Und nun ist der auch tot." - "Ja, das hab' ich geh?rt. Wenn ich in der Lage w?re, noch mehr Geld in H?user zu stecken, so würd' ich es kaufen, trotzdem ich keine Verwendung dafür habe." Josefine wandte sich kaum merkbar um, vermutlich um zu sehen, ob Ragni noch da war. "Ich glaube nicht, da? es zu verkaufen ist!" sagte sie. "Ich kenne die Erben." Eine Weile war es still.

Der Pastor schlug ein neues Thema an. Er hatte heut vormittag im "Morgenblatt" einen Artikel über die Unsicherheit der amerikanischen Verh?ltnisse im einzelnen und allgemeinen gelesen. Er sprach wie einer, der die Sache kennt, und wandte sich dabei stets an seine Frau. Wenn er einmal jemand anders ansah - wie eben Ragni, die ja aus Amerika kam - so war das nur vorübergehend; gleich wandte er sich wieder seiner Frau zu.

Pastor Tuft war ein recht stattlicher, hübscher Mann, besonders seit eine gewisse Beh?bigkeit den knochigen Untergrund des Gesichts ausgefüllt hatte; die Stimme klang frisch, und die Melanchthonaugen strahlten warm in alles, was er sagte. Seine Worte und sein ganzes Auftreten hatten etwas Mildüberredendes; aber man fühlte hinter der Milde die Kraft!

Ganz unerwartet machte Josefine eine aufw?rtsdeutende Bewegung mit dem Kopf. "Ja, natürlich, es ist Zeit, da? wir gehen!" sagte Tuft und stand auf. "Ich verschwatze mich immer. - Also, Ihr kommt mit, nicht?" Josefine stand auf, und ebenso Kallem. Aber der hatte auch noch eine Frau, die ihm Blicke zuwarf - graue - und sehr weiche. "Danke! Aber wir sind zu müde. Ein andermal!"

Damit geleiteten sie die beiden hinaus. Kallem trat dann ans Fenster und sah ihnen nach, wie sie hoch und stattlich davonschritten. Bald lag die Kirche hinter ihnen. Alle Vorübergehenden grü?ten ehrerbietig. Als sie schon nicht mehr zu sehen waren, stand er noch da. Dann schlenderte er ein paarmal durchs Zimmer und schlug pl?tzlich einen Purzelbaum. "Du, hol mir doch S?ren Pedersen und Frau Aase!" und gleich darauf war er drau?en, um sie zu suchen. Aber sie waren nirgends zu finden. Sigrid berichtete, sie seien gleich gegangen, als Pastors erschienen. "Schockschwerenot! Pass' auf, jetzt trinken sie sich einen an! Lauf schnell und lade sie zum Nachtessen ein! Sag' ihnen, wir seien allein!" Das M?dchen rannte davon. "La? nicht locker!" rief Kallem ihr nach. "Ob sie wollen oder nicht!"

"H?ren Sie mal, Herr Sattlermeister!" sagte der Doktor, als die beiden wieder im Wohnzimmer standen, sie natürlich hinter ihm - "H?ren Sie mal, der Herr Pastor sagt, Sie trinken, Sie und Ihre Frau, und er habe Sie nicht davon abbringen k?nnen?" - "Da sagt der Herr Pastor blo?, was wahr ist." - "Aber das ist eine b?se Krankheit, Pedersen!" - "O ja - hinterher!" - "Wollen Sie es mir überlassen, Sie zu kurieren?" - "I, warum denn nicht, Herr Doktor! Aber im Ernst - es wird lange dauern." - "Zwei Minuten." - "Zwei Minuten?" Er l?chelte. Aber bevor er ausgel?chelt hatte, hatte Kallem ihn schon in der Gewalt seiner Augen, die einen m?chtigen, verwirrenden Ausdruck haben konnten. Der Sattler wechselte die Farbe und wich zurück. Der Doktor ging ihm nach und hie? ihn sich setzen. Er gehorchte augenblicklich. "Sehen Sie mich an!" Aase wurde es fast übel. "Sie setzen sich ebenfalls!" sagte der Doktor über die Achsel zu ihr, und wie hingeweht sa? sie auf einem Stuhl. Der Doktor hatte gestern sofort erkannt, wen er da vor sich hatte; es dauerte keine zwei Minuten, so war S?ren Pedersen weg und ebenso Frau Aase, trotzdem diese nur zugesehen hatte. Der Doktor befahl ihnen, die Augen wieder zu ?ffnen; beide gehorchten sofort. "Nun h?ren Sie mich an, Pedersen: von jetzt ab h?ren Sie auf, Branntwein oder Spiritus in irgendwelcher Form zu trinken; auch keinen Wein, kein starkes Bier - einen - einen ganzen Monat lang! H?ren Sie? Wenn der Monat vorbei ist - es ist jetzt halb sieben - so kommen Sie wieder hierher - auf die Minute!"

"Und Sie auch, Aase. So oft er trinken will, schreien Sie. Und hinterher singt Ihr beide." - "Wir k?nnen nicht singen." - "Einerlei? Ihr singt!"

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