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   Chapter 5 5

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 20493

Updated: 2017-11-30 00:02


Die beiden, die dort unten auf der Stra?e Frieden geschlossen hatten, wanderten Arm in Arm weiter. An der Ecke der Strandstra?e stand auf einem Gerüst Maurer Andersen, ein vierschr?tiger Mensch mit langem, braunem Bart und einer Schutzbrille - der ganze Mann wei? von Kalk. Er erkannte die hellgekleidete Dame wieder, die seinem Jungen beigesprungen war, und da sie jetzt Arm in Arm mit dem Brillenmann einherkam, den er vorher hatte hinaufgehen sehen, dachte er sich, das müsse der neue Doktor sein. Der Pastor war ja sein Schwager; von dem kamen sie jetzt jedenfalls zurück. Andersen hielt mit der Arbeit inne und grü?te; Ragni hielt ihren Mann an und sagte etwas - das sah Andersen. Er rief den Arbeitern, die da h?mmerten, zu, sie m?chten einen Augenblick still sein, und fragte dann, was sie gesagt habe. Sie wollte wissen, ob der Junge jetzt schlafe. Jawohl; aber sie m?chten doch recht gern, der Herr Doktor solle nach ihm sehen, wenn er wieder wach sei; "Sie sind ja doch wohl der neue Herr Doktor?" - "Richtig geraten!" Jetzt kamen sofort die Leute im Haus drinnen an die Fenster, ebenso die im n?chsten Haus; ein Vorübergehender blieb stehen, guckte die beiden an, ging weiter und erz?hlte es der ganzen Stra?e. Andersen benützte die Gelegenheit, auch gleich mit seinen schwachen Augen zu kommen. Jawohl, die würde sich der Doktor n?chstdem einmal ansehen. Aus den Fenstern und auf der Stra?e sahen ihnen die Leute nach. Sie waren jung, was brauchte es weiter? Bald hatten sie vergessen, was kürzlich vorgefallen war, und fühlten - hier konnten sie heimisch werden!

Unter denen, die unwillkürlich grü?ten, befand sich ein junger Mann mit fast zu üppigem Haarwuchs, blassem, merkwürdig gew?lbtem Gesicht, schm?chtig gebaut und hoch aufgeschossen; etwas Feines, Befangenes lag über ihm. Als sie ihn ansahen, err?tete er. "Da hast Du wahrhaftig schon eine Eroberung gemacht!" flüsterte Kallem. Kurz darauf kam ein sonderbarer Gesell ihnen entgegen, lang, vornübergebeugt, in Bluse und Schurzfell. Schwarzes, verstaubtes Haar, das Gesicht ungewaschen, fast ru?ig. Er trug allerlei Handwerkszeug in seinen schmalfingrigen H?nden; die hingen an au?ergew?hnlich langen Armen, die im Bogen hinter ihm herschlenkerten. H?tten sie im Takt geschwungen, sie h?tten zusammensto?en müssen. Eine Mütze trug er nicht; das kurzgeschnittene Haar lie? die ganze Kopfform erkennen. Die Stirn war weder breit noch hoch, aber ungew?hnlich fein gebaut. Die Wangenpartie l?nglich, mit vortretenden Backenknochen. In den kleinen, eiskalten Augen und um den zusammengekniffenen Mund etwas H?hnisches. Die Nase klein und flach, das Kinn ziemlich lang. "Du, sieh doch den!" flüsterte Kallem. "Pfui!" antwortete sie. Jetzt strich der Mensch mit forschendem Blick an ihnen vorüber. Kallem blickte ihn ebenfalls an, und als sie aneinander vorbei waren, drehten sich beide um. Eine alte Frau kam gewatschelt. "Wer ist der Mann da?", fragte Kallem. Sie sah erst Kallem an, und dann den andern. "Das ist Kristen Larssen." - "Ein Feinschmied?" - "Was für'n Ding?" - "Feinschmied." - "O ja. Aber Uhrmacher ist er auch. Und Büchsenmacher. Alles m?gliche."

Der Strandweg war gegen die Bucht hin offen, ohne Steindamm. Im Wasser lag allerhand verfaultes Zeug, ebenso am Lande. Die ganze Stadt hatte etwas Unfertiges. Ein gro?es Haus neben einem kleinen; einmal ein steinernes Haus, dann ein h?lzernes; und alles wie in der Eile und mit geringen Mitteln errichtet. Die H?user lagen nicht einmal in einer geraden Linie, und die Stra?e war kaum eine Stra?e zu nennen. Die Leute, denen sie begegneten, noch nicht St?dter, und doch auch nicht mehr Landleute. Durchgehends "mi?trauisch und freundlich", wie Kallem sagte. "Mischware".

Jetzt waren sie auf dem Marktplatz angelangt, von wo der Weg zur Kirche hinaufführte. Diese lag frei, hoch und schlank auf der H?he. Hier waren sie Josefine begegnet, eben als sie hatten hinaufgehen wollen; denn dort oben, rechts von der Kirche, frei, in einem Park mit einem Garten vorn, lag ihr Haus. Von hier aus konnte man es nicht sehen.

Die Stra?e gabelte sich unmittelbar vor der Kirche und führte nach zwei Seiten weiter. An dem Weg rechts mu?te ihr Heim liegen. Als sie sich der Kirche n?herten, sahen sie den Park hinter ihrem Haus und darin das Dach des gro?en Krankenhauses. Endlich - sie gingen ganz langsam, voller Spannung, ohne ein Wort zu reden - endlich der gro?e Garten, und darin ihr Haus! Ein Holzbau im Schweizerstil, etwas zu breit, die Fenster gro? und alle weit offen. Eine Veranda auf einen sandbestreuten Platz hinaus, zu dem eine Treppe hinunterführte. Daneben der Blumengarten, weiterhin der Gemüsegarten, und zu beiden Seiten, der Stadt zu, ein ziemlich gro?er Obstgarten. Die beiden nahmen alles gleichzeitig in sich auf. Das also war es! Sechs lange Jahre hatten sie - jedes für sich - dafür gearbeitet, es ertr?umt in wer wei? wie vielen Formen - nur nicht in dieser! Es hinverlegt nach wer wei? wie vielen Orten - blo? nicht hierher! All die getr?umten Bilder waren ausgel?scht von dem, was sie hier vor sich sahen! Beide wandten sich um, ma?en Weite und Leuchtkraft der Landschaft, und wandten sich dann l?chelnd einander wieder zu. Seltsam - gerade in diesem Augenblick kein Mensch zu sehen - kein Laut, kein Ger?usch, das an etwas - nah oder fern - erinnerte! Sie und ihr Heim! Das eine von ihnen sah, was das andere sah; des einen Sehen und Fühlen wurde gesch?rft durch das Bewu?tsein, da? das andere ebenso sah und fühlte. Ragni l?ste ihren Arm aus Kallems Arm, ging nach dem Zaun hinüber - er war aus Wachholderst?ben -, fa?te durch die St?be, und pflückte ein paar Gr?ser und einen grünen Zweig; damit kam sie zurück und befestigte es an seinem Rock. Er sah etwas weiter oben einen Büschel Glockenblumen, ging hin, griff durchs Gitter darnach und kam damit zurück; sie nahm sie und sammelte noch mehr dazu; als es schlie?lich viele waren, sah es hübsch aus.

Neben dem Haus und auf dem Hof lagen Kisten, unausgepackte M?bel, Stroh, S?gesp?ne, Matten. Ragnis gro?en Flügel hatte man augenscheinlich soeben ausgepackt und die Beine daran geschraubt; aber kein Mensch war zu sehen.

Ein gro?er, freistehender Taubenschlag war da. "Denk doch, wenn jetzt Tauben angeflogen k?men? Tauben müssen wir uns halten!" - "Aber denk erst, wenn ein Hund gesprungen k?me! Einen Hund müssen wir uns halten!" - Von hier aus führte keine Tür ins Haus; erst vom Weg aus, der Park und Garten trennte. Hier blieben sie stehen und wandten sich noch einmal um, der weiten Landschaft zu.

In der reichsten Gegend vielleicht, die das Land besa?, der sonnenfreudigsten, da lag den beiden das eigene Heim, die Mitte des Kompasses. Ragni lugte seitw?rts, ob das Pfarrhaus zu sehen sei. Keine Spur! Kallem ahnte, nach was sie sah, und l?chelte. Sie h?rten durch die offenen Fenster drin die Arbeiter; jetzt h?rte man sie mit Radau und Gel?chter die Verandatreppe herunterkommen; sie gingen auf den Flügel los, ohne die beiden zu beachten, die weiter oben standen. Sie schwatzten, probierten, mühten sich ab, unter all dem überflüssigen Gel?rme, das eine Arbeit, an die die Leute nicht gew?hnt sind, zu begleiten pflegt. Dann zogen sie mit dem Flügel zur Veranda ab, und bald h?rte man sie wieder auf der Treppe trampeln. Kallem und Ragni blickten in den Park; hohe, sch?ne B?ume und hinten zwischen den St?mmen das Krankenhaus, ein m?chtiger Holzbau auf Steinfundament, mit gro?en, kleinscheibigen Fenstern. Dann gingen sie durch die Tür in den Garten und auf ihr eigenes Haus zu.

Zuerst ein kleines Wirtschaftsgeb?ude; sonst aber lag das Hauptgeb?ude nach allen Seiten frei.

Die Obstb?ume fingen schon zu blühen an; es mu?te warm sein hier oben. Und der Garten! Ragni dachte mit keinem Gedanken daran, da? der wohlbestellte Garten Josefines Werk war; sie freute sich darauf, selbst zuzugreifen. Das Haus mu?te neu gestrichen werden; es sollte auch eine andere Farbe bekommen, nicht diese ?rmliche gelbe. Ihr Haus, ihr Heim! Kallem trat dreimal fest auf die Erde; der Boden war sein! Er wollte gleich von hier ins Haus; aber nein, sie wollte zum Vordereingang hinein, die Verandatreppe hinauf. So gingen sie zwischen den Kisten und dem Stroh hindurch und guckten zu den Fenstern hinein. Das Haus war im Verh?ltnis zu seiner L?nge und Breite niedrig, das Dach ragte weit vor und lag schwer darauf. Aber es war gut.

Auch die Veranda hatte keine Verh?ltnisse; sie war breit und die Treppe bequem.

Arm in Arm gingen die beiden hinauf; das erste, was ihnen in die Augen fiel, war eine Entt?uschung; die Eingangstür, eine Glastür, befand sich nicht in der Mitte des Zimmers, sondern ganz unten in der südlichen Wand. Sie sahen bald, da? es nicht anders m?glich war, wenn die Veranda in der Mitte des Hauses liegen sollte; rechts lagen n?mlich noch zwei Zimmer in einer Flucht mit dem Verandazimmer. Jetzt kamen die M?nner, die den Flügel hineingetragen hatten, alle wieder heraus; sie dachten sich gleich, wer die beiden waren, und als sie Ragni erblickten, nahm erst der eine, dann nahmen alle andern Hut oder Mütze ab. Kallem grü?te, Ragni schlüpfte zu ihrem Flügel hinein, der mitten im Zimmer stand, holte den Schlüssel hervor und ?ffnete ihn, als müsse sie ihn gleich auf der Stelle genau prüfen; sie konnte nicht anders, sie mu?te h?ren, ob er noch gestimmt war. Mit den Handschuhen an den H?nden schlug sie Longfellows "Sweet home" an. Bei den ersten Kl?ngen dieser Hymne an die Heimat nahm Kallem den Hut ab. Die andern sahen das, glaubten wohl, es sei ein Choral, und folgten seinem Beispiel.

Ragni hatte ihnen den Rücken zugewandt und bemerkte daher nicht, da? nun von rechts noch zwei Leute zum Vorschein kamen, ein Mann mit rundem, gl?nzendem Gesicht, und hinter ihm ein kleines Weibchen, das gern hereingeguckt h?tte und doch auch nicht gern gesehen sein wollte. Aber jetzt ?ffnete sich auch die Tür gerade vor ihr, und ein Bauernm?dchen sp?hte bescheiden herein, was das wohl für seltsame T?ne sein mochten. Ragni dachte sich gleich, da? es ihr Dienstm?dchen sei, das aus der Küche kam, und ging ihr entgegen. "Du bist Sigrid?" - Ja, freilich, es war Sigrid. - "Und wir sind Doktors." - "Kann mirs denken!" sagte sie und kam jetzt ganz herein, ein kr?ftiges, anmutiges Gesch?pf. "Ist es das erst

emal, da? Du bei fremden Leuten bist?" fragte Kallem. - Jawohl, es sei das erstemal. - "Und bei uns ist es das erstemal, da? wir haushalten," sagte Kallem; "das wird ganz famos gehen!"

Ragni ging mit hinaus in die Küche. Dort fiel ihr sofort ihr neues Tischservice in die Augen, das eben ausgepackt und abgewaschen war. Jetzt aber konnte sie es nicht mehr aushalten; sie ging hinaus in den Korridor und die Treppe hinauf; sie mu?te allein sein. Die Tür zu ihrem Schlafzimmer stand gerade vor ihr offen; sie ging hinein und trat auf die Altane, die über der Veranda lag. Womit hatte sie solch gro?es Glück verdient? Was wog ihre Arbeit, ihre Sehnsucht im Vergleich zu dem, was hier in dem Haus eines reichen Mannes für sie bereit stand? Und doch - in diesem gro?en, unverdienten Glück war eine Angst ... Auch von hier sp?hte sie hinüber - gen Norden. Ob das Pfarrhaus zu sehen war? Nein, es war nicht zu sehen.

Josefine hegte einen Groll gegen sie; das hatte sie sogleich gefühlt. Und ob der Bruder das auch h??lich fand - er hing doch an seiner Schwester; ja, etwas war an ihr, das er ganz besonders liebte; in solchen Dingen t?uschte sie sich nie.

Kallem besah sich die R?ume unten. Das Paar an der Tür rechts hatte sich wieder zurückgezogen, und die M?nner waren bei der Arbeit. Das Verandazimmer war gro?; die Fenster gingen auf einer Seite nach der Kirche, auf der andern nach dem Garten; aber er würde Ragni vorschlagen, jene zu verh?ngen. Einfarbige, hellgraue W?nde, die Decke hellblau mit goldenen Sternen; die Farben waren alt; nur der Fu?boden war neu gestrichen, ebenfalls hellgrau. Im Zimmer links waren sie noch dabei, frisch zu tapezieren. Was, immer noch nicht fertig? Und auch im n?chsten Zimmer noch nicht? Zwei waren dort an der Arbeit, der Mann und die kleine Frau, die vorhin in der Tür aufgetaucht waren. "Guten Tag!" grü?te Kallem. "Guten Tag!" erwiderte das runde, gl?nzende Gesicht mit d?nischem Tonfall. Kallem trat n?her an den Tisch heran, vor dem der Mann stand und die Tapeten zurecht schnitt. Die Frau hielt sich dicht an seiner Seite; jetzt verkroch sie sich ganz hinter ihm. "Ist das Ihre Frau?" - "Jawohl, meine Frau; und au?erdem mein Gesell; Gesell und Frau; aber meine Gesellenfrau ist sie darum doch nicht!" Das kleine Weibchen hinter ihm kicherte, wenn auch fast unh?rbar. Der Mann hatte hervorstehende rollende Augen, in denen ein Schelm sa?. "Ich dachte, Ihr w?rt fertig." - "Man arbeitet unter Hindernissen, Herr Doktor!" Sie gluckste vor Lachen, aber immer wie aus einem dicken Pack heraus. - "Ist Ihre Frau auch D?nin?" - "Nein, Norwegerin; aber wir passen trotzdem gut zueinander." Sie duckte sich, fortw?hrend kichernd, noch tiefer hinunter.

Der Raum, in dem sie standen, war lang und schmal; Kallem sah sofort, da? es das E?zimmer werden mu?te, wahrscheinlich auch das Wartezimmer für die Kranken. Das dahinter, mit den Fenstern nach vornheraus und nach Südost, war selbstverst?ndlich sein Arbeitszimmer, in dem er Patienten empfing, wenn er nicht im Krankenhaus war. Er ging gar nicht erst hinein, sondern vom E?zimmer gleich hinaus auf den Gang. Da war rechts die Küchentür. Auf dem Küchentisch sah er eine Reihe Bierflaschen stehen; einige leer, andere noch voll. "Wem geh?ren die Flaschen?" - "Dem Sattler." - "Sie meinen dem Tapezierer?" - Kallem begriff mit einemmal, was da für "Hindernisse" vorgelegen hatten, und da? der Mann betrunken war, und die Frau noch mehr. Darum waren die M?nner so lang im Hause geblieben, bis sie den Flügel geholt hatten! Sie waren mit Bier traktiert worden. "Bitte, rufen Sie mir den D?nen mal heraus!" Das M?dchen ging, und sofort kam auch das runde, gl?nzende Gesicht mit hundert Schelmen in den Augen zum Vorschein und dahinter die Frau, die einmal rechts und einmal links davon hervorguckte.

"Die Flaschen da geh?ren Ihnen?" - "Nicht so ganz!" - "Ihr seid also mehrere?" - "Ja - beim Trinken!" - "Aber Sie haben sie bezahlt?" - "Das Bier, ja; aber nicht die Flaschen; die mu? man zurückgeben." Die Frau kicherte.

"Darf ich fragen, wie Sie hei?en?" - "S?ren Pedersen heiss' ich, jawohl, S?ren Pedersen!" - "Also h?ren Sie mal, S?ren Pedersen, wollen Sie mir die Flaschen da verkaufen?" - "Das Bier, meinen Sie?" - "Das Bier." - "Aber gern!" - "Dann haben wir heut Nacht doch was zu trinken; wir müssen n?mlich durcharbeiten heut Nacht; wir m?chten morgen fertig sein. Wir arbeiten mit. Wollen Sie?" - "Wenn der Herr Doktor befehlen." - "Und dann darf ich Sie wohl bitten, heute mit uns zu Abend zu essen?"

In drei, vier S?tzen sprang Kallem jetzt die Treppe hinauf. Ragni stand im Sonnenglanz drau?en auf der Altane. Sie wandte sich nach ihm um. Er fragte, ob sie ihr Gebet verrichtet habe. Ja; sie sei fertig.

Auch er blieb ein Weilchen auf der Altane stehen und sah nach dem Inselkindchen hinaus, das da vor seiner Mutter spielte - von hier aus konnte man es sehen - auf die Bucht mit den Wasserfurchen, auf die Berge dahinter in ihrer vornehmen Ferne. Er blickte hinüber, nach rechts, wo Pastors wohnten; sie merkte es wohl. "Sie k?nnen uns doch zum Donnerwetter nicht behandeln, als ob wir nicht verheiratet w?ren? Nicht? Das wollen wir doch sehen!"

Sie zog ihn ins Zimmer und wies auf die Farbe der W?nde in ihrem Schlafzimmer; mattwei?er ?lanstrich, wie sie es sich gewünscht hatte. Alles sollte wei? sein hier oben, mit Ausnahme der langen Gardinen und Portieren, die von der Decke herab über den beiden Betten, dem Altanfenster und der Tür h?ngen sollten. Die waren blau in Farbe und Muster, zu den Ornamenten an den Betten und übrigen M?beln passend. Sie wurde ganz gespr?chig; aber Kallem mu?te das Krankenhaus besehen; und da wollte sie mit.

Das erste, was er auszusetzen hatte, als sie im Park davor standen, waren ein paar alte sch?ne B?ume: die standen viel zu nah - die mu?ten weg. Statt ihrer sah er im Geist schon einen gro?en freien Platz mit einem Springbrunnen in der Mitte, von dem nach allen Seiten hin Wege in den Park führten. Das Krankenhaus war zweist?ckig, gelb gestrichen, mit ungew?hnlich gro?en Fenstern, aber sehr kleinen Scheiben. Im Unterbau, einem m?chtigen Steinsockel, war die Wohnung für die Dienerschaft und den Verwalter eingerichtet. Es sah sehr behaglich aus; Gardinen an allen Fenstern, und Blumen davor. Der Eingang befand sich an der linken Seite des Hauses; ein dichtes, hohes Gitter hegte einen sehr gro?en Hofraum ein. Kallem freute sich, als er l?ngs des Gitters Ahornb?ume stehen sah; er wu?te, in vierzehn Tagen konnten hier amerikanische Zelte für die Kranken aufgeschlagen sein - den ganzen Sommer über.

Die Haustür war offen; kein Portier. Im Fenster der Portierloge lagen fromme Schriften und Traktate zum Verkauf aus. Kein Anschlag an der Tür, der angab, wann Besuchszeit sei für die Kranken. Den Portier sahen sie dann im inneren Hof; ein ?lterer Mann mit ernsten, forschenden Augen; er trug eine Brille, über die er hinwegblickte, und die er abnahm, als er merkte, wen er vor sich hatte. "Sie sind der neue Herr Doktor?" - "Ja." Jetzt nahm er auch seine Mütze ab: "Willkommen!" Der Patient, mit dem er sich eben unterhalten hatte, schlich davon; er war bleich und trug - trotz des sommerlich warmen Tags einen dicken wollenen Schal um den Hals; er hielt sich in der Entfernung, grü?te auch nicht. Der Portier ging mit ihnen.

Das Haus hatte - zu beiden Seiten eines hellen Korridors - je eine Reihe Zimmer, die nach vorn gro?, die nach dem Hof zu kleiner; in beiden Stockwerken gleich. Der Portier war nicht nur Portier, sondern auch Verwalter und ?ltester Aufseher des Hauses. Als solcher stellte er die übrigen Beamten vor, wie sie ihnen gerade in den Weg liefen. Ganz nette Leute, M?nner wie Frauen; unter den letzten zwei Diakonissinnen, - die waren die allerfreundlichsten.

Das erste, was Kallem notwendig erschien, war, das Haus von den alten, verpesteten Typhusstuben zu reinigen und einen besonderen Typhuspavillon für den Winter zu errichten. Der Operationssaal war recht hell; aber ein neuer, gebohnter Fu?boden mu?te sogleich gelegt werden. Der Ventilationsapparat war miserabel. Mit Ausnahme dieser und noch einiger geringerer M?ngel - z.~B. die kleinscheibigen Fenster - war das Haus gut; die Zimmer hoch, die G?nge ger?umig; das Ganze machte den Eindruck von Helle; es gefiel ihm sehr.

Der Krankenbestand war in Anbetracht der Jahreszeit gar nicht gering. Sein Spezialstudium, die Tuberkulose, war durch drei Patienten vertreten - zwei Knaben und ein etwa zehnj?hriges M?dchen, magere, wachsbleiche, armselige Gesch?pfe. Er freute sich darauf, sie bald in seine amerikanischen Zelte legen zu k?nnen. Der frühere Besitzer des Krankenhauses, der alte Doktor Kule - ein Onkel von Ragnis erstem Mann -, war gestorben. Kallem hatte es sehr billig erstanden, da sich im Augenblick niemand anders fand, der es übernehmen wollte. Hier konnte er sich einrichten und seine Zeit einteilen, ganz wie er wollte; er hatte freie Hand. Der Bezirk gab einen Beitrag; ein Komitee, bestehend aus dem Distriktsarzt und einem zweiten Arzt, führte die Oberaufsicht; aber er war ganz sein eigener Herr. Dieser erste Besuch machte ihnen beiden Freude. Sie kehrten in ihre Wohnung zurück, guten Muts und fürchterlich hungrig, nahmen in der Küche eine kleine Vespermahlzeit zu sich, tranken ein Glas Wein dazu, und dann noch eins auf das gro?e Ereignis: da? sie zum erstenmal im eigenen Hause a?en.

Im Wohnzimmer stand noch alles bunt durcheinander. Trotzdem ging Ragni an den Flügel. Sie hatte sich - seit fünf oder sechs Jahren - ganz heimlich an übersetzungen aus der englischen Literatur, besonders der Versliteratur versucht. Ein bi?chen warm vom Wein - ein bi?chen verlegen - schlug sie ein paar Akkorde an - bat ihn, sich nicht vor sie hin zu stellen - schlug wieder Akkorde an und sang mit einer kleinen, weichen Stimme, die mehr rezitierte als sang:

Wir sind daheim!

Unser Wesen und Sein

Soll hier blühn und gedeihn

Aus zartestem Keim!

In Dingen, Gedanken,

In Stimmen, in Blumen,

Soll alles sich ranken

Um uns.

Hier wird mein Sinn

Durch dich offenbart.

Und du, der nun sehend ward,

Sieh, wer ich bin,

Die sündig und selig-fr?hlich,

Beglückt dich und kr?nkt,

Und stets sich versenkt

Harmonisch und selig

In dich!

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