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   Chapter 3 3

Auf Gottes Wegen By Bjornstjerne Bjornson Characters: 43547

Updated: 2017-11-30 00:02


Erstes Paar vor!

Auf dem Land drau?en, etwa fünf Kilometer von der Stadt entfernt, hatte sich das junge Volk versammelt. Der Hügel, auf dessen nach der Bucht zu abfallendem Teil sie sa?en, war lustig bunt von Sommerkleidern, besonders von M?dchenkleidern:

"Gelbe, schwarze, braune, wei?e,

Grün und violett und blau -"

- manche einfarbig, viele gesprenkelt, gewürfelt, gestreift; Filzhüte, Strohhüte, Tüllhüte, Mützen, unbedeckte K?pfe, Sonnenschirme. Eben stieg ein harmonischer Gesang aus diesem Farbenmischmasch empor, Kl?nge eines vereinten M?nner- und Frauenchors, in langen, farbenvollen Bogen. Kein eigentlicher Vors?nger; ein junges, brünettes M?dchen in braunkariertem Kleide lag in der Mitte der Schar, auf den einen Ellbogen gestützt, und führte mit einem Sopran an, der klarer und freier als die Stimmen der andern war; und ihr folgten sie. Sie waren gut aufeinander eingesungen. In der Bucht unter ihnen lag ein frischgestrichenes Deckboot mit neuen, zur H?lfte gerefften Segeln; und das Wasser spiegelglatt.

Gesang und Boot vereinten sich zu einem lichten Bündnis unten in der schwarzen, von nackten, im Hintergrund immer h?her ansteigenden Klippen überschatteten und eingeklemmten Bucht. Die Bucht selbst glich einem Bergsee, der sich dereinst beim Schneegang gebildet hat und vergessen worden ist. Die Berge - wie schwer und stumpf in Linien und Farben - holperig und bleiern; die letzten da hinten schwarzblau, mit Kappen schmutzigen Schnees, - Ungeheuer einer wie der andere.

In dem schwarzen Wasser lag das Boot, bereit zum Tanz; das war in fr?hlicherem Verband daheim, als die Gesellschaft jener hohen Beisitzer des Natur- und Menschenlebens es ist, Gesang und Boot waren ein Protest gegen alles überragend Herrschsüchtige, alles unversch?mt Stumpfe und Rohe - ein freischwebender Protest voll stolzer Farbenfreude!

Im übrigen merkten die Berge so wenig etwas von diesem Protest, wie das junge Volk begriff, da? er von ihm ausging. Das "Hochgeborene", das darin liegt, in einer Natur wie dem westlichen Norwegen zur Welt gekommen und aufgewachsen zu sein, besteht eben darin, da? die Natur den Menschen zwingt, ihr Trotz zu bieten, wenn er nicht unterjocht sein will; unter oder oben - entweder - oder! Und sie waren oben; denn das Volk des Westlandes ist das lebhafteste, am reichsten begabte Skandinaviens. In so hohem Grad sind sie die Herren der Natur, in der sie leben, da? auch nicht einer unter all diesen jungen Menschen jene Berge als schwer oder farbenkalt empfand; die ganze Natur hier erschien ihnen so stark und frisch wie nirgends sonst in der Welt.

Denn nicht nur die lichten Halden und das weite Meer hatten die Menschen, die hier sa?en und sangen, geboren und aufgezogen; nein, ebensogut waren sie Kinder der Berge, der Vorberge und der tiefer landeinw?rts gelegenen H?hen. Kurz vor dem Gesang noch war ein Wortgefecht gewesen zwischen ihnen, so unerbittlich hart, so bleigrau wie der grauste Berg. Und just um dies unheimlich Felsenharte in ihrem eigenen Innern zu überwinden, hatten sie den harmonischen Gesang lange, strahlende Bogen zwischen die Gipfel über den Abgründen spannen lassen. Der Sommertag war an sich ziemlich grau; aber bisweilen, wie eben jetzt, brach die Sonne mitten in Sang und Segel und Landschaft hinein.

Zwei waren da, an die war Sonne und Sang weggeworfen. Seht dort, den - wie er da unten rechts, ein bi?chen abseits, auf seinen Ellbogen gestützt, im Gras liegt! Ein langer Bursch im hellen Sommeranzug, ohne Hut. Ein runder, kurzgeschorener Kopf, eine breite, niedere Stirn, die aussieht, als sei sie hieb- und kugelfest; die Stirn mu? gute St??e ausgeteilt haben in seinen Knabenjahren! Unter der Stirn eine Nase wie ein Schnabel und ein paar scharfe Augen, die gerade jetzt beinah ein bi?chen schielen; aber entweder verdeckten es die Brillengl?ser, oder es war an sich unbedeutend. Das ganze Gesicht hatte etwas Strenges, der Mund war straff, das Kinn scharf. Doch wenn man es n?her betrachtete, so wechselte der Eindruck; das Scharfgeschnittene wurde eher Energie als Strenge, und der Wille, der seinen Sitz in dieser Gebirgsgegend aufgeschlagen hatte, konnte sicherlich auch gar freundlich und schalkhaft sein. Selbst jetzt, wie er so dasa?, voll Ingrimm, und sich den Teufel um Gesang und Sonnenschein scherte, - - viel lieber h?tte er sich eine Keilerei gewünscht! - selbst jetzt flog ein Schimmer von Humor über die finsteren Brauen. Er war offenbar der Sieger.

Wer etwa zweifelte, der brauchte blo? einen Blick auf die andere Seite der Gruppe zu werfen, auf den, der dort links, ein bi?chen weiter oben, an einen Baum gelehnt sa?. Das Bild eines verwundeten Kriegers! Und noch in den Zügen die zitternde Unruhe der Schlacht. Ein langes, blondes Gesicht, das nicht an der Westküste daheim war, sondern im Gebirg oder im Oberland. Entweder war er fremd hier oder von einer eingewanderten Familie. Er ?hnelte auffallend den herk?mmlichen Abbildungen von Melanchthon; nur da? vielleicht der Blick schmachtender, die Augenbrauen ein bi?chen zu hoch geschürzt waren. Die ?hnlichkeit im ganzen - besonders in Stirn, Augenstellung und Mund - war so gro?, da? er unter seinen Studienkameraden auch tats?chlich den Namen Melanchthon führte. Das war Ole Tuft, jetzt noch Student der Theologie, bald ausstudiert; und der andere, der Sieger mit dem Adlerschnabel, der eben noch recht kr?ftig zugehauen haben mochte, war sein Jugendkamerad, der Mediziner Edvard Kallem.

Vor mehreren Jahren schon waren ihre Wege auseinandergegangen, ohne da? es darum zu einem Zusammensto? gekommen w?re; heute aber war etwas geschehen, das zu einer Entscheidung führen sollte.

Mitten zwischen ihnen, also in der Mitte des Hügels, im Kreis der Singenden, sa? eine hochgewachsene M?dchengestalt in dotterfarbenem seidenen Kleid, um den Hals eine breite, gelbe Spitze, die in tiefen Falten bis an den Gürtel hinabreichte. Sie sang nicht mit, sondern reihte einen ganzen Berg Feldblumen und Gr?ser zum Kranze. Man konnte sofort erkennen, da? sie die Schwester des Siegers sein mu?te, nur dunkler von Haut und Haarfarbe. Dieselbe Kopfform - wenn auch ihre Stirn verh?ltnism??ig h?her war, überhaupt das ganze Gesicht verh?ltnism??ig gr??er - zweifellos zu gro?. Die scharfe Familiennase war sanfter gebogen in ihrem regelm??igen Gesicht; seine schmalen Lippen waren hier voll, sein Kinn gerundet, seine unebenen Brauen ebenm??ig, die Augen gr??er -. Und doch war es dasselbe Gesicht. Der Ausdruck bei beiden verschieden; bei ihr - wenn nicht kalt, so doch verschlossen und ruhig; niemand h?tte so leicht diese tiefen Augen ergründet. Und doch war auch der Ausdruck bei beiden merkwürdig verwandt. Der Kopf sa? auf einem starken, von kr?ftig ausgebildeten Schultern getragenen Hals; auch die Büste war recht üppig. Das dunkle Haar war zu einem eigenartigen Knoten verschlungen. Den Hals trug sie frei; aber das gelbe Kleid mit der gelben Spitze schmiegte sich eng an den sammetbraunen K?rper, wie überhaupt der ganze Anzug den Eindruck von etwas fest Zugekn?pftem machte; und ebenso ihr Wesen. Sie flocht, wie gesagt, einen Kranz und wandte den Blick weder nach dem einen noch nach dem andern der zwei, die da miteinander gefochten hatten.

Hervorgerufen war der Kampf durch einen gro?en, schwarzen Hund; der lag jetzt da und tat, als ob er schliefe. Sein nasser, schwerer Pelz gl?nzte in der Sonne. Ein paar junge Leute hatten St?cke ins Meer geworfen und den Hund hinterher gehetzt; und dabei hatten sie jedesmal gerufen: "Samson! Samson!" - das war der Name des Hundes. Da sagte Edvard Kallem zu einigen Umstehenden: "Samson - das bedeutet Sonnengott". - "Was?" fragte ein junges M?dchen, "Samson bedeutet Sonnengott?" - "Gewi?. Wenn auch die Theologen sich schwer hüten, das zu sagen." Er sagte es ganz jugendlich leichthin, gar nicht um jemand zu ?rgern oder um daran weiterzuspinnen. Aber Ole Tuft h?rte es zuf?llig und fragte etwas überlegen: "Weshalb sollten denn die Geistlichen den Kindern nicht sagen, da? Samson Sonnengott bedeutet?" - "Weil dann die ganze Samsonerz?hlung nicht mehr als Vorbild für den Christusmythus zu brauchen w?re." Das Wort sa?; und das sollte es auch. L?chelnd, überlegen sagte Ole: "Samson l??t sich wohl trotzdem als Vorbild gebrauchen - ob er nun Sonnengott hei?t oder nicht!" - "Ja - ob er Sonnengott hei?t oder nicht; wenn er aber der Sonnengott war?" - "So? Also er war der Sonnengott?" rief Ole lachend. - "Das sagt doch der Name." - "Der Name? Sind wir etwa B?ren oder W?lfe, weil wir nach B?ren und W?lfen hei?en? Oder G?tter, weil wir nach G?ttern hei?en." Verschiedene aus der Gesellschaft h?rten das mit an; jetzt kamen auch andere hinzu, unter ihnen Josefine. Und beide wandten sich sofort an sie.

"Der Fehler ist," sagte Edvard, "da? in die Geschichten, die von Samson handeln, überhaupt erst Sinn kommt, wenn man wei?, da? er der Sonnengott war." - "Ach! Heutzutag müssen ja s?mtliche Ahnen und Urgeschichten aller V?lker irgendwie auf die Sonnensage Bezug haben!" Und Ole gab ein paar amüsante Parodien auf diese wissenschaftliche Mode zum besten. Allgemeine Heiterkeit; auch Josefine lachte. Sofort geriet Edvard in Eifer und begann auseinanderzusetzen: als sich bei uns eine neue Religion bildete, da wurden unsere eigenen G?tter, die ursprünglich indische Sonneng?tter waren, zu Stammv?tern; ihre Alt?re, an denen das Volk geopfert hatte, wurden in Grabst?tten umgewandelt. Auf diese Weise wurden auch die alten Sonneng?tter der Juden umgewandelt in Stammv?ter, als der Jahvekultus sie als G?tter verdr?ngte. - "So? Und woher will man denn das wissen?" - "Wissen? Mach' doch die Probe mit Samson! Wie sinnlos, zu glauben, da? die St?rke eines Menschen in seinen Haaren liegen kann! Sobald wir aber davon ausgehen, da? es die Sonnenstrahlen sind - zur Sommerzeit lang, im Scho? des Winters kurz geschnitten - kommt Sinn in die Sache. Und wenn die Strahlen gegen das Frühjahr hin wieder wuchsen - nicht wahr? - da konnte der Sonnengott wiederum die S?ulen der Welt umfassen!... Nie haben Bienen Honig gesammelt in einem Aas; wenn wir aber h?ren, da? es - so oft die Sonne durch ein Himmelszeichen ging, z. B. durch den L?wen, - hie?: die Sonne schlug den L?wen - ja, dann verstehen wir, da? die Bienen Honig im Aas des erschlagenen L?wen sammelten, d. h. in der w?rmsten Zeit des Sommers."

Jetzt waren alle ganz Ohr, und Josefine war im h?chsten Grade verwundert. Sie sah nicht zu ihrem Bruder auf, denn sie merkte, da? er sie ansah; aber es war nicht mi?zuverstehen: was Edvard anf?nglich ohne jeden andern Gedanken als den, ein bi?chen zu protzen, begonnen hatte, das erhielt eine bestimmte Bedeutung dadurch, da? Josefine zwischen ihnen stand. "Bei den ?gyptern", erz?hlte er, "begann der Frühling, wenn die Sonne das Lamm schlachtete, d. h. durch das Zeichen des Lammes ging, und aus Freude über die Erneuerung schlachteten alle ?gyptischen Familien an diesem Tag ein Lamm. Von ihnen haben es die Juden. Wenn die Juden dies sp?ter zu etwas umgewandelt haben, das sie von den ?gyptern unterscheiden sollte, so ist das eine F?lschung. Gerade wie mit der Beschneidung; auch die haben sie aus ?gypten. Aber so was verschweigen die Herren Pfaffen."

Von all dem wu?te Ole Tuft wenig oder nichts. Sein eifriges Studium hatte sich streng auf die Theologie beschr?nkt; er hatte auch gar keine Zeit zu anderen Dingen und sein Glaube war altes Bauernerbe und in sich selbst viel zu gefestigt, um sich mit wissenschaftlichen Zweifeln abzugeben. H?tte er das nun geradeheraus gesagt, so w?re kaum weiter etwas daraus entstanden. Aber auch er fühlte, da? Josefine zwischen ihnen stand und sich bestechen lie?. So begann er voll Hohn alles als blo?e Erdichtung zu bezeichnen, die heute gl?nzt und morgen zergeht.

Das ertrug die Eitelkeit des andern nicht! "Den Theologen fehlt es ganz einfach an der primitivsten Ehrlichkeit", schrie er. "Sie verschweigen, da? die wichtigsten Teile ihres Glaubens nicht den Juden offenbart, sondern einfach irgendwo anders hergenommen sind. So der Unsterblichkeitsglaube. Der stammt aus ?gypten. Ebenso die Gebote. Kein Mensch klettert einen hohen Berg hinauf, um sich unter Donner und Blitz offenbaren zu lassen, was die Leute schon tausend Jahre lang gewu?t haben. Woher stammt der Teufel? Woher die Strafen der H?lle? Woher der jüngste Tag und das Gericht? Woher die Engel? Die Juden haben von all dem nichts gewu?t. Die Pfaffen sind - na, einfach Leute, die nicht ehrlich nachforschen und dem Volk derartiges weismachen!" Josefine senkte den Kopf; die Jugend, besonders die m?nnliche, war offenbar auf Kallems Seite. Freidenkertum war Mode; und sich ein bi?chen über den angestammten Glauben lustig machen, war ganz vergnüglich.

Ein junger Mann ergo? seinen Spott über die Sch?pfungsgeschichte; Kallem besa? geologische und pal?ontologische Kenntnisse und wu?te sie gut anzubringen. Dabei konnte Ole Tuft noch weniger mit; er erw?hnte blo? ein paar Versuche, die hier und dort gemacht worden waren, die Bibellehre mit gewissen neueren Entdeckungen in Einklang zu bringen. Aber er kam schlecht weg dabei. Und nun ging's, Trumpf über Trumpf, von einem Dogma zum andern; am l?ngsten stritten sie sich über die Lehre von der Vers?hnung; die stamme aus einer Zeit, so uralt, so roh, da? noch nicht einmal die pers?nliche Verantwortlichkeit des Individuums existierte, blo? die des Stammes und der Familie. Tuft war verzweifelt; jetzt galt es! Mit lauter Stimme, bewegt und kraftvoll, fing er an, seinen Glauben zu bekennen. Als ob das was helfen konnte! Behauptungen - Behauptungen! Bring uns die Beweise! Zu sp?t erkannte Ole Tuft, da? er zu viel verteidigt und darum alles verloren hatte. Er empfand ein tiefes Weh; er k?mpfte ohne Hoffnung, aber er k?mpfte dennoch und rief es laut in alle Welt hinaus: wenn auch nur eine dieser Wahrheiten zweifelhaft erscheine, so trage allein er die Schuld; er sei zu schwach, sie zu verteidigen. Aber Gottes Wort bleibe unangetastet bestehen, bis ans Ende der Welt! - Ja, aber was denn eigentlich Gottes Wort sei? - Gottes Wort - das sei die Bibel, in ihrer Ganzheit und ihrem Geist, die Sch?pfung (oho!), der Sündenfall (h?rt! h?rt!), der Erl?sungstod (h?rt! h?rt! h?rt!) - - - Er schrie, die andern schrien, Tr?nen traten ihm in die Augen; seine Stimme zitterte; er war bleich und sch?n.

Ganz so unbarmherzig wie Kinder sind junge Leute nicht; aber doch auf dieselbe Art. Einigen tat Ole leid; andere wollten ihn jetzt erst recht "reinlegen" - und vor allen Edvard Kallem.

Josefine aber machte sich heimlich zu der Brünette mit der Sopranstimme. Und augenblicklich stimmte diese eins ihrer Lieder an, und die andern fielen nach und nach ein - die Herren ein bi?chen sp?ter als die Damen. Die Gesellschaft bestand zuf?llig - bis auf wenige Ausnahmen - aus einem Damen- und Herrenchor, die in den drei letzten Wintern mit einem Flei? und einer Eintracht geübt hatten, wie das nur in einer kleinen Stadt m?glich ist.

Josefine setzte sich mitten auf den Hügel; die anderen um sie herum. Sie sang nicht mit; sie war mit ihren Blumen besch?ftigt.

Die ganze Gesellschaft war mit dem Schiff hergekommen, das dort unten so heiter in der Sonne lag. Josefine, Edvard und Ole hatten dicht beieinander gesessen; denn viel Platz war nicht. Keiner h?tte nach ihrer heiteren, meist im Flüsterton geführten Unterhaltung ahnen k?nnen, da? nicht alles zwischen ihnen die lautere Freundschaft und Güte war. Und jetzt, kaum drei Stunden sp?ter, sa? Ole Tuft da als Ausgesto?ener. Wie weh das tat! Ein pl?tzlicher Angriff auf seinen Beruf, seinen Glauben - vor aller Augen! Und gerade von Edvard! Und so grausam! So erbarmungslos h?hnisch! Und Josefine! Kein Wort der Teilnahme von ihr - keinen Blick!

Von Kindheit an hatten sie zusammengehalten, Ole und sie, hatten einander geschrieben, als er in Kristiania war - er alle vierzehn Tage; sie, sooft sie etwas zu schreiben hatte. Wenn er in den Ferien zu Hause war, kamen sie t?glich zusammen. In den zwei Jahren, als sie in der franz?sischen Pension und in Spanien war, wurde der Briefwechsel eifriger geführt, auch ihrerseits, - und als sie wieder nach Hause kam - so sehr sie sich auch sonst ver?ndert hatte - im Verh?ltnis zu ihm war sie dieselbe geblieben! Ihr Vater unterstützte ihn bei seinen Studien, so da? er sich mit voller Hingabe ihnen widmen konnte; zu Weihnachten sollte er sein letztes Examen machen; und jedermann prophezeite ihm, es würde ganz gl?nzend ausfallen. Da? man ihn so unterstützt hatte, das verdankte er ohne Zweifel ihr, vielleicht auch ihrem Bruder. Beide hatten ihn seinerzeit bei ihrem Vater, beim Rektor, beim Apotheker und auch sonst eingeführt; auch jetzt verschaffte sie ihm Zutritt überall. Für gew?hnlich war sie wortkarg und manchmal recht schwierig; aber in ihrem Freundschaftsverh?ltnis von unverbrüchlicher Treue. Sie konnte ihn auszanken (er war gar nicht immer so, wie's ihr pa?te); aber das geh?rte zu ihrem Verkehr; er nahm das weiter nicht schwer, und sie erst recht nicht. Sie war ja vom ersten Tag an sein Vormund gewesen. Noch hatte er nicht gewagt, ihr zu sagen, da? er sie liebe; es hatte ja auch keine Eile; und im Grunde war es viel zu heilig. Er war ja ihrer so sicher wie seines Glaubens. Er war ein Bauer; sein Wesen war Einheit, sein Grundton Gefestigtheit. Für seinen Glauben sorgte Gott. Für sein Wohlergehen und seine Zukunft sorgte selbstverst?ndlich auch Gott - aber durch Josefine. Sie war in seinen Augen das sch?nste, gesundeste, tüchtigste M?dchen im ganzen Land - und sehr reich. Das z?hlte auch mit; er war von kleinauf ein ehrgeiziger Tr?umer gewesen. Nur da? die Tr?ume jetzt nach einer andern Richtung gingen.

Seine Studienkameraden wu?ten das recht wohl; sie nannten ihn, au?er "Melanchthon", den "Bischofpr?tendenten der Fjorde" oder auch den "Fjordbischof". Ihm selber war es geradezu ein Bedürfnis geworden, als solcher betrachtet zu werden; und weil etwas Kindliches darin lag, stand ihm diese l?chelnde überzeugtheit ganz gut. Au?erdem - er sah so gut aus - hatte ein so hübsches, offenes, rosiges Gesicht -; da wirkt der Ehrgeiz nicht leicht absto?end.

Und jetzt fühlte er - er war abgestürzt von seiner ruhigen, l?chelnden H?he! Jeder, der sich immer sicher gefühlt hat und zum erstenmal eine gründliche Niederlage erleidet, wird dadurch aus allen Fugen geraten! Das Schlimmste war - Josefine verleugnete ihn. Wieder und wieder blickte er zu ihr hin; aber sie ordnete ihre Blumen und Gr?ser, als sei er überhaupt nicht vorhanden.

Zuletzt war es wirklich, als rückten alle von ihm ab, oder als sei er tats?chlich nicht mehr da. Er sa?, ohne zu sitzen, h?rte, ohne zu h?ren, sah, ohne zu sehen. Droben vor dem Haus deckte man den Tisch zum Abendbrot. Sobald es fertig war, ging man hinauf, a?, trank, schwatzte, lachte; blo? er war nicht mit dabei; er stand und starrte hinaus - nach dem jenseitigen Ufer der Bucht - oder in weite, weite Fernen ... Ein junger Kaufmann redete zu ihm über Dampferlinien - da? sie so gar nicht günstig l?gen. - - Ein M?dchen mit schr?gstehenden Z?hnen, roten Z?pfen und Sommersprossen - er hatte ihr einmal Unterricht gegeben - versicherte ihm, die Seeleute seien gar nicht so gebildet, wie man das von so weitgereisten Menschen erwarten sollte. Die Wirtin kam und fragte, warum er denn nichts esse, und der Wirt stie? mit ihm an; sie erwiesen ihm dadurch etwas vom alten Respekt; aber sie warfen beide einen hastigen Blick auf seine Augen, vor dem er erbebte: er fühlte den Zweifel. In seinem nagenden, immer mehr zunehmenden Schmerz sah er überall Zweifel und Hohn, selbst in der Fr?hlichkeit der andern. Edvard war lustig bis zur Ausgelassenheit, und alles dr?ngte sich um ihn. Ihm zu Ehren - er war vor etwa vierzehn Tagen heimgekehrt - war ja auch der ganze Ausflug unternommen. Ole sah wie im Traum, da? Josefines Blumen jetzt auf dem Tisch standen, und h?rte, wie die Zusammenstellung der Farben gerühmt wurde. Sie selber hatte mit zwei Freundinnen an einem kleinen steinernen Tischchen Platz genommen, an dem niemand weiter sitzen konnte. Vielleicht, damit er sich nicht anschlie?en sollte? Ganz drüben, auf der andern Seite war es. Er sah sie plaudern und lachen; s?mtliche junge Herren bedienten sie. Edvard war auch ein paarmal dort, und brachte sie zum Lachen. Und das alles beobachtete er mit einem sonderbaren Gefühl von Angst. Der L?rm tat ihm weh, das Lachen war wie ein Hohn, das Essen blieb ihm im Halse stecken, das Getr?nk brannte, die Menschen waren wie Automaten - das Haus, die Bucht, das Boot, die Berge so erdrückend nahe.

Da Windstille eingetreten war, mu?te die Gesellschaft zu Fu? nach der Stadt zurückgehen. In geschlossener Kolonne, singend, begann man zu marschieren; aber bald kamen aus den umliegenden Geh?ften Sommerg?ste herzu, und da es Bekannte waren, machte man halt. Die Neuhinzugekommenen schlossen sich ein Stück Wegs an; dann kamen weitere; und jedesmal gab es einen Aufenthalt, und jedesmal l?sten sich einzelne Gruppen los. Dadurch gelang es Ole, unbemerkt zurückzubleiben. Er konnte die Gesellschaft und ihre Lustigkeit nicht mehr ertragen.

Denn jetzt erst konzentrierte alles sich um Josefine. Edvards pl?tzliches Umschwenken, sein Angriff, die Schmach der Niederlage, das verletzte religi?se Empfinden ... alles verflo? in dem einen Gedanken, da? sie nicht zu ihm gestanden war, mit keinem Wort, mit keinem Blick; da? sie ihm erst ausgewichen war und ihn jetzt ganz im Stich lie?. Das ertrug er nicht; denn sie war ihm viel zu teuer geworden. Er wu?te es und er sch?mte sich dessen nicht. Sein früherer h?chster Erdenwunsch

- Mission?r zu werden - war von ihm abgefallen

wie eine Haut, als Josefine keinen Wert mehr darauf legte. Jedesmal, wenn die Mutter ihm gesagt hatte, er m?ge doch nur nicht Mission?r werden, hatte er erwidert: man solle Go

tt mehr gehorchen als den Menschen. Aber als Josefine, in ihrer kraftvollen Art, in eine n?here Wirklichkeit hineinwuchs, da gab er es auf, ohne da? sie auch nur ein Wort darüber zu verlieren brauchte. Da? es sich strafen müsse, wenn man einen Menschen so liebe, das sagte er sich selber. Aber er konnte nicht anders.

Unter solchen und tausend ?hnlichen Gedanken blieb er nach und nach zurück und bog vom Weg ab in ein W?ldchen ein; dort warf er sich nieder und wartete, bis die Sommerg?ste zurück- und vorbeikommen würden. Er drehte sein Gesicht der Erde zu. Das kühle Gras, das ihm Wangen und Stirn kitzelte, und die feuchte Erde, die er einatmete, redeten zu ihm ... Solch dürftiges, im Schatten wachsendes Gras hat keinen Duft; und so war es auch mit ihm; durch sie hatte auch er die Sonnenseite kennen gelernt; ohne sie war nichts als Schatten.

Und der Bruder hatte sie ihm genommen! schrie es in ihm.

Dieser Bruder, der sich bis vor wenigen Tagen nicht um sie gekümmert hatte, w?hrend er, Ole, von Kind auf um sie gewesen war, mit ihr gerudert hatte, ihr vorgelesen, ihr Bruder und Schwester zugleich gewesen war und ihr geschrieben hatte, wenn sie fern voneinander waren! Hatte ihr Bruder das je getan? Selbst seine Niederlage durfte er sich zugute schreiben! Denn h?tte er's - ihretwillen - nicht so gewissenhaft genommen mit dem Examen, zu dem ihr Vater ihm verholfen hatte - so h?tte er mehr gewu?t von den Dingen, um die sich's handelte - h?tte vielleicht keinen solchen Abfall erlitten. Auch das mu?te er um seiner Treue willen erdulden.

Edvard war, in Josefines Kinder- und Backfischzeit, selten mit ihr zusammen gewesen, ohne sie zu necken. Sie war immer ein hageres Ding gewesen, mit gro?en schwarzen Augen, meist sehr zerzaustem Haar, roten H?nden und einer "schlottrigen" Figur. Er hatte sie nur das "Entenküken" genannt, und als sie einmal gefallen war und hinkte, "das lahme Entenküken". Er konnte nie so recht klug aus ihr werden; sie war so herb und trotzig und immer - drei Schritt vom Leibe. Und dann - sie war so oft der Anla?, da? er Schl?ge bekam. Sie hielt es für "gerecht", zu erz?hlen, wenn er etwas Dummes angestellt hatte. Und wenn er sie dafür verprügelte, so war es "gerecht", auch das wieder zu erz?hlen. Das emp?rte ihn gegen sie. Bald kamen sie auch dadurch auseinander, da? er das v?terliche Haus verlie?. Nach jenem unglückseligen Tag, an dem Vater und Sohn auf dem Weg nach Store-Tuft zusammengetroffen waren, erbarmte sich der Apotheker seines alten Freundes und nahm den Jungen ganz regelrecht als seinen eigenen Sohn zu sich. Und was dem Vater nicht geglückt war, das glückte ihm. Der Junge wurde sofort aus der Schule genommen und durfte seinem Hauptinteresse, den Naturwissenschaften, leben. Chemische und physikalische Analysen oder botanische Ausflüge waren sein H?chstes, und zwei Jahre lang trieb er ausschlie?lich derartige Studien. Die zum Abiturientenexamen notwendigen F?cher eignete er sich dann durch Privatunterricht so rasch wie m?glich an, und nach der Prüfung begann er sein medizinisches Studium. So lange er daheim war, sah er seine Schwester nur, wenn sie ihn in der Apotheke besuchte, und da ihre Interessen auseinandergingen, war der Verkehr eigentlich gleich Null. Sp?ter nahm ihn der Apotheker fast in jeder Vakanz mit ins Ausland; Edvard hatte gute Sprachkenntnisse, und die gingen dem Apotheker ab. Also kamen auch w?hrend der Ferien Bruder und Schwester nur selten zusammen. Aber seit er als Student mit dem Apotheker seine erste Reise ins Ausland gemacht und sie den heimgekehrten, erwachsenen Bruder gesehen und geh?rt hatte - modern in Kleidung und Gedanken, feurig, kraftvoll, das Ideal der gesamten Jugend, besonders der weiblichen - hatte sie ihn heimlich bewundert. Er seinerseits übersah sie einfach; oder er zog sie auf; das kostete sie Stunden der Qual; aber sie schluckte es tapfer hinunter, nur damit sie sein konnte, wo er war - wenn auch nur ganz still in einer Ecke.

Ole verstand sie, trotzdem sie sich nie verriet. Auch ihm gegenüber sprach sie selten anders von Edvard als von einem "Ekel", einem "Wicht", einer "Plappermühle" usw. Aber durch die treuen Dienste, die er ihr erwies, so oft sie vom Bruder übersehen oder gekr?nkt dasa?, sammelte Ole sich Sch?tze in ihrem Herzen.

Mit Edvard war eine gro?e Ver?nderung vorgegangen; seine Neugierde war zur Wi?begier, seine Unruhe zu Energie geworden. Aber gleichzeitig durchlief auch die Schwester verschiedene Stufen der Entwicklung, von denen er nichts ahnte. Zweiundeinhalbes Jahr waren jetzt verflossen, seitdem er sie zum letztenmal gesehen hatte; sie war zwei Jahre in Frankreich und Spanien gewesen, und in den letzten Ferien, als sie zu Hause war, hatte er mit dem Apotheker eine Reise nach England gemacht; auch in diesem Jahr waren sie ein paar Monate zusammen fort gewesen. Die Schwester, die er jetzt sah, die kannte er nicht. Nach der ersten Begegnung war er ganz von ihr erfüllt.

Sch?n sei sie nicht, sagte er zu Ole (zu dessen gr??ter Verwunderung), sobald die beiden sich trafen. Aber er wurde nicht müde, von dem neuen und eigenartigen Eindruck zu sprechen, den sie hier unter all den andern mache. Ihre Mutter müsse sich an einer Spanierin versehen haben, als sie mit ihr schwanger ging. W?re nicht dieses Unnennbare - die Augen gewesen, was auf der ganzen Welt Volk von Volk unterscheidet - w?ren nicht die Augen gewesen, sie h?tte unter Spaniern ruhig für eine Landsm?nnin gelten k?nnen. Wie das in einem norwegischen Hause wirkte! Sie sprach gut - lebendig und rasch - war aber eigentlich wortkarg, und hielt sich zurück. Kühn in ihrer Kleidung, mit einer Vorliebe für starke Farben, ganz modern, fast herausfordernd, aber in jeder andern Hinsicht eher scheu.

Fortan war Edvard ihr Bruder. Der Vater war verreist, und w?hrend der Zeit wohnte sie bei Rektors und war nicht immer zu haben; aber so oft es sich machen lie?, waren sie zusammen. Sie hatte die Empfindung, als ob er sie gern "entdeckt" h?tte, und war auf ihrer Hut; aber es schmeichelte ihr, da? er in Gesellschaft seine Worte an sie richtete und da? seine Augen stets die ihren suchten.

* * *

W?hrend Ole, tief unglücklich, sein Gesicht ins Gras des Waldbodens pre?te, standen sie alle vor ihm, die Stunden, da sie auf dem Ball den Bruder hatte tanzen sehen - mit der und mit jener - manchmal mehrere T?nze mit einer und derselben - und mit ihr blo? eine "Pflichttour".

Und jetzt?

Jetzt war sie Edvards Schwester - seine geliebte Schwester - und Oles und ihre Wege gingen auseinander ...

Weshalb mu?te Edvard sich in ein Verh?ltnis eindr?ngen, von dem er doch gar nichts wu?te? Sich Rechte anma?en, die er sich durch nichts verdient hatte? Nach ein paar Tagen des Zusammenseins einfach entscheiden, wer für sie passe - und wer nicht?

Weshalb vor aller Augen ihn angreifen und ihn verh?hnen in dem, was ihm Lebenssache war? Und nicht allein ihn - sondern Gott selber.

Und wie Ole Tuft diesem Gedanken nachhing, verbreitete sich um ihn ein seltsam heller Lichtschimmer - und in diesem Schimmer stieg etwas Gro?es empor über den Bergen jenseits des Fjords ... Er fühlte, wie es ihn im Nacken packte, w?hrend er so dalag, das Antlitz tief in den Rasen gedrückt. Und es flüsterte, und das Flüstern erfüllte den ganzen Raum - von dort bis hier -: "Was hast Du aus mir gemacht?"

Ah - wie plattgedrückt kam er sich vor - wie in die Erde hineingepre?t! Und er begriff jetzt, weshalb der Schmerz wie mit einem Schermesser das Kranke aus seinem Fleische schnitt. Er hatte verloren heute, weil er als Lügner dastand. "Du sollst keine anderen G?tter haben neben mir!" "Gott, Gott! Vergib mir! Schone meiner! - Und Deine fleischlichen, Deine eitlen Tr?ume!... Nimm, gleich Israel, der Nacht wahr, um zu ringen mit mir!... Wurm, der Du Dich krümmst!" - - -

über ihm den Raum durchbrauste der Klang von tausend Schwingen.

Es war nicht das erstemal, da? der Ernst des Alten Testaments von den H?hen auf ihn herniederstürzte und seine Wohnstatt aufschlug in ihm. All diese Fragen - ob "gro?" - oder "klein" - ob er das "H?chste" wagen oder sich, wie die andern, mit dem Mittelm??igen begnügen sollte - sie waren ihm nichts Neues.

Doch wenn er dann Josefine wieder traf - bei guter Laune - so waren diese Fragen wie weggeblasen. Mit einem einzigen guten H?ndedruck schob sie sie beiseite. Auch jetzt war es wieder so. Ohne jeden übergang str?mte von ihr ein gesunder Protest in ihn über. Nimmermehr h?tte Josefine sich heut von ihm abgewandt, blo? weil der Bruder es wünschte! Nimmermehr! Wenn sie es so aufgefa?t h?tte, dann h?tte sie gerade entgegengesetzt gehandelt. Nein - weil er ein Schw?chling war, wandte sie sich von ihm ab, einzig deswegen. Vielleicht auch, weil sie sich nicht gern in einen Streit mischen mochte; sie war so scheu. Sie wandte sich ja eigentlich auch nicht dem Bruder zu. Sie hatte mitten unter den andern auf dem Hügel gesessen und sp?ter, beim Essen, mit einigen Freundinnen an einem besonderen Tisch. Und auch beim Aufbruch hatte sie sich nicht an den Bruder gehalten, der doch fast alle um sich sammelte.... Warum hatte er denn daran nicht eher gedacht? Sie war ja doch treu.... Ganz gewi?! Sie war treu! Er stand auf. Wieso in aller Welt hatte er das nicht gleich gesehen?

Er h?tte gern gehabt, da? sie ihm auf eine oder die andere Weise geholfen oder ihn wenigstens getr?stet h?tte, ihm gezeigt h?tte, wie leid er ihr tat. Aber dergleichen lag nicht in Josefines Natur. Was fiel ihm denn nur ein? Besonders, wenn irgendwie ein Aufsehen entstanden war, und die Leute sie beobachteten.

Ein rechter Schafskopf war er gewesen. Und im Bewu?tsein dieser erfreulichen Entdeckung sprang er das Geh?lz hinab über den Stra?engraben und machte sich ebenfalls auf den Heimweg.

Gro?er Gott im Himmel, wie er sie liebte! Er sah sie vor sich, wie sie sein konnte, wenn er ihr zu kindisch war; er sah den guten, gro?en Blick, bei all ihrer Majest?t!...

Der sp?te Sonnenuntergang hinterlie? keine R?te am Himmel; die Nacht war grau und schlaff, der Weg, am Fu? einer kahlen Anh?he entlang, anmutlos; zu beiden Seiten kleine Anwesen, die H?user auf der Anh?he, ?rmlicher Kleinbetrieb, da und dort ein paar dürftige Sommervillen, niedrige B?ume und vereinzelte Büsche.

Er sah es und sah es nicht, w?hrend er seinen eigenen Gedanken nachhing. Keine Seele unterwegs; ja, doch, ganz da vorn ein einzelner Mensch, der auf die Stadt zuging. Ole m??igte seine Schritte, um diesen einen nicht einzuholen, und merkte gar nicht, da? vor dem, der dort ging, einer war, der kam. Jetzt konnte er auf einmal beide unterscheiden. Himmel!... War das nicht...? Oder t?uschte er sich?... Nein, er kannte den Hut, und nun auch den Gang, die Figur! Es gab nur eine solche! Josefine kam zurück, um ihn zu holen! Das sah ihr ?hnlich.

"Aber wo steckst Du denn?" sagte sie. Ihr gro?es Gesicht war ger?tet, ihr Busen wogte, die Stimme klang ged?mpft, der Sonnenschirm, den sie in der linken Hand trug, war nicht ganz ruhig. Ole antwortete nicht; er sah ihr Gesicht, ihr Kleid, die Hutfeder, die stolze Gestalt an, bis sie unwillkürlich l?chelte; so viel stumme Bewunderung und Dankbarkeit durchbricht am Ende jeden Panzer. "Josefine, ach, Josefine!" Von seinem flachen Strohhut bis zu den Stiefeln herab war alles ein einziger Widerschein von Glück und Bewunderung. Da kam sie heiter heran, legte ihre rechte Hand auf seinen linken Arm und schob ihn sachte vorw?rts: er solle gehen.

Sein Gesicht trug die Spuren des Grases, in das er sich geworfen hatte; sie glaubte, er habe geweint. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie.

Die graue Sommernacht, die nicht schlafen kann und auch nicht wachen, erweckt leicht das Gefühl von etwas Halberreichtem, - für die beiden wurde sie, was ein halbdunkles Zimmer für zwei heimlich Verlobte ist. Sie lie? ihre Hand auf seinem Arm liegen, und als seine Augen den ihren begegneten, sah sie ihn an, wie wenn man ein Kind zudeckt. "Siehst Du, ich dachte," sagte er, "ich glaubte, ja, denk' nur, ich glaubte ..." Tr?nen standen ihm in den Augen. "Du bist zu dumm, Ole!" flüsterte sie wieder. Und damit waren die Stürme des Tages abgetan.

Ihre Hand blieb auf seinem Arm liegen; es sah aus, als führe sie einen Arrestanten. Er fühlte kaum den Druck, aber es rieselte ihm durch Mark und Bein. Ab und zu streifte ihr seidenes Kleid sein Bein; sie gingen im Takt, der elektrische Strom ihrer N?he trug ihn. Sie waren ganz allein, und es war ganz still; sie h?rten ihre eigenen Schritte und das Rascheln des seidenen Kleides. Er hielt den Arm, auf dem ihre Hand lag, ?ngstlich still, als k?nne sonst die Hand hinunterfallen und entzweigehen. Das einzige Unvollkommene war - denn etwas Unvollkommenes mu? ja immer sein - da? er eine steigende Lust verspürte, die Hand zu nehmen und sie in seinen Arm zu stecken - auf die allgemein übliche Weise; dann konnte er sie drücken. Aber er wagte es nicht.

Sie gingen und gingen. Er sah vor sich hin und entdeckte, da? kein Mondschein war. "Es ist kein Mondschein!" sagte er. - "Sonst w?re es heller", erwiderte sie l?chelnd. "Viel heller!" Die Stimmen waren zusammengetroffen, die Kl?nge hatten sich vermischt und spielten noch lange miteinander wie V?gel in der Luft.

Aber gerade darum war es schwer, weitere folgen zu lassen. W?hrend Ole darüber nachsann, was er das n?chste Mal sagen solle, wurde er gerührt und stolz. Er dachte an jenen Samstagabend im schmutzigen Schnee, als sie auf dem Schulhof so schlimm gegen ihn gewesen waren, und er davongelaufen war nach Store-Tuft; er gedachte seines damaligen Elends; aber von diesem Elend schrieb sich seine Erh?hung von heute her, heute, da er von der andern Seite in die Stadt kam und sie am Arm führte.... Nein, doch nicht ganz! Das war das Unvollkommene dabei.

Sollte er es sagen? Würde sie es zu dreist finden? "Wir sind wohl ganz allein jetzt, wir zwei beiden?" - auf schlauen Umwegen wollte er darauf zugehen; aber seine Stimme war nicht sicher; sie verriet ihn. Und so antwortete Josefine gar nicht. Es wurde still zwischen ihnen, ganz still. Und pl?tzlich glitt ihre Hand von selbst in seinen Arm, so, wie es bei Verlobten Sitte ist. Ein Beben ging durch sein ganzes Wesen, und mutig gab er ihr einen leisen Druck, wagte aber nicht, sie dabei anzusehen. Sie gingen weiter.

Bald lag die Stadt, in Schleier gehüllt, vor ihnen; das Takelwerk der Schiffe flo? zu Türmen zusammen; es sah aus, wie die zusammengelaufenen Maste von Zuckerwerkschiffen. Die H?user in flaumigen Umrissen, fast farblos; alles wohl eingepackt und verwahrt; die Berge standen und hielten Wacht. Ein einziger, schwacher, unbestimmbarer, langgezogener Laut, ein matter Streifen durch das lichtgraue Schweigen. "M?chtest Du mir nicht etwas erz?hlen?" fragte sie schnell, als k?nne sie es nicht mehr aushalten. Er fühlte sich wie erl?st und fragte, ob er vom - Licht erz?hlen solle. "Ja, vom Licht!" erwiderte sie. War es Ironie?

Er fing an; aber er wu?te es nicht klarzumachen. Beim erstenmal, als sie eine rasche Frage stellte, um die Sache bestimmter zu gestalten, fühlte er - er konnte nicht weiter; er war nicht genügend daheim in diesem Stoff. "Ich will Dir lieber das Ende von Jeanne d'Arc erz?hlen!" sagte er. "Du wei?t, - wo wir gestern unterbrochen wurden." - "Also nehmen wir Jeanne d'Arc!" sagte sie immer lustiger; sie lachte. - "Du magst nicht?" - "Doch, doch!" Das sagte sie sanfter, als wolle sie das Vorhergehende wieder gutmachen. So erz?hlte er denn den Schlu? der Geschichte von Jeanne d'Arc, nach einem vor kurzem erschienenen Werk, das er in diesen Ferien von ihrem Vater entlehnt hatte. Der Stoff lag ihm; seine westl?ndische, singende Stimme gab dem Ganzen etwas Schwebendes, die streng schulgem??e Behandlung des Wortes, die den ehemaligen Bauern kennzeichnete, getragen vom gemilderten Tonfall des Dialekts, pa?ten dazu wie alte Schrift. Sein weiches, lichtes Melanchthonantlitz schw?rmte; sie blickte zu ihm auf, und blickte jedesmal in sein reines Herz.

So kamen sie in die Stadt. Die Erz?hlung ergriff sie, und beide waren so eifrig geworden, da? sie gar nicht darauf achteten, ob ihnen jemand begegnen k?nne, oder da? zu beiden Seiten H?user standen; er redete nur ein bi?chen leiser, und sprach weiter.

Aber als sie sich der Stra?e n?herten, wo seine Tante wohnte, und wo er hinein mu?te, hielt er inne, trotzdem seine Erz?hlung noch nicht zu Ende war. Ob er sie wohl nach Hause begleiten durfte? Rektors wohnten ein paar H?user weiter. Wenn er nicht mit durfte, so mu?te er sich hier von ihr trennen. Dies Dilemma war übrigens nicht neu.

Gerade deshalb meldete es sich jetzt auch bei ihr. Sie hatte dies "Aneinanderkleben" - da? einer mitging bis an die Haustür des andern, wenn doch sein eigener Weg in ganz anderer Richtung lag - nie leiden m?gen. Schon seit ihrer Kinderzeit - weil man sie immer mit ihm geneckt hatte. Aber sie wu?te - er legte hohen Wert darauf.

W?hrend des kurzen Stück Wegs, das sie beide noch gemeinsam hatten, wurde diese Frage in ihnen beiden geradezu brennend. Sollen wir uns hier verabschieden -? Oder -? Ursprünglich etwas ganz Kindisches, war es - durch die Wiederholung - etwas Gro?es geworden. Sie war sich selber nicht klar über den Grund; aber als sie am Kreuzweg standen, zog sie sachte ihre handschuhlose Hand aus seinem Arm und bot sie ihm zum Abschied. Sie sah, wie entt?uscht er war. Und um es gleich wieder gutzumachen, strahlte sie ihn aus ihren gro?en Augen an, drückte ihm fest die Hand, und ihr "Danke, Du! Und auf Wiedersehen!" war von ganz anderer Art und Farbe als sonst alle diese Jahre her. Wie ein Gelübde fürs Leben sprangen die Worte von Herz zu Herzen, und so waren sie auch gemeint. Für seine Treue dankte sie ihm, für seine Liebe jetzt und immerdar. Er war bleich geworden. Sie sah es und überlegte einen Augenblick. Dann zog sie die Hand zurück und ging. Unten wandte sie sich noch einmal nach ihm um - dankbar, da? er weder in Wort noch Tat ihrem Willen widerstrebt hatte. Sie nickte zu ihm hinauf; er zog den Hut.

Wenige Minuten sp?ter stand sie in ihrem Zimmer, viel zu erhitzt, um sich zu Bett zu legen, und überhaupt hellwach. Sie hatte nicht die geringste Lust, zu schlafen; sie wollte zum mindesten erst die Sonne auf den D?chern - oder gar den lichten Tag sehen! Ihr Zimmer ging auf den Hof hinaus, den gro?en Schulhof, dessen Abschlu? die Turnhalle bildete; einige Turnapparate standen auch drau?en. Von der Stra?e aus lag das Zimmer im ersten Stockwerk - von der Hofseite im Erdgescho?; hundertmal war sie als Kind zum Fenster hinausgesprungen, statt die Tür zu benützen. Sie ?ffnete das Fenster und verspürte fast Lust, auch heute wieder hinauszuspringen und auf dem Hof spazierenzugehen. Am liebsten w?re sie die ganze Nacht mit Ole umhergestreift; aber so etwas verstand er nicht. Vielleicht hatte sie ihn blo? deswegen schon oben verabschiedet, weil er es nicht vorgeschlagen hatte.

Bei n?herem überlegen getraute sie sich aber doch nicht auf den Hof hinaus. Es geschah nicht selten, da? junge Leute, wenn sie von einer Land- oder Bootpartie oder aus einer Gesellschaft heimkehrten und dabei an dem alten Schulhof vorbeikamen, auf den Einfall gerieten, den alten Spielplatz ihrer Knabenjahre wieder aufzusuchen und sich ein paarmal am Reck zu schwingen; und von halbbetrunkenen jungen Leuten gesehen werden - das wollte sie nicht. Sie nahm ihren Hut ab und blieb - vornübergebeugt - am offenen Fenster stehen - - sah vor sich, was eben geschehen war, und was auch jetzt sie noch hinauszog.

Da h?rte sie drau?en Schritte - erst auf der Treppe, dann auf dem Sandweg, der hierherführte. Sollte das Ole sein -? War er so sentimental, da? es ihn trieb, unter ihrem Fenster zu schmachten? Wenn er es wirklich w?re! Gott gnade ihm, wenn er's war! - Sie lauschte in h?chster Spannung. Nein - die Schritte waren zu rasch. Das war - - sie fühlte es - - dort stand - - ihr Bruder ...

Ja, es war Edvard. Er war gar nicht verwundert, sie zu sehen; er kam direkt auf sie zu. Als er unter dem offenen Fenster angelangt war, streckte er seine rechte Hand hinauf; und sie nahm sie. Seine Augen schielten ein bi?chen - das sicherste Zeichen, da? er erregt war. "Gut, da? Du noch wach bist; ich h?tte sonst geklopft." Forschend suchte sein Blick den ihren; er lie? ihre Hand nicht los. "Bist Du eben erst gekommen?" - "Ja, eben erst," - Sie war pl?tzlich ganz in seiner Gewalt; und h?tte er sie um das Unm?glichste befragt - sie h?tte antworten müssen, solange diese Augen so in die ihren schauten. "Wie ich Dich unter den Letzten nicht gefunden habe, dachte ich mir, Du w?rst zurückgegangen zu Ole." - "Ja." - Er hielt inne; seine Stimme zitterte. "Ich war ein rechter Narr! Ihr seid wohl verlobt jetzt?" - Es dauerte eine Weile, obwohl die Antwort sofort in ihren Augen aufsprühte. "Ich glaube!" sagte sie.

Voll Liebe, aber auch voll Kummer sah er sie an. Sie h?tte am liebsten laut hinausgeweint. War es so t?richt, was sie getan hatte? Eine entsetzliche Angst überfiel sie. Da fa?te er mit beiden H?nden ihren Kopf, zog ihn zu sich nieder und kü?te sie auf die Stirn. Sie brach in Tr?nen aus und legte beide Arme fest um seinen Hals. So lagen sie - Wange an Wange.

"Na ja - wenn es nun einmal so ist - so wünsch' ich Dir alles Gute, Josefine, liebe Josefine!" Sie umschlangen sich noch fester. Dann lie?en sie einander los.

"Ich geh' heute fort!" flüsterte er und ergriff ihre Hand. Sie reichte ihm alle beide. - "Heut, Edvard?" - " - Ich war ein Narr! Leb' wohl, Josefine!" Sie machte ihre H?nde frei, um ihr Taschentuch herauszuziehen und an die Augen zu pressen. "Ich komm' noch und sag' Dir Adieu!" schluchzte sie. "Nein, nein! Du mu?t nicht!... Noch einmal!" - Und um ein Ende zu machen, pre?te er sie wieder in seine Arme, kü?te sie und ging davon, ohne sich umzusehen.

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