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   Chapter 3 ANIMISMUS, MAGIE UND ALLMACHT DER GEDANKEN.

Totem und Tabu By Sigmund Freud Characters: 52560

Updated: 2017-12-06 00:03


1.

Es ist ein notwendiger Mangel der Arbeiten, welche Gesichtspunkte der Psychoanalyse auf Themen der Geisteswissenschaften anwenden wollen, da? sie dem Leser von beiden zu wenig bieten müssen. Sie beschr?nken sich darum auf den Charakter von Anregungen, sie machen dem Fachmanne Vorschl?ge, die er bei seiner Arbeit in Erw?gung ziehen soll. Dieser Mangel wird sich aufs ?u?erste fühlbar machen in einem Aufsatz, welcher das ungeheure Gebiet dessen, was man Animismus nennt, behandeln will(80).

Animismus im engeren Sinne hei?t die Lehre von den Seelenvorstellungen, im weiteren die von geistigen Wesen überhaupt. Man unterscheidet noch Animatismus, die Lehre von der Belebtheit der uns unbelebt erscheinenden Natur, und reiht hier den Animalismus und Manismus an. Der Name Animismus, früher für ein bestimmtes philosophisches System verwendet, scheint seine gegenw?rtige Bedeutung durch E. B. Tylor erhalten zu haben(81).

Was zur Aufstellung dieser Namen Anla? gegeben hat ist die Einsicht in die h?chst merkwürdige Natur- und Weltauffassung der uns bekannten primitiven V?lker, der historischen sowohl wie der jetzt noch lebenden. Diese bev?lkern die Welt mit einer Unzahl von geistigen Wesen, die ihnen wohlwollend oder übelgesinnt sind; sie schreiben diesen Geistern und D?monen die Verursachung der Naturvorg?nge zu und halten nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auch die unbelebten Dinge der Welt für durch sie belebt. Ein drittes und vielleicht wichtigstes Stück dieser primitiven ?Naturphilosophie? erscheint uns weit weniger auff?llig, weil wir selbst noch nicht weit genug von ihm entfernt sind, w?hrend wir doch die Existenz der Geister sehr eingeschr?nkt haben und die Naturvorg?nge heute durch die Annahme unpers?nlicher physikalischer Kr?fte erkl?ren. Die Primitiven glauben n?mlich an eine ?hnliche ?Beseelung? auch der menschlichen Einzelwesen. Die menschlichen Personen enthalten Seelen, welche ihren Wohnsitz verlassen und in andere Menschen einwandern k?nnen; diese Seelen sind die Tr?ger der geistigen T?tigkeiten und bis zu einem gewissen Grad von den ?Leibern? unabh?ngig. Ursprünglich wurden die Seelen als sehr ?hnlich den Individuen vorgestellt und erst im Laufe einer langen Entwicklung haben sie die Charaktere des Materiellen bis zu einem hohen Grad von ?Vergeistigung? abgestreift(82).

Die Mehrzahl der Autoren neigt zu der Annahme, da? diese Seelenvorstellungen der ursprüngliche Kern des animistischen Systems sind, da? die Geister nur selbst?ndig gewordenen Seelen entsprechen, und da? auch die Seelen von Tieren, Pflanzen und Dingen in Analogie mit den Menschenseelen gebildet wurden.

Wie sind die primitiven Menschen zu den eigentümlich dualistischen Grundanschauungen gekommen, auf denen dieses animistische System ruht? Man meint, durch die Beobachtung der Ph?nomene des Schlafes (mit dem Traum) und des ihm so ?hnlichen Todes, und durch die Bemühung, sich diese jeden Einzelnen so nahe angehenden Zust?nde zu erkl?ren. Vor allem mü?te das Todesproblem der Ausgangspunkt der Theoriebildung geworden sein. Für den Primitiven w?re die Fortdauer des Lebens – die Unsterblichkeit – das Selbstverst?ndliche. Die Vorstellung des Todes ist etwas sp?t und nur z?gernd Rezipiertes, sie ist ja auch für uns noch inhaltsleer und unvollziehbar. über den Anteil, den andere Beobachtungen und Erfahrungen an der Gestaltung der animistischen Grundlehren gehabt haben m?gen, die über Traumbilder, Schatten, Spiegelbilder u. dgl., haben sehr lebhafte, zu keinem Abschlu? gelangte Diskussionen stattgefunden(83).

Wenn der Primitive auf die sein Nachdenken anregenden Ph?nomene mit der Bildung der Seelenvorstellungen reagierte und diese dann auf die Objekte der Au?enwelt übertrug, so wird sein Verhalten dabei als durchaus natürlich und weiter nicht r?tselhaft beurteilt. Wundt ?u?ert angesichts der Tatsache, da? sich die n?mlichen animistischen Vorstellungen bei den verschiedensten V?lkern und zu allen Zeiten übereinstimmend gezeigt haben, dieselben ?seien das notwendige psychologische Erzeugnis des mythenbildenden Bewu?tseins und der primitive Animismus dürfe als der geistige Ausdruck des menschlichen Naturzustandes gelten, insoweit dieser überhaupt für unsere Beobachtung erreichbar ist(84)?. Die Rechtfertigung der Belebung des Unbelebten hat bereits Hume in seiner ?Natural History of Religion? gegeben, indem er schrieb: ?There is an universal tendency among mankind to conceive all beings like themselves and to transfer to every object those qualities with which they are familiarly acquainted and of which they are intimately conscious(85).?

Der Animismus ist ein Denksystem, er gibt nicht nur die Erkl?rung eines einzelnen Ph?nomens, sondern gestattet es, das Ganze der Welt als einen einzigen Zusammenhang, aus einem Punkte, zu begreifen. Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen, drei solcher Denksysteme, drei gro?e Weltanschauungen im Laufe der Zeiten hervorgebracht: Die animistische (mythologische), die religi?se und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene, die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und ersch?pfendste, eine, die das Wesen der Welt restlos erkl?rt. Diese erste Weltanschauung der Menschheit ist nun eine psychologische Theorie. Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wieviel von ihr noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder entwertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.

Es greift auf diese Stufenfolge der drei Weltanschauungen zurück, wenn gesagt wird, da? der Animismus selbst noch keine Religion ist, aber die Vorbedingungen enth?lt, auf denen sich sp?ter die Religionen aufbauen. Es ist auch augenf?llig, da? der Mythus auf animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzelheiten der Beziehung von Mythus und Animismus erscheinen aber als in wesentlichen Punkten ungekl?rt.

2.

Unsere psychoanalytische Arbeit wird an anderer Stelle einsetzen. – Man darf nicht annehmen, da? die Menschen sich aus reiner spekulativer Wi?begierde zur Sch?pfung ihres ersten Weltsystems aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt zu bem?chtigen, mu? seinen Anteil an dieser Bemühung haben. Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, da? mit dem animistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine Anweisung, wie man verfahren müsse, um der Menschen, Tiere und Dinge, respektive ihrer Geister, Herr zu werden. Diese Anweisung, welche unter dem Namen ?Zauberei und Magie? bekannt ist, will S. Reinach(86) die Strategie des Animismus hei?en; ich würde es vorziehen, sie mit Hubert und Mau? der Technik zu vergleichen(87).

Kann man Zauberei und Magie begrifflich von einander trennen? Es ist m?glich, wenn man sich mit einiger Eigenm?chtigkeit über die Schwankungen des Sprachgebrauches hinwegsetzen will. Dann ist Zauberei im wesentlichen die Kunst, die Geister zu beeinflussen, indem man sie behandelt wie unter gleichen Bedingungen die Menschen, also indem man sie beschwichtigt, vers?hnt, sich geneigt macht, sie einschüchtert, ihrer Macht beraubt, sie seinem Willen unterwirft, durch dieselben Mittel, die man für lebende Menschen wirksam gefunden hat. Magie ist aber etwas anderes; sie sieht im Grunde von den Geistern ab und sie bedient sich besonderer Mittel, nicht der banalen psychologischen Methodik. Wir werden leicht erraten, da? die Magie das ursprünglichere und bedeutsamere Stück der animistischen Technik ist, denn unter den Mitteln, mit denen Geister behandelt werden sollen, befinden sich auch magische(88), und die Magie findet ihre Anwendung auch in F?llen, wo die Vergeistigung der Natur, wie uns scheint, nicht durchgeführt worden ist.

Die Magie mu? den mannigfaltigsten Absichten dienen, die Naturvorg?nge dem Willen des Menschen unterwerfen, das Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die Macht geben, seine Feinde zu sch?digen. Die Prinzipien aber, auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht – oder vielmehr das Prinzip der Magie – ist so augenf?llig, da? es von allen Autoren erkannt werden mu?te. Man kann es am knappsten, wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den Worten E. B. Tylors ausdrücken: ?mistaking an ideal connexion for a real one?. An zwei Gruppen von magischen Handlungen wollen wir diesen Charakter erl?utern.

Eine der verbreitetsten magischen Prozeduren, um einem Feind zu schaden, besteht darin, sich ein Ebenbild von ihm aus beliebigem Material zu machen. Auf die ?hnlichkeit kommt es dabei wenig an. Man kann auch irgend ein Objekt zu seinem Bild ?ernennen?. Was man dann diesem Ebenbild antut, das st??t auch dem geha?ten Urbild zu; an welcher K?rperstelle man das erstere verletzt, an derselben erkrankt das letztere. Man kann dieselbe magische Technik anstatt in den Dienst privater Feindseligkeit auch in den der Fr?mmigkeit stellen und so G?ttern gegen b?se D?monen zu Hilfe kommen. Ich zitiere nach Frazer(89): ?Jede Nacht, wenn der Sonnengott Ra (im alten ?gypten) zu seinem Heim im glühenden Westen herabstieg, hatte er einen bitteren Kampf gegen eine Schar von D?monen zu bestehen, die ihn unter der Führung des Erzfeindes Apepi überfielen. Er k?mpfte mit ihnen die ganze Nacht und h?ufig waren die M?chte der Finsternis stark genug, noch des Tages dunkle Wolken an den blauen Himmel zu senden, die seine Kraft schw?chten und sein Licht abhielten. Um dem Gotte beizustehen, wurde in seinem Tempel zu Theben t?glich folgende Zeremonie aufgeführt: Es wurde aus Wachs ein Bild seines Feindes Apepi gemacht, in der Gestalt eines scheu?lichen Krokodils oder einer langgeringelten Schlange und der Name des D?mons mit grüner Tinte darauf geschrieben. In ein Papyrusgeh?use gehüllt, auf dem eine ?hnliche Zeichnung angebracht war, wurde dann diese Figur mit schwarzem Haar umwickelt, vom Priester angespuckt, mit einem Steinmesser bearbeitet und auf den Boden geworfen. Dann trat er mit seinem linken Fu? auf sie und endlich verbrannte er sie in einem von gewissen Pflanzen gen?hrten Feuer. Nachdem Apepi in solcher Weise beseitigt worden war, geschah mit allen D?monen seines Gefolges das n?mliche. Dieser Gottesdienst, bei dem gewisse Reden hergesagt werden mu?ten, wurde nicht nur morgens, mittags und abends wiederholt, sondern auch jederzeit dazwischen, wenn ein Sturm wütete, wenn ein heftiger Regengu? niederging oder schwarze Wolken die Sonnenscheibe am Himmel verdeckten. Die b?sen Feinde verspürten die Züchtigung, die ihren Bildern widerfahren war, als ob sie sie selbst erlitten h?tten; sie flohen und der Sonnengott triumphierte von neuem(90).?

Aus der unübersehbaren Fülle ?hnlich begründeter magischer Handlungen will ich nur noch zweierlei hervorheben, die bei den primitiven V?lkern jederzeit eine gro?e Rolle gespielt haben und zum Teil im Mythus und Kultus h?herer Entwicklungsstufen erhalten geblieben sind, n?mlich die Arten des Regen- und des Fruchtbarkeitszaubers. Man erzeugt den Regen auf magischem Wege, indem man ihn imitiert, etwa auch noch die ihn erzeugenden Wolken oder den Sturm nachahmt. Es sieht aus, als ob man ?regnen spielen? wollte. Die japanischen Ainos z. B. machen Regen in der Weise, da? ein Teil von ihnen Wasser aus gro?en Sieben ausgie?t, w?hrend ein anderer eine gro?e Schüssel mit Segel und Ruder ausstattet, als ob sie ein Schiff w?re, und sie so um Dorf und G?rten herumzieht. Die Fruchtbarkeit des Bodens sicherte man sich aber auf magische Weise, indem man ihm das Schauspiel eines menschlichen Geschlechtsverkehrs zeigte. So pflegen – ein Beispiel anstatt unendlich vieler – in manchen Teilen Javas zur Zeit des Herannahens der Reisblüte Bauer und B?uerin sich nachts auf die Felder zu begeben, um durch das Beispiel, das sie ihm geben, den Reis zur Fruchtbarkeit anzuregen(91). Dagegen fürchtete man von verp?nten inzestu?sen Geschlechtsbeziehungen, da? sie Mi?wuchs und Unfruchtbarkeit des Bodens erzeugen würden(92).

Auch gewisse negative Vorschriften – magische Vorsichten also – sind dieser ersten Gruppe einzureihen. Wenn ein Teil der Bewohner eines Dayakdorfes auf Wildschweinjagd ausgezogen ist, so dürfen die Zurückgebliebenen unterdes weder ?l noch Wasser mit ihren H?nden berühren, sonst würden die J?ger weiche Finger bekommen und die Beute aus ihren H?nden schlüpfen lassen(93). Oder, wenn ein Gilyakj?ger im Walde dem Wilde nachstellt, so ist es seinen Kindern zu Hause verboten, Zeichnungen auf Holz oder im Sand zu machen. Die Pfade im dichten Wald k?nnten sonst so verschlungen werden wie die Linien der Zeichnung, so da? der J?ger den Weg nach Hause nicht findet(94).

Wenn in diesen letzten wie in so vielen anderen Beispielen magischer Wirkung die Entfernung keine Rolle spielt, die Telepathie also als selbstverst?ndlich hingenommen wird, so wird auch uns das Verst?ndnis dieser Eigentümlichkeit der Magie keine Schwierigkeit bereiten.

Es unterliegt keinem Zweifel, was an all diesen Beispielen als das Wirksame betrachtet wird. Es ist die ?hnlichkeit zwischen der vollzogenen Handlung und dem erwarteten Geschehen. Frazer nennt darum diese Art der Magie imitative oder hom?opathische. Wenn ich will, da? es regne, so brauche ich nur etwas zu tun, was wie Regen aussieht oder an Regen erinnert. In einer weiteren Phase der Kulturentwicklung wird man anstatt dieses magischen Regenzaubers Bittg?nge zu einem Gotteshaus veranstalten und den dort wohnenden Heiligen um Regen anflehen. Endlich wird man auch diese religi?se Technik aufgeben und dafür versuchen, durch welche Einwirkungen auf die Atmosph?re Regen erzeugt werden kann.

In einer anderen Gruppe von magischen Handlungen kommt das Prinzip der ?hnlichkeit nicht mehr in Betracht, dafür ein anderes, welches sich aus den nachstehenden Beispielen leicht ergeben wird.

Um einem Feinde zu schaden, kann man sich auch eines anderen Verfahrens bedienen. Man bem?chtigt sich seiner Haare, N?gel, Abfallstoffe oder selbst eines Teiles seiner Kleidung und stellt mit diesen Dingen etwas Feindseliges an. Es ist dann gerade so, als h?tte man sich der Person selbst bem?chtigt, und was man den von der Person herrührenden Dingen angetan hat, mu? ihr selbst widerfahren. Zu den wesentlichen Bestandteilen einer Pers?nlichkeit geh?rt nach der Anschauung der Primitiven ihr Name; wenn man also den Namen einer Person oder eines Geistes wei?, hat man eine gewisse Macht über den Tr?ger des Namens erworben. Daher die merkwürdigen Vorsichten und Beschr?nkungen im Gebrauche der Namen, die in dem Aufsatz über das Tabu gestreift worden sind(95). Die ?hnlichkeit wird in diesen Beispielen offenbar ersetzt durch Zusammengeh?rigkeit.

Der Kannibalismus der Primitiven leitet seine sublimere Motivierung in ?hnlicher Weise ab. Indem man Teile vom Leib einer Person durch den Akt des Verzehrens in sich aufnimmt, eignet man sich auch die Eigenschaften an, welche dieser Person angeh?rt haben. Daraus erfolgen dann Vorsichten und Beschr?nkungen der Di?t unter besonderen Umst?nden. Eine Frau wird in der Gravidit?t vermeiden, das Fleisch gewisser Tiere zu genie?en, weil deren unerwünschte Eigenschaften, z. B. die Feigheit, so auf das von ihr gen?hrte Kind übergehen k?nnten. Es macht für die magische Wirkung keinen Unterschied, auch wenn der Zusammenhang ein bereits aufgehobener ist, oder wenn er überhaupt nur in einmaliger, bedeutungsvoller Berührung bestand. So ist z. B. der Glaube an ein magisches Band, welches das Schicksal einer Wunde mit dem der Waffe verknüpft, durch welche sie hervorgerufen wurde, unver?ndert durch Jahrtausende zu verfolgen. Wenn ein Melanesier sich des Bogens bem?chtigt hat, durch den er verwundet wurde, so wird er ihn sorgf?ltig an einem kühlen Ort verwahren, um so die Entzündung der Wunde niederzuhalten. Ist der Bogen aber im Besitz der Feinde geblieben, so wird er gewi? in n?chster N?he eines Feuers aufgeh?ngt werden, damit die Wunde nur ja recht entzündet werde und brenne. Plinius r?t in seiner Nat. Hist. XXVIII, wenn man bereut, einen anderen verletzt zu haben, solle man auf die Hand spucken, welche die Verletzung verschuldet hat; der Schmerz des Verletzten werde dann sofort gelindert. Francis Bacon erw?hnt in seiner Natural History den allgemein gültigen Glauben, da? das Salben einer Waffe, welche eine Wunde geschlagen hat, diese Wunde selbst heilt. Die englischen Bauern sollen noch heute nach diesem Rezept handeln, und wenn sie sich mit einer Sichel geschnitten haben, das Instrument von da an sorgf?ltig rein halten, damit die Wunde nicht in Eiterung gerate. Im Juni des Jahres 1902, berichtete eine lokale englische Wochenschrift, stie? sich eine Frau namens Matilda Henry in Norwich zuf?llig einen eisernen Nagel in die Sohle. Ohne die Wunde untersuchen zu lassen oder auch nur den Strumpf auszuziehen, hie? sie ihre Tochter, den Nagel gut ein?len, in der Erwartung, da? ihr dann nichts geschehen k?nne. Sie selbst starb einige Tage sp?ter an Wundstarrkrampf(96), infolge dieser verschobenen Antisepsis.

Die Beispiele der letzteren Gruppe erl?utern, was Frazer als kontagi?se Magie von der imitativen sondert. Was in ihnen als wirksam gedacht wird, ist nicht mehr die ?hnlichkeit, sondern der Zusammenhang im Raum, die Kontiguit?t, wenigstens die vorgestellte Kontiguit?t, die Erinnerung an ihr Vorhandensein. Da aber ?hnlichkeit und Kontiguit?t die beiden wesentlichen Prinzipien der Assoziationsvorg?nge sind, stellt sich als Erkl?rung für all die Tollheit der magischen Vorschriften wirklich die Herrschaft der Ideenassoziation heraus. Man sieht, wie zutreffend sich Tylors oben zitierte Charakteristik der Magie erweist: mistaking an ideal connexion for a real one, oder wie es fast gleichlautend Frazer ausgedrückt hat: men mistook the order of their ideas for the order of nature, and hence imagined that the control which they have, or seem to have, over their thoughts, permitted them to exercise a corresponding control over things(97).

Es wird dann zun?chst befremdend wirken, da? diese einleuchtende Erkl?rung der Magie von manchen Autoren als unbefriedigend verworfen werden konnte(98). Bei n?herer überlegung mu? man aber dem Einwand Recht geben, da? die Assoziationstheorie der Magie blo? die Wege aufkl?rt, welche die Magie geht, aber nicht deren eigentliches Wesen, n?mlich nicht das Mi?verst?ndnis, welches sie psychologische Gesetze an die Stelle natürlicher setzen hei?t. Es bedarf hier offenbar eines dynamischen Moments, aber w?hrend die Suche nach einem solchen die Kritiker der Frazerschen Lehre in die Irre führt, wird es leicht, eine befriedigende Aufkl?rung der Magie zu geben, wenn man nur die Assoziationstheorie derselben weiterführen und vertiefen will.

Betrachten wir zun?chst den einfacheren und bedeutsameren Fall der imitativen Magie. Nach Frazer kann diese allein geübt werden, w?hrend die kontagi?se Magie in der Regel die imitative voraussetzt(99). Die Motive, welche zur Ausübung der Magie dr?ngen, sind leicht zu erkennen, es sind die Wünsche des Menschen. Wir brauchen nun blo? anzunehmen, da? der primitive Mensch ein gro?artiges Zutrauen zur Macht seiner Wünsche hat. Im Grund mu? all das, was er auf magischem Wege herstellt, doch nur darum geschehen, weil er es will. So ist anf?nglich blo? sein Wunsch das Betonte.

Für das Kind, welches sich unter analogen psychischen Bedingungen befindet, aber motorisch noch nicht leistungsf?hig ist, haben wir an anderer Stelle die Annahme vertreten, da? es seine Wünsche zun?chst wirklich halluzinatorisch befriedigt, indem es die befriedigende Situation durch die zentrifugalen Erregungen seiner Sinnesorgane herstellen l??t(100). Für den erwachsenen Primitiven ergibt sich ein anderer Weg. An seinem Wunsch h?ngt ein motorischer Impuls, der Wille, und dieser – der sp?ter im Dienst der Wunschbefriedigung das Antlitz der Erde ver?ndern wird – wird jetzt dazu verwendet, die Befriedigung darzustellen, so da? man sie gleichsam durch motorische Halluzination erleben kann. Eine solche Darstellung des befriedigten Wunsches ist dem Spiele der Kinder v?llig vergleichbar, welches bei diesen die rein sensorische Technik der Befriedigung abl?st. Wenn Spiel und imitative Darstellung dem Kinde und dem Primitiven genügen, so ist dies nicht ein Zeichen von Bescheidenheit in unserem Sinne oder von Resignation infolge Erkenntnis ihrer realen Ohnmacht, sondern die wohl verst?ndliche Folge der überwiegenden Wertung ihres Wunsches, des von ihm abh?ngigen Willens und der von ihm eingeschlagenen Wege. Mit der Zeit verschiebt sich der psychische Akzent von den Motiven der magischen Handlung auf deren Mittel, auf die Handlung selbst. Vielleicht sagen wir richtiger, an diesen Mitteln erst wird ihm die übersch?tzung seiner psychischen Akte evident. Nun hat es den Anschein, als w?re es nichts anderes als die magische Handlung, die kraft ihrer ?hnlichkeit mit dem Gewünschten dessen Geschehen erzwingt. Auf der Stufe des animistischen Denkens gibt es noch keine Gelegenheit, den wahren Sachverhalt objektiv zu erweisen, wohl aber auf sp?teren, wenn alle solche Prozeduren noch gepflegt werden, aber das psychische Ph?nomen des Zweifels als Ausdruck einer Verdr?ngungsneigung bereits m?glich ist. Dann werden die Menschen zugeben, da? die Beschw?rungen von Geistern nichts leisten, wenn nicht der Glaube an sie dabei ist, und da? auch die Zauberkraft des Gebets versagt, wenn keine Fr?mmigkeit dahinter wirkt(101).

Die M?glichkeit einer auf der Kontiguit?tsassoziation beruhenden kontagi?sen Magie wird uns dann zeigen, da? sich die psychische Wertsch?tzung vom Wunsch und vom Willen her auf alle psychischen Akte, die dem Willen zu Gebote stehen, ausgedehnt hat. Es besteht also jetzt eine allgemeine übersch?tzung der seelischen Vorg?nge, das hei?t eine Einstellung zur Welt, welche uns nach unseren Einsichten in die Beziehung von Realit?t und Denken als solche übersch?tzung des letzteren erscheinen mu?. Die Dinge treten gegen deren Vorstellungen zurück; was mit den letzteren vorgenommen wird, mu? sich auch an den ersteren ereignen. Die Relationen, die zwischen den Vorstellungen bestehen, werden auch zwischen den Dingen vorausgesetzt. Da das Denken keine Entfernungen kennt, das r?umlich Entlegenste wie das zeitlich Verschiedenste mit Leichtigkeit in einen Bewu?tseinsakt zusammenbringt, wird auch die magische Welt sich telepathisch über die r?umliche Distanz hinaussetzen und ehemaligen Zusammenhang wie gegenw?rtigen behandeln. Das Spiegelbild der Innenwelt mu? im animistischen Zeitalter jenes andere Weltbild, das wir zu erkennen glauben, unsichtbar machen.

Heben wir übrigens hervor, da? die beiden Prinzipien der Assoziation – ?hnlichkeit und Kontiguit?t – in der h?heren Einheit der Berührung zusammentreffen. Kontiguit?tsassoziation ist Berührung im direkten, ?hnlichkeitsassoziation solche im übertragenen Sinne. Eine von uns noch nicht erfa?te Identit?t im psychischen Vorgang wird wohl durch den Gebrauch des n?mlichen Wortes für beide Arten der Verknüpfung verbürgt. Es ist derselbe Umfang des Begriffes Berührung, der sich bei der Analyse des Tabu herausstellte(102).

Zusammenfassend k?nnen wir nun sagen: das Prinzip, welches die Magie, die Technik der animistischen Denkweise, regiert, ist das der ?Allmacht der Gedanken?.

3.

Die Bezeichnung ?Allmacht der Gedanken? habe ich von einem hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne angenommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische Behandlung m?glich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und Verst?ndigkeit zu erweisen(103). Er hatte sich dieses Wort gepr?gt zur Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Geschehnisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu verfolgen schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch schon entgegen, als ob er sie beschworen h?tte; erkundigte er sich pl?tzlich nach dem Befinden eines lange vermi?ten Bekannten, so mu?te er h?ren, da? dieser eben gestorben sei, so da? er glauben konnte, jener habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; stie? er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte Verwünschung aus, so durfte er erwarten, da? dieser bald darauf starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete. Von den meisten dieser F?lle konnte er mir im Laufe der Behandlung selbst mitteilen, wie der t?uschende Anschein entstanden war, und was er selbst an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich in seinen abergl?ubischen Erwartungen zu best?rken(104). Alle Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre bessere Einsicht, abergl?ubisch.

Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei der Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse dieser primitiven Denkweise sind hier dem Bewu?tsein am n?chsten. Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Untersuchung deckt das n?mliche bei den anderen Neurosen auf. Bei ihnen allen ist nicht die Realit?t des Erlebens, sondern die des Denkens für die Symptombildung ma?gebend. Die Neurotiker leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer Stelle ausgedrückt habe, nur die ?neurotische W?hrung? gilt, das hei?t nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen wirksam, dessen übereinstimmung mit der ?u?eren Realit?t aber nebens?chlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anf?llen und fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Aufl?sung auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut worden sind. Das Schuldbewu?tsein der Neurotiker würde man ebenso schlecht verstehen, wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewu?tsein gedrückt sein, das einem Massenm?rder wohl anstünde; er wird sich dabei gegen seine Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupul?seste Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen haben. Doch ist sein Schuldgefühl begründet; es fu?t auf den intensiven und h?ufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewu?t gegen seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, insofern unbewu?te Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So erweist sich die Allmacht der Gedanken, die übersch?tzung der seelischen Vorg?nge gegen die Realit?t, als unbeschr?nkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und

in allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbewu?te bewu?t macht, so wird er nicht glauben k?nnen, da? Gedanken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, b?se Wünsche zu ?u?ern, als ob sie infolge dieser ?u?erung in Erfüllung gehen mü?ten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben bet?tigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden steht, der durch seine blo?en Gedanken die Au?enwelt zu ver?ndern vermeint.

Die prim?ren Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht Zauber, so doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, da? diese Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie; wir haben geh?rt, da? auch die Bildung der Seelenvorstellungen und des D?monenglaubens, die den Animismus kennzeichnen, auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen dem Prinzip der ?hnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen, ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen der Neurose gew?hnlich durch die Verschiebung auf irgend ein Kleinstes, eine an sich h?chst geringfügige Aktion entstellt(105). Auch die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen m?glichst weit entfernt, als Zauber gegen b?se Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes sexuelles Tun, das sie m?glichst getreu nachahmen, zu enden.

Wenn wir die vorhin erw?hnte Entwicklungsgeschichte der menschlichen Weltanschauungen annehmen, in welcher die animistische Phase von der religi?sen, diese von der wissenschaftlichen abgel?st wird, wird es uns nicht schwer, die Schicksale der ?Allmacht der Gedanken? durch diese Phasen zu verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich selbst die Allmacht zu; im religi?sen hat er sie den G?ttern abgetreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er beh?lt sich vor, die G?tter durch mannigfache Beeinflussungen nach seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Weltanschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen, er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück des primitiven Allmachtglaubens weiter.

Bei der Rückverfolgung der Entwicklung libidin?ser Strebungen im Einzelmenschen, von ihrer Gestaltung in der Reife bis zu den ersten Anf?ngen der Kindheit, hat sich zun?chst eine wichtige Unterscheidung ergeben, die in den ?Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905? niedergelegt ist. Die ?u?erungen der sexuellen Triebe sind von Anfang an zu erkennen, aber sie richten sich zuerst noch auf kein ?u?eres Objekt. Die einzelnen Triebkomponenten der Sexualit?t arbeiten jede für sich auf Lustgewinn und finden ihre Befriedigung am eigenen K?rper. Dies Stadium hei?t das des Autoerotismus, es wird von dem der Objektwahl abgel?st.

Es hat sich bei weiterem Studium als zweckm??ig, ja als unabweisbar gezeigt, zwischen diesen beiden Stadien ein drittes einzuschieben, oder, wenn man so will, das erste Stadium des Autoerotismus in zwei zu zerlegen. In diesem Zwischenstadium, dessen Bedeutsamkeit sich der Forschung immer mehr aufdr?ngt, haben die vorher vereinzelten Sexualtriebe sich bereits zu einer Einheit zusammengesetzt und auch ein Objekt gefunden; dies Objekt ist aber kein ?u?eres, dem Individuum fremdes, sondern es ist das eigene, um diese Zeit konstituierte Ich. Mit Rücksicht auf sp?ter zu beobachtende pathologische Fixierungen dieses Zustandes hei?en wir das neue Stadium das des Narzi?mus. Die Person verh?lt sich so, als w?re sie in sich selbst verliebt; die Ichtriebe und die libidin?sen Wünsche sind für unsere Analyse noch nicht von einander zu sondern.

Wenngleich uns eine genügend scharfe Charakteristik dieses narzi?tischen Stadiums, in welchem die bisher dissoziierten Sexualtriebe zu einer Einheit zusammentreten und das Ich als Objekt besetzen, noch nicht m?glich ist, so ahnen wir doch bereits, da? die narzi?tische Organisation nie mehr v?llig aufgegeben wird. Der Mensch bleibt in gewissem Ma?e narzi?tisch, auch nachdem er ?u?ere Objekte für seine Libido gefunden hat; die Objektbesetzungen, die er vornimmt, sind gleichsam Emanationen der beim Ich verbleibenden Libido und k?nnen wieder in dieselbe zurückgezogen werden. Die psychologisch so merkwürdigen Zust?nde von Verliebtheit, die Normalvorbilder der Psychosen, entsprechen dem h?chsten Stande dieser Emanationen im Vergleich zum Niveau der Ichliebe.

Es liegt nun nahe, die von uns aufgefundene Hochsch?tzung der psychischen Aktionen – die wir von unserem Standpunkt aus eine übersch?tzung hei?en – bei den Primitiven und Neurotikern in Beziehung zum Narzi?mus zu bringen und sie als wesentliches Teilstück desselben aufzufassen. Wir würden sagen, das Denken ist bei den Primitiven noch in hohem Ma?e sexualisiert, daher rührt der Glaube an die Allmacht der Gedanken, die unerschütterliche Zuversicht auf die M?glichkeit der Weltbeherrschung und die Unzug?nglichkeit gegen die leicht zu machenden Erfahrungen, welche den Menschen über seine wirkliche Stellung in der Welt belehren k?nnten. Bei den Neurotikern ist einerseits ein betr?chtliches Stück dieser primitiven Einstellung konstitutionell verblieben, anderseits wird durch die bei ihnen eingetretene Sexualverdr?ngung eine neuerliche Sexualisierung der Denkvorg?nge herbeigeführt. Die psychischen Folgen müssen in beiden F?llen dieselben sein, bei ursprünglicher wie bei regressiv erzielter libidin?ser überbesetzung des Denkens: intellektueller Narzi?mus, Allmacht der Gedanken(106).

Wenn wir im Nachweis der Allmacht der Gedanken bei den Primitiven ein Zeugnis für den Narzi?mus erblicken dürfen, so k?nnen wir den Versuch wagen, die Entwicklungsstufen der menschlichen Weltanschauung mit den Stadien der libidin?sen Entwicklung des Einzelnen in Vergleich zu ziehen. Es entspricht dann zeitlich wie inhaltlich die animistische Phase dem Narzi?mus, die religi?se Phase jener Stufe der Objektfindung, welche durch die Bindung an die Eltern charakterisiert ist, und die wissenschaftliche Phase hat ihr volles Gegenstück in jenem Reifezustand des Individuums, welcher auf das Lustprinzip verzichtet hat und unter Anpassung an die Realit?t sein Objekt in der Au?enwelt sucht(107).

Nur auf einem Gebiete ist auch in unserer Kultur die ?Allmacht der Gedanken? erhalten geblieben, auf dem der Kunst. In der Kunst allein kommt es noch vor, da? ein von Wünschen verzehrter Mensch etwas der Befriedigung ?hnliches macht, und da? dieses Spielen – dank der künstlerischen Illusion – Affektwirkungen hervorruft, als w?re es etwas Reales. Mit Recht spricht man vom Zauber der Kunst und vergleicht den Künstler mit einem Zauberer. Aber dieser Vergleich ist vielleicht bedeutsamer, als er zu sein beansprucht. Die Kunst, die gewi? nicht als l'art pour l'art begonnen hat, stand ursprünglich im Dienste von Tendenzen, die heute zum gro?en Teil erloschen sind. Unter diesen lassen sich mancherlei magische Absichten vermuten(108).

4.

Die erste Weltauffassung, welche den Menschen gelang, die des Animismus, war also eine psychologische. Sie bedurfte noch keiner Wissenschaft zu ihrer Begründung, denn Wissenschaft setzt erst ein, wenn man eingesehen hat, da? man die Welt nicht kennt und darum nach Wegen suchen mu?, um sie kennen zu lernen. Der Animismus war aber dem primitiven Menschen natürlich und selbstgewi?; er wu?te, wie die Dinge der Welt sind, n?mlich so wie der Mensch sich selbst verspürte. Wir sind also darauf vorbereitet, zu finden, da? der primitive Mensch Strukturverh?ltnisse seiner eigenen Psyche in die Au?enwelt verlegte(109), und dürfen anderseits den Versuch machen, was der Animismus von der Natur der Dinge lehrt, in die menschliche Seele zurückzuversetzen.

Die Technik des Animismus, die Magie, zeigt uns am deutlichsten und unvermengtesten die Absicht, den realen Dingen die Gesetze des Seelenlebens aufzuzwingen, wobei Geister noch keine Rolle spielen müssen, w?hrend auch Geister zu Objekten magischer Behandlung genommen werden k?nnen. Die Voraussetzungen der Magie sind also ursprünglicher und ?lter als die Geisterlehre, die den Kern des Animismus bildet. Unsere psychoanalytische Betrachtung trifft hier mit einer Lehre von R. R. Marett zusammen, welcher ein pr?animistisches Stadium dem Animismus vorhergehen l??t, dessen Charakter am besten durch den Namen Animatismus (Lehre von der allgemeinen Belebtheit) angedeutet wird. Es ist wenig mehr aus der Erfahrung über den Pr?animismus zu sagen, da man noch kein Volk angetroffen hat, welches der Geistervorstellungen entbehrte(110).

W?hrend die Magie noch alle Allmacht den Gedanken vorbeh?lt, hat der Animismus einen Teil dieser Allmacht den Geistern abgetreten und damit den Weg zur Bildung einer Religion eingeschlagen. Was soll nun den Primitiven zu dieser ersten Verzichtleistung bewogen haben? Kaum die Einsicht in die Unrichtigkeit seiner Voraussetzungen, denn er beh?lt ja die magische Technik bei.

Die Geister und D?monen sind, wie an anderer Stelle angedeutet wurde, nichts als die Projektionen seiner Gefühlsregungen(111); er macht seine Affektbesetzungen zu Personen, bev?lkert mit ihnen die Welt, und findet nun seine inneren seelischen Vorg?nge au?er seiner wieder, ganz ?hnlich wie der geistreiche Paranoiker Schreber, der die Bindungen und L?sungen seiner Libido in den Schicksalen der von ihm kombinierten ?Gottesstrahlen? gespiegelt fand(112).

Wir wollen hier wie bei einem früheren Anlasse(113) dem Problem ausweichen, woher die Neigung überhaupt rührt, seelische Vorg?nge nach au?en zu projizieren. Der einen Annahme dürfen wir uns aber getrauen, da? diese Neigung dort eine Verst?rkung erf?hrt, wo die Projektion den Vorteil einer psychischen Erleichterung mit sich bringt. Ein solcher Vorteil ist mit Bestimmtheit zu erwarten, wenn die nach Allmacht strebenden Regungen in Konflikt miteinander geraten sind; dann k?nnen sie offenbar nicht alle allm?chtig werden. Der Krankheitsproze? der Paranoia bedient sich tats?chlich des Mechanismus der Projektion, um solche im Seelenleben entstandene Konflikte zu erledigen. Nun ist der vorbildliche Fall eines solchen Konflikts der zwischen den beiden Gliedern eines Gegensatzpaares, der Fall der ambivalenten Einstellung, den wir in der Situation des Trauernden beim Tode eines teuern Angeh?rigen eingehend zergliedert haben. Ein solcher Fall wird uns besonders geeignet scheinen, die Sch?pfung von Projektionsgebilden zu motivieren. Wir treffen hier wiederum mit Meinungen der Autoren zusammen, welche die b?sen Geister für die erstgeborenen unter den Geistern erkl?ren und die Entstehung der Seelenvorstellungen aus dem Eindruck des Todes auf die überlebenden ableiten. Wir machen nur den einen Unterschied, da? wir nicht das intellektuelle Problem voranstellen, welches der Tod dem Lebenden aufgibt, sondern die zur Erforschung treibende Kraft in den Gefühlskonflikt verlegen, in welchen diese Situation den überlebenden stürzt.

Die erste theoretische Leistung des Menschen – die Sch?pfung der Geister – würde also aus derselben Quelle entspringen wie die ersten sittlichen Beschr?nkungen, denen er sich unterwirft, die Tabuvorschriften. Doch soll die Gleichheit des Ursprungs nichts für die Gleichzeitigkeit der Entstehung pr?judizieren. Wenn es wirklich die Situation des überlebenden gegen den Toten war, die den primitiven Menschen zuerst nachdenklich machte, ihn n?tigte, einen Teil seiner Allmacht an die Geister abzugeben und ein Stück der freien Willkür seines Handelns zu opfern, so w?ren diese Kultursch?pfungen eine erste Anerkennung der ?ν?γκη, die sich dem menschlichen Narzi?mus widersetzt. Der Primitive würde sich vor der übermacht des Todes beugen mit derselben Geste, durch die er diesen zu verleugnen scheint.

Wenn wir den Mut zur weiteren Ausbeutung unserer Voraussetzungen haben, k?nnen wir fragen, welches wesentliche Stück unserer psychologischen Struktur in der Projektionssch?pfung der Seelen und Geister seine Spiegelung und Wiederkehr findet. Es ist dann schwer zu bestreiten, da? die primitive Seelenvorstellung, soweit sie auch noch von der sp?teren v?llig immateriellen Seele absteht, doch im wesentlichen mit dieser zusammentrifft, also Person oder Ding als eine Zweiheit auffa?t, auf deren beide Bestandteile die bekannten Eigenschaften und Ver?nderungen des Ganzen verteilt sind. Diese ursprüngliche Dualit?t – nach einem Ausdruck von H. Spencer(114) – ist bereits identisch mit jenem Dualismus, der sich, in der uns gel?ufigen Trennung von Geist und K?rper kundgibt, und dessen unzerst?rbare sprachliche ?u?erungen wir z. B. in der Beschreibung des Ohnm?chtigen oder Rasenden: er sei nicht bei sich, erkennen(115).

Was wir so, ganz ?hnlich wie der Primitive, in die ?u?ere Realit?t projizieren, kann kaum etwas anderes sein als die Erkenntnis eines Zustandes, in dem ein Ding den Sinnen und dem Bewu?tsein gegeben, pr?sent ist, neben welchem ein anderer besteht, in dem dasselbe latent ist, aber wiedererscheinen kann, also die Koexistenz von Wahrnehmen und Erinnern, oder, ins Allgemeine ausgedehnt, die Existenz unbewu?ter Seelenvorg?nge neben den bewu?ten(116). Man k?nnte sagen, der ?Geist? einer Person oder eines Dinges reduziere sich in letzter Analyse auf deren F?higkeit erinnert und vorgestellt zu werden, wenn sie der Wahrnehmung entzogen sind.

Man wird nun freilich weder von der primitiven noch von der heutigen Vorstellung der ?Seele? erwarten dürfen, da? ihre Abgrenzung vom anderen Teile die Linien einhalte, welche unsere heutige Wissenschaft zwischen der bewu?ten und der unbewu?ten Seelent?tigkeit zieht. Die animistische Seele vereinigt vielmehr Bestimmungen von beiden Seiten in sich. Ihre Flüchtigkeit und Beweglichkeit, ihre F?higkeit, den K?rper zu verlassen, dauernd oder vorübergehend von einem anderen Leibe Besitz zu nehmen, dies sind Charaktere, die unverkennbar an das Wesen des Bewu?tseins erinnern. Aber die Art, wie sie sich hinter der pers?nlichen Erscheinung verborgen h?lt, mahnt an das Unbewu?te; die Unver?nderlichkeit und Unzerst?rbarkeit schreiben wir heute nicht mehr den bewu?ten, sondern den unbewu?ten Vorg?ngen zu, und diese betrachten wir auch als die eigentlichen Tr?ger der seelischen T?tigkeit.

* * *

Wir sagten vorhin, der Animismus sei ein Denksystem, die erste vollst?ndige Theorie der Welt, und wollen nun aus der psychoanalytischen Auffassung eines solchen Systems gewisse Folgerungen ableiten. Die Erfahrung jedes unserer Tage kann uns die Haupteigenschaften des ?Systems? immer von neuem vorführen. Wir tr?umen in der Nacht und haben es erlernt, am Tage den Traum zu deuten. Der Traum kann, ohne seine Natur zu verleugnen, wirr und zusammenhanglos erscheinen, er kann aber auch im Gegenteil die Ordnung der Eindrücke eines Erlebnisses nachahmen, eine Begebenheit aus der anderen ableiten und ein Stück seines Inhaltes auf ein anderes beziehen. Dies scheint ihm besser oder schlechter gelungen zu sein, fast niemals gelingt es so vollkommen, da? nicht irgendwo eine Absurdit?t, ein Ri? im Gefüge zum Vorschein k?me. Wenn wir den Traum der Deutung unterziehen, erfahren wir, da? die inkonstante und ungleichm??ige Anordnung der Traumbestandteile auch etwas für das Verst?ndnis des Traumes recht Unwichtiges ist. Das Wesentliche am Traum sind die Traumgedanken, die allerdings sinnreich, zusammenh?ngend und geordnet sind. Aber deren Ordnung ist eine ganz andere als die von uns am manifesten Trauminhalt erinnerte. Der Zusammenhang der Traumgedanken ist aufgegeben worden und kann dann entweder überhaupt verloren bleiben oder durch den neuen Zusammenhang des Trauminhalts ersetzt werden. Fast regelm??ig hat, au?er der Verdichtung der Traumelemente, eine Umordnung derselben stattgefunden, die von der früheren Anordnung mehr oder weniger unabh?ngig ist. Wir sagen abschlie?end, das, was durch die Traumarbeit aus dem Material der Traumgedanken geworden ist, hat eine neue Beeinflussung erfahren, die sogenannte ?sekund?re Bearbeitung?, deren Absicht offenbar dahingeht, die aus der Traumarbeit resultierende Zusammenhangslosigkeit und Unverst?ndlichkeit zu Gunsten eines neuen ?Sinnes? zu beseitigen. Dieser neue, durch die sekund?re Bearbeitung erzielte Sinn ist nicht mehr der Sinn der Traumgedanken.

Die sekund?re Bearbeitung des Produkts der Traumarbeit ist ein vortreffliches Beispiel für das Wesen und die Ansprüche eines Systems. Eine intellektuelle Funktion in uns fordert Vereinheitlichung, Zusammenhang und Verst?ndlichkeit von jedem Material der Wahrnehmung oder des Denkens, dessen sie sich bem?chtigt, und scheut sich nicht, einen unrichtigen Zusammenhang herzustellen, wenn sie infolge besonderer Umst?nde den richtigen nicht erfassen kann. Wir kennen solche Systembildungen nicht nur vom Traume, sondern auch von den Phobien, dem Zwangsdenken und den Formen des Wahnes. Bei den Wahnerkrankungen (der Paranoia) ist die Systembildung das Sinnf?lligste, sie beherrscht das Krankheitsbild, sie darf aber auch bei den anderen Formen von Neuropsychosen nicht übersehen werden. In allen F?llen k?nnen wir dann nachweisen, da? eine Umordnung des psychischen Materials zu einem neuen Ziel stattgefunden hat, oft eine im Grunde recht gewaltsame, wenn sie nur unter dem Gesichtspunkt des Systems begreiflich erscheint. Es wird dann zum besten Kennzeichen der Systembildung, da? jedes der Ergebnisse desselben mindestens zwei Motivierungen aufdecken l??t, eine Motivierung aus den Voraussetzungen des Systems – also eventuell eine wahnhafte – und eine versteckte, die wir aber als die eigentlich wirksame, reale, anerkennen müssen.

Zur Erl?uterung ein Beispiel aus der Neurose: In der Abhandlung über das Tabu erw?hnte ich eine Kranke, deren Zwangsverbote die sch?nsten übereinstimmungen mit dem Tabu der Maori zeigen(117). Die Neurose dieser Frau ist auf ihren Mann gerichtet; sie gipfelt in der Abwehr des unbewu?ten Wunsches nach seinem Tod. Ihre manifeste, systematische Phobie gilt aber der Erw?hnung des Todes überhaupt, wobei ihr Mann v?llig ausgeschaltet ist und niemals Gegenstand bewu?ter Sorge wird. Eines Tages h?rt sie den Mann den Auftrag erteilen, seine stumpf gewordenen Rasiermesser sollen in einen bestimmten Laden zum Schleifen gebracht werden. Von einer eigentümlichen Unruhe getrieben, macht sie sich selbst auf den Weg nach diesem Laden und fordert nach ihrer Rückkehr von dieser Rekognoszierung von ihrem Manne, er müsse diese Messer für alle Zeiten aus dem Wege r?umen, denn sie habe entdeckt, da? neben dem von ihm genannten Laden sich eine Niederlage von S?rgen, Trauerwaren u. dgl. befindet. Die Messer seien durch seine Absicht in eine unl?sbare Verbindung mit dem Gedanken an den Tod geraten. Dies ist nun die systematische Motivierung des Verbots. Wir dürfen sicher sein, da? die Kranke auch ohne die Entdeckung jener Nachbarschaft das Verbot der Rasiermesser nach Hause gebracht h?tte. Denn es h?tte dazu hingereicht, da? sie auf dem Wege nach dem Laden einem Leichenwagen, einer Person in Trauerkleidung oder einer Tr?gerin eines Leichenkranzes begegnete. Das Netz der Bedingungen war weit genug ausgespannt, um die Beute in jedem Falle zu fangen; es lag dann an ihr, ob sie es zuziehen wollte oder nicht. Man konnte mit Sicherheit feststellen, da? sie für andere F?lle die Bedingungen des Verbots nicht aktivierte. Dann hie? es eben, es sei ein ?besserer Tag? gewesen. Die wirkliche Ursache des Verbots der Rasiermesser war natürlich, wie wir mit Leichtigkeit erraten, ihr Str?uben gegen eine Lustbetonung der Vorstellung, ihr Mann k?nne sich mit dem gesch?rften Rasiermesser den Hals abschneiden.

In ganz ?hnlicher Weise vervollst?ndigt und detailliert sich eine Gehhemmung, eine Abasie oder Agoraphobie, wenn es diesem Symptom einmal gelungen ist, sich zur Vertretung eines unbewu?ten Wunsches und der Abwehr gegen denselben aufzuschwingen. Was sonst noch an unbewu?ten Phantasien und an wirksamen Reminiszenzen in dem Kranken vorhanden ist, dr?ngt diesem einmal er?ffneten Ausweg zum symptomatischen Ausdruck zu und bringt sich in zweckm??iger Neuordnung im Rahmen der Gehst?rung unter. Es w?re also ein vergebliches, eigentlich ein t?richtes Beginnen, wenn man das symptomatische Gefüge und die Einzelheiten, z. B. einer Agoraphobie aus der Grundvoraussetzung derselben verstehen wollte. Alle Konsequenz und Strenge des Zusammenhanges ist doch nur scheinbar. Sch?rfere Beobachtung kann, wie bei der Fassadenbildung des Traumes, die ?rgsten Inkonsequenzen und Willkürlichkeiten der Symptombildung aufdecken. Die Einzelheiten einer solchen systematischen Phobie entnehmen ihre reale Motivierung versteckten Determinanten, die mit der Gehhemmung nichts zu tun haben müssen, und darum fallen auch die Gestaltungen einer solchen Phobie bei verschiedenen Personen so mannigfaltig und so widersprechend aus.

* * *

Suchen wir nun den Rückweg zu dem uns besch?ftigenden System des Animismus, so schlie?en wir aus unseren Einsichten über andere psychologische Systeme, da? die Motivierung einer einzelnen Sitte oder Vorschrift durch den ?Aberglauben? auch bei den Primitiven nicht die einzige und die eigentliche Motivierung zu sein braucht und uns der Verpflichtung nicht überhebt, nach den versteckten Motiven derselben zu suchen. Unter der Herrschaft eines animistischen Systems ist es nicht anders m?glich, als da? jede Vorschrift und jede T?tigkeit eine systematische Begründung erhalte, welche wir heute eine ?abergl?ubische? hei?en. ?Aberglaube? ist wie ?Angst?, wie ?Traum?, wie ?D?mon?, eine der psychologischen Vorl?ufigkeiten, die vor der psychoanalytischen Forschung zergangen sind. Kommt man hinter diese, die Erkenntnis wie Wandschirme abwehrenden Konstruktionen, so ahnt man, da? dem Seelenleben und der Kulturh?he der Wilden ein Stück verdienter Würdigung bisher vorenthalten wurde.

Betrachtet man die Triebverdr?ngung als ein Ma? des erreichten Kulturniveaus, so mu? man zugestehen, da? auch unter dem animistischen System Fortschritte und Entwicklungen vorgefallen sind, die man mit Unrecht ihrer abergl?ubischen Motivierung wegen gering sch?tzt. Wenn wir h?ren, da? Krieger eines wilden Volksstammes sich die gr??te Keuschheit und Reinlichkeit auferlegen, sobald sie sich auf den Kriegspfad begeben(118), so wird uns die Erkl?rung nahegelegt, da? sie ihren Unrat beseitigen, damit sich der Feind dieses Teiles ihrer Person nicht bem?chtige, um ihnen auf magische Weise zu schaden, und für ihre Enthaltsamkeit sollen wir analoge abergl?ubische Motivierungen vermuten. Nichtsdestoweniger bleibt die Tatsache des Triebverzichts bestehen, und wir verstehen den Fall wohl besser, wenn wir annehmen, da? der wilde Krieger sich solche Beschr?nkungen zur Ausgleichung auferlegt, weil er im Begriffe steht, sich die sonst untersagte Befriedigung grausamer und feindseliger Regungen im vollen Ausma?e zu gestatten. Dasselbe gilt für die zahlreichen F?lle von sexueller Beschr?nkung, solange man mit schwierigen oder verantwortlichen Arbeiten besch?ftigt ist(119). Mag sich die Begründung dieser Verbote immerhin auf einen magischen Zusammenhang berufen, die fundamentale Vorstellung, durch Verzicht auf Triebbefriedigung gr??ere Kraft zu gewinnen, bleibt doch unverkennbar, und die hygienische Wurzel des Verbots ist neben der magischen Rationalisierung derselben nicht zu vernachl?ssigen. Wenn die M?nner eines wilden Volksstammes zur Jagd, zum Fischfang, zum Krieg, zum Einsammeln kostbarer Pflanzenstoffe ausgezogen sind, so bleiben ihre Frauen unterdes im Hause zahlreichen drückenden Beschr?nkungen unterworfen, denen von den Wilden selbst eine in die Ferne reichende, sympathetische Wirkung auf das Gelingen der Expedition zugeschrieben wird. Doch geh?rt wenig Scharfsinn dazu, um zu erraten, da? jenes in die Ferne wirkende Moment kein anderes als das Heimw?rtsdenken, die Sehnsucht der Abwesenden, ist, und da? hinter diesen Einkleidungen die gute psychologische Einsicht steckt, die M?nner werden ihr Bestes nur dann tun, wenn sie über den Verbleib der unbeaufsichtigten Frauen vollauf beruhigt sind. Andere Male wird es direkt, ohne magische Motivierung, ausgesprochen, da? die eheliche Untreue der Frau die Bemühungen des in verantwortlicher T?tigkeit abwesenden Mannes zum Scheitern bringt.

Die unz?hligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden w?hrend ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die abergl?ubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl auch eine reale Begründung. Aber es w?re unrecht, die M?glichkeit zu übersehen, da? diese Blutscheu hier auch ?sthetischen und hygienischen Absichten dient, die sich in allen F?llen mit magischen Motivierungen drapieren mü?ten.

Wir t?uschen uns wohl nicht darüber, da? wir uns durch solche Erkl?rungsversuche dem Vorwurfe aussetzen, da? wir den heutigen Wilden eine Feinheit der seelischen T?tigkeiten zumuten, die weit über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es k?nnte uns mit der Psychologie dieser V?lker, die auf der animistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr verstehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum so sehr untersch?tzt haben.

Ich will noch einer Gruppe von bisher unerkl?rten Tabuvorschriften gedenken, weil sie eine dem Psychoanalytiker vertraute Aufkl?rung zul??t. Bei vielen wilden V?lkern ist es unter verschiedenen Verh?ltnissen verboten, scharfe Waffen und schneidende Instrumente im Hause zu halten(120). Frazer zitiert einen deutschen Aberglauben, da? man ein Messer nicht mit der Schneide nach oben liegen lassen dürfe. Gott und die Engel k?nnten sich daran verletzen. Soll man in diesem Tabu nicht die Ahnung gewisser ?Symptomhandlungen? erkennen, zu denen die scharfe Waffe durch unbewu?te b?se Regungen gebraucht werden k?nnte?

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