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   Chapter 1 DIE INZESTSCHEU.

Totem und Tabu By Sigmund Freud Characters: 35362

Updated: 2017-12-06 00:03


Den Menschen der Vorzeit kennen wir in den Entwicklungsstadien, die er durchlaufen hat, durch die unbelebten Denkm?ler und Ger?te, die er uns hinterlassen, durch die Kunde von seiner Kunst, seiner Religion und Lebensanschauung, die wir entweder direkt oder auf dem Wege der Tradition in Sagen, Mythen und M?rchen erhalten haben, durch die überreste seiner Denkweisen in unseren eigenen Sitten und Gebr?uchen. Au?erdem aber ist er noch in gewissem Sinne unser Zeitgenosse; es leben Menschen, von denen wir glauben, da? sie den Primitiven noch sehr nahe stehen, viel n?her als wir, in denen wir daher die direkten Abk?mmlinge und Vertreter der früheren Menschen erblicken. Wir urteilen so über die sogenannten wilden und halbwilden V?lker, deren Seelenleben ein besonderes Interesse für uns gewinnt, wenn wir in ihm eine gut erhaltene Vorstufe unserer eigenen Entwicklung erkennen dürfen.

Wenn diese Voraussetzung zutreffend ist, so wird eine Vergleichung der ?Psychologie der Naturv?lker?, wie die V?lkerkunde sie lehrt, mit der Psychologie des Neurotikers, wie sie durch die Psychoanalyse bekannt worden ist, zahlreiche übereinstimmungen aufweisen müssen, und wird uns gestatten, bereits Bekanntes hier und dort in neuem Lichte zu sehen.

Aus ?u?eren wie aus inneren Gründen w?hle ich für diese Vergleichung jene V?lkerst?mme, die von den Ethnographen als die zurückgebliebensten, armseligsten Wilden beschrieben worden sind, die Ureinwohner des jüngsten Kontinents, Australien, der uns auch in seiner Fauna soviel Archaisches, anderswo Untergegangenes, bewahrt hat.

Die Ureinwohner Australiens werden als eine besondere Rasse betrachtet, die weder physisch noch sprachlich Verwandtschaft mit ihren n?chsten Nachbarn, den melanesischen, polynesischen und malaiischen V?lkern erkennen l??t. Sie bauen weder H?user noch feste Hütten, bearbeiten den Boden nicht, halten keine Haustiere bis auf den Hund, kennen nicht einmal die Kunst der T?pferei. Sie n?hren sich ausschlie?lich von dem Fleische aller m?glichen Tiere, die sie erlegen, und von Wurzeln, die sie graben. K?nige oder H?uptlinge sind bei ihnen unbekannt, die Versammlung der gereiften M?nner entscheidet über die gemeinsamen Angelegenheiten. Es ist durchaus zweifelhaft, ob man ihnen Spuren von Religion in Form der Verehrung h?herer Wesen zugestehen darf. Die St?mme im Innern des Kontinents, die infolge von Wasserarmut mit den h?rtesten Lebensbedingungen zu ringen haben, scheinen in allen Stücken primitiver zu sein, als die der Küste nahewohnenden.

Von diesen armen nackten Kannibalen werden wir gewi? nicht erwarten, da? sie im Geschlechtsleben in unserem Sinne sittlich seien, ihren sexuellen Trieben ein hohes Ma? von Beschr?nkung auferlegt haben. Und doch erfahren wir, da? sie sich mit ausgesuchtester Sorgfalt und peinlichster Strenge die Verhütung inzestu?ser Geschlechtsbeziehungen zum Ziele gesetzt haben. Ja ihre gesamte soziale Organisation scheint dieser Absicht zu dienen oder mit ihrer Erreichung in Beziehung gebracht worden zu sein.

An Stelle aller fehlenden religi?sen und sozialen Institutionen findet sich bei den Australiern das System des Totemismus. Die australischen St?mme zerfallen in kleinere Sippen oder Clans, von denen sich jeder nach seinem Totem benennt. Was ist nun der Totem? In der Regel ein Tier, ein e?bares, harmloses oder gef?hrliches, gefürchtetes, seltener eine Pflanze oder eine Naturkraft (Regen, Wasser), welches in einem besonderen Verh?ltnis zu der ganzen Sippe steht. Der Totem ist erstens der Stammvater der Sippe, dann aber auch ihr Schutzgeist und Helfer, der ihnen Orakel sendet, und wenn er sonst gef?hrlich ist, seine Kinder kennt und verschont. Die Totemgenossen stehen dafür unter der heiligen, sich selbstwirkend strafenden Verpflichtung, ihren Totem nicht zu t?ten (vernichten) und sich seines Fleisches (oder des Genusses, den er sonst bietet) zu enthalten. Der Totemcharakter haftet nicht an einem Einzeltier oder Einzelwesen, sondern an allen Individuen der Gattung. Von Zeit zu Zeit werden Feste gefeiert, bei denen die Totemgenossen in zeremoni?sen T?nzen die Bewegungen und Eigenheiten ihres Totem darstellen oder nachahmen.

Der Totem ist entweder in mütterlicher oder in v?terlicher Linie erblich; die erstere Art ist m?glicherweise überall die ursprüngliche und erst sp?ter durch die letztere abgel?st worden. Die Zugeh?rigkeit zum Totem ist die Grundlage aller sozialen Verpflichtungen des Australiers, setzt sich einerseits über die Stammesangeh?rigkeit hinaus und dr?ngt anderseits die Blutsverwandtschaft zurück(2).

An Boden und ?rtlichkeit ist der Totem nicht gebunden; die Totemgenossen wohnen von einander getrennt und mit den Anh?ngern anderer Totem friedlich beisammen(3).

Und nun müssen wir endlich jener Eigentümlichkeit des totemistischen Systems gedenken, wegen welcher auch das Interesse des Psychoanalytikers sich ihm zuwendet. Fast überall, wo der Totem gilt, besteht auch das Gesetz, da? Mitglieder desselben Totem nicht in geschlechtliche Beziehungen zu einander treten, also auch einander nicht heiraten dürfen. Das ist die mit dem Totem verbundene Exogamie.

Dieses streng gehandhabte Verbot ist sehr merkwürdig. Es wird durch nichts vorbereitet, was wir vom Begriff oder den Eigenschaften des Totem bisher erfahren haben; man versteht also nicht, wie es in das System des Totemismus hineingeraten ist. Wir verwundern uns darum nicht, wenn manche Forscher geradezu annehmen, die Exogamie habe ursprünglich – im Beginn der Zeiten und dem Sinne nach – nichts mit dem Totemismus zu tun, sondern sei ihm irgend einmal, als sich Heiratsbeschr?nkungen notwendig erwiesen, ohne tieferen Zusammenhang angefügt worden. Wie immer dem sein mag, die Vereinigung von Totemismus und Exogamie besteht und erweist sich als eine sehr feste.

Machen wir uns die Bedeutung dieses Verbots durch weitere Er?rterungen klar.

a) Die übertretung dieses Verbotes wird nicht einer sozusagen automatisch eintretenden Bestrafung der Schuldigen überlassen wie bei anderen Totemverboten (z. B. das Totemtier nicht zu t?ten), sondern wird vom ganzen Stamme aufs energischeste geahndet, als gelte es eine die ganze Gemeinschaft bedrohende Gefahr oder eine sie bedrückende Schuld abzuwehren. Einige S?tze aus dem Buche von Frazer(4) m?gen zeigen, wie ernst solche Verfehlungen von diesen, nach unserem Ma?stabe sonst recht unsittlichen, Wilden behandelt werden.

?In Australia the regular penalty for sexual intercourse with a person of a forbidden clan is death. It matters not whether the woman be of the same local group or has been captured in war from another tribe; a man of the wrong clan who uses her as his wife is hunted down and killed by his clansmen, and so is the woman; though in some cases, if they succeed in eluding capture for a certain time, the offence may be condoned. In the Ta-Ta-thi tribe, New South Wales, in the rare cases which occur, the man is killed but the woman is only beaten or speared, or both, till she is nearly dead; the reason given for not actually killing her being that she was probably coerced. Even in casual amours the clan prohibitions are strictly observed, any violations of these prohibitions are regarded with the utmost abhorrence and are punished by death (Howitt).?

b) Da dieselbe harte Bestrafung auch gegen flüchtige Liebschaften geübt wird, die nicht zur Kindererzeugung geführt haben, so werden andere, z. B. praktische Motive des Verbotes unwahrscheinlich.

c) Da der Totem heredit?r ist und durch die Heirat nicht ver?ndert wird, so lassen sich die Folgen des Verbotes etwa bei mütterlicher Erblichkeit leicht übersehen. Geh?rt der Mann z. B. einem Clan mit dem Totem K?nguruh an und heiratet eine Frau vom Totem Emu, so sind die Kinder, Knaben und M?dchen, alle Emu. Einem Sohne dieser Ehe wird also durch die Totemregel der inzestu?se Verkehr mit seiner Mutter und seinen Schwestern, die Emu sind wie er, unm?glich gemacht(5).

d) Es bedarf aber nur einer Mahnung, um einzusehen, da? die mit dem Totem verbundene Exogamie mehr leistet, also mehr bezweckt, als die Verhütung des Inzests mit Mutter und Schwestern. Sie macht dem Manne auch die sexuelle Vereinigung mit allen Frauen seiner eigenen Sippe unm?glich, also mit einer Anzahl von weiblichen Personen, die ihm nicht blutsverwandt sind, indem sie alle diese Frauen wie Blutsverwandte behandelt. Die psychologische Berechtigung dieser gro?artigen Einschr?nkung, die weit über alles hinausgeht, was sich ihr bei zivilisierten V?lkern an die Seite stellen l??t, ist zun?chst nicht ersichtlich. Man glaubt nur zu verstehen, da? die Rolle des Totem (Tieres) als Ahnherrn dabei sehr ernst genommen wird. Alles, was von dem gleichen Totem abstammt, ist blutsverwandt, ist eine Familie, und in dieser Familie werden die entferntesten Verwandtschaftsgrade als absolutes Hindernis der sexuellen Vereinigung anerkannt.

So zeigen uns denn diese Wilden einen ungewohnt hohen Grad von Inzestscheu oder Inzestempfindlichkeit, verbunden mit der von uns nicht gut verstandenen Eigentümlichkeit, da? sie die reale Blutsverwandtschaft durch die Totemverwandtschaft ersetzen. Wir dürfen indes diesen Gegensatz nicht allzusehr übertreiben und wollen im Ged?chtnis behalten, da? die Totemverbote den realen Inzest als Spezialfall miteinschlie?en.

Auf welche Weise es dabei zum Ersatz der wirklichen Familie durch die Totemsippe gekommen, bleibt ein R?tsel, dessen L?sung vielleicht mit der Aufkl?rung des Totem selbst zusammenf?llt. Man mü?te freilich daran denken, da? bei einer gewissen, über die Eheschranken hinausgehenden Freiheit des Sexualverkehrs die Blutsverwandtschaft und somit die Inzestverhütung so unsicher werden, da? man eine andere Fundierung des Verbotes nicht entbehren kann. Es ist darum nicht überflüssig zu bemerken, da? die Sitten der Australier soziale Bedingungen und festliche Gelegenheiten anerkennen, bei denen das ausschlie?liche Eheanrecht eines Mannes auf ein Weib durchbrochen wird.

Der Sprachgebrauch dieser australischen St?mme(6) weist eine Eigentümlichkeit auf, welche unzweifelhaft in diesen Zusammenhang geh?rt. Die Verwandtschaftsbezeichnungen n?mlich, deren sie sich bedienen, fassen nicht die Beziehung zwischen zwei Individuen, sondern zwischen einem Individuum und einer Gruppe ins Auge; sie geh?ren nach dem Ausdruck L. H. Morgans dem ?klassifizierenden? System an. Das will hei?en, ein Mann nennt ?Vater? nicht nur seinen Erzeuger, sondern auch jeden anderen Mann, der nach den Stammessatzungen seine Mutter h?tte heiraten und so sein Vater h?tte werden k?nnen; er nennt ?Mutter? jede andere Frau neben seiner Geb?rerin, die ohne Verletzung der Stammesgesetze seine Mutter h?tte werden k?nnen; er hei?t ?Brüder?, ?Schwestern? nicht nur die Kinder seiner wirklichen Eltern, sondern auch die Kinder all der genannten Personen, die in der elterlichen Gruppenbeziehung zu ihm stehen usw. Die Verwandtschaftsnamen, die zwei Australier einander geben, deuten also nicht notwendig auf eine Blutsverwandtschaft zwischen ihnen hin, wie sie es nach unserem Sprachgebrauche mü?ten; sie bezeichnen vielmehr soziale als physische Beziehungen. Eine Ann?herung an dieses klassifikatorische System findet sich bei uns etwa in der Kinderstube, wenn das Kind veranla?t wird, jeden Freund und jede Freundin der Eltern als ?Onkel? und ?Tante? zu begrü?en, oder im übertragenen Sinn, wenn wir von ?Brüdern in Apoll?, ?Schwestern in Christo? sprechen.

Die Erkl?rung dieses für uns so sehr befremdenden Sprachgebrauches ergibt sich leicht, wenn man ihn als Rest und Anzeichen jener Heiratsinstitution auffa?t, die der Rev. L. Fison ?Gruppenehe? genannt hat, deren Wesen darin besteht, da? eine gewisse Anzahl von M?nnern eheliche Rechte über eine gewisse Anzahl von Frauen ausübt. Die Kinder dieser Gruppenehe würden dann mit Recht einander als Geschwister betrachten, obwohl sie nicht alle von derselben Mutter geboren sind, und alle M?nner der Gruppe für ihre V?ter halten.

Obwohl manche Autoren, wie z. B. Westermarck in seiner ?Geschichte der menschlichen Ehe(7)?, sich den Folgerungen widersetzen, welche andere aus der Existenz der Gruppenverwandtschaftsnamen gezogen haben, so stimmen doch gerade die besten Kenner der australischen Wilden darin überein, da? die klassifikatorischen Verwandtschaftsnamen als überrest aus Zeiten der Gruppenehe zu betrachten sind. Ja, nach Spencer und Gillen(8) l??t sich eine gewisse Form der Gruppenehe bei den St?mmen der Urabunna und der Dieri noch als heute bestehend feststellen. Die Gruppenehe sei also bei diesen V?lkern der individuellen Ehe vorausgegangen und nicht geschwunden, ohne deutliche Spuren in Sprache und Sitten zurückzulassen.

Ersetzen wir aber die individuelle Ehe durch die Gruppenehe, so wird uns das scheinbare überma? von Inzestvermeidung, welches wir bei denselben V?lkern angetroffen haben, begreiflich. Die Totemexogamie, das Verbot des sexuellen Verkehrs zwischen Mitgliedern desselben Clans, erscheint als das angemessene Mittel zur Verhütung des Gruppeninzests, welches dann fixiert wurde und seine Motivierung um lange Zeiten überdauert hat.

Glauben wir so, die Heiratsbeschr?nkungen der Wilden Australiens in ihrer Motivierung verstanden zu haben, so müssen wir noch erfahren, da? die wirklichen Verh?ltnisse eine weit gr??ere, auf den ersten Anblick verwirrende, Kompliziertheit erkennen lassen. Es gibt n?mlich nur wenige St?mme in Australien, die kein anderes Verbot als die Totemschranke zeigen. Die meisten sind derart organisiert, da? sie zun?chst in zwei Abteilungen zerfallen, die man Heiratsklassen (englisch: Phrathries) genannt hat. Jede dieser Heiratsklassen ist exogam und schlie?t eine Mehrzahl von Totemsippen ein. Gew?hnlich teilt sich noch jede Heiratsklasse in zwei Unterklassen (Subphrathries), der ganze Stamm also in vier; die Unterklassen stehen so zwischen den Phrathrien und den Totemsippen.

Das typische, recht h?ufig verwirklichte Schema der Organisation eines australischen Stammes sieht also folgenderma?en aus:

Die zw?lf Totemsippen sind in vier Unterklassen und zwei Klassen untergebracht. Alle Abteilungen sind exogam(9). Die Subklasse c bildet mit e, die Subklasse d mit f eine exogame Einheit. Der Erfolg, also die Tendenz, dieser Einrichtungen ist nicht zweifelhaft; es wird auf diesem Wege eine weitere Einschr?nkung der Heiratswahl und der sexuellen Freiheit herbeigeführt. Bestünden nur die zw?lf Totemsippen, so w?re jedem Mitglied einer Sippe – bei Voraussetzung der gleichen Menschenanzahl in jeder Sippe – 11/12 aller Frauen des Stammes zur Auswahl zug?nglich. Die Existenz der beiden Phrathrien beschr?nkt diese Anzahl auf 6/12 = 1/2; ein Mann vom Totem α) kann nur eine Frau der Sippen 1–6 heiraten. Bei Einführung der beiden Unterklassen sinkt die Auswahl auf 3/12 = 1/4; ein Mann vom Totem α) mu? seine Ehewahl auf die Frauen der Totem 4, 5, 6 beschr?nken.

Die historischen Beziehungen der Heiratsklassen – deren bei einigen St?mmen bis zu acht vorkommen – zu den Totemsippen sind durchaus ungekl?rt. Man sieht nur, da? diese Einrichtungen dasselbe erreichen wollen wie die Totemexogamie und auch noch mehr anstreben. Aber w?hrend die Totemexogamie den Eindruck einer heiligen Satzung macht, die entstanden ist, man wei? nicht wie, also einer Sitte, scheinen die komplizierten Institutionen der Heiratsklassen, ihrer Unterteilungen und der daran geknüpften Bedingungen zielbewu?ter Gesetzgebung zu entstammen, die vielleicht die Aufgabe der Inzestverhütung neu aufnahm, weil der Einflu? des Totem im Nachlassen war. Und w?hrend das Totemsystem, wie wir wissen, die Grundlage aller anderen sozialen Verpflichtungen und sittlichen Beschr?nkungen des Stammes ist, ersch?pft sich die Bedeutung der Phrathrien im allgemeinen in der durch sie angestrebten Regelung der Ehewahl.

In der weiteren Ausbildung des Heiratsklassensystems zeigt sich ein Bestreben, über die Verhütung des natürlichen und des Gruppeninzests hinauszugehen und Ehen zwischen entfernteren Gruppenverwandten zu verbieten, ?hnlich wie es die katholische Kirche tat, indem sie die seit jeher für Geschwister geltenden Heiratsverbote auf die Vetternschaft ausdehnte und die geistlichen Verwandtschaftsgrade dazu erfand(10).

Es würde unserem Interesse wenig dienen, wenn wir in die au?erordentlich verwickelten und ungekl?rten Diskussionen über Herkunft und Bedeutung der Heiratsklassen, sowie über deren Verh?ltnis zum Totem, tiefer eindringen wollten. Für unsere Zwecke genügt der Hinweis auf die gro?e Sorgfalt, welche die Australier sowie andere wilde V?lker zur Verhütung des Inzests aufwenden(11). Wir müssen sagen, diese Wilden sind selbst inzestempfindlicher als wir. Wahrscheinlich liegt ihnen die Versuchung n?her, so da? sie eines ausgiebigeren Schutzes gegen dieselbe bedürfen.

Die Inzestscheu dieser V?lker begnügt sich aber nicht mit der Aufrichtung der beschriebenen Institutionen, welche uns haupts?chlich gegen den Gruppeninzest gerichtet scheinen. Wir müssen eine Reihe von ?Sitten? hinzunehmen, welche den individuellen Verkehr naher Verwandter in unserem Sinne behüten, die mit geradezu religi?ser Strenge eingehalten werden, und deren Absicht uns kaum zweifelhaft erscheinen kann. Man kann diese Sitten oder Sittenverbote ?Vermeidungen? (avoidances) hei?en. Ihre Verbreitung geht weit über die australischen Totemv?lker hinaus. Ich werde aber auch hier die Leser bitten müssen, mit einem fragmentarischen Ausschnitt aus dem reichen Material vorlieb zu nehmen.

In Melanesien richten sich solche einschr?nkende Verbote gegen den Verkehr des Knaben mit Mutter und Schwestern. So z. B. verl??t auf Lepers Island, einer der Neuhebriden, der Knabe von einem bestimmten Alte

r an das mütterliche Heim und übersiedelt ins ?Klubhaus?, wo er jetzt regelm??ig schl?ft und seine Mahlzeiten einnimmt. Er darf sein Heim zwar noch besuchen, um dort Nahrung zu verlangen; wenn aber seine Schwester zu Hause ist, mu? er fortgehen, ehe er gegessen hat; ist keine Schwester anwesend, so darf er sich in der N?he der Türe zum Essen niedersetzen. Begegnen sich Bruder und Schwester zuf?llig im Freien, so mu? sie weglaufen oder sich seitw?rts verstecken. Wenn der Knabe gewisse Fu?spuren im Sande als die seiner Schwester erkennt, so wird er ihnen nicht folgen, ebensowenig wie sie den seinigen. Ja, er wird nicht einmal ihren Namen aussprechen und wird sich hüten, ein gel?ufiges Wort zu gebrauchen, wenn es als Bestandteil in ihrem Namen enthalten ist. Diese Vermeidung, die mit der Pubert?tszeremonie beginnt, wird über das ganze Leben festgehalten. Die Zurückhaltung zwischen einer Mutter und ihrem Sohne nimmt mit den Jahren zu, ist übrigens überwiegend auf Seite der Mutter. Wenn sie ihm etwas zu essen bringt, reicht sie es ihm nicht selbst, sondern stellt es vor ihn hin, sie redet ihn auch nicht vertraut an, sagt ihm – nach unserem Sprachgebrauch – nicht ?Du?, sondern ?Sie?. ?hnliche Gebr?uche herrschen in Neukaledonien. Wenn Bruder und Schwester einander begegnen, so flüchtet sie ins Gebüsch, und er geht vorüber, ohne den Kopf nach ihr zu wenden(12).

Auf der Gazellen-Halbinsel in Newbritannien darf eine Schwester von ihrer Heirat an mit ihrem Bruder nicht mehr sprechen, sie spricht auch seinen Namen nicht mehr aus, sondern bezeichnet ihn mit einer Umschreibung(13).

Auf Neumecklenburg werden Vetter und Base (obwohl nicht jeder Art) von solchen Beschr?nkungen getroffen, ebenso aber Bruder und Schwester. Sie dürfen sich einander nicht n?hern, einander nicht die Hand geben, keine Geschenke machen, dürfen aber in der Entfernung von einigen Schritten miteinander sprechen. Die Strafe für den Inzest mit der Schwester ist der Tod durch Erh?ngen(14).

Auf den Fiji-Inseln sind diese Vermeidungsregeln besonders strenge; sie betreffen dort nicht nur die blutsverwandte, sondern selbst die Gruppenschwester. Um so sonderbarer berührt es uns, wenn wir h?ren, da? diese Wilden heilige Orgien kennen, in denen eben diese verbotenen Verwandtschaftsgrade die geschlechtliche Vereinigung aufsuchen, wenn wir es nicht vorziehen, diesen Gegensatz zur Aufkl?rung des Verbotes zu verwenden, anstatt uns über ihn zu verwundern(15).

Unter den Battas auf Sumatra betreffen die Vermeidungsgebote alle nahen Verwandtschaftsbeziehungen. Es w?re für einen Batta z. B. h?chst anst??ig, seine eigene Schwester zu einer Abendgesellschaft zu begleiten. Ein Battabruder wird sich in Gesellschaft seiner Schwester unbehaglich fühlen, selbst wenn noch andere Personen mitanwesend sind. Wenn der eine von ihnen ins Haus kommt, so zieht es der andere Teil vor, wegzugehen. Ein Vater wird auch nicht allein im Hause mit seiner Tochter bleiben, ebensowenig wie eine Mutter mit ihrem Sohne. Der holl?ndische Mission?r, der über diese Sitten berichtet, fügt hinzu, er müsse sie leider für sehr wohlbegründet halten. Es wird bei diesem Volke ohne weiteres angenommen, da? ein Alleinsein eines Mannes mit einer Frau zu ungeh?riger Intimit?t führen werde, und da sie vom Verkehr naher Blutsverwandter alle m?glichen Strafen und üblen Folgen erwarten, tun sie recht daran, allen Versuchungen durch solche Verbote auszuweichen(16).

Bei den Barongos an der Delagoa-Bucht in Afrika gelten merkwürdigerweise die strengsten Vorsichten der Schw?gerin, der Frau des Bruders der eigenen Frau. Wenn ein Mann diese ihm gef?hrliche Person irgendwo begegnet, so weicht er ihr sorgsam aus. Er wagt es nicht, aus einer Schüssel mit ihr zu essen, er spricht sie nur zagend an, getraut sich nicht, in ihre Hütte einzutreten, und begrü?t sie nur mit zitternder Stimme(17).

Bei den Akamba (oder Wakamba) in Britisch-Ostafrika herrscht ein Gebot der Vermeidung, welches man h?ufiger anzutreffen erwartet h?tte. Ein M?dchen mu? zwischen ihrer Pubert?t und ihrer Verheiratung dem eigenen Vater sorgf?ltig ausweichen. Sie versteckt sich, wenn sie ihn auf der Stra?e begegnet, sie versucht es niemals, sich neben ihn hinzusetzen, und benimmt sich so bis zum Moment ihrer Verlobung. Von der Heirat an ist ihrem Verkehr mit dem Vater kein Hindernis mehr in den Weg gelegt(18).

Die bei weitem verbreitetste, strengste und auch für zivilisierte V?lker interessanteste Vermeidung ist die, welche den Verkehr zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter einschr?nkt. Sie ist in Australien ganz allgemein, ist aber auch bei den melanesischen, polynesischen und den Negerv?lkern Afrikas in Kraft, soweit die Spuren des Totemismus und der Gruppenverwandtschaft reichen, und wahrscheinlich noch darüber hinaus. Bei manchen dieser V?lker bestehen ?hnliche Verbote gegen den harmlosen Verkehr einer Frau mit ihrem Schwiegervater, doch sind sie lange nicht so konstant und so ernsthaft. In vereinzelten F?llen werden beide Schwiegereltern Gegenstand der Vermeidung.

Da wir uns weniger für die ethnographische Verbreitung als für den Inhalt und die Absicht der Schwiegermuttervermeidung interessieren, werde ich mich auch hier auf die Wiedergabe weniger Beispiele beschr?nken.

Auf den Banks-Inseln sind diese Gebote sehr strenge und peinlich genau. Ein Mann wird die N?he seiner Schwiegermutter meiden, wie sie die seinige. Wenn sie einander zuf?llig auf einem Pfade begegnen, so tritt das Weib zur Seite und wendet ihm den Rücken, bis er vorüber ist, oder er tut das n?mliche.

In Vanna Lava (Port Patteson) wird ein Mann nicht einmal hinter seiner Schwiegermutter am Strande einhergehen, ehe die steigende Flut nicht die Spur ihrer Fu?tritte im Sande weggeschwemmt hat. Doch dürfen sie aus einer gewissen Entfernung miteinander sprechen. Es ist ganz ausgeschlossen, da? er je den Namen seiner Schwiegermutter ausspricht oder sie den ihres Schwiegersohnes(19).

Auf den Salomons-Inseln darf der Mann von seiner Heirat an seine Schwiegermutter weder sehen, noch mit ihr sprechen. Wenn er ihr begegnet, tut er nicht, als ob er sie kennen würde, sondern l?uft, so schnell er kann, davon, um sich zu verstecken(20).

Bei den Zulukaffern verlangt die Sitte, da? ein Mann sich seiner Schwiegermutter sch?me, da? er alles tue, um ihrer Gesellschaft auszuweichen. Er tritt nicht in die Hütte ein, in der sie sich befindet, und wenn sie einander begegnen, geht er oder sie bei Seite, etwa, indem sie sich hinter einem Busch versteckt, w?hrend er seinen Schild vors Gesicht h?lt. Wenn sie einander nicht ausweichen k?nnen und das Weib nichts anderes hat, um sich zu verhüllen, so bindet sie wenigstens ein Grasbüschel um ihren Kopf, damit dem Zeremoniell Genüge getan sei. Der Verkehr zwischen ihnen mu? entweder durch eine dritte Person besorgt werden, oder sie dürfen aus einiger Entfernung einander zuschreien, wenn sie irgend eine Schranke, z. B. die Einfassung des Kraals, zwischen sich haben. Keiner von ihnen darf den Namen des anderen in den Mund nehmen(21).

Bei den Basoga, einem Negerstamme im Quellgebiete des Nils, darf ein Mann zu seiner Schwiegermutter nur sprechen, wenn sie in einem anderen Raume des Hauses ist und von ihm nicht gesehen wird. Dieses Volk verabscheut übrigens den Inzest so sehr, da? es ihn selbst bei Haustieren nicht straflos l??t(22).

W?hrend Absicht und Bedeutung der anderen Vermeidungen zwischen nahen Verwandten einem Zweifel nicht unterliegen, so da? sie von allen Beobachtern als Schutzma?regeln gegen den Inzest aufgefa?t werden, haben die Verbote, welche den Verkehr mit der Schwiegermutter betreffen, von manchen Seiten eine andere Deutung erfahren. Es erschien mit Recht unverst?ndlich, da? alle diese V?lker so gro?e Angst vor der Versuchung zeigen sollten, die dem Manne in der Gestalt einer ?lteren Frau entgegentritt, welche seine Mutter sein k?nnte, ohne es wirklich zu sein(23).

Diese Einwendung wurde auch gegen die Auffassung von Fison erhoben, der darauf aufmerksam machte, da? gewisse Heiratsklassensysteme darin eine Lücke zeigen, da? sie die Ehe zwischen einem Manne und seiner Schwiegermutter nicht theoretisch unm?glich machen; es h?tte darum einer besonderen Sicherung gegen diese M?glichkeit bedurft.

Sir J. Lubbock führt in seinem Werke ?Origin of civilisation? das Benehmen der Schwiegermutter gegen den Schwiegersohn auf die einstige Raubehe (marriage by capture) zurück. ?Solange der Frauenraub wirklich bestand, wird auch die Entrüstung der Eltern ernsthaft genug gewesen sein. Als von dieser Form der Ehe nur mehr Symbole übrig waren, wurde auch die Entrüstung der Eltern symbolisiert, und diese Sitte hielt noch an, nachdem ihre Herkunft vergessen war.? Es wird Crawley leicht zu zeigen, wie wenig dieser Erkl?rungsversuch die Einzelheiten der tats?chlichen Beobachtung deckt.

E. B. Tylor meint, die Behandlung des Schwiegersohnes von Seiten der Schwiegermutter sei nichts anderes als eine Form der ?Nichtanerkennung? (cutting) von Seiten der Familie der Frau. Der Mann gilt als Fremder, und dies so lange, bis das erste Kind geboren wird. Allein abgesehen von den F?llen, in denen letztere Bedingung das Verbot nicht aufhebt, unterliegt diese Erkl?rung dem Einwand, da? sie die Orientierung der Sitte auf das Verh?ltnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter nicht aufhellt, also den geschlechtlichen Faktor übersieht, und da? sie dem Moment des geradezu heiligen Abscheus nicht Rechnung tr?gt, welcher in den Vermeidungsgeboten zum Ausdruck kommt(24).

Eine Zulufrau, die nach der Begründung des Verbotes gefragt wurde, gab die vom Zartgefühl getragene Antwort: Es ist nicht recht, da? er die Brüste sehen soll, die seine Frau ges?ugt haben(25).

Es ist bekannt, da? das Verh?ltnis zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter auch bei den zivilisierten V?lkern zu den heikeln Seiten der Familienorganisation geh?rt. Es bestehen in der Gesellschaft der wei?en V?lker Europas und Amerikas zwar keine Vermeidungsgebote mehr für die beiden, aber es würde oft viel Streit und Unlust vermieden, wenn solche noch als Sitte bestünden und nicht von den einzelnen Individuen wieder aufgerichtet werden mü?ten. Manchem Europ?er mag es als ein Akt hoher Weisheit erscheinen, da? die wilden V?lker durch ihre Vermeidungsgebote die Herstellung eines Einvernehmens zwischen den beiden so nahe verwandt gewordenen Personen von vornherein ausgeschlossen haben. Es ist kaum zweifelhaft, da? in der psychologischen Situation von Schwiegermutter und Schwiegersohn etwas enthalten ist, was die Feindseligkeit zwischen ihnen bef?rdert und ihr Zusammenleben erschwert. Da? der Witz der zivilisierten V?lker gerade das Schwiegermutterthema so gern zum Objekt nimmt, scheint mir darauf hinzudeuten, da? die Gefühlsrelationen zwischen den beiden au?erdem Komponenten führen, die in scharfem Gegensatz zu einander stehen. Ich meine, da? dies Verh?ltnis eigentlich ein ?ambivalentes?, aus widerstreitenden, z?rtlichen und feindseligen Regungen zusammengesetztes ist.

Ein gewisser Anteil dieser Regungen liegt klar zu Tage: Von Seiten der Schwiegermutter die Abneigung, auf den Besitz der Tochter zu verzichten, das Mi?trauen gegen den Fremden, dem sie überantwortet ist, die Tendenz, eine herrschende Position zu behaupten, in die sie sich im eigenen Hause eingelebt hatte. Von Seiten des Mannes die Entschlossenheit, sich keinem fremden Willen mehr unterzuordnen, die Eifersucht gegen alle Personen, die vor ihm die Z?rtlichkeit seines Weibes besa?en, und – last not least – die Abneigung dagegen, sich in der Illusion der Sexualübersch?tzung st?ren zu lassen. Eine solche St?rung geht wohl zumeist von der Person der Schwiegermutter aus, die ihn durch so viele gemeinsame Züge an die Tochter mahnt und doch all der Reize der Jugend, Sch?nheit und psychischen Frische entbehrt, welche ihm seine Frau wertvoll machen.

Die Kenntnis versteckter Seelenregungen, welche die psychoanalytische Untersuchung einzelner Menschen verleiht, gestattet uns, zu diesen Motiven noch andere hinzuzufügen. Wo die psychosexuellen Bedürfnisse der Frau in der Ehe und im Familienleben befriedigt werden sollen, da droht ihr immer die Gefahr der Unbefriedigung durch den frühzeitigen Ablauf der ehelichen Beziehung und die Ereignislosigkeit in ihrem Gefühlsleben. Die alternde Mutter schützt sich davor durch Einfühlung in ihre Kinder, Identifizierung mit ihnen, indem sie deren gefühlsbetonte Erlebnisse zu den eigenen macht. Man sagt, die Eltern bleiben jung mit ihren Kindern; es ist dies in der Tat einer der wertvollsten seelischen Gewinste, den Eltern aus ihren Kindern ziehen. Im Falle der Kinderlosigkeit entf?llt so eine der besten M?glichkeiten, die für die eigene Ehe erforderliche Resignation zu ertragen. Diese Einfühlung in die Tochter geht bei der Mutter leicht so weit, da? sie sich in den von ihr geliebten Mann – mitverliebt, was in grellen F?llen infolge des heftigen seelischen Str?ubens gegen diese Gefühlsanlage zu schweren Formen neurotischer Erkrankung führt. Eine Tendenz zu solcher Verliebtheit ist bei der Schwiegermutter jedenfalls sehr h?ufig, und entweder diese selbst oder die ihr entgegenarbeitende Strebung schlie?en sich dem Gewühle der miteinander ringenden Kr?fte in der Seele der Schwiegermutter an. Recht h?ufig wird gerade die unz?rtliche, sadistische Komponente der Liebeserregung dem Schwiegersohne zugewendet, um die verp?nte, z?rtliche, um so sicherer zu unterdrücken.

Für den Mann kompliziert sich das Verh?ltnis zur Schwiegermutter durch ?hnliche Regungen, die aber aus anderen Quellen stammen. Der Weg der Objektwahl hat ihn regul?rerweise über das Bild seiner Mutter, vielleicht noch seiner Schwester, zu seinem Liebesobjekt geführt; infolge der Inzestschranke glitt seine Vorliebe von beiden teuren Personen seiner Kindheit ab, um bei einem fremden Objekt nach deren Ebenbild zu landen. An Stelle der eigenen Mutter und Mutter seiner Schwester sieht er nun die Schwiegermutter treten; es entwickelt sich eine Tendenz, in die vorzeitliche Wahl zurückzusinken, aber dieser widerstrebt alles in ihm. Seine Inzestscheu fordert, da? er an die Genealogie seiner Liebeswahl nicht erinnert werde; die Aktualit?t der Schwiegermutter, die er nicht wie die Mutter von jeher gekannt hat, so da? ihr Bild im Unbewu?ten unver?ndert bewahrt werden konnte, macht ihm die Ablehnung leicht. Ein besonderer Zusatz von Reizbarkeit und Geh?ssigkeit zur Gefühlsmischung l??t uns vermuten, da? die Schwiegermutter tats?chlich eine Inzestversuchung für den Schwiegersohn darstellt, sowie es anderseits nicht selten vorkommt, da? sich ein Mann manifesterweise zun?chst in seine sp?tere Schwiegermutter verliebt, ehe seine Neigung auf deren Tochter übergeht.

Ich sehe keine Abhaltung von der Annahme, da? es gerade dieser, der inzestu?se Faktor des Verh?ltnisses ist, welcher die Vermeidung zwischen Schwiegersohn und Schwiegermutter bei den Wilden motiviert. Wir würden also in der Aufkl?rung der so streng gehandhabten ?Vermeidungen? dieser primitiven V?lker die ursprünglich von Fison ge?u?erte Meinung bevorzugen, die in diesen Vorschriften wiederum nur einen Schutz gegen den m?glichen Inzest erblickt. Das n?mliche würde für alle anderen Vermeidungen zwischen Bluts- oder Heiratsverwandten gelten. Nur bliebe der Unterschied, da? im ersteren Falle der Inzest ein direkter ist, die Verhütungsabsicht eine bewu?te sein k?nnte; im anderen Falle, der das Schwiegermutterverh?ltnis mit einschlie?t, w?re der Inzest eine Phantasieversuchung, ein durch unbewu?te Zwischenglieder vermittelter.

Wir haben in den vorstehenden Ausführungen wenig Gelegenheit gehabt zu zeigen, da? die Tatsachen der V?lkerpsychologie durch die Anwendung der psychoanalytischen Betrachtung in neuem Verst?ndnis gesehen werden k?nnen, denn die Inzestscheu der Wilden ist l?ngst als solche erkannt worden und bedarf keiner weiteren Deutung. Was wir zu ihrer Würdigung hinzufügen k?nnen, ist die Aussage, sie sei ein exquisit infantiler Zug und eine auff?llige übereinstimmung mit dem seelischen Leben des Neurotikers. Die Psychoanalyse hat uns gelehrt, da? die erste sexuelle Objektwahl des Knaben eine inzestu?se ist, den verp?nten Objekten, Mutter und Schwester, gilt, und hat uns auch die Wege kennen gelehrt, auf denen sich der Heranwachsende von der Anziehung des Inzests frei macht. Der Neurotiker repr?sentiert uns aber regelm??ig ein Stück des psychischen Infantilismus, er hat es entweder nicht vermocht, sich von den kindlichen Verh?ltnissen der Psychosexualit?t zu befreien, oder er ist zu ihnen zurückgekehrt. (Entwicklungshemmung und Regression.) In seinem unbewu?ten Seelenleben spielen darum noch immer oder wiederum die inzestu?sen Fixierungen der Libido eine Hauptrolle. Wir sind dahin gekommen, das vom Inzestverlangen beherrschte Verh?ltnis zu den Eltern für den Kernkomplex der Neurose zu erkl?ren. Die Aufdeckung dieser Bedeutung des Inzests für die Neurose st??t natürlich auf den allgemeinsten Unglauben der Erwachsenen und Normalen; dieselbe Ablehnung wird z. B. auch den Arbeiten von Otto Rank entgegentreten, die in immer gr??erem Ausma? dartun, wie sehr das Inzestthema im Mittelpunkte des dichterischen Interesses steht und in ungez?hlten Variationen und Entstellungen der Poesie den Stoff liefert. Wir sind gen?tigt zu glauben, da? solche Ablehnung vor allem ein Produkt der tiefen Abneigung des Menschen gegen seine einstigen, seither der Verdr?ngung verfallenen Inzestwünsche ist. Es ist uns darum nicht unwichtig, an den wilden V?lkern zeigen zu k?nnen, da? sie die zur sp?teren Unbewu?theit bestimmten Inzestwünsche des Menschen noch als bedrohlich empfinden und der sch?rfsten Abwehrma?regeln für würdig halten.

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