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   Chapter 20 No.20

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 10295

Updated: 2017-12-04 00:03


Stanislaus Demba kam langsam die Treppe herauf. Vor der Wohnungstür stand Steffi Prokop und wartete im Dunkeln.

?Stanie?? rief sie ihm leise entgegen. ?Da? du doch kommst! Endlich! Endlich! Es ist gleich neun Uhr. So sp?t!?

?Wartest du lang??

?Seit einer Stunde. Ein Dienstmann war da, deine Hausfrau hat ihm die Tür aufgemacht. Ich habe mich in die Fensternische gedrückt und sie hat mich nicht gesehen. Er hat einen Brief gebracht, ich glaube, für dich.?

?So,? sagte Demba. Er wartete auf keine Nachricht mehr von der Welt unten.

?Gehen wir nicht hinein?? bat Steffi.

?Ja. Nimm den Türschlüssel aus meiner rechten Rocktasche und sperr' auf. Aber leise – leise! Es mu? niemand wissen, da? ich nach Hause gekommen bin.?

Sie traten in das Zimmer. Demba versperrte die Tür und zog den Schlüssel ab.

?Also da wohnst du,? sagte Steffi leise. ?Wo ist dein Freund, nicht zu Hause? Wart', ich werde Licht machen.?

?Nein! Wenn Licht im Zimmer ist, kommt gleich meine Wirtsfrau herein. Dort die Kerze auf dem Nachttischchen, die kannst du anzünden. Hast du den Schlüssel??

?Ja. – Ich glaube.?

?Du glaubst? Was soll das bedeuten??

?Ich hab' den Schlüssel. Gewi? hab' ich den Schlüssel,? sagte Steffi. ?Gib mir die H?nde her. Schau, da liegt der Brief.?

Demba ri? den Umschlag auf. Der Brief war von Hübel. Er enthielt die Mitteilung, da? Dr. Rübsams goldene Uhr sich gefunden hatte. Bei der Suschitzky. Dr. Rübsam bat vielmals um Entschuldigung und stellte das Geld zurück, zweihundertsiebzig Kronen. Hiervon habe er, Hübel, sich erlaubt, fünfzig Kronen zu entlehnen. Besten Dank und bestimmt am n?chsten Ersten.

Demba warf den Brief und die Banknoten auf die Tischplatte. Was war ihm jetzt das Geld! Ein paar Fetzen bemalten Papiers, nichts weiter. Es kam zu sp?t.

?Stanie, ich hab' nicht viel Zeit, ich mu? nach Hause,? dr?ngte Steffi Prokop. ?Gib die H?nde her, ich will versuchen, ob der Schlüssel sperrt.?

?Versuchen?? fragte Demba.

?Natürlich, er mu? sperren, das ist ja klar,? sagte Steffi und holte den Schlüssel hervor. ?Ich brauch' mehr Licht.? Sie schob die Kerze an den Rand des Tisches. Ihr Blick fiel auf die Banknoten.

?So viel Geld!? sagte sie und suchte das Schlüsselloch. ?Was wirst du machen mit dem vielen Geld??

?Nichts. Ich brauche es nicht mehr. Es kommt zu sp?t.?

?Zu sp?t? Warum??

?Es ist gleichgültig, warum,? sagte Demba müde. ?Der Schlüssel kommt zurecht. Gebe Gott, da? ich im rechten Augenblick die H?nde frei bekomme.?

Steffi blickte unruhig auf.

?Im rechten Augenblick?? fragte sie.

?Sie sind wieder hinter mir her,? sagte Demba.

?Wer denn, Stanie, wer denn??

?Ich glaube, sie werden gleich da sein.?

?Wer denn, Stanie? Die Polizei??

?Ja. Aber das macht nichts. Hab' keine Angst. Wenn die Handschellen fort sind, fürcht' ich die Polizei nicht. Die H?nde mu? ich frei haben. Die Handschellen müssen fort!?

?Ja. Die Handschellen müssen fort,? stammelte Steffi. ?Die Handschellen müssen fort! Die Handschellen müssen fort! Stanie, er pa?t nicht! Er ist zu gro?.?

?Wer? Der Schlüssel?? – Demba fuhr erschrocken auf.

?Ich hab' mir's gleich gedacht. Ich hab' gleich Angst gehabt.? Sie lie? die H?nde in den Scho? sinken und blickte hilfesuchend in Dembas Gesicht.

?Wie ist das m?glich!? stie? Demba hervor.

?Ich bin nicht schuld,? schluchzte Steffi, mit den Augen um Verzeihung bittend. ?Dieser dumme Mensch!?

?Was ist denn geschehen??

?Dieser dumme Mensch! Denk' dir: am Nachmittag, w?hrend ich im Bureau war, ist der Schlosserjunge zu meiner Mutter gekommen, wei?t du, der Bub von nebenan. Er hat gesagt, da? er meinen Wachsabdruck verloren h?tte und die Mutter solle ihm mein Tagebuch geben. Stanie, der Schlüssel ?ffnet die Handschellen nicht. Er hat mir einen Schlüssel zu meinem Tagebuch gemacht!?

?Es ist gut,? sagte Demba leise zu sich selbst.

?Stanie! Was werden wir tun??

?Ich wei?, was ich tun werde,? sagte Demba mit einem Seufzer.

?Stanie!? begann Steffi. ?Du mu?t mir folgen, ich mein's mit dir gut. Schau, w?r' es nicht am besten, du gingst zur Polizei und sagtest alles, was geschehen ist? Du bek?mst sicher nur eine ganz leichte Strafe, ein paar Wochen, zwei oder drei Wochen vielleicht nur. Und wenn du hinauskommst, bist du frei, h?rst du, Stanie, dann bist du frei! Frei, Stanie –?

?Bis auf die Handschellen,? sagte Stanislaus Demba.

?Bis auf die Handschellen??

?Ja. Die behalt ich mein Leben lang. Die beh?lt ein jeder, der aus dem Kerker kommt. Wei?t du's nicht, Steffi? Strafen werden von der Gerechtigkeit immer lebensl?nglich verh?ngt. Wer aus dem Kerker kommt, der mu? seine H?nde verstecken, denn sie sind für immer gesch?ndet. Er kann keinem Menschen mehr frei und offen die Hand reichen, er mu? mit ?ngstlich versteckten H?nden durch sein Leben schleichen, so wie ich heute zw?lf Stunden lang die H?nde unter dem Mantel – horch! Da sind sie schon.?

Es hatte gel?utet.

Steffi sprang auf und schlang ihre Arme um Dembas Hals.

?Sie sollen nicht herein! Wenn sie mich hier finden, Stanie, wenn sie mich hier finden!?

Es l?utete nochmals. Die Tür der Wohnung wurde ge?ff

net. M?nnerschritte, zwei harte Schl?ge an die Zimmertür. ?Im Namen des Gesetzes, ?ffnen Sie!?

?Wenn sie mich hier finden,? klagte Steffi.

Demba st?hnte. Ein Windsto? kam durchs Fenster und l?schte die Kerze aus. Aber es wurde nicht dunkel, nicht Nacht, sondern trübes, kaltes D?mmerlicht.

?Heute morgen,? sagte Demba, ?als ich in der Dachkammer am Fenster stand, hab' ich an dich gedacht, Steffi. Hab' an dich gedacht, mir war bang nach dir, wollte dich noch einmal sehen. Ich hab' mir gewünscht, da? du bei mir sein sollst, wenn ich sterbe. Und nun bist du da und ich bin nicht froh, hab' dich mit in mein Unglück gerissen. Jetzt wollte ich, du w?rest weit fort von hier.?

Der Druck der Arme lie? nach. Steffis Bild sank, als h?tte sie auf dieses Wort gewartet, in sich zusammen, wurde zur Nebelwolke, l?ste sich und verflog in nichts.

Das Pochen und Klopfen hatte aufgeh?rt. Harte Instrumente arbeiteten an der Holzfüllung der Tür.

?Es gibt Menschen,? sagte Demba, ?die macht die Freiheit nicht glücklich, Steffi. Nur müde.?

Es kam keine Antwort.

?Ich hab' mir die Freiheit gewünscht. Mit jeder Fiber meines K?rpers, Steffi. Aber ich bin nur müde geworden und jetzt will ich nur noch eines: Ausruhen.?

Keine Antwort.

?Wo bist du, Steffi??

Stille.

Nur das Holz der Tür knirschte und krachte.

Demba stand auf. Er stie? mit dem Kopf an das Balkenwerk des Dachbodens. Er machte zwei Schritte vorw?rts, stolperte über einen zusammengerollten Teppich, stie? mit dem Kopf an die W?scheleine und fiel auf einen Strohsack. Die staubges?ttigte Luft der engen Kammer legte sich ihm drückend auf die Lunge. Er raffte sich auf und trat an die Dachlucke.

Verdammt! Der Malzgeruch! Wie kommt der furchtbare Malzgeruch hierher? Eine Turmuhr schl?gt. Neun Uhr! Morgens? Abends? Wo bin ich? Wo war ich? Wie lange steh' ich schon hier und h?r' die Turmuhr schlagen? Zw?lf Stunden? Zw?lf Sekunden?

Die Tür springt auf. Ein Grammophon in der Ferne spielt den ?Prinz Eugen?. – Jetzt – das Schieferdach gl?nzt so fr?hlich in der Morgensonne – zwei Schwalben schie?en erschreckt aus ihren Nestern – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –

Als die beiden Polizisten – kurz nach neun Uhr morgens – den Hof des Tr?dlerhauses in der Klettengasse betraten, war noch Leben in Stanislaus Demba.

Sie beugten sich über ihn. Er erschrak und versuchte, aufzustehen. Er wollte fort, rasch um die Ecke biegen, in die Freiheit –

Er sank sogleich zurück. Seine Glieder waren zerschmettert und aus einer Wunde am Hinterkopf flo? Blut.

Nur seine Augen wanderten. Seine Augen lebten. Seine Augen irrten ruhelos durch die Stra?en der Stadt, schweiften über G?rten und Pl?tze, tauchten unter in der brausenden Wirrnis des Daseins, stürmten Treppen hinauf und hinunter, glitten durch Zimmer und durch Spelunken, klammerten sich noch einmal an das rastlose Leben des ewig bewegten Tages, spielten, bettelten, rauften um Geld und um Liebe, kosteten zum letztenmal von Glück und Schmerz, von Jubel und Entt?uschung, wurden sehr müde und fielen zu.

Die Handschellen waren durch die Gewalt des Sturzes zerbrochen. Und Dembas H?nde, die H?nde, die sich in Angst versteckt, in Groll emp?rt, im Zorn zu F?usten geballt, in Klage aufgeb?umt, die in ihrem Versteck stumm in Leidenschaft gezittert, in Verzweiflung mit dem Schicksal gehadert, in Trotz gegen die Ketten rebelliert hatten, – Stanislaus Dembas H?nde waren endlich frei.

Leo Perutz

Die dritte Kugel

Roman. 5. Auflage

Geheftet 5 M., gebunden 8 M.

K?lnische Zeitung: Das in bewegter Handlung, die doch nicht grob nach alten Schablonen das Abenteuerliche zusammenstoppelt, sich aufbauende Werk ist geradezu meisterhaft im Sinne der dargestellten Zeit empfunden. Reiche kulturgeschichtliche Studien sind künstlerisch lebensvoll verarbeitet, an keiner einzigen Stelle macht sich trockene Schilderung geltend, … kein Geschenkbuch für junge Damen, sondern ein solches für M?nner, und zwar ein richtiges Meisterstück.

Wiener Allgemeine Zeitung: In schlaflosen N?chten, die einem dieser Krieg so freigebig und überreichlich beschert, mag unter tausend wichtigen und unwichtigen Fragen, die einen bedr?ngen und für die man doch nie eine Antwort gewu?t, auch diese aufgetaucht sein: Wie wird das Buch dann beschaffen sein, sp?ter, nachher, wenn alles vorüber ist?… Nun ist der Krieg noch gar nicht zu Ende – aber das Buch ist schon da. Es hei?t ?Die dritte Kugel?, und der es geschrieben, ist ein neuer, ein unbekannter Mann und hei?t Leo Perutz. Ein Buch, das einen überrascht, das einen überrennt, das nicht zart und sanft, wie es oft üblich war, um den Leser wirbt, ein Buch, das packt, festh?lt und überhaupt nicht mehr losl??t. Auch dann nicht, wenn man l?ngst damit zu Ende ist. Und das ist das Beste, was man dem Buch nachsagen kann, das nicht nur ein neuer Mann geschrieben hat, das auch einer neuen Zeit angeh?rt … Kein Buch für Frauen; eines für M?nner. Vor allem eines, das im ganzen deutschen Schrifttum kein Zweiter zu schreiben imstande w?re.

Au?erdem erschien:

Leo Perutz und Paul Frank

Das Mangobaumwunder

Eine unglaubwürdige Geschichte

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