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   Chapter 17 No.17

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 24485

Updated: 2017-12-04 00:03


Stanislaus Demba war in gereizter Stimmung, als er die Türe ?ffnete. Er hatte sich in dem dunkeln Vorraum, durch den man gehen mu?te, um in das Extrazimmer zu gelangen, das Schienbein schmerzhaft an einem Stuhle angesto?en. Er trat nicht sogleich ein, sondern blieb in der offenen Türe, halb verdeckt durch einen mit Hüten und überr?cken beladenen Kleiderst?nder, stehen.

Das kleine Zimmer war überheizt. Das Licht blendete ihn, dennoch sah Demba sofort, da? Sonja nicht da war. Aber ihre Freunde und Freundinnen sa?en da, die Menschen, mit denen sie in den letzten Wochen fast immer beisammen gewesen war. Die beiden jungen M?dchen waren Schauspielschülerinnen. Der Tür gegenüber sa? Dr. Fuhrmann, ein vierschr?tiger Mensch mit dem Gesicht einer verdrossenen Bulldogge und einem Durchzieher auf der linken Wange. Er hatte ein scharfes, durchdringendes Organ, das wie die Hupe eines Automobils klang, man war versucht, eilig beiseite zu springen, so oft er zu reden anfing. An der andern Seite des Tisches, Georg Weiner gegenüber, sa?, in eine Wolke von Zigarettenrauch gehüllt und sein ewiges, nichtssagendes L?cheln auf den Lippen, zu Dembas gro?em ?rger Emil Horvath.

Demba wurde wütend, wenn er nur an Horvath dachte. Manchmal, wenn er bei Beckers seine Lektionen gab, kam Horvath, der im Hause verkehrte, ins Zimmer, grü?te nicht, h?rte nachsichtig l?chelnd zu, wie Demba den Buben die unregelm??igen Verba erkl?rte und ging dann mit überlegenem L?cheln wieder hinaus. Unversch?mt! Er kam herein, reichte den Buben, ohne Demba zu beachten, die Hand, zog den einen am Ohr, gab dem andern einen Klaps, fragte, ob ?die Ella? zu Hause sei – ?die Ella!? Einfach ?die Ella? nannte er Fr?ulein Becker. Aber dem Hauslehrer – dem wird Herr Horvath doch nicht die Hand geben! Der geh?rt zum Dienstpersonal, siebzig Kronen monatlich und die Jause, der ist Luft für Herrn Horvath. Was ist der Herr Horvath eigentlich so Besonderes! Disponent. Disponent in der ?lindustrie-Aktiengesellschaft, weiter nichts. Kein Hochschulstudium, keine Staatsprüfung, nun also! Und reicht mir nicht die Hand, woher denn. Unter seiner Würde! Demba spürte, wie ihm vor ?rger das Blut zu Kopf stieg.

Nein, nein! Nur ruhig bleiben. Liebenswürdig, freundlich, zuvorkommend sein, sich nichts anmerken lassen von seinem ?rger. Was ging ihn Horvath an? Nichts. Demba hatte sich seinen Plan zurecht gelegt. Er wollte sich zu den jungen Leuten da setzen, so tun, als s??e er alle Tage mit ihnen. Wollte an der Unterhaltung teilnehmen, witzige Anekdoten erz?hlen, amüsant sein, den jungen M?dchen geistvolle Liebenswürdigkeiten sagen; und wenn dann Sonja kam, so sollte sie ihn als gern gesehenen Gast in angeregter Unterhaltung im Kreise ihrer Freunde finden.

Er ?ffnete vollends die Türe, trat hinter dem Kleiderst?nder hervor und verbeugte sich nach allen Seiten.

?Guten Abend die Herren! Küss' die Hand den Damen!? Er n?herte sich dem Tisch in der Haltung eines geschmeidigen Weltmannes und unwiderstehlichen Charmeurs. ?Wünsch' guten Abend den Herrschaften, ich habe die Ehre.?

Die drei Herren unterbrachen ihr Gespr?ch und sahen verwundert Demba an, der in kotbespritzten Hosen und durchn??ter Pelerine von Regenwasser triefend im Zimmer stand. Er st?rte. Man war nicht mehr unter sich. Die beiden Damen blickten von der Speisekarte auf und betrachteten Demba mit neugierigen Augen.

?Guten Abend!? sagte Horvath endlich. ?Wie kommen Sie her??

?Ein wenig ausgegangen, ein bi?chen Zerstreuung gesucht,? sagte Demba leichthin. ?Ein bi?chen unter Menschen nach des Tages Arbeit. Ist es erlaubt, Platz zu nehmen oder st?re ich vielleicht??

?Bitte,? sagte Georg Weiner sehr kühl und Demba lie? sich, nachdem er eine Weile unschlüssig umhergeblickt hatte, schüchtern und ungeschickt am Nachbartisch nieder. Dr. Fuhrmann hustete, r?usperte sich und drehte sich dann mit seinem Sessel ger?uschvoll nach Georg Weiner hin.

?Sag' mir, wer ist der Mensch da?? fragte er ungeniert.

?Einer von Sonjas unm?glichen Bekannten,? gab Weiner leise zurück.

?Genau so sieht er aus,? sagte Dr. Fuhrmann und trank sein Bierglas leer.

Demba hatte die beiden flüstern geh?rt und wurde blutrot. Er wu?te ganz genau, wovon jetzt die Rede gewesen war. Da? er Sonja nachlaufe und da? sie nichts von ihm wissen wolle, hatte der Weiner dem andern natürlich anvertraut und darüber moquierten sich jetzt die Beiden. Nein, diese Meinung, da? er Sonjas wegen hergekommen sei, durfte er keinesfalls aufkommen lassen. Dieser lügenhaften Behauptung mu?te sofort auf das Entschiedenste entgegengetreten werden. Sonjas wegen? L?cherlich! Davon kann doch wirklich keine Rede sein. Zufall, verehrter Herr Weiner! Reiner Zufall, lieber Horvath! Bin übrigens erfreut, Sie hier zu treffen, lieber Horvath –

Demba erhob sich.

?Bin erfreut, hier Gesellschaft zu treffen. Habe viel von diesem Gasthaus geh?rt, es soll ja eine ausgezeichnete Küche führen,? sagte er zu Georg Weiner gewendet in jenen wohlt?nenden Redewendungen, deren er sich zu bedienen pflegte, wenn er mit den Eltern seiner Z?glinge sprach. ?Bin n?mlich gezwungen, h?ufig au?er Haus zu speisen. Jawohl, beruflich gezwungen,? erkl?rte er mit Nachdruck und blickte dabei kampfbereit Horvath an, als befürchtete er von dieser Seite Widerspruch. ?Küche und Keller dieses Etablissements werden allerorts gelobt. Genie?t in der Tat ein vorzügliches Renommee,? versicherte er dem Dr. Fuhrmann.

Dr. Fuhrmann sah zuerst seine beiden Freunde, dann Demba an, schüttelte den Kopf und vertiefte sich achselzuckend in sein Abendblatt. Weiner und Horvath wu?ten nicht, was sie auf diesen Ergu? erwidern sollten und l?chelten verlegen. Die Theaterelevinnen kicherten in ihre Teller hinein.

Demba aber hatte es sich in den Kopf gesetzt, alle Anwesenden davon zu überzeugen, da? er durchaus nicht Sonjas wegen, sondern nur des guten Essens halber hergekommen sei. Er bestand darauf, die Sache allen klarzumachen und redete eigensinnig weiter.

?Die vorzügliche Qualit?t der Speisen, die der Wirt bietet, bildet seit Wochen überall das Tagesgespr?ch. Von allen Seiten h?rt man nur Lob über –?

Er brach j?h ab. Der Kellner stand vor ihm und hielt ihm die Speisekarte hin.

?Speisen gef?llig??

?Sp?ter! Sp?ter!? stotterte Demba in h?chster Verlegenheit und warf einen erschrockenen Blick auf Georg Weiner. ?Kommen Sie sp?ter. Ich pflege doch nie vor neun Uhr abends zu nachtmahlen.?

Er starrte in die Luft und dachte angelegentlich über die Dringlichkeit der Erfindung eines elektrischen Hebekrans nach, der die Speisen unter v?lliger Ausschaltung der H?nde direkt vom Teller in den Mund bef?rdern sollte.

?Zu trinken gef?llig? Bier oder Wein?? fragte der Kellner.

Trinken! Ja, bei Gott, trinken mu?te er endlich. Die Zunge klebte ihm am Gaumen und die Kehle brannte ihm wie Feuer. Lieber Gott, nur einen Schluck Bier, nur einen einzigen, kleinen Schluck! Aber es ging ja nicht, die Leute dort sahen alle her. Ein Knockabout fiel ihm ein, den er einmal in einem Varieté gesehen hatte. Der hatte ein volles Bierglas mit den Z?hnen erfa?t und in die H?he gehoben, und es geleert, ohne einen Tropfen zu vergie?en. Er sah ihn ganz deutlich vor Augen, er erinnerte sich sogar an den Applaus. H?ndeklatschen in allen R?ngen, bravo, bravo, bravo! Ob er es nicht auch so versuchen sollte. Vielleicht einen Scherz vorgeben, eine Wette – ?erlauben Sie, da? ich ihnen ein kleines Kunststück vorführe, meine Herrschaften, – ein Kunststück mit einem vollen Bierglas – sehen Sie: so.? – Bravo, bravo, bravo! Alles applaudiert.

Nein. Es ging nicht. Er wagte es nicht. Und der Durst war unertr?glich. Hilfesuchend blickte er umher. Dort führte gerade Dr. Fuhrmann sein Glas zum Mund. Auf einen Zug trank er es leer. Wie gut es ihm schmeckte. Ein alter Couleur. Und er, Demba, mu?te dasitzen und zusehen mit ausgetrockneter Kehle.

Mit einem Mal kam ihm die Erleuchtung.

Warum war ihm das nicht schon früher eingefallen! Ein so einfacher Gedanke! Und den ganzen Tag hatte er sich vom Durst qu?len lassen!

?Kellner!? rief Demba. ?Bringen Sie mir ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin.?

?Wie, bitte??

?Ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin!? rief Demba und wurde ganz erbost, weil der Kellner nicht gleich begriff, was er wollte. ?Gehen Sie und bringen Sie mir es doch endlich! Sie tun ja, als ob noch nie zuvor jemand ein Glas Bier mit einem Strohhalm darin bestellt h?tte!?

Kopfschüttelnd ging der Kellner und brachte das Bier mit der resignierten Miene eines Mannes, der an die absonderlichsten Launen seiner Mitmenschen gew?hnt ist und den nichts mehr wundert.

Demba sah das Bier vor sich, setzte sich feierlich zurecht und begann an dem Strohhalm zu saugen. Es ging! Das Bier stieg in die H?he und feuchtete ihm die Kehle an. Er trank in kurzen, hastigen Zügen, setzte ab und trank wieder. Bravo, bravo, bravo! Er applaudierte sich selbst, als w?re er der Knockabout im Varieté und das Publikum zugleich.

?Bringen Sie mir gleich noch ein Bier!? befahl er dem Kellner ganz heiser vor Durst und vor Erregung.

Drüben an Weiners Tisch waren sie auf Dembas sonderbare Art zu trinken aufmerksam geworden. Die beiden M?dchen flüsterten miteinander, kicherten, stie?en ihre Nachbarn an und wiesen heimlich auf den seltsamen Zecher.

Horvath klemmte sein Monokel ins Auge, blickte Demba sp?ttisch l?chelnd an und fragte:

?Demba! Was treiben Sie da??

?Sehr originell! Sehr originell!? sagte Dr. Fuhrmann ironisch.

Demba lie? den Strohhalm aus dem Mund fallen. Jetzt war es Zeit, für seine Sache einzustehen. Er erhob sich. Auf den Lippen hatte er Schaum, den er nicht wegwischen konnte.

?Ich bitte,? sagte er in sehr bestimmtem Ton. ?Das ist durchaus nicht originell. Die Herren haben das noch niemals gesehen? Dann mu? ich wohl annehmen, da? keiner der Herren jemals in Paris war.? Er verzog hochmütig und indigniert das Gesicht, weil er es leider mit Leuten zu tun hatte, die noch niemals in Paris gewesen waren.

?Oho!? protestierte Horvath. ?Ich habe zwei Jahre in Paris gelebt, aber das habe ich noch niemals gesehen, da? man Bier durch einen Strohhalm trinkt.?

Demba fand es für geraten, den Schauplatz dieses sonderbaren Brauches schleunigst zu wechseln.

?In Petersburg!? rief er heftig. ?Da k?men Sie sch?n an, wenn Sie dort versuchen wollten, Ihr Bier ohne einen Strohhalm zu trinken. Es verst??t geradezu gegen den guten Ton, das Glas direkt an den Mund zu setzen!?

Petersburg schien ihm jedoch noch nicht entlegen genug zu sein. Es konnte ja ganz gut einer von den Leuten dort gewesen sein. Das eine von den M?dchen, das sah mit ihren kurzgeschnittenen Haaren beinahe aus, wie eine Russin. Kurz entschlossen verlegte er die seltsame Zeremonie des Strohhalms ein Stück weiter und diesmal in eine Gegend, die ganz sicher au?erhalb des Bereiches einer Kontrolle lag.

?Eigentlich stammt der Brauch aus Bagdad,? erkl?rte er. ?In Bagdad und Damaskus k?nnen Sie an jeder Stra?enecke und vor den Moscheen Araber dutzendweis' sehen, die ihr Bier durch einen Strohhalm trinken.?

Er war in diesem Augenblick v?llig durchdrungen von der Wahrheit seiner Behauptung. Kampflustig blickte er von einem zum andern, bereit, mit jedem anzubinden, der etwa einen Zweifel zu ?u?ern wagen sollte. In seinem Geiste sah er wahrhaftig einen Türken, der den Turban auf dem Kopfe in seinem Laden, zwischen Warenballen hockend, statt des Tschibuks beschaulich einen Strohhalm schmauchte.

?Also die Araber trinken Bier? Sehr gut!? sagte Horvath lachend. ?Ethnographie: Nicht genügend.?

Diese Anspielung auf seinen Hauslehrerberuf brachte Demba aufs ?u?erste in Harnisch. Er blickte Horvath aus zusammengekniffenen Augen feindselig an und sagte giftig:

?überhaupt. Man grü?t, wenn man in ein fremdes Zimmer kommt. Verstanden? Merken Sie sich das.?

?He? Wie meinen Sie?? fragte Horvath erstaunt.

Demba erschrak! Was hatte er denn schon wieder angestellt. Er hatte doch den Vorsatz gefa?t gehabt, bescheiden, h?flich und liebenswürdig zu sein, um die Sympathien aller Anwesenden für sich zu gewinnen. Und jetzt hatte er Horvath gegen sich aufgebracht, und wenn Sonja kam, würde sie ihn mit allen zerstritten, in den Hintergrund gedr?ngt und aus jedem Gespr?che ausgescha

ltet vorfinden. Nein. Er mu?te seine Unüberlegtheit wieder gut machen, mu?te aufstehen, sich entschuldigen.

Er stand auf.

?Ich bitte um Verzeihung, Herr Horvath, ich mu? Sie um Entschuldigung bitten. Meine Bemerkung hat n?mlich nicht Ihnen gegolten. An den Kellner war sie gerichtet.?

Demba schwieg, ein wenig in Verwirrung gebracht durch Horvaths suffisantes L?cheln. Die Hitze in dem kleinen Raum wurde unertr?glich. Die Gasflammen summten auf qu?lende Art. Der Zigarettenrauch reizte zum Husten. Demba drehte sich in nerv?ser Hast um und suchte den Kellner; aber der war nicht mehr im Zimmer.

?Es ist unglaublich, was für Manieren dieser Kellner hat!? ereiferte sich Demba. ?Es wundert mich, da? Sie sich das gefallen lassen! Er grü?t niemals, wenn er ins Zimmer kommt. Wo ist er überhaupt, eben war er ja noch da.?

Das Bier, das Demba durch den Strohhalm eingesogen hatte, begann zu wirken. Das Blut pochte ihm in den Schl?fen und er verspürte einen leichten Schwindel, Ohrensausen und übelkeit im Magen. Er mu?te sich setzen.

Horvath schwieg noch immer und l?chelte, Demba sprach in seiner Verwirrung unaufhaltsam weiter.

?Ich hoffe, Sie haben die Rüge nicht auf sich bezogen, Herr Horvath. Ein Mi?verst?ndnis. Sie waren nicht gemeint. Es liegt mir fern –?

?Schon gut,? sagte Horvath endlich und Demba verstummte sofort.

?Der spinnt,? sagte Dr. Fuhrmann ganz laut und deutete mit seinem Zeigefinger auf die Stirn.

?Er ist betrunken,? erkl?rte Georg Weiner.

?Wollen wir nicht gehen?? fragte das eine der beiden M?dchen ?ngstlich.

?Wir müssen auf Sonja warten,? meinte Weiner.

?Wo bleibt denn Sonja heute so lange?? fragte Horvath.

?Sie mu? jeden Augenblick kommen,? sagte Weiner.

Demba horchte auf. Natürlich! Das war wieder auf ihn gemünzt. ?Mu? jeden Augenblick kommen,? hatte Weiner gesagt und ihn dabei angesehen. Ich bitte, was kümmert denn das mich, wenn Sonja kommt? Bin ich ihretwegen hier? Sehr gut! Mu? jeden Augenblick kommen. Eine kleine bissige Bemerkung, was? Auf mich gezielt, nicht? Aber Sie sind im Irrtum, Herr Weiner. Sie befinden sich in einem gro?en Irrtum. Ganz andere Gründe führen mich hierher. Triftige Gründe. Eine ganze Reihe triftiger Gründe. Mu? den Herren doch sagen, was für wichtige Gründe –

Demba r?usperte sich.

?Ein Zufall eigentlich, da? mich die Herren hier treffen,? sagte er. ?Komme sonst selten hierher. Mu? Ihnen doch eigentlich auffallen, wieso ich heute hier bin.?

Dr. Fuhrmann blickte von der Zeitung auf. Weiner nahm die Zigarre aus dem Mund und sah Demba an. Horvath l?chelte.

?Nun, die Sache erkl?rt sich auf die einfachste Weise. Ich hatte besondere Gründe, gerade heute hierher zu kommen. Wichtige Gründe. Eine ganze Reihe sehr wichtiger Gründe.?

?So,? sagte Dr. Fuhrmann und begann, weiterzulesen.

?Gründe verschiedener Art,? sagte Demba, hustete, um Zeit zu gewinnen, und dachte nach. Aber nicht ein einziger der Gründe verschiedener Art wollte ihm in seiner Bedr?ngnis einfallen.

?Die Sache ist die, da? ein anderes Lokal einfach nicht in Betracht kommen konnte. Dieses da empfahl sich sozusagen von selbst, schon wegen seiner au?ergew?hnlich günstigen Lage. Für alle Beteiligten leicht zu erreichen.? – Demba atmete auf. Jetzt war ihm endlich etwas eingefallen.

?Ich erwarte n?mlich hier zwei Herren in einer sehr delikaten Angelegenheit,? flüsterte er geheimnisvoll. ?Eine Ehrenaff?re, Sie werden es ja schon erraten haben. Eine sehr ernste Sache. Verflucht ernst! Die Herren sollten eigentlich schon da sein. Offiziere von den Einundzwanziger-J?gern.?

Er stand auf und ging unsicheren Schritts zur Türe.

?Kellner!? schrie er. ?Haben nicht zwei Herren nach mir gefragt? Nach Herrn Demba. Stanislaus Demba. Ein Leutnant und ein Oberleutnant mit grünen Aufschl?gen.?

Der Kellner wu?te von nichts.

?Noch nicht?? fragte Demba und war wirklich erstaunt, entt?uscht und verdrie?lich, weil die Herren noch nicht da waren. ?Das wundert mich. Offiziere pflegen in solchen Dingen pünktlich zu sein.?

Er begann ungeduldig zu werden, sah nach der Tür und stampfte mit dem Fu? auf den Boden. Die beiden Offiziere kamen nicht. Demba entschlo? sich, Dr. Fuhrmann in dieser heikeln Angelegenheit zu Rate zu ziehen.

?Wie lange bin ich eigentlich verpflichtet, auf die Herren zu warten?? fragte er.

?Lassen Sie mich in Ruhe!? sagte Dr. Fuhrmann grob und las in seiner Zeitung weiter.

?Wie meinen Sie?? fragte Demba scharf. Jetzt, da er sich pl?tzlich und h?chst unerwarteterweise im Mittelpunkt einer Ehrenaff?re sah, war er nicht gesonnen, auch nur die geringste Beleidigung auf sich sitzen zu lassen. Er trat an Dr. Fuhrmann heran, fixierte ihn und stellte ihn zur Rede:

?Ich bin gen?tigt, Sie um sofortige Aufkl?rung zu ersuchen.?

?Gehen Sie nach Hause und schlafen Sie Ihren Rausch aus!? brüllte ihn Dr. Fuhrmann an. ?Sie sind ja betrunken! Den Trottel m?cht' ich sehen, der sich durch Sie vertreten l??t.?

Vernichtet zog sich Demba auf seinen Platz zurück. Bet?ubt, müde und mit schwerem Kopf brütete er vor sich hin.

Betrunken. Der Mensch dort hielt ihn für betrunken. Hatte es ihm gerade heraus ins Gesicht gesagt. Demba lachte bitter auf. Sieht mich kaum an und sagt, ich bin betrunken. Hat gar nicht erst aufgeschaut von der Zeitung, sagt einfach, ich bin betrunken. Mü?te erst bewiesen werden, verehrter Herr. Wenn ich da auch mitzureden habe, wenn mir ein Urteil in dieser Sache gütigst gestattet ist – bin bei Gott noch niemals so nüchtern gewesen, wie jetzt. Wei? alles, was vorgeht, seh' alles ganz genau, nichts entgeht mir. Werde Ihnen sofort beweisen. Eine Fliege hat sich auf Ihren Teller gesetzt, verehrter Herr. Sehen Sie, nichts entgeht mir. Beobachte alles haarscharf. Das dort ist Weiners überzieher, aus der Tasche schaut die Zeitung heraus, – zweimal gefaltet – sehe alles. Belieben den untersten Westenknopf offen zu haben, Herr Horvath – pa?t sich nicht in Damengesellschaft – sehe alles. Mü?te doch erst wohl bewiesen werden. Mu? die Herren doch drüber aufkl?ren. Betrunken! Werde einmal rückhaltlos meine Meinung sagen. Was glauben Sie, verehrter Herr! Was reden Sie da, verehrter Herr! Betrunken! Da mu? ich denn doch –

Demba stand auf und ging auf den Nebentisch zu. Er zielte haarscharf auf die rechte Tischecke, setzte sorgf?ltig Schritt auf Schritt und landete wirklich ohne Zwischenfall neben Dr. Fuhrmann.

?Bitte um Entschuldigung, wenn ich Sie in der Lektüre st?re,? begann er und beugte sich zu Dr. Fuhrmann hinab. ?Steht ohnedies nichts in der Zeitung. Generalversammlung des Jagdverbandes. Milit?rischer Zapfenstreich. Ein seltenes Jubil?um. Ein Selbstmord in der Babenbergerstra?e. – Wei? alles. Mu? gar nicht hineinsehen. Steht aber doch nicht alles in der Zeitung.? – Demba lachte gut gelaunt in sich hinein. Der Gedanke, da? nicht immer alles in der Zeitung stand, machte ihm gro?en Spa?.

?Was wollen Sie schon wieder?? fragte Dr. Fuhrmann.

?M?chte Ihnen nur sagen –,? erkl?rte Demba. Er r?usperte sich und begann von neuem: ?Ich lege Wert auf die Feststellung –.? – Die übelkeit im Magen machte sich wieder fühlbar. Er verspürte ein Sausen in den Ohren, einen Druck in den Schl?fen und die Gasrohre schwankten auf be?ngstigende Art über seinem Kopf. Er fand, da? er nicht sicher genug stand und lehnte sich kr?ftig mit dem Rücken an einen Sessel. So. Jetzt war ihm besser.

?M?chte nur feststellen –,? begann Demba nochmals, aber da gab der Sessel nach und stürzte um. Das Handt?schchen der Schauspielerin fiel zu Boden und hundert Kleinigkeiten, Geldmünzen, ein Notizbuch, eine Spule Zwirn, ein kleiner Spiegel, Zigaretten, ein Schildpattkamm, zwei Bleistifte und ein kleiner Teddyb?r verliefen sich über den Fu?boden.

Demba gelang es, sich auf den Beinen zu erhalten. Er fand einen Rückhalt an der massiven Tischplatte. – Betrunken? Unsinn. Er sah alles; er beobachtete alles. Dort lag das Notizbuch. Das Fünfkronenstück war hinter den Kleiderst?nder gerollt.

?Sie T?lpel!? schrie Weiner. ?Sie werden noch das ganze Zimmer demolieren.?

?Gehn Sie nach Hause, schlafen Sie Ihren Rausch aus, hab' ich Ihnen gesagt!? rief Dr. Fuhrmann.

?Der Spiegel ist zerbrochen!? klagte die Schauspielerin.

Weiner und Horvath waren aufgesprungen und begannen die Dinge auf dem Fu?boden aufzulesen. Demba beteiligte sich an dieser Bergungsarbeit nicht. Aber er sah aufmerksam und interessiert zu und steuerte unaufh?rlich nützliche Winke bei.

?Das Fünfkronenstück ist hinter den Kleiderst?nder gerollt,? sagte er. ?Und dort liegt der Bleistift. Rechts! Rechts, Herr Weiner!? – Betrunken? L?cherlich. Er hatte alles gesehen, nichts war ihm entgangen.

Horvath richtete sich auf und sah Demba verblüfft an.

?Also das ist doch die h?here Frechheit,? schrie er wütend. ?Schmei?t alles auf die Erde und steht ruhig dabei, schaut zu, wie ich mich plage.?

Er trat hart an Demba heran.

?Vielleicht haben Sie die Güte, die Sachen aufzuheben, die Sie hinuntergeworfen haben. Aber rasch!?

Demba bückte sich nach dem Teddyb?ren, überlegte sich die Sache jedoch und richtete sich wieder auf.

?Also wird's oder wird's nicht?? rief Horvath.

Demba schüttelte den Kopf. ?Nein,? sagte er. ?Lieber nicht.? Er fand es h?chst unbillig, solche Dinge von ihm zu verlangen.

Jetzt mischte sich Dr. Fuhrmann ein.

?Das ist doch – das geht denn doch über die Hutschnur. Emil, worauf wartest du? Hau' ihm doch das Glas an den Sch?del.?

Demba wurde rot und sah Dr. Fuhrmann vorwurfsvoll an.

Weiner l?chelte amüsiert.

?Sie! Jetzt werde ich Ihnen etwas sagen,? sagte Horvath. ?Provozieren lassen wir uns nicht. Ich z?hle jetzt bis drei. Wenn Sie bei drei die Sachen nicht alle aufgehoben haben, so –! Das Weitere werden Sie sehen.?

?Lassen Sie doch, Georg. Ich hebe es schon selbst auf,? bat das junge M?dchen, dem die Sachen geh?rten, ?ngstlich.

?Eins,? sagte Horvath.

Demba runzelte die Stirne, drehte sich um und ging unsicheren Schritts an seinen Tisch zurück.

?Zwei,? z?hlte Horvath.

?Was wollen Sie denn von mir!? rief Demba. ?Lassen Sie mich doch in Ruhe.?

?Drei!? rief Horvath. Seine Geduld war zu Ende. Er griff nach seinem Weinglas und schüttete den Inhalt Demba ins Gesicht. ?So. Da haben Sie.?

Die M?dchen schrieen auf.

Demba fuhr in die H?he. Er war totenbla?, der Wein str?mte über sein Gesicht und blendete ihm die Augen. Er sah kl?glich aus und l?cherlich und furchtbar zugleich.

Der kalte Gu? hatte ihn mit einem Male nüchtern gemacht. Er sah alles ganz klar. Eine brennende Scham stieg in ihm auf. Was hatte er getan, was hatte er geschw?tzt! Wie war ihm das geschehen! Wie hatte er denen dort den Narren abgeben k?nnen und den Hanswurst den ganzen Abend hindurch! Sie hatten ihn verh?hnt, gereizt, wie einen Hund behandelt, und er hatte es geduldet, um Sonja sehen zu k?nnen, und jetzt stand er da, allen zum Gel?chter.

Aber jetzt war's genug. Aller Groll, alle Wut, alle Entt?uschung, die er den ganzen Tag hindurch stumm hinunter gewürgt hatte, – das alles kam jetzt zum Ausbruch. Jetzt wollte er den dreien dort an die Gurgel.

Sie lachten! Sie lachten über ihn! Alle lachten sie. Nun sollten sie seine F?uste spüren. Weiner zuerst mit seiner kinnlosen Fratze. Und dann der andere mit seinem Bulldoggengesicht und dann Horvath.

Er ging auf sie los, konnte nicht sprechen vor Zorn und Scham und Reue und hatte nur den einen Gedanken, sie alle drei mit blo?en H?nden zu erwürgen.

Aber pl?tzlich blieb er stehen und bi? st?hnend die Z?hne zusammen. Seine H?nde waren gefesselt! Seine H?nde waren wertlos. Seine H?nde mu?ten versteckt und verborgen bleiben.

Und er schrie zu Gott verzweifelt nach einer Waffe.

Gott gab sie ihm.

Demba stand vor den Dreien, keuchend vor Zorn, zitternd vor Rachgier, knirschend vor Mordlust und dennoch wehrlos, ohnm?chtig, allen zum Gesp?tt. Sie lachten über ihn, lachten aus vollem Hals, schüttelten sich vor Lachen über seinen hilflosen Zorn.

Und Weiner hatte, um nicht bei dem Spa? zurückzustehen, sein Weinglas in die Hand genommen und rief:

?Noch ein Glas gef?llig? Zur Abkühlung!?

Da erklang pl?tzlich von der Türe her Sonjas helle Stimme:

?Um Gottes willen! Georg! Nimm dich in acht! Er hat einen Revolver in der Hand!?

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