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   Chapter 15 No.15

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 26131

Updated: 2017-12-04 00:03


Dr. Rübsam war als erster gekommen. Er hatte nicht lang' warten müssen. Es regnete in Str?men, und früher als sonst fanden sich die andern zu der allabendlichen Bukidominopartie ein. In dem kleinen reservierten Zimmer des Café Turf, in das man durch eine sorgf?ltig verh?ngte und von einem Pikkolo bewachte Tür eintrat, sa?en heute elf Personen.

Der rothaarige Postbeamte war wieder da, der tags zuvor geschworen hatte, da? er sich heute zum letztenmal mit dieser Bande von Bauernf?ngern an einen Tisch gesetzt habe. Dann der Gesch?ftsreisende, der immer bei Geld und doch seit zwei Jahren stellungslos war. Der Kellner aus dem Praterwirtshaus, der die Trinkgelder, die er die Woche über eingenommen hatte, an seinem dienstfreien Abend hier verspielte. Die Frau Suschitzky, die ehemalige Heiratsvermittlerin, die in der Gegend zwischen der Augartenbrücke und dem Praterstern überall bekannt und jetzt zur Vermietung ungenierter Absteigequartiere übergegangen war, aber auch der Vermittlung kurzfristigerer Gelegenheiten nicht durchaus ablehnend gegenüberstand. Der H?useragent, der ?Durchlaucht? genannt wurde – ohne ersichtlichen Grund übrigens, denn er bezahlte seine Spielverluste durchaus nicht in der Haltung eines Gro?fürsten. Der Rechnungsfeldwebel, der in tschechischer Sprache lasterhaft fluchte, wenn statt seiner ein anderer gewann. Der ?Herr Redakteur?, der auf die Frage, für welches Blatt er arbeite, immer mit wegwerfender Geb?rde zur Antwort gab: ?Für alle?. Der Sparkassenbeamte, der mit seinem Hund und seiner Freundin erschien, dem Hund vom Pikkolo Wursth?ute, der Freundin ein paar zerlesene Zeitschriften bringen lie?, um sie dann beide im Eifer des Spieles g?nzlich zu vergessen; und schlie?lich Hübel, der halbverbummelte Mediziner, der noch nicht, und Dr. Rübsam, der schon lange nicht mehr Doktor war.

Dr. Rübsam hielt die Bank und gewann natürlich wieder einmal. Zu Beginn des Spieles hatte er drei zerknitterte Zehnkronennoten aus der Brieftasche genommen und als Betriebskapital vor sich auf den Tisch gelegt, eine l?cherlich geringe Summe für eine Partie, in der er dem Gewinner dreifaches Geld auszahlen mu?te. ?Mit dem Geld will ich heut sechshundert Kronen gewinnen,? hatte er zu Beginn der Partie mit aufreizender Offenheit gesagt. ?Ich geb's nicht billiger. Genau soviel hab' ich gestern beim Rennen verspielt. Das mu? ich wieder hereinbringen.? Und jetzt, w?hrend des Spiels, fragte er, so oft er den Einsatz der anderen einstrich: ?Hab' ich schon gesagt, da? ich heut sechshundert Kronen gewinnen will? Setzen Sie, meine Herren! Setzen! Setzen! In dem Tempo komm' ich heut nicht zu meinem Geld!?

Der Postbeamte, der Feldwebel und die Suschitzky kochten vor Wut, denn Dr. Rübsam gewann wirklich. Auf seinem Platz h?ufte sich das Geld. Hie und da nahm er ein paar Banknoten vom Tisch weg und brachte sie in seiner Tasche in Sicherheit. Auf dem Stuhl neben ihm lagen seine Aktentasche, ein Paar abgenutzte Manschetten, die er der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte, seine Zigarre und eine goldene Uhr, auf die er hin und wieder einen Blick warf. Bis acht Uhr abends wollte er spielen, nicht eine Minute l?nger. Um acht Uhr abends mu?te er ?zur Sitzung?, hatte er gesagt. Niemals vers?umte Dr. Rübsam, sich solch einen Termin zu setzen. Er entging auf diese Art dem Dr?ngen nach Revanche, bei der er das gewonnene Geld h?tte h?chst überflüssiger- und unnützerweise nochmals aufs Spiel setzen müssen, und entzog sich gleichzeitig den Herzenst?nen der Frau Suschitzky, die ihm immer nach der Partie mit beweglichen Klagen einen Teil der Beute abzunehmen versuchte.

An die ?Sitzung? glaubte natürlich niemand. Seit seiner Verurteilung, die ihn den Doktorgrad und das Recht auf Ausübung der Advokatur gekostet hatte – er hatte an einem seiner Klienten Erpressungen begangen –, lebte er von seinen und anderer Leute Renten, und die Aktentasche trug er nur aus alter Gewohnheit mit sich herum. Zu den Kosten seiner Lebenshaltung trugen nun Staat und Gesellschaft in vielerlei Formen bei: der Sparkassenbeamte lieferte ihm pünktlich seine Gehaltsvorschüsse ab; die Unterstützungen, die der Reisende von der Mutter seiner Frau erhielt, fanden auf dem Umweg über das Bukidomino gleichfalls den Weg in Dr. Rübsams Taschen, ebenso wie die zahlreichen Nebeneinkünfte des Rechnungsfeldwebels und die Steuern, die Frau Suschitzky der genu?frohen Jeunesse dorée der Leopoldstadt auferlegte. Staat und ?rar, Kommerz und Lebewelt wirkten eintr?chtig zusammen, um Dr. Rübsam eine standesgem??e Lebensführung zu erm?glichen.

Die Dominosteine klapperten, die wütend auf den Tisch geschleuderten Silbergulden klirrten, der Regen schlug an die Scheiben, und von den überziehern und Schirmen an der Wand flo? das Regenwasser in dünnen B?chen, die sich auf dem Fu?boden zu kleinen Teichen vereinigten. Dr. Rübsam machte trotz des Aufruhrs der Elemente ein h?chst zufriedenes Gesicht. Die Stimmung gegen ihn wurde immer gereizter, aber zu den sechshundert Kronen fehlte nicht mehr viel, und er blickte immer h?ufiger auf seine goldene Uhr.

Der Pikkolo steckte den Kopf zur Tür herein.

?Herr Doktor werden verlangt.?

?Wer? Ich?? Dem Doktor, der gerade die Dominosteine austeilte, waren St?rungen w?hrend seiner Gesch?ftsstunden sehr unwillkommen.

?Nein. Herr Doktor Hübel.?

Der lange Mediziner stand auf. Er hielt einen Zehnkronenschein zwischen den Fingern, und überlegte gerade, ob er diesen letzten Rest seiner Barschaft auf einmal riskieren sollte.

?Mich will jemand sprechen?? fragte er zerstreut.

?Ja. Der Herr wartet drau?en.?

?Sagen Sie ihm, ich sei gerade fortgegangen,? entschied er auf alle F?lle.

?Ich hab' aber schon gesagt, da? Herr Doktor hier sind!?

?Esel!? schrie Hübel und ging voll b?ser Ahnungen hinaus.

Richtig. Da stand Stanislaus Demba.

?Servus, Demba,? begrü?te ihn Hübel ohne gro?en Enthusiasmus. ?Woher wei?t du, da? ich hier bin??

?Ich war bei dir zu Hause, aber du warst fort. Ich dachte mir, da? ich dich hier finden werde.?

?Dein Scharfsinn ist bewunderungswürdig. Aber gib dich um Gottes willen keinen übertriebenen Hoffnungen hin.? Er zeigte die zerknitterte Zehnkronennote. ?Siehst du, so seh' ich aus. Das ist alles, was ich habe.?

Demba wurde bla?. ?Aber du hast mir doch für heute das Geld versprochen!?

?Du h?ttest eine Stunde früher kommen müssen, eh' ich mich zum Spielen niedersetzte. Jetzt hat mich schon der Dr. Rübsam in Kost und Quartier gehabt. Das kommt von deiner Unpünktlichkeit,? erkl?rte Hübel mit einem schwachen Versuch, die Sache ins Scherzhafte zu ziehen.

?Ich hab' auf das Geld gerechnet!? sagte Demba und bekam einen starren Blick.

?Wieviel bin ich dir denn eigentlich schuldig?? fragte Hübel zerknirscht.

?Vierzig Kronen,? sagte Demba.

?Es tut mir leid!? sagte Hübel. ?Ich habe Pech gehabt. Nimm auf jeden Fall diese zehn Kronen, sonst fri?t sie der Dr. Rübsam, dieser schwere Granat, auch oder ein anderer von den Galeristen drin.?

Soweit verstand Demba das Rotwelsch der Bukispieler, um zu wissen, da? unter ?Granat? ein Halsabschneider und unter den ?Galeristen? Spielratten von Beruf zu verstehen waren.

Er nickte mit dem Kopf, nahm aber das Geld nicht. ?Was mach' ich mit zehn Kronen!? sagte er bekümmert. ?Zehn Kronen! Ich brauch' viel mehr!?

Hübel wu?te keinen Rat.

?Kannst du dir nicht von deinen Freunden etwas ausleihen?? fragte Demba mit einem Blick auf die Tür.

?Von denen?? Hübel winkte abwehrend mit der Hand. ?Da kennst du diese Leute schlecht. Hier borgt keiner dem andern.?

?Was jetzt?? fragte Demba ratlos.

?Wei?t du was?? rief Hübel. ?Versuch's einmal mit dem Buki. Vielleicht hast du mehr Glück als ich.?

Demba schüttelte heftig den Kopf.

?Beim Buki ist alles nur Glück,? versicherte Hübel. ?Da k?nnen aus zehn Kronen leicht hundert werden und auch noch mehr.?

?Nein,? sagte Demba, ?ich rühre keine Karten an.?

?Es sind gar keine Karten. Buki wird mit Dominosteinen gespielt, du Ignorant.?

?Ich verstehe das Spiel ja gar nicht,? sagte Demba.

?Da gibt's nichts zu verstehen,? erkl?rte ihm Hübel eifrig. ?Gew?hnliches Domino. Das kennst du doch. Nur da? man auf die vier Spieler setzen kann, wie auf Rennpferde. Du mu?t gar nicht mitspielen, du brauchst blo? zu setzen.?

Demba war unentschlossen.

?Hundert Kronen hat gestern die Suschitzky gewonnen, ohne einen Finger zu rühren,? erz?hlte Hübel.

Ohne einen Finger zu rühren! Das gab den Ausschlag.

?Eigentlich hab' ich mir schon immer einmal das Spiel anschauen wollen,? meinte Demba.

?Also komm!? sagte Hübel und schob ihn zur Tür hinein.

Dembas Erscheinen im Spielzimmer fand anf?nglich wenig Beachtung. Fremde Gesichter wurden zwar beim ?Buki?spiel h?chst ungern gesehen, da aber Demba von Hübel eingeführt wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Die Aufnahmeformalit?ten waren von sehr einfacher Art und vollzogen sich glatt:

?Hat er Marie?? erkundigte sich Dr. Rübsam.

Hübel machte mit der hohlen Hand ein Zeichen, da? Demba Geld genug habe. ?Wie Mist,? setzte er hinzu.

?Dann ist's gut,? sagte Dr. Rübsam, und die Sache war erledigt.

?Pech! Pech! Verfluchtes, elendes Pech!? schrie in diesem Augenblick der Postbeamte, der zum viertenmal seinen Einsatz verloren hatte und nun, da er kein Geld mehr besa?, au?er Gefecht gesetzt war.

?Das ist Musik in meinen Ohren,? sagte Dr. Rübsam vergnügt und strich das Geld ein. ?Setzen, meine Herren, setzen, setzen! Das Gesch?ft geht flau.? Er rieb sich die H?nde, zwinkerte Demba zu und fragte: ?Haben Sie schon eingekocht, junger Mann??

Demba sah ihn an. Er bemerkte mit einer Art Unbehagen, da? Zeige- und Mittelfinger an des Doktors behaarter Hand verkrüppelt waren.

?Ob du schon gesetzt hast, Demba, fragt der Herr Doktor,? erkl?rte Hübel. ?Auf wen soll ich setzen??

?Auf wen du willst,? sagte Demba, und sah noch immer voll Schauer auf des Doktors Finger, die ihn ?ngstigten und erschreckten.

?Alles auf einmal??

?Ja. Setz' alles auf einmal.?

Vier Reihen Dominosteine lagen auf dem Tisch. Die nahmen am Spiel nicht teil. Jede Reihe repr?sentierte einen der Spieler. Hübel schob den Zehnkronenschein in den Spalt zwischen die zweite und dritte Reihe, und hatte damit auf den Sieg ?Semmelbr?sels? gewettet, des Kellners, der diesen Spitznamen einer Unzahl gelblicher Gesichtspickel verdankte, die ihm auf den Wangen und auf dem Kinn standen. Das Spiel nahm seinen Anfang, und der ?Herr Redakteur? startete unter allgemeiner Spannung mit dem ersten Stein.

Demba wandte sich ab. Er wollte nicht wissen, was mit seinem Geld geschah. Er suchte irgend etwas, worin er lesen konnte, um nicht sehen und nicht h?ren zu müssen, eine Zeitung oder ein illustriertes Blatt. Aber nur eine Nummer der ??sterreichischen Kaffeesiederzeitung? hing an der Wand. Und die begann Demba zu lesen.

Annoncen. Gleich auf der ersten Seite. Hundertfünfzig grüne Stühle für einen Gasthausgarten bot einer an. Schn?pse, prima Qualit?t, wollte ein zweiter liefern. Ein Orchestrion hatte ein anderer zu vergeben. Kristalleis! Hunderttausend Papierservietten! Zigarrenanzünder! Praktisch! Modern! gellte es durch die Spalten. Geld wollte ein jeder verdienen, alles schrie, alles dr?ngte sich vor, die Welt war ein gro?er, runder, grünüberzogener Spieltisch, von Schn?psen befleckt, von Zigarrenasche beschmutzt, Silber klirrte, Papiergeld flatterte, hinter jedem Gulden, der durch die Welt rollte, waren schon tausend gierige H?nde her, H?nde, behaarte H?nde mit verkrüppelten Fingern, die dennoch zu greifen verstanden, wie Polypenarme, – und in all dem Wirrsal von Hast, Schacher, Gewinnsucht, Wucher und Betrug hatte er, Demba, sich unterfangen, seine H?nde schüchtern nach seinem Teil auszustrecken, nach einer armseligen Handvoll Geld, um die sich tausend andere geballte F?uste rauften, die ihn fortstie?en und beiseite dr?ngten. Und Demba wurde pl?tzlich mutlos und verzagt und gab seine Sache auf, und wollte sich voll Scham über seinen kl?glichen Versuch heimlich zur Tür hinausschleichen.

Da kam vom Spieltisch her mit einem Male L?rm und Geschrei. Die Suschitzky nannte einen von den Spielern einen ordin?ren Gauner, der dem Rübsam einen ?Zund gegeben? habe. Der Redakteur rief: ?Jetzt versteh' ich alles!? ?Semmelbr?sel? zeterte unausgesetzt: ?Mein Geld will ich endlich haben!? Und neben Demba stand der Mediziner, hielt Geld in der Hand und sagte:

?Siehst du, Demba. Was hab' ich gesagt? Du hast gewonnen.?

?Wieviel?? fragte Demba ohne aufzusehen.

?Drei?ig Kronen. Dreifaches Geld.?

Demba schwieg.

?Was jetzt?? fragte Hübel.

?Weiter setzen,? sagte Demba.

?Alles??

?Ja.?

?Herrschaften, Ruhe!? schrie jetzt Dr. Rübsam. ?Ruhe!? sekundierte ihm Hübel. Der L?rm verstummte nach und nach, nur Frau Suschitzky erging sich noch eine Weile in Anklagen und Verd?chtigungen, aber das Spiel nahm seinen Fortgang.

Noch immer zwang sich Demba, nicht hinzusehen. Er starrte in die Zeitung, las Worte und Zeilen, ohne sie zu verstehen, und horchte nach dem Spieltisch hin. Die Dominosteine klapperten, der Reisende sc

hlürfte ger?uschvoll seinen schwarzen Kaffee, und die Frau Suschitzky sagte pl?tzlich ernst und feierlich wie ein Gebet:

?Hallum-Drallum.?

?Wieso denn Hallum-Drallum?? protestierte der Postbeamte. ?Sind denn auf beiden Seiten acht? Rechts ist doch sieben!?

Wer ist das: Hallum-Drallum? – fragte sich Demba seltsam erregt. Wer ist das: Hallum-Drallum? – bohrte es ihm qu?lend im Hirn. Und pl?tzlich wu?te er es: Der Kriegsgott der Tataren. Und das Bild eines kleinen, dickb?uchigen Mannes formte sich vor seinem Auge, eines Mannes mit fahlem Gesicht, das über und über mit gelben Pickeln übers?et war, mit wulstigen Lippen und glotzenden Augen. Mit bunten Fetzen beh?ngt stand er da, mit haarigen H?nden, ein dicker, geflochtener Zopf hing ihm in den Nacken – Hallum-Drallum, der Kriegsgott der Tataren – nein! Der Gott des Geldes selbst, zu dem sie alle beteten, die andern dort, da stand er, und blickte ihn grinsend an und gr?hlte: Du willst mein Geld, du Narr? Was hast du anzubieten? Kristalleis? Gartenstühle? Papierservietten? Nichts? Gar nichts? Dann bücke dich vor mir, bücke dich, du Zwerg! Tiefer! Tiefer!

Und Stanislaus Demba bückte sich um des Geldes willen gehorsam, tief und demütig, vor der leeren Wand, auf der nichts zu sehen war, als sein eigener Schatten und der Fetzen eines abgerissenen gelblich-fahlen Stücks Tapete.

?Ich bin fertig!? rief der Kellner in diesem Augenblick, und sofort brach ein L?rm los, alles schrie durcheinander, die Suschitzky rief mit gellender Stimme: ?Das gibt's nicht! Sie kommen nicht an die Reihe!?

?Schwindel!? brüllte der Postbeamte und schlug mit der Faust auf den Tisch.

?Aber der Doktor hat doch ?weiter? gesagt,? jammerte der Kellner.

?Betrug! Betrug!? heulte der Postbeamte.

?Ruhe!? überschrie ihn Dr. Rübsam. ?Wer sagt: Betrug? Ich verliere doch auch mein Geld!?

Wieder stand Hübel neben Demba, zupfte ihn am ?rmel und sagte:

?Du hast zum zweitenmal gewonnen.?

?So?? – Demba war nicht überrascht und nicht erstaunt.

?Neunzig Kronen. Soll ich weitersetzen??

?Ja,? nickte Demba.

?Wieviel??

?Alles.?

?Bist du toll?? fragte Hübel.

?Ja.?

?Du hasardierst!?

?Das tu' ich heute schon den ganzen Tag.?

?Mir kann's recht sein. Aber dreimal hintereinander wirst du nicht gewinnen.?

Er trat an den Spieltisch. Die Orgie der Tobsucht und der Entt?uschung war vorüber. Ein neues Spiel hatte begonnen, neue Eins?tze wurden gemacht, und Dr. Rübsam fuhr sich nerv?s mit der Hand über den kahlen Sch?del: Er hatte in der letzten Partie mehr als die H?lfte seiner Barschaft verloren.

?Was ist damit?? fragte er und wies auf Dembas Geld.

?Bleibt liegen,? sagte Demba.

?Also: Geld auf Geld!? sagte Dr. Rübsam. ?Sprechen Sie gef?lligst deutsch!?

?Ja. Geld auf Geld,? best?tigte Hübel.

?Dann ist's gut,? sagte der Ex-Advokat. ?Ich wollt' nur wissen –? Er legte einen Stein in die Mitte des Tisches und das Spiel begann.

?Fort mit Schaden,? sagte die Suschitzky und schob ihren Stein an.

?Ich hab' alles,? erkl?rte der Redakteur mit Bezug auf seinen Vorrat an Dominosteinen.

Das Spiel ging weiter. Diesmal sah Demba gespannt und voll Erregung zu.

Da lagen seine neunzig Kronen, eingeklemmt in den Spalt zwischen zwei Reihen Dominosteinen. Und wenn er jetzt gewann, dann besa? er zweihundertundsiebzig Kronen. Abgegriffenes, zerknittertes Papier, das durch hundert schmutziger H?nde gegangen war, und dennoch – Proteus Geld! – jedem der Menschen da, die über den Tisch gebeugt standen und es gierig mit den Augen verschlangen, erschien es in einer anderen lockenden Gestalt. Dem einen als durchjubelte, durchzechte Nacht, für den zweiten war es die l?ngst schon f?llige Wohnungsmiete. Für den dort hie? es: Sich satt essen k?nnen, einen ganzen Monat hindurch. Der wieder wird es Nacht für Nacht in die Winkelgassen der Dirnen tragen, dieser da wird es verspielen, beim Rennen oder an der B?rse, die vergr?bt es unter dem Strohsack ihres Bettes – und für ihn, für Demba, was war es für ihn? Er gab sich Mühe, sich das auszumalen. An altersgraue Türme wollte er denken, an Domportale und steinerne Engel, die Geige oder Laute spielten, an schmale, winkelige Gassen einer italienischen Stadt, durch die er Arm in Arm mit Sonja ging. Aber seltsam: Keines dieser Bilder wollte ihm erscheinen. Nicht die Stadt, nicht die Türme, nicht die Geige spielenden Engel. Alles blieb farblos und verschwommen und zerflo? in nichts. Dafür kamen andere Visionen, – die Gespenster der Wünsche, der Begierden, der Hoffnungen der Anderen nahmen in seinem Gehirn Gestalt an. Dr. Rübsam sa? lachend bei Zigeunermusik mit zwei dicken Weibern vor Champagnerflaschen. Ein leeres Zimmer war pl?tzlich da, kein Stück M?bel stand darin, nur ein Bett, ein riesengro?es Bett, in dem Raum war für die Lust der ganzen Stadt, und die Suschitzky holte verstohlen unter der Matratze Geld hervor und liebkoste es. Der Postbeamte hatte Teller aus Steingut mit Brot, Wurst und K?se vor sich auf einem ungedeckten Tisch und schlang mit vollen Backen und hungrigen Augen Stück auf Stück hinunter. Und als die Wünsche und Begierden der anderen vor Dembas Augen grelles Leben gewannen und die seinen nicht, da begann er um sein Geld zu zittern und zu bangen, und es wurde ihm zur trostlosen Gewi?heit, da? es verspielt war und da? es in diesem Augenblicke schon nicht mehr ihm geh?rte, sondern dem Rübsam oder der Suschitzky.

?Gesperrt!? rief pl?tzlich der Redakteur, und die Suschitzky stie? im gleichen Moment ein Wehgeschrei aus:

?Gesperrt! Jetzt sitz' ich da, eingefroren mit drei Steinen.?

?Gesperrt? Wer sagt Ihnen das?? schrie der Kellner triumphierend und setzte seine zwei Steine an, einen rechts und einen links. ?Den für Sonntag und den für Montag! Ich bin aus!?

?Mensch! Glückspilz! Du hast wieder gewonnen. Zweihundertsiebzig Kronen!? schrie Hübel Demba in die Ohren.

Der Advokat erhob sich. Es wurde still im Zimmer.

?Bitte. Ich zahl' alles aus,? sagte er mit belegter Stimme und griff in die Tasche.

?Ich bekomm' sechzig Kronen,? rief der Feldwebel.

?Ich fünfundvierzig!? schrie der H?useragent.

?Ich auch fünfundvierzig. Ich wollt', ich h?tt' sie schon,? sagte der Reisende.

?Ich zahl' alles aus,? rief Dr. Rübsam und fuhr sich mit der Hand über den kahlen Sch?del. ?Aber die Bank wird dann ein anderer übernehmen müssen. Ich kann nicht mehr Buki sein. Ich bin total abgebrannt.?

Er zog die Brieftasche und begann auszuzahlen.

?Die Bank soll jetzt ein anderer halten. Ich bin fertig mit meinem Geld. Au?er, einer der Herren ist so gut und leiht mir hundert Kronen.?

Ein Hohngel?chter war die Antwort auf diese Zumutung.

?Ich bitte, ich gebe Deckung. Meine Uhr,? sagte Dr. Rübsam, der jetzt unbedingt weiterspielen wollte, aufgeregt. ?Meine Uhr ist unter Brüdern –?

Er wollte nach der Uhr greifen, fand sie aber nicht auf dem Sessel, auf den er sie gelegt hatte.

?Wo ist meine Uhr?? fragte er, fuhr sich nerv?s in alle Taschen und rückte den Sessel zur Seite.

?Meine Herren! Das hab' ich nicht gerne,? sagte er dann, indem er gewaltsam seine Unruhe zu verbergen suchte. ?Mit meiner Uhr, bitte, keine Scherze.?

Er blickte sich um und sah erregt von einem zum andern.

?Also, da h?rt sich jeder Spa? auf,? rief er, als er keine Antwort bekam. ?Da vertrag' ich keine Witze. Die Uhr will ich sofort wieder haben.?

?Ich hab' sie nicht,? versicherte der Postbeamte.

?Ich auch nicht. Ich mache keine solchen Scherze,? erkl?rte der Redakteur.

?Ich habe nicht einmal gewu?t, da? Sie eine Uhr haben,? rief der Feldwebel.

?Wo ist sie zuletzt gelegen?? fragte Semmelbr?sel.

?Suchen Sie in Ihren Taschen, Doktor. Sie werden sie eingesteckt haben,? riet der H?useragent.

Dr. Rübsam kehrte noch einmal, ganz gelb im Gesicht vor Angst, alle seine Taschen um, leuchtete dann mit einem Zündh?lzchen unter den Tisch, fand auch da nichts und gab das Suchen auf.

?Es ist ein Skandal!? rief die Suschitzky.

Dr. Rübsam stellte sich jetzt in die Türe und erkl?rte:

?Kein Mensch geht zur Tür hinaus, bevor nicht meine Uhr wieder da ist. Das m?cht' ich doch sehen, ob es m?glich ist, da? einem am hellichten Tag –?

?Ich bin von meinem Platz nicht aufgestanden!? rief der Redakteur. ?Das haben Sie doch gesehen, Doktor??

?Gar nichts hab' ich gesehen!? rief Dr. Rübsam wütend. ?Jetzt geht mir keiner hinaus!?

?Ich mu? doch um acht in meiner Redaktion sein.?

?Das geht mich gar nichts an. Alles bleibt hier, so lange, bis ich meine Uhr wieder hab'.?

?Wollen Sie sagen, da? ich sie Ihnen gestohlen hab'?? protestierte der Sparkassenbeamte.

?Meine Herren! Einen Vorschlag!? rief Hübel. ?Es liegt ja allen daran, festzustellen, da? unter uns kein Dieb ist. Ich schlage vor, da? wir uns einer nach dem anderen von Dr. Rübsam untersuchen lassen. Ich bitte,? schrie er laut in das Gewirr streitender Stimmen hinein, ?das soll für niemanden eine Beleidigung bedeuten. Ich selbst will den Anfang machen.?

Er zog den Rock aus und kehrte die Taschen um. Dr. Rübsam untersuchte ihn. Nicht allzu sorgf?ltig. Er hatte einen bestimmten Verdacht: Die Suschitzky war einmal w?hrend des Spieles l?ngere Zeit hinter ihm gestanden.

All das, was im Zimmer vorging, hatte Demba nicht beachtet und nicht geh?rt. Auf dem Spieltisch, auf dem sein Einsatz gelegen war, war jetzt eine ganze Anzahl Banknoten verstreut und Silbergeld dazu, zweihundertsiebzig Kronen, und die geh?rten ihm. Wie eine Katze strich Demba um den Tisch herum. Wie mu?te er es anstellen, da? das Geld in seine H?nde und in seine Tasche kam! Den günstigen Augenblick abpassen und blitzschnell danach langen – es sah so leicht aus und dennoch! Demba wagte es nicht.

Der Sparkassenbeamte war jetzt an der Reihe, und die Untersuchung seiner Taschen f?rderte ein Taschenmesser, ein Zigarettenetui aus Karlsbader Sprudelstein, zwei Pariser Gummispezialit?ten und eine Broschüre: ?Die Kunst zu plaudern und ein Gespr?ch anzuknüpfen? zutage. Dann kam ?Semmelbr?sel?, der Kellner, daran, aber nur ein halbes Dutzend Photographien in Kabinettformat, die ihn selbst Arm in Arm mit einer ?ltlichen, sehr verliebt dreinsehenden Dame darstellten, kam ans Licht. Und jetzt wandte sich Dr. Rübsam an Stanislaus Demba.

?Darf ich bitten?? fragte er h?flich.

Demba fuhr zusammen. ?Was wollen Sie??

?Nur eine Formalit?t natürlich,? sagte Dr. Rübsam. ?Ich bin selbstverst?ndlich vollkommen überzeugt – aber –?

?Was wollen Sie denn?? fragte Demba, ?rgerlich über die St?rung. Ihm war gerade in diesem Augenblick ein Mittel, das Geld in Sicherheit zu bringen, eingefallen. Er wollte Hübel bitten, das Geld vorl?ufig zu sich zu stecken, und das Weitere würde sich dann leicht finden.

?Bitte, also vielleicht zuerst den Mantel abzulegen,? sagte Dr. Rübsam. ?Wie gesagt, es liegt mir fern, irgendwie – aber –?

Demba starrte ihn an und glaubte schlecht verstanden zu haben.

?Was sagen Sie da? Was reden Sie da von meinem Mantel –??

?Ja. Ich bitte, ihn abzulegen.? Dr. Rübsam wurde ungeduldig.

?Ausgeschlossen,? sagte Demba.

?Was soll das hei?en?? fragte Dr. Rübsam. ?Sie wollen nicht??

?Unsinn,? sagte Demba. ?Lassen Sie mich in Ruhe.?

?Sehr verd?chtig!? schrie der Postbeamte.

?Aha!? lie? sich Frau Suschitzky vernehmen.

?Wirklich, sehr merkwürdig,? stellte der Reisende fest.

?So also ist die Sache,? sagte Dr. Rübsam.

?Demba!? rief Hübel. ?Du hast die Uhr??

?Welche Uhr?? fragte Demba verwirrt.

?Die Uhr des Herrn Doktor.?

?Sie meinen doch nicht, da? ich Ihnen Ihre Uhr genommen habe?? rief Demba entsetzt.

?Nicht?? fragte Dr. Rübsam erstaunt und in nicht sehr überzeugtem Ton. ?Ein Scherz vielleicht, dachte ich –?

?Aber das ist ja Unsinn!? beteuerte Demba.

?Aber dann lassen Sie sich doch untersuchen.?

?Nein,? stie? Demba hervor.

?Aber Demba. Es ist doch nur eine Formalit?t. Alle Herren werden sich –?

?Nein!? brüllte Demba und sah den Mediziner hilfeflehend an.

?So,? sagte da Dr. Rübsam. ?Sie wollen nicht. Dann wei? ich, was ich zu tun habe.?

Er drehte Demba den Rücken und n?herte sich dem Tisch.

?Ich werde mich nicht streiten,? sagte er ganz ruhig. ?Wozu??

Und mit einem pl?tzlichen Griff hatte er sich des Geldes, das auf dem Tisch lag, versichert.

Demba wurde aschfahl, als er sein Geld in Dr. Rübsams H?nden sah. Die Wut der Verzweiflung kam mit einem Mal über ihn. Nein. Es durfte nicht sein! Es konnte nicht sein, da? der Mensch dort das Geld behielt. Jetzt – sich auf ihn stürzen, die H?nde frei bekommen, ihm das Geld entrei?en! Die Ketten mu?ten zerrissen werden! Auch Eisen ist nicht unbezwingbar, auch Stahl kann brechen. Und mit einer gewaltigen Anstrengung rebellierte er gegen seine Ketten, die Muskeln dehnten sich, die Adern schwollen, in h?chster Not wurden seine H?nde zu zwei Giganten, die sich emp?rten, die Kette knirschte –

Das Eisen hielt.

?Ich mu? doch meine Uhr wiederbekommen. Helf', was helfen kann,? sagte Dr. Rübsam und schob mit nicht ganz reinem Gewissen Dembas Geld in seine Tasche. ?Ich kann nicht anders. Not bricht Eisen.?

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