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   Chapter 14 No.14

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 19116

Updated: 2017-12-04 00:03


Stanislaus Demba verlie? den Omnibus und ging langsam die Mariahilferstra?e hinunter. Er überlegte. Steinbüchlers? Nein. Das geht nicht. Bei Steinbüchlers geb' ich erst seit drei Monaten Stunden. Da kann ich doch nicht gut schon jetzt um einen Vorschu? bitten. Au?erdem, sie sind kleinliche Menschen, der Herr Steinbüchler ebenso wie seine Frau. Von dem Honorar, das ich verlangt hab', – es waren ohnehin nur fünfundfünfzig Kronen für sechs Stunden in der Woche –, haben sie mir fünf Kronen heruntergehandelt. Wenn einmal an einem Feiertag eine Lektion ausf?llt, oder wenn der Bub krank ist, ziehen sie mir's ab. Und dabei sind es verm?gende Leute. Er ist Prokurist in einer Regenschirmfabrik und sie hat einen Kleidersalon. Aber nach dem Ersten mu? ich sie immer drei oder viermal mahnen, ehe sie so um den Sechsten herum mit dem Geld herausrücken. Auch ihrem Stubenm?dchen bleiben sie schuldig. Nein, mit Steinbüchlers ist's nichts.

Bleibt noch Dr. Becker. Da bekomm' ich das Geld ohne weiteres. Das sind vornehme und feine Leute, da brauch' ich nur ein Wort zu sagen, nur eine Andeutung zu machen, und ich hab' das Geld. Freilich, wenn ich sag', da? ich jetzt vierzehn Tage ausbleiben werde, das wird ihnen nicht recht sein. Der Junge steht miserabel in Geographie und Physik. Da mu? ich einen zwingenden Grund für mein Ausbleiben angeben, einen Grund, der den Leuten sofort einleuchtet. Nun, es wird mir schon einer einfallen, ich hab' ja noch fünf Minuten zu gehen.

Dr. Becker wohnte am Kohlmarkt im vierten Stock eines neuen Hauses. Neben dem Haustor über der Glocke hing seine Tafel: Dozent Dr. R. Becker, ordiniert von zwei bis fünf.

Stanislaus Demba benützte den Lift nicht, sondern stieg langsam die Treppe hinauf. Als er das zweite Stockwerk erreicht hatte, blieb er stehen. Ein Gedanke war ihm gekommen.

Er blickte sich um. Das Treppenhaus war leer. Kein Mensch war zu sehen.

Jetzt fuhr Demba mit den H?nden in seine Rocktasche und zog ein Taschentuch hervor. Dabei fiel ihm der Wohnungsschlüssel aus der Tasche, und er bückte sich ?rgerlich, um ihn aufzuheben. In diesem Augenblick stieg der Lift lautlos an ihm vorbei in die H?he.

Sofort fuhren Dembas H?nde zurück unter den Mantel. Erschrocken blickte er dem Aufzug nach. Aber die Tür des Aufzugs war von Milchglas, sah er zu seiner Befriedigung. Der Insasse konnte unm?glich die Handschellen gesehen haben.

Jetzt l?utete es oben. Der Aufzug fuhr leer wieder hinunter. Demba wartete, bis die Wohnungstür im dritten Stock ge?ffnet und wieder geschlossen wurde. Man kann nicht vorsichtig genug sein. So, und nun –

Zum Kuckuck! Gerade jetzt mu? jemand die Treppe herunterkommen. Wieder verbarg Demba die H?nde. Und wie langsam das ging! Eine alte Dame, die sich auf den Arm ihres Stubenm?dchens stützte. Und just neben Demba blieb sie stehen und ruhte aus. – Jetzt ging sie wieder. Endlich. Aber da kam schon wieder wer anderer die Treppe herauf!

Die Zeitungsaustr?gerin, die das Abendblatt brachte. Sie legte eine Zeitung vor die Tür des zweiten Stockwerks und ging dann in den dritten Stock hinauf.

Bevor sie nicht wieder unten ist, darf ich nichts machen, da hei?t's einfach warten –, dachte Demba. Gelangweilt blickte er auf die Zeitung hinunter, die auf der Strohmatte zu seinen Fü?en lag, las gleichgültig eine in gro?en Lettern gedruckte Aufschrift: ?Rücktritt des ungarischen Ministerpr?sidenten?, und pl?tzlich durchfuhr es ihn, ob nicht schon –. Wie, wenn schon etwas in den Abendbl?ttern steht von meiner Flucht durchs Fenster. Vielleicht steht schon ein langer Bericht darin, alles ganz genau, ?der T?ter entzog sich der Verhaftung durch einen verwegenen Sprung aus dem Dachbodenfenster in den Hof?, steht vielleicht drinn, und ?anscheinend blieb er unverletzt, die Polizei ist dem Flüchtling auf der Spur.? – Oder vielleicht steht gar dort: ?Der Verdacht der T?terschaft lenkt sich auf einen gewissen Stanislaus D., Universit?tsh?rer. Seine Verhaftung steht unmittelbar bevor.?

Voll Ungeduld und in ma?loser Aufregung wartete Demba, bis die Zeitungsaustr?gerin die Treppe wieder hinunterging. Jetzt erst konnte er die Zeitung vom Boden aufnehmen. Hastig durchflog er sie.

Lokalnotizen. Wo sind die Lokalnotizen? Unter den Lokalnotizen mu? es stehen. Da sind sie. Kleine Chronik. Sein Auge flog über die Spalte.

Musikalischer Zapfenstreich. – Die Generalversammlung des nieder?sterreichischen Jagdverbands auf Dienstag, den einundzwanzigsten, verschoben. – Filmbrand auf der Stra?e. – Oberinspektor Hlawatschek gestorben. – Ein seltenes Jubil?um. – Ein Selbstmordversuch, halt. Was ist das? Die Gattin des Realschulprofessors Ernest W., Frau Kamilla W., hat gestern in ihrer in der Babenbergerstra?e gelegenen Wohnung Veronal –, nichts! Weiter. Unfall in der Hauptwerkst?tte der st?dtischen Stra?enbahnen. – Die Tat einer Mutter. – Schlu?.

Nichts steht noch in der Zeitung. Natürlich. Das h?tt' ich mir gleich denken k?nnen. Wenn die Polizei sich blamiert, dann beeilt sie sich nicht mit der Ver?ffentlichung. Lustig. – Demba faltete die Zeitung zusammen und legte sie vorsichtig zurück auf die Türschwelle.

Dann breitete er sein Taschentuch aus. Er gl?ttete es, faltete es zusammen, da? es aussah, wie eine Kompresse und schlang es dann viermal um seine rechte Hand, da? nur die Fingerspitzen sichtbar blieben. Er fand zwei Sicherheitsnadeln in seiner Pelerine, mit denen er den Notverband befestigte, eine durchaus nicht einfache Arbeit, wenn man die Kn?chel aneinandergefesselt hat. – So, jetzt war er fertig.

Eine vorzügliche Idee, dieser Verband an der Hand. Ein ausgezeichneter Einfall. – Demba beglückwünschte sich selbst zu dem ausgezeichneten Einfall. ?Wirklich eine vortreffliche Idee,? sagte er, trat vor die Fensterscheibe und machte Verbeugungen gegen sein Spiegelbild. ?Meine Anerkennung! Gestatten Sie, da? ich Ihnen die Hand drücke. Wie? Sie wünschen es nicht? Ich soll acht geben? Sie fürchten, der Verband k?nnte sich verschieben? Natürlich! Natürlich! Schade! H?tte Ihnen gern die Hand geschüttelt für die wirklich vorzügliche Idee!?

Demba verbeugte sich nochmals und lachte in sich hinein. Ein Messenger Boy, der mit einem Telegramm in der Faust die Treppe hinaufrannte, blieb stehen und blickte Demba verwundert an.

?Zwei Fliegen auf einen Schlag,? dachte Demba und stieg die Treppe hinauf. – ?Jetzt sieht jeder sofort, da? ich die H?nde nicht gebrauchen kann. Jetzt hab' ich endlich Ruhe. Und gleichzeitig hab' ich eine Entschuldigung, wenn ich ein paar Tage lang nicht komme. Mit schweren Brandwunden an den H?nden kann ich keine Stunden geben. Das kann niemand von mir verlangen. Die Frau eines Arztes wird das wohl einsehen, sollte man meinen. Aber nun vorw?rts! Keine Zeit verlieren!?

Im vierten Stock l?utete Demba. Das Dienstm?dchen ?ffnete.

?Ist die gn?dige Frau zu Hause??

?Nein.?

?Und der Herr Dozent??

?Der ordiniert.?

Demba warf einen Blick in das Wartezimmer.

Zwei Damen und ein Herr sa?en dort und lasen die Zeitschriften.

?Wann kommt die gn?dige Frau zurück??

?Ich werde das Fr?ulein fragen, die wird es wissen.? Das Stubenm?dchen ging in Elly Beckers Zimmer. Demba h?rte ein paar Walzertakte und die hellen Stimmen lachender M?dchen.

Gleich darauf kam Elly Becker selbst heraus. Sie war stark kurzsichtig und beguckte Demba durch ihr Lorgnon.

?Guten Tag, Herr Demba! Sie suchen die Mama? Sie ist Besorgungen machen gegangen.?

?Das ist unangenehm,? sagte Demba. ?Ich h?tte dringend mit ihr zu sprechen. Wird die Frau Mama lange ausbleiben??

?Regnet es schon drau?en?? fragte Elly.

?Ja.?

?Dann wird sie gleich da sein, wie ich sie kenne. Wollen Sie nicht inzwischen zu uns hereinkommen??

?Sie haben G?ste, Fr?ulein Elly.?

?Nur zwei Freundinnen. Ich mache Sie bekannt.?

?Ich bin gar nicht danach angezogen.?

?Aber keine Umst?nde!? Elly ?ffnete die Zimmertür. ?Noch ein Besuch!? rief sie hinein.

?Ein T?nzer?? fragte das eine der beiden jungen M?dchen.

?Leider nein,? sagte Demba in der Tür.

?T?nzer ist er keiner. Aber deklamieren wird er uns etwas,? sagte Elly und stellte vor. ?Doktor Stanislaus Demba. – Meine Freundin Viky, meine Freundin Anny.?

Weder Fr?ulein Viky noch Fr?ulein Anny schienen entzückt zu sein, Stanislaus Demba kennen gelernt zu haben, der allerdings in seiner alten, vom Regen durchn??ten Pelerine, die er nicht abgelegt hatte, eine unm?gliche Figur machte. Viky, ein hochaufgeschossener Backfisch mit kurzem, in der Mitte gescheitelten blondem Haar, nickte zur Begrü?ung nur nachl?ssig mit dem Kopf. Anny, ein kleines, mageres M?dchen mit Sommersprossen und einer Brille, unterbrach gar nicht erst ihr Klavierspiel. Demba nahm auf dem Sofa Platz, und schien das abweisende Benehmen der beiden jungen M?dchen nicht zu merken oder nicht zu beachten.

Die Tochter des Hauses hingegen empfand die Notwendigkeit, die Stimmung zugunsten Dembas zu verbessern. Sie stie? zu diesem Zweck ihre Freundin Viky mit dem Ellbogen an und flüsterte: ?Wenn er deklamiert, ficht er mit beiden Armen herum. Gib acht, das wird ein Spa?.?

Demba h?rte sie flüstern und wurde unruhig. Sein Unbehagen erh?hte sich, als das Stubenm?dchen Sandwiches, B?ckereien und eine Tasse Tee vor ihn hinstellte. Er blickte bald den Tee, bald den Sandwichesteller an und wu?te nicht, was mit den Dingen beginnen. Zudem begann jetzt Elly ihn zum Zugreifen aufzumuntern.

?Bitte, bedienen Sie sich doch, Herr Demba. Und warum legen Sie nicht ab??

Jetzt entschlo? sich Demba, die erste Probe auf die Tragf?higkeit seines ausgezeichnete

n Einfalles zu machen.

?Ich lege lieber nicht ab, Fr?ulein Elly. Es w?re kein angenehmer Anblick für Sie.?

?Warum denn??

?Meine Arme sind bis zu den Schultern hinauf bandagiert. Ich habe Brandwunden auf beiden Armen und mu? einen Rock ohne ?rmel tragen.?

?Lieber Gott! Was ist Ihnen denn zugesto?en??

?Mein Zimmerkollege ist gestern abend dem Fenstervorhang mit der Kerze zu nahe gekommen, und das Zeug hat gleich Feuer gefangen. Wir haben die brennenden Stücke mit den H?nden losgerissen, und dabei hab' ich mir die Brandwunden zugezogen. Sehen Sie!? Demba steckte die mit dem Taschentuch umwickelte Hand vorsichtig unter dem Mantel hervor.

?Lassen Sie die Hand! Bewegen Sie sie nicht!? rief Elly ?ngstlich. ?Warten Sie, ich werde Sie bedienen. Bleiben Sie nur ganz ruhig.?

Sie nahm eines der belegten Br?tchen, hielt es Demba vor den Mund und lie? ihn abbei?en.

Demba, der tagsüber nur zweimal Gelegenheit gefunden hatte, etwas zu sich zu nehmen, und das nur in aller Hast und bedrückt und behindert durch das Gefühl, beobachtet zu werden, a? jetzt mit Appetit und empfand lebhafte Genugtuung über den Erfolg seines Experiments. Als ihm die Tochter des Hauses auch eine Zigarette in den Mund steckte, fühlte er sich geradezu wohl. Er hatte, ein starker Raucher, den gewohnten Genu? den ganzen Tag über schwer entbehrt.

?Haben Sie Schmerzen?? fragte Elly.

?O ja,? sagte er. Die Kn?chel taten ihm weh. Sie mu?ten durch den Druck der Stahlringe wundgerieben sein. Auch in den geschwollenen Fingern fühlte er ein Brennen und Stechen, als wühlten hundert Nadelspitzen in seinem Fleisch. Ein dumpfer Schmerz in seinem Oberarm zog sich bis an die Schultern.

Anny und Viky waren n?hergekommen und betrachteten Demba mit Interesse. Auch das Stubenm?dchen, das den Tisch abr?umte, warf mitleidige Blicke auf die verbundene Hand.

Anny n?herte ihre Brille dem Verband.

?Das sind keine Brandwunden,? sagte sie pl?tzlich.

Demba lie? die Zigarette aus dem Mund fallen und verzog das Gesicht, als w?re ihm eine Mücke ins Auge geflogen.

?Mir machen Sie nichts vor,? sagte Anny und rückte ihre Brille zurecht.

Demba warf einen Blick auf die Tür und berechnete, da? er im Notfall in zwei S?tzen drau?en sein konnte.

?Sie haben ein Duell gehabt,? erkl?rte Anny mit Bestimmtheit.

?Ach so,? sagte Demba mit merklicher Erleichterung.

?Hab' ich recht oder nicht?? fragte Anny. ?Mir müssen Sie keine M?rchen erz?hlen. Mein Bruder ist n?mlich grüner Alemane.?

?Aber Sie irren sich. Es sind wirklich nur Brandwunden,? versicherte Demba.

?Kann schon sein, da? Sie sich die Finger verbrannt haben,? meinte Viky ironisch.

?Prim oder Terz?? fragte Elly mit der sachverst?ndigen Miene eines Fechtmeisters.

?Eine Sext,? erkl?rte Demba.

?Also gestehen Sie's doch ein!? riefen alle drei wie aus einem Mund.

?Aber nein!? sagte Demba. ?Es sind nur Brandwunden. Ich bin ein Opfer des Leichtsinns meines Zimmerkollegen.?

?Ist er blond oder brünett?? wollte Viky wissen.

?Wer denn? Miksch??

?Der Leichtsinn Ihres Zimmerkollegen.?

Alle drei begannen zu lachen.

?Ist er alt oder jung, der Leichtsinn?? fragte Elly.

?Hast du denn nicht geh?rt?? rief Viky. ?Der ?jugendliche Leichtsinn? hat er doch gesagt.?

?Also, wie war es, Herr Demba,? dr?ngte Elly. ?Erz?hlen Sie! Fangen Sie an. Wir h?ren alle zu. Also: So stand ich und so führt ich meine Klinge –?

Demba fand, da? man sich mehr, als es gut tat, mit seiner Person besch?ftigte. Er versuchte das Gespr?ch auf das Duell im allgemeinen hinüberzulenken. Viky gab die Erkl?rung ab, da? das Duell vom Standpunkt eines Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts aus betrachtet eine ganz, aber schon ganz sinnlose Einrichtung sei. Elly gab das zu, meinte aber, man müsse die Mensuren als Sport nehmen, und da erfüllten sie ihren Zweck. Anny erz?hlte eine l?ngere Geschichte von einem Bekannten, der an einem einzigen Tag drei Gegner abgeführt h?tte, und lie? durchblicken, da? sie selbst der unschuldige Anla? dieser Aff?re gewesen sei. Sie nannte den Namen dieses verwegenen K?mpfers und wollte wissen, ob Demba ihn kenne.

Demba hatte nicht zugeh?rt. Er hatte mit Ellys Hilfe die Sandwichesschüssel geleert, und zuletzt ein paar Bissen von einem mit stark gewürzten Fleisch belegtem Brot gegessen. Jetzt verspürte er pl?tzlich heftigen Durst. Er benützte die Gelegenheit, da? die Aufmerksamkeit aller drei M?dchen durch einen F?cher mit zahllosen Unterschriften, Widmungen und Versen, den Elly Becker herzeigte, in Anspruch genommen war, um sich vorsichtig mit den H?nden an ein Wasserglas heranzupürschen, als die Türe aufgesto?en wurde und ein Bernhardiner ins Zimmer trottete, der sein regendurchn??tes Fell schüttelte und von Anny, Viky und Elly stürmisch begrü?t wurde. Gleich darauf kam das Stubenm?dchen und teilte Herrn Demba mit, da? die gn?dige Frau nach Hause gekommen sei.

Frau Dr. Becker war eine Dame von ausgepr?gtem Wohlt?tigkeitssinn. Sie war teils Vorstandsdame, teils Mitglied verschiedener Wohlfahrtsvereine, versammelte mehrmals im Monat eine Anzahl Damen zu Ausschu?beratungen, Vorbesprechungen und Komiteesitzungen in ihrer Wohnung und hatte die Gewohnheit, von jedem ihrer Spazierg?nge kleine Stra?enhausierer und bettelnde Kinder mit nach Hause zu bringen, die vorerst durch eine mit Gründlichkeit vorgenommene Reinigung eingeschüchtert und dann durch Kaffee, Obst und Semmeln teilweise entsch?digt wurden. Auch heute standen zwei kleine Buben mit ?ngstlichen Gesichtern im Vorzimmer in der N?he der Tür. Ihre Schuhriemen und Englischpflaster hielten sie noch in den H?nden. Ein drittes Kind wurde offenbar gerade ges?ubert, denn aus der Küche kamen durchdringende Schreie und das laute Schelten der K?chin.

Frau Dr. Becker hatte sich bereits umgezogen, sa? in ihrem Zimmer und trank Tee, als Demba eintrat.

?Ja, was sind das für Sachen!? rief die kleine, bewegliche Dame Demba entgegen. ?Das Stubenm?dchen hat mir schon erz?hlt – was ist denn eigentlich geschehen??

?Ein kleiner Unfall, weiter nichts, gn?dige Frau.? Demba erz?hlte seinen Roman von der Kerze und dem brennenden Fenstervorhang, erfand noch ein paar infolge der Hitze gesprungene Fensterscheiben hinzu und lieferte die genaue Beschreibung eines Strohsessels, der gleichfalls Feuer gefangen hatte. Er dachte daran, einen Kanarienvogel, den er mit Gefahr des Lebens samt dem K?fig aus dem Bereich des Feuers in Sicherheit gebracht h?tte, hinzuzudichten, sah aber schlie?lich davon ab, um seiner Erz?hlung nicht einen sentimentalen und romantischen Einschlag zu geben.

?Sollte man denken, da? solche Unvorsichtigkeit m?glich ist?? sagte Frau Dr. Becker. ?Sie k?nnen wirklich Gott danken, da? Sie so davongekommen sind. Lassen Sie die Hand einmal anschauen.?

Das war Demba nicht recht. Mi?trauisch brachte er seine Hand zur H?lfte aus dem Mantel hervor.

Die Doktorsgattin schlug entsetzt die H?nde zusammen. ?Aber ist denn das ein Verband?? rief sie. ?Das kann Ihnen doch unm?glich ein Arzt gemacht haben!?

?Mein Zimmerkollege hat mir den Verband angelegt. Er ist Mediziner.? Demba sah mit Verdru?, da? seine Idee, sich Verletzungen an den H?nden anzudichten, keineswegs eine sehr glückliche gewesen war. Alle Welt besch?ftigte sich jetzt ausschlie?lich mit seinen H?nden, denen er doch ein gewisses Ma? von Ruhe und stiller Abgeschiedenheit hatte verschaffen wollen.

?Ich will Ihnen etwas sagen. Sie gehen jetzt zu meinem Mann hinüber und lassen sich einen anst?ndigen Verband machen,? entschied Frau Dr. Becker.

Demba wurde bleich wie K?se.

?Das geht nicht,? stotterte er. ?Ich kann doch nicht –?

?Glauben Sie nicht, da? mein Mann das besser machen wird, als Ihr Herr Kollege??

Demba wand sich auf seinem Sessel.

?Das schon,? sagte er. ?Ich m?chte nur nicht die Zeit des Herrn Dozenten –?

?Ach, Unsinn!? unterbrach ihn die Frau des Arztes. ?In zwei Minuten ist mein Mann damit fertig. Er wird Sie gleich vornehmen.?

Sie nahm das H?rrohr des Haustelephons, das ihr Zimmer mit dem Ordinationsraum ihres Mannes und mit der Küche verband.

?Rudolf!? sagte sie. ?Ich schick' dir jetzt den Herrn Demba. Bitte, nimm ihn gleich vor. Er hat sich Brandwunden an den H?nden zugezogen. – Ja. – Also er kommt gleich.? – Sie legte das H?rrohr fort. ?So, Herr Demba.?

?Ich bin eigentlich nur gekommen –?; Demba schluckte und suchte nach Worten. ?Ich wollte Sie bitten, gn?dige Frau, ob ich nicht mein Monatssal?r schon heute, trotzdem noch nicht der Erste ist, weil ja –?

Er hielt verlegen inne. Frau Dr. Becker dachte ein wenig nach, und griff dann wieder nach dem H?rrohr.

?Du, Rudolf! Geh bitte, gib dem Herrn Demba seinen Monatsgehalt, wenn er kommt. Achtzig Kronen. Sei so gut, ja? Ich hab' mein Portemonnaie nicht bei der Hand.?

Geschlagen auf der ganzen Linie verlie? Demba das Zimmer.

Im Vorzimmer standen noch zwei von den Kindern. Das eine hatte die Vorh?lle des Gewaschenwerdens bereits hinter sich, hielt ein Butterbrot in der einen, einen Apfel in der andern Hand. Der kleine Bub neben ihm horchte unruhig nach der Küche hin. Jetzt sollte offenbar die Reihe an ihn kommen. Mit einem Male raffte er seine beiden Bündel Schuhriemen vom Fu?boden auf, ?ffnete rasch die Wohnungstür und machte sich aus dem Staub.

Hinter ihm schlich Demba lautlos zur Tür hinaus.

Beide rannten die Treppe hinunter. Im ersten Stockwerk blieb Demba stehen, ri? das Taschentuch von der Hand herunter und versuchte, es in die Tasche zu stopfen. Als ihm dies nicht gleich gelang, schleuderte er es mit einem Fluch zu Boden.

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