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   Chapter 11 No.11

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 10902

Updated: 2017-12-04 00:03


Frau Dr. Hirsch, die Gattin des Hof- und Gerichtsadvokaten in der E?linggasse, kam ein wenig au?er Atem in das Privatkontor ihres Mannes. Sie lie? sich sogleich in den ledernen Klubfauteuil fallen, der, für Klienten bestimmt, neben dem Schreibtisch des Rechtsanwalts stand, stie? einen asthmatischen Seufzer aus und hielt ihrem Mann ein paar Banknoten hin.

?Sag' mir, Robert, was soll ich mit diesen achtzig Kronen machen.?

?Ich hab' da grad die Akten über die Zwangsfeilbietung der Villa ?Elfriede? in Neuwaldegg. Zw?lf Wohnr?ume, Dienerzimmer, Garage, herrlicher Park, zwei Minuten von der Elektrischen – geh' hin und biet' mit!?

?Nein. Spa? beiseite. Ich bin in Verlegenheit. Ich wei? nicht, ob ich das Geld behalten soll oder nicht. Es ist der Monatsgehalt für Georgs und Erichs Hauslehrer, für den Herrn Demba. Und der Demba, denk' dir, will ihn nicht nehmen.?

?Monatsgehalt? Ist denn heute der Erste??

?Nein. Aber er hat schon heute um seinen Monatsgehalt gebeten.?

?Und will ihn nicht nehmen?? Der Advokat streifte die Asche von seiner Zigarre ab.

?Nein. Ich will dir erz?hlen, was vorgefallen ist. Also h?r' zu. Vor einer Viertelstunde l?utet's und die Anna kommt herein: Gn?dige Frau, der Herr Demba ist da. Ich wundere mich und denk' mir: was kann er denn jetzt nach zwei Uhr wollen, die Buben sind ja bis vier in der Schule, das wei? er ja. Ich habe gerade mit der K?chin verrechnet und so hab' ich ihm sagen lassen: er soll im Salon ein paar Minuten auf mich warten, ich komme gleich, er m?cht' indessen Platz nehmen. Und wie ich mit der K?chin fertig war, bin ich hineingegangen.?

Frau Dr. Hirsch machte eine kleine Atempause und stie? einen ihrer leichten Seufzer aus, der andeuten sollte, wie schwer geplagt sie durch die vielfachen Anforderungen des t?glichen Lebens sei. Dann fuhr sie fort:

?Also, wie ich hineinkomm', springt er auf und sieht genau so aus, wie das Stubenm?dchen, wenn ich sie über der Zuckerbüchse ertappe. Du wei?t, sie ist sonst ganz brav, die Anna, aber Zuckernaschen, davon kann sie nicht lassen. Also der Demba sieht auch aus, wie wenn er etwas Verbotenes getan h?tt', ganz verlegen ist er. Ich sage ihm: Bleiben Sie nur sitzen, Herr Demba! Und denk' mir noch: warum ist der Mensch so verlegen? Nicht im Traum hab' ich an die Zigarre gedacht.?

?An welche Zigarre?? fragte der Advokat.

?Warte. Du wirst gleich h?ren. Er setzt sich also und ich frag' ihn: ?Nun, Herr Demba? Was bringen Sie Neues?? Er sagt: ?Gn?dige Frau, ich wollte Ihnen nur mitteilen, da? ich auf vierzehn Tage verreisen mu?.? – ?Das ist aber sehr unangenehm,? sag' ich. ?Mitten im Schuljahr. Und vor der Konferenz. Wird Sie der Georg nicht brauchen? Was ist es denn so Dringendes?? – ?Wichtige Familienangelegenheiten,? sagt er. ?Und der Georg wird in den beiden n?chsten Wochen keine Nachhilfe ben?tigen und der Erich erst recht nicht. Sie stehen beide in allen Gegenst?nden gut, und in der Mathematik, in der Georg ein bissel schwach ist, kommt die n?chste Schularbeit ohnehin erst in vier Wochen.?

?Also bitte,? sag' ich. ?Wenn Sie glauben, da? die Buben Sie nicht brauchen – eventuell k?nnen Sie mir ja einen Kollegen schicken, der Sie vertritt.?

?Das wird nicht n?tig sein,? gibt er zur Antwort, ?Aber ich m?cht' die gn?dige Frau bitten –? also kurz und gut, ob ich ihm nicht schon heute das Geld für den ganzen Monat zahlen k?nnt'. Also, wei?t du, ich führ' mir das nicht gern ein, Vorschu? an den Hauslehrer, aber ich hab' doch gesagt: ?Bitte, sehr gerne?, weil er doch das Geld für die Reise braucht. Und ich greif nach dem Geldtascherl und nehm' die achzig Kronen heraus. Eigentlich macht es ja weniger aus, denn die Stunden für die Zeit, wo er verreist ist, mu? ich ihm selbstredend nicht zahlen. Aber ich hab' mir gedacht: Er hat den Georg in Mathematik durchgebracht, wir haben keinen einzigen Tadelzettel mehr ins Haus bekommen, seit der Demba den Buben Stunden gibt und der Mensch rechnet mit jedem Heller, wozu soll ich ihm also die paar Gulden abziehen, es steht gar nicht dafür. Hab' ich recht??

?Natürlich, mein Kind,? sagte der Advokat.

?Also, ich nehm' die achzig Kronen aus dem Geldtascherl und, wie ich es wieder einsteck', – auf einmal spür' ich so einen merkwürdigen, brenzlichen Geruch, und ich seh' mich um und frag' den Demba: ?Herr Demba, riechen Sie nichts?? Und er zieht auch die Luft durch die Nase ein und sagt:

?Nein, gn?dige Frau, ich rieche nichts.?

?Aber es mu? irgendwo im Zimmer brennen,? sag' ich, und in dem Moment seh' ich schon den Rauch und das Loch, das ihm die Zigarre in den Mantel gebrannt hat. Er hat sich eine Zigarre angezündet gehabt, w?hrend er auf mich gewartet hat, und die hat er rasch unter den Mantel versteckt, wie er mich kommen geh?rt hat, warum, das wei? ich nicht. Anf?nglich dacht' ich, er h?tte sich einen von deinen Virginiern aus dem Zigarrenkastel genommen, – du l??t es immer wieder offen im Zimmer stehen, Robert, ich hab' dir hundertmal gesagt, la? das Kastl nicht offen herumstehen, die Anna hat einen Feuerwerker, da l??t sie doch sicher jeden Abend, wenn sie mit ihm ausgeht, zwei oder drei Stück mitgehen, aber du l??t dir ja nichts sagen! Hab' ich recht??

?Ja, mein Kind,? sagte der Advokat.

?Also ich denk' mir, wahrscheinlich hat er sich eine von deinen Virginiern genommen und sie unter dem Mantel verstecken wollen, und darum war er so verlegen, als ich ins Zimmer kam. Ich ruf' also: ?Herr Demba, Sie haben

sich ein Loch in ihren Mantel gebrannt.? Der Demba springt auf und l??t die Zigarre auf die Erde fallen. Es war aber gar keine Virginier, es war eine kleine, dicke, solche rauchst du doch gar nicht, die mu? er sich selbst mitgebracht haben. Aber warum hat er sie dann versteckt? Das versteh' ich nicht. Also kurz und gut, mit einem Wort, er l??t die Zigarre fallen und sie liegt auf dem Teppich und qualmt, auf dem kleinen Teppich, wei?t du, den wir von der Tante Regine bekommen haben aus Revanche dafür, da? du ihr vor zwei Jahren den Ehrenbeleidigungsproze? gegen ihren Hausherrn geführt hast. Also auf den Teppich f?llt die brennende Zigarre. Ich bin furchtbar erschrocken, aber der Demba steht seelenruhig dabei, als ob ihn das nichts anginge und sieht zu, wie sie mir ein Loch in den Teppich brennt und macht keine Miene, sie aufzuheben.

Ich ruf: ?Herr Demba, wollen Sie nicht Ihre Zigarre aufheben? Sie sehen doch, da? sie mir den Teppich ruiniert!? Der Demba wird feuerrot im Gesicht und furchtbar verlegen und hustet und stottert und bringt kein Wort heraus und endlich sagt er: ?Entschuldigen Sie, gn?dige Frau, ich darf mich nicht bücken, der Arzt hat's verboten, ich bekomm' sofort Blutsturz, wenn ich mich bücke, hat der Arzt gesagt.? – Hast du schon so etwas geh?rt? Was sagst du dazu?? –

Der Advokat sagte ?hm? dazu.

?Also, was bleibt mir übrig, ich hab' halt selbst die Zigarre aufgehoben, wenn sich der Herr Demba nicht bücken kann,? sagte Frau Dr. Hirsch mit bitterer Ironie und seufzte leicht auf. Es war der kurzatmigen, starkgeschnürten, korpulenten Dame anzusehen, da? das Aufheben der Zigarre für sie ein mit erheblichen Schwierigkeiten verbundenes Turnkunststück ersten Ranges dargestellt hatte.

?Der Teppich war aber schon ganz versengt,? fuhr sie nach einer Weile fort, ?und hatte einen gro?en, schwarzgebrannten Fleck. Ich war natürlich nicht mehr in der Stimmung, mich mit dem Herrn Demba weiter zu unterhalten, das begreifst du ja. Ich z?hl' ihm also das Geld auf den Tisch. Und jetzt kommt das Interessante. Was glaubst du, da? geschieht: Der Herr Demba nimmt das Geld nicht. Er l??t es liegen. Ich sage: ?Also bitte, hier sind die achzig Kronen!? Er schüttelt den Kopf und macht ein so verzweifeltes und unglückliches Gesicht, da? er mir beinahe wieder leid getan hat. ?Aber, Herr Demba!? sag' ich. ?Sie werden mir doch nicht den Teppich bezahlen wollen, wir sind ja gegen Brandschaden versichert.? Er starrt das Geld an und nimmt es nicht. ?Also, das ist doch l?cherlich, so nehmen Sie doch das Geld,? sag' ich. – ?Nein. Ich kann das Geld leider nicht nehmen?, gibt er zur Antwort und ist wieder blutrot im Gesicht. Nun, denk' ich mir, wenn er das Geld absolut nicht nehmen will, wei?t du, streiten werd' ich mich mit ihm nicht. Aufdr?ngen werd' ich ihm doch die achzig Kronen nicht, hab' ich recht? Ich sag' also: ?Herr Demba, wenn Sie mir durchaus den Schaden ersetzen wollen, es ist zwar ein Unsinn von Ihnen, aber schlie?lich –? und will das Geld wieder einstecken. Und wie ich es in die Hand nehm', da schaut er mich so b?se und wütend an, wie wenn er mich mit den Z?hnen zerrei?en wollt'. Ich bin direkt erschrocken, so hat er mich angeschaut, und hab' das Geld liegen lassen. Und ich denk' mir: Was will der Mensch eigentlich? Will er das Geld oder will er es nicht? Auf einmal sagt er: ?Gn?dige Frau! Wozu zerbrechen wir uns eigentlich den Kopf? Sie haben doch einen Rechtsgelehrten im Haus. Bitte, lassen Sie das Geld hier liegen, gehen Sie zu Ihrem Herrn Gemahl hinein und tragen Sie ihm den verwickelten Rechtsfall vor. Wenn er finden sollte, da? ich nicht verpflichtet bin, Schadenersatz für den Teppich zu leisten, so werde ich das Geld ohne weiteres nehmen.?

?Gut,? sag' ich, nehm' das Geld zusammen und steck' es ein. Wei?t du, ich werde es doch nicht auf dem Tisch liegen lassen, die Dienstboten gehen fortw?hrend durchs Zimmer, was braucht denn die Anna zu wissen, wieviel der Demba Gehalt bekommt? Hab' ich recht??

?Gewi?, mein Kind,? sagte der Advokat.

?Also, was meinst du dazu? Soll ich mir wirklich von dem Demba die achzig Kronen zahlen lassen??

?Natürlich ist es die Assekuranz, die verpflichtet ist, uns den Schaden zu ersetzen, nicht der Hauslehrer,? sagte der Advokat und strich sich den Bart. ?Aber dieser Herr Demba beginnt mich zu interessieren. Es ist merkwürdig, was für ein starkes Rechtsempfinden mitunter gerade bei Nichtjuristen zu finden ist. Ich werde mal selbst mit ihm sprechen.?

Als der Advokat in den Salon kam, traf er Herrn Demba, dem die Unterredung zu lange gedauert zu haben schien, nicht mehr an. Das Zimmer war leer.

Der Advokat besah sich den besch?digten Teppich.

?Wei?t du,? sagte er, ?eigentlich ist der Sachschaden nicht so gro?, mit achtzig Kronen ist er weitaus überzahlt. Der Teppich ist n?mlich ganz billige Fabrikware. Kannst du dir vorstellen, da? deine Tante Regina mehr als drei?ig Kronen für ein Geschenk ausgibt??

?Robert! Was ist das?? schrie Frau Dr. Hirsch pl?tzlich auf und zeigte entgeistert auf einen Haufen zerbrochenen Porzellans, der unter dem Kaminsims auf dem Fu?boden lag.

Es war die Nippesfigur eines Brieftr?gers, an der Demba, erbittert darüber, da? es ihm nicht gelungen war, mit seinem Geld allein im Zimmer zu bleiben, seinen Unmut ausgelassen hatte. Und sie hatte nichts anderes verbrochen, als da? sie dem Betrachter mit einladendem L?cheln einen gro?en Geldbrief aus Porzellan entgegenstreckte.

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