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   Chapter 10 No.10

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 11302

Updated: 2017-12-04 00:03


?Was gibt's denn, Afferl! Mir scheint gar, du weinst! Was ist dir denn geschehen??

Herr Stephan Prokop war so pl?tzlich ins Zimmer getreten, da? Demba nicht Zeit gefunden hatte, die H?nde unter den Mantel zurückzuziehen. Der Student blieb steif auf seinem Sessel sitzen und fand für den Augenblick unter der Tischplatte ein Notasyl für seine H?nde.

?Hat's was gegeben zwischen euch?? erkundigte sich Herr Prokop bei Demba.

?Nichts hat's gegeben,? sagte Demba hastig. ?Steffi weint, weil mein kleiner Hund überfahren worden ist; das hat sie so aufgeregt.? Er sah mit gro?em Unbehagen, da? Herr Prokop sich dem Sofa n?herte, von dem aus man unter die Tischplatte sehen konnte.

?überfahren?? fragte Prokop.

?Ja. Von einem Fleischerwagen.? – Dembas H?nde suchten Deckung hinter einer Stuhllehne zu gewinnen, mu?ten sich jedoch, da Herr Prokop seinen Rundgang durchs Zimmer pl?tzlich unterbrach, und er vor ihm stehen blieb, eilig wieder unter die Tischplatte zurückziehen.

?Das hab' ich gar nicht gewu?t, da? Sie einen Hund haben, Herr Demba. Wie Sie noch bei uns gewohnt haben, ich erinnere mich noch ganz genau, da haben Sie doch Hunde auf den Tod nicht ausstehen k?nnen?? – Herr Prokop legte sich auf das Sofa.

?Er ist mir zugelaufen,? sagte Demba. Der Raum unter der Tischplatte erwies sich als ein Zufluchtsort von zweifelhaftem Wert.

?Wie hat er denn ausgesehen?? wollte Herr Prokop wissen.

?Ein kleiner, braungefleckter Pinscher. Erinnern Sie sich denn nicht, ich hab' ihn doch mal hergebracht,? erz?hlte Demba und versuchte, die breite Lehne eines Stuhles zwischen sich und Herrn Prokop zu bringen.

?Mir scheint, ja. Ich erinnere mich.? Herr Prokop blies aus seiner Pfeife eine Rauchwolke in die Luft. ?Wie hat er denn nur g'schwind gehei?en??

?Cyrus,? sagte Demba, dem im Augenblick kein anderer Name als der seines Feindes von heute morgen einfiel. Herr Prokop klopfte eben seine Pfeife aus, und dieser Moment mu?te rasch ausgenützt werden.

?Cyrus. Richtig,? sagte Herr Prokop. ?Komischer Name für einen Hund. Also selig im Herrn entschlafen? Na, mein Beileid. Aff, jetzt h?r' auf, zu heulen. Geh' hinein, dein Essen ist kalt geworden.? Er g?hnte. Nach Tisch wurde er immer schl?frig. ?überhaupt. Hast du denn kein Bureau heut nachmittag??

Steffi stand auf, gl?ttete ihre Schürze und warf einen verstohlenen Blick auf Dembas H?nde, die gerade wie Füchse in ihren Bau unter die Pelerine zu verschwinden im Begriffe waren. Dann ging sie ins andere Zimmer. Die Tür blieb offen, und Geruch von gekochtem Rindfleisch und zerlassener Butter drang herein.

Jetzt stand Demba auf und betrachtete allerlei Nippes, die auf der Kommode standen. Den Gnomen mit dem wei?en Patriarchenbart, der einen roten Fliegenpilz als Regenschirm benützte, die Katzenfamilie aus Porzellan und das Araberzelt mit dem Dattelbaum, ein Kunstwerk, das Steffis Vater aus Korkst?pseln hergestellt hatte. Der alte Prokop liebte Arbeiten dieser Art. Ein N?hzeugschr?nkchen, das ganz aus alten Zündh?lzchenschachteln angefertigt war, befand sich auch im Zimmer und an der Wand hing ein Kaiserbild aus gebrauchten Briefmarken.

?Aff, geh, bring' mir mein Bier herein!? befahl jetzt Herr Prokop. ?Ich hab's auf dem Tisch stehen lassen.?

Steffi brachte das Bier. Er trank das Glas leer und legte die Pfeife fort. Dann drehte er sich mit dem Gesicht der Wand zu. Ein paar Minuten sp?ter war er eingeschlafen.

Jetzt schlich sich Steffi auf den Fu?spitzen zu Stanislaus Demba.

?Stanie! Was machen wir jetzt! Um Gottes willen, was machen wir jetzt!?

?Ich hab' mich doch gut herausgelogen. Meine sechsundneunzigste Lüge seit heute morgen,? meinte Demba.

Steffi Prokop begann von neuem zu schluchzen.

?So ein Unglück! So ein Unglück!?

?Aber wein' doch nicht!? sagte Demba unwirsch. ?Das hat gar keinen Sinn. Wir müssen es nochmals versuchen.?

?Es geht nicht. Es wird nicht gehen. Ich hab' gefeilt und gerieben, bis ich nicht mehr hab' k?nnen, und die Kette ist genau so geblieben, wie sie war. Sie l??t sich nicht durchfeilen. Sie mu? aus einem besonderen Stahl sein. Was machen wir jetzt, Stanie??

?Wein' doch nicht! H?r' auf zu weinen. Du wirst deinen Vater aufwecken.? Stanislaus Demba versuchte ungeschickt, mit den H?nden streichelnd über Steffis Haar zu fahren. Es sah kl?glich aus und komisch zugleich: Diese beiden H?nde, die wie zwei Lastpferde, wie zwei Maulesel aneinandergespannt waren. Wie ein stummer, langweiliger Begleiter, der starrsinnig mitgeht und sich nicht abschütteln l??t – so war Stanislaus Dembas linke Hand.

Demba lie? die Arme sinken, Steffi h?rte zu weinen auf und sagte pl?tzlich:

?Aber das Ding hat ja Schlüssell?cher. Es mu? ja aufzusperren gehen.?

?Natürlich.?

?Wir haben eine Menge so kleiner Schlüssel zu Hause. Im Vorzimmer an der Wand h?ngt ein Kasten, da sind zwanzig oder drei?ig solcher Schlüssel drin. Einer wird doch passen! Wir müssen sie durchprobieren.?

Sie brachte eine Handvoll kleiner Schlüssel und legte sie ger?uschlos einen neben den andern aufs Fensterbrett.

Sie versuchte es mit dem ersten.

?Das ist der Schlüssel vom Uhrkasten drüben im Speisezimmer. Der taugt nicht. Der ist zu gro?.?

Sie griff nach dem zweiten.

?Das ist mein Violinkastenschlüssel. Der ist auch zu gro?. Der geht überhaupt nicht ins Schlüsselloch hinein. Wart' einmal, der vielleicht. Das ist der Schlüssel zur Kassette, in der die Mutter ihre Ohrringe eingesperrt hat und ihre beiden Lose. – Auch nicht.?

Sie versuchte es der Reihe nach mit allen Schlüsseln. Keiner pa?te. Ein einziger lie? sich im Schlüsselloch umdrehen, aber das Schlo? wollte trotzdem nicht aufsp

ringen.

Sie dachte einen Augenblick lang nach, griff z?gernd in die Schürzentasche und brachte noch einen kleinen Schlüssel zum Vorschein.

?Das ist der Schlüssel zu meinem Tagebuch. Wei?t du, mein Tagebuch hat Schlie?en und l??t sich absperren. Ich glaub', der wird bestimmt passen.?

?La? es doch. Er pa?t sicher auch nicht.?

?Doch! Doch! La? mich nur erst mal versuchen. Siehst du – nein! Der pa?t auch nicht. Er ist zu klein.?

Sie blickte Stanislaus Demba hilfesuchend an.

?Stanie! Er ist zu klein! Was machen wir??

?Wir müssen einen Schlüssel anfertigen lassen,? sagte Demba. ?Vom Schlosser. Wir nehmen einen Wachsabdruck ab – wo bekommt man Wachs??

?Wachs hab' ich zu Hause.?

?Wieso denn??

?Ich male doch. Du wei?t ja: Blumen und V?gel und Ornamente auf Seidenb?nder und Schleifen. Da gibt es eine eigene Technik, zu der braucht man Wachs. Auf gewisse Stellen, die mit der Farbe nicht in Berührung kommen sollen, kommt flüssiges Wachs. Ich hab' noch ein gro?es Stück zu Hause. Wart', ich bring's gleich.?

Sie kam mit einem Stück Wachs zurück und machte Abdrücke beider Schl?sser.

?Das mu?t du zu einem Schlosser tragen,? sagte Demba. ?Aber du mu?t vorsichtig sein und dir gut überlegen, was du sagst, damit er nicht Verdacht sch?pft.?

?Nein. Ich geh' zu keinem Schlosser. Gegenüber von uns wohnt eine Familie, und der ?lteste Sohn ist Lehrling in einer gro?en Werkst?tte. Der ist sehr geschickt. Er hat uns schon ?fter Schl?sser repariert. Jetzt mittag ist er sicher zu Hause. Ich werd' ihm sagen, da? ich den Schlüssel zu meinem Tagebuch verloren habe. Das Tagebuch selbst kann ich ihm nicht bringen, werd' ich ihm sagen, weil Sachen drin stehen, die er nicht lesen darf. Deswegen hab' ich einen Wachsabdruck gemacht, – werd' ich sagen. Da kann er gar keinen Verdacht sch?pfen. – Also wart', ich geh' gleich hinüber.?

Es w?hrte fünf Minuten, ehe sie zurückkam. Aber sie war rot im Gesicht vor Freude und ganz aufgeregt.

?Es ist alles famos gegangen. Zuerst hat er das Tagebuch haben wollen, er brauche es unbedingt, hat er gesagt. Wei?t du, er macht mir heftig den Hof, und m?cht' gern wissen, ob etwas über ihn im Tagebuch steht. Darum wollt' er's haben. Aber ich hab' es ihm ausgeredet. Um acht Uhr, wenn er von der Arbeit kommt, gibt er mir den Schlüssel.?

?Erst um acht Uhr??

?Ja. Um acht Uhr. Früher geht es nicht. So lange mu?t du warten. Aber wei?t du, was? Du bleibst zu Hause, sperrst dich ein und l??t keinen Menschen in dein Zimmer. Und um acht Uhr komm' ich dann zu dir und bring' dir den Schlüssel. Du mu?t mir selbst aufmachen, wenn ich l?ut'. Wird mich jemand sehen??

?Nein.?

?Wirst du allein sein? Du wohnst ja mit noch einem Herrn zusammen.?

?Der Miksch? Der ist abends schon wieder im Dienst.?

?Ich bin neugierig, wie dein Zimmer aussieht. Ich war noch nie in deiner Wohnung. Sicher hast du ein gro?es Durcheinander. Ich werd' Ordnung machen. Früher, wie du bei uns gewohnt hast, hab' ich dir oft genug Ordnung gemacht auf deinem Schreibtisch. Du wirst jetzt nach Hause gehen und warten, bis ich komme. Du darfst nicht ausgehen, Stanie! Sonst verr?tst du dich. Versprich mir's, Stanie.?

Aber Stanislaus Dembas Hirn war ganz beherrscht von dem Gedanken, mit Geld den Rivalen aus dem Feld zu schlagen. Er verga? darüber alle Klugheit und alle Vorsicht.

?Das geht nicht,? sagte er. ?Nach Hause kann ich jetzt nicht. Jetzt ist der Miksch noch zu Hause. Erst am Abend geht er fort. Ich hab' auch inzwischen zu tun, das hab' ich dir ja gesagt. Ich mu? mir das Geld beschaffen.?

?Für die Sonja. Ich wei?,? sagte Steffi und nickte mit dem Kopf.

Demba setzte sich auf umst?ndliche Art den Hut auf den Kopf, mit einer grotesk gleichm??igen Bewegung beider H?nde, die an die Darstellung auf Wandgem?lden ?gyptischer K?nigsgr?ber erinnerte. Dann stand er auf.

?Stanie!? sagte Steffi Prokop. ?Stanie, du solltest dich doch irgendwo einsperren und niemandem zeigen. Folg' mir doch. Du bist in solcher Gefahr, wenn jemand entdeckt –?

Sie unterbrach sich. Drüben auf dem Sofa hatte der alte Prokop eine Bewegung gemacht. Beide horchten nach dem Sofa hin.

?Hat er etwas geh?rt?? flüsterte Demba.

?Nein,? gab Steffi leise zurück. ?Er ist gar nicht aufgewacht. Stanie, folg' mir! Wenn jemand sieht, da? du –?

?Kind! Gerade das ist's, was mich reizt,? sagte Demba mit ged?mpfter Stimme. ?Siehst du, mit diesen Handschellen bin ich abseits der Welt. Ganz allein steh' ich gegen die Millionen anderer Menschen. Wer nur einen Blick auf meine gefesselten H?nde erhascht, der ist von dieser Sekunde an mein Feind und ich der seine, und wenn er vorher der friedlichste Mensch war. Er fragt nicht, wer ich bin, er fragt nicht, was ich getan habe, er macht Jagd auf mich, und wenn ein Keiler pl?tzlich über die Stra?e liefe, oder ein Fuchs oder ein Rehbock, k?nnte die Jagd nicht so unbarmherzig und nicht so wild sein, als wenn mein Mantel zu Boden fiele und meine H?nde sichtbar würden.?

?Siehst du!? sagte Steffi. ?Das wollt' ich ja sagen.?

?Aber das lockt, Steffi. Das zieht mich. Ich gehe ruhig und sicher zwischen Millionen Feinden hindurch, die mich nicht erkennen und spotte sie aus. Heute morgens h?tte ich mich vielleicht noch verraten k?nnen. Da war ich ein Anf?nger. Aber jetzt – du glaubst nicht, was für eine Routine ich schon darin habe, die H?nde nicht zu zeigen. Es tut mir beinahe leid, da? der Tanz nur bis heut abend dauert. Heut abend um acht, nicht wahr? Und jetzt leb' wohl.?

Steffi begleitete ihn bis vor die Tür der Wohnung.

?Und wohin gehst du jetzt?? fragte sie.

?An die Arbeit!? sagte Demba und schritt die Treppe hinunter.

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