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   Chapter 9 No.9

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 13337

Updated: 2017-12-04 00:03


?Ja,? sagte Demba. ?Bis auf die Handschellen. Das hab' ich dir doch gesagt, da? sie mir Handschellen angelegt haben, als ich zum zweitenmal auf den Alten losgehen wollte. Oben in seinem Zimmer an der Glastüre. Wie ich nun unten im Garten stand, beachtete ich sie anf?nglich gar nicht. Es kam mir wirklich nicht zum Bewu?tsein, da? ich gefesselt war, auch nicht, als ich mir den Rock abbürstete. Ich war frei. Ich konnte gehen, so rasch, als ich wollte und wohin ich wollte. Ich konnte verschwinden. Das war alles, was ich fühlte.

Die Klettengasse war menschenleer. Ich dachte gar nicht daran, die H?nde zu verstecken, so unvorsichtig war ich, so leichtsinnig. So gering wertete ich das Mi?geschick, das mich betroffen hatte und die Gefahr, die in den Handschellen auf mich lauerte.

Ich spürte wieder den ekelhaften Malzgeruch und hielt mir die Nase mit den H?nden zu. Ich ging an einem Fenster zur ebenen Erde vorbei und ein altes Weib schaute durch die geschlossenen Scheiben auf die Gasse. Mit einemmal bekam ihr Gesicht einen grauenvoll, entsetzten Ausdruck, sie erstarrte vor Schreck. Sie hielt den Mund ge?ffnet und starrte mich an, sie vermochte nicht zu rufen und nicht zu schreien. Da erschrak ich selber über dieses entsetzte Gesicht und über mich selbst und versteckte die H?nde unter dem Mantel, den ich über den Arm gelegt trug. Dann bog ich um die Ecke.

Ich ging durch ein Gewirr von engen Gassen, wechselte h?ufig die Richtung und war bald sicher, da? mich die beiden Polizeiagenten nicht mehr auffinden konnten, wenn ihnen nicht ein Zufall zu Hilfe kam. Ich trachtete nun rasch aus dem Heiligenst?dter Bezirk fortzukommen. Als ich an einem bettelnden alten Mann vorbeikam, blieb ich stehen und wollte ihm ein paar Kreuzer schenken. Fünfzig Heller, dachte ich mir, als Dank an die Vorsehung, weil ich wieder frei war. Aber im letzten Augenblick fiel mir ein: ?Das geht ja nicht. Ich verrate mich ja, wenn ich mit meinen H?nden in die Tasche fahre.? Ich lie? ihn stehen. Er hatte schon Dankworte und Segenswünsche hergeleiert, und war wahrscheinlich entt?uscht. Aber ich konnte ihm nicht helfen und blieb für ein paar im voraus erhaltene ?Vergelt's Gott tausendmal, junger Herr? in seiner Schuld. Und jetzt erst, im Weitergehen, fühlte ich zum erstenmal, da? die Handschellen mehr waren, als ein kleines, ?rgerliches Mi?geschick, wenn ich auch noch nicht ahnte, was sie in Wirklichkeit bedeuteten: eine furchtbare, atemberaubende Last, die mich erbarmungslos zu Boden ziehen würde, wie in Tausendundeiner Nacht jener Alte, der sich an Sindbad des Seefahrers Rücken hing.

Ich h?rte das L?uten einer Elektrischen, ging rascher und kam auf einen Platz mit einer kleinen Parkanlage. Bei der Haltestelle stand ein Tramwaywagen. Ich stieg ein. Aber kaum war ich oben, so kam mir auch schon der Gedanke: ?Lieber Gott, ich kann doch unm?glich zahlen mit meinen gefesselten H?nden.? Zum Glück war der Wagen voll Menschen und der Schaffner stand noch ziemlich weit vor mir. Ich fuhr ein Stück Wegs mit, und als dann der Schaffner in meine N?he kam, stieg ich aus, als h?tte ich mein Fahrziel erreicht und ging zu Fu? bis zur n?chsten Haltestelle. Das machte ich drei- oder viermal. Die Methode war gut, ich kam bald in eine ganz andere Gegend und war in Sicherheit.?

?Und sie k?nnen dich gewi? nicht finden, Stanie?? fragte Steffi Prokop ?ngstlich.

?Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen, Kind. Wien ist gro?. Und wenn ich den beiden Polizisten durch einen b?sartigen Zufall doch in den Weg laufen sollte, so erkennen sie mich gewi? nicht. Sie haben mich nur ganz kurze Zeit und nur im Halbdunkel eines alten Hauses gesehen. Au?erdem trage ich jetzt einen anderen Hut und Mantel; die Pelerine ist, glaub' ich, eigens für Leute, die ihre H?nde verstecken wollen, erfunden. – Und schlie?lich hab' ich mir heute den Schnurrbart englisch stutzen lassen. Ich sehe doch jetzt ganz anders aus als sonst, nicht wahr??

?Ja. Ein bi?chen ver?ndert.?

?Nun also. Siehst du,? sagte Demba befriedigt. ?Es war übrigens nicht gar so einfach, das sich rasieren lassen. Es ging gut aus, aber ich h?tte leicht in die allergr??te Verlegenheit kommen k?nnen. Ich war n?mlich vorsichtig gewesen und hatte, bevor ich in den Laden ging, in einem Haustor das Geld aus der Tasche genommen. W?hrend ich rasiert wurde, hielt ich die ganze Zeit über die fünfzig Heller in der Hand. Als ich fertig war, stand ich auf und lie?, w?hrend mich der Gehilfe abbürstete, das Geld scheinbar aus Ungeschicklichkeit auf die Erde fallen. Der Gehilfe hebt es auf, und ich freue mich schon über meine gute Idee und will gehen, da sagt er:

?Noch zehn Heller, bitte.?

?Wieso denn?? frag' ich.

?Vierzig Heller macht's,? sagt der Gehilfe.

?Nun. Und mir sind fünfzig Heller auf die Erde gefallen.?

?Nein. Es waren drei?ig,? sagt er und zeigt mir die offene Hand, da waren wirklich nur drei?ig Heller darin. Ein Zwanzighellerstück hatte sich auf dem Erdboden verlaufen. Ich sage: ?Zwanzig Heller müssen noch irgendwo auf der Erde liegen.? Er bückte sich, und w?hrend er suchte und nicht auf mich acht gab, wollte ich zwanzig Heller aus der Tasche nehmen und auf den Tisch legen. Aber zum Unglück geht gerade in diesem Augenblick die Tür auf und ein Herr kommt herein – ich konnte gerade noch rechtzeitig die H?nde verschwinden lassen. Inzwischen hat der Friseurgehilfe das Suchen satt bekommen und sagt: ?Es liegt nichts da, der Herr mu? sich irren.?

?Es mu? aber da sein. Ich wei? es bestimmt, suchen Sie nur,? so antwort' ich ihm.

Aber er wollte nicht l?nger suchen. ?Drei?ig Heller sind dem Herrn gefallen. Ich hab's ja gesehen.?

Ich war ganz verzweifelt. ?Es waren bestimmt fünfzig Heller,? wiederhole ich. ?Suchen Sie nur, es mu? sich finden.? – Und jetzt mischt sich noch der Herr ein und brummt, wie er dazuk?m', meines sch?bigen Sechserls wegen warten zu müssen. Da? er Eile habe. Ich wu?te nicht, was anfangen, und in meiner Verlegenheit, um Zeit zu gewinnen, sag' ich: ?Haben Sie schon unter dem Kasten nachgeschaut? Dorthin ist es gerollt.? Der Friseur sieht nach, und wirklich, stell' dir den Zufall vor: das Geld liegt tats?chlich dort. – Ich bin dann rasch fortgegangen, aber mir war zumut, wie einem, den beinahe ein Auto überfahren h?tt'. – Ich habe nie vorher gewu?t, da? man so oft im Tag seine H?nde braucht. Viel ?fter als das Gehirn, das kannst du mir glauben, Steffi.?

?Und was wirst du jetzt tun??

?Ja,? sagte Demba. ?Ich habe jetzt eine doppelte Aufgabe. Erstens mu? ich mir zweihundert Kronen verschaffen. Dazu brauch' ich dich nicht, Steffi, das kann ich allein. Aber die Handschellen mu? ich los werden, und das ist's, wobei

du mir helfen sollst.?

Steffi Prokop schwieg und dachte nach.

?Ich hab' dir alles gesagt, Steffi. Dir allein hab' ich alles gesagt. Du magst entscheiden, ob ich schuldig bin oder nicht schuldig. Ich hab' dir alles erz?hlt. Die Beweggründe, alles. Sprichst du mich frei??

Steffi Prokop schüttelte den Kopf.

?Nein.?

Demba bi? sich in die Lippen.

?Du willst mir also nicht helfen??

?O ja. Helfen will ich dir. La? mich die Handschellen sehen!?

?Nein,? sagte Demba. ?Wenn du findest, da? ich unrecht habe, dann brauch' ich deine Hilfe nicht. Warum willst du mir helfen, wenn du mich verurteilst??

?Ich hab' dir vorhin gesagt, Stanie,? sagte Steffi leise und bittend. ?Eine Frau kann einen Mann liebhaben, wenn er h??lich ist und wenn er dumm ist. Und auch, wenn er schlecht ist, Stanie. La? mich die Handschellen sehen.?

?Nein,? sagte Demba und rückte mit dem Sessel von Steffi fort. ?Wozu??

?Aber ich mu? sie doch vorher sehen, Stanie, wenn ich dir helfen soll.?

Stanislaus Demba sp?hte unruhig nach der Tür.

?Es wird jemand kommen.?

?Nein. Jetzt essen sie noch,? sagte Steffi Prokop. ?Erst wenn sie mit dem Essen fertig sind, kommt der Vater herein und legt sich aufs Sofa. La? doch sehen.?

Stanislaus Demba brachte langsam und z?gernd die H?nde unter der Pelerine hervor.

?Im Grunde ist's mir gleichgültig, ob du mich für einen Verbrecher h?ltst oder nicht. Ich erkenne nur mich selbst als Richter über mich an,? sagte er und sah Steffi Prokop mit einem ?ngstlichen Blick an, der seine selbstsicheren Worte Lügen strafte.

?So sehen Handschellen aus!? sagte Steffi Prokop leise.

?Hast du dir sie anders vorgestellt?? fragte Demba und verbarg die H?nde eilig wieder unter dem Mantel. ?Zwei Stahlspangen und eine dünne Kette. Handschellen! Das klingt ganz anders, als es aussieht. So harmlos. Ich habe immer, wenn ich das Wort h?rte, an eine Schlittenfahrt im Winter gedacht oder an das Kleid eines Hofnarren. Es klingt hübsch: Handschellen. Und ist doch ?rger, als wenn ich den Aussatz des Feldherrn Abner an den H?nden h?tt'.?

?Es ist eine ganz dünne Kette,? stellte Steffi Prokop fest. ?Es kann doch nicht schwer sein, die durchzufeilen.? Sie stand auf. ?Vater hat einen Werkzeugkorb. Wart' ein bi?chen, ich geh eine Feile holen.?

Sie kam mit zwei Feilen zurück, einer gr??eren und einer kleineren. ?Jetzt mu?t du die Kette so straff halten, als du kannst. So ist's gut. Jetzt, rasch.? Sie begann, die Stahlkette mit der Feile zu bearbeiten.

?Und was würde dir geschehen, Stanie, wenn sie dich f?nden,? fragte sie. ?Du mu?t die H?nde ruhig halten, sonst geht es nicht.?

?Zwei Jahre Kerker,? gab Demba zur Antwort.

?Zwei Jahre?? Steffi Prokop blickte erschrocken von der Arbeit auf.

?Ja. Soviel ungef?hr. Zwei Jahre Kerker.?

Steffi Prokop sagte nichts mehr, sondern mühte sich mit wilder Energie, die Kette durchzufeilen; arbeitete, ruhte nicht aus und wurde nicht müde.

?Ja,? sagte Demba. ?Das ist das Entsetzliche an der Sache. Dieses Mi?verh?ltnis von Schuld und Strafe. Zwei Jahre Folter! Zwei Jahre ununterbrochene Tortur.?

?Still!? mahnte Steffi Prokop. ?Nicht so laut. Sie h?ren drinnen im Zimmer jedes Wort.?

?Zwei Jahre Folter!? sagte Demba leise. ?Man mu? die Sache bei ihrem Namen nennen. Gef?ngnis, das ist der letzte Rest der Tortur und ihr ?rgster. Die kleinen Martern: das Aufziehen und die Daumenschrauben sind abgeschafft, aber die schlimmste aller Folterstrafen, den Kerker, haben wir behalten. Tag und Nacht in einer engen Zelle versperrt gehalten werden, wie ein Tier im K?fig – ist das nicht Folter??

?Du mu?t stillhalten, Stanie. Sonst kann ich nicht arbeiten.?

?Ja, und die Menschen wissen das und gehen dennoch spazieren und ins Theater und essen und schlafen. Und keinem nimmt es den Appetit und keinem das Behagen und keinem den gesunden Schlaf, da? zur selben Zeit tausend andere die Tortur des Kerkers erleiden! Wenn die Menschen es zustande br?chten dieses Wort ?Zwei Jahre Kerker? bis auf den Grund nachzufühlen, bis ans Ende durchzudenken, so mü?ten sie aufbrüllen vor Grauen und Entsetzen. Aber sie haben stumpfe Sinne und die Bastille ist nur einmal gestürmt worden.?

?Aber es mu? doch Strafe geben.?

?Wirklich? Natürlich. Es mu? Strafe geben. H?r' zu, Steffi, ich will dir ein Geheimnis anvertrauen, aber erschrick nicht: Es mu? keine Strafe geben.?

Demba holte tief Atem. Rot vor Erregung, stammelnd, heiser und fanatisch fuhr er fort:

?Es mu? keine Strafe geben. Strafe ist Wahnwitz. Strafe ist der Notausgang, der gestürmt wird, wenn in der Menschheit Panik ausbricht. Die Strafe ist's, die Schuld tr?gt an jedem Verbrechen, das geschieht und geschehen wird.?

?Das versteh ich nicht, Stanie.?

?Da? die Menschheit die Macht hat, zu strafen, das ist die Ursache jeder geistigen Rückst?ndigkeit. G?b' es keine Strafen, so h?tte man l?ngst Mittel gefunden, jedes Verbrechen unm?glich, überflüssig und aussichtslos zu machen. Wie weit w?ren wir in allem, wenn wir Galgen und Kerker nicht h?tten. Wir h?tten H?user, die nicht Feuer fangen und es g?be keine Brandstifter. Wir h?tten l?ngst keine Waffen mehr und es g?be keine Meuchelm?rder. Jeder h?tte, was er braucht und was er sich ersehnt, und es g?be keine Diebe. Manchmal kommt mir der Gedanke: Wie gut es ist, da? Krankheit kein Verbrechen ist. Sonst h?tten wir keine ?rzte, nur Richter.?

?Halt doch still, Stanie! Es geht sonst nicht.?

?Immer mu? ich an das kleine M?derl der Frau denken, mit der ich Tür an Tür wohne. Das Kind hatte auch einmal eine Begegnung mit der strafenden Themis. Seine Mutter ist mit ihm von der Elektrischen abgesprungen und gestürzt. Das Kind ist unter die Schutzvorrichtung des n?chsten Wagens geraten, ein Bein ist ihm zermalmt worden und mu?te ihm abgenommen werden. Beide sind jetzt wohl elend und unglücklich genug, Mutter und Kind, sollte man glauben. Aber nein! Noch nicht genug. Jetzt kommt erst die Gerechtigkeit und die will strafen. Die Mutter wird wegen Fahrl?ssigkeit angeklagt. Und wird verurteilt. Zu tausend Kronen Geldstrafe. Sie ist eine Postbeamtenwitwe. Aber tausend Kronen hat sie. Die hatte sie für ihr Kind zurückgelegt. Und das Kind, das ein Krüppel ist, mu? jetzt auch noch bettelarm werden, so will es die Gerechtigkeit. Das Kind mu? hungern. Siehst du, so geht's, wenn irdische Richter strafen! Und diesen Richtern mit ihrem niedertr?chtigen Irrwahn ?Strafe? h?tte ich mich in die H?nde geben sollen? – Bist du jetzt endlich fertig, Steffi??

?Nein! Es geht nicht! Die Kette ist zu fest. Es geht nicht, Stanie!? schluchzte Steffi und blickte hoffnungslos und verzweifelt auf Stanislaus Dembas unglückselige H?nde.

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