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   Chapter 8 No.8

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 40703

Updated: 2017-12-04 00:03


Als Steffi Prokop nach Hause kam, fand sie Stanislaus Demba schon im Wohnzimmer ungeduldig wartend.

?Grü? dich Gott!? sagte sie. ?Bist du schon lange hier??

?Seit zw?lf Uhr wart' ich,? sagte Demba.

?Ich kann nichts dafür, da? ich mich versp?tet habe. Man l??t mich nicht eine Minute vor zw?lf Uhr aus dem Bureau. Und dann dauert es noch zehn Minuten, ehe ich die Farbbandflecken von den H?nden 'runter bekomm'. Jetzt hab' ich aber Zeit bis fast drei Uhr.?

Sie legte eilig Hut und Jacke ab, auch den grauen Schleier, den sie immer umnahm, wenn sie auf die Stra?e ging. Dann band sie sich die Schürze vor und nahm Dembas Hut vom Tisch.

?Nun? Willst du nicht ablegen?? fragte sie. – Demba hatte seine Pelerine umbehalten.

Demba schüttelte den Kopf.

?Nein! La? mir den Mantel! Mir ist kalt.?

?Kalt ist dir? Aber geh'. Heut ist doch nicht kalt. Heut kann man schon wieder im Freien sitzen.?

?Mich friert,? sagte Demba. ?Ich bin krank. Ich glaube, ich habe Fieber.?

?Armer Stanie!? sagte Steffi in jenem mitleidig klagenden Ton, in dem man Kinder bedauert und tr?stet, die beim Spielen gefallen sind und sich ?weh getan? haben. ?Armer Stanie. Ist krank, hat Fieber. Armer Stanie.? Dann ?nderte sie den Ton und fragte: ?Du i?t doch mit uns??

Demba schüttelte den Kopf.

Sie ?ffnete die Tür und rief ins Nebenzimmer:

?Mutter, der Herr Demba i?t mit uns!?

?Nein!? rief Demba lebhaft und beinahe aufgeregt. ?Was f?llt dir denn ein??

?Dukatenbuchteln haben wir heut,? sagte Steffi Prokop aufmunternd.

?Nein, ich danke. Ich kann nicht,? sagte Demba.

?Also, du mu?t wirklich krank sein, jetzt erst glaub' ich's, Stanie,? sagte Steffi lachend. ?Sonst bist du doch immer bei Appetit. Wart', ich werd' gleich mal nachschauen.?

Sie griff unter die Pelerine nach Dembas Hand, um ihm den Puls zu fühlen. Sie fand die Hand jedoch nicht gleich, und erhielt im n?chsten Augenblick einen Sto?, da? sie zwei Schritte zurücktaumelte und sich an der Kommode festhalten mu?te, um nicht zu fallen.

Demba war aufgesprungen und stand, wei? wie die Wand und ganz au?er sich vor ihr.

?Woher wei?t du –?? zischte er mit einem feindseligen Blick auf Steffi. ?Wer hat dir verraten, da? –??

?Was denn? Warum hast du mich gesto?en? Was ist dir denn, Stanie??

Demba sah das M?dchen mit unsicherem Blick an, atmete schwer und sprach kein Wort.

?Ich hab' deinen Puls fühlen wollen,? sagte Steffi Prokop kl?glich.

?Was??

?Deinen Puls hab' ich fühlen wollen. Und du st??t mich!?

?So, den Puls.? Stanislaus Demba setzte sich langsam. ?Dann ist's gut. Ich dachte –?

?Was denn? Was dachtest du??

?Nichts. – Du siehst ja, da? ich krank bin.? Demba starrte schweigend auf die Tischplatte. Aus dem Nebenzimmern kam das Klirren von Tellern und L?ffeln. Steffis Mutter deckte den Tisch zum Mittagessen.

Steffi Prokop legte ihren schmalen Kinderarm leicht auf Dembas Schulter.

?Was fehlt dir, Stanie? Sag' mir's.?

?Nichts, Steffi. Nichts Ernstes, wenigstens. Morgen ist's vorüber – so oder so.?

?Sag' mir's. Mir kannst du's sagen.?

?Es ist nichts. Wirklich.?

?Aber du wolltest mir doch etwas erz?hlen. Etwas Wichtiges, das du mir durchs Telephon nicht sagen konntest.?

?Das ist l?ngst nicht mehr wichtig.?

?Was war es denn, Stanie??

?Ach nichts. – Da? ich morgen früh fortfahre.?

?So? Wohin denn??

?Das wei? ich noch nicht. Wohin Sonja will. Ins Gebirge vielleicht oder nach Venedig.?

?Mit der Sonja Hartmann f?hrst du??

?Ja.?

?Auf lange??

?Solange Sonja Zeit hat. Ich denke, auf zwei Wochen oder auf drei.?

?Seid ihr denn wieder gut? Ihr hattet euch ja gestritten??

?Es ist alles wieder gut.?

?Drei Wochen. Da hast du sicher das Geld für den lustigen Roman bekommen, den du ins Polnische übersetzt hast. Wei?t du, den Roman, in dem gestanden ist: ?Ihre Tochter, Frau Gr?fin, hat h?chstens noch sechs Stunden zu leben, vielleicht sogar noch weniger.? Ich hab' damals so lachen müssen. – Hat man dir endlich das Geld geschickt? Nun? – Gib doch Antwort! An was hast du jetzt gedacht, Stanie??

Demba blickte zerstreut auf.

?Wo warst du mit deinen Gedanken? Schon in Venedig?? fragte Steffi.

?Nein. Bei dir.?

?Geh, lüg' mich nicht so an. Ich wei? ganz gut, da? du dir nichts aus mir machst. Ich bin dir zu jung und zu dumm und zu –? Steffi Prokop warf einen Blick in den Spiegel. Ihre rechte Wange war eine einzige tiefrote Feuernarbe. Vor Jahren, als sie noch ein Kind war, hatte ihre Mutter einmal nach der Gewohnheit vieler Wiener Frauen Benzin auf die Kohlen im Herd geschüttet, um das Feuer anzufachen. Das Kind hatte sie hierbei auf dem Arm gehabt, und als das Feuer ihre Kleider ergriff, hatte auch Steffi ihr Andenken fürs Leben davongetragen. Das Feuermal entstellte sie, das wu?te sie genau. Niemals ging sie ohne Schleier auf die Gasse.

?Und jetzt will ich wissen, was dir fehlt. Starr nicht so in die Luft.?

?Nichts fehlt mir, Kind. Und jetzt mu? ich wieder gehen. Ich wollt nur schauen, wie es dir geht.?

?Geh! Geh! Geh!? sagte Steffi Prokop ?rgerlich. ?Schau'n, wie mir's geht! wie wenn dich das interessieren würde! Und überhaupt, sag' mir nicht immer: ?Kind?. Ich bin sechzehn Jahre alt. Mir kannst du alles erz?hlen. Ich wei?, dich drückt etwas. O, ich kenn' dich, Stanie, kein Mensch kennt dich so gut, wie ich. Wenn's dir schlecht geht, kommst du zu mir und starrst in die Luft. Wenn dir elend zumut ist, wenn du wütend bist, wenn du ?rger gehabt hast, kommst du immer zu mir. Wie dir die Sonja den Brief geschrieben hat, bist du zu mir gekommen. Früher, wie du noch bei uns gewohnt hast, bist du auch zu mir gekommen, wenn dir in deinem Kabinett zu kalt war. Hieher in das Zimmer hier, da war immer geheizt. Und bist auf und ab gegangen und hast studiert oder aus den alten Griechen deklamiert, Integer vitae … – wie geht's weiter??

?Integer vitae scelerisque purus –?, sagte Demba halb in Gedanken.

?Ja – lerisque purus. So hei?t's. Und ich bin im Winkel gesessen und hab' meine Schulaufgaben gemacht, Buchhaltung, Rechnen, Warenkunde – Wovon tr?umst du, Stanie? Du h?rst mir gar nicht zu. Warum starrst du so auf den Tisch? Wovon tr?umst du, sag?'?

?Ja. Vielleicht tr?ume ich,? sagte Demba leise. ?Sicher ist alles nur ein Traum. Ich liege zerschlagen und zerfetzt irgendwo in einem Spitalbett, und du und deine Stimme und das Zimmer da, ihr seid nur ein Fiebertraum der letzten Minuten.?

?Stanie! Was ist das? Was redest du da??

?Vielleicht tr?gt mich in diesem Augenblick ein Rettungswagen durch die Stra?en oder vielleicht lieg' ich noch immer in dem Garten unter dem Nu?baum auf der Erde und hab' das Rückgrat gebrochen und kann nicht aufstehen und hab' die letzten Gesichte und Visionen –?

?Stanie, um Gotteswillen, willst du mir Angst machen? Was ist geschehen??

?Integer vitae scelerisque purus –?, sagte Demba leise.

?Ich hab' Angst!? klagte Steffi. ?Was ist geschehen? Jetzt mu?t du mir's sagen!?

?Sei still! Es kommt jemand,? sagte Demba rasch.

Frau Prokop steckte den Kopf durch die Türspalte.

?St?r' ich?? fragte sie scherzend. Wie geht's, Herr Demba? Gut immer, nicht? Steffi, ich wollt' dir nur sagen, die Suppe wird kalt. Herr Demba, essen Sie nicht einen L?ffel mit uns?

?Ich danke, gn?dige Frau, ich bin schon nach dem Essen.?

?Mutter!? sagte Steffi. ?Geh, heb' mir das Essen auf. Ich komm' dann hinein. Herr Demba und ich haben noch etwas zu besprechen.?

?Und jetzt sprich!? sagte Steffi, als Frau Prokop drau?en und die Tür verschlossen war. ?Ich hab' nicht mehr viel Zeit. In einer Stunde mu? ich wieder ins Bureau.?

Demba lachte verlegen auf.

?Ich wei? nicht, was da vorhin über mich gekommen ist. Heute vormittag war ich zwar auch nicht in bester Stimmung, aber ich habe doch nicht einen Augenblick lang den Kopf h?ngen lassen und den Mut verloren, obwohl mir so ziemlich alles fehlgeschlagen ist, was ich angepackt hab'. ?Angepackt? ist übrigens sehr gut.? – Demba stie? ein kurzes, heiseres Lachen hervor. – ?Manchmal ist die Sprache geradezu witzig. ?Angepackt? ist n?mlich wirklich nicht ganz das richtige Wort. Also sagen wir: Angerührt –, nein, in die Hand genommen – auch nicht! Zum Kuckuck, alles was ich unternommen habe – so ist's richtig! Also alles, was ich unternommen habe, ist mir durch die Finger geglitten – h?tt' ich jetzt wieder beinahe gesagt! Meine eigene Zunge h?lt mich zum Narren. Alles, was ich angepackt habe, ist mir durch die Finger geglitten. Ausgezeichnet. Wirklich, ausgezeichnet! Galgenhumor der Sprache. Aber es war doch nicht so, sondern ich wollte sagen: Alles, was ich unternommen habe, heut vormittag, ist mir mi?glückt.?

?Ich verstehe dich nicht, Stanie.?

?Das ist doch sehr einfach. Alles ist mir heut fehlgeschlagen. Aber ich hab' doch nicht den Mut verloren, das wollt' ich nur sagen. Nur vorhin ist's über mich gekommen. Ich war beinahe sentimental. Nicht wahr? Ich will dir gestehen: Ich bin nahe daran gewesen, den Kopf in deinen Scho? zu legen und zu weinen. So elend war mir zumut. Und eigentlich ohne Grund. Wirklich. So tragisch ist n?mlich die ganze Sache nicht.?

Er sah dem M?dchen unsicher ins Gesicht, hustete ein paarmal verlegen und fuhr dann fort:

?Du bist der einzige Mensch, Steffi, zu dem ich Vertrauen hab'. Du bist klug und mutig und verschwiegen. Du wirst mir helfen. Vorhin war ich ein bi?chen merkwürdig, nicht wahr? Aber das war nur ein Schw?cheanfall, und jetzt ist's vorüber. Du darfst nicht glauben, da? ich mir auch nur soviel aus der ganzen Sache mache.?

?Also sag' doch endlich, was geschehen ist, Stanie,? bat das ge?ngstigte M?dchen.

Demba atmete schwer auf.

?Ich bin n?mlich –. Also kurz und gut: Die Polizei ist hinter mir her.?

?Die Polizei!? – Steffi Prokop sprang auf.

?Schrei doch nicht! Du alarmierst das ganze Haus,? mahnte Demba.

Sie beherrschte sich und zwang ihre Stimme in ein leises, gehauchtes Flüstern.

?Was hast du getan??

?Ein Verbrechen, Kind,? sagte Stanislaus Demba in gleichgültigem Ton. ?Das kann ich nicht leugnen. Aber ich bring's nicht fertig, mich zu sch?men. Ich kann ganz ruhig davon sprechen. Mein Verstand und meine Logik billigen es. Nur die Polizei ist halt dagegen.?

?Ein Verbrechen.?

?Ja, mein Kind. Ich habe drei Bücher aus der Universit?tsbibliothek einem Antiquit?tenh?ndler verkauft. Das hei?t, verkauft hab' ich nur zwei. Das dritte hab' ich heute morgen umsonst hergegeben. Schau mich doch nicht so entgeistert an. Jetzt verachtest du mich natürlich. Da hat es keinen Sinn, wenn ich weiter erz?hle.?

?Warum hast du das getan, Stanie!?

?Lieber Gott! Warum! Ich habe eine Studie über die Idyllen des Calpurnius Siculus und seine Hapax legomena geschrieben. Eine Arbeit über ein paar agrarische Fachausdrücke, die dieser Calpurnius Siculus verwendet, deren Bedeutung strittig ist und die in der übrigen r?mischen Literatur nicht vorkommen. Dazu hab' ich gewisse Quellenwerke gebraucht. Ich bekam einiges aus der Universit?tsbibliothek. Aber drei alte, wertvolle Drucke wollte mir der Kustos nicht nach Hause geben. Ich brauchte sie aber, und so trug ich sie einfach unter dem Mantel fort.?

?Und jetzt ist die Polizei –?

?Deswegen? Ach Gott, nein. Das ist jetzt über ein Jahr her. Und kein Hahn hat in der Universit?tsbibliothek nach den Büchern gekr?ht. Vielleicht, wenn sie wieder jemand verlangen würde, dann vielleicht würde man ihr Fehlen bemerken. Aber ich war seit einem Jahrzehnt der erste, der sie gebraucht hat, das hat mir damals ein Bibliotheksbeamter gesagt. Also diese drei Bücher habe ich fortgetragen. Meine Arbeit ist nach drei Monaten fertig geworden. Ich hab' sie in einer gro?en Fachzeitschrift ver?ffentlicht. Sie hat ziemlich viel Beachtung gefunden. Eine gro?e Diskussion hat sich über ein Wort, für das ich eine neue Deutung gegeben habe, entsponnen. Ich bin gelobt und bin angegriffen worden. Ich habe viel Zuschriften bekommen. Professor Haase in Erlangen und Professor Mayer in Graz haben meine Auffassung verteidigt und der berühmte Riemenschmidt in G?ttingen hat meine Untersuchung scharfsinnig genannt. Um ehrlich zu sein: Es war nicht eigentlich Scharfsinn, der mich das Richtige finden lie?. Es hat sich um Ausdrücke aus der antiken Bauernsprache gehandelt. Aber meine Eltern und Ureltern sind eben Bauern gewesen und ich bin hellsichtig in solchen Dingen.

?Bezahlt wurde mir die Arbeit so, da? Kosten für Tinte, Feder und Papier gedeckt waren, und vielleicht ein paar von den Zigaretten, die ich w?hrend des Schreibens geraucht habe. Der Dienstbotenroman, den ich übersetzt habe, tr?gt mir genau das Zw?lffache. Dafür hab' ich die Bücher behalten. Wem hab' ich sie weggenommen? Sie w?ren nutzlos und verstaubt in einem dunklen Winkel der Universit?tsbibliothek gelegen und nur der Katalog h?tte von ihnen gewu?t.?

?Aber die Polizei, Stanie! Die Polizei!? klagte Steffi Prokop verzweifelt.

?Ach Gott, die Polizei! Wenn's nichts anderes w?re, die macht mir keine Sorge, derentwegen w?r' ich nicht zu dir gekommen. Nein. Das ist es nicht. So einfach liegen die Dinge nicht. Ich will dir alles erz?hlen. Jetzt geht's viel leichter. H?r' zu.?

Aber er sprach nicht weiter, sondern trat ans Fenster, blickte hinaus und pfiff leise vor sich hin.

?Nun?? fragte Steffi Prokop.

Er drehte sich um.

?Ja. Also wo war ich stehen geblieben. Die drei Bücher, richtig. Die beiden ersten hab' ich vor einem halben Jahr verkauft. Ich hatte Schulden. Ich trug sie in die Antiquit?tenl?den in der Johannesgasse und in der Weihburggasse. Aber dort wollte man mir nichts dafür geben. Die Leute verstehen nichts. In alten Drucken legen sie ungern ihr Geld an. Einer von ihnen wollte sie nach dem Gewicht kaufen.

Ich erfuhr durch Zufall den Namen eines Bücherliebhabers in Heiligenstadt, eines Sonderlings, der halb Tr?dler, halb Sammler ist. Ich ging hin. Er verstand wirklich etwas von Büchern. Für das eine zahlte er mir fünfzig Kronen; einen Monat sp?ter, als ich wieder Geld brauchte, bekam ich für das zweite fünfundvierzig. Die Bücher waren mehr wert, besonders das zweite, aber immerhin, die Preise waren annehmbar.

Das dritte Buch wollte ich nicht verkaufen. Es war ein prachtvoller Druck, siebzehntes Jahrhundert, eine Ausgabe des Calpurnius Siculis aus der Offizin Enschede & S?hne in Amsterdam mit Interpolationen, Glossen und Marginalien und einem Titelblattkupfer, den Aart van Geldern gezeichnet hat. Der Einband war mit vier Halbedelsteinen und einer Elfenbeinschnitzerei verziert, die einen ziemlichen Wert besa?en.

Das Buch wollte ich behalten. Ich hab' es auch nicht hergegeben, die ganze Zeit über und wenn ich noch so sehr in Geldnot war. Und in Geldverlegenheit war ich fast immer. Einmal im J?nner ist es mir so schlecht gegangen, da? ich in der strengsten K?lte meinen Winterrock ins Leihhaus tragen mu?te. Aber das Buch hab' ich doch nicht hergegeben.

Bis ich gestern das von der Sonja h?rte. Das mu? ich dir auch erst wieder erz?hlen. Ich erz?hle dir alles. Ich bin so müde, Steffi, und es tut mir wohl, alles zu erz?hlen. Da? wir uns in der letzten Zeit ?fters gestritten haben, die Sonja und ich, das wei?t du. Es war nicht mehr ganz so wie früher. Aber ich legte dem keine Bedeutung bei, ich wu?te, da? Sonja manchmal ihre Launen hatte. Auch mit dem Weiner lie? ich sie ruhig verkehren. Bei mir ist das eine Art Hochmut. Kann mir dieser Weiner irgend etwas wegnehmen? – dachte ich. Dieser Weiner mir? Er ist ein aufgeblasener Hohlkopf. Ich habe noch nie ein Wort oder einen Gedanken aus seinem Mund geh?rt, auf den einzugehen es sich verlohnt h?tte. Dabei ist er feig und hinterh?ltig und selbstsüchtig. Ich dachte mir: sie mag selbst darauf kommen, wieviel der Kerl wert ist.

Nun, und gestern kam ich abends in ihre Wohnung. Sie war nicht zu Hause. Aber auf dem Tisch stehen zwei gepackte Reisetaschen. Ich frage die Quartierfrau. ?Ja, das Fr?ulein verreist.? ?So,? sag' ich. ?Wohin denn?? Ja, das wisse sie nicht. Ich war ganz erstaunt. ?Für den Urlaub ist's ja noch viel zu früh,? denk' ich mir. Und au?erdem h?tt' sie mir doch was davon gesagt. Und wie ich mich im Zimmer umschau, seh' ich ein Schreibtischfach offen und drin liegt ein gro?es Kuvert ganz obenauf von der Firma Cook & Son.

Ich nehm' es und mach' es auf. Da sind die beiden Fahrscheinhefte drin. Eines auf ihren Namen und eines auf: Georg Weiner, stud. jur.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ich glaub', so ist einem zumute, wenn man überfahren wird oder einen Nervenchock bekommt. Wie ich aus der Wohnung hinausgekommen bin und die Treppe hinunter, wei? ich nicht. Eine halbe Stunde lang bin ich in den Gassen, die um Sonjas Wohnung liegen, herumgeirrt, wie ein Fremder und konnte mich nicht zurechtfinden, obwohl ich in diesem Stadtteil wie zu Hause bin.

Dann bin ich wieder ein bi?chen ruhiger geworden und hab' die Sonja gesucht. Zuerst im Kaffeehaus. Die Sonja geht fast t?glich ins Kaffeehaus, das ist etwas, was mir nie an ihr gefallen hat. Ich hab' ihr das oft gesagt: eine Frau soll nicht ins Kaffeehaus gehen. Zu einer Frau soll man vier Treppen hoch steigen müssen, mit klopfendem Herzen mu? man an ihrer Tür l?uten. Und dann soll man sie erst nicht zu Hause antreffen und umsonst gekommen sein. Wenn man dann entt?uscht die Treppe hinuntergeht, dann fühlt man erst, da? man sie liebt. Aber eine Frau, die man, so oft man Lust hat, sie zu sehen, in seinem Kaffeehaus vorfindet, so sicher, wie den ?Simplizissimus? oder das ?Tagblatt?, die verliert an Wert und wird Alltag.

Die Sonja also hat vier Kaffeeh?user, in denen sie verkehrt. Zwischen neun und zehn ist sie meist im Café Kobra, dort verkehrt sie mit ein paar Malern und Architekten. Doch gestern war sie in keinem der vier Lokale. Aber ich traf einen ihrer Bureaukollegen, der wu?te auch schon von ihrer Reise. Der hat mir best?tigt, da? sie mit dem Weiner nach Venedig fahren will.

Um zehn Uhr war ich nochmals bei ihr in ihrer Wohnung, aber sie war noch immer nicht zu Hause. Bis ein Uhr bin ich vor ihrem Haus auf und ab gegangen. Sie kam nicht, und als es eins wurde und sie noch immer nicht da war, sah ich ein, da? es keinen Zweck hatte, l?nger zu stehen. Der Weiner hat ein Absteigquartier in der Liechtensteinstra?e, dort h?tte ich warten müssen.

Ich hatte inzwischen Zeit genug gehabt, über die Sache ruhig nachzudenken. über Sonjas Beweggründe. An dem Georg Weiner selbst konnte sie nichts finden, das war klar. Gar nichts. Er ist eine niedere Menschenform. Da? er manchmal Poker spielt, ist die einzige geistige Regung, die ich hie und da an ihm beobachtet habe, und auch da verliert er zumeist. Du kennst ihn nicht, aber ich hab' immer, so oft ich ihm begegnet bin, schon vorher, lang eh' ich gewu?t hab', wer das ist, immer hab' ich ganz unwillkürlich den Gedanken gehabt: ?Dieser Mandrill hat doch eigentlich einen ganz menschen?hnlichen Gang?. Wei?t du, nicht aus Geh?ssigkeit, sondern ich war wirklich erstaunt, da? er so gut aufrecht gehen konnte, und dachte mir, das mu? ihm doch gro?e Mühe machen, warum plagt er sich so und geht nicht einfach auf allen vieren? Also der Mandrill will mir jetzt die Sonja wegnehmen. Es ist eigentlich zum Lachen. Und doch geht sie mit ihm. Das kann nur die Aussicht auf die Reise sein. Reisen machen, das ist Sonjas gro?e Leidenschaft. Sie m?chte die Welt sehen, wie und mit wem, das ist ihr gleichgültig, sie ginge als Stewarde? auf ein Schiff, wenn man sie n?hme, sie ginge als Lokomotivführer oder als Handgep?ck, wenn es nicht anders zu machen ist. Ganz kindisch ist sie in diesen Dingen. Sie hat mich früher oft gebeten, mit ihr zu fahren, aber ich habe niemals die paar hundert Kronen gehabt, die eine Reise gekostet h?tt'. Der Georg Weiner hat das Geld. Sein Vater ist ein Lederh?ndler in der Leopoldstadt. Und das war mir klar: wenn ich heute dreihundert Kronen aufbringe, so l??t sie den Weiner sofort stehen und f?hrt mit mir.?

?Stanie!? sagte Steffi Prokop. ?Ist das dein Ernst??

?Natürlich.?

?Wie kannst du nur so von ihr denken? Wie kannst du glauben, da? es sich ihr nur um Geld oder um eine Reise oder um sonst etwas handelt. Sie hat ihn gern. Sie will mit ihm allein sein.?

Stanislaus Demba lachte.

?Mit ihm? Mit dem Georg Weiner? Man sieht, da? du ihn nie gesehen hast.?

?Stanie, du bist so klug und doch denkst du wie ein Kind. Frauen sind anders, als ihr M?nner. Euch st??t e

s ab, wenn eine h??lich ist. Aber eine Frau kann einen Mann liebhaben, auch wenn er bucklig ist oder entstellt oder dumm. Gerade, weil er so dumm ist, kann eine Frau einen Mann liebhaben. Das verstehst du nicht. Nie wird die Sonja mit dir fahren, und wenn du die Brieftasche voll Tausendguldennoten hast.?

?So,? sagte Demba. ?Du wei?t es natürlich besser. Und ich sag' dir, sie wird mit mir fahren. Ich war bei ihr und hab' mit ihr gesprochen.? – Demba lehnte sich in seinen Sessel zurück und geno? seinen Triumph.

?Wirklich? Hat sie dir das gesagt?? fragte Steffi.

?Jawohl.?

?Dann tut sie mir leid,? sagte Steffi Prokop leise und verzagt. ?Erz?hl' weiter.?

?Ja. – Also wie ich drüber nachdenk', woher ich das Geld nehmen soll, da ist mir das Buch eingefallen. Das Buch ist viel Geld wert. Vielleicht sechshundert oder achthundert Kronen.

Ich bin nach Hause gegangen, hab' mich aber nicht zu Bett gelegt. Ich bin die ganze Nacht aufgeblieben und hab' in dem Buch gelesen. Von jedem kleinen Holzschnitt hab' ich Abschied genommen. Mein Herz hing an dem Buch. Und heute, zeitlich morgens, hab' ich's nach Heiligenstadt getragen.

Der H?ndler wohnt in der Klettengasse 6. Man f?hrt durch die Heiligenst?dter Stra?e, steigt bei der dritten Haltestelle aus, biegt in die erste Seitengasse links ein und hat dann noch etwa vier bis fünf Minuten zu gehen. Er wohnt in einem kleinen, zweist?ckigen Vorstadthaus mit einer ganz schmalen Zwei-Fenster-Front. Obwohl ich schon vorher dort gewesen war, fand ich es lange nicht, erst, als ich zum drittenmal vorüberging. Es mu? irgendwo in der N?he eine Brauerei sein, denn die ganze Gasse ist erfüllt von dem unangenehmen, dumpfen Malzgeruch, den ich nicht vertragen kann. Er macht mich wütend.

Dann ging ich in den ersten Stock hinauf und hielt mir mit der Hand die Nase zu, denn der Malzgeruch verfolgte mich auch ins Haus hinein und bis auf die Treppe.

Ich l?utete, mu?te eine Weile warten, l?utete noch einmal, und dann h?rte ich Schritte und eine Stimme: ?Ja, ja. Ich komme schon.? Dann machte der Alte selbst die Türe ein klein wenig auf und schaute durch den Spalt. Er erkannte mich und nahm die Vorlegkette ab. Ich trat ein und er führte mich in sein Arbeitszimmer.

Dieses Arbeitszimmer ist der merkwürdigste Raum, den ich je gesehen habe. Schlafzimmer, Kontor, Museum, Magazin zu gleicher Zeit und scheinbar auch Atelier – der Kerl restauriert auch Bilder. Das edelste Kunstmobiliar und der erb?rmlichste Tr?del stehen wüst durcheinander. Zum Beispiel, da ist ein Schrank aus Nu?holz, vielleicht Frühbarock, mit wundervollen, dunkeln Stabeinlagen, aber seine Kleider hat der Alte nicht in diesem Schrank, sondern in einem halbzerbrochenen, deckellosen W?schekorb. Ein sch?nes, geschnitztes Bett mit Blattwerk und einem adeligen Wappen, das früher einmal vergoldet gewesen sein mu?, steht im Zimmer, aber sein Besitzer schl?ft auf einer schmutzigen, roten Matratze, die in einem Winkel auf dem blo?en Erdboden liegt. Ein franz?sischer Eichenschreibtisch mit Rosenholzbelag ist da, aber der Alte arbeitet an einem wackligen Tisch, auf dem ein schlechtes, gl?sernes Tintenfa? steht. Dort liegt auch seine Lupe und ein Haufen Papier und sein Gesch?ftsbuch, in das er die Ein- und Verk?ufe eintr?gt. Und überall im Zimmer liegen und stehen Silberleuchter herum und alte Drucke und Kristallgl?ser und Porzellanfiguren. Auch ein ?Heiliges Grab? aus Ebenholz und Perlmutter steht in der Ecke. Das mu? er billig gekauft haben und er m?chte es wahrscheinlich rasch wieder verkaufen, denn er ist ein galizischer Jud und hat an dem ?Heiligen Grab? sicher keine rechte Freude.

So sieht's in seinem Arbeitszimmer aus. Man bekommt das Gefühl der Nichtigkeit und Wertlosigkeit alles Sammelns. Es sind die sch?nsten, wertvollsten Stücke da, und doch sieht das Zimmer trostlos aus, und das Loch einer siebenk?pfigen Tagl?hnerfamilie mit zwei Bettgehern ist stilvoller.

In das Zimmer also führt er mich, fragt nicht viel und nimmt mir das Buch gleich aus der Hand. Er bl?ttert darin herum, nickt mit dem Kopf, sieht's durch die Lupe an und fragt: ?Woher haben Sie das?? Ich sage: ?Aus einer Auktion.? Er nickt wieder, setzt sich und f?ngt an, in dem Buch zu studieren. Dann fragt er: ?Warum verkaufen Sie das Buch? Nur weil Sie brochen Geld?? Er fragt das mit so einem galizischen Akzent, ich kann aber den Ton nicht nachahmen. Du kennst ja die Leute. Ich überlegte rasch, da? er mir mehr bieten werde, wenn ich nicht als armer Teufel vor ihm dastehe und sag' deshalb: ?Nein. Mich freuen alte Drucke nicht mehr. Ich hab' mich jetzt ganz auf die Keramik geworfen. Kacheln, wissen Sie??

Ich wei? nicht, warum mir gerade Kacheln einfielen. Ich h?tte ebensogut sagen k?nnen: Limousiner Email oder Satsumavasen oder andere Dinge, die ich nur aus den Museen und Ausstellungen kenne.

Er nickt mit dem Kopf, geht zu dem W?schekorb und wühlt eine Weile in den alten Kleidern herum. Dann bringt er eine alte persische Fayancefliese zum Vorschein: Einen J?ger auf einem Schimmel mit einem gro?en, blauen Turban auf dem Kopf und einem Falken auf der Faust. Er reitet über ein Tulpenbeet und der Schimmel hebt die Beine so steif, als wü?te er ganz genau, da? er keine von den Tulpen zertreten dürfte.

?Was wollen Sie dafür?? frag' ich ihn. Aber er macht nur eine abwehrende Bewegung mit der Hand, und legt die Kachel wieder zurück in den W?schekorb. Er hat sich von mir nicht t?uschen lassen. Er hat sofort erkannt, da? ich ein armer Teufel bin, der Geld ?brocht?.

Dann bl?ttert er wieder in dem Buch und fragt: ?Was wollen Sie dafür??

?Sie müssen wissen, was es wert ist,? sag' ich.

Er wackelte mit dem Kopf, kniff die Augen zu und begann wieder in dem Buch zu bl?ttern. Er trug einen wei?en Spitzbart, aber man sah trotzdem, da? er kein Kinn hatte. Das wei?t du doch: manchen Menschen fehlt das Kinn. Das Gesicht geht unter dem Mund gleich in den Hals über. Sie sehen aus wie Hühner. Auch der Weiner geh?rt zu diesen Menschen. Sie tragen entweder einen Vollbart, dann sieht man es weniger, oder, wenn sie glatt rasiert sind, dann sehen sie stupid aus. Ich glaube, das ist ein Atavismus. Zwischen der zweiten und dritten Eiszeit sollen die Menschen so ausgesehen haben. – Nein, das ist kein Witz, ich hab' das wirklich einmal in einem Aufsatz über den pr?historischen Menschen gelesen. Mir sind Leute ohne Kinn sehr zuwider. Und wie ich den Alten anschau', kommt mir der verrückte Gedanke, da? vielleicht ein Geheimbund aller dieser Kinnlosen besteht gegen die übrige Welt, da? sie zusammenstehen, und da? vielleicht der alte Tr?dler mit dem Georg Weiner im Einverst?ndnis ist und mir nur eine Bagatell für das Buch zahlen wird, damit ich nicht mit der Sonja nach Italien fahren kann.

Du h?ltst mich jetzt für verrückt, weil ich dir das sage. Ich wu?te natürlich sehr gut, da? das Unsinn war, es war eben nur so ein Gedanke. übrigens wurde ich sofort sehr angenehm entt?uscht. Er bot mir zweihundertunddrei?ig Kronen für das Buch und wir einigten uns auf zweihundertvierzig. Das war mehr, als ich erwartet hatte. Denn du mu?t wissen, alte Drucke werden elend bezahlt, weil sich die Sammler weit weniger für sie interessieren, als für andere Antiquit?ten. Zweihundertundvierzig Kronen sind ein ganz annehmbarer Preis und ich war zufrieden.

Er ging in das andre Zimmer, um das Geld zu holen, kam aber gleich wieder zurück und fing an, nerv?s herumzusuchen. Er rückte die Stühle von ihrem Platz, kramte in der Tischlade und wühlte im W?schekorb. Dann sagte er, er f?nde den Schlüssel zu der Kassette nicht, in der er sein Geld verwahrt hielte. Es bliebe nichts anderes übrig, als einen Schlosser kommen zu lassen. Ich m?ge ein bi?chen warten oder ich k?nne auch fortgehen und in einer halben Stunde wiederkommen. Ich sagte, ich z?ge vor, zu warten, aber er solle sich beeilen.

Er ging nochmals ins Nebenzimmer und ich h?rte ihn mit jemandem sprechen und gleich darauf kam er mit seinem Neffen zurück, einem mageren Burschen mit Korkzieherlocken, der ging angeblich um den Schlosser. Ich war ein Narr, da? ich darauf einging. Wenn ich gesagt h?tte, ich k?nne nicht warten und darauf bestanden h?tte, das Geld sofort zu bekommen, w?re die Sache wahrscheinlich anders ausgegangen.

Aber ich blieb und der Alte zeigte mir inzwischen ein paar seiner Sachen: Einen Senftiegel aus Kupferemail, eine buntbemalte Holzfigur, eine Delfter Vase mit Landschaften und ein sch?nes, altes Damennecessaire aus Karneol, das Scheren, Stichel und allerlei kosmetische Instrumente enthielt, auch einen Zirkel merkwürdigerweise, ich erinnere mich, da? ich mir lange den Kopf zerbrach, zu welchem Zweck eine kleine Modepuppe aus dem achzehnten Jahrhundert einen Zirkel mit sich geführt haben mochte. Ich mu?te ziemlich lange warten, aber ich wurde nicht mi?trauisch. Das h?ngt damit zusammen, da? ich niemals auch nur eine Stunde lang das Empfinden hatte, ein Verbrechen zu begehen. Was ich tat, ist so ganz unmerklich, so nach und nach ein Verbrechen geworden. Ich hab' das Buch aus der Universit?tsbibliothek nach Hause genommen. Aber das war mir nie wie ein Diebstahl vorgekommen, eher wie ein Schabernack, den ich dem dummen Kustos spielte, ich hatte es ja mit dem Vorsatz getan, das Buch zurückzubringen, sobald ich es nicht mehr brauchte. Dann hatte ich es lange Zeit bei mir liegen gehabt, aber entliehene Bücher gibt man doch selten zurück; Bücher sind gleichsam vogelfrei. Man l??t den Besitzer ein halbes Dutzendmal mahnen und schlie?lich gibt er's auf, weil es ihm zu dumm wird, oder weil er's vergi?t. Leute, die sonst sehr rechtlich und ehrlich sind, legen sich auf die Art eine Bibliothek an. Und mich hat niemand gemahnt, das Buch lag immer in meinem Zimmer, t?glich hatte ich's in der Hand, und auf einmal war es ganz unmerklich mein Eigentum geworden. Mit dem besten Gewissen der Welt trug ich es zum H?ndler. Den Bibliotheksstempel hatte ich l?ngst ausgemerzt; auch nicht in einer betrügerischen Absicht, sondern eher so, wie man das Exlibris irgendeines früheren Besitzers entfernt, einfach weil es einem nicht gef?llt. Der alte Tr?dler mu? aber doch Spuren des Bibliothekstempels mit der Lupe gefunden haben. Es kann auch sein, da? er schon bei dem Buch, das ich ihm ein paar Monate zuvor verkauft hatte, Lunte gerochen hat. Kurz und gut, es l?utete, der Alte ging ?ffnen und kam mit zwei M?nnern ins Zimmer zurück. Er sagte: ?Das ist er? und deutete auf mich, und einer von den beiden legte mir die Hand auf die Schulter und sagte: ?Im Namen des Gesetzes.?

Ich konnte mir in diesem Moment furchtbaren Erschreckens gar nicht zurechtlegen, was mir da geschah. Ich hatte nur ganz dunkel die Empfindung, da? der alte Jude mich übert?lpelt hatte. Sein kinnloses Gesicht machte mich pl?tzlich toll vor Wut, und ich fuhr ihm mit beiden H?nden in den Bart. Die beiden Polizisten warfen sich augenblicklich auf mich und rissen mich zurück, und der eine von ihnen sagte: –

Um Gotteswillen, sieh doch nicht so verst?rt drein, Steffi! Wenn ich ruhig bin, so kannst du auch ruhig bleiben. Schlie?lich ist die Sache doch mir passiert und nicht dir. – Willst du, da? ich nicht weiter erz?hl'? – Also.

Wo war ich stehen geblieben? Ja. – Der eine der beiden Polizisten sagte: ?Sie, exzedieren Sie nicht und kommen Sie ruhig mit.? Und der andere sagte: ?Mir scheint, er will Handschellen.? – Da lie? ich mich abführen.

Als wir durch die Glastür ins Vorzimmer gingen, blickte ich zurück und sah den Tr?dler, der seelenruhig an seinem Tisch sa? und weiterschrieb. Was mit mir geschah, kümmerte ihn nicht weiter. Diese Gleichgültigkeit brachte mich aufs neue in Raserei. Ich wollte mich auf ihn stürzen, aber die beiden Polizisten hielten mich fest. Es kam zu einer Balgerei, zwei Sessel fielen um und die Glastür ging in Splitter. Aber sie waren zu zweit st?rker als ich und wurden schlie?lich mit mir fertig.

Sie gaben mir meinen Mantel zu tragen und führten mich die Treppe hinunter. Einer ging vor, einer hinter mir. Die Treppe war schmal und gewunden, und man mu?te vorsichtig von Stufe zu Stufe gehen, da es in dem alten Haus ziemlich finster war. Pl?tzlich glitt der Mann, der hinter mir ging, aus und fiel zu Boden. Und im n?chsten Augenblick gab ich dem andern mit beiden H?nden einen Sto? in den Rücken, da? er sieben oder acht Stufen hinunterstolperte. Dann rannte ich die Treppe hinauf. Ich wei? nicht, wie es kam, aber ich hatte sofort einen Vorsprung von einem ganzen Stockwerk. Ich rannte weiter in den zweiten Stock und auf den Dachboden. Ich hatte durchaus keinen wirklichen Fluchtplan, keine eigentliche Absicht, keinen bestimmten Vorsatz. Es war alles Instinkt. Ich wollte blo? frei sein, die beiden M?nner los sein, einen anderen Gedanken hatte ich nicht.

Die Tür zur Dachkammer stand halb offen. Ich trat ein, zog den Schlüssel ab und sperrte von innen zu.

Es war ein enger Raum mit zwei Türen, deren jede in eine ebenso enge Kammer führte. Alle drei R?ume waren mit Gerümpel angefüllt. Zerbrochene M?bel, Bretter, Strohs?cke lagen herum. Ich suchte nach einem Versteck. Es gab ihrer mehrere, aber, wo immer ich mich verborgen h?tte, in ein paar Minuten h?tte man mich gefunden. Ich sah keine M?glichkeit von hier zu entkommen und die beiden Polizisten arbeiteten schon an der Türe.

Und jetzt kam pl?tzlich die Verzweiflung über mich. Bis jetzt war ich unf?hig gewesen, zu denken. Und nun kam es mir zum Bewu?tsein, was mir bevorstand. Ich sah mich in eine Zelle gesperrt. Ich bin vom Land, wei?t du. Schon in der Stadt ist's mir zu eng. In einer Zelle k?nnt' ich gar nicht atmen. Und nun: ich werde behorcht und belauert werden. Werde aufstehen müssen, wenn man mich aufstehen hei?t. Mitgehen müssen, wenn man mir befiehlt, mitzugehen. Werde Rede stehen und Antwort geben müssen, wenn man mich fragt. Mu? essen und schlafen und arbeiten, wenn es andern beliebt, mich essen, schlafen, oder arbeiten zu lassen. Das ist nicht zu ertragen! Und gestern war ich noch frei, konnte machen, was mir beliebte, konnte hunderterlei Dinge unternehmen. Pl?ne schossen mir in diesem Augenblick durch den Kopf, die ich jahrelang mit mir herumgeschleppt und niemals ausgeführt hab'. Zwecklose und unwichtige Dinge: da? ich noch niemals ein Glas Bier durch einen Strohhalm ausgetrunken hab', fiel mir wie eine brennende Sünde ein; es hei?t, da? man davon betrunken wird, und ich hab' es noch niemals ausprobiert. Dann, was ich schon lange vorgehabt habe, irgendeinem fremden Menschen auf Schritt und Tritt nachzugehen, um zu sehen, was er treibt, wie er sein Brot verdient und wie sein Tag verl?uft. Da? ich mich h?tte heute auf eine Bank im Stadtpark setzen und auf Abenteuer warten und irgendein M?dchen mit einer tollen, erfundenen Geschichte erschrecken k?nnen, da? ich schon immer einmal den Bauernf?ngern beim Bukispielen hatte zuschauen wollen, – alles das scho? mir durch den Kopf, alles das h?tte ich noch gestern tun k?nnen, unwichtige Dinge, gewi?, l?cherliche Dinge, aber es war die Freiheit. Und ich sah, wie reich ich gewesen war bei all meiner Armut, da? ich Souver?n meiner Zeit gewesen war, es wurde mir deutlich, wie nie zuvor, was das zu bedeuten hat: Freiheit. Und jetzt war ich gefangen, war ein Str?fling, die Schritte, die ich in der engen Dachkammer zwischen dem Gerümpel machte, waren meine letzten freien Schritte. Mir schwindelte, es gellte mir in den Ohren: Freiheit! Freiheit! Freiheit! Das Herz wollte mir bersten vor dem einen Wunsch: Freiheit! Nur noch einen Tag Freiheit, nur noch zw?lf Stunden Freiheit! Zw?lf Stunden! – und dabei h?rte ich die Polizisten am Türschlo? arbeiten, gleich waren sie da, es gab keine Rettung, und da beschlo? ich, mich nicht fangen zu lassen und lieber zu sterben – Sei ruhig, Steffi, Vorwürfe haben doch jetzt gar keinen Sinn.

Ich trat ans Fenster. Unten lag ein Garten. Ein bi?chen Rasen, blühende Fliederbüsche, ein paar Rondellen mit Blumen, Fuchsien vielleicht oder Stiefmütterchen oder Nelken. Und dazwischen ein Baum. Aus einem offenen Fenster t?nte die Musik eines Grammophons: Prinz Eugenius, der edle Ritter.

Und das Lied machte mir Mut. Ich fa?te den Entschlu? bei den Worten: Stadt und Festung Belgerad, bei ?Belgerad? wollte ich – wollte ich hinunter. Ich schlo? die Augen, und dann kam ?Belgerad? viel zu bald, und ich verschob es bis: ?Brucken?, ?er lie? schlagen eine Brucken.? Und im n?chsten Augenblick schob ich es nochmals hinaus bis: ?Hinüber rucken?, ?hinüber?, ja dabei blieb es, das war das richtige Stichwort, wie ein Kommando. Ich beugte mich weit hinaus, die Sonne schien mir auf den Kopf, und ich schlürfte die letzten Sekunden mit Wollust, und dann kam's: Hinüber. Ich gab mir einen Ruck, verlor den Halt, ich h?rte noch, wie die Glocke vom Kirchturm her neun Uhr zu schlagen begann, und dann –?

?Und dann?? schrie Steffi Prokop. Sie hatte Demba an der Schulter gepackt und starrte ihn mit aufgerissenen Augen an.

?Nichts,? sagte Demba. ?Ich verlor das Bewu?tsein.?

?Gleich verlorst du das Bewu?tsein?? hauchte das M?dchen, bleich vor Entsetzen.

?Nein. Gleich nicht. Ich glitt das Schieferdach hinunter, das wei? ich noch. Und dann schossen zwei Schwalben aus ihrem Nest neben der Dachluke. Es war mir auch, als ob ich einen Schrei h?rte, und ich hatte im gleichen Augenblick einen seltsamen, seit Jahrzehnten nicht mehr gefühlten Groll wegen meiner Mutter. Einmal n?mlich, vor vielen Jahren, als ich ein kleines Kind war, hat mich meine Mutter auf die Erde fallen lassen. Und damals hatte ich ein Gefühl, halb Angst, da? ich mir etwas tun würde, halb kindischen Zorn, weil meine Mutter so schrie. Und das gleiche Gefühl hatte ich jetzt wieder. Aber gleich darauf verlor ich das Bewu?tsein. Wahrscheinlich bin ich im Fallen mit dem Kopf irgendwo angeschlagen, an der Mauer des Hauses vielleicht, oder an der Dachrinne.

Als ich wieder zu mir kam, wu?te ich nicht, was geschehen war. Ich bemühte mich, zu denken. Es ging nicht. Ich konnte keinen Gedanken fassen. Es war qualvoll. Aber dann pl?tzlich ging's wieder. ?Wer bin ich eigentlich?? fragte es in meinem Kopf. Nicht so deutlich, nicht so in Worten, wie ich es dir jetzt sage, sondern solch qu?lendes Haschen und Tasten war es nach irgendeinem festen Punkt in der wüsten Leere. Dann wu?te ich wieder, wer ich war, und fragte mich nur: ?Wo bin ich denn?? Und es kamen Antworten: ?Zu Hause in meinem Bett, der Miksch – das ist mein Zimmerkollege – wird gleich kommen, aufstehen!? Und dann wieder: Im Klassenzimmer der Quinta auf meinem Platz in der vorletzten Bank. Nein, wie kann einem das nur passieren, da? man bei hellichtem Tag im Kaffeehaus einschl?ft! Mit einemmal aber konnte ich alles ringsum mich her erkennen, das Buschwerk, den Baum, die H?user drehten sich im Kreis, ich erinnerte mich an den alten Tr?dler, an den Senftiegel aus Kupferemail und an die beiden Polizisten, und ich wu?te pl?tzlich genau, was geschehen war und wo ich mich befand.

Das Grammophon aber spielte noch immer, und noch immer hielt es bei: Hinüber rucken. Vom Kirchturm her hallten die Glockenschl?ge, neun Uhr. Das Ganze: der Sturz, die Ohnmacht und das Haschen nach Bewu?tsein hatte zusammen nicht l?nger als zwei Sekunden gedauert.

Der Kopf tat mir entsetzlich weh. Ich versuchte trotzdem aufzustehen. Es ging. Neben mir lagen zwei zerbrochene Zweige. Ich war durch das Astwerk des Nu?baums gefallen, und das hatte die Wucht des Sturzes gemildert. Ich versuchte zu gehen. Auch in den Beinen spürte ich jetzt einen leichten Schmerz. Wahrscheinlich habe ich ein paar Hautabschürfungen davongetragen.

Ich blickte mich um. Kein Mensch war sichtbar. Niemand hatte mich gesehen. Nur eine Katz rannte in hastiger Flucht quer durch den Garten. Die beiden Polizisten plagten sich wahrscheinlich noch immer mit dem Türschlo? der Dachkammer.

Die Kopfschmerzen vergingen. Mein Mantel und mein Hut lagen neben mir auf der Erde. Ich raffte beide auf. Auch meine Brille, die merkwürdigerweise nicht zerbrochen war. Ich bemerkte, da? ich auf einen Sandhaufen gefallen war, und bürstete mir den Rock und die Hosen ab, so gut ich konnte. Dann ging ich durch den Gang und das offene Haustor hinaus, ohne einem Menschen zu begegnen, bog in die Gasse ein und war frei!?

Stanislaus Demba erhob sich und lie? sich langsam wieder nieder. Er blickte auf den Boden und dachte nach. Dann sagte er:

?Bis auf die Handschellen.?

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