MoboReader > Literature > Zwischen neun und neun

   Chapter 6 No.6

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 8491

Updated: 2017-12-04 00:03


?Dreizehn vier sechsundfünfzig! – Nein, Fr?ulein, dreizehn vier sechsundfünfzig. Sechsundfünfzig, Fr?ulein! Sechsundfünfzig! Sieben mal acht. – Ja. – Wer dort, bitte? Ja? – Ich bitte, kann ich vielleicht mit Fr?ulein Prokop sprechen? Prokop. Pro–kop. Steffi Prokop. Ja. Ich werde warten.?

?Steffi? – Ja? – Endlich! Gott sei Dank! Eine Viertelstunde lang hab' ich keine Verbindung bekommen. Hier Stanislaus Demba. – Ja. – Grü? dich Gott. Steffi, h?r' zu: Ich habe mit dir zu sprechen. Wom?glich gleich. Geht's nicht? Lieber Gott, erst mittag? Geht es nicht doch jetzt, vielleicht l??t dich dein Chef – nein? Herrgott, hat sich heut alles gegen mich verschworen? Also mittag, in Gottesnamen. Sind wir dann wenigstens allein? Ungest?rt? Gut. Ich werde kommen. – Das kann ich dir durchs Telephon nicht sagen. Ja, natürlich werd' ich dir's erz?hlen, deswegen komme ich ja zu dir. Nein, durchs Telephon geht's wirklich nicht. Es steht einer drau?en und h?rt jedes Wort, und ist schon sehr ungeduldig, weil er so lange warten mu?. Ich l?ut' jetzt ab. Also um zw?lf Uhr. – Nach zw?lf. – Gut. – Gut. Grü? dich Gott, Steffi!?

Stanislaus Demba trat auf die Stra?e und lie? einen kleinen, dicken Herrn, der ihn wütend anblickte und unverst?ndliche Beleidigungen murmelte, in die Telephonzelle. Als er ein paar Schritte gegangen war, wurde er von der andern Seite der Stra?e angerufen.

?Grü? Sie Gott, Demba! Wohin des Wegs? Warten Sie, ich komme ein Stück mit Ihnen.?

Demba wartete. Willy Eisner kam herüber.

Demba nickte ihm flüchtig zu.

?Was ist denn mit Ihnen? Sind Sie denn nicht mehr in Ihrer Bank, da? Sie vormittags spazieren gehen k?nnen?? fragte er.

Willy Eisner machte einen Zug aus seiner Zigarette und blies den Rauch von sich.

?Doch,? sagte er. ?Glauben Sie, die Bank lie?e mich gehen? Aber ich komme eben von der B?rse. Ich hatte dort zu tun.?

Willy Eisner flunkerte gern. Er war ein kleiner Beamter in der Zentralbank und in der Revisionsabteilung besch?ftigt. Mit dem B?rsengesch?ft der Bank hatte er nichts zu tun. Er war vielmehr damit betraut gewesen, einen Kassenboten, der einen gr??eren Geldbetrag bei sich trug, auf seinem Gang zu begleiten, und hatte nach Erledigung dieses Auftrages der Versuchung, ein bi?chen über die Ringstra?e zu promenieren – die Glacéhandschuhe in der rechten, das St?ckchen in der linken Hand – nicht widerstehen k?nnen. Willy Eisner fühlte sich in seinem Bureau nicht an dem richtigen Platze. Er beneidete alle, die in einem freien Beruf t?tig und nicht an bestimmte Bureaustunden gebunden waren. Advokaten, Künstler, Handelsagenten. Als sein Lebensideal schwebte ihm das Dasein eines Menschen vor, der morgens gem?chlich seine Post durchsieht, dann ins Kaffeehaus geht und im bequemen Fauteuil zurückgelehnt, die Zigarette im Mund, ein Gl?schen Lik?r vor sich auf dem Marmortisch, das Stra?engetriebe betrachtet. Der mittags zur Korsozeit auf dem Graben flaniert, gerade so lange, als es ihn freut, Bekannte sieht und gesehen wird, zu Freunden mit gelangweilter Miene ein paar Bemerkungen über die eleganten Damen macht, dann ohne Hast zu Mittag speist und schlie?lich nachmittags an seinem Schreibtisch ein paar wichtige Gesch?fte erledigt. – Willy Eisner jedoch war gen?tigt, von acht bis halb eins und von zwei bis halb sechs in einem Raum, den er mit acht Kollegen teilte, ununterbrochen Rechnungen und Ziffern zu vergleichen und richtig befundene Posten mit einem kleinen Bleistifth?kchen zu versehen.

Er sprach langsam und in gesuchten Wendungen, schaltete nach einzelnen Worten eine kleine Pause ein, um sie zu voller Wirkung zu bringen und war überzeugt, da? ihm alle Welt mit Aufmerksamkeit zuh?rte, wenn er es für gut fand, eine ?u?erung zu machen.

?Ich habe meine Wohnung aufgeben müssen. Eine wirklich sch?ne Wohnung. Aber sie war mir ein bi?chen zu eng geworden – ich brauchte einen Raum für meine Bibliothek –?

?Entschuldigen Sie,? sagte Stanislaus Demba. ?Sie müssen ein bi?chen schneller gehen, ich habe wenig Zeit.?

?Es tut mir leid um die Wohnung,? sagte Eisner und setzte sich in Trab. ?Ich habe angenehme Stunden in ihr verbracht. So viele nette M?dchen haben mich dort besucht, wirklich nette M?dchen –?

?Ich gehe jetzt in die Kolingasse,? unte

rbrach ihn Stanislaus Demba. ?Das ist wohl nicht Ihr Weg??

?In die Kolingasse? Da kann ich leider nur ein kleines Stückchen mit Ihnen gehen. Ich habe zu viel zu tun in der Bank. Wirklich zu viel zu tun. Sie müssen wissen, ich disponiere, ich repr?sentiere, ich verkehre, ich wickle Gesch?fte ab – alles.?

?So,? sagte Stanislaus Demba zerstreut.

?Gestern fragt mich der Baron Reifflingen – kennen Sie den Reifflingen? Ich speise manchmal mit ihm im Imperial – gestern fragt er mich also: Was halten Sie eigentlich von der Gleisbacher Union, haben Sie Meinung für dieses Papier? Und ich sag' ihm, lieber Baron, Sie wissen: Gesch?ftsgeheimnis! Ich habe da leider gebundene H?nde, aber –?

Stanislaus Demba blieb stehen, runzelte die Stirne und blickte seinen Begleiter an. ?Was sagen Sie da? Gebundene H?nde??

?Ja. Weil n?mlich –?

?So. Gebundene H?nde haben Sie. Das mu? unangenehm sein.?

?Wie meinen Sie das??

?Es mu? unangenehm sein,? sagte Demba mit einem h?mischen Blick. ?Gebundene H?nde! Ich stelle mir vor, da? die Fingerspitzen anschwellen infolge der Blutstauung, da? man das Gefühl hat, als ob sie bersten wollten. Dann ein Schmerz, der sich bis zur Schulter hinaufzieht –?

?Was reden Sie da??

?Ich male mir aus, wie es Ihnen zumute sein mu?, wenn Sie mit gebundenen H?nden herumlaufen.?

?Aber ich wollte nur sagen: Mit gebundenen H?nden, insoferne ich n?mlich das Interesse der Bank …?

?Genug!? schrie Demba. ?Warum reden Sie von Dingen, von denen Sie nichts wissen, bei denen Sie nichts denken und nichts fühlen. Die Worte, die Sie sprechen, kommen tot zur Welt und stinken, kaum da? sie aus Ihrem Mund sind, schon wie Aas.?

?Was f?llt Ihnen ein, so einen Krawall zu machen! Mitten auf der Stra?e. Ich hab' ihm ja schlie?lich die Auskunft gegeben. Ich hab' ihm gesagt: Wissen Sie, Baron, ich will Ihnen ja nicht abraten, ich habe selbst gekauft, aber es war eben ein Sprung ins Ungewisse. Wenn ich –?

?Was sagen Sie? Ein Sprung ins Ungewisse? Sehr gut! Ausgezeichnet. Sicher sind Sie schon einmal gesprungen. Ins Ungewisse. Nicht?? Stanislaus Demba suchte mit Anstrengung einen seiner Wutanf?lle zu unterdrücken und zwang sich, ganz ruhig zu sprechen. ?Nicht wahr, man blickt hinunter und hat anfangs gar keine Angst, man denkt sich: es mu? sein. Angst bekommt man erst – furchtbare Angst! – in der Sekunde, in der man den Halt verliert und zu fallen beginnt. Erst dann, in dieser Sekunde. Man sieht alles, was rings um einen vorgeht, doppelt deutlich. Man spürt seine Schwei?tropfen auf der Stirn. Und dann – nun, was geschieht dann? Nun??

?Ich wei? nicht, was Sie von mir wollen,? sagte Willy Eisner verwundert.

?He?? schrie Stanislaus Demba. ?Sie wissen nicht –? Wie k?nnen Sie sich dann unterstehen zu sagen: Sprung ins Ungewisse. Ich, wenn ich das sage, bekomme kalten Schwei? auf der Stirne und die Knie zittern mir. Aber Sie, Sie sagen das sicher bei jeder Gelegenheit so leicht hin und fühlen nichts dabei.?

?Jeder Mensch ist eben anders, lieber Demba,? sagte Willy Eisner. ?Es k?nnen nicht alle Ihre Phantasie haben. Ich wieder –?

?Sie haben gebundene H?nde, ich wei?. Bei Ihnen verreckt alles, was einem andern einmal blutiges Erlebnis war, zu einer blechernen Redensart. Aber versuchen Sie doch einmal sich vorzustellen, wie das ist: gebundene H?nde. Mir hat einmal getr?umt, da? ich einen widerw?rtigen Dummkopf mitten in seine glatte Visage hinein schlagen müsse, und es ging nicht! Ich hatte gebundene H?nde, wirklich gebundene H?nde, nicht durch ein Gesch?ftsgeheimnis gebunden, sondern mit Ketten an den Kn?cheln, eine Hand an die andere gebunden –?

?Haben Sie immer so lebhafte Tr?ume?? fragte Eisner, dem unbehaglich zumute wurde. ?Ich mu? mich jetzt verabschieden. Die Arbeit wartet. Grü? Sie der Himmel.?

?Was ist das?? sagte Demba und beugte sich über Willy Eisners ausgestreckte Hand.

?Ich wollte Ihnen die Hand geben, trotz Ihres, ich mu? schon sagen, eigentümlichen Benehmens, das Sie da mitten auf der Stra?e – Aber es scheint, da? Sie –? Er zuckte die Schultern und wandte sich zum Gehen.

?Sehr gut,? sagte Demba. ?Sagen Sie mal, Verehrtester, wie kann man jemandem die Hand geben, wenn man gebundene H?nde hat! M?chten Sie mir das nicht sagen??

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