MoboReader > Literature > Zwischen neun und neun

   Chapter 4 No.4

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 36669

Updated: 2017-12-04 00:03


Im Bureau der Firma Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, herrschte heute keineswegs rege T?tigkeit. Der Chef war zwar wie alle Tage am Morgen hier gewesen, hatte ein bi?chen mit dem Personal gebrummt, und speziell den Kontoristen Neuh?usl, der sich um eine volle halbe Stunde versp?tet hatte, für den n?chsten Ersten die Kündigung in Aussicht gestellt. Hatte dann in seinem Privatkontor eine heftige Auseinandersetzung mit dem Reisenden Zerkowitz gehabt – ?In Wien spazieren gehen, dafür zahl' ich Sie nicht! F?llt mir nicht ein!? hatte man ihn schreien geh?rt. – Schlie?lich hatte er dem Fr?ulein Postelberg unter fortw?hrendem Husten und R?uspern zwei Briefe diktiert, und dazwischen über den Kohlenstaub in den Stadtbahnzügen geschimpft. Dann aber war er mit der Bemerkung fortgegangen, da? er in einer Stunde wahrscheinlich wieder da sein werde; aber die Drohung machte auf keinen seiner Angestellten Eindruck. Man wu?te, da? er mit dem Zehnuhrzug nach Kottingbrunn fahren wollte, wo nachmittag das Rennen stattfand.

An solchen Tagen pflegten die Bureaustunden im Hause Oskar Klebinder, Modewestenstoffe en gros, gemütlich und angenehm zu verlaufen. Denn der Buchhalter Braun, der den abwesenden Chef zu vertreten hatte – Mister Brown wurde er von den drei Bureaufr?uleins genannt, obwohl er nach M?hrisch-Trübau zust?ndig war und kein Wort Englisch verstand –, Mister Brown war kein Spielverderber. Er selbst arbeitete zwar gewissenhaft an seinem Stehpult weiter, addierte unverdrossen Ziffernkolonnen, schlo? Konti ab und er?ffnete neue, aber was rings um ihn geschah, interessierte ihn nicht. Seine Kollegen und Kolleginnen durften sich die neunstündige Bureauzeit vertreiben, wie es ihnen beliebte. Nur wenn die Unterhaltung zu laut wurde, schüttelte er mi?billigend den Kopf.

Laut war die Unterhaltung diesmal nicht. Eine einzige Schreibmaschine klapperte. Das war Fr?ulein Hartmann, die morgen auf Urlaub ging und ihren Rückstand aufarbeiten mu?te. Fr?ulein Springer las aus dem Tagblatt den Sportbericht vor. Fr?ulein Postelberg hatte zwei Spiegel auf ihren Schreibtisch gestellt und legte die letzte Hand an ihre neue Frisur. Herr Neuh?usl besch?ftigte sich mit der Maltr?tierung seiner Taschenuhr, der er die Schuld an seiner Versp?tung beilegte. Der Praktikant Josef malte traumverloren auf einen Bogen Kanzleipapier mit blauem Bleistift seine Unterschrift, die so schwungvoll war, da? er ohneweiters zum Gouverneur der ?sterreichisch-ungarischen Bank h?tte ernannt werden k?nnen. Aus dem Lagerraum war die fettige Stimme des Reisenden Zerkowitz zu vernehmen, der irgend jemandem Vorwürfe machte, weil eine Musterkollektion noch immer nicht zusammengestellt war.

?Ethel, wie steht sie mir?? fragte jetzt Fr?ulein Postelberg, die eben mit ihrer Frisur fertig geworden war.

?La? dich anschauen! Wirklich gro?artig, Claire,? sagte Fr?ulein Springer.

?Claire? und ?Ethel? sind für Angestellte einer Manufakturfirma am Franz-Josefs-Kai nicht gerade allt?gliche Namen. Keine der beiden Damen h?tte ihr Recht auf den sch?nklingenden Rufnamen aus ihren Tauf-, Geburts- oder sonstigen Dokumenten schwarz auf wei? nachweisen k?nnen. Aber dem Fr?ulein Postelberg konnte man die Berechtigung, sich ?Claire? rufen zu lassen, nicht bestreiten. Obwohl sie ein widriges Geschick als schlichte Klara Postelberg in Wien II hatte das Licht der Welt erblicken lassen, so stand sie doch bei dem m?nnlichen Personal aller H?user, mit denen die Firma Oskar Klebinder in Gesch?ftsverbindung stand, in dem Ruf, etwas ?Franz?sisches?, etwas ?echt Pariserisches?, oder, wie der Reisende Zerkowitz, ein gewiegter Frauenkenner, es noch deutlicher ausdrückte, ?ein gewisses Etwas? an sich zu haben. Sie bezog den ?Chic parisien? im Subabonnement, pflegte auf dem Weg ins und aus dem Bureau in franz?sischen Romanen zu lesen, und hatte im Vorjahr durch den Vortrag eines franz?sischen Chansons bei einem Vereinsabend einen au?erordentlichen Erfolg erzielt. Fr?ulein Springer, die ungarische Korrespondentin, hingegen gab sich, seit sie in einem Wettschwimmen im Dianabad den zweiten Preis erzielt hatte, ganz als sporting girl. Sie verbreitete Angst und Schrecken durch die robuste Art ihres H?ndedrucks, mit dem sie ihre Freunde und Bekannten aufs ?u?erste zu mi?handeln pflegte, und hatte es durch Terrorismus im Bureau durchgesetzt, da? ihr Vorname Etelka in das klangvollere Ethel abgekürzt wurde. Sie führte mit Vorliebe Gespr?che über amerikanische M?dchenerziehung und über die Stellung der Frau ?drüben?, ?jenseits des gro?en Wassers?, und wu?te den leichten ungarischen Akzent in ihrer Sprache durch gelegentlich eingestreute ?All rights? und ?Neverminds? zu verbergen.

Sonja Hartmann hie? wirklich Sonja. Sie stand jetzt auf, stülpte den Deckel über ihre Schreibmaschine und schlo? sie ab.

?So. Fertig,? sagte sie. ?Zw?lf Tage lang rühr' ich jetzt keine Feder an. Au?er wenn ich euch Ansichtskarten aus Venedig schick'.?

Sonja Hartmanns bevorstehende Urlaubsreise stand seit zwei Tagen im Mittelpunkt der Er?rterungen. Das Ergebnis ihres gestrigen Bittgangs zum Chef – zw?lf Tage hatte er bewilligt – war mit Spannung erwartet und eingehend besprochen worden. An der Zusammenstellung der Reiseroute hatte das ganze Bureau mit Eifer und Hingebung mitgearbeitet, für die notwendigen Eink?ufe und sonstige Vorbereitungen hatte der welterfahrene Herr Zerkowitz, der Reisende, seinen sachkundigen Rat geliehen. In kaum vierundzwanzig Stunden ging der Zug ab, der Sonja Hartmann aus dem Südbahnperron in m?rchenhafte Fernen entführen sollte. Und vor drei Tagen hatte noch niemand auch nur die leiseste Ahnung gehabt von dem Glück, das ihr bevorstand. Aber vorgestern hatte Georg Weiner, ihr Freund, von seinem Vater ganz unerwartet dreihundert Kronen als Belohnung für ein bestandenes Kolloquium bekommen. Neunzig Kronen hatte sie selbst in der Sparkassa gehabt, die konnte sie zur gemeinsamen Reisekasse beisteuern. Und für beinahe vierhundert Kronen lie? sich schon ein ganz hübsches Stückchen Welt besehen. Freilich, das Rundreisebillett zweiter Klasse, Wien-Triest-Venedig-Wien – schon gestern war es im Bureau von Hand zu Hand gegangen und gebührend angestaunt worden – war dünn genug und enthielt nicht imponierend viel Bl?tter. Aber ebenso wie in den amtlichen Communiqués über Monarchenzusammenkünfte oder Ministerbegegnungen die bedeutungsvollen Ergebnisse nicht im Text, sondern zwischen Zeilen verborgen liegen, so sollten die eigentlichen Genüsse der Reise nicht auf den perforierten Bl?ttern des Rundreiseheftes, sondern zwischen ihnen gefunden werden. Schon am Semmering wollte man die Fahrt für einige Stunden unterbrechen und eine Besteigung des Sonnwendsteines unternehmen. Für die Besichtigung Laibachs – Graz kannte Sonja Hartmann schon – und für den Besuch der Adelsberger Grotte war je ein halber Tag vorgesehen. Von Triest aus sollten gr??ere und kleinere Ausflüge nach Pirano, Capo d'Istria und Grado unternommen und der mehrt?gige Aufenthalt in Venedig durch einen Abstecher nach Padua unterbrochen werden. Denn Padua – hatte Georg Weiner erkl?rt –, war doch nicht solch ein Allerweltsreiseziel wie Venedig, sondern lag abseits vom Strome der Globetrotter, und schon eher im Herzen Italiens. Wer in Venedig war, der kennt nur die Fransen Italiens, wer aber in Padua war, kennt auch das Innere, – hatte auch Herr Zerkowitz best?tigt. Padua stand also gleichfalls auf dem Reiseplan, obwohl Sonja eigentlich einen l?ngeren Aufenthalt auf dem Lido vorgezogen h?tte. Von Padua aus sollte dann jenes Telegramm an Sonjas Chef, Herrn Klebinder abgehen, über dessen Abfassung es gestern beinahe zu einem Streit zwischen Sonja und Georg Weiner gekommen w?re. Sonja war unbedingt für einen draufg?ngerischen Text gewesen, für eine Tonart, die den Gedanken an einen Widerspruch von vornherein nicht aufkommen lassen sollte. Georg Weiner hatte einen diplomatischen Entwurf in Vorschlag gebracht, und schlie?lich hatte man sich auf die Stilisierung: ?Durch Unwohlsein Rückfahrt verz?gert, ankomme Freitag? geeinigt. Freitag, das ergab zwei volle Tage Urlaubsverl?ngerung, und die sollten, wenn das Geld langte, auf der Heimreise zu einer Fu?wanderung durch das romantische Ennstal verwendet werden.

Sonja zündete sich eine Zigarette an und lehnte sich in ihren Stuhl zurück, als s??e sie schon im Eisenbahnwagen und ratterte an Mürzzuschlag, St. Peter oder Opcina vorbei.

?Werdet ihr mir alle nach Venedig schreiben?? fragte sie und lie? eine Rauchwolke zur Decke schweben. ?Venetia, posta grande. Sie auch, Mister Brown??

?Was soll ich Ihnen denn schreiben?? fragte Mister Brown, ohne von seinem Buch aufzublicken.

?Was es Neues gibt im Bureau.?

?Was wird es denn Neues geben?? meinte der Buchhalter und begrub den Kopf zwischen zwei Kontobl?tter: ?Da? Koloman Steiner in Gro?-Kikinda sechs Prozent anbietet, wird Sie wahrscheinlich wenig interessieren. Seien Sie froh, wenn Sie mal paar Tage nichts von uns h?ren.?

?Die Postelberg wird schon für Abwechslung sorgen,? mischte sich Herr Neuh?usl in die Unterhaltung. ?Diesen Monat tr?gt sie das Haar kirschrot, nach dem Ersten soll Grasgrün darankommen, hab' ich aus verl??licher Quelle erfahren.?

?Sie werden es wahrscheinlich sowieso nicht bei uns erleben, Herr Neuh?usl,? wehrte sich die Angegriffene mit unzarter Anspielung auf die Drohung des Chefs. ?Also kann es Ihnen ganz egal sein. überhaupt hei?' ich für Sie: Fr?ulein Postelberg, merken Sie sich das.?

?Kinder, nicht streitet euch fortw?hrend!? mahnte Etelka Springer. ?Sag' mir lieber, Sonja, was wird Stanie dazu sagen, wenn er h?rt, da? du mit dem Georg davon bist??

?Der?? – Sonja zuckte geringsch?tzig die Achseln. ?Der soll sagen, was er will. Wir sind endgültig fertig miteinander.?

?Bei dir ist alles Egoismus und Berechnung,? sagte Fr?ulein Postelberg.

?Wie kannst du das sagen?? fuhr Sonja auf. ?Bitte, misch' dich nicht immer in meine Angelegenheiten ein.?

Sie holte die Photographie ihres Freundes aus ihrer Handtasche hervor und hielt sie dem Buchhalter vors Gesicht.

?Das ist Georg Weiner. Ist er nicht sch?n, Mister Brown? Ist er nicht sch?n??

?Mister Brown? war gerade mitten im Addieren und hatte keine Zeit, von seinem Buche aufzublicken. ?Wie ein Angorakatzerl,? sagte er aber auf jeden Fall. ?Siebzehn – sechsundzwanzig – zweiunddrei?ig. Wie ein Seidenschwanz.? Er hatte von seiner langj?hrigen T?tigkeit in der Seidenbranche her eine unklare Vorstellung, da? ein Seidenschwanz ein besonders farbenschillerndes Lebewesen sein müsse.

?Im Ernst, Mister Brown,? dr?ngte Sonja. ?Sagen Sie, ist er nicht wirklich sch?n??

?Einundfünfzig – neunundfünfzig – vierundsechzig. Wie ein Karpathenhirsch.?

Sonja kehrte ihm gekr?nkt den Rücken zu und legte die Photographie auf ihr Schreibpult.

?Mir tut der Stanie leid,? sagte Fr?ulein Postelberg. ?Ich wei? nicht, fort mu? ich an den Menschen denken. Wenn du mir folgst, l??t du Venedig Venedig sein und den Weiner Weiner, und f?hrst zu deiner Tante nach Budweis wie voriges Jahr.?

Sonja verzog den Mund und hielt es nicht der Mühe wert, eine Antwort zu geben.

?Wie ein Paradeisvogel,? lie? sich von seinem Schreibpult her Mister Brown vernehmen, der w?hrend des Addierens mechanisch nach dem richtigen Ausdruck für Georg Weiners m?nnliche Sch?nheit weitersuchte.

?Du hast's bequem. Natürlich,? fuhr Klara Postelberg fort. ?Du bist morgen schon, wer wei? wo, wenn er heraufkommt und uns eine Szene macht. Wir k?nnen uns dann seine Vorwürfe anh?ren. So wie vorige Woche, wie du mit dem Weiner ins Theater gefahren bist. Ganz au?er Rand und Band war er, wie du nicht mehr da warst. Wie ein Wilder hat er sich aufgeführt, schade, da? du nicht dabei warst, gebrüllt hat er mit uns wie –?

?Wie ein B?r in Sib?rien,? erg?nzte Mister Brown, der sich noch immer in zoologischen Vorstellungen bewegte und nicht genau wu?te, wovon im Augenblick die Rede war.

?Er hat gar keine Ursache, sich aufzuregen,? sagte Sonja gelassen. ?Ich hab' es ihm schon wiederholt gesagt, da? es zwischen mir und ihm ein für allemal aus ist. übrigens k?nnt ihr ihm ja wirklich sagen, da? ich nach Budweis zu meiner Tante gefahren bin.?

Herr Neuh?usl legte das Taschenmesser, mit dessen Hilfe er eine wichtige Verbesserung an dem R?derwerk seiner Taschenuhr erzielt hatte, aus der Hand.

?Wenn Sie sich vielleicht einbilden,? sagte er zu Sonja, ?da? Ihr Verflossener nicht ganz genau wei?, was Sie vorhaben –?

?So mag er's wissen,? sagte Sonja. ?Um so besser. Ich habe keine Ursache, vor ihm Verstecken zu spielen. Wo haben Sie ihn getroffen??

?Gestern abend hat er sich im Café Sistiana zu mir gesetzt,? sagte Herr Neuh?usl, lie? den Deckel seiner Uhr zuschnappen und steckte sie in die Westentasche. ?Ich hab' ruhig meine Zeitung lesen wollen, konnt' aber nicht dazukommen. Bis neun Uhr hab' ich mir ununterbrochen seinen Liebesgram anh?ren müssen und ab neun Uhr seine Rachepl?ne. Hat mich sehr interessiert,? schlo? Herr Neuh?usl ironisch.

?Wie war er? War er sehr aufgeregt?? fragte Fr?ulein Postelberg neugierig.

?Anfangs war er sehr aufgeregt, zum Schlu? ist ihm dann eine Idee gekommen, da hat er sich beruhigt. Von sechshundert Kronen hat er etwas gesagt, die er sich verschaffen will, und damit wird er mit dem Fr?ulein Hartmann nach Paris fahren, hat er gesagt, oder an die Riviera.?

Auf Sonja Hartmann machte diese Er?ffnung keinen Eindruck, Fr?ulein Postelberg hingegen geriet durch die blo?e Erw?hnung von ?Paris? in Ekstase.

?Sonja!? rief sie verzückt, lehnte den Kopf zurück und blickte schw?rmerisch zur Decke empor. ?Paris! Die Boulevards! Der Père Lachaise! Der Montmartre!?

?Eau de Cologne,? ?ffte ihr Herr Neuh?usl mit einer Grimasse nach, ?Chapeau claque! Voilà tout!?

Dann stand er auf und begann im Flüsterton eifrig auf den Buchhalter einzusprechen.

?Mister Brown? schien ihm nicht zuzuh?ren, schrieb und rechnete unermüdlich weiter. Erst nach ein paar Minuten legte er die Feder hin, warf einen Blick auf die Wanduhr und schlug sich mit der Hand vor die Stirne.

?Dreiviertel zehn ist schon? Ist das m?glich?? fragte er. ?Wieviel Uhr haben Sie, Herr Neuh?usl? Wirklich schon dreiviertel zehn? Dann hab' ich den Prokuristen von Gebrüder Goldstein schon eine Viertelstunde lang auf mich warten lassen. – Eine gesch?ftliche Besprechung, Herr Neuh?usl, Sie k?nnen mitgehen, damit Sie lernen, wie man mit der Kundschaft umgeht. Wenn der Chef zuf?llig kommen sollte, so rufen Sie mich im Café Sistiana an, Fr?ulein Springer, der Kellner dort kennt mich. 17836 ist die Nummer.?

?All right, Mister Brown,? sagte Etelka Springer.

?Ist Ihnen vielleicht etwas nicht recht, Fr?ulein Postelberg?? stellte ?Mister Brown? die Kontoristin zur Rede, die mit dem Praktikanten Josef stumme Blicke eines vergnügten Einverst?ndnisses gewechselt hatte.

?Aber wo denken Sie hin?? verteidigte sich Klara Postelberg. ?Ich wei? doch: Les affaires sont les affaires.?

?Ich m?chte wetten,? sagte sie, als ?Mister Brown? mit Herrn Neuh?usl das Bureau verlassen hatte, ?da? er jetzt mit dem Neuh?usl Karambol spielen geht. Immer, wenn der Chef beim Rennen ist, hat er gesch?ftliche Besprechungen im Café Sistiana und ausgerechnet den Neuh?usl nimmt er jedesmal mit.?

?Recht hat er,? sagte Etelka Springer.

Klara Postelberg setzte sich zu Sonja.

?Was hast du denn gegen den Stanie??

?Nichts,? sagte Sonja. ?Gar nichts. Ich hab' ihn nur nicht mehr gern.?

?Warum eigentlich? Und seit wann??

?Seit wann? – Wirklich gern hab' ich ihn eigentlich nie gehabt. Oder nur an dem einen Tag, an dem ich ihn kennen gelernt hab'. Sp?ter hab' ich immer nur Furcht vor ihm gehabt; er ist wild und unberechenbar, wenn ich mit ihm unter Leuten war, hab' ich immer davor zittern müssen, da? er mit irgend jemandem Streit beginnt.?

?Aber er ist sehr gescheit,? sagte Klara Postelberg. ?Und er versteht einfach alles. In allem kennt er sich aus. Unl?ngst hat er mir erkl?rt, warum die Obstweiber gerade am Bauernmarkt stehen, alle, und die Blumenweiber in der verl?ngerten K?rntnerstra?e. Ich hab' es wieder vergessen, aber es war interessant. Au?erdem ist er doch gro? und ein hübscher Mensch, nicht wie der Georg Weiner, der –?

Sie unterbrach sich. Das Telephon hatte gel?utet. Sie sprang auf und lief ins Zimmer des Chefs, auf dessen Pult der Telephonapparat seinen Platz hatte. Nach ein paar Augenblicken kam sie zurück.

?Sonja, du wirst verlangt.?

?Georg –??

?Ich glaube. Ja.?

Sonja ging zum Telephon. Klara Postelberg nahm die Zeitung. Sie begann mit der letzten Seite und las die Annoncen. Zuerst die flatterhaften, die ?jenes entzückende Fr?ulein? in Wei?, Rosa oder Blau mit stammelnden Liebesrufen zu bet?ren suchten, sodann die ehrbaren Vorschl?ge gesetzterer Herren mit etwas, mit entsprechendem oder gar mit ansehnlichem Verm?gen. Der Praktikant Josef spielte mit Hilfe zweier Kupferkreuzer ein aufregendes Hasardspiel eigener Erfindung. Etelka Springer schrieb eine Ansichtskarte. Nur das Knistern der Zeitung und das Ticken der Wanduhr unterbrach die Stille.

Pl?tzlich warf Klara Postelberg die Zeitung weg. ?Ethel, horch einmal! Ich glaube, der Chef ist zurückgekommen.?

Die Holztreppe, die aus dem Lagerraum in das Bureau führte, knarrte unter schweren Schritten.

Zwei Schreibmaschinen begannen wütend zu klappern. Zwei K?pfe beugten sich über die eingespannten Briefbogen. Die Nase des Praktikanten fuhr unruhig zwischen den Seiten eines hastig aufgeschlagenen Kopierbuches umher.

Aber es war nicht Herr Klebinder, der Chef, der die Treppe heraufkam, sondern Stanislaus Demba.

In der Tür?ffnung blieb er stehen und suchte mit blinzelnden Augen das Zimmer ab. Lose über die Schultern geh?ngt trug er seinen hellbraunen Havelock. Vorn an der Brust hielt er ihn mit den H?nden zusammen.

?Ist Sonja nicht hier?? fragte er. Er sah übern?chtig aus und schien vom raschen Gehen und vom Treppensteigen ermüdet zu sein.

?Sie sind's, Herr Demba? Grü? Sie Gott!? rief Klara Postelberg. ?Sonja ist drüben im Chefzimmer. Gleich wird sie da sein.? Sie verschwieg vorsichtig, da? Sonja eben mit Georg Weiner ein Telephongespr?ch führte.

?Ich werde warten,? sagte Demba.

?Dann nehmen Sie aber, bitte, gef?lligst den Hut ab, Stanie. Bei uns im Zimmer nimmt man den Hut ab,? sagte Etelka Springer.

Stanislaus Demba s

tand mit dem Hut auf dem Kopf breit und schwerf?llig da und blickte unruhig auf Etelka Springer. Ein Schwei?tropfen glitt ihm von der Stirne. Er wischte ihn nicht ab, sondern zuckte nur nerv?s mit den Gesichtsmuskeln, als ob er ein l?stiges Insekt verscheuchen wollte. Den Hut behielt er auf dem Kopf.

?Siehst du, Claire, so macht man das,? sagte Etelka Springer und nahm ihm mit einem raschen Griff den Hut vom Kopf. Demba zuckte zusammen, aber er lie? es geschehen. Etelka Springer schob ihm einen Sessel zu. ?So, jetzt dürfen Sie sich setzen. Sonja wird gleich kommen.?

Stanislaus Demba starrte ha?erfüllt auf Etelka Springer und dann mit einem Ausdruck v?lliger Ratlosigkeit auf seinen breitrandigen Hut, den Etelka auf den Kleiderhaken an der Wand geh?ngt hatte. Schlie?lich zuckte er die Achseln und lie? sich auf den Stuhl nieder.

?Mir k?nnen Sie aber doch die Hand geben. Ich hab' Ihnen doch nichts getan?? sagte Klara Postelberg.

Demba schien erst jetzt die ihm entgegengestreckte Hand zu bemerken und wurde mit einemmal gespr?chig.

?Was für reizende, kleine H?nde Sie haben, Fr?ulein Klara. Nie im Leben hab' ich so aristokratisch-edle H?nde gesehen. Was g?b' ich für einen einzigen Ku? auf diese Hand!?

?Aber bitte!? ermutigte ihn Fr?ulein Postelberg und hielt ihm auch die andere Hand hin.

?Leider haben Sie Tintenflecke auf den Fingern. Das nimmt einem alle Illusionen,? sagte Demba.

?Sie sind unausstehlich heute, Herr Demba.? Klara Postelberg trat tiefgekr?nkt an den Waschtisch, der zwischen dem Fenster und der Kopierpresse stand, und begann ihre Finger mit Kleesalz zu reiben.

Demba blickte nachdenklich auf ihre H?nde.

?Chwoykas Seifensand!? sagte er pl?tzlich. ?H?lt rein die Hand.?

?Sie sind wirklich unausstehlich heute.?

?Heute? Immer ist er unausstehlich,? erkl?rte Etelka Springer. ?Nicht wahr, Stanie. Deswegen k?nnen Sie aber einer alten Freundin doch die Hand geben. Ich hab' keine Tintenflecke auf den Fingern.?

Etelka Springer und Stanislaus Demba waren alte Bekannte. Er hatte ihrem jüngeren Bruder gegen freien Mittagstisch Nachhilfestunden gegeben und ihn durch die vier Klassen des Untergymnasiums gebracht. Durch Etelka Springer hatte er Sonja kennen gelernt. Aber trotzdem wurde Etelka Springer der Ehre eines H?ndedruckes nicht für würdig erachtet.

?Ihnen?? sagte Demba und verzog die Lippen. ?Sie renken den Leuten die Arme aus.?

?Sie sind ein Flegel!? sagte Etelka Springer. ?Sonja hat ganz recht, wenn sie –?. Sie brach ab.

?Was ist's mit Sonja??

?Nichts.?

?Was ist's mit Sonja?? schrie Stanislaus Demba. Er fuhr aus seinem Sessel in die H?he und war kreidebleich. ?Was ist's mit Sonja??

?Schreien Sie nicht so! Nichts,? sagte Etelka Springer.

?Ich will wissen, was Sie von Sonja sagen wollten!? brüllte Demba ganz au?er sich.

?Nichts hab' ich sagen wollen. Mich lassen Sie gef?lligst aus dem Spiel.? Etelka kehrte ihm den Rücken.

Krachend fielen Stanislaus Dembas F?uste auf die Tischplatte nieder. Irgend etwas klirrte, als sei eine gro?e Spiegelscheibe in Trümmer gegangen. Der Praktikant, der in einem Winkel eingenickt war, sprang auf und rieb sich die Augen. Klara Postelberg und Etelka Springer drehten sich um und sahen Demba schwer atmend an den Schreibtisch gelehnt stehen. Er war offenbar selbst erschrocken über seinen pl?tzlichen Ausbruch. Seine H?nde waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verschwunden.

?Sind Sie verrückt, Stanie?? rief Etelka Springer. ?Sie haben mein Tintenfa? zerschlagen.?

Doch das Tintenfa? stand unbesch?digt auf dem Schreibtisch. Nur ein wenig Tinte war verspritzt und bildete zwei kleine Inseln auf der metallenen Schreibtischplatte.

?Aber Sie müssen doch etwas zerbrochen haben. Ein Glas oder so was. Ich hab' es doch deutlich klirren geh?rt!? Etelka Springer suchte vergeblich auf dem Boden nach Glassplittern.

?Was ist's mit Sonja?? fragte Stanislaus Demba jetzt sehr ruhig.

?Da ist sie. Fragen Sie sie selbst,? sagte Etelka Springer und wies auf Sonja Hartmann, die durch den L?rm herbeigerufen, eben ins Zimmer trat.

Stanislaus Dembas Besuch kam Sonja nicht unerwartet. Da Demba nun einmal von ihrer beabsichtigten Reise erfahren hatte – wei? Gott, wer ihm davon erz?hlt haben mochte – so war mit Sicherheit zu erwarten gewesen, da? er kommen und den Versuch machen werde, Sonja zurückzuhalten. Diese Auseinandersetzung, die ihr jetzt bevorstand, war unausbleiblich gewesen. Sie war eine von den kleinen Widerw?rtigkeiten, die überwunden werden mu?ten, bevor Sonja die Reise antrat. Sie geh?rte zu dieser Reise, genau so, wie das umst?ndliche Packen der Koffer, wie der peinliche Bittgang zum Chef, wie die Abwehr der zudringlichen Fragen ihrer neugierigen Wirtsleute. Sonja wohnte bei fremden Leuten, die sich das dürftig m?blierte Zimmer und die mehr als bescheidenen Mahlzeiten teuer genug bezahlen lie?en und sich zudem noch für berechtigt hielten, eine Art Aufsicht über das Tun und Lassen der Kontoristin auszuüben.

Alle diese Unannehmlichkeiten waren nun glücklich überstanden, und so hie? es nun, auch diese letzte Unterredung mit Stanislaus Demba über sich ergehen zu lassen.

Sonja war bereit.

?Du bist's?? fragte sie und zwang ihr Gesicht zu einem Ausdruck ?ngstlicher Verlegenheit. ?Ich hab' dich doch gebeten, mich nicht mehr im Bureau zu besuchen. Du wei?t, der Chef –?

Der ?rgerliche Ton in ihrer Stimme tat seine Wirkung. Stanislaus Demba wurde verwirrt und geriet schon zu Beginn der Auseinandersetzung in die Stellung des sich Verteidigenden.

?Bitte verzeih, wenn ich dich hier st?re,? sagte er. ?Aber ich habe mit dir zu sprechen.?

?Mu? das unbedingt jetzt sein?? fragte sie mit der allergleichgültigsten Miene, die sie zustande brachte.

?Ja.?

?Wenn es unbedingt sein mu?, dann bitte, nimm Platz.?

Demba setzte sich.

?Nun? La? h?ren,? sagte Sonja.

Demba schwieg eine Weile. – ?Vielleicht wird es doch besser sein, wenn die Unterredung unter vier Augen –?

?Komm, Claire,? sagte Etelka Springer. ?Wir wollen nicht st?ren.?

?Nein, nein! Bleibt nur. Ich bitt' euch, bleibt doch. Was Herr Demba und ich miteinander zu sprechen haben, kann jeder h?ren,? sagte Sonja rasch. Sie hatte sich darauf gefreut, ihre beiden Bureaukolleginnen Zeugen der Niederlage Dembas werden zu lassen. Aber Etelka Springer wollte nicht bleiben.

?Nein!? sagte sie. ?Es ist besser, wir lassen euch allein. Komm, Claire!?

?Enfin seul,? konnte sich Klara Postelberg zu bemerken nicht enthalten, als sie hinter Etelka Springer das Zimmer verlie?. Der Praktikant blieb in seinem Winkel bei der Kopierpresse. Er verstand nur wenige Worte Deutsch, – erst vor drei Wochen war er aus seinem b?hmischen Nest nach Wien gekommen – und so war eine Indiskretion von seiner Seite nicht zu erwarten. Au?erdem war er eingeschlafen.

?Nun?? sagte Sonja, als sie allein waren.

Demba stand auf. ?Wo bist du heute nacht gewesen??

?Was geht das dich an?? fuhr Sonja ihn zornig an. ?übrigens war ich bei meiner Tante, die ist krank und wollte nicht die Nacht über allein bleiben.?

?Wo wohnt deine Tante? In der Liechtensteinstra?e vielleicht??

Sonja err?tete. – ?Nein. In Mariahilf. Wie kommst du auf die Liechtensteinstra?e??

?Sie fiel mir zuf?llig ein. übrigens, sehr schwer krank scheint deine Tante nicht zu sein, sonst würdest du wohl kaum mit dem Weiner auf Reisen gehen.?

?Weht der Wind daher??

?Jawohl. Daher.?

?Bitte, entschuldige, da? ich vergessen habe, dich um Erlaubnis zu fragen,? sagte Sonja sp?ttisch.

?Du wirst nicht fahren!? rief Demba.

?Doch. Morgen früh um neun.?

?Ich will es nicht!? schrie Demba wütend.

?Aber ich will es,? sagte Sonja immer gleich ruhig.

?Ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, da? es dann zwischen uns für immer zu Ende ist.?

?Und ich brauche dir wohl nicht erst zu sagen, da? es für mich schon seit einem Vierteljahr zu Ende ist.?

?So,? sagte Demba. ?Gut. Dann sind wir also fertig. Nur das eine hab' ich dir noch zu sagen, da? du mir geschworen hast, niemals einen andern als mich zu lieben.?

Demba hatte sich von dieser Erinnerung viel versprochen. Aber Sonja begann zu lachen.

?Wirklich?? fragte sie.

?Ja,? sagte Demba. ?Vorigen Herbst. In der Rohrerhütte. Wir gingen nach dem Nachtmahl in den Park und da –?

?Hab' ich dir nicht vielleicht auch geschworen, da? ich niemals mehr Hunger bekommen werde? Das h?tt' ich ebensogut tun k?nnen. Ich hab' wirklich nicht geglaubt, da? du so kindisch bist, Stanie.?

?Willst du es vielleicht abstreiten??

?Nein,? sagte Sonja. ?Aber damals war ich ein halbes Kind, mit dem du machen konntest, was du wolltest. Und heute bin ich ein denkender Mensch. Das ist doch sehr einfach.? Sie zuckte die Achseln. ?Jetzt ist eben alles anders.?

Demba, der geglaubt hatte, in der Erw?hnung jenes Abends in der Rohrerhütte ein unfehlbares Mittel, Sonja umzustimmen, zu besitzen, wurde verwirrt. Auf ihren Einwand, da? ?jetzt eben alles anders sei?, war er nicht vorbereitet. Er blickte voll ?rger auf die Uhr und stampfte mit dem Fu?.

?Ich hab' gedacht, da? ich dich in ein paar Minuten werde zur Vernunft bringen k?nnen. Wenn ich dir nur begreiflich machen k?nnte, wie kostbar heute jede Viertelstunde für mich ist. Ich hab' so viel zu tun und mu? hier durch deine Halsstarrigkeit meine Zeit verlieren.?

?Ich find' auch, da? du hier ganz unnütz deine Zeit verlierst,? sagte Sonja.

?Da hilft aber nichts,? sagte Demba entschlossen. ?Ich gehe nicht fort, ehe nicht die Sache zwischen uns ins reine gebracht ist. Und wenn es mein Verderben ist. Und ich glaube? – Demba warf nochmals einen Blick auf die Uhr und st?hnte ganz leise – ?es wird mein Verderben sein.?

Sonja wurde aufmerksam. Hatten diese Worte etwas zu bedeuten? Wollte ihr Demba Angst einjagen? Aber womit? Es fiel ihr auf, da? Demba irgend etwas unter dem Mantel zu verstecken schien. Welchen letzten Trumpf hatte er da in Vorbereitung?

?Du mu?t nicht glauben,? sagte jetzt Demba, ?da? ich dir die Reise mi?g?nne. Du wirst eben mit mir fahren. Heut nachmittag verschaffe ich mir das Geld und besorge alles Notwendige, und morgen früh k?nnen wir abreisen.?

?Wirklich?? spottete Sonja. ?Zu lieb von dir, zu freundlich.?

?Dem Weiner wirst du abschreiben. Ich werde dir den Brief diktieren,? sagte Demba unbeirrt.

?Jetzt h?r' aber endlich auf, Unsinn zu reden. Ich hab' es satt. Das glaubst du doch selbst nicht, da? ich mir von dir Briefe an meine Freunde diktieren lasse. Es wird für deinen Geisteszustand am besten sein, wenn wir uns jetzt ein paar Wochen lang nicht sehen.?

Demba wurde es langsam klar, da? er gegen Sonjas kühle, überlegene Ruhe nicht aufzukommen vermochte. Seit einer halben Stunde mühte er sich und kam nicht von der Stelle. Er erkannte, wie hilflos er gegen Sonjas festen Entschlu? war, wu?te kein Mittel mehr, auf sie einzuwirken und sah das Spiel verloren. Und er verlor den Kopf dazu.

Die Photographie Georg Weiners, die noch immer auf dem Schreibtisch lag, stach ihm ins Auge. Der Anblick des glücklichen Nebenbuhlers reizte ihn zur Wut und er begann über Georg Weiner loszuziehen.

?Diese aufgeblasene Null! Dieser Ringstra?enaff! In so einen Hohlkopf hast du dich vergaffen k?nnen!?

Sonja wurde zum erstenmal scharf.

?Wenn du anf?ngst, meine Freunde zu beleidigen, dann sind wir sofort fertig. Dein Benehmen ist mir nur wieder ein Beweis dafür, da? wir beide nicht zueinander passen.?

?Sch?n,? sagte Stanislaus Demba. Seine Sache bei Sonja war ohnehin verloren. Aber an seinem Gegner gedachte er sich zu r?chen, wenn er ihn auch nur in effigie vernichten konnte.

Er w?hlte einen sonderbaren Umweg, um sich in den Besitz des Bildes zu setzen. Eine Fingerspitze kam zwischen den S?umen seines Mantels zum Vorschein, n?herte sich der Photographie, zielte und schleuderte sie vom Tisch. In der N?he des Ofens fiel sie zu Boden. Sofort war Demba hinter ihr her und bückte sich. Aber Sonja, die Georg Weiners Bild vor Mi?handlungen schützen wollte, war ebenso rasch, wie Demba. Beide haschten nach der Photographie, und in diesem Augenblick geschah es, da? Sonja Stanislaus Dembas Hand berührte.

Sie stie? einen leichten Schrei aus und fuhr zwei Schritte zurück.

Sie hatte etwas Eiskaltes, Hartes gefühlt und den Bruchteil einer Sekunde lang einen Blick auf ein wei?blinkendes, metallisch glitzerndes Instrument erhascht.

Sie begriff sofort. In der ersten Sekunde schon war es ihr klar: Stanislaus Demba hielt eine Waffe unter dem Mantel verborgen. Sie hatte nicht Zeit genug gehabt, um unterscheiden zu k?nnen, ob es ein Revolver war, oder ein Messer, oder ein Todschl?ger, sie wu?te nur, da? sich ihr Leben in h?chster Gefahr befand.

Blitzschnell überlegte sie. An Flucht war nicht zu denken. Demba stand zwischen ihr und der Tür. Von dem Praktikanten war keine Hilfe zu erwarten. Schlug sie L?rm, so erreichte sie nur, da? Demba seinen Mordplan sofort ausführte. Sie beschlo?, sich zu stellen, als h?tte sie nichts gemerkt. Und alles zu tun, was der Wahnsinnige von ihr verlangte. Alles zu unterlassen, was ihn reizen konnte. Nur so war Rettung m?glich.

Sie hatte sich hinter einen der Schreibtische geflüchtet. Jetzt richtete sich Stanislaus Demba auf. Die Photographie lag zerrissen auf dem Boden. Er stie? sie mit dem Fu? in einen Winkel. Dann wendete er sich Sonja zu. Die H?nde mit der Waffe waren wieder unter dem hellbraunen Havelock verborgen.

Er bemerkte nicht, da? Sonja am ganzen K?rper zitterte, und da? sie sich mit beiden H?nden an dem Schreibtisch festhalten mu?te, um nicht zu Boden zu sinken.

?So,? sagte er. ?Und jetzt frag' ich dich zum letztenmal: Bleibst du dabei, morgen mit dem Weiner fortzufahren??

Die Frage war rein rhetorisch gemeint, denn Stanislaus Demba erwartete keine Antwort, er hatte die Hoffnung, Sonja umzustimmen, aufgegeben.

Aber Sonja sagte leise:

?Ich wei? es noch nicht.?

Demba blickte erstaunt auf. Das klang ganz ernst und gar nicht sp?ttisch, wie alles, was Sonja zuvor zur Antwort gegeben hatte. Er nahm sich nicht die Mühe, nach einer Erkl?rung für diese Wandlung zu suchen.

?Du bist noch nicht entschlossen?? fragte er.

?Ich mu? es mir erst überlegen.? Durch Sonjas Kopf raste ein einziger Gedanke: Zeit gewinnen! Nur Zeit gewinnen. Er hatte eine Waffe in den H?nden, er war j?hzornig, er stand kaum sechs Schritte weit von ihr –

?Was gibt es denn da lang zu überlegen, Sonja. Du wirst ihm den Laufpa? geben. Du wirst mit mir fahren. Sag': Ja!, Sonja.?

?Vielleicht,? hauchte Sonja ge?ngstigt. ?Wenn …? Sie stockte. Was sollte sie nur sagen, um ihn hinzuhalten und nicht zu reizen.

?Wenn ich mir das Geld verschaffe, das wir brauchen. Nicht wahr?? Er trat n?her heran. Sie wich erschrocken zurück, aber er bemerkte es nicht. Er war sehr zufrieden mit dem Umschwung in Sonjas Stimmung.

?Bis zum Abend habe ich mir das Geld verschafft,? sagte er. ?Ich erwarte das Honorar für den Kolportageroman, den ich ins Polnische übersetzt habe. Au?erdem kann ich in ein paar H?usern, in denen ich unterrichte, Vorschu? bekommen. Bis zum Abend hab' ich das Geld.?

Sie h?rte nicht auf das, was er sagte. Sie sah ihn starr an und dachte nur an die Mordwaffe unter seinem Mantel. Vor zwei Minuten noch h?tte sie sie nicht beschreiben k?nnen. Jetzt aber war sie überzeugt, den Revolver genau gesehen zu haben, den ihr die Furcht vor Augen malte: Einen Browning, der wie ein gro?er Haustorschlüssel geformt war und sie aus einer dunklen Mündung mordlustig anglotzte.

?Bis zum Abend ist das Geld beisammen,? wiederholte Demba. Er warf einen Blick auf die Uhr. ?Halb elf ist's!? rief er. ?Der Teufel noch einmal. Ich hab' viel Zeit verloren. Ich werde mich beeilen müssen.?

Jetzt wird er gehen – dachte Sonja. – Wenn er doch nur schon endlich fort w?re! –

?Jetzt versprich mir also, da? du mit mir f?hrst, morgen,? dr?ngte Demba.

?Ja,? hauchte Sonja. ?Vorausgesetzt, da? –? Sie suchte nach irgendeinem Vorbehalt.

?Vorausgesetzt, da? ich das Geld habe. Natürlich,? unterbrach sie Demba. ?Du sollst nicht um deine Reise kommen. Wenn ich dir am Abend das Geld nicht auf den Tisch lege, dann, meinetwegen, fahr' mit dem Weiner.?

Er wandte sich zum Gehen, blieb aber nochmals stehen und nickte ihr zu:

?Ich wu?te, da? wir uns bald einigen würden, wenn wir erst vernünftig über die Sache zu sprechen begonnen haben würden. Ich komm' am Abend nach dem Bureau zu dir. Und jetzt leb' wohl. Ich mu? gehen. Ich hab' keine Zeit zu verlieren.?

Er blickte im Zimmer umher, als suche er noch etwas. Er bi? sich in die Lippen, zuckte die Achseln und ging zur Tür. Auf dem Wege stie? er in einem pl?tzlichen Zornanfall einen Sessel zur Seite, der ihm im Wege stand. Gleich darauf polterte er die Treppe hinunter.

* * *

Als Klara Postelberg und Etelka Springer ins Zimmer kamen, fanden sie Sonja schluchzend und das Gesicht in den H?nden vergraben.

?Was ist geschehen?? rief Klara Postelberg.

?Er hat auf mich schie?en wollen. Er hat aus einem Revolver auf mich schie?en wollen.?

Etelka Springer schüttelte den Kopf.

?Unsinn!? sagte sie. ?Dazu kenn' ich den Stanie zu gut. Der Revolver war sicher nicht geladen, und du hast dich ins Bockshorn jagen lassen.?

?Nein!? beteuerte Sonja. ?Er hat ihn gar nicht gezeigt. Die ganze Zeit über hat er ihn unter dem Mantel versteckt gehalten. Durch einen Zufall hab' ich ihn zu sehen bekommen.? Sie begann von neuem zu schluchzen. ?Warum habt ihr mich allein mit ihm gelassen? Ich hab' euch doch gebeten: Bleibt da! – Nie im Leben bin ich in solcher Gefahr gewesen.? – Sie zitterte noch immer an allen Gliedern.

Etelka Springer wurde nachdenklich.

?Er ist ein gewaltt?tiger Mensch, das ist richtig,? sagte sie. ?Und sehr leicht erregbar. Aber –? Sie unterbrach sich. ?Auf jeden Fall mu?t du den Weiner benachrichtigen.?

?Er kommt erst am Abend nach Wien. Er hat mir eben telephoniert, da? er zu seinen Eltern nach M?dling f?hrt.?

?Den Revolver müssen wir dem Stanie abnehmen. Im Guten oder, wenn's nicht anders geht, mit Gewalt,? sagte Etelka Springer. ?Wo ist er denn jetzt??

?Ich wei? nicht. Er ist fortgegangen.?

?Aber nein. Dort h?ngt doch noch sein Hut.?

Wahrhaftig! Stanislaus Dembas breitkrempiger Filzhut hing noch immer am Kleiderhaken.

Ohne Hut war Demba davongerannt auf seine wütende Jagd nach Geld.

(← Keyboard shortcut) Previous Contents (Keyboard shortcut →)
 Novels To Read Online Free

Scan the QR code to download MoboReader app.

Back to Top

shares