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   Chapter 3 No.3

Zwischen neun und neun By Leo Perutz Characters: 18165

Updated: 2017-12-04 00:03


Das ?Fr?ulein? wu?te genau, wie gut ihr ihre neue Voilebluse mit den beiden sich kreuzenden roten Libertyspangen zu Gesicht stand. Wenn sie im Park auf der Bank sa? und in ihrem Buch las, w?hrend der kleine Bub und das M?derl, die sie spazieren zu führen hatte, mit ihrem Miniaturspritzwagen spielten oder Sand in allerlei kleine Gef??e und Formen füllten, so kam es nur selten vor, da? sie lange allein blieb. Ein oder zwei junge Herren setzten sich bald neben sie (zwei waren ihr gew?hnlich lieber, denn es war so lustig zuzusehen, wie dann einer dem andern im Weg war), taten anfangs überaus gleichgültig, so als ob sie sich aus reinem Zufall oder weil gerade der Platz so hübsch schattig war für diese Bank entschieden h?tten, bezeigten ein forciertes Interesse für alles m?gliche: für die Spatzen und Tauben, für die Leute, die vorübergingen, oder für ihre eigenen Stiefelspitzen, – bis sie schlie?lich doch ein Gespr?ch anknüpften: ?Fr?ulein lesen da sicher etwas sehr Interessantes!? oder: ?Zwei reizende Kinder, Ihre beiden kleinen Z?glinge, wie hei?t du denn, M?derl?? Oder die Keckeren unter ihnen: ?Sie werden sich Ihre sch?nen blauen Augen verderben, Fr?ulein, wenn Sie fortw?hrend lesen.?

Ernstere Bekanntschaften ergaben sich für das Fr?ulein aus solchen Anf?ngen fast niemals, denn die jungen Herren kamen meist schon bei der zweiten Zusammenkunft mit Vorschl?gen, Wünschen und Anliegen, die weit über das hinausgingen, worüber ein junges M?dchen aus gutem Hause, – bitte, ?Fr?uleins? Vater war Oberoffizial bei der Post gewesen und ein Onkel ihrer Mutter war noch heute Sektionsrat im Handelsministerium –, worüber ein junges M?dchen aus gutem Hause also vielleicht nach l?ngerer Bekanntschaft, eventuell, unter Umst?nden mit sich reden lassen darf. Bei manchen Herren mu?te man überhaupt schon nach zwei Minuten das Gespr?ch abbrechen, solche Reden führten sie, man mu?te aufspringen: ?Willi! Gretl! Es ist Zeit, da? wir nach Hause gehen!?, und den unversch?mten Menschen einfach sitzen lassen. Das kam ?fters vor, obwohl das Fr?ulein durchaus nicht prüde war, sondern im Gegenteil ein gewisses Vergnügen an vorsichtig-andeutenden Gespr?chen über schlüpfrig-pikante Themen hatte.

Am liebsten sah sie es, wenn solch eine zwecklose Bekanntschaft in einen Ansichtskartenverkehr überging. Ansichtskarten lie? sich das Fr?ulein für ihr Leben gern schicken. Die Post, die morgens kam, bedeutete für sie den H?hepunkt des Tages. Oft, ja zumeist waren es Karten mit der Unterschrift eines ihr v?llig gleichgültig Gewordenen oder gar Vergessenen, das letzte Echo einer nichtigen, verplauderten halben Stunde. Aber es war so lustig, wenn die Gn?dige ?rgerlich ins Zimmer kam und auf die Frage ihres Mannes, ob der Brieftr?ger schon dagewesen sei, verdrossen zur Antwort gab: ?Ja, aber für uns war nichts, nur für das Fr?ulein zwei Karten.?

Heute sa? kein junger Mann neben dem Fr?ulein, sondern Frau Buresch, eine ?ltere Dame, die mit ihren beiden Kindern Tag für Tag den Park besuchte. Man kannte einander. Die Kinder spielten, alle vier zusammen; Frau Buresch und das Fr?ulein tauschten Bemerkungen über das Wetter aus.

?Hat es sich doch aufgeheitert,? sagte das Fr?ulein.

?Mir ist lieber, es regnet, als man wei? nicht, wie man dran ist,? meinte Frau Buresch pessimistisch und holte ihre H?kelarbeit hervor.

?Wie ich heut früh aus dem Fenster geschaut hab', h?tt' ich geschworen darauf, da? es den ganzen Tag regnen wird, so hat's ausgesehen. Jetzt ist's doch wieder ganz sch?n geworden, merkwürdig.?

Das Wetterthema war erledigt. Das Fr?ulein bl?tterte in ihrem Buch. Frau Buresch h?kelte.

?Im Votivpark sollen dieses Jahr Sessel aufgestellt werden statt der B?nke?, erz?hlte das Fr?ulein. ?Vier Heller pro Person.?

?Alles wird t?glich teurer. Ich sag' Ihnen, Fr?ulein, grau in grau ist das Leben. Was, glauben Sie, kostet heuer ein Kilo ganz gew?hnliches, ausgelassenes –?

Sie verschluckte das ganze Kilo ganz gew?hnlichen ausgelassenen Schweinefetts, das sie auf der Zunge hatte, und verstummte. Ein junger Mann hatte sich zwischen sie und das Fr?ulein gesetzt. Und wenn sich ein junger Mann neben das Fr?ulein setzte, dann wollte Frau Buresch um Gottes willen nicht st?ren. Dann schob sie sich rücksichtsvoll bis an das ?u?erste Ende der Bank und vertiefte sich in ihre H?kelarbeit.

Stanislaus Demba trug seinen hellbraunen Havelock um die Schultern geworfen und vorne flüchtig zugekn?pft. Die leeren ?rmel hingen schlaff hinunter. Er hatte sich ersch?pft auf die Bank niedergelassen, wie einer, der einen weiten Weg hinter sich hat und froh ist, da? er ein paar Minuten lang ausruhen kann.

Erst nach einer Weile schien er zu bemerken, da? seine Nachbarin ein ausnehmend hübsches M?dchen war. Er setzte sich zurecht und schaute ihr aufmerksam ins Gesicht. Er schien zufrieden.

Dann fiel sein Auge auf das Buch, das sie in der Hand hielt.

Dem Fr?ulein entging der Eindruck, den sie auf ihren Nachbar machte, nicht. Verstohlen hatte auch sie ihn gemustert, ohne dabei von ihrem Buche aufzublicken. Er mi?fiel ihr nicht. Freilich, elegant konnte man ihn beim besten Willen nicht nennen, und die gut angezogenen jungen Leute waren ihr eigentlich lieber. Aber dieser junge Mann schien ihr von andrer Art zu sein, als die Leute, mit denen sie sonst verkehrte. Vielleicht geh?rte er zur Boheme – dachte sie. – So sieht er aus. Er hat lebhafte Augen und macht den Eindruck eines energischen und klugen Menschen. Wenn man es recht überlegte, so konnte man sich diesen schweren und ungefügen K?rper gar nicht in einen feinen, gutgemachten Anzug hineindenken. Er kleidete sich eben, wie es seiner Natur entsprach – stellte das Fr?ulein fest. Freilich, die Hosen, die über und über mit Kot bespritzt waren, h?tte er sich wohl abbürsten k?nnen, bevor er sich neben sie setzte. Aber trotzdem! Das Fr?ulein fand, da? irgend etwas an dem jungen Menschen sie anzog. Sie beschlo?, sich seinen Ann?herungsversuchen gegenüber, die ja nicht ausbleiben würden, das wu?te sie genau, entgegenkommend zu verhalten.

Stanislaus Demba begann das Gespr?ch in nicht gerade origineller Weise, indem er das Fr?ulein nach dem Gegenstand ihrer Lektüre fragte. ?Das ist ein Ibsen, nicht wahr??

Das Fr?ulein war sehr geübt darin, zusammenzufahren, wenn sie angesprochen wurde und dem Fragenden ein erschrockenes, verwirrtes und ein wenig indigniertes Gesicht zuzukehren.

Stanislaus Demba wurde sofort verlegen. ?Hab' ich Sie gest?rt?? fragte er. ?Ich wollte Sie nicht st?ren.?

?Ach nein,? sagte das Fr?ulein, senkte die Augen und tat, als ob sie weiterlese.

?Ich wollte nur fragen, ob das Buch da nicht ein Ibsenstück ist.?

?Ja. Die Hedda Gabler.?

Stanislaus Demba nickte mit dem Kopf und wu?te weiter nichts zu sagen.

Pause. Das Fr?ulein blickte in ihr Buch, ohne jedoch zu lesen. Sie wartete. Aber Stanislaus Demba schwieg.

Ein bi?chen schwerf?llig ist er – dachte das Fr?ulein. Sie kam ihm zu Hilfe. ?Sie kennen das Stück?? fragte sie. Jetzt lie? sie das Buch sinken zum Zeichen, da? ihr nicht sonderlich viel am Weiterlesen gelegen sei.

?Ja. Natürlich kenne ich's,? sagte Demba. – Weiter nichts.

Dem Fr?ulein blieb nichts anderes übrig, als umzubl?ttern und die Lektüre fortzusetzen. War er so ungeschickt? Wu?te er nichts weiter zu sagen? Oder bedauerte er am Ende, sie angesprochen zu haben? Mi?fielen ihm etwa die beiden kleinen Pockennarben auf ihrer linken Wange? Kaum. Alle Leute fanden gerade diesen kleinen Sch?nheitsfehler reizend und apart. Nein. Es war nur Unbeholfenheit. Und das Fr?ulein entschlo? sich, ihm eine letzte Chance zu geben. Sie lie? ihren Regenschirm fallen.

Jeder junge Mann, auch der dümmste und ungeschickteste, wird in einem solchen Fall blitzschnell nach dem Schirm greifen und ihn der Dame mit einer eleganten Verbeugung und ein paar liebenswürdigen Redensarten überreichen. Und die Dame bedankt sich vielmals, und ehe man's merkt, ist das Gespr?ch im Gange.

Aber diesmal geschah etwas Unerh?rtes. Etwas, was sich in der Geschichte aller Parkanlagen der Welt niemals vorher ereignet hatte: Stanislaus Demba lie? den Schirm liegen. Er sprang nicht auf, er haschte nicht nach ihm. Nein. Er rührte sich nicht und lie? es zu, da? sich das Fr?ulein selbst nach dem Schirm bückte.

Aber das Fr?ulein war seltsamerweise nicht beleidigt. Nein. Gerade das imponierte ihr an Stanislaus Demba, da? er so anders als die anderen vorging. Er verschm?hte die abgebrauchten Mittel, mit denen Dutzendmenschen auf Frauen Eindruck zu machen suchen. Er wollte nicht galant erscheinen, er verachtete die hohle Geste billiger Ritterlichkeit. Des Fr?uleins Interesse an Demba wuchs. Und vielleicht h?tte jetzt sogar sie ihn angesprochen – Frau Buresch h?kelte und sah nicht hin –, wenn nicht Demba selbst mit einem Male zu reden begonnen h?tte.

?Wenn ich Ihr Vater w?re, Fr?ulein,? sagte er, ?würde ich Ihnen verbieten, Ibsen zu lesen.?

?Wirklich? Aber warum denn? Pa?t er denn nicht für junge M?dchen??

?Weder für Erwachsene noch für junge M?dchen,? erkl?rte Demba. ?Er gibt Ihnen ein falsches Welt

bild. Er ist die Marlitt des Nordens.?

?Aber das müssen Sie doch wohl begründen.? Das Fr?ulein kannte die Art der jungen Leute, denen es nicht darauf ankam, ein paar Gr??en zu stürzen, wenn sie durch kühne, literarische Behauptungen Interesse für sich erwecken konnten.

?Es würde Sie langweilen. Mich langweilt es auch,? sagte Demba. ?Ich mü?te Ihnen vor allem erkl?ren, wie wenig und wie Gew?hnliches hinter seinen Symbolen verborgen liegt. Wie alle seine Menschen sich am leeren Klang ihrer Worte berauschen. – Aber lassen wir das, mich langweilen literarische Gespr?che. Nur etwas noch: Haben Sie es noch nicht bemerkt? Seine Menschen sind alle geschlechtlos.?

?So? Geschlechtlos?? – Das Fr?ulein hatte nicht viel von Ibsen gelesen. Mein Gott, man kommt so selten zu einer ruhigen Stunde und zu einem guten Buch. Au?er ?Hedda Gabler? kannte sie nur noch ?Gespenster?. Aber sie verstand es, hauszuhalten mit ihrem Wissen und den Eindruck gro?er Belesenheit und einer lückenlosen Kenntnis der neueren Literatur hervorzurufen.

?Und der Oswald?? fragte sie. ?Finden Sie den etwa auch geschlechtlos??

?Oswald? Ein verkappter Kandidat der Theologie. Glauben Sie ihm doch den Ku? im Nebenzimmer nicht!? – Stanislaus Demba raffte sich zu einem Witz auf. ?Das ist ein Schwindel: Ein Theaterarbeiter ist es, der im Nebenzimmer die Regina kü?t, ein Kulissenschieber, der Inspizient vielleicht, aber nicht der Oswald.?

Das Fr?ulein lachte.

?übrigens,? fuhr Demba fort und rückte n?her an das Fr?ulein heran, ?ist der Ku? ein Betrug an der Natur. Ein Ausweg, von Frauen ersonnen, um den Mann um sein Recht zu prellen.?

?Sie sind aber unbescheiden. Sie gehen wohl gleich aufs Ganze, nicht?? meinte das Fr?ulein.

?Küssen, Streicheln, K?rper an K?rper schmiegen,? predigte Stanislaus Demba, ?sind nur dazu da, um uns abzulenken von dem einen, das wir der Natur schulden.?

Das Fr?ulein überlegte, ob es nicht besser sei, aufzustehen und die Unterhaltung zu beenden, die ein wenig schwül zu werden drohte. Aber ihr Nachbar sprach ja vorerst ganz akademisch, reine Theorie alles, und der Gegenstand des Gespr?chs behagte ihr im Grund genommen. Sie schielte nach Frau Buresch: die sa? und h?kelte und hatte sicher kein Wort verstanden, und die Kinder spielten in beruhigender Entfernung.

Aber Demba gab jetzt selbst dem Gespr?ch eine andere Wendung.

?Ich habe Hunger,? sagte er.

?Wirklich??

?Ja. Denken Sie. Seit gestern mittag habe ich nichts gegessen.?

?So rufen Sie doch dort das Brezelweib und kaufen Sie sich ein Stück Kuchen.?

?Das sagt sich sehr leicht, aber es ist nicht so einfach,? sagte Demba nachdenklich. ?Wieviel Uhr ist es eigentlich??

?Halb zehn vorüber ist es auf meiner Uhr. Gleich dreiviertel,? sagte das Fr?ulein.

?Herrgott, da mu? ich ja gehen!? Demba sprang auf.

?Wirklich? Das ist schade. Es ist so langweilig, hier allein zu sitzen.?

?Ich habe mich verplaudert,? sagte Demba. ?Ich habe viel zu tun. Ich h?tte mich eigentlich gar nicht setzen dürfen. Aber ich war todmüde und die Fü?e schmerzten mich. Und au?erdem? – Demba schwang sich zur h?chsten Liebenswürdigkeit auf, deren er f?hig war –, ?ich konnte ja gar nicht an Ihnen vorbeigehen. Ich mu?te Sie kennen lernen.?

?Es ist eigentlich schade, da? wir nicht weiterplaudern k?nnen.? Das Fr?ulein wippte leicht mit der Fu?spitze und lie? einen zarten Kn?chel und den Ansatz eines schlanken, sch?ngeformten Beines sehen.

Stanislaus Demba starrte wehrlos auf ihren Fu? und blieb sitzen.

?Ich m?chte Sie gerne wiedersehen,? sagte er.

?Ich gehe h?ufig um diese Zeit mit den Kindern spazieren. Freilich, in diesem Park bin ich nicht immer.?

?Und wo sind Sie gew?hnlich??

?Das ist verschieden. Es h?ngt von meiner Gn?digen ab. Ich bin Erzieherin.?

?Dann werde ich wieder mal hierher schauen.?

?Wenn Sie es dem Zufall überlassen wollen – aber Sie k?nnen mir ja schreiben,? sagte das Fr?ulein.

?Gut. Dann werde ich Ihnen schreiben.?

?Also notieren Sie sich meine Adresse: Alice Leitner, bei Herrn kaiserlichen Rat Adalbert Füchsel, neunter Bezirk, Maria-Theresien Stra?e 18. – Warum notieren Sie es nicht??

?Das merke ich mir auch so.?

?Das ist unm?glich. So eine lange Adresse kann man sich nicht merken. Wiederholen Sie sie doch einmal.?

Stanislaus Demba wu?te nur noch Alice und kaiserlicher Rat Füchsel. Alles andere hatte er vergessen.

?Also schreiben Sie sich's auf!? befahl das Fr?ulein.

?Ich habe weder Bleistift noch Papier,? sagte Demba und verzog ?rgerlich das Gesicht.

Das Fr?ulein holte einen Bleistift aus ihrer Handtasche und ri? ein Blatt Papier aus ihrem Notizbuch. ?So. Notieren Sie sich's.?

?Ich kann nicht,? versicherte Stanislaus Demba.

?Sie k?nnen nicht?? fragte das Fr?ulein erstaunt.

?Nein. Ich bin leider Analphabet. Ich kann nicht schreiben.?

?Machen Sie doch keine Scherze!?

?Das ist kein Scherz. Es ist eine bekannte statistische Tatsache, da? 0,001‰ der Wiener Bev?lkerung aus Analphabeten besteht. Dieses eine Null Ganze, Null, Null eins pro Mille bin ich.?

?Das soll ich Ihnen glauben??

?Gewi?, Fr?ulein! Sie haben heute die Ehre –?

Stanislaus Demba verstummte. Ein Windsto? hatte ihm den Hut vom Kopf gerissen und über den Kiesweg auf den Rasen getrieben. Stanislaus Demba sprang auf und machte einige Schritte hinter dem Hut her. Pl?tzlich blieb er stehen, kehrte sich langsam um und ging auf seinen Platz zurück.

?Dort liegt er,? murmelte er, ?und ich kann ihn nicht holen.?

?Sind Sie komisch,? lachte das Fr?ulein. ?Haben Sie vielleicht Angst vor dem Parkw?chter??

?Wenn Sie mir nicht helfen, bleibt er dort liegen.?

?Ja, aber warum denn??

Stanislaus Demba holte tief Atem.

?Weil ich ein Krüppel bin,? sagte er mit tonloser Stimme. ?Es mu? heraus. Ich habe keine Arme.?

Das Fr?ulein sah ihn entsetzt an und brachte kein Wort aus der Kehle.

?Ja,? sagte Stanislaus Demba. ?Ich habe beide Arme verloren.?

Das Fr?ulein ging wortlos in den Rasen und holte den Hut.

?Bitte, setzen Sie mir ihn auf. – Ich bin leider auf fremde Hilfe angewiesen. – So, danke.?

?Ich war Ingenieur,? sagte Demba und lie? sich wieder auf die Bank nieder. ?Demba, Ingenieur in den Heurekawerken. Ich war so ungezogen, mich nicht gleich vorzustellen. Kennen Sie die Heurekawerke? Nein! Broterzeugung. Hasenmeyers beliebtes Kornbrot. Haben Sie nie davon geh?rt??

?Nein,? flüsterte das Fr?ulein und schlo? die Augen. Jetzt verstand sie manches an ihres Nachbars Benehmen. Sie begriff, warum er ihr vorhin den Schirm nicht aufgehoben hatte, der Arme. Und warum er sich geweigert hatte, ihre Adresse aufzuschreiben.

?In der Dampfmühle ist es mir geschehen. Ich geriet mit beiden Armen in die Mahlmaschine. An einem – nein, es war gar nicht einmal an einem Freitag. An einem ganz gew?hnlichen Donnerstag war's; am zw?lften Oktober.?

Mit einem Male bekam das Fr?ulein eine rasende Angst, da? er auf den Einfall kommen k?nnte, ihr seine verstümmelten Arme zu zeigen. Zwei kurze, blutunterlaufene Stümpfe – Nein! Sie konnte nicht daran denken. Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken.

?Ich mu? leider jetzt gehen,? sagte sie leise und schuldbewu?t. ?Willi! Gretl! Es ist Zeit, da? wir nach Hause gehen.?

Sie warf einen scheuen Blick auf ihren Nachbar. Wie schauerlich die leeren ?rmel herunterhingen. Und sein abgetragener Anzug. Dieser alte Mantel aus billigem Stoff! Alles, was ihr vorher als stolz zur Schau getragene Originalit?t, als die gewollte Uneleganz des Bohemiens erschienen war, erkannte sie jetzt als das, was es wirklich war: Als mühsam verborgenes Elend.

Und hatte er nicht selbst gestanden, da? er Hunger litt?

?Sind Sie noch in der Fabrik?? fragte sie.

?Wo? In der Fabrik? – Ach so. In den Heurekawerken. – Nein. Wer kann denn einen Krüppel brauchen,? sagte Demba.

Ja. Es war so, wie sie vermutet hatte. Es ging ihm schlecht. – Viel Geld hatte das Fr?ulein nicht bei sich. Eine Krone fand sich in ihrem Handt?schchen und ein Zehnhellerstück. Die legte sie heimlich neben Stanislaus Demba auf die Bank.

Dann stand sie auf. – Einen Augenblick lang zuckte es in ihr, dem unglücklichen Menschen die Hand zu reichen. Rechtzeitig kam ihr die ganze Absurdit?t dieses Vorhabens zum Bewu?tsein.

Sie nickte Stanislaus Demba zu und verabschiedete sich von Frau Buresch. Dann nahm sie das kleinere der Kinder an der Hand und ging.

Als sie beim Parkausgang stand, fiel ihr ein, da? der arme Mensch das Geld ja gar nicht zu sich nehmen konnte. Aber sie dachte sich, da? ihm irgend jemand schon helfen werde. Vielleicht ein Vorübergehender; oder Frau Buresch.

* * *

Frau Buresch, der kein Wort des Gespr?ches entgangen war, obwohl sie sich den Anschein gegeben hatte, als sei sie nur mit ihrer H?kelarbeit besch?ftigt, war Zeugin, wie Stanislaus Demba das Geld entdeckte. Sie beobachtete, wie sein Gesicht sich in eine Grimasse der Bestürzung, des Ekels und der Entt?uschung entstellte, und sie sah mit Staunen, wie aus seinem Mantel zwei Fingerspitzen hervorkamen, die das Geld mit wütender Geb?rde auf den Boden warfen.

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